main heading

Blue Cross Logo

English index

French index

German arrow

Portuguese index

Editorial

Links

home

Link to Eurocare

 

Jugend und Alkohol
Text von Andrew McNeill, Direktor IAS, London

Fast überall in Europa erregt der Alkoholkonsum bei Jugendlichen zunehmend Besorgnis. Neue Forschungsergebnisse, welche Gehirnschäden als Folge von übermässigem Alkoholkonsum im Jugendalter bewiesen, liessen die Sorgen noch grösser werden. Aber diese Resultate waren für den Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft schon so ernst genug, dass er den Mitgliedstaaten über Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen Empfehlungen schrieb; ebenso besorgt war die Ministerkonferenz der WHO, welche sich im Februar in Stockholm mit dem Thema Alkohol befasste, dass sie sich diesem Thema widmeten. Kaum jemand wird bestreiten, dass heute der Konsum von Alkohol wie auch von anderen Drogen die Gesundheit und das Wohlsein vieler jungen Leute gefährdet.
Die Besorgnis steigt mit dem Aufkommen von Konsummustern einer Jugendkultur, welche zunehmend über die Landesgrenzen hinaus reicht. Es scheint ein internationaler Trend in Richtung hedonistischerem Trinkverhalten zu geben, bei welchem Alkohol bewusst wegen seiner angenehmen psychologischen Wirkung eingesetzt wird. Zusätzlich zu dieser Tatsache besteht auch der Trend zu übermässigem Konsum bis zur Intoxikation.
Von einer Zunahme von Saufgelagen und Intoxikationen bei Jugendlichen - das mit Nordeuropa assoziierte Trinkmuster - wird nun sogar auch aus Ländern wie Frankreich und Spanien berichtet, aus Ländern, in welchen Trunkenheit der Trinkkultur fremd war und in welchen die Gesamtmenge konsumiertes Alkohol deutlich abnimmt. In den Mittelmeerländern stehen die Veränderungen der Trinkgewohnheiten in Beziehung zur Veränderung der vorgezogenen Getränken, wobei Bier an Stelle von Wein zum Getränk der Wahl bei Jugendlichen tritt. Es wird berichtet, dass diese Veränderung mit der Zunehmenden Zahl Pubs im englisch-irischem Stil in ganz Europa und mit deren steigenden Popularität zusammenhängt.
In jedem Land ist daher die Bedeutung des 'Rausches' ein wichtiges Merkmal der Trinkgewohnheit bei Jugendlichen. Jetzt wollen viele Jugendliche bis zur Trunkenheit trinken. Trunkenheit wird grösstenteils toleriert, in der Tat sogar gutgeheissen. Dies soll aber nicht heissen, dass alle junge Leute diesem Muster folgen. Sie tun es wirklich nicht alle. Es scheint aber, dass willentliches Trinken bis zur Bewusstlosigkeit ein Verhalten ist, welches von einer beträchtlichen und wachsender Minderheit von Jugendlichen bevorzugt wird und von disproportionaler kultureller Bedeutung ist. Es ist ein Muster, welches dazu neigt, in an Jugendliche gerichtete Medien die Unterstützung von Berühmtheiten zu erhalten, und die allgemeine Meinung zeigt, dass Partyteilnehmer kaum eine vergnügliche Zeit haben können, falls sie sich später noch erinnern können, was sie taten.
Aktuelle Trends im Alkoholkonsum können nicht unabhängig von der Entwicklung auf dem Gebiet illegaler Drogen und vom Aufkommen dessen, was als 'Krieg der Freizeitdroge' bekannt wurde, betrachtet werden. Die Angst, eine ganze Konsumentengeneration könnte an die 'Drogenkultur' verlorengehen, erregte eine kurze Zeit grosse Besorgnis in Grossbritannien.
Ein führender Bierbrauer erklärte:
"Junge Leute scheinen weniger dazu zu neigen, ein Bier schlückchenweise zu trinken; kulturell ziehen sie kurze, scharfe Schüsse vor ... vor fünf Jahren gab es weniger Auswahlmöglichkeiten, um sich zu berauschen oder in einen euphorischen Zustand zu kommen. Die Industrie wird herausgefordert, Alkohol als einen Teil dieser zur Wahl stehenden Mittel werden zu lassen."
Wie es sich herausstellte, waren die Ängste nicht berechtigt. Die Industrie war erfolgreich: Der Alkohol gehört nun der 'Pharmakopöe' der Drogen an.
Zunehmend wird auch Alkohol als eine das Bewusstsein verändernde Substanz angesehen und wegen diesen Eigenschaften gewählt, um, zusammen mit anderen Drogen oder als deren Alternative, entsprechend den situationsabhängigen Wünschen des Konsumenten, des 'Rauschpotentials', des Umfeldes, des Preises, der Verfügbarkeit und, selbstverständlich auch der Diktate der Mode, eingesetzt zu werden.
Um erfolgreich mit der Rave-Drogenkultur mithalten zu können, musste die Alkoholindustrie diese unterstützen. Die Vermarktung alkoholischer Produkte als Freiheitsdroge wurde in den 90er Jahren spürbar. Die entscheidenden geschickten Umwandlungen, welche die Alkoholindustrie vornahm, um wettbewerbsfähiger zu sein, sind zusammenfassend folgende:

  • das Schaffen einer ganzen Reihe neuer 'Designer-Drinks' - Ice Lagers, Alkopops, Alkohol-Limonaden und Premix-Getränke, welche auf die neue Konsumentengeneration abgestimmt wurde
  • die Erhöhung der Stärke von Alkoholprodukte
  • die Vermarktung von Alkoholischen Produkten als Lifestyle-Droge durch raffinierte Kampagnen um in die Marktnischen eines zunehmend zersplittertem und unbeständigem Alkoholgeschäft zu dringen
  • die Eröffnung einer ganzen Reihe Bars, Pubs und Clubs um junge Konsumenten anzuziehen

Zusammenhänge
Diese Trends fordern die Verfechter der Alkoholpolitik stark heraus. Man soll nicht ausser Acht lassen, dass das Trinkverhalten und andere Aspekte der Jugendkultur sehr eng verflochten sind, und dass es deshalb sinnlos oder nicht produktiv ist, diese einzeln zu behandeln. Daher kann eine erfolgreiche Alkoholbekämpfung auch bei der Bekämpfung anderer Drogen mit Erfolg eingesetzt werden - und umgekehrt - in dem Masse, in welchem der Alkoholmarkt und der illegaler Drogen zusammenhängen und abhängig davon, ob sich Alkohol und Drogen ergänzen oder sich gegenseitig ergänzen.
Ein weiterer, in diesem Zusammenhang stehender Punkt ist, dass in der Gesundheitserziehung betreffend die illegalen Drogen Alkohol (und Tabak) - und umgekehrt - gar nicht erwähnt werden und die Botschaft somit realitätsfremd und wenig glaubwürdig ist.
Ein dritter Punkt ist, dass herkömmliche Lehren der Gesundheitserziehung , welche für ein 'Trinken ohne Gefahr' und mit Mass werben, auf eher taube Ohren stossen mögen. Da Jugendliche Trunkenheit gutheissen und es als Ziel sehen, ist die Idee, den Alkoholkonsum auf einen oder zwei Drinks zu beschränken, nicht realistisch, und wird wahrscheinlich als eine unwillkommene Einladung zum vorzeitigen Erreichen des mittleren Alters eher heftig abgelehnt werden.
Viertens spielt das Umfeld für die Prävention bei Jungen eine speziell wichtige Rolle. Es sind die Jugendlichen, welche am ehesten von einem gefährlichen trinkenden Umfeld angezogen werden, und die Art und Weise, auf welche Alkohol vermarktet wird, ist in der gegenwärtigen Szene von entscheidender Bedeutung. Die Leute, besonders die jungen unter ihnen, konsumieren immer weniger undifferenzierte Produkte wie 'Bier', 'Wein' oder 'Spirituosen': Sie konsumieren Markenprodukte mit all den Vorstellungen und Assoziationen, welche eine Marke ausmachen. Die Vermarktung ist daher von entscheidender Bedeutung, wobei die Werbung die offensichtliche Krönung eines ganzen Prozesses ist.

Folgerung
Aus europäischer Sicht, ist die deutlichste Eigenschaft der aktuellen Situation das Zusammenspiel zwischen Örtlichem und Überstaatlichem. Weil der Alkoholmarkt zersplittert und unbeständig ist, unterliegt er der Laune der Mode. Was 'in' oder 'out' ist, kann von Land zu Land, von Gebiet zu Gebiet verschieden sein und kann sich schnell ändern.
Gleichzeitig nehmen die Grundelemente dieser Trinkkultur immer mehr an internationalen Umfang an. So kamen z.B. die aus Australien stammenden Alkopops via Grossbritannien nach Westeuropa und Nordamerika. Wie örtlich begrenzt die Probleme auch immer erscheinen mögen, in Wirklichkeit sind sie doch ein Teil eines komplexen Netzes, welches zur Zeit über fast der ganzen Welt ausgebreitet ist. Und wenn die Probleme von Internationaler Ausbreitung sind, so muss auch nach entsprechenden Lösungen gesucht werden. Das ist der Grund, warum die Vorgehensweisen der Europäischen Union und der WHO von so grosser Bedeutung sind.

Separatdruck aus info 1/2001

[Home | English | Français | Deutsch | Português | Editorial | Links]

ifbc.bern@bluewin.ch