[wdr Plusminus-Archivbeitrag:
Lauschangriff im Internet

Beitrags-Manuskript:

Ein kleines Dorf, 30 km nördlich von Wilhelmshaven. Ein neues Windkraftwerk, das elektrischen Strom besonders preiswert produziert. Die Spione kamen am späten Nachmittag. Der amerikanische Geheimdienst National Security Agency, abgekürzt NSA, hatte den Coup vorbereitet. Die Elektronik der Anlage wurde genau ausgemessen, die Schaltpläne fotografiert. Inzwischen ermittelt der Staatsanwalt. Denn Monate später behauptete eine amerikanische Firma, die neuen Windkraftwerke seien in Wirklichkeit von ihr erfunden worden. Weil sie die Schaltbilder vorlegen konnte, darf der deutsche Hersteller keinen Windgenerator mehr in die USA exportieren. Er verlor Aufträge im Wert von weit über 100 Millionen Mark.

Kein Einzelfall, wie ein Bericht des Ausschusses für Bürgerrechte des Europaparlaments feststellt. Dort heißt es:
"Der amerikanische Geheimdienst NSA fängt in Europa routinemäßig alle e-mails, Telefonate und Faxe ab. Die ausspionierten Informationen werden per Satellit nach Fort Meade in Maryland (also zur Zentrale des Geheimdienstes) übertragen."

Gerhard Schmid, Europaparlament, SPD: "Verglichen mit dem, was die Amerikaner mit ihrem Dienst NSA in Europa veranstalten, war die Stasi ein Club von Radioamateuren. Da gehts nicht nur um militärische oder innere Sicherheit, sondern vor allem um Wirtschaftsspionage. Es werden Angebote ausgespäht, technische Konstruktionsdetails ausgespäht. All dies wird der amerikanischen Wirtschaft übermittelt."

Die Europäische Komission in Brüssel. Hier wird streng kontrolliert. Der US-Geheimdienst aber kam durch die Hintertür: Er drang über das Internet ins Datennetz ein. Die US-Regierung kam so an die Pläne der EU und konnte sie bei den den Verhandlungen über das Zoll und Handelsabkommen GATT über den Tisch ziehen.

August 1993. Haussuchung bei Ignaz Lopez. Der Manager hatte - so der Staatsanwalt - bei seinem Wechsel von Opel zu VW Geschäftsgeheimnisse mitgehen lassen. Die Tips, wo die Dokumente zu finden waren, kamen über General Motors und seine Tochter Opel ebenfalls vom US-Geheimdienst NSA, der eine Lopez-Videokonferenz und verschiedene Telefonate mitgeschnitten hatte.

Meist aber ist Spitzentechnologie das Ziel der Geheimdienstler: Patententwicklungen und Konstruktionsdetails aus der Elektronik-, Chemie- und Pharmaindustrie. Allein deutschen Betrieben entsteht durch Wirtschaftsspionage nach Schätzung unserer Geheimdienste ein Schaden von 20 Mrd. Mark im Jahr.

Ein Sendemast der Telekom. Telefongespräche, Fax-Sendungen und elektronische Korrespondenz per Internet werden oft über solche Richtfunkantennen weitergeleitet.

Die Daten strahlen bis in den Weltraum ab. Amerikanische Spionagesatelliten fangen sie auf und senden sie zur Bodenstation im bayerischen Bad Aibling.

Unter riesigen Horchantennen, tief in der Erde sitzt die Deutschland-Zentrale des US-Geheimdienstes NSA. Offiziell wird hier gegen die ehemaligen Ostblockländer spioniert. In Wirklichkeit aber, wird von hier aus unsere eigene Wirtschaft elektronisch ausgehorcht.

Gerhard Schmid, Europaparlament, SPD: "Wenn wir als einfache Europaparlamentarier sowas herausfinden, dann ist davon auszugehen, daß die Bundesregierung seit Jahren darüber Bescheid weiß. Und sie tut nichts dagegen. Das muß sich ändern. Die Abkommen, auf Grund derer die Amerikaner solche Anlagen bei uns betreiben dürfen, müssen gekündigt werden. Es ist ein Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn das so weitergeht."

Wir gehen ins Internet. Zur Adresse www.GCHQ.gov.uk. Hier finden wir den britischen Geheimdienst Government Communications Headquarters, der in England für Wirtschaftsspionage zuständig ist. Auch der spioniert uns aus. Dafür sucht er neue Agenten mit Sprachkenntnissen. Besonders gefragt ist französich, italienisch, spanisch - und deutsch. Anfangsgehalt: bis zu 23000 brit. Pfund, also rund 70000 DM im Jahr.

Auch die Franzosen sind aktiv: Als Siemens in Korea über die Lieferung des InterCityExpress verhandelte, fing der französische Geheimdienst, nach Recherchen von Verfassungsschützern, die Angebote ab. Die Konkurrenz konnte die Offerte unterbieten. Der französische TGV bekam den Zuschlag.

Wir treffen einen Mitarbeiter des Verfassungssschutzes. Er will nicht erkannt werden. "Mir sind über 50 solcher Fälle von Wirtschaftsspionage bekannt", erzählt er. "Wenn wir auf solche Aktivitäten stoßen, werden wir von unseren Vorgesetzten zurückgepfiffen. Wir dürfen unsere Erkenntnisse meist weder an den Staatsanwalt noch an die betroffenen Firmen weitergeben. Aus Rücksicht auf unsere Verbündeten."

Innenminister Kanther lehnte ein Interview mit uns ab. Sein Pressesprecher erklärte, solche Fälle von Wirtschaftsspionage würden in Gesprächen mit den Verbündeten kritisch angemerkt. Das reicht auch der Industrie nicht aus.

Josef Karkowsky aus Köln war früher ebenfalls beim Verfassungssschutz. Heute ist er für die Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft tätig, die für Kontakte zwischen dem Bundesverband der deutschen Industrie BDI, den Geheimdiensten und der Polizei zuständig ist.

Josef Karkowsky, AG Sicherheit der Wirtschaft: "Bei politischer Spionage und militärischer Spionage haben wir früher mit harten Strafen reagiert. Heute behandeln wir Wirtschaftsspionage mit Samthandschuhen. Wenn ich das in Relation setze zu den erheblichen Schäden, die die deutsche Wirtschaft erleidet, durch die Beschäftigungsverluste, die unsere Volkswirtschaft erfahren muß, dann steht das in keinem Verhältnis. Es muß der klare politische Wille zum Ausdruck gebracht werden, daß die Sicherheitsdienste sich mit den Aktivitäten solcher sogenannter befreundeter Dienste intensiv befassen."

Daraus wird wohl nichts. Man will dem Bundesnachrichtendienst in Pullach nicht in den Rücken fallen, der sich ebenfalls in Wirtschaftsspionage versucht. Gelohnt hat sich das bisher nicht: Für deutsche Unternehmen ist noch nichts dabei herausgekommen.

 

Dieser Text gibt den Fernseh-Beitrag von [plusminus vom 14. April 1998 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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