Landesamt für Verfassungsschutz

III. Das "Guardian Office" (GO) (1966 - 1983) 33

"Es gibt vermutlich keine Grenze in bezug darauf, was ich tun würde,

um des Menschen einzigen Weg hinaus zu schützen, gegen jene, ...,

die versuchen Scientology zu stoppen ..." 34

L. Ron HUBBARD

1. Gründung und Aufbau

Nur zwei Wochen nach Etablierung der "Öffentlichen Ermittlungsabteilung" ("Public Investigation Section") wurde ein weiterer Posten an der Spitze des Geheimdienstapparates installiert: Der "Guardian" (Wächter). 35 HUBBARD verstand diese Funktion zunächst als "Treuhänder" der Scientology. Der "Guardian" sollte HUBBARD darin unterstützen, Richtlinien durchzusetzen und herauszugeben. Er sollte die einzelnen Organisationen beschützen und helfen, Scientology langfristig zu fördern. Der erste "Guardian" der Organisation wurde Mary Sue HUBBARD, die dritte Ehefrau des Scientology-Gründers. Der Posten wurde sehr schnell zu einer eigenen Organisation, dem "Guardian Office" (GO), ausgebaut. Sie integrierte alle bis dahin existierenden Funktionen und Einrichtungen des SO-Geheimdienst- und Propagandaapparates. An der Spitze der Organisation stand der "Guardian World Wide" (Guardian WW). Mit einem Richtlinienbrief vom 21. Januar 1969 wurde ein weiterer, dem Guardian WW übergeordneter Posten geschaffen, der "Controller". Dieses Amt wurde auf Lebenszeit an Mary Sue HUBBARD vergeben. Nachfolgerin auf dem Posten des Guardian WW wurde Jane KEMBER.

Seinen Hauptsitz hatte das GO in Saint Hill Manor/East Grinstead in der Nähe von London, dem damaligen Wohnsitz HUBBARDs. Organisatorisch war es in das "HUBBARD Kommunikationsbüro" (HCO) eingegliedert und - entsprechend der auf allen Hierarchieebenen gleichen Organisationsstruktur - in den Scientology "Orgs" in der jeweiligen Führungsabteilung Abt. 7 ("Executive Division 7") vertreten. Die Führungslinie verlief von dem sog. "Assistant Guardian" einer jeden Organisation, dessen Posten direkt hinter dem des Leitenden Direktors (Executive Director, ED) in der Führungsspitze der "Org" angesiedelt war, zum Guardian der jeweiligen Kontinentalorganisation, der wiederum dem "Guardian WW" unterstand. 36 Die Mitarbeiter des GO unterstanden also nicht dem jeweiligen Leiter der örtlichen Organisationen, sondern hatten die Befehlsstränge innerhalb ihres eigenen GO-Netzwerkes zu beachten. Das GO war innerhalb der Scientology zunächst ganz offen als Geheimdienstbüro ("Intelligence Bureau") bekannt. Später wurde dieser Name wohl aus Tarnungsgründen in den etwas harmloser klingenden Namen "Information Bureau" geändert. Dieses Manöver konnte letztendlich aber nicht verschleiern, daß das GO mehr noch als alle seine Vorläuferorganisationen wie ein klassischer Geheimdienst operierte, daß es weitaus besser organisiert und strukturiert war und zudem eine bemerkenswerte Professionalität und Effektivität an den Tag legte.

Obwohl HUBBARD selbst offiziell keine Funktion ausübte, arbeitete das GO unter seiner Aufsicht. HUBBARD ließ sich wöchentlich über die wichtigsten Ereignisse und Geheimdienstaktivitäten informieren. Im Laufe der Jahre gewann das GO immer größere Bedeutung im System, so daß es als das eigentliche Macht- und Entscheidungszentrum der SO bezeichnet werden kann. In den siebziger Jahren hatte nach Aussage von Robert Vaughn YOUNG, der von 1971 bis 1989 dem GO bzw. OSA in leitender Funktion angehörte, das GO weltweit 400 bis 500 vollzeitliche Mitarbeiter. Etwa 200 Personen arbeiteten in der Zentrale in Los Angeles, die übrigen Mitarbeiter verteilten sich weltweit auf etwa 25 Büros, die meisten davon in Nordamerika und Europa. Der Ex-Scientologe Jon ATACK behauptet sogar unter Berufung auf eine gerichtliche Erklärung von David MISCAVIGE aus dem Jahr 1994, daß dem GO insgesamt 1.100 Mitarbeiter angehört hätten und eine nicht bekannte Zahl sog. "Field Staff Members" (FSM, neben- oder hauptamtlich tätige Mitarbeiter im Außendienst). HUBBARD habe sich, so ATACK, mit dem GO den bis dahin vermutlich größten und effektivsten privaten Geheimdienst in der Geschichte der Menschheit geschaffen. 37


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