2.22
Otfried Börner / Kerstin Wendt-Scholz / Enno
Bornfleth
Englischunterricht in der Grundstufe der
Förderschule
- Entwicklung des
Englischunterrichts an Hamburger Grundschulen
- Englisch in der Grundstufe der
Förderschule
- Durchführung des
Unterrichts
- Schwierigkeiten
- Durchführung und
Ergebnisse einer Untersuchung an Hamburger
Förderschulen
- Konsequenzen
- Persönlicher
Praxisbericht
- Zusammenfassende
Einschätzung
- Literatur
- Anschrift der Verfasser
Der vorliegende Beitrag setzt sich aus drei Teilen
zusammen. Otfried Börner berichtet über Grundlagen
und die organisatorische Einführung von Englisch in der
Grundstufe der Hamburger Förderschulen, Kerstin
Wendt-Scholz stellt die Ergebnisse einer von ihr
durchgeführten Untersuchung vor und Enno Bornfleth gibt
einen persönlich gefärbten Bericht aus seiner
Unterrichtspraxis.
Entwicklung des
Englischunterrichts an Hamburger Grundschulen
In der Freien und Hansestadt Hamburg kann der
Englischunterricht an Volksschulen auf eine lange Tradition
zurückblicken. Bereits 1870, als es noch keine
Sonderschulen gab, wurde Englisch als
"uneingeschränktes Pflichtfach" (LEHBERGER 1990, 16) in
der Volksschule verankert. Damals wurde die Begründung
dafür im wesentlichen in der Bedeutung für den
Handel der Stadt gesehen, und so ist es nicht weiter
verwunderlich, dass Mädchen alternativ auch
Handarbeitsunterricht erhalten konnten.
Fast 100 Jahre später, 1964, einigten sich die
Ministerpräsidenten der Bundesländer im
sogenannten Hamburger Abkommen auf die verbindliche
Einführung von Englisch als Pflichtfach an
Hauptschulen.
Im Jahre 1990 wurden in Hamburg auf Veranlassung
höchster Regierungskreise - wohl auch vor dem
Hintergrund des Zusammenrückens Europas - erste
Vorüberlegungen für die Etablierung von
Fremdsprachen in der Grundschule angestellt. In der dem
Stadtstaat eigenen pragmatischen Vorgehensweise wurden
zunächst Zeitzeugen befragt, die bereits in den
sechziger und siebziger Jahren erste, in Fachpublikationen
begeistert dokumentierte, aber dennoch im Sande verlaufende
Versuche mit 'Frühenglisch' angestellt hatten. Das
Ergebnis der Gespräche lautete:
- Wenn Fremdsprachen in der Grundschule, dann für
alle, um für die weiterführenden Schulen keine
ungleichen Voraussetzungen zu schaffen.
- Aus demselben Grund Beschränkung auf eine
Fremdsprache: Englisch.
- Die Einführung muss mit einer intensiven
Lehrerfortbildung verbunden werden.
- Die Einführung muss mit einer seriösen
wissenschaftlichen Begleitung verbunden werden.
- Es müssen je zwei Unterrichtsstunden in den
Klassen 3 und 4 zur Verfügung gestellt werden.
- Es sollte in einem geschlossenen größeren
Wohngebiet versuchsweise begonnen werden.
Auf dieser Grundlage wurde im Schuljahr 1991/92 in
fünf Grundschulen mit dem Schulversuch begonnen, der
sich so positiv entwickelte (KAHL/KNEBLER 1996), dass mit
dem Schuljahr 1994/95 die flächendeckende
Einführung von Englisch in einem Mehrjahresplan
beschlossen wurde. Im Schuljahr 1999/2000 werden
sämtliche Hamburger Grundschüler in den Klassen 3
und 4 Englisch lernen. Die unterrichtliche Grundlage bietet
ein vorläufiger Rahmenplan, der 1995 erstellt
wurde.
zum Anfang
Englisch in der Grundstufe der
Förderschule
Der Englischunterricht in den allgemeinen Grundschulen
erfreute sich bei allen Beteiligten insgesamt
größter Beliebtheit, auch wenn in Lehrerkreisen
im Vorfeld immer wieder Bedenken gegen die Einführung
dieses als schwierig geltenden und in der deutschen
Bildungstradition als Selektionsfach herhaltenden Faches
geäußert wurden (BÖRNER 1997a,b; auch
KAHL/KNEBLER 1996). Erfreulicherweise erwiesen sich auch die
Rückmeldungen aus Integrationsklassen und den
vereinzelt beteiligten Sprachheilschulen als durchgehend
sehr positiv.
Nicht beteiligt an der Einführung waren allerdings
zunächst die Förderschulen, in denen selbst im
Sekundarbereich Fremdsprachen keine Rolle spielten und
allenfalls von besonders engagierten Lehrkräften mit
einer gewissen Beliebigkeit Grundlagen der englischen
Sprache vermittelt wurden.
Zwei zunächst äußerliche Gründe
führten dazu, dass ab dem Schuljahr 1997/98 auch an
sämtlichen Hamburger Förderschulen in Klasse 3 der
Primarstufe Englischunterricht verbindlich erteilt wird:
Erstens die Durchlässigkeit des Schulsystems, die zu
Schulformwechseln zwischen Allgemeiner und Förderschule
führt, zweitens der massiv vorgetragene Elternwunsch.
Ermutigung dazu kam aus der Fachdidaktik, die unter
anderem auf die Mehrsprachigkeit von Kindern in bilingualen
Ländern verwies, sich auf neue kindgemäße
Sprachaneignungsmethoden berief (BACH/TIMM 1996) und den
bereits in der Lebenswelt der Kinder vorhandenen
großen englischen Wortschatz geltend machte. Als
bildungspolitische Forderung muss darüber hinaus
gelten, dass das Erlernen von Fremdsprachen heute neben
Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen als eine
Kulturtechnik für die Orientierung in der Welt von
morgen anerkannt wird. Diese Forderung findet starke
Unterstützung auch in Verlautbarungen
gesamteuropäischer Gremien.
In Hamburg wurden für die Kollegen, die Englisch in
der Primarstufe der Förderschule erteilen sollten,
verbindliche Jahreskurse eingerichtet, in denen sie vor
allem methodisch, aber auch sprachlich auf die neue Aufgabe
vorbereitet werden sollen.
zum Anfang
Durchführung des
Unterrichts
Für den Fremdsprachenerwerb, insbesondere bei jungen
Lernern, ist eine Reihe von Prinzipien zu
berücksichtigen, die wir neueren
Spracherwerbsforschungen (z. B. KRASHEN 1985) verdanken, die
aber auch bereits in früheren fachdidaktischen
Veröffentlichungen unter dem Stichwort 'kommunikative
Kompetenz als oberstes Lernziel' (PIEPHO 1974) Einzug in die
Unterrichtspraxis gefunden haben. Wir sprechen danach lieber
von Sprachaneignung als Sprachenlernen, wobei als
methodische Schwierigkeit für die Lehrenden die
unterschiedlichen Lernertypen nicht außer Acht
gelassen werden dürfen. Auf die daraus resultierende
Notwendigkeit der inneren Differenzierung des Unterrichts
kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
Es sollen aber einige der leitenden Grundsätze
für den Englischunterricht in der Primarstufe, die
gleichermaßen für die Förderschule gelten,
hier vorgestellt werden.
Unterrichtssprache: Englisch ist
Verständigungsmittel. Das gilt insbesondere für
den sogenannten classroom discourse, also die für den
aktuellen Unterrichtsablauf erforderliche Sprache. Es muss
grundsätzlich nichts übersetzt werden.
Schülerorientierung: Die jeweilige schulische
Situation soll Ausgangspunkt des Unterrichts sein. Die
Schüler sollen 'als sie selber' handeln und nicht
primär sprachlich richtig 'funktionieren'. Ihre
fremdsprachlichen Vorerfahrungen - die im lexikalischen
Bereich zum Teil erheblich sind - müssen als
großes Kapital Berücksichtigung finden. Dabei ist
Verständlichkeit vor Korrektheit zu setzen.
Themenorientierung: Es kann beim Fremdsprachenerwerb
nicht um das Abarbeiten einer linear ausgerichteten
grammatischen Progression gehen: zunächst wird die
Verlaufsform in der Gegenwart geübt, dann die einfache
Gegenwart, dann die Vergangenheit, und so weiter. Vielmehr
lernen die Kinder, sich in ihrer Lebenswelt auch
fremdsprachlich zu bewegen. Die Unterrichtsinhalte
müssen einen 'Sitz im Leben' der Lernenden haben.
Dafür haben wir neun Themenbereiche zugrunde gelegt,
die nun auch nicht ihrerseits linear abgearbeitet werden
sollen, sondern im Sinne eines learning by opportunity den
Unterrichtsgang bestimmen sollen. Zu den Themenbereichen
gehören unter anderem Me about myself, My class, My
family, Animals and pets.
Hören und Sprechen: Die mündlichen Fertigkeiten
sind entscheidend, auch im späteren Leben. Das
Schreiben der schwierigen englischen Sprache spielt hier im
Unterricht keine Rolle; gelesen wird nur, wenn es als
Verstehenshilfe dient.
Musische Aktivitäten: Lieder, rhythmisches Sprechen,
Tanz, Spiel, Gestik, Mimik und darstellendes Spiel sind
wichtige Mittel für den Erwerb und die Anwendung
sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten.
Variierendes Üben: Nachsprechen und Wiederholen
bereitet den Kindern besonderes Vergnügen. Dieses gilt
es zu nutzen, und die Sprechzeiten sollen durch das
bewährte Mittel des Chorsprechens erhöht
werden.
Unterrichtszeit: Die nominell zugewiesenen zwei
Unterrichtsstunden sollen nicht als isolierte
45-Minuten-Einheiten erteilt werden, sondern mit einer
möglichst täglichen 'Englischzeit' über die
Woche verteilt werden. Das setzt voraus, dass möglichst
die Klassenlehrerin beziehungsweise der Klassenlehrer den
Unterricht erteilt. Dabei kann es sich auch ergeben, dass
einzelne Sequenzen anderer Unterrichtsbereiche auf Englisch
durchgeführt werden, etwa Musik, Rechnen, Sport oder
Bildnerisches Gestalten.
zum Anfang
Schwierigkeiten
Die Einführung von Englisch kostet Geld. Ohne feste
Verankerung in der Stundentafel bleibt es Stückwerk. Es
muss ein solider Grundstock an Unterrichtsmitteln
bereitgestellt werden. Dabei muss selbstverständlich
auch die Weiterführung auf der Sekundarstufe in den
Blick genommen werden.
Die Lehrerfortbildung muss auf einer soliden Grundlage
durchgeführt werden. Hamburg hat es dabei
organisatorisch als Stadtstaat
verhältnismäßig einfach, weil hier mit der
Möglichkeit von vorbereitenden und begleitenden
Jahreskursen gute Angebote gemacht werden können. Aber
auch fünftägige Kompaktkurse in der
unterrichtsfreien Zeit haben sich bewährt, und
ergänzend gibt es gute Möglichkeiten für
Kurse im englischsprachigen Ausland, die mit
europäischen Geldern gefördert werden.
Schließlich müssen die Lehrkräfte
für diese neue Aufgabe gewonnen werden. Manchen steht
ihre eigene Biographie im Wege, wenn sie Englisch als
'schwieriges' Fach erlebt haben, insbesondere, weil sie es
mit Memorieren von Vokabeln und Pauken von grammatischen
Regeln verbinden. Aber auch die Sorge, Kinder zu
überfordern, spielt häufig eine Rolle für die
Ablehnung.
Die Ergebnisse unserer Untersuchung, die Frau
Wendt-Scholz im folgenden Abschnitt vorstellen wird,
widerlegen dieses, insbesondere bei der Gruppe der nicht
Deutsch sprechenden Kinder, und auch die Ausführungen
aus der Praxis von Herrn Bornfleth belegen, dass Englisch
eine Bereicherung des Unterrichts in der Primarstufe der
Förderschule ist.
zum Anfang
Durchführung und Ergebnisse
einer Untersuchung an Hamburger Förderschulen
Vorbemerkungen
Insgesamt konnten 35 Fragebögen ausgewertet werden.
Aufgrund der ausführlichen Beantwortung durch die
Lehrerinnen ist ein Überblick entstanden, was zur Zeit
im Englischunterricht der Klassen 3 und 4 an
Förderschulen in Hamburg möglich ist.
Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
- Von den befragten Lehrkräften unterrichten 29
als Klassenlehrerin und fünf als Fachlehrerin. Davon
sind siebzehn Lehrkräfte in Klasse 3 und dreizehn in
Klasse 4; jeweils zwei in Klasse 2/3 und 3/4; die
Hälfte der Lehrkräfte unterrichtet täglich
mit ungefähr zehn bis zwanzig Minuten Dauer. Da die
Lehrer zu unterschiedlichen Zeiten im Schuljahr mit dem
Englischunterricht angefangen haben und unterschiedlich
lange und häufig Englisch unterrichtet haben,
differieren die Englischerfahrungen.
- Aus dem Grundschul-Rahmenplan wurden am
häufigsten die Themenkreise Über mich, Familie,
Körperteile und Feste feiern im Englischunterricht
besprochen. Sehr oft wurden das Benennen von Farben und
Zahlen sowie das Begrüßen und Verabschieden in
Englisch geübt.
- Bei der Einschätzung von den Lehrkräften,
ob die aus dem Grundschul-Rahmenplan ausgewählten
Ziele gut, zum Teil, kaum oder nicht erreicht wurden, ist
festzustellen, dass z. B. das Verständnis im
classroom discourse, bei Äußerungen von
Klassenkameraden und innerhalb der Themenkreise
überwiegend positiv beurteilt wird, ebenso
Begrüßungsformeln, zusammen Spielen und Singen
in Englisch. Beim Verständnis von Aussagen innerhalb
der besprochenen Themenkreise stehen neunzehn positive
zwölf negativen Aussagen gegenüber.
- Alle Ziele, bei denen Lesen notwendig ist, wurden
überwiegend nicht erreicht. Das ist aber auch nicht
problematisch, da Lesen in dieser Klassenstufe auch noch
kein Lernziel in Englisch darstellt.
- Bei Betrachtung der wesentlichen Vor- und Nachteile
des Englischunterrichts in der Primarstufe der
Förderschule fällt besonders die häufig
genannte hohe Motivation der Schüler für die
englische Sprache auf ('ein so großes Interesse,
das wir wohl in keinem anderen Fach haben'; 'die
Erfahrungen sind überwiegend positiv'; 'die
Schülerinnen nehmen Englisch als neu und spannend
auf und haben viel Spaß').
- Dieses lässt sich unter anderem damit
erklären, dass Kinder aufgrund der zunehmenden
Anglisierung unserer Alltagssprache bereits viele
Wörter und Wendungen erkennen; außerdem wissen
die Schülerinnen, dass Englisch an anderen Schulen
unterrichtet wird, und sie wollen nicht ausgegrenzt
werden. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz und die
gemeinsamen Lernvoraussetzungen aller Schüler sind
von zentraler Bedeutung. Das Selbstbewusstsein wird
gestärkt, und aufgrund des gemeinsamen Neubeginns
für alle, haben die Schülerinnen die
Möglichkeit, neu zu starten. Somit bietet Englisch
Möglichkeiten, die von der Förderschule
unbedingt zu nutzen sind. Eine große Rolle für
die positiven Einschätzungen spielen auch die
angewandten methodischen Verfahren wie z. B. der
spielerische Ansatz und die musische Komponente mit
Liedern und Reimen.
- Bei der Aufzählung der Nachteile steht das
befürchtete Scheitern in Englisch aufgrund
unzureichender Deutschkenntnisse im Vordergrund. Viele
Lehrkräfte haben Angst, dass die Schüler nun
nicht eine Sprache richtig können; die
Schwierigkeiten im deutschsprachigen Unterricht
würden sich potenzieren. Aufgrund problematischer
Klassensituationen, besonders zu Beginn der dritten
Klasse, läge die Priorität eigentlich in
Erziehungsaufgaben; diese Aspekte seien wichtiger,
kosteten Zeit, und daraufhin käme Englisch zu kurz,
da diese Probleme vorrangig behandelt werden
müssten.
- Sieben Lehrkräfte sehen den noch nicht
abgeschlossenen Leselehrgang als Nachteil; wie schon
erwähnt, stellt allerdings das Lesen kein Lernziel
in dieser Klassenstufe dar.
- Lehrerinnen, die angegeben haben, sie hätten
kaum oder gar nicht die Lernziele des
Grundschul-Rahmenplans ereicht, erwähnen häufig
- neben den unzureichenden Deutschkenntnissen - als
Nachteil den hohen Anteil ausländischer Schüler
mit der besonderen Problematik der dritten zu erlernenden
Sprache. Dem gegenüber beschreiben die
Lehrkräfte, die die Ziele zur Hälfte oder
überwiegend erreicht haben, zwar zum Teil auch diese
Aspekte, aber bei denen überwiegen die Vorteile
(Motivation, Stolz, keine nationalen Unterschiede,
gesellschaftliche Akzeptanz, frühe Begegnung mit
einer Fremdsprache). Möglicherweise hat die
Einstellung der Lehrkräfte zum Fach etwas mit dem
Grad der Zielerreichung zu tun.
- Die Daten aus dem Fragebogen belegen, dass nur acht
Lehrkräfte negative Unterschiede bei den
ausländischen Schülerinnen festgestellt
haben.
- Als Nachteile werden auch förderschulspezifische
Probleme (geringe Konzentrationsspanne, geringe
Merkfähigkeit, geringe Lernfortschritte,
Notwendigkeit, ständig zu wiederholen)
aufgezählt.
- Dieses können keine Gründe sein, mit dem
Englischunterricht nicht so früh zu beginnen, denn
diese Aspekte verlangen von Sonderpädagoginnen
Maßnahmen, wie sie auch in den anderen
Unterrichtsfächern notwendig sind.
- Ein besonderer Fragenaspekt bezog sich auf den
Einsatz von Computern im Englischunterricht. zwölf
Kolleginnen konnten ihn schon nutzen und haben
überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Der
Computer ergänze den Englischunterricht sinnvoll, da
er für die Differenzierung und zur
Einzelförderung eingesetzt werden könne.
Außerdem seien die Schülerinnen hoch motiviert
und stolz, mit diesem Medium umzugehen. Allerdings
fehlten spezielle Programme für die
Förderschule. Bisher wurde mit dem Programm Kooky
gearbeitet; dieses Programm ist ansprechend und
motivierend, wird aber zu schnell zu schwierig.
- Es ist ein Zusammenhang zu erkennen zwischen der
Häufigkeit des Englischunterrichts und der
Zielerreichung. Das tägliche Sprechen ist auf jeden
Fall effektiver. Durch das tägliche Üben bleibt
die Motivation erhalten; die Schülerinnen erkennen
Begriffe und Phrasen wieder, und die Lehrerinnen sehen
eher kleine Lernfortschritte.
Konsequenzen
- Es ist eine deutliche Abkehr vom linear orientiertem
herkömmlichen Fremdsprachenunterricht hin zu einem
schüler- und handlungsorientierten
Englischunterricht notwendig, wie er in der Fachdidaktik
eindeutig vertreten wird. In einem handlungsorientiertem
Englischunterricht soll mit Sprache etwas getan werden.
Das Thema ist dabei entscheidend, wobei 'Thema' nicht ein
sprachliches Teilsystem wie Grammatik, Lexik oder
Phonetik bedeutet. Es ist zum Beispiel kein eigenes
Unterrichtsthema, dass Schülerinnen das th richtig
aussprechen; ebenso ist das s in der Dritten Person
Singular kein Thema, das erst 'eingeführt' werden
muss; vielmehr wird es angewendet und nur dann
erklärt, wenn Schüler danach fragen.
- Lehrkräfte, die unzufrieden mit ihrem
Englischunterricht sind, erwarten häufig, gemessen
an den Teilsystemen, zuviel von den Schülerinnen.
Sicher sind eine gute Aussprache, ein großer
Wortschatz und die richtige Grammatik wichtig, aber
wichtiger ist, dass die Schülerinnen etwas mit
Sprache anfangen können, z. B. die Klassensituation
in Englisch bewältigen.
- Dieses greift nur, wenn der Englischunterricht
einsprachig erfolgt, denn ansonsten bringt es massive
Nachteile den Kindern gegenüber, die nicht über
Deutsch als Muttersprache verfügen.
- Englisch sollte in der Förderschule keine
Sonderrolle bekommen. Es gelten die
sonderpädagogischen Gegebenheiten (häufige
Wiederholungen, Handlungsorientierung, Einbeziehung aller
Sinne, Kleinschrittigkeit, Anschaulichkeit,
Ritualisierung, etc.) wie in den anderen
Unterrichtsfächern auch.
- Die Antworten auf die Frage, zu welchem Zeitpunkt mit
dem Englischunterricht an Förderschulen begonnen
werden sollte, fiel in dem Fragebogen unterschiedlich
aus.
Für einen möglichst frühen Beginn sprechen
- neben dem Ausnutzen der hohen Motivation - die Tatsache,
dass in den Grundschulen mit Englisch in der dritten Klasse
begonnen wird und eventuell ein Umschüler
Englischkenntnisse hätte, die dann brach lägen.
Wenn die dritten Klassen an Förderschulen neu
zusammengesetzt werden, wäre das Fach Englisch für
alle neu und böte eine gemeinsame
Startmöglichkeit. Andererseits spricht gerade die neue
Klassensituation zu Beginn der dritten Klasse mit den
vielfältigen Schwierigkeiten und der notwendigen
Priorität in Erziehungsaufgaben für einen
späteren Beginn des Englischunterrichts
Somit ist darüber nachzudenken, ob eventuell erst zu
Beginn des zweiten Schulhalbjahres in der dritten Klasse mit
Englisch an Förderschulen begonnen werden sollte.
zum Anfang
Persönlicher
Praxisbericht
Auch für Schülerinnen mit Lernbehinderungen ist
die englische Sprache sehr attraktiv. Davon konnten sich die
Gäste des Sonderpädagogischen Kongresses in
Hannover anläßlich der
Eröffnungsveranstaltung eindrucksvoll überzeugen.
Sämtliche vorgetragenen Lieder waren in englischer
Sprache. Diese gelungene und fröhliche Darbietung ist
für mich als Sonderpädagoge ein weiterer Beleg
dafür, dass es Sinn macht, bereits Kinder in der
Unterstufe der Förderschule bzw. Schule für
Lernbehinderte mit der englischen Sprache zu konfrontieren.
Diese Einstellung war bei mir anfangs keineswegs vorhanden.
Ich stand dem Unterrichtsversuch 'Englisch in der
Primarstufe der Förderschule' sehr skeptisch und eher
ablehnend gegenüber.
Ich sah zunächst nur Problembereiche:
- Ich wurde an meinen eigenen Englischunterricht
erinnert, der für mich sehr negativ, ja sogar
angstbesetzt war.
- Ich hatte keinerlei Vorerfahrungen in der Vermittlung
der englischen Sprache. Seit Jahren hatte ich nicht mehr
zielgerichtet die englische Sprache benutzt.
- Ein polnischer Junge hatte neben erheblichen
Sprachauffälligkeiten auch noch Probleme im
Verstehen der deutschen Sprache.
Meine dreizehn Schüler hatten am Ende des dritten
Schuljahres ja noch nicht einmal den Erstlese- und
Schreib-lehrgang abgeschlossen und jetzt auch noch Englisch?
Ich versuchte es trotzdem. Dabei war mir klar, dass ich
andere Wege beschreiten musste als die, die ich aus dem
herkömmlichen Englischunterricht kannte.
Ich begann zunächst mit englischen Liedern, die an
verschiedene Körperbewegungen und Spiele gekoppelt
waren und war selbst begeistert, wie aktiv, motiviert,
ausdauernd und diszipliniert die Kinder den Unterricht in
der neuen Sprache angenommen haben.
Eine begleitende Jahresfortbildung (allerdings für
den Grundschulbereich) war sehr hilfreich, um meinem
Unterricht eine Struktur zu geben und um ihn
abwechslungsreich zu gestalten. Wie sieht der Unterricht in
englischer Sprache nun aus? Die Aneignung der Sprache
erfolgt spielerisch und lustbetont. Zu den spielerischen
Elementen gehören: Lieder und Spiele aller Art:
Hörverständnisspiele, Rate- und Befehlsspiele,
Bewegungsspiele, Singspiele, Rollen- und Materialspiele.
Dazu zählen Reime, das Hantieren mit Spielen,
Gegenständen, Bildkarten, Zeichen- und Ausmalvorlagen.
Der Schulvormittag bietet auch für den
Englischunterricht verschiedene Sprech- und
Handlungsanlässe. Für einen
fächerübergreifenden Unterricht eignen sich
besonders die Lernbereiche Musik, Kunst, Sport,
Essen/Frühstück.
Als zwei besondere didaktische Aspekte seien genannt:
- Die Erlebniswelt der Schüler
berücksichtigen, um ihre Sprech- und
Spielbereitschaft zu erhöhen und zu erhalten. z.B.
Die Schüler fanden es spannend, einen englischen
Namen zu bekommen und ihre Telefonnummer in englischer
Sprache angeben zu können.
- Die Fertigkeiten des Hörens, Verstehens und
Sprechens stehen im Vordergrund, d.h. Verzicht auf Lesen
und Schreiben.
- Wie in allen anderen Unterrichtsfächern so gilt
auch für den Englischunterricht die
Berücksichtigung der sonderpädagogischen
Spezifika:
- Zeit gewähren,
- häufige Wiederholungen,
- variationsreiches, wiederholendes Üben,
- Kleinschrittigkeit,
- Entspannungsphasen ,
- Anschaulichkeit,
- möglichst ganzheitliche Vermittlung.
Als Übungsmöglichkeiten bieten sich an:
- Vor- und Nachsprechen: Die Lehrkraft spricht vor,
Schüler wiederholen zunächst gemeinsam, alle
Jungen, alle Mädchen, einzeln ...;
- Sprechen mit situationsgemäßer Mimik und
Gestik verbinden;
- Rhythmisches Sprechen, z.B. Klatschen oder Sprechen
mit bestimmter Stimmführung;
- Satz- und Handlungsketten in denen sich Schüler
gegenseitig ansprechen. Durch Satz- und Handlungsketten
sollen bestimmte Redewendungen geübt und gefestigt
werden. Vorteil: Jeder Schüler wird sprachlich
einbezogen;
- Reime und Lieder, die dem Bewegungsdrang der
Schüler entgegenkommen, weil sie zum Mitmachen und
Sichbewegen auffordern;
- konzentrationsintensive bewegungsärmere
Lernphasen, in denen es um die Schulung des
Hörverstehens oder das Vorlesen und Erzählen
kleiner englischer Geschichten geht.
- So macht der Englischunterricht auch in der
Förderschule Spaß!
zum Anfang
Zusammenfassende
Einschätzung
Die Hamburger Erfahrungen mit der Einführung von
Englisch in den Klassen 3 und 4 der Förderschulen haben
ermutigende Ergebnisse gebracht. Es haben sich keine
entscheidenden Befunde ergeben, die zu einer Ausgrenzung
dieser Schülergruppe führen müssen.
Voraussetzungen sind finanzielle Mittel, insbesondere auch
für eine gründliche Lehrerfortbildung. Es lohnt
sich, diesen Ansatz bundesweit zu verfolgen und weiter zu
entwickeln.
Literatur
BACH, G./TIMM, J.- P.: Englischunterricht. Grundlagen und
Methoden einer handlungsorientierten Unterrichtspraxis.
Tübungen 1996
BÖRNER, O.: Zur Akzeptanz von Englisch in der
Grundschule. In: Englisch (1997) 3
BÖRNER, O.: Eine Fremdsprache für alle in
Klasse 3? In: Die Grundschulzeitschrift (1997) Heft 107
FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, Behörde für
Schule, Jugend und Berufsbildung: Englisch in der
Grundschule. Informationsbroschüre. Hamburg 1995
FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, Behörde für
Schule, Jugend und Berufsbildung: Vorläufiger
Rahmenplan Englisch in den Klassen 3 und 4 der Grundschule.
Hamburg 1995
FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, Behörde für
Schule, Jugend und Berufsbildung: Englisch auf der
Sekundarstufe I an Förderschulen. Unterrichtskonzept
(Entwurf). Hamburg 1997
KAHL, P./KNEBLER, U.: Englisch in der Grundschule - und
dann? Evaluation des Hamburger Schulversuchs Englisch ab
Klasse 3. Berlin 1996
KRASHEN, S.: Principles and practice in second language
acquisition. Oxford (Pergamon) 1985
LEHBERGER, R.: Englischunterricht an Hamburger
Volksschulen 1870-1945. Hamburg 1990
NIEDERSÄCHSISCHES KULTUSMINISTERIUM:
Didaktisch-methodische Empfehlungen für das
Fremdsprachenlernen in der Grundschule. Hannover 1995
PIEPHO, H.-E.: Kommunikative Kompetenz als
übergeordnetes Lernziel im Englischunterricht.
Dornbusch-Frickhofen 1974
Piepho, H.-E.: Englisch in der Grundschule.
Handreichungen und Materialien für den
Fremdsprachenunterricht in der Grundschule. Bochum 1992
VATER, B.: Take a chance 1 und 2. Rheinbreitbach 1993
WENDT-SCHOLZ, K.: Englisch in der Primarstufe der
Förderschule. Ergebnis einer Fragebogenaktion
(Manuskript). Hamburg 1998
WINDOLPH, E.: Englisch - verbindlicher Unterrichtsinhalt
in der Schule für Lernhilfe? In: Schulverwaltung.
Ausgabe Niedersachsen (1998) 2
Anschrift der Verfasser:
Otfried Börner
Institut für Lehrerfortbildung
Felix-Dahn-Straße 3
20357 Hamburg
Enno Bornfleth
Anne-Frank-Schule
Hohnerkamp 58
22175 Hamburg
Kerstin Wendt-Scholz,
Fuhlendorfweg 35l
22589 Hamburg
© vds, Fachverband für
Behindertenpädagogik 1999
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