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„Schimmi“ ist wieder da!

Im November dreimal im Ersten: Neue Serie mit Götz George in seiner Kultrolle als „Horst Schimanski“

Keine Frage: Der Mann ist ein Phänomen. Scheinbar ohne Blessuren davonzutragen rutscht er über Autodächer, rollt über Kühlerhauben ab, läßt sich Lampen und Fäuste um die Ohren hauen, nicht ohne mindestens dreimal laut „Schei...“ zu fluchen, rennt, hechtet, fällt – und steht immer wieder auf. Und das alles im Alter von knapp sechzig Jahren.

„Schimmi“ ist wieder da. Der Vitale, der Ungehobelte, der Provozierende, der Eigensinnige. Das Rauhbein mit dem Bärencharme, der Kämpfer für Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der gerne Unregelmäßigkeiten in Kauf nimmt. Die Kultfigur fiktiver wie realer Kumpels aus dem Ruhrpott der 80er Jahre, der anarchische Kommissar mit der beigen Schmuddeljacke und dem Knopfleisten-Feinripp-T-Shirt. „Schimmi“ ist wieder da. So wie ihn der Zuschauer aus 29 Folgen des WDR-„Tatorts“ in Erinnerung hat.

Oder etwa nicht?

Nicht ganz. Auch ein Schimanski hat sich in den letzten sechs Jahren verändert, seit er sich am Flugdrachen schwebend im letzten „Tatort“ (1991) vom Bildschirm und von der Nation verabschiedete. „Ein bißchen älter“ sei er geworden, sagt Götz George über seine Lieblingsfigur, „ein bißchen ruhiger und bedächtiger, vielleicht auch abgeklärter“. Insgesamt sei Schimanski sich aber treu geblieben: „ein 86er Bulle, der zwischen Baum und Borke steht, übermütig, burschikos, ein wenig bekloppt, einer, der nie zu Potte kommt und nach wie vor seine Pommesbuden liebt“.

Und die Frauen?

Daß Schimanski ein Macho sei, werde wohl in die Figur hineininterpretiert, wehrt George ab. Schimanski sei doch „eher ein Typ, den die Frauen bemuttern wollen, weil er halt allein ist und ein bißchen unbeholfen, ein großer Bruder mit Herz“. So hatte ihn Alice Schwarzer einmal beschrieben. Das gefiel George. Und in diesem Punkt hat sich, sagt George, Schimanski auch heute nicht geändert.

Dafür in anderen: Er, der als unkonventioneller Kommissar von 1981 bis 1991 Geschichte schrieb (am 3. November wird sein letzter „Tatort“, „Der Fall Schimanski“, um 23:00 Uhr im Ersten wiederholt), reagiere heute nicht mehr ganz so impulsiv, wenn es um die Lösung schwieriger Fälle geht (die er allerdings nicht minder actionreich bewältigt), befanden jedenfalls Kritiker bei den Vorabpremieren der neuen „Schimanski“-Reihe.

Und überdies sei er selbstironischer geworden. „Heute kann George den ,Schimanski’ wieder spielen, weil er sich und den anderen nichts mehr beweisen muß“, sagt Georg Feil, Geschäftsführer der Colonia Media, die im Auftrag des WDR die neuen „Schimanskis“ produziert. Außerdem glaube der „neue“ Schimanski inzwischen nicht mehr, die ganze Welt verändern zu können – höchstens einzelne Personen, so Regisseur Hajo Gies.

„Schimanski – Die Schwadron“, „Schimanski – Blutsbrüder“ und „Schimanski – Hart am Limit“ heißen die ersten drei Folgen, die in diesem Monat im Ersten ausgestrahlt werden (siehe unten). „Die TV-Perle aus dem Pott“ („Der Spiegel“), „das erste ,wilde Herz’ der ARD“ (WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte, einer der Väter der Schimanski-Figur) kehrt nicht als „Tatort“-Kommissar auf den Bildschirm zurück, sondern mit einer eigenen Serie. Darin handelt Schimanski im Auftrag von Staatsanwältin Bonner, für die er in der Umgebung von Duisburg, Düsseldorf und Köln und im Ausland ganz besondere Fälle löst.

In „Die Schwadron“ holt den Zuschauer die Realität ein. Befangen steht Schimanski vor dem Grab seines Kollegen Thanner, den der inzwischen gestorbene Eberhard Feik gespielt hatte. Im Film wird erzählt, Thanner sei einem Komplott zum Opfer gefallen. Lange habe man im Team darüber diskutiert, ob und wie man diesen Verlust filmisch umsetzen könnte, berichtet der zuständige WDR-Redakteur Alexander Wesemann. Das Team habe sich auf die Darstellung am Grab geeinigt.

„Sein Tod hat mich schon sehr mitgenommen“, sagt George, „und jetzt, beim Drehen, wird mir bewußt, welch große Wirkung der Eberhard und der Thanner auf mich hatten. Schimanski war der Schlichte, Thanner der Studierte. Eine reizvolle Kombination.“ Regisseur Hajo Gies sieht darin eine Herausforderung für den Protagonisten: „Thanner stellte die Figur Schimanski in Frage. Nun muß sich Schimanski selber in Frage stellen.“ Ein Partner steht ihm dennoch in einigen Folgen zur Seite: Tobias Schrader (Steffen Wink), ein akkurater Typ in feinem Zwirn mit einer (un-)heimlichen Liebe zum Computer, die einen bodenständigen Instinktmenschen wie Schimanski natürlich völlig irritiert.

Und wie geht es weiter? Die vierte Folge, „Schimanski – Muttertag“ , wird im Herbst 1998 ausgestrahlt. „An der Figur Schimanski hänge ich. Auch aus Nostalgie. Sie hat mir und dem WDR viel Glück gebracht“, sagt George.

„Schimanski“, „Schtonk“, „Rossini“, „Der Totmacher“ – der Schauspieler Götz George zeigte in den letzten Jahren viele Gesichter. Und eine bemerkenswerte Energie. „Immer auf dem Sprung“ hat Ilona Kalmbach daher ihr Porträt über Götz George genannt. Es wird am 5. November, 21:45 – 22:30 Uhr, im Ersten gezeigt (Redaktion Christhart Burgmann). Überdies erscheint in diesen Wochen ein Buch über „Schimanski“. Untertitel: „Die Tatorte mit Götz George“ (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 49,80 DM).

Schimanski wird uns übrigens wie früher in jeder Folge in seiner beigen Schlabberjacke begegnen. Er hat sie also aufbewahrt. Wir hatten es gehofft. Gleich zu Beginn gestattet er dem Zuschauer einen Blick in seinen Kleiderschrank. Und da hängen mehrere, in mehr oder weniger gutem Zustand. Er entscheidet sich für die dritte. „Schimmi“ ist wieder da. Gitta Deutz-Záboji

© 1997 WDR Köln
30.10.97 15:06