|
Keine Frage: Der Mann ist ein Phänomen. Scheinbar ohne
Blessuren davonzutragen rutscht er über Autodächer, rollt über
Kühlerhauben ab, läßt sich Lampen und Fäuste um die Ohren
hauen, nicht ohne mindestens dreimal laut Schei... zu
fluchen, rennt, hechtet, fällt und steht immer wieder
auf. Und das alles im Alter von knapp sechzig Jahren.
Schimmi ist wieder da. Der Vitale, der
Ungehobelte, der Provozierende, der Eigensinnige. Das Rauhbein
mit dem Bärencharme, der Kämpfer für Menschlichkeit und
Gerechtigkeit, der gerne Unregelmäßigkeiten in Kauf nimmt. Die
Kultfigur fiktiver wie realer Kumpels aus dem Ruhrpott der 80er
Jahre, der anarchische Kommissar mit der beigen Schmuddeljacke
und dem Knopfleisten-Feinripp-T-Shirt. Schimmi ist
wieder da. So wie ihn der Zuschauer aus 29 Folgen des
WDR-Tatorts in Erinnerung hat.
Oder etwa nicht?
Nicht ganz. Auch ein Schimanski hat sich in den letzten sechs
Jahren verändert, seit er sich am Flugdrachen schwebend im
letzten Tatort (1991) vom Bildschirm und von der
Nation verabschiedete. Ein bißchen älter sei er
geworden, sagt Götz George über seine Lieblingsfigur, ein
bißchen ruhiger und bedächtiger, vielleicht auch
abgeklärter. Insgesamt sei Schimanski sich aber treu
geblieben: ein 86er Bulle, der zwischen Baum und Borke
steht, übermütig, burschikos, ein wenig bekloppt, einer, der
nie zu Potte kommt und nach wie vor seine Pommesbuden
liebt.
Und die Frauen?
Daß Schimanski ein Macho sei, werde wohl in die Figur
hineininterpretiert, wehrt George ab. Schimanski sei doch
eher ein Typ, den die Frauen bemuttern wollen, weil er halt
allein ist und ein bißchen unbeholfen, ein großer Bruder mit
Herz. So hatte ihn Alice Schwarzer einmal beschrieben. Das
gefiel George. Und in diesem Punkt hat sich, sagt George,
Schimanski auch heute nicht geändert.
Dafür in anderen: Er, der als unkonventioneller Kommissar von
1981 bis 1991 Geschichte schrieb (am 3. November wird sein
letzter Tatort, Der Fall Schimanski, um
23:00 Uhr im Ersten wiederholt), reagiere heute nicht mehr ganz
so impulsiv, wenn es um die Lösung schwieriger Fälle geht (die
er allerdings nicht minder actionreich bewältigt), befanden
jedenfalls Kritiker bei den Vorabpremieren der neuen
Schimanski-Reihe.
Und überdies sei er selbstironischer geworden. Heute
kann George den ,Schimanski wieder spielen, weil er sich
und den anderen nichts mehr beweisen muß, sagt Georg Feil,
Geschäftsführer der Colonia Media, die im Auftrag des WDR die
neuen Schimanskis produziert. Außerdem glaube der
neue Schimanski inzwischen nicht mehr, die ganze Welt
verändern zu können höchstens einzelne Personen, so
Regisseur Hajo Gies.
Schimanski Die Schwadron, Schimanski
Blutsbrüder und Schimanski Hart am
Limit heißen die ersten drei Folgen, die in diesem Monat
im Ersten ausgestrahlt werden (siehe unten). Die TV-Perle
aus dem Pott (Der Spiegel), das erste
,wilde Herz der ARD (WDR-Fernsehspielchef Gunther
Witte, einer der Väter der Schimanski-Figur) kehrt nicht als
Tatort-Kommissar auf den Bildschirm zurück, sondern
mit einer eigenen Serie. Darin handelt Schimanski im Auftrag von
Staatsanwältin Bonner, für die er in der Umgebung von Duisburg,
Düsseldorf und Köln und im Ausland ganz besondere Fälle löst.
In Die Schwadron holt den Zuschauer die Realität
ein. Befangen steht Schimanski vor dem Grab seines Kollegen
Thanner, den der inzwischen gestorbene Eberhard Feik gespielt
hatte. Im Film wird erzählt, Thanner sei einem Komplott zum
Opfer gefallen. Lange habe man im Team darüber diskutiert, ob
und wie man diesen Verlust filmisch umsetzen könnte, berichtet
der zuständige WDR-Redakteur Alexander Wesemann. Das Team habe
sich auf die Darstellung am Grab geeinigt.
Sein Tod hat mich schon sehr mitgenommen, sagt
George, und jetzt, beim Drehen, wird mir bewußt, welch
große Wirkung der Eberhard und der Thanner auf mich hatten.
Schimanski war der Schlichte, Thanner der Studierte. Eine
reizvolle Kombination. Regisseur Hajo Gies sieht darin eine
Herausforderung für den Protagonisten: Thanner stellte die
Figur Schimanski in Frage. Nun muß sich Schimanski selber in
Frage stellen. Ein Partner steht ihm dennoch in einigen
Folgen zur Seite: Tobias Schrader (Steffen Wink), ein akkurater
Typ in feinem Zwirn mit einer (un-)heimlichen Liebe zum Computer,
die einen bodenständigen Instinktmenschen wie Schimanski
natürlich völlig irritiert.
Und wie geht es weiter? Die vierte Folge, Schimanski
Muttertag , wird im Herbst 1998 ausgestrahlt.
An der Figur Schimanski hänge ich. Auch aus Nostalgie. Sie
hat mir und dem WDR viel Glück gebracht, sagt George.
Schimanski, Schtonk,
Rossini, Der Totmacher der
Schauspieler Götz George zeigte in den letzten Jahren viele
Gesichter. Und eine bemerkenswerte Energie. Immer auf dem
Sprung hat Ilona Kalmbach daher ihr Porträt über Götz
George genannt. Es wird am 5. November, 21:45 22:30 Uhr,
im Ersten gezeigt (Redaktion Christhart Burgmann). Überdies
erscheint in diesen Wochen ein Buch über Schimanski.
Untertitel: Die Tatorte mit Götz George (Verlag
Schwarzkopf & Schwarzkopf, 49,80 DM).
Schimanski wird uns übrigens wie früher in jeder Folge in
seiner beigen Schlabberjacke begegnen. Er hat sie also
aufbewahrt. Wir hatten es gehofft. Gleich zu Beginn gestattet er
dem Zuschauer einen Blick in seinen Kleiderschrank. Und da
hängen mehrere, in mehr oder weniger gutem Zustand. Er
entscheidet sich für die dritte. Schimmi ist wieder
da. Gitta Deutz-Záboji
|