Trashrevueimprovisation mit Vaginal Davis

Die bekannte Bühneninstallation des Prater wurde gestern abend Zeuge einer wilden Mischung aus Trash-Revue und (scheinbarem?) Improvisationstheater. "CHEAP JEWELRY. Ein Obstkorb für J.S." wurde unter der Regie von Marc Siegel im Rahmen des Festivals "reich & berühmt" zur Aufführung gebracht.

Es geht um die als "schlechteste Schauspielerin der Welt" verschriene Maria Montez, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren in zahlreichen Hollywood-Exotica-Filmen mitwirkte. Jack Smith war in den Siebzigerjahren Teil der Szene, in der auch Andy Warhol wirkte, und hatte auf diese durch seine Arbeiten als Filmemacher und Performancekünstler großen Einfluss. Heute ist er jedoch fast in Vergessenheit geraten. Maria Montez war trotz ihres fehlenden Schauspielvermögens für Jack Smith eine einzigartig einmalige Persönlichkeit, die von ihm über alles verehrt wurde. Der Glamour und die Exotik dieser Persönlickeit sollte auch in dem Theaterstück, wenn man es denn so nennen darf, eine zentrale Rolle spielen.

Der erste Teil des Stücks ist eine sehr unterhaltsame Trashrevue. Die Anspielungen auf die Musik-Exotica-Filme der Dreißiger- und Vierzigerjahre werden stark überzeichnet. Die Schauspieler, die dementsprechend gewandet sind, werden bei ihren Dabietungen von zwei special guests unterstützt. Ronald Tavel, einer der Gründer des Theatre of the Ridiculous hat früher mit Jack Smith zusammengearbeitet, und Vaginal Davis ist eine bekannte Drag-Performerin und Schauspielerin aus Los Angeles. Der Auftritt der Letzteren ist eine beeindruckende Erfahrung, doch wenn sie anfängt zu singen, dann bekommt die Beeindruckung eine andere Dimension. Ronald Tavel passt mit seinem Outfit, das an einen typischen mittelständischen Amerikaner erinnert, nicht in die übrige Gruppe hinein. Da er aber bei seinen dialogischen Auftritten viel Witz zeigt, tut das nur gut.

Die zweite Hälfte der Vorstellung gestern abend versank ein wenig in (gewollter?) Improvisaton, was zu erheblichen Lücken in der Dramatik führte. Dazu trugen auch die immer wieder auftretenden Pausen bei, in denen die Schauspieler ihre Kostüme wechselten. Doch zwischen den Pausen wurde Unterhaltsames geboten. Das ganze Stück ist in einer Mischung aus Englisch und Deutsch gehalten, was Marc Siegel zu lustigen Effekten nutzt. Leider leidet darunter die Verständlichkeit der Sprache, die besonders dann fast nicht mehr existiert, wenn die Schauspieler allesamt in der kleinen Hütte hinter verschlossenen Türen in einer wilden Mischung aus Englisch und Deutsch sprechen. Ein besonderes Erlebnis hatte ich in der zweiten Hälfte des Stücks, als Vaginal Davis einen Freiwilligen suchte und mich auswählte. Mit verbundenen Augen auf die Treppe gelegt, kam ich in den Genuss meiner ersten oralen Fußmassage. Ob dies für Vaginal Davis ein echtes Vegnügen war darf jedoch bezweifelt werden, da sich meine Füsse den schönen heißen, langen Tag in ihren Schuhen aufgehalten hatten. Aber es war nichtsdestotrotz eine erhellende Erfahrung. Ein Besuch von "CHEAP JEWELRY. Ein Obstkorb für J.S." ist für Menschen, die sich von Merkwürdigem und sexuell Anzüglichem nicht abschrecken lassen, eine überlegung wert, die jedoch schnell durchgeführt sein muss, denn es gibt nur noch wenige Vorstellungen.

Simon Dalferth, 09.05.2001
CHEAP JEWELRY. Ein Obstkorb für J.S.
im Prater, Kastanienallee 7-9, Prenzlauer Berg
weitere Termine 10. und 12.5. 21:00 Uhr und 11.5. 22:30