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eine Seite zurück Info3 Juni 2000

David Schweizer

Spiritueller Hintergrund

Der kosmische Christus im Judentum

Gerade an der Frage »Messias oder Christus« wird oft eine Sonderrolle des Judentums festgemacht. In einer detaillierten Auseinandersetzung mit der anthroposophischen Forschung und der jüdischen Spiritualität gelangt David Schweizer jedoch zu überraschenden Konvergenzen, die auch für viele Anthroposophen völlig neue Perspektiven eröffnen dürften.

Das hebräische Wort Messias oder Meschiach bedeutet der Gesalbte. Christus ist das griechische Wort für Messias. Um besser verstehen zu können, was Christus (Messias) im Judentum bedeutet, wollen wir uns kurz vergegenwärtigen, welches Geschehen Rudolf Steiner mit dem Namen Christus verbindet.  1 

Christus in der Anthroposophie

Auf eine kurze Formel gebracht, kann man unter Christus oder Christus-Impuls verstehen die Erneuerung und Kräftigung der menschlichen Wesensglieder durch den weltenschöpferischen Logos, nachdem sie unter dem Einfluss von Luzifer und Ahriman geschwächt worden sind. Dazu ist notwendig, dass sich der Logos als hochheiliges göttliches Wesen dem Menschen annähert. Im Mysterium von Golgatha fand die größtmögliche Annäherung des Logos an die irdische Menschheit statt. Beim Mysterium von Golgatha wirken die Kräfte des Logos zunächst vor allem auf dasjenige übersinnliche Glied des Menschen, das dem physischen Leib zu Grunde liegt (Rudolf Steiner nennt es das »Phantom«), denn aus ihm soll dereinst das höchste Glied des Menschen, der Geistesmensch, entstehen. Damit wurde das menschliche Ich gerettet, weil die Entwicklung des Ichbewusstseins davon abhängt, dass der physische Leib (auch in seiner Geistigkeit) intakt ist. Der Christus-Impuls ist ein Ich-Impuls. Die Kräfte des kosmischen Ichs strömten auf Golgatha in die Erde ein. Von da aus kann sie der Mensch durch ein Leben in Liebe und Spiritualität in sich aufnehmen.   2a  Es gab drei Vorstufen des Mysteriums von Golgatha, die sich in den geistigen Welten abgespielt haben, deren Wirkungen sich aber auf die irdische Menschheit auswirkten. Dabei ging es um die Rettung der drei anderen Wesensglieder des Menschen, des Astralleibes, des Ätherleibes und des physischen Leibes.   2b
Bei allen vier Ereignissen wirkten mehrere geistige Wesen zusammen. Die eine Wesenheit ist die Jesus-Seele, welche die unverdorbene Seelenqualität der ursprünglichen Menschheit (Adam Kadmon) in ihrem Zustand vor ihrer Luziferisierung durch den Sündenfall und vor ihrem Herabstieg aus dem Paradies, besitzt. Von der Gesamtmenschheit Adam Kadmon wurde ein Teil genommen und für die Zukunft aufbewahrt. Dieser Teil liegt in der Jesus-Seele vor, welche in der geistigen Welt den Gang der Menschheit beobachtet und in Liebe Anteil an deren Schicksal nimmt. Sie ist bei allen vier Vorgängen, die der Rettung der menschlichen Wesensglieder dienten, von einem Erzengel durchdrungen worden und hat mit ihm zusammen der Menschheit helfend gedient. Sie hat sich erstmals in dem Jesus von Nazareth auch physisch verkörpert.   3  Dieser Erzengel ist eines der Wesen, das Rudolf Steiner direkt mit dem Namen Christus benennt. Er ist mit zwei anderen Wesen in enger Beziehung zu sehen, die ebenfalls Christus genannt werden. Das eine ist der Logos, das göttliche, schöpferische Weltenwort, das hinter allem Christus-Geschehen steht. Das zweite ist ein hohes Geistwesen, das wie eine Art geistiger Leib, als »Lichtleib«, den Logos als sein Innenwesen enthält. Dieser »Lichtleib« des Logos und der mit ihm vereinigte Logos selbst sind während der Zeit der alten Sonne aus den Weiten des Kosmos als kosmische Wesen zur Sonne heruntergestiegen. Wegen der Verbundenheit mit der Sonne nennt Rudolf Steiner den »Lichtleib« des Logos den »Hohen Sonnengeist Christus«. Der Hohe Sonnengeist wurde von den altindischen Rischis »Vishna Karman«, von Zarathustra »Ahura Mazdao« (Sonnen-Aura), von den Ägyptern »Osiris« und von den Griechen »Helios« genannt. Der erwähnte Christus-Erzengel ist ein Erzengel, der auf der alten Sonne seine Menschheitsstufe durchmachte. Er war der höchstentwickelte Geist auf der alten Sonne und ist heute als Erzengel der führende Geist der Sonne und gleichzeitig auch der Regent unseres ganzen Sonnensystems. Diesen hohen Rang verdankt er dem Umstand, dass er sich schon auf der alten Sonne mit dem Weltenwort, dem Logos, durchdrungen und sich gleichzeitig aber auch mit dem den Logos umschließenden Hohen Sonnengeist verbunden hatte: »... durch die Identifizierung mit dem göttlich-schöpferischen, dem unaussprechlichen Wort, und durch den Ersatz eines jeglichen Stolzes durch die Hingabe an das Weltenwort wurde der Christus aus dem Herrscher eines Planeten, der er war in der alten Sonnenzeit, der Herrscher über die anderen Planeten.«   4  Der Hohe Sonnengeist und der Logos stehen als kosmische Wesen weit über dem Menschen und können sich daher nicht unmittelbar in einem menschlichen Leib verkörpern. Es bedurfte zur Realisierung des Christus-Mysteriums zu Golgatha der Vermittlung eines dem Menschen näher stehenden Wesens, des Christus-Erzengels.   5
Es gibt weitere Wesen, die von Rudolf Steiner mit dem Namen Christus bezeichnet werden, wie das »mystische Lamm«, das Welten-Ich und die Einheit der 7 führenden Elohim, welche in der Bibel JHWH-Elohim genannt wird   6  und ebenfalls Träger des Christus-Impulses ist. Es kann davon ausgegangen werden, dass es noch viele andere spirituelle Gehilfen des Christusgeschehens gibt. Hinter all diesen Wesen steht der göttliche Logos, der sich ihrer bedient, weshalb sie mit dem Namen Christus bezeichnet werden können.   7

Das Göttliche und seine Namen – der jüdische Monotheismus

Das Wesen Gottes wird im Judentum mit verschiedenen Namen benannt (Elohim, JHWH, JHWH-Zebaot, Kawod etc.). Diese Namen haben die Bedeutung von Eigenschaften oder Wirkungsweisen Gottes. Sie bringen zum Ausdruck, wie Gott in der Welt wirkt und wie er mit dem Menschen in Beziehung tritt. Die Namen Gottes bezeichnen also in ihrer ursprünglichen Bedeutung keine von Gott getrennten Wesenheiten (Hypostasen). Mit Elohim, zum Beispiel, wird jene Kraft bezeichnet, die richtend und scheidend ist. Die Elohim-Kraft tritt in verschieden hohen Heiligkeits-Stufen auf, je nach dem, ob sie in einer höheren (verborgeneren) oder weniger tiefen Schicht des Göttlichen wirkt. Mit dieser Kraft schied Gott bei der Schöpfung das Licht von der Finsternis und das Feste vom Flüssigen etc. Sie kann verschiedenen Wesen zukommen und wirkt durch sie. So werden die Götter Ägyptens und anderer Völker, Engel und selbst Menschen (Moses, siehe Mose 2.7,1) mit dem Namen Elohim benannt. Eine andere Bedeutung hat der Name JHWH. Als Moses Gott schauen wollte, antwortete Gott: »Ich will vor dir kundtun den Namen des Herrn: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig ...« und weiter: »JHWH, JHWH, Herr, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da tausendfache Gnade bewahrt und vergibt die Missetat ... aber die Strafe nicht erlässt« (Mose 2. 33,19 und 2. 34,7). Den Namen JHWH, den Gott Moses nennt, bedeutet hier das gnadenvolle Wirken Gottes dem Menschen gegenüber, der aber einen Ausgleich fordert vom Menschen für seine Taten. Das Nichterlassen der Strafe dürfen wir als einen Hinweis auf den Karmagedanken auffassen, welcher der jüdischen Mystik ebenso vertraut ist wie die Idee der Reinkarnation. Ich werde weiter unten zeigen, wie der Namen JHWH mit dem Logos zusammenhängt.
In seinen verborgensten Aspekten kann Gott nicht mehr mit Namen benannt werden. Je weiter man vordringt in die verborgenen göttlichen Dimensionen, umso weniger kann das Göttliche benannt werden, denn die Bedeutungsinhalte sind dem Menschen nicht mehr zugänglich. Zu den letzten Namen vor dem Unbenennbaren gehören die Bezeichnungen En Sof (Ohne Ende) und Ajin (Nichts). Der Gottesname »Nichts« wird in Mose 2.17,7 erwähnt. Dort »versuchten« die Israeliten Gott indem sie Moses fragen, ob JHWH oder »Nichts« mitten unter dem Volke anwesend sei (Die deutsche Übersetzung ist meistens falsch: »Ist Gott unter uns oder nicht.«). Hinter dieser Frage stand die Vorstellung, dass JHWH und »Nichts« zwei verschiedene Götter seien und nicht bloß zwei Namen für ein und denselben Gott. Diese schwerwiegende Verfehlung im Denken des Volkes hatte zur Folge, dass die Amalekiter erschienen und gegen Israel kämpften. Die Amalekiter sind nur der äußeren Erscheinung nach Menschen, aber nicht in ihrem inneren Wesen. Sie verkörpern das von Gott abgespaltene Böse. Mit dem Angriff der Amalekiter erfuhren die Israeliten, welche Konsequenz die Aufspaltung des einen Göttlichen in selbständige Götter nach sich zieht: den Angriff der Gegenmächte.
Dieser strenge Monotheismus hindert das Judentum nicht, die Existenz einer reichen geistigen Welt anzuerkennen, eine Welt voller Wesen ohne materiellen Körper unterschiedlichster Grade und Eigenschaften. Das Judentum hat eine eigene Hierarchien-Lehre,  aus der auch die in der christlichen Esoterik verwendeten Namen Cherubim, Seraphim, Michael, Gabriel, Raphael Uriel, um nur einige zu nennen, stammen. Alles was Gott in der Welt wirkt, tut er durch die Vermittlung von geistigen Wesen, die in der nichtesoterischen jüdischen Literatur meistens einfach als Engel (Malach = Bote) oder, in Anlehnung an Aristoteles, als stofflose Vernunftwesen bezeichnet werden. Es sind solche Vernunftwesen, die den ganzen Kosmos bewegen und das Werden und Vergehen der Natur unter ihrer Herrschaft haben. In dieser Beziehung besitzen sie sogar eine eigene Willensfreiheit, analog dem Menschen, die ihnen von Gott durch Emanation zugekommen ist.   8  Wenn Abraham oder ein anderer Prophet des alten Testamentes sagt, dass Gott dies oder jenes zu ihm gesprochen habe, so ist damit regelmäßig gemeint, dass ihm ein Engel erschienen war.   9  In Mose 2.23,21 wird dem Volk Israel angekündigt, dass Gott einen Engel vor ihm her sende, auf den es hören soll, weil der Name Gottes in ihm sei. Gemeint ist, dass ein bestimmter Wille Gottes sich in ihn hinein erstreckt, so dass der göttliche Wille durch den Engel wirkt. Ein solcher göttlicher Wille, der sich eines geistigen Wesens bedient, wird auch »Wort Gottes« genannt.  10  Mit Wort oder Wille Gottes ist der Logos angesprochen.
Der jüdische Monotheismus ist somit ganz im Sinne des Pauluswortes in Korinther I. 12,6 zu verstehen: »Es gibt verschiedene Kräfte, aber nur einen Gott, der in allen alles bewirkt.«

Die Bedeutung des Namens JHWH und der Logos

Am Anfang war nur Gott und alles was existiert, sei es geistig oder materiell, ist durch einen Prozess der Selbstenfaltung Gottes entstanden. In jenem »Nichts«, über das der Mensch nichts wissen kann, gibt Gott sich selbst den inneren Ruck zur Entwicklung. Die Entfaltung Gottes erfolgt über 10 Stufen, die Sefirot genannt werden. Die 10 Sefirot sind die Schöpfungs-Logoi, die göttlichen Schöpfungsworte.   11  Es sind Namen Gottes, d.h. göttliche Weisheit enthaltende, lebendige Wirkungskräfte. Rudolf Steiner, der die Lehre von den 10 Sefirot als jüdische Geisteswissenschaft bezeichnet,   12  gibt darüber in seinem Vortragszyklus zum Mathäus-Evangelium eine schöne Einführung.   13  Jede Stufe entfaltet sich aus der vorhergehenden und trägt gleichzeitig deren Kräfte in verwandelter Form an die nächsten weiter. Die 10 Sefirot stellen keine Mittelwesen zwischen Gott und der Welt dar, sondern ein in sich kohärentes Göttliches, das in sich selbst Verwandlungen vornimmt, ohne etwas von sich im Sinne einer Hypostasierung auszusondern. Die 10 Sefirot sind Gott, und nicht das aus ihren Kräften heraus Erschaffene, zu dem nicht nur die materielle Welt, sondern auch die geistigen Welten mit ihren Hierarchien gehören. Der Gottesname JHWH ist der Ausdruck dieser ganzen göttlichen Selbstentfaltung. Das J bezeichnet die 1. und 2. Sefira (das »Nichts« und die höchste »Weisheit«), das H bezeichnet die 3. Sefira (die höchste Stufe der Elohim-Kraft), das W steht für die 4. – 9. Sefira und bedeutet die Gottesnamen Elohim, EL und JHWH auf einer tieferen Stufe, so wie sie gewöhnlich in der biblischen Geschichte, vor allem ab dem Auftreten Abrahams, gemeint sind, und das hintere H bedeutet die 10. Sefira.
Die 10. und letzte Sefira wird Malchut (Reich) genannt. Die 10. Sefira bildet den vorläufig letzten Abschluss der göttlichen Selbstentfaltung. In ihr sammelt sich die Fülle aller Kräfte der vorangehenden Logoi. Sie wird deshalb auch mit dem Pleroma oder dem Logos als solchem identifiziert.   14  Von Malchut (Logos) aus vollzieht sich die Schöpfung (einschließlich der geistigen Welten). Von der 1. zur 10. Sefira führt der Weg vom verborgensten Göttlichen stufenweise zum immer mehr erfahrbaren Göttlichen. Die 10. Sefira ist die Grenze, der Übergang Gottes zum Erschaffenen. Sie ist der irdischen Welt und insbesondere dem Mensch »nahe«. Es war die 10. Sefira, die hinter aller Annäherung Gottes an das Volk Israel und Moses stand. Die größtmögliche Nähe zu Gott hat der Mensch mit seinem Ich. Im Logos ist das göttliche Prinzip des ICH oder ICH-BIN enthalten. Die 10. Sefira welche, wie gesagt, den Logos darstellt, wird daher in der jüdischen Mystik auch als das »Gottes-Ich« bezeichnet.   15  Der Zusammenhang zwischen Malchut und dem menschlichen Ich wird auch in dem oben erwähnten Vortrag von Rudolf Steiner ausgeführt.   16
Wir können somit sagen, dass der Gottesname JHWH das Folgende ausdrückt: 1. Das sich entfaltende Göttliche außerhalb der Schöpfung, 2. Das schöpferische Weltenwort (Logos) und 3. Das Nahe-Sein Gottes den aus dem Logos geschaffenen himmlischen und irdischen Welten. Dieses Nahe-Sein drückt sich in der gnadevollen Seite Gottes aus, wenn von JHWH in der Bibel die Rede ist (Mose 2. 34,7; s. oben). Aus anthroposophischer Sicht können wir sagen, Gott verleiht diese Eigenschaft jenem Geiste der Form, der die Einheit der 7 führenden Elohim repräsentiert und deshalb den Namen JHWH trägt.

Die Annäherung des Logos an den Menschen

Wenn wir die Bibel und die Apokryphen genau lesen, so fällt auf, dass in sehr vielen Fällen das Wort JHWH nicht allein steht, sondern in Verbindung mit dem Wort »Kawod«, was mit Herrlichkeit, Ehre oder Glorie übersetzt werden kann. Das Göttliche, das dem Volk Israel in der Wüste in der Wolken- und Feuersäule sowie Moses auf dem Berg Sinai und später in der Stiftshütte, zwischen den beiden Cherubim auf der Bundeslade das göttliche Wort ertönen lassend, erschien, wird in der Bibel meist Kawod-JHWH (Herrlichkeit Gottes) und im rabbinischen sowie kabbalistischen Schrifttum Schechina (Einwohnung Gottes) genannt. Schechina und Kawod bezeichnen sehr oft nicht unmittelbar die 10. Sefira (Logos), sondern ein aus der 10. Sefira emaniertes göttliches Licht, das die Kräfte der 10. Sefira nochmals in einer herabgemilderten Heiligkeitsstufe enthält und insofern immer noch den Logos darstellt, wie auch aus Joh. 1,14 hervorgeht: »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit«.   17  Der Logos kann in seiner reinen göttlichen Form nicht unmittelbar mit dem Menschen in Kontakt treten. Aus diesem Grunde musste ja auch die Inkarnation des Christus-Logos indirekt über den Christus-Erzengel erfolgen. Moses wollte die Herrlichkeit Gottes (Kawod) in der reinen Form der 10. Sefira schauen. Doch Gott antwortet ihm: »Kein Mensch kann mich schauen und bleibt am Leben«. Moses konnte nur die gemilderte Seite der Kawod, das gnadenvolle Göttliche schauen.   18

Das Messias-Licht als Hoher Sonnengeist Christus

Kawod oder Schechina sind nach dem Gesagten entweder Bezeichnungen für Gott in seinem reinen unerschaffenen Logos-Aspekt oder für ein erschaffenes unsichtbares geistiges Licht, dem der Logos in herabgemilderter Form inhärent ist und auch heiliger Geist, untere Sophia (die obere ist die 2. Sefira: Chochma) oder Herz der unteren Welten genannt wird. Dieses Licht ist ohne Gestalt, hat aber Stimme.   19  Dass Kawod oder Schechina diese doppelte Bedeutung haben können, hängt damit zusammen, dass sie »an der Grenze zwischen Erschaffenem und Unerschaffenem steht und nach beiden Seiten hin schillert« wie Scholem an der zuletzt zitierten Stelle ausführt.
Neben diesem unsichtbaren, gestaltlosen inneren Logos-Licht kennt die jüdische Esoterik eine zweite Art von Kawod. Sie kann in verschiedensten Formen sichtbare Gestalt annehmen und wird auch »Leib der Schechina« (Guf ha Schechina oder Schiur Koma) genannt. Sie erscheint als Cherub auf dem Thronwagen in der Vision des Hesekiel. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Cherubim, dass sie alle möglichen Gestalten von Engeln, Tieren oder Menschen annehmen können. Der Cherub auf dem Thronwagen hat die Gestalt eines Menschen. Dieser Cherub wird manchmal auch als Schöpfungs-Engel, als der Hervorbringer des Urbeginns der Schöpfung (Jozer Bereschit) bezeichnet, weil er die schöpferischen Kräfte des Logos als sein Inneres in der Form der unsichtbaren, gestaltlosen Kawod enthält.   20
Wir dürfen hier die Vermutung äußern, dass es sich bei diesem geistigen Leib der Schechina, welchem der Logos inne wohnt, um den Hohen Sonnengeist Christus handelt, welcher von Rudolf Steiner als Lichtleib des Logos dargestellt wurde und ebenfalls in einer bestimmten Gestalt in den alten Mysterien geschaut werden konnte. In den jüdischen Quellen selbst gibt es einige Hinweise darauf, dass sich hinter dem Erscheinen der Kawod oder der Schechina ein Messias-Geschehen verbirgt. In Jes. 60,1 heißt es: »Auf, werde Licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.« Dieses Licht, das gleichzeitig mit der Herrlichkeit des Herrn (Kawod) auftritt, wurde stets mit dem Messias identifiziert. In einem alten rabbinischen Bibelkommentar zu Jes. 60, 1-2   21  wird in Bezug auf dieses Licht auf Psalm 36,10 hingewiesen, wo es heißt: »Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, in Deinem Licht schauen wir das Licht«. Es wird erklärt, dass das Licht, nachdem Israel Ausschau hält, das Messias-Licht sei. Dieses Licht stammt aus dem geistigen Ur-Licht des ersten Schöpfungstages (Gen. 1,4) und entstand vor der eigentlichen Erschaffung der Welt und des Menschen. Bemerkenswert ist, dass das Messias-Licht in einem anderen Licht enthalten ist, wie wir dies vom Christus-Logos her kennen, der vom Hohen Sonnengeist umschlossen ist. Im erwähnten Midrasch wird auch berichtet, dass Gott vier »Lebewesen« bestimmt habe, welche den »Thron der Herrlichkeit des Messias« zu tragen haben   22  – ein klarer Hinweis auf den Thronwagen in der Vision des Hesekiel. Eine weitere Bestätigung für die Identität zwischen dem Messias-Licht des Judentums und dem Hohen Sonnengeist Christus finden wir auch im Talmud. Dort wird der Beweis, dass der »Name« des Messias schon vor der Welterschaffung entstanden sei, aus Psalm 72,17 abgeleitet: »Sein Name sei ewig, vor der Sonne entfaltet sich sein Name.«
Die Gleichsetzung der Schechina oder Kawod mit dem Christus finden wir auch vielerorts in christlichen Quellen, namentlich im Pietismus.   23  So wird in Kor. I. 10,1-4 gesagt, dass die durch die Wolke getauften Israeliten vom geistlichen Felsen getrunken hätten, der ihnen gefolgt sei, und welcher der Christus gewesen sei. Aus der Wolke aber sprach die Kawod-JHWH, die Herrlichkeit Gottes.   24

Der kosmische Messias im Judentum

Mit Hilfe der Anthroposophie konnten wir so den kosmischen Christus im Judentum finden. Wir haben im vorstehenden Abschnitt gezeigt, wie der Logos im Gottesbegriff des Judentums eine zentrale Rolle spielt. Hinter allem Geschehen in der Welt wirkt die 10. Sefira als Logos, der auch in der Anthroposophie die Essenz des kosmischen Christus darstellt. Das zweite Wesen, das den kosmischen Aspekt des Christus-Impulses repräsentiert, den Hohen Sonnengeist Christus, haben wir im Messias-Licht und in der sichtbaren Kawod der Thronwagen-Schau Hesekiels gefunden. Wo in den zahlreichen kabbalistischen und außerkabbalistischen Schriften vom Cherub auf dem Thronwagen gesprochen wird, tauchen manchmal auch Vorstellungen auf, die auf den Christus-Erzengel hinweisen. Dies bedarf noch der weiteren Erforschung. Auch im Judentum ist es der einer höheren kosmischen Dimension angehörige Messias, der das Vorbild für die Entwicklung der höheren Seelenstufen Neschama, Chaja und Jechida gibt.   25  Diese Stufen können mit Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen gleichgesetzt werden.

Das Erscheinen des Königs Messias in der Zukunft und das künftige Schicksal des jüdischen Volkes

Wie in der Anthroposophie ist auch im Judentum das Erlösungsgeschehen, das mit dem Namen Messias (Christus) verbunden ist, ein komplexer, auf mehreren kosmischen Ebenen und über lange Zeiträume verlaufender Prozess, an dem nicht nur ein einzelnes geistiges Wesen beteiligt ist. In den jüdischen Quellen wird auf einen »König Messias« hingewiesen. Wenn dieser »König Messias« erscheint, wird er alle Kriege beenden, namentlich den Krieg von Gog und Magog gegen das aus dem Exil heimgekehrte Volk Israel. Das Volk Israel wird wieder in seinem Land eingepflanzt sein und alle Völker werden jedes Jahr nach Zion (Jerusalem) pilgern, dort die göttliche Lehre in Empfang nehmen und das jüdische Laubhüttenfest (ein Michaelsfest!) feiern (Micha 4 ff.; Sach. 12 ff., 14,16). Die Herrschaft des »König Messias« findet im Diesseits statt, ist aber nur von vorübergehender Dauer. Sie ist eine Vorstufe zur eigentlichen Erlösung, bei der es eine Auferstehung zu ewigem Leben in einer »künftigen Welt« (haolam haba) geben wird, wobei zum Teil die Ansicht besteht, dass beide Ebenen, die diesseitige Vorstufe und die jenseitig »zukünftige«, zeitlich parallel  laufen.   26
Nicht alles, was für die messianische Zeit vorausgesagt wird, hat sich schon ereignet. Die Einzigartigkeit jener Inkarnation des Logos durch Vermittlung des Christus-Erzengels vor 2000 Jahren bedeutet auch aus anthroposophischer Sicht nicht den Abschluss, sondern erst den Beginn eines sich langsam vollziehenden Erlösungsprozesses, an dem die Menschen aktiv mitarbeiten müssen. Das Mysterium von Golgatha ist im äußeren Bekenntnis des Judentums ausgeklammert, damit das Heidentum durch diese Verzichtleistung den Anschluss an das Heil, das heißt den Christus-Impuls, finden kann, dem das Volk Israel seit seiner Entstehung dient. Israel muss zurückstehen und darf nicht auf das Ereignis von Golgatha hinschauen, »bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist« (Röm. 11,25). Während dieser Zeit bleibt andererseits dem Christentum das Mysterium des nachchristlichen Judentums verborgen. Paulus weiß, dass es danach zu einem weiteren »Erscheinen« des Messias kommen wird und dass dann Bedeutendes mit dem Volk Israel geschehen wird. So fährt er gleich anschließend an die soeben zitierte Stelle fort: »Und alsdann wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Erlöser... Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen« (Röm. 11,26 und 11,29). Über dieses künftige Erscheinen des  Erlösers aus Zion durfte Paulus offenbar noch nichts genaueres offenbaren. Ob und wie es mit dem Erscheinen des Christus im Ätherischen zusammenhängt, das Rudolf Steiner für unsere Zeit vorausgesagt hat, wird man erst im Laufe der weiteren Entwicklung sehen.
Dass das Judentum mit dem künftigen Erscheinen des Messias maßgeblich zu tun hat, wird auch von Rudolf Steiner bestätigt. Er wies in einer mündlichen Äußerung auf eine künftige Aufgabe der Juden im Zusammenhang mit dem Christus hin: »Die Juden erhalten in Bezug auf Christus wieder einmal eine Mission.«   27  Rudolf Steiner hat das Judentum öffentlich verteidigt, als Antisemiten den Juden vorgeworfen haben, dass sie an ihrem »altnationalen Religionszeremoniell« festhalten und ein ethnologisches Sonderdasein pflegen.   28  Wir können es daher als ausgeschlossen betrachten, dass Rudolf Steiner je der Meinung gewesen ist, das jüdische Volk hätte sich nach dem Erscheinen des Christus auflösen müssen. Er hätte damit nicht nur Paulus sondern auch sich selbst in vielem, was er gesagt und getan hat, widersprochen. Dieser falsche Eindruck ist auf Grund einiger weniger, in der Tat missverständlicher Äußerungen Rudolf Steiners bei Menschen entstanden, die nur geringe Kenntnis vom Werk und Leben Rudolf Steiners haben.

David Schweizer, geboren 1950 in Basel, ist dort als Rechtsanwalt und Gerichtsschreiber tätig. Er ist jüdischen Glaubens und Präsident der »Zionistischen Vereinigung Basel« sowie Vorstandsmitglied des »Friedrich Nietzsche-Zweiges« der Anthroposophischen Gesellschaft in Basel.

Fußnoten:

1 Die folgenden Ausführungen basieren maßgeblich auf den beiden Schriften von Oskar Kürten: Der Sonnengeist Christus in der Darstellung Rudolf Steiners und Jesus von Nazareth mit Anhang Der Menschensohn und der kosmische Christus, beide im Verlag die Pforte Basel.   zurück
2a vgl. Kürten, Jesus von Nazareth, S. 57; GA 155, 3. Vortrag   zurück
2b vgl. Kürten, Jesus von Nazareth, S. 16 ff.   zurück
3 Kürten, Jesus von Nazareth, S. 10 ff.   zurück
4 Rudolf Steiner: GA 137, 10. Vortrag   zurück
5 Kürten, Der Sonnengeist ..., S. 54   zurück
6 Rudolf Steiner: GA 122 7. Vortrag, S. 124, GA 129 Vortrag vom 25.8.1911   zurück
7 vgl. Kürten, Der Sonnengeist ..., S. 67   zurück
8 Maimonides: Führer der Verunsicherten, II., Kap. 7 + 10   zurück
9 Maimonides, a.a.O., II., Kap. 34 + 41   zurück
10 Maimonides, a.a.O., I., Kap. 64   zurück
11 vgl. Gershom Scholem: Die Geheimnisse der Schöpfung, S. 31   zurück
12 Rudolf Steiner: GA TB 727, 12. Vortrag, S. 220   zurück
13 Rudolf Steiner: GA 123 S. 147 ff.   zurück
14 vgl. Gershom Scholem: Ursprung und Anfänge der Kabbala, S. 83; Diether Lauenstein: Der Messias, S. 232   zurück
15 Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, S. 236   zurück
16 Rudolf Steiner: GA 123 S. 147 ff.   zurück
17 vgl. Hanspeter Ernst: Die Schekhina in rabbinischen Gleichnissen, S. 61   zurück
18 Mose 2.33,18 ff., siehe weiter oben; vgl. auch Maimonides, a.a.O., I., Kap. 64   zurück
19 G. Scholem, Ursprung ..., S. 85; G. Scholem, Die jüdische Mystik ..., S. 120/121.   zurück
20 vgl. G. Scholem, Ursprung ..., S. 186 ff. Betreffend den Zusammenhang zwischen dem Cherub und dem Logos siehe auch G. Scholem: Die jüdische Mystik ..., S. 123. Scholem vermutet, dass der Cherub einmal nichts anderes war, als der verwandelte Logos.   zurück
21 Predigtmidrasch, Pesikta Rabbati 36, siehe Günter Stemberger: Midrasch, S. 170   zurück
22 Stemberger, a.a.O., S. 171   zurück
23 vgl. Mathias Morgenstern in: JUDAICA, Beiträge zum Verstehen des Judentums, März 2000, Heft 1, S. 56; Hanspeter Ernst, a.a.O, S. 23 ff.   zurück
24 vgl. auch Lukas 21,27; Daniel 7,13   zurück
25 vgl. Gershom Scholem: Von der mystischen Gestalt der Gottheit, S. 236   zurück
26  Daniel Krochmalnik: Die Zweidimensionale Eschatologie des Maimonides, in JUDAICA, Juni 1996, Heft 2, S. 121; Moritz Zobel: Gottes Gesalbter. Der Messias und die messianische Zeit, in Talmud und Midrasch, S. 21 ff.   zurück
27 Ludwig Thieben: Das Rätsel des Judentums, Nachwort von Thomas Meyer, S. 254/256   zurück
28 Rudolf Steiner: GA 31, S. 378, 394ff, 397 und 409   zurück

   
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