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Die Zukunft der Umweltpolitik

Internalisierung externer Kosten

E. U. von WeizsäckerErnst Ulrich von Weizsäcker ist Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie und Mitglied des Bundestages. Ralf Bindel sprach mit ihm über die Rahmenbedingungen für den betrieblichen Umweltschutz, Aspekte der Nachhaltigkeit bei den Produkten der Computerindustrie und über die Ökosteuer.

Januar 1999

umis:

Herr Professor von Weizsäcker, wird die Politik in Zukunft betriebliche Umweltschutzinitiativen unterstützen?

Weizsäcker:

Ich vermute ja. Es sind sehr freundschaftliche, gute Worte für freiwillige Vereinbarungen im Koalitionsvertrag zu finden. Zu rechnen ist mit einer Novellierung der EMAS-Verordnung, denn bisher ist EMAS relativ teuer und hat eigentlich nur in Deutschland und den Niederlanden Resonanz gefunden. Die Regierung wird, wie die Vorgängerregierung, das betriebliche Umweltmanagement sehr hoch bewerten. Zudem wird es eine Stärkung der ökologisch ausgerichteten Investmentfonds geben, weil sich die Rahmenbedingungen für ökologisch effizientes Verhalten unter der neuen Regierung verbessern werden. Die Kapitalmärkte bekommen das sehr schnell zu spüren. Es ist ja schon heute so, daß Öko-Effizienz-Portfolios eine günstigere Kursentwicklung haben, als der durchschnittliche Konzern-Portfolio.

umis:

Herr Professor von Weizsäcker, was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit in der Computer- bzw. Informationstechnologie?

Weizsäcker:

Im Zentrum der Nachhaltigkeit stehen für mich Effizienz und Eleganz mit knappen natürlichen Ressourcen. Selbstverständlich ist es viel eleganter, Elektronen statt schwere Teilchen zu transportieren. Substituiert man Geschäftsreisen durch Videokonferenzen, ist das ein Sprung in der Verbesserung der Ressourceneffizienz und der Nachhaltigkeit. Das gleiche gilt analog für die Kommunikation und den Dokumentenversand via e-mail.

umis:

Für eine Gesamtbilanz muß man auch die Herstellung der Geräte betrachten. Wie stehen Sie zu den immer kürzer werdenden Produktzyklen?

Weizsäcker:

E. U. von Weizsäcker

Die ökologischen Schäden durch Computerherstellung und -entsorgung können ganz erheblich sein. Unser Institut hat vor zwei Jahren den "ökologischen Rucksack" eines Workstation-PC untersucht. Dabei zeigte sich, daß dieser Rucksack, also sämtliche Stoffumwälzungen, die für die Herstellung nötig sind, ca. 20 Tonnen beträgt. Das ist alles andere als harmlos. Für die Japaner ist dies der Ausgangspunkt, auf eine "total material productivity" zuzugehen. Das heißt, daß keine Tonne Metall oder Kunststoff, die in die Produktion geht, jemals auf dem Abfall landen darf. Es muß ein totales oder beinahe totales "demanufacturing" und "remanufactoring" eingerichtet werden. Dagegen muten unsere Ideen einer Elektronikschrottverordnung fast noch konventionell an.

umis:

Wie steht die Regierung zu neuen Mobilitätskonzepten?

Weizsäcker:

Die Marktpreise müssen meiner Meinung nach wenigstens einigermaßen die ökologische Wahrheit sagen. So ist es auch im Grünbuch der Europäischen Union vermerkt. Liberalisierung des Verkehrs und Internalisierung sind Zwillingsschwestern. Internalisierung der externen Kosten bedeutet, daß man nach dem Wegfall bürokratischer Barrieren und Grenzkontrollhürden in der EU marktkonforme Wahrheitssignale in den Mobilitätsmarkt schicken muß. Man kann sich darüber streiten, wie hoch die externen Kosten sind - Lutz Wicke und andere reden von mehreren 100 Milliarden Mark pro Jahr - aber man kann sagen, daß die externen Kosten heute viel zu wenig internalisiert sind. Der Sinn der ökologischen Steuerreform oder anderer Preissignale wie Roadpricing ist, die De-facto-Subventionierung des Mobilitätssektors durch zukünftige Generationen, durch die Umwelt und zum Teil schlicht durch den Steuerzahler zu beenden, und an deren Stelle realistische Preise zu bringen. Die naheliegende Behauptung der beiden Extremlager allerdings, der grünen Fundis und der Logistik-Lobby, daß ein Preissignal nur wirksam wäre, wenn es wehtut, ist sachlich falsch. Aber es ist ein wunderbares Argument, um zu verhindern, daß im politischen Raum irgendetwas passiert. Denn wehtun will ja niemand.

umis:

Wo liegt denn Ihrer Meinung nach die Schmerzgrenze?

Weizsäcker:

Konstruktiv ist nur ein sich langfristig verstärkendes Preissignal, das frühzeitig eingeführt wird. Das kann man so bescheiden gestalten, wie mit sechs Pfennigen pro Liter. Da bin ich völlig auf Schröder-Linie. Ein Debakel wäre, wenn man nach diesen sechs Pfennigen aufhören würde. Bei einer Erhöhung um fünf Prozent pro Jahr wird klar, daß der Transport auf der Straße, in der Luft und an einigen anderen Stellen unerbittlich teurer wird. Dann werden sich öko-effiziente Logistik- und Mobilitätskonzepte auf dem Markt durchsetzen und dann kommt auch ein Auto, das nur noch ein bis zwei Liter verbraucht. Die Transportarten des Küsten- und Binnenschiffverkehrs werden wieder zur Blüte kommen, weil es im Grunde logistisch völlig unerheblich ist, ob Schüttgüter drei Wochen unterwegs sind oder 24 Stunden. Sie müssen nur rechtzeitig da sein. Die Bequemlichkeit einer falsch verstandenen Just-In-Time-Logistik basiert auf mangelnder Planung. Wenn die Geschwindigkeit der Anpassung etwa so groß ist, wie die der Preisanhebung, wird die erzielte Mobilitätsleistung im Laufe der Jahre nicht teurer, sondern mit dem Einsatz von Elektronik sogar billiger.

umis:

 

Glauben Sie, daß ein langfristig angelegtes Konzept der Ökosteuer - Mineralölsteuererhöhung, höhere Energiesteuern, Senkung der Lohnnebenkosten - in möglicherweise nur vier Jahren sozialdemokratischer Regierungszeit ausreichend für eine nachhaltige, soziale und ökologische Reform sein wird?

Weizsäcker:

Ganz sicher nicht. Als Mitglied des Finanzausschusses des Bundestages werde ich mich dafür einsetzen, daß die Reform so formuliert wird, daß sie von der CDU/CSU/FDP-Opposition voll mitgetragen wird. Ich glaube zwar nicht, daß die Opposition in vier Jahren wieder regiert, aber die wirkliche Langfristigkeit des Signals darf nicht von Parteimehrheiten abhängen. Im übrigen kann ich mit Dr. Schäuble, Herrn Repnik, Herrn Westerwelle, oder wem auch immer aus der Opposition über dieses Konzept einer langfristig wirksamen ökologischen Steuerreform ziemlich rasch Einigkeit erreichen. Das ging nur mit Kohl nicht.

umis:

Ist das Wuppertal Institut mit eigenen Visionen an Umbrüchen oder Paradigmenwechseln beteiligt?

Weizsäcker:

Das Wort "Ressourcenproduktivität" ist als säkulare Vokabel hier entdeckt worden. Vor zehn Jahren dachte man bei dem Wort Produktivität noch selbstverständlich an Arbeitsproduktivität. Inzwischen weiß sogar die Ökonomenzunft, die in dieser Hinsicht die langsamste ist, daß es eine Ressourcenproduktivität gibt, die im 21. Jahrhundert eine absolut dominante Größe des technischen Fortschritts sein wird. Diese Wortschöpfung mit Inhalt zu füllen, ist eine Entwicklung des Wuppertal Instituts. "Faktor 4” ist eine besonders plakative Art, den Begriff Ressourcenproduktivität unters Volk zu bringen. Ein anderes Beipiel für Visionen aus dem Wuppertal Institut ist die Ökologische Steuerreform. Als ich sie 1987 zum ersten Mal öffentlich vertreten habe (das war noch vor der Gründung des Instituts), begegnete mir große Verständnislosigkeit von allen drei Seiten. Für Wirtschaft, Finanzwissenschaftler und sogar Umweltverbände bedeutete die Reform, daß die Reichen sich aus den Verpflichtungen rauskaufen können, und die Armen ökologisch brav sein müßten. Die Wahrnehmung war damals, daß Verbote und Richtlinien das richtige, eine Ökologische Steuerreform das falsche Instrument seien. Inzwischen ist es Regierungsprogramm.

umis:

Herr Professor von Weizsäcker, wir danken für dieses Gespräch.

 

Wuppertal Institut, Döppersberg 19, D-42103 Wuppertal, Postfach 100480, D-42004 Wuppertal, Fon: 0202-2492-0, Fax: -108, Internet: www.wupperinst.org, E-Mail: info@wupperinst.org


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  Letzte Änderung: 16. Oktober 2000 umis@umis.de
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