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04.10.2001
 
Feuilleton
 
Bitte keinen Wahnsinn
Die Historisierung Foucaults – Frankfurt bespricht die Normalität.
 
Nachdem die Woche zuvor schon Derrida den Adorno-Preis erhielt und – nach Aussage der Abgesandten der Stadt Frankfurt/Main – mit seinen eleganten Formulierungen die Stadtoberen »verzückt« hatte, ging es nun Foucault an den Kragen. Einverleibung, Normalisierung, Entpolitisierung – im Titel der Frankfurter Foucault-Konferenz vom 27. bis 29. September hieß dies: »Zwischenbilanz einer Rezeption«. Es begann noch recht vielversprechend, als der Präsident der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität in seinem Grußwort Dank und Anerkennung für sein wohlwollendes Verhalten gegenüber den Geisteswissenschaften ernten wollte, aber vom Saal nur ausgelacht wurde. Auch sein Verweis auf die Schönheit des neuen IG-Farben-Gebäudes, in dem diese beherbergt werden sollten, konnte diesem Beginn keinen Abbruch tun. Der Präsident präsentiert sich als Narr. Einen besseren Einstieg hätte er nicht geben können.

War doch der Wahnsinn auch für Foucault der Einstieg in eine Philosophie, die, wie in diesen Tagen oft zu hören war, eine der revolutionären des letzten Jahrhunderts war. Foucault habe uns nicht nur an Hand historischer Untersuchungen gezeigt, wie wir das geworden sind, was wir sind, sondern vor allem die Kontingenz dieser Genese. Daß wir nicht so zu sein brauchen, wie wir sind, wurde als Foucaultscher Imperativ verkündet.

Daß Axel Honneth, Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt/Main, bleiben wollte, wer er war, zeigte er in seiner persönlichen Rezeption Foucaults. Er präsentierte sich als Veranstalter der Tagung völlig unbeeindruckt von Foucault, wollte keine Narrenkappe aufsetzen und wiederholte nur die Argumente gegen Foucault aus den hitzigen Debatten Moderne versus Postmoderne der achtziger Jahre: Wer alles relativiere, relativiere damit auch seinen eigenen Standpunkt und entziehe sich einer argumentativen Diskussion. Solange Foucault nicht den Ort und die Maßstäbe angeben könne, von denen aus er kritisiere, bilden seine Schriften keinen »Werkzeugkasten« für eine Praxis, wie Foucault es genannt hatte, da nicht zu klären wäre, welche der Möglichkeiten die bessere sei. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Foucaults historischen Analysen in seinen Schriften und seinen doch klar auf die Gegenwart bezogenen Stellungnahmen in den Interviews bzw. seinem Handeln bei politischen Aktionen, blieb damit der bestimmende Kritikpunkt der Tagung. So betonte auch Paul Veyne, französischer Historiker und langjähriger Freund Foucaults, zum Abschluß seines Eröffnungsvortrags, daß bei Foucault eine Verbindung von Wissenschaft und Politik weder möglich noch intendiert gewesen sei. Die besondere Betonung dieser Banalität läßt nur den Schluß zu, daß es umgekehrt genau darum gehen möge – sich eben in keinen handwerklich politischen Aktivitäten auf Foucault zu beziehen, seine Polemiken zu entpolitisieren, ihn zu historisieren und zu »entsorgen«.

Dabei war es gerade Foucaults enorme Qualität, Position zu beziehen: Die vermeintliche Wertfreiheit seiner Schriften, seine Versagung von Antworten, sein Versteckspiel hinter dem Gewand des Historikers – Foucault zog die Wittgensteinsche Maske auf, weil er wußte, daß er nur zeigen könne, was sich nicht sagen ließe. Foucault: »Darum ist die Theorie nicht der Ausdruck, die Übersetzung, die Anwendung einer Praxis; sie ist selbst eine Praxis ... Sie ist Kampf gegen die Macht, Kampf um ihre Sichtbarmachung und Schwächung dort, wo sie am unsichtbarsten und hinterhältigsten ist.«

Die Suche nach einer solchen Theorie-Praxis ließ sich auf der Tagung jedoch nicht erkennen. Naheliegende Diskursanalysen von Zwangspsychiatrie, Bio- und Gentechnologie, Medientechnologie oder Zwangsarbeit in der BRD/Recht auf Faulheit blieben aus. Statt dessen wurde Foucault drei Tage im einst legendären Institut für Sozialforschung der akademischen Disziplinierung unterzogen, die zuvor schon Adornos Werk über sich ergehen lassen mußte. Es begann mit einer grandiosen Inszenierung: Der verlorene Sohn kam nach Hause. Foucault tat Buße – Geständniszwang: Er wurde am ersten Abend gleich dreimal mit dem Satz zitiert, daß, hätte er die Frankfurter Schule früher zur Kenntnis genommen, ihm viele Dummheiten erspart geblieben wären. Daß hiermit wohl ein anderes Frankfurt gemeint war als das anwesende, wurde nicht erwähnt. Denn Foucault ist sich mit den Autoren der »Dialektik der Aufklärung« einig, die Aufklärung unter dem Aspekt der militärischen Aufklärung zu analysieren – Aufklärung, die zur Kontrolle, zum Ausschluß, zur Vernichtung führt. Die aktuell sich anbahnende vorgeburtliche Ausschließung des Nichtidentischen durch die Bio- und Gentechnologie paßt sich nahtlos ein.

Horkheimer hatte noch betont: »... aber bitte vergessen Sie nicht die Gefängnisse und Irrenanstalten«. Die Gefängnisse und Irrenanstalten, die für Foucault die Orte sind, wo sich die Macht am deutlichsten als Macht manifestiert, wo sich die Gewalt nicht verbirgt – »ihre Tyrannei ist die ungetrübte Herrschaft des Guten über das Böse, der Ordnung über die Unordnung«.

In einem Brief von Horkheimer an Adorno heißt es 1941: »Die Ermordung der Irren enthält den Schlüssel zum Juden-Pogrom ... Daß sie von den Zwecken und Zielen, in deren Dienst das Leben der Heutigen verläuft, nicht genauso gebannt sind wie die Tüchtigen selbst, macht die Irren zu unheimlichen Zuschauern, die man wegschaffen muß ... Wieder und wieder sollte sich erweisen, daß Freiheit nicht möglich ist.«

Doch der Wahnsinn blieb draußen. Obwohl man sich einig war, daß dies »Außen« eigentlich der Ort gewesen sei, den Foucault immer als den seinen versucht hatte einzunehmen. Von dort aus konnte er als »Ethnologe der eigenen Kultur« erst agieren und die einverleibten Denksysteme wahrnehmen. Die Betrachtung des Wahnsinns und seines Ausschlusses wurde für Foucault zur Initialzündung seiner Philosophie und zur Grundlage seiner Theorie der Disziplinargesellschaft. Daß der Wahnsinn in Frankfurt nicht gerne rezipiert wird, zeigte sich dann daran, daß die Veranstalter angeblich »aus technischen Gründen« sich nicht mal in der Lage sahen, die Videodokumentation über das Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrie von 1998 an der Berliner Volksbühne zu zeigen. Foucault wollte solche Berührungsängste zwischen wissenschaftlichem Wissen und Alltagspraxis zurückweisen. Er wollte nicht für den Wahnsinnigen/Gefangenen/Arbeiter sprechen, sondern ihm die Möglichkeit geben, selbst zu sprechen, »ihm selbst die Macht zu übertragen, seinen Wahnsinn und die Wahrheit seines Wahnsinns zu produzieren«. Hierin liegt die betörende Beunruhigung in Foucaults Denken, die ihn selbst immer wieder zum Grenzgänger machte. Nicht zufällig traute sich nur ein Amerikaner, das Wort »SM« in den Mund zu nehmen – von Machtspielen in Darkrooms oder AIDS ganz zu schweigen.

So beunruhigte in Frankfurt am Main nichts – es wurde gesprochen.
 
Frank Wilde
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