AURORA SUTRA


AURORA SUTRA 1


"Mother, kiss me
take me in
I´m in you
You´re in me
Thy child I will always be"

aus: Goddes Shape-Shifting (Lullaby for the Mother)

AURORA SUTRA begann - damals noch unter dem Namen AURORA - als Projekt bestehend aus Patricia Nigiani und Peter Pitchfork. Nach zwei rein elektronischen Alben ("In The Land Of Harm And Appletrees", 1993 und "The Dimension Gate", 1994), die stellenweise recht interessant, aber nicht gerade wegweisend waren, geschah das einzig Richtige: Pit machte einen Abgang und ließ seine tollen Ideen ausschließlich in sein pitchforkiges Projekt einfließen, um die teuren Schafsfelljacken seines treuen Partners finanzieren zu können. Patricia hingegen entschloß sich, der Elektronik erst einmal den Rücken zu kehren und ausschließlich auf akustische Instrumente zurückzugreifen. Erstes Ergebnis dieser Kehrtwende war das Album "Passing Over In Silence Towards Nuit" (1996), welches Patricia zusammen mit Tippy Agogo, Anja Schmittler, Eric Burton und Ian Christ (beide Catastrophe Ballet) einspielte. Wie die euphorischen Reaktionen seitens der Presse und der Fans zeigten, befand man sich auf dem richtigen Weg.
Daher ist es nicht weiter verwunderlich, daß Patricia diesen weiterverfolgte und mit Lacasa del Cid (Gitarre, Bass, Tablas, Djembles, Sitar, Tin-whistles, etc.) und Friedrich Paravicini (u.a. Cello) das aktuelle Album "I And I Shall Descend" im Hamburger Barner Beach Studio von Hauke Harms und Axel Ermes (Girls Under Glass, Cassandra Complex, Trauma usw.) aufnahm. "I And I Shall Descend" ist Musik, die langsam unter die Haut dringt und wirklich verzaubern kann, wie ich sowohl an mir als auch an zahlreichen Testpersonen mit unterschiedlichstem Musikgeschmack feststellen konnte...

Anmerkung: Das nachfolgende Interview ist zwar wieder einmal ellenlang, trägt aber unge-kürzt wohl am besten dazu bei, Patricia Nigiani etwas näher kennenzulernen. Daher ist es ratsam, den Text erst zu markieren, dann abzuspeichern und schließlich (ausgedruckt) vor dem heimischen Kaminfeuer o.ä. zu lesen.

fragment: Hallo, ich möchte dich erst einmal beglückwünschen zum überaus gelungenen neuen Album. Wie du viel-leicht noch weißt, habe ich dir - bezogen auf die ersten beiden Alben - einmal vorgeworfen, du könntest nicht singen, was ich jetzt aber wieder zurücknehmen muß...
Patricia: (lacht) Danke. Ich weiß, daß die ersten beiden Alben nicht so gut gelungen sind, wir haben unglücklich gearbeitet. Und deswegen sind sie auch für meinen Geschmack nicht so gewesen, wie ich sie gerne gehabt hätte. Daher kann ich das schon verstehen...

fraggi: Das neue Album behandelt die "tantrische Verschmelzung der männlichen und weiblichen Energien", wobei jeder Song einen Aspekt dieses Prozesses beschreiben soll. Ist es somit ein Konzeptalbum?
Patricia: Ehm...Hmm...Öhh...Ne....Umm....Ja und nein. Konzeptalbum insofern nein, daß wir uns nicht in einer starren Strukur haben gefangennehmen lassen. Wir haben uns nicht gesagt, es muß so sein und nicht anders und damit keinen Freiraum mehr haben. Aber insofern ja, daß sich ein roter Faden durch das Album zieht, es gibt auf jeden Fall einen übergreifenden Grundgedanken.

fraggi: Und diese einzelnen Aspekte sollen - so steht es im Info - entweder emotional erlebt oder kulturhistorisch erzählt worden sein. Auf welche historischen Quellen hast du denn zurückgegriffen?
Patricia: Unterschiedliche. Unter "historische Quellen" fällt meiner Meinung nach auch Mythologie oder Religion. Z.B. beim ersten Stück, "One in all...", da sind ganz, ganz unterschiedliche genannt. Und z.B. ist die verarbeitete Thematik bei "Consecrated Lover" die Geschichte der Inanna, ihres Hinabstieges in die Unterwelt, um ihren Geliebten Damushi wiederzuerwecken. Das ist eine ganz alte Sage. Bei "Snakedance" geht es thematisch um die indische Shak-ti. Im Indischen ist die Shakti das Weibliche im Grunde, das weibliche Göttliche. Sie ist die aktivierende Kraft, wäh-rend das Männliche passiv ist. Ohne die Shakti würde sozusagen überhaupt nichts passieren, durch sie tritt das männ-liche Göttliche erst in Aktion.
All das waren nur drei Beispiele.

fraggi: Teilweise hast du also auf Sagen zurückgegriffen und teilweise auf Personen bzw. Gottheiten, die in verschiedenen Religionen vorkommen usw.
Patricia: Ja, bei "Consecrated Lover" basiert es zum einen auf dem Mythos der Inanna. Zum anderen ist es aber auch meine persönliche Herangehensweise und die von Lacasa, der dort den männlichen Part übernimmt. Er antwortet auf das, was ich singe. Das sind unsere persönlichen Herangehensweisen.

fraggi: Wie fand denn die Umsetzung der Thematik in Musik statt? Habt ihr vielleicht auf klassische, altertümliche oder mit bestimmten Riten verbundene musikalische Elemente zurückgegriffen?
Patricia: Nicht direkt, aber ich kann dir erzählen, wie wir bei den Aufnahmen vorgegangen sind. Wir haben zunächst unsere Auswahl an Instrumenten getroffen für die einzelnen Stücke; Trommeln verschiedenster Art finden sich z.B. in allen Stücken wieder. Dann wurden die gesamten Aufnahmen aller Instrumente oder auch der Gesänge viel unter Trance eingespielt oder eingesungen. Weil wir uns selbst auf die Musik eingependelt haben, haben wir uns fallenlassen und versucht, unsere Energien freizusetzen und haben dann einen tranceähnlichen Zustand erreicht oder herbeigeführt.

fraggi: War es eine ähnliche Herangehensweise wie schon bei SUNGOD?
Patricia: Ähnlich. Es ist nicht so, daß man sich vorher einfach in Trance setzt und dann anfängt, sondern das während des Prozesses des Einsingens oder des Einspielens langsam und stetig erreicht, so daß man dann zu diesem Punkt kommt. Das ist ähnlich wie mit verschiedenen Tanzritualen. Die Leute fangen an zu tanzen und tanzen sich dann langsam in Trance. So in der Art muß man es sich vorstellen.

fraggi: Über SUNGOD hat Marcus Giltjes, der ja selbst daran beteiligt war, gesagt, daß es "ein aufgesetzter Voo-doo-Zauber" sei, "der so nicht funktioniert" (siehe fragment Nr. 1).
Patricia: So sieht er das. Ich sehe das komplett anders. Aber das liegt auch daran, daß sich Marcus überhaupt nicht mit dem spirituellen Background anfreunden konnte. Natürlich hat er sich dafür interessiert, sonst hätte er es wahr-scheinlich nicht mit uns gemacht. Aber er konnte damit einfach nichts anfangen. Im Gegensatz dazu haben Rodney Orpheus und ich schon andere magische Erfahrungen gemacht und hatten dadurch auch keine Probleme, damit umzugehen. Lacasa z.B., der nach den Aufnahmen des Albums bei den Live-Konzerten bei SUNGOD eingestiegen ist, hat überhaupt keine Probleme gehabt, sofort den Zugang dazu zu finden.

fraggi: Das bringt mich sogleich zum nächsten Punkt: Meinst du, daß Leute, die sich rein gar nicht mit Magie und irgendwelchen alten kultischen Sachen beschäftigen, die Musik genießen können?
Patricia: Ja doch, hoffe ich doch. Es ist zwar eine Musik mit Inhalt, aber du kannst ja auch einfach nur die Musik hören. Du kannst auch einfach nur die Musik fühlen, das wäre der nächste Schritt. Und der Schritt darauf wäre dann vielleicht, auch auf die Inhalte einzugehen. Aber es bleibt jedem Menschen selbst überlassen. Ich verlange von nie-mandem, sich mit meinen Inhalten auseinanderzusetzen, wenn er es nicht möchte. Ich bin genauso glücklich, wenn er der Meinung ist, daß die Musik ihm einfach etwas bietet und ihm gefällt. Ich glaube also, daß man auch nur die Musik schön finden kann.

fraggi: Genau so geht es mir. Ich beschäftige mich eigentlich weniger mit Magie und ähnlichem, weil ich keinen Zugang dazu finde oder habe. Aber das ist ja auch egal...
Patricia: Ja, ist es auch. Das ist wirklich meine Meinung. Es ist nicht wichtig. Ich freue mich natürlich, wenn sich die Leute auch für die spirituelle Seite interessieren. Aber es ist nicht notwendig. Jeder Mensch muß selbst herausfinden, was für ihn wichtig ist und was nicht.

fraggi: Wenn man heutzutage ein Interesse an verschiedenen Religionen und altertümlichen Kulten oder an was auch immer hat wie du, dann wird man von anderen Leuten doch auch belächelt, oder?
Patricia: Ja. Aber wenn sie das machen wollen, sollen sie doch, es ist ihre Sache. Doch auch Christen - das Christentum ist natürlich etwas salonfähiger - selbst solche Menschen werden heutzutage vielfach belächelt: "Was, du gehst in die Kirche?" Aber auch diese Menschen haben ihre Berechtigung, denn jeder Mensch muß selbst entscheiden, welchen Glauben er haben will. Es gibt heute leider genug Menschen, die einfach nur an die Religionswissenschaft glauben. Aber wenn sie damit gut leben können, ist das auch in Ordnung.

fraggi: Gehst du denn, wenn du dich mit Religionen beschäftigst, wissenschaftlich damit um, d.h. besorgst du dir bestimmte Literatur dazu oder ist es mehr ein "aus dem Bauch heraus"?
Patricia: Natürlich habe ich auch theoretisches Wissen, aber zum Leben gehe ich lieber intuitiv daran. Viele Leute treten an mich heran und sagen: "Ich habe viel zu wenig Ahnung von all den Sachen, ich habe noch nie etwas darüber gelesen." Aber das halte ich nicht für so wichtig. Es ist natürlich toll, wenn man die theoretischen Hintergründe kennt, aber um es zu leben, muß man es nicht unbedingt. Viele Sachen, die ich praktiziere, passieren auch rein intuitiv.

fraggi: "Goddess Shape-Shifting" ist gerade im Hinblick auf deine stimmliche Ausdruckskraft das wohl packendste Stück, ich war fast zu Tränen gerührt. War das beabsichtigt?
Patricia: Nein, aber ich kann dir sagen, wie ich es eingesungen habe. Ich hatte mich in einem bestimmten Zustand befunden - das meinte ich vorhin auch mit tranceähnlichem Zustand. Es ist für mich eine Art Liebeslied an die große Mutter, die auch in Form meiner Mutter da ist. Ich hatte das Gefühl, zum einen die große Mutter selbst zu sein, die ihr Kind an der Brust wiegt und ein Lied für sie singt. Das war quasi meine Mutter oder die große Mutter, die ich gewogen habe. Und gleichzeitig war ich das kleine Kind, das in Geborgenheit in den Armen dieser großen Göttin lag. Deswegen ist es einfach ein Lied, in dem ich meinen Emotionen freien Lauf ließ, wie eigentlich bei allen Stücken. Aber das ist ganz konkret, in welche Richtung meine Emotionen verliefen. Es ging einfach darum, Geborgenheit zu geben und gleichzeitig zu empfangen. Das ist es, was da zum Ausdruck kommt und was du vielleicht gehört hast.

fraggi: Von dem ausgehend, was du gesagt hast, scheinst du deine Musik auch zu leben. War das eigentlich schon immer so von Anfang an, oder hat es sich gerade in letzter Zeit gesteigert?
Patricia: Gelebt habe ich die Musik schon immer. Der Unterschied ist nur, daß ich das jetzt besser ausdrücken kann.

fraggi: Wo lagen die Probleme, bzw. was hat dir geholfen, dich jetzt besser auszudrücken?
Patricia: Zum Großteil die Menschen, mit denen ich jetzt zusammenarbeite. Zum einen braucht man Leute, die einem auch den eigenen Raum lassen, um sich ausdrücken zu können, wo man nicht eingeengt wird. Das habe ich jetzt auf jeden Fall. Gleichzeitig sind es auch Menschen, die es mit mir teilen und das auch verstehen. Dadurch können wir auch gemeinsam die Basis dafür schaffen.

fraggi: Mit Lacasa hast du anscheinend sowieso einen Glücksgriff gelandet, denn er ist ja ein Multiinstrumentalist, daß es fast schon erschreckend ist...
Patricia: Ja, ne? Der gute Mann kann einen wirklich ständig in Staunen versetzen. Ich glaube, es gibt kein Instrument, was er nicht anzupacken weiß. Er ist einfach begnadet. Vor allen Dingen ist er der Mensch, mit dem ich mich absolut komplett austauschen kann, wir uns sowohl auf künstlerischer als auch auf spiritueller Basis zu treffen wissen und das unheimlich gut teilen können.
Aber auch der Friedrich war ein absoluter Glücksgriff für mich. Ich habe noch nie jemanden gehört, der so emotional und schön Cello spielen kann. Was er da mit seinem Cellospiel zu übertragen weiß, fand ich auch unglaublich. Z.B. kommen beim Cellospiel in "Consecrated Lover" immer Tränen in mir auf, weil er es so sensitiv gespielt hat oder so, ich weiß auch nicht. Aber er hat auch ein ganz spezielles Verhältnis zu seinem Cello, das ist echt Wahnsinn dabei zuzugucken, wie er spielt. Abgesehen davon kann er auch noch andere Instrumente spielen.

fraggi: Das Cello ist meiner Meinung nach das schönste Streichinstrument überhaupt.
Patricia: Finde ich auch. Das läßt bei mir immer mein Herz aufgehen - auf jeden Fall, wenn es so wunderschön gespielt wird.

fraggi: Leider kommt es heute in der Musik nicht so oft vor.
Patricia: Ja, und das verstehe ich überhaupt nicht. Ich verstehe nicht, warum immer so viele Geigen eingesetzt werden, wenn ein Cello auch so reich an Klang ist. Vielleicht weil es so unpraktisch ist. Wenn man auf Konzerte geht, muß man gleich ein größeres Auto mieten, um das Cello mitzunehmen... (lacht)

fraggi: Du hast sowohl rein elektronische Alben als auch (hauptsächlich) akustisch intrumentierte Alben eingespielt...
´ Patricia: Das letzte Album ("Passing Over...") war rein akustisch, das war für mich so eine Art Reinigungsphase. Jetzt kann ich halt auch wieder auf Elektronik zurückgreifen, aber es war für mich notwendig, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Ich wollte einfach natürliche, echte, lebendige Klänge haben. Die mußte ich erst einmal pur haben. Bei diesem Album haben wir auch teilweise elektronische Grundlagen, die jedoch nur die echten Instrumente unterstützen. Man hört auch ganz eindeutig, daß es Elektronik ist, es werden keine echten Instrumente "vorgegaukelt".

fraggi: Ich habe noch eine schöne Frage, die Eric mal gestellt wurde. Und zwar wurde er vom ASTAN Magazin gefragt: "Ein Blick in die Natur zeigt, daß die Familie eine häufig gewählte Institution ist, daß es aber durchaus auch andere Formen gibt (als Beispiel hier vielleicht Frösche). Was denkst du hierüber?"
Patricia: (lacht) Wie?

fraggi: Als Beispiel für eine andere Institution als die der Familie werden Frösche genannt. Es hat mir noch keiner gesagt, was damit wohl gemeint sein könnte. Eric hat es auch nicht gewußt...
Patricia: Vielleicht weil Frösche keine Familie bilden? Das sind, glaube ich, keine Tiere, die Paare auf Lebensdauer haben. Ich weiß auch nicht, ob sie in Gruppen wandern - obwohl, das tun sie oft, oder?

fraggi: Jaja, so eine Horde Frösche...
Patricia: (lacht) Ich bin nicht gerade das Herdentier, ich neige auch nicht zu wechselhaften Partnern. Wichtig sind mir auf jeden Fall meine Freunde und meine Partnerschaft, und meine Familie ist mir natürlich auch sehr wichtig.

fraggi: Das war auf jeden Fall die beste Frage, die ich jemals gelesen habe.
Patricia: Ja, die ist echt gut. Hätten die bloß ein anderes Tierbeispiel genommen, dann hätte man vielleicht besser darauf antworten können. Echt, die wurde Eric gestellt? In welcher Zeitung denn?

fraggi: ASTAN. Hat er bestimmt nicht mehr. Trotzdem sehr lustig, das mußt du dir mal angucken...
Findet sich eigentlich dein ausgeprägtes Interesse an den verschiedenen Religionen auch in einem Interesse an verschiedenen Kulturen wieder?

Patricia: Sicherlich auch in den Kulturen, da sie immer die Ausübung der Religionen sind. Es stellt sich nur die Frage, inwiefern sie pur ausgeübt werden, und inwiefern sie verändert sind von irgendwelchen Institutionen oder gesellschaftlichen Strukturen. Aber die Kulturen sind für mich auf jeden Fall auch sehr interessant. Ich studiere ja nicht nur Philosophie sondern auch Ethnologie, da geht es ganz konkret um ethnische Gruppen heute. Wie sie leben, welche Bräuche sie haben usw.

fraggi: Was ist das faszinierendste Land oder die faszinierendste Kultur, wenn du dich auf ein Land oder eine Kultur beschränken müßtest?
Patricia: (murrend) Hm, auf eine kann ich das nicht beschränken, dafür faszinieren mich zu viele, und dafür sehe ich auch zu viele Parallelen.

fraggi: Ich hätte jetzt Indien als Antwort erwartet.
Patricia: Das ist für mich eine der Kulturen, die einen sehr starken Eindruck auf mich haben. Die indische Kultur gehört auf jeden Fall mit dazu, aber ich könnte nicht sagen, das ist die einzige. Dafür habe ich zum Beispiel auch zuviel von der chinesischen Kultur mitbekommen. Ich kann aber auch sehr viel mit der südländischen Mentalität anfangen. Eigentlich kann ich fast in allen Kulturen etwas tolles und faszinierendes finden. Daher mag ich mich auch nicht auf eine bestimmte beschränken.

fraggi: Ist AURORA SUTRA immer eine Auseinandersetzung mit spirituellen Ideen und Konzepten?
Patricia: Wahrscheinlich schon. Wenn ich jetzt in die Zukunft schaue, denke ich, daß es schon so sein wird. Weil es einfach die Auseinandersetzung mit mir selbst ist und ich mir meine Spiritualität nicht rausschneiden kann, da es ein fester Bestandteil von mir ist. Ich kann mich halt nicht spalten. Daher wird es wohl immer dableiben. Es sei denn, ich falle aus irgendeinem Grunde vom Glauben ab, was ich aber bezweifle. Mein Glauben besteht schon, seit ich bestehe und hat schon alle Sachen überstanden. Deswegen glaube ich nicht, daß er von mir zu trennen ist.

fraggi: AURORA SUTRA ist Patricia Nigiani ... äh, habe ich den Namen jetzt richtig ausgesprochen?
Patricia: Nigiani [sprich: Nidschani]

fraggi: Ach, das hätte ich wissen müssen, denn ich habe in einem alten Interview gelesen, daß - was auch deine engen Freunde ständig durcheinanderbringen - du in Peru geboren bist, deine Mutter Chinesin und dein Vater Italiener ist.
Patricia: Ich bin in Deutschland geboren. Meine Mutter ist Chinesin und in Peru geboren, mein Vater ist Italiener. Ich bin in Deutschland geboren, aber in Arabien aufgewachsen.

fraggi: Ach so... na, dann hast du Recht.
Patricia: (lacht) Das ist aber nicht schlimm, das ist wohl auch zuviel Input.

fraggi: Dann hast du ja was von der Welt gesehen.
Patricia: Kann ich doch von mir behaupten, ich habe schon sehr viele Länder gesehen. Obwohl... Australien! Das möchte ich auch noch sehen. Es ist der einzige Kontinent, den ich noch nie gesehen habe.

fraggi: Ich auch nicht. Da habe ich noch ein paar Kontinente vor mir. Südamerika ist sehr interessant, aber leider kann ich kein spanisch.
Patricia: Dafür kann ich aber spanisch sprechen.

fraggi: Ja, das habe ich schon gehört bei dem Stück "Allegoria Pagana". Warum ist das eigentlich auf spanisch gesungen? Ich verstehe das leider nicht. Mein Mitbewohner kann zwar spanisch, hat es aber noch nicht übersetzt.
Patricia: Das ist auch gar nicht so wichtig. Wenn man sich das Stück anhört, klingt ja alles sehr lustig. Im Grunde ist der Inhalt gar nicht so witzig, es ist eher die Zusammenfassung von allem. Das Album ist konzipiert wie ein großes Ritual, von der Einleitung bis zum Höhepunkt. "Allegoria Pagana" ist so etwas wie das gemütliche Zusammensein am Feuer, wo man gemeinsam speist und trinkt und sich Geschichten erzählt oder sich einfach unterhält. Und das ist, was wir bei "Allegoria Pagana" gemacht haben. Wir haben uns gegenseitig immer einen Ball zugeworfen, und es ist ir-gendwie eine Zusammenfassung des gesamten Albuminhaltes.
Spanisch aus dem Grunde, weil es einfach eine so lebhafte, vor Leben sprühende Sprache ist. Daher paßt es einfach zu dieser Atmosphäre, die wir damit ausdrücken wollten, diese "Heim- und Herdmagie", nur in größerem Rahmen.

fraggi: ...und das kann man, ohne den Text zu verstehen, aufgrund des vor Leben sprühenden Dialoges merken...
Patricia: (lacht) Dann haben wir es auch gut umgesetzt. Es hat aber auch viel mit der Sprache zu tun. Spanisch ist eine unheimlich lebendige Sprache. Da fehlt auch die Hälfte, wenn man die Arme und Hände nicht sehen kann.

fraggi: Das stimmt. Außerdem fangen Spanier auf jeder Party immer an zu singen.
Patricia: (lacht) Das stimmt auch. Erleb´ erst einmal eine Party mit Südamerikanern, dann stirbst du vor Lachen. Ab einem Punkt packt jeder sein Instrument aus und beginnt zu musizieren. Das ist immer sehr spaßig.

fraggi: Nichts gegen die guten alten deutschen Abschädel-Parties... Naja...
Patricia: Das ist einfach ein Unterschied in der Kultur oder im Lebensgefühl.

fraggi: Ich weiß genau, woran es liegt. Hier ist es nicht warm genug, deswegen muß man die ganze Zeit arbeiten und zuhause rumhängen. Daher sind wir deprimiert und müssen trinken.
Patricia: (lacht) Die Spanier, Italiener und Südamerikaner trinken aber auch ganz gut, es ist einfach ein kultureller Unterschied. Aber wenn man hier eine ordentliche Party machen würde, wäre es vielleicht auch anders...

fraggi: Was hälst du eigentlich von dem boomenden Esoterikmarkt? Es wird nun überall seltsamstes Hilfsgerät angeboten...
Patricia: Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll. Diese Tendenz gibt es schon seit langem und es wird immer schlimmer. Es ist unheimlich materiell geworden, es ist unheimlich viel vom spirituellen Hintergrund verlorengegangen, teilweise muß man ihn suchen. Es gibt z.B. Sachen im Angebot, wo ich mich wirklich frage, wo das Geistige darin zu finden ist. Esoterik ist mittlerweile auch ein sehr schwammiger Begriff. Heutzutage wird der Begriff Esoterik für alles haidnische, nicht-christliche benutzt.

fraggi: Mich würde noch das Live-Konzept interessieren. Ihr wollt weg von einer üblichen Live-Show, wenn ich das richtig verstanden habe.
Patricia: Wir sind auf jeden Fall zu sechst oder siebt und haben eine Performance-Gruppe, die die Inhalte visuell umsetzen wird. Außerdem wird es bis auf Hamburg bestuhlt sein, um eine gewisse Atmosphäre zu erschaffen, in der sich die Leute besser auf die Musik einlassen und sich entspannen können - beim Stehen schlafen einem sonst irgendwann die Füße ein.
Für uns ist es auf jeden Fall eine Art Ritual, und das versuchen wir auch den Zuschauern zu vermitteln.

fraggi: Man sieht also, wie ihr euch alle in Trance versetzt?
Patricia: (lacht) Mal sehen. Ich muß auch aufpassen, daß ich nicht zu sehr in Trance gerate. Das ist mir regelmäßig passiert. Bei SUNGOD ist es z.B. passiert, aber das ist noch eine etwas andere Geschichte gewesen, da hat der eine den anderen noch im Auge behalten, falls einmal eingesprungen werden muß. Ich werde also schon versuchen darauf zu achten, nicht zu weit weg zu geraten.

fraggi: ...sonst kommt Eric und schlägt dir einen Stuhl ins Kreuz...
Patricia: (lacht) Ne, zu solch drastischen Maßnahmen wollten wir eigentlich nicht greifen... Wir werden sehen... So etwas kann man auch nicht erzwingen. Lassen wir uns überraschen, was da passiert.

fraggi: Du scheinst aber schon aufgeregt zu sein.
Patricia: Ja, auf jeden Fall. Denn das ist schon wieder noch etwas anderes, da wir noch mit mehr Menschen zusammenarbeiten.

fraggi: Das wird bestimmt besonders schlimm werden für Lacasa del Cid, weil er dann seine Instrumente abgeben muß...
Patricia: Nene, er hat trotzdem das Zepter in der Hand. Das ist sowieso eine der angenehmsten Sachen an Lacasa, er ist kein Egozentriker, der die gesamte Aufmerksamkeit nur auf sich gerichtet haben möchte. Er weiß, was er kann, dadurch ruht er auch in sich selber und hat keinerlei Profilierungsprobleme bzw. einen solchen Profilierungsdrang. Er weiß ganz genau, er kann nicht alles machen, und daher haben wir die anderen Musiker, die mitspielen werden. Und dadurch kommt noch ganz viel frische Energie mit rein. Das weiß er auch zu schätzen. Deswegen sehe ich da keine Probleme.

fraggi: Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt. Gibt es sonst noch etwas, daß du gerne sagen möchtest?
Patricia: Von TRAUMB [Anm. Ableger von TRAUMA] sind von zwei Stücken noch Goa-Remixe gemacht worden, denn Hauke Harms und Axel Ermes (haben das aktuelle Album "I And I..." gemischt) sprudelten über vor Ideen. Und wir dachten, daß es eine interessante Sache wäre, so etwas zu machen. Das kommt dann zum Sommer hin als Maxi raus. Die beiden Stücke sind "Snakedance" und "Allegoria Pagana". Wir fanden das sehr spannend.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute weiterhin.

AJ.



AURORA SUTRA 2


Discographie

1993 In The Land Of Harm And Appletrees
1994 The Dimension Gate
1996 Passing Over In Silence Towards Nuit
1998 I And I Shall Descend (Rezi zum Album)

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