Entwicklungen - Standort - Perspektiven

Sonderpädagogischer Kongress in Hannover 1998

2.22

Otfried Börner / Kerstin Wendt-Scholz / Enno Bornfleth

 

Englischunterricht in der Grundstufe der Förderschule

 

Entwicklung des Englischunterrichts an Hamburger Grundschulen
Englisch in der Grundstufe der Förderschule
Durchführung des Unterrichts
Schwierigkeiten
Durchführung und Ergebnisse einer Untersuchung an Hamburger Förderschulen
Konsequenzen
Persönlicher Praxisbericht
Zusammenfassende Einschätzung
Literatur
Anschrift der Verfasser

Der vorliegende Beitrag setzt sich aus drei Teilen zusammen. Otfried Börner berichtet über Grundlagen und die organisatorische Einführung von Englisch in der Grundstufe der Hamburger Förderschulen, Kerstin Wendt-Scholz stellt die Ergebnisse einer von ihr durchgeführten Untersuchung vor und Enno Bornfleth gibt einen persönlich gefärbten Bericht aus seiner Unterrichtspraxis.

 

Entwicklung des Englischunterrichts an Hamburger Grundschulen

In der Freien und Hansestadt Hamburg kann der Englischunterricht an Volksschulen auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits 1870, als es noch keine Sonderschulen gab, wurde Englisch als "uneingeschränktes Pflichtfach" (LEHBERGER 1990, 16) in der Volksschule verankert. Damals wurde die Begründung dafür im wesentlichen in der Bedeutung für den Handel der Stadt gesehen, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass Mädchen alternativ auch Handarbeitsunterricht erhalten konnten.

Fast 100 Jahre später, 1964, einigten sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer im sogenannten Hamburger Abkommen auf die verbindliche Einführung von Englisch als Pflichtfach an Hauptschulen.

Im Jahre 1990 wurden in Hamburg auf Veranlassung höchster Regierungskreise - wohl auch vor dem Hintergrund des Zusammenrückens Europas - erste Vorüberlegungen für die Etablierung von Fremdsprachen in der Grundschule angestellt. In der dem Stadtstaat eigenen pragmatischen Vorgehensweise wurden zunächst Zeitzeugen befragt, die bereits in den sechziger und siebziger Jahren erste, in Fachpublikationen begeistert dokumentierte, aber dennoch im Sande verlaufende Versuche mit 'Frühenglisch' angestellt hatten. Das Ergebnis der Gespräche lautete:

  • Wenn Fremdsprachen in der Grundschule, dann für alle, um für die weiterführenden Schulen keine ungleichen Voraussetzungen zu schaffen.
  • Aus demselben Grund Beschränkung auf eine Fremdsprache: Englisch.
  • Die Einführung muss mit einer intensiven Lehrerfortbildung verbunden werden.
  • Die Einführung muss mit einer seriösen wissenschaftlichen Begleitung verbunden werden.
  • Es müssen je zwei Unterrichtsstunden in den Klassen 3 und 4 zur Verfügung gestellt werden.
  • Es sollte in einem geschlossenen größeren Wohngebiet versuchsweise begonnen werden.

 

Auf dieser Grundlage wurde im Schuljahr 1991/92 in fünf Grundschulen mit dem Schulversuch begonnen, der sich so positiv entwickelte (KAHL/KNEBLER 1996), dass mit dem Schuljahr 1994/95 die flächendeckende Einführung von Englisch in einem Mehrjahresplan beschlossen wurde. Im Schuljahr 1999/2000 werden sämtliche Hamburger Grundschüler in den Klassen 3 und 4 Englisch lernen. Die unterrichtliche Grundlage bietet ein vorläufiger Rahmenplan, der 1995 erstellt wurde.

 

zum Anfang

Englisch in der Grundstufe der Förderschule

Der Englischunterricht in den allgemeinen Grundschulen erfreute sich bei allen Beteiligten insgesamt größter Beliebtheit, auch wenn in Lehrerkreisen im Vorfeld immer wieder Bedenken gegen die Einführung dieses als schwierig geltenden und in der deutschen Bildungstradition als Selektionsfach herhaltenden Faches geäußert wurden (BÖRNER 1997a,b; auch KAHL/KNEBLER 1996). Erfreulicherweise erwiesen sich auch die Rückmeldungen aus Integrationsklassen und den vereinzelt beteiligten Sprachheilschulen als durchgehend sehr positiv.

Nicht beteiligt an der Einführung waren allerdings zunächst die Förderschulen, in denen selbst im Sekundarbereich Fremdsprachen keine Rolle spielten und allenfalls von besonders engagierten Lehrkräften mit einer gewissen Beliebigkeit Grundlagen der englischen Sprache vermittelt wurden.

Zwei zunächst äußerliche Gründe führten dazu, dass ab dem Schuljahr 1997/98 auch an sämtlichen Hamburger Förderschulen in Klasse 3 der Primarstufe Englischunterricht verbindlich erteilt wird: Erstens die Durchlässigkeit des Schulsystems, die zu Schulformwechseln zwischen Allgemeiner und Förderschule führt, zweitens der massiv vorgetragene Elternwunsch.

Ermutigung dazu kam aus der Fachdidaktik, die unter anderem auf die Mehrsprachigkeit von Kindern in bilingualen Ländern verwies, sich auf neue kindgemäße Sprachaneignungsmethoden berief (BACH/TIMM 1996) und den bereits in der Lebenswelt der Kinder vorhandenen großen englischen Wortschatz geltend machte. Als bildungspolitische Forderung muss darüber hinaus gelten, dass das Erlernen von Fremdsprachen heute neben Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen als eine Kulturtechnik für die Orientierung in der Welt von morgen anerkannt wird. Diese Forderung findet starke Unterstützung auch in Verlautbarungen gesamteuropäischer Gremien.

In Hamburg wurden für die Kollegen, die Englisch in der Primarstufe der Förderschule erteilen sollten, verbindliche Jahreskurse eingerichtet, in denen sie vor allem methodisch, aber auch sprachlich auf die neue Aufgabe vorbereitet werden sollen.

 

zum Anfang

Durchführung des Unterrichts

Für den Fremdsprachenerwerb, insbesondere bei jungen Lernern, ist eine Reihe von Prinzipien zu berücksichtigen, die wir neueren Spracherwerbsforschungen (z. B. KRASHEN 1985) verdanken, die aber auch bereits in früheren fachdidaktischen Veröffentlichungen unter dem Stichwort 'kommunikative Kompetenz als oberstes Lernziel' (PIEPHO 1974) Einzug in die Unterrichtspraxis gefunden haben. Wir sprechen danach lieber von Sprachaneignung als Sprachenlernen, wobei als methodische Schwierigkeit für die Lehrenden die unterschiedlichen Lernertypen nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Auf die daraus resultierende Notwendigkeit der inneren Differenzierung des Unterrichts kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

Es sollen aber einige der leitenden Grundsätze für den Englischunterricht in der Primarstufe, die gleichermaßen für die Förderschule gelten, hier vorgestellt werden.

Unterrichtssprache: Englisch ist Verständigungsmittel. Das gilt insbesondere für den sogenannten classroom discourse, also die für den aktuellen Unterrichtsablauf erforderliche Sprache. Es muss grundsätzlich nichts übersetzt werden.

Schülerorientierung: Die jeweilige schulische Situation soll Ausgangspunkt des Unterrichts sein. Die Schüler sollen 'als sie selber' handeln und nicht primär sprachlich richtig 'funktionieren'. Ihre fremdsprachlichen Vorerfahrungen - die im lexikalischen Bereich zum Teil erheblich sind - müssen als großes Kapital Berücksichtigung finden. Dabei ist Verständlichkeit vor Korrektheit zu setzen.

Themenorientierung: Es kann beim Fremdsprachenerwerb nicht um das Abarbeiten einer linear ausgerichteten grammatischen Progression gehen: zunächst wird die Verlaufsform in der Gegenwart geübt, dann die einfache Gegenwart, dann die Vergangenheit, und so weiter. Vielmehr lernen die Kinder, sich in ihrer Lebenswelt auch fremdsprachlich zu bewegen. Die Unterrichtsinhalte müssen einen 'Sitz im Leben' der Lernenden haben. Dafür haben wir neun Themenbereiche zugrunde gelegt, die nun auch nicht ihrerseits linear abgearbeitet werden sollen, sondern im Sinne eines learning by opportunity den Unterrichtsgang bestimmen sollen. Zu den Themenbereichen gehören unter anderem Me about myself, My class, My family, Animals and pets.

Hören und Sprechen: Die mündlichen Fertigkeiten sind entscheidend, auch im späteren Leben. Das Schreiben der schwierigen englischen Sprache spielt hier im Unterricht keine Rolle; gelesen wird nur, wenn es als Verstehenshilfe dient.

Musische Aktivitäten: Lieder, rhythmisches Sprechen, Tanz, Spiel, Gestik, Mimik und darstellendes Spiel sind wichtige Mittel für den Erwerb und die Anwendung sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten.

Variierendes Üben: Nachsprechen und Wiederholen bereitet den Kindern besonderes Vergnügen. Dieses gilt es zu nutzen, und die Sprechzeiten sollen durch das bewährte Mittel des Chorsprechens erhöht werden.

Unterrichtszeit: Die nominell zugewiesenen zwei Unterrichtsstunden sollen nicht als isolierte 45-Minuten-Einheiten erteilt werden, sondern mit einer möglichst täglichen 'Englischzeit' über die Woche verteilt werden. Das setzt voraus, dass möglichst die Klassenlehrerin beziehungsweise der Klassenlehrer den Unterricht erteilt. Dabei kann es sich auch ergeben, dass einzelne Sequenzen anderer Unterrichtsbereiche auf Englisch durchgeführt werden, etwa Musik, Rechnen, Sport oder Bildnerisches Gestalten.

 

zum Anfang

Schwierigkeiten

Die Einführung von Englisch kostet Geld. Ohne feste Verankerung in der Stundentafel bleibt es Stückwerk. Es muss ein solider Grundstock an Unterrichtsmitteln bereitgestellt werden. Dabei muss selbstverständlich auch die Weiterführung auf der Sekundarstufe in den Blick genommen werden.

Die Lehrerfortbildung muss auf einer soliden Grundlage durchgeführt werden. Hamburg hat es dabei organisatorisch als Stadtstaat verhältnismäßig einfach, weil hier mit der Möglichkeit von vorbereitenden und begleitenden Jahreskursen gute Angebote gemacht werden können. Aber auch fünftägige Kompaktkurse in der unterrichtsfreien Zeit haben sich bewährt, und ergänzend gibt es gute Möglichkeiten für Kurse im englischsprachigen Ausland, die mit europäischen Geldern gefördert werden.

Schließlich müssen die Lehrkräfte für diese neue Aufgabe gewonnen werden. Manchen steht ihre eigene Biographie im Wege, wenn sie Englisch als 'schwieriges' Fach erlebt haben, insbesondere, weil sie es mit Memorieren von Vokabeln und Pauken von grammatischen Regeln verbinden. Aber auch die Sorge, Kinder zu überfordern, spielt häufig eine Rolle für die Ablehnung.

Die Ergebnisse unserer Untersuchung, die Frau Wendt-Scholz im folgenden Abschnitt vorstellen wird, widerlegen dieses, insbesondere bei der Gruppe der nicht Deutsch sprechenden Kinder, und auch die Ausführungen aus der Praxis von Herrn Bornfleth belegen, dass Englisch eine Bereicherung des Unterrichts in der Primarstufe der Förderschule ist.

 

zum Anfang

Durchführung und Ergebnisse einer Untersuchung an Hamburger Förderschulen

Vorbemerkungen

Insgesamt konnten 35 Fragebögen ausgewertet werden. Aufgrund der ausführlichen Beantwortung durch die Lehrerinnen ist ein Überblick entstanden, was zur Zeit im Englischunterricht der Klassen 3 und 4 an Förderschulen in Hamburg möglich ist.

Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse

  • Von den befragten Lehrkräften unterrichten 29 als Klassenlehrerin und fünf als Fachlehrerin. Davon sind siebzehn Lehrkräfte in Klasse 3 und dreizehn in Klasse 4; jeweils zwei in Klasse 2/3 und 3/4; die Hälfte der Lehrkräfte unterrichtet täglich mit ungefähr zehn bis zwanzig Minuten Dauer. Da die Lehrer zu unterschiedlichen Zeiten im Schuljahr mit dem Englischunterricht angefangen haben und unterschiedlich lange und häufig Englisch unterrichtet haben, differieren die Englischerfahrungen.
  • Aus dem Grundschul-Rahmenplan wurden am häufigsten die Themenkreise Über mich, Familie, Körperteile und Feste feiern im Englischunterricht besprochen. Sehr oft wurden das Benennen von Farben und Zahlen sowie das Begrüßen und Verabschieden in Englisch geübt.
  • Bei der Einschätzung von den Lehrkräften, ob die aus dem Grundschul-Rahmenplan ausgewählten Ziele gut, zum Teil, kaum oder nicht erreicht wurden, ist festzustellen, dass z. B. das Verständnis im classroom discourse, bei Äußerungen von Klassenkameraden und innerhalb der Themenkreise überwiegend positiv beurteilt wird, ebenso Begrüßungsformeln, zusammen Spielen und Singen in Englisch. Beim Verständnis von Aussagen innerhalb der besprochenen Themenkreise stehen neunzehn positive zwölf negativen Aussagen gegenüber.
  • Alle Ziele, bei denen Lesen notwendig ist, wurden überwiegend nicht erreicht. Das ist aber auch nicht problematisch, da Lesen in dieser Klassenstufe auch noch kein Lernziel in Englisch darstellt.
  • Bei Betrachtung der wesentlichen Vor- und Nachteile des Englischunterrichts in der Primarstufe der Förderschule fällt besonders die häufig genannte hohe Motivation der Schüler für die englische Sprache auf ('ein so großes Interesse, das wir wohl in keinem anderen Fach haben'; 'die Erfahrungen sind überwiegend positiv'; 'die Schülerinnen nehmen Englisch als neu und spannend auf und haben viel Spaß').
  • Dieses lässt sich unter anderem damit erklären, dass Kinder aufgrund der zunehmenden Anglisierung unserer Alltagssprache bereits viele Wörter und Wendungen erkennen; außerdem wissen die Schülerinnen, dass Englisch an anderen Schulen unterrichtet wird, und sie wollen nicht ausgegrenzt werden. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz und die gemeinsamen Lernvoraussetzungen aller Schüler sind von zentraler Bedeutung. Das Selbstbewusstsein wird gestärkt, und aufgrund des gemeinsamen Neubeginns für alle, haben die Schülerinnen die Möglichkeit, neu zu starten. Somit bietet Englisch Möglichkeiten, die von der Förderschule unbedingt zu nutzen sind. Eine große Rolle für die positiven Einschätzungen spielen auch die angewandten methodischen Verfahren wie z. B. der spielerische Ansatz und die musische Komponente mit Liedern und Reimen.
  • Bei der Aufzählung der Nachteile steht das befürchtete Scheitern in Englisch aufgrund unzureichender Deutschkenntnisse im Vordergrund. Viele Lehrkräfte haben Angst, dass die Schüler nun nicht eine Sprache richtig können; die Schwierigkeiten im deutschsprachigen Unterricht würden sich potenzieren. Aufgrund problematischer Klassensituationen, besonders zu Beginn der dritten Klasse, läge die Priorität eigentlich in Erziehungsaufgaben; diese Aspekte seien wichtiger, kosteten Zeit, und daraufhin käme Englisch zu kurz, da diese Probleme vorrangig behandelt werden müssten.
  • Sieben Lehrkräfte sehen den noch nicht abgeschlossenen Leselehrgang als Nachteil; wie schon erwähnt, stellt allerdings das Lesen kein Lernziel in dieser Klassenstufe dar.
  • Lehrerinnen, die angegeben haben, sie hätten kaum oder gar nicht die Lernziele des Grundschul-Rahmenplans ereicht, erwähnen häufig - neben den unzureichenden Deutschkenntnissen - als Nachteil den hohen Anteil ausländischer Schüler mit der besonderen Problematik der dritten zu erlernenden Sprache. Dem gegenüber beschreiben die Lehrkräfte, die die Ziele zur Hälfte oder überwiegend erreicht haben, zwar zum Teil auch diese Aspekte, aber bei denen überwiegen die Vorteile (Motivation, Stolz, keine nationalen Unterschiede, gesellschaftliche Akzeptanz, frühe Begegnung mit einer Fremdsprache). Möglicherweise hat die Einstellung der Lehrkräfte zum Fach etwas mit dem Grad der Zielerreichung zu tun.
  • Die Daten aus dem Fragebogen belegen, dass nur acht Lehrkräfte negative Unterschiede bei den ausländischen Schülerinnen festgestellt haben.
  • Als Nachteile werden auch förderschulspezifische Probleme (geringe Konzentrationsspanne, geringe Merkfähigkeit, geringe Lernfortschritte, Notwendigkeit, ständig zu wiederholen) aufgezählt.
  • Dieses können keine Gründe sein, mit dem Englischunterricht nicht so früh zu beginnen, denn diese Aspekte verlangen von Sonderpädagoginnen Maßnahmen, wie sie auch in den anderen Unterrichtsfächern notwendig sind.
  • Ein besonderer Fragenaspekt bezog sich auf den Einsatz von Computern im Englischunterricht. zwölf Kolleginnen konnten ihn schon nutzen und haben überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Der Computer ergänze den Englischunterricht sinnvoll, da er für die Differenzierung und zur Einzelförderung eingesetzt werden könne. Außerdem seien die Schülerinnen hoch motiviert und stolz, mit diesem Medium umzugehen. Allerdings fehlten spezielle Programme für die Förderschule. Bisher wurde mit dem Programm Kooky gearbeitet; dieses Programm ist ansprechend und motivierend, wird aber zu schnell zu schwierig.
  • Es ist ein Zusammenhang zu erkennen zwischen der Häufigkeit des Englischunterrichts und der Zielerreichung. Das tägliche Sprechen ist auf jeden Fall effektiver. Durch das tägliche Üben bleibt die Motivation erhalten; die Schülerinnen erkennen Begriffe und Phrasen wieder, und die Lehrerinnen sehen eher kleine Lernfortschritte.

zum Anfang

Konsequenzen

  • Es ist eine deutliche Abkehr vom linear orientiertem herkömmlichen Fremdsprachenunterricht hin zu einem schüler- und handlungsorientierten Englischunterricht notwendig, wie er in der Fachdidaktik eindeutig vertreten wird. In einem handlungsorientiertem Englischunterricht soll mit Sprache etwas getan werden. Das Thema ist dabei entscheidend, wobei 'Thema' nicht ein sprachliches Teilsystem wie Grammatik, Lexik oder Phonetik bedeutet. Es ist zum Beispiel kein eigenes Unterrichtsthema, dass Schülerinnen das th richtig aussprechen; ebenso ist das s in der Dritten Person Singular kein Thema, das erst 'eingeführt' werden muss; vielmehr wird es angewendet und nur dann erklärt, wenn Schüler danach fragen.
  • Lehrkräfte, die unzufrieden mit ihrem Englischunterricht sind, erwarten häufig, gemessen an den Teilsystemen, zuviel von den Schülerinnen. Sicher sind eine gute Aussprache, ein großer Wortschatz und die richtige Grammatik wichtig, aber wichtiger ist, dass die Schülerinnen etwas mit Sprache anfangen können, z. B. die Klassensituation in Englisch bewältigen.
  • Dieses greift nur, wenn der Englischunterricht einsprachig erfolgt, denn ansonsten bringt es massive Nachteile den Kindern gegenüber, die nicht über Deutsch als Muttersprache verfügen.
  • Englisch sollte in der Förderschule keine Sonderrolle bekommen. Es gelten die sonderpädagogischen Gegebenheiten (häufige Wiederholungen, Handlungsorientierung, Einbeziehung aller Sinne, Kleinschrittigkeit, Anschaulichkeit, Ritualisierung, etc.) wie in den anderen Unterrichtsfächern auch.
  • Die Antworten auf die Frage, zu welchem Zeitpunkt mit dem Englischunterricht an Förderschulen begonnen werden sollte, fiel in dem Fragebogen unterschiedlich aus.

 

Für einen möglichst frühen Beginn sprechen - neben dem Ausnutzen der hohen Motivation - die Tatsache, dass in den Grundschulen mit Englisch in der dritten Klasse begonnen wird und eventuell ein Umschüler Englischkenntnisse hätte, die dann brach lägen. Wenn die dritten Klassen an Förderschulen neu zusammengesetzt werden, wäre das Fach Englisch für alle neu und böte eine gemeinsame Startmöglichkeit. Andererseits spricht gerade die neue Klassensituation zu Beginn der dritten Klasse mit den vielfältigen Schwierigkeiten und der notwendigen Priorität in Erziehungsaufgaben für einen späteren Beginn des Englischunterrichts

Somit ist darüber nachzudenken, ob eventuell erst zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres in der dritten Klasse mit Englisch an Förderschulen begonnen werden sollte.

 

zum Anfang

Persönlicher Praxisbericht

Auch für Schülerinnen mit Lernbehinderungen ist die englische Sprache sehr attraktiv. Davon konnten sich die Gäste des Sonderpädagogischen Kongresses in Hannover anläßlich der Eröffnungsveranstaltung eindrucksvoll überzeugen. Sämtliche vorgetragenen Lieder waren in englischer Sprache. Diese gelungene und fröhliche Darbietung ist für mich als Sonderpädagoge ein weiterer Beleg dafür, dass es Sinn macht, bereits Kinder in der Unterstufe der Förderschule bzw. Schule für Lernbehinderte mit der englischen Sprache zu konfrontieren. Diese Einstellung war bei mir anfangs keineswegs vorhanden. Ich stand dem Unterrichtsversuch 'Englisch in der Primarstufe der Förderschule' sehr skeptisch und eher ablehnend gegenüber.

Ich sah zunächst nur Problembereiche:

  • Ich wurde an meinen eigenen Englischunterricht erinnert, der für mich sehr negativ, ja sogar angstbesetzt war.
  • Ich hatte keinerlei Vorerfahrungen in der Vermittlung der englischen Sprache. Seit Jahren hatte ich nicht mehr zielgerichtet die englische Sprache benutzt.
  • Ein polnischer Junge hatte neben erheblichen Sprachauffälligkeiten auch noch Probleme im Verstehen der deutschen Sprache.

Meine dreizehn Schüler hatten am Ende des dritten Schuljahres ja noch nicht einmal den Erstlese- und Schreib-lehrgang abgeschlossen und jetzt auch noch Englisch? Ich versuchte es trotzdem. Dabei war mir klar, dass ich andere Wege beschreiten musste als die, die ich aus dem herkömmlichen Englischunterricht kannte.

Ich begann zunächst mit englischen Liedern, die an verschiedene Körperbewegungen und Spiele gekoppelt waren und war selbst begeistert, wie aktiv, motiviert, ausdauernd und diszipliniert die Kinder den Unterricht in der neuen Sprache angenommen haben.

Eine begleitende Jahresfortbildung (allerdings für den Grundschulbereich) war sehr hilfreich, um meinem Unterricht eine Struktur zu geben und um ihn abwechslungsreich zu gestalten. Wie sieht der Unterricht in englischer Sprache nun aus? Die Aneignung der Sprache erfolgt spielerisch und lustbetont. Zu den spielerischen Elementen gehören: Lieder und Spiele aller Art: Hörverständnisspiele, Rate- und Befehlsspiele, Bewegungsspiele, Singspiele, Rollen- und Materialspiele. Dazu zählen Reime, das Hantieren mit Spielen, Gegenständen, Bildkarten, Zeichen- und Ausmalvorlagen.

Der Schulvormittag bietet auch für den Englischunterricht verschiedene Sprech- und Handlungsanlässe. Für einen fächerübergreifenden Unterricht eignen sich besonders die Lernbereiche Musik, Kunst, Sport, Essen/Frühstück.

Als zwei besondere didaktische Aspekte seien genannt:

  • Die Erlebniswelt der Schüler berücksichtigen, um ihre Sprech- und Spielbereitschaft zu erhöhen und zu erhalten. z.B. Die Schüler fanden es spannend, einen englischen Namen zu bekommen und ihre Telefonnummer in englischer Sprache angeben zu können.
  • Die Fertigkeiten des Hörens, Verstehens und Sprechens stehen im Vordergrund, d.h. Verzicht auf Lesen und Schreiben.
  • Wie in allen anderen Unterrichtsfächern so gilt auch für den Englischunterricht die Berücksichtigung der sonderpädagogischen Spezifika:
  • Zeit gewähren,
  • häufige Wiederholungen,
  • variationsreiches, wiederholendes Üben,
  • Kleinschrittigkeit,
  • Entspannungsphasen ,
  • Anschaulichkeit,
  • möglichst ganzheitliche Vermittlung.

 

Als Übungsmöglichkeiten bieten sich an:

  • Vor- und Nachsprechen: Die Lehrkraft spricht vor, Schüler wiederholen zunächst gemeinsam, alle Jungen, alle Mädchen, einzeln ...;
  • Sprechen mit situationsgemäßer Mimik und Gestik verbinden;
  • Rhythmisches Sprechen, z.B. Klatschen oder Sprechen mit bestimmter Stimmführung;
  • Satz- und Handlungsketten in denen sich Schüler gegenseitig ansprechen. Durch Satz- und Handlungsketten sollen bestimmte Redewendungen geübt und gefestigt werden. Vorteil: Jeder Schüler wird sprachlich einbezogen;
  • Reime und Lieder, die dem Bewegungsdrang der Schüler entgegenkommen, weil sie zum Mitmachen und Sichbewegen auffordern;
  • konzentrationsintensive bewegungsärmere Lernphasen, in denen es um die Schulung des Hörverstehens oder das Vorlesen und Erzählen kleiner englischer Geschichten geht.
  • So macht der Englischunterricht auch in der Förderschule Spaß!
 

zum Anfang

Zusammenfassende Einschätzung

Die Hamburger Erfahrungen mit der Einführung von Englisch in den Klassen 3 und 4 der Förderschulen haben ermutigende Ergebnisse gebracht. Es haben sich keine entscheidenden Befunde ergeben, die zu einer Ausgrenzung dieser Schülergruppe führen müssen. Voraussetzungen sind finanzielle Mittel, insbesondere auch für eine gründliche Lehrerfortbildung. Es lohnt sich, diesen Ansatz bundesweit zu verfolgen und weiter zu entwickeln.

 

 

 

Literatur

BACH, G./TIMM, J.- P.: Englischunterricht. Grundlagen und Methoden einer handlungsorientierten Unterrichtspraxis. Tübungen 1996

BÖRNER, O.: Zur Akzeptanz von Englisch in der Grundschule. In: Englisch (1997) 3

BÖRNER, O.: Eine Fremdsprache für alle in Klasse 3? In: Die Grundschulzeitschrift (1997) Heft 107

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung: Englisch in der Grundschule. Informationsbroschüre. Hamburg 1995

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung: Vorläufiger Rahmenplan Englisch in den Klassen 3 und 4 der Grundschule. Hamburg 1995

FREIE UND HANSESTADT HAMBURG, Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung: Englisch auf der Sekundarstufe I an Förderschulen. Unterrichtskonzept (Entwurf). Hamburg 1997

KAHL, P./KNEBLER, U.: Englisch in der Grundschule - und dann? Evaluation des Hamburger Schulversuchs Englisch ab Klasse 3. Berlin 1996

KRASHEN, S.: Principles and practice in second language acquisition. Oxford (Pergamon) 1985

LEHBERGER, R.: Englischunterricht an Hamburger Volksschulen 1870-1945. Hamburg 1990

NIEDERSÄCHSISCHES KULTUSMINISTERIUM: Didaktisch-methodische Empfehlungen für das Fremdsprachenlernen in der Grundschule. Hannover 1995

PIEPHO, H.-E.: Kommunikative Kompetenz als übergeordnetes Lernziel im Englischunterricht. Dornbusch-Frickhofen 1974

Piepho, H.-E.: Englisch in der Grundschule. Handreichungen und Materialien für den Fremdsprachenunterricht in der Grundschule. Bochum 1992

VATER, B.: Take a chance 1 und 2. Rheinbreitbach 1993

WENDT-SCHOLZ, K.: Englisch in der Primarstufe der Förderschule. Ergebnis einer Fragebogenaktion (Manuskript). Hamburg 1998

WINDOLPH, E.: Englisch - verbindlicher Unterrichtsinhalt in der Schule für Lernhilfe? In: Schulverwaltung. Ausgabe Niedersachsen (1998) 2

 

 

Anschrift der Verfasser:

 

Otfried Börner
Institut für Lehrerfortbildung
Felix-Dahn-Straße 3
20357 Hamburg
 
Enno Bornfleth
Anne-Frank-Schule
Hohnerkamp 58
22175 Hamburg
 
Kerstin Wendt-Scholz,
Fuhlendorfweg 35l
22589 Hamburg

 

© vds, Fachverband für Behindertenpädagogik 1999

zum Anfang

zurück zum Inhaltsverzeichnis