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Klaus der Geiger

Klaus, der Geiger Sechzig Jahre alt und immer noch ein Bürgerschreck, eine Rarität: Klaus, der Geiger, ein "Paganini der Asphaltmusik" (Express). Es gibt kaum eine Fußgängerzone, in der der Wahl-Kölner und Deutschlands bekanntester Straßenmusiker nicht gespielt hätte.

Mit der politischen Schärfe seiner Angriffe gegen die Mächtigen im Lande wurde er zu einer Art politischem Gewissen der Domstadt, ein politischer Agitator, der sich zum Sprachrohr für die Sorgen und Nöte der Verlierer im Wohlfahrtsstaat machte. Seit Jahrzehnten trifft man ihn auf beinahe jeder Demonstration. Sein politisches Engagement brachte ihm unzählige Prozesse ein, sogar Gefängnisstrafe. "Seit 30 Jahren bin ich der Stachel von Köln", sagt der "Maestro aus der Schildergasse", wie ihn die "Süddeutsche Zeitung" einmal nannte.

Seinen Namen haben ihm die Zuhörer auf der Straße gegeben: "Das ist ein Ehrenname von der Bevölkerung", sagt Klaus, der Geiger, der mit bürgerlichem Namen Klaus von Wrochem heißt. "Den habe ich jetzt schon über 30 Jahre. Der ist mir lieber als mein Familienname."

Andere gehen in seinem Alter in Rente, Klaus, der Geiger, spielt weiter. Er muss es, auch aus finanziellen Gründen. Aber eben nicht nur: "Manchmal hatte ich auf der Straße Zoff mit der Menschheit, richtig Zoff. Da habe ich mir dann gesagt: 'Da gehst du nicht mehr hin. Brauchst du nicht.' Aber dann hat sich rausgestellt, ich habe es eben doch nötig. Ich habe es seelisch nötig. Ich bin Straßen-süchtig, Straßenmusik-süchtig."

Dass sein Musikerdasein fernab von den Zwängen der Musikindustrie wirtschaftliche Unsicherheit und ein Leben am Rande des Existenzminimums mit sich bringt, nimmt der fünffache Vater in Kauf: "Du gehst einfach zur Straße hin. Da sind die Menschen, da sind die Leute. Du brauchst keine Werbung zu machen. Du kannst hingehen und die Geige auspacken. Du brauchst es aber nicht. Du kannst die Geige auch einpacken, wenn du willst. Das kannst Du alles im Konzert nicht machen. Das ist eine totale Form von Freiheit. Und dasselbe, was für mich gilt, gilt auch für meine Zuhörer. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die einfach ideal ist."

Stationen eines ungewöhnlichen Musikerlebens

Mit dem Aufbruch der 68er beginnt die Geschichte von Klaus, dem Geiger. Bis dahin war er nur ein Sohn aus gutem Hause, der Klaus von Wrochem hieß. In der großbürgerlichen Familie gehörte es zum guten Ton, dass die Kinder ein Instrument lernten. Seit seinem achten Lebensjahr spielt er Geige und studiert später in Köln an der Hochschule klassische Musik. Doch irgendwann wird ihm der Drill zuviel. Er bricht aus, rebelliert gegen das ständige Tonleiterüben und den Zwang, die Bogentechnik zu verfeinern. Er verfasst ein Pamphlet gegen diese Art des Lehrens und Lernens, verteilt es unter seinen Kommilitonen und fliegt prompt von der Schule - drei Tage vor seiner Prüfung.

Kurz nach dem Abbruch seines Studiums bekommt Klaus von Wrochem ein Angebot aus Amerika. Mauricio Kagel, der berühmte Komponist, vermittelt ihm ein Stipendium nach Buffalo, in San Diego, Kalifornien. Hier wird Avantgardemusik gemacht, hier ist das Herz der Hippiebewegung und hier beginnt für Klaus von Wrochem der endgültige Bruch mit dem bürgerlichen Leben. Er genießt seine Zeit als Lehrer und Komponist Neuer Musik, unternimmt den ersten LSD-Trip. 1970 verlässt er Amerika. Sein Dozentenvertrag war nicht verlängert worden. Damit ist das Kapitel Neue Musik abgeschlossen.

Zurück in Deutschland lebt er mit seiner Frau Christl und den zwei Kindern zunächst in einer Kommune. Anschließend zieht er mit der Familie eine Zeitlang im Wohnwagen quer durch die Republik. "Im Grunde genommen ist es für die Kinder und für die Familie nicht schlecht, wenn sie wissen, wie man in der Gesellschaft mit einem Existenzminimum klarkommt. Dann kann ihnen wirklich nichts mehr passieren. Dann sind sie frei, und das ist eine ganz große Qualität im Leben", meint Klaus, der Geiger, den man nach seiner Rückkehr aus den USA auf beinahe jeder Demonstration trifft. Er streitet gegen soziale und politische Missstände, engagiert sich in der Anti-AKW-Bewegung und lebt seitdem von seiner Straßenmusik. "Ich bin Profi", sagt der Polit-Barde. "Das heißt für mich nichts weiter, als dass Du Dein Geld mit dem verdienst, was du machst. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit Musik. Da muss ich halt schauen. Da ich nun in dieser ganzen Musikindustrie nicht drin bin und da auch nicht rein will, habe ich wenig Geld für viel Arbeit. Ganz normal."

Er hängt an der Ungebundenheit seiner Arbeit. "Kleingeld" statt "Scheingeld" lautet seine Devise, "selbständig und frei". "Größtmögliche Einfachheit und Dichte" ist das Geheimnis seiner tausend Lieder. Meist kommt er mit zwei bis drei Akkorden aus, um seine Kommentare zu aktuellen politischen Ereignissen unters Volk zu bringen. Bis heute engagiert er sich mit seiner Musik: ob nun für eine Entminungskampagne in Bosnien-Herzegovina oder beim "Aktionstag gegen Rechts". "Auf der einen Seite, was ihn selbst angeht, ist er sehr egoistisch", meint Sohn Markus, "wobei seine Arbeit selbst das Gegenteil von egoistisch ist. Er tritt ja immer gegen Missstände ein, um da etwas entgegenzusetzen. Das ist seine Aufgabe, die er sich selbst gestellt hat. Und da hat ihn auch keiner zu genötigt, das zu tun. Und das schätze ich sehr."

Seit der Straßenkampf mit Geige und Bogen immer weniger Konjunktur hat, entkommt Klaus, der Geiger, seiner Rolle nun allerdings auch ab und zu. Vor wenigen Jahren hat er die klassische Musik neu entdeckt und mit dem Aufbau eines Kölner Salonorchesters begonnen. Und natürlich spielt er noch immer mit Freunden in den Kneipen der Kölner Südstadt, wo er seit Jahren in einer Wohngemeinschaft lebt.

Lektüretipps

  • Klaus der Geiger / Klaus von Wrochem: Deutschlands bekanntester Straßenmusiker erzählt
    Mit einem Vorwort von Günter Wallraff
    Kiepenheuer & Witsch Verlag
    ISBN: 3-462-02512-0, Preis: 16,80 Mark


  • Astrid Reimers: Klaus der Geiger. Lebensgeschichte eines Straßenmusikers,
    in: Musik und Unterricht,
    Heft 47, 8. Jg., 1997




nächste Sendung:

Mittwoch, 17. Januar 2001, 22.30 Uhr WDR Fernsehen
Mein Körper ist Kunst
Die Performance-Künstlerin Marina Abramovic