

|
|
 |
|
|
|
Vom Schloss zur Ruine
Thüringens Problem mit seinen Denkmalen
|
 |
|
|
|
Die Kleinstaaterei der vergangenen Jahrhunderte hat
Deutschland zu einem Land der Burgen und Schlösser
gemacht. Einerseits ein Segen, doch andererseits ein
Fluch: Ihr Erhalt ist unter Wahrung des Denkmalschutzes
nicht mehr bezahlbar.
Kaum ein Bundesland ist dabei so reich an Kulturdenkmalen
wie Thüringen: 663 Objekte wurden letzten September
am Tag des offenen Denkmals präsentiert. In Thüringen
kümmert sich um die Filetstücke wie Wartburg
und Weimar eine Stiftung. Allein in die Erhaltung der
Wartburg wurden seit 1990 zwanzig Millionen Mark investiert.
Die deutscheste aller deutschen Burgen ist gleichzeitig
auch ein Leuchtturm der Denkmalpflege. Doch für
die Hunderte anderen denkmalgeschützten Häuser,
Burgen und Schlösser Thüringens stellt das
Land nicht mehr als 15 Millionen DM zur Verfügung.
Viel zu wenig, um die Kulturdenkmale erhalten zu können.
Viele sind daher schon seit Jahren dem Verfall preisgegeben.
Beispiel Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach. Das Schloss
ist keine 7 km Luftlinie von der Wartburg entfernt.
Wilhelmsthal ist das Lustschloss des Goethe Mäzens
Ernst August, war die Kulisse für Goethes Wahlverwandtschaften
und Telemanns Premierenstätte. Der geschichtsträchtige
Ort ist ein wichtiges Kulturdenkmal. Dazu gehören
ein halbes Dutzend barocke Gebäude und 20 Hektar
Park. Jahrzehntelang wurde Wilhelmsthal profan genutzt.
Im Krieg als Lazarett, in der DDR als Kinderheim. Seit
1994 steht das Schloss leer. Das Landesdenkmalgesetz
von Thüringen sieht vor, dass der Eigentümer
für den Erhalt von Kulturdenkmalen sorgen muss.
Im Falle von Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach ist der
Freistaat Thüringen selbst der Eigentümer.
Seit Jahren sucht das Finanzministerium verzweifelt
nach einem Investor, der Wilhelmsthal kauft und anschließend
Denkmalgerecht saniert und betreibt. Bisher ohne Erfolg.
Derweil fällt die Schlossanlage in sich zusammen,
ohne dass etwas zu ihrer Rettung geschieht.
"Wenn an die Realität an den Burgen und
Schlössern anschaut, ist das ganz ähnlich,
wie bei unseren Innenstädten: ein gnadenloser Verfall
überall. An wenigen Ausnahmeprojekten wird hin
und wieder sogar überrestauriert, so dass eigentlich
vom Original auch nicht mehr viel bleibt. Ansonsten
ist die Lage sehr bedrohlich, nicht nur im Osten, auch
hier in unserem Umfeld. Es gibt überall die Kandidaten,
die auf Abbruch stehen und wo die Konzepte fehlen, wie
man damit umgeht." (Konrad Fischer/ Architekt)
|
|
|
|
Das Problem bei Schloss Wilhelmsthal: Der Verkehrswert
der Immobilie beträgt zwar nur ca. 700.000 DM,
doch die Sanierungskosten werden insgesamt auf 40 Millionen
Mark geschätzt. Und die wollen erst einmal aufgebracht
werden. Der Freistaat Thüringen sieht sich außer
Stande für die Sanierungskosten aufzukommen und
damit, dem eigenen Gesetz zu genügen.
"Wenn ich Schloss Wilhelmsthal saniere, muss
ich vielleicht die Dornburger Schlösser zurückstellen.
Es gibt einen riesigen Nachholbedarf, der höher
ist, als die finanziellen Möglichkeiten. Da muss
ich Prioritäten setzen. Und wenn ich heute Geld
an Schloss Wilhelmsthal gebe, würden Sie nächstes
Jahr ein anderes Schloss entdecken, was deswegen zurücksteht."
(Andreas Trautvetter/ Finanzminister Thüringen)
Das Land sucht nun also nach einem Investor, der auf
eigenes Risiko aus der Ruine ein Schmuckstück macht.
Bisher erwies sich die Suche als ergebnislos. Ein "Investor"
kam mit Geld aus Amerika. Erst eine Warnung vom BKA
ließ die Verhandlungen mit ihm platzen. Der einzig
ernstzunehmende Interessent wollte Fördergeld vom
Land, ohne Erfolg. Inzwischen hat er sich zurückgezogen.
40 Millionen DM für die Sanierung bei denkmalgerechter
Nutzung ist für seriöse Investoren definitiv
zu viel.
"Und dann kommen die seltsamsten Bewerber.
Die einen wollen Drogengeld rein waschen, die anderen
suchen vielleicht in der Richtung Rotlicht eine Möglichkeit.
Es sind Dinge, die vielleicht finanziell gut funktionieren.
Aber für das Schloss und die Region eher unpassend
erscheinen." (Konrad Fischer/ Architekt)
Konrad Fischer ist Spezialist für die Sanierung
von Baudenkmalen. Im Internet makelt er seit zwei Jahren
deutsche Schlösser. Bisher konnte er keine seriösen
Käufer finden. Noch Anfang der neunziger wurde
manches Schloss durch die Privatisierung gerettet. Aber
Fischers Praxiserfahrung besagt, dass der Verkauf der
Denkmale zu keiner Zeit eine Garantie für deren
Erhalt bot. Sein Vorwurf ist, dass die Politiker sich
nicht der Realität stellen.
"Man erkennt die Strukturprobleme nicht. Oder:
wenn man sie erkennt, will man in die eigentlich naheliegende
Lösung nicht einsteigen. Man ruft nach privatem
Kapital. Als ob irgendwelche Japaner vom Mars einfliegen
können und mit Millionen hier einsteigen. Und wenn
wir die Realitäten angucken, dann kommen oft äußerste
Seltsamkeiten zustande im Schlösserkauf."
(Konrad Fischer/ Architekt)
|
|
|
|
Dass der Verkauf an private Investoren nicht immer
zum erwünschten Ziel führen kann, zeigt Schloss
Osterstein in Zwickau/ Sachsen. Seit fast zehn Jahren
befindet es sich in Privatbesitz und ist noch immer
eine Ruine. Um zu verhindern, das Trümmer auf die
Bundesstraße fallen, wurde jetzt notgesichert.
Die entstandenen Kosten wurden zum Teil mit Steuergeldern
finanziert. Die Frage bleibt, warum die Länder
nicht bereit sind, andere Wege zu gehen, als auf zahlungskräftige
Investoren zu hoffen? Doch die Haltung der thüringischen
Landesregierung ist eindeutig.
"Ich sehe nicht die Notwendigkeit für
einen Strategiewechsel. Das Land muss die Menge an Immobilien
und Grundstücken behalten, die sie für die
öffentliche Verwaltung braucht. Und der Rest ist
einer privaten Nutzung zuzuführen." (Andreas
Trautvetter/ Finanzminister Thüringen)
Während die Politiker eine Antwort auf die Frage
zu finden hoffen, wie man nicht vorhandenen Investoren
dazu bringt, Millionen zu investieren, verfallen bedeutende
Teile des kulturellen Erbes Deutschlands. Wilhelmsthal
ist nicht das einzige Schloss in Thüringen, dass
seit Jahren vergeblich auf einen Käufer wartet
und dabei irgendwann nicht mehr zu retten sein wird.
Dabei besagt eine aktuelle Umfrage, dass Achtzig Prozent
der Deutschen für den Erhalt der historischen Bausubstanz
sind. Auch wenn es den Staat mehr kosten sollte. Unverständlich,
warum die Politik mit dem Thema nicht in die Offensive
geht. Aber dafür müsste man wohl Ideen haben.
So bliebt nur die traurige Bilanz: keine Investoren,
kein Geld, keine Ideen. Adieu Wilhelmsthal.
|
|
|
|
Buchtipps:
Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung v. Burgen u.
Schlössern (Hsg.):
Burgen und frühe Schlösser in Thüringen
und seinen Nachbarländern.
München: Deutscher Kunstverlag, 2000.
ISBN: 3-422-06263-7
DM 88,00
Roswitha Jacobsen, Hendrik Bärnighausen (Hg.):
Residenz-Schlösser in Thüringen. Kulturhistorische
Porträts.
Bucha bei Jena: Quartus Verlag, 1998.
ISBN: 3-931505-39-1
DM 39,80
Walter Thierfelder, Stephan Thierfelder u.a.:
Burgen und Schlösser in Thüringen.
Würzburg: Flechsig,
ISBN: 3-88189-372-5
DM 19,80
Kontakt:
Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege
Petersberg Haus 12
99084 Erfurt
Tel.: 0361/37 81 300
Fax: 0361/37 81 390
E-Mail: Post@tld.thueringen.de
Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten
Schloss Heidecksburg, 07407 Rudolstadt
Postfach 100 142, 07391 Rudolstadt
Tel.: 03672/447-0
Fax 03672/447-119
E-Mail: ThueringerSchloesser@t-online.de
|
|
|