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25.11.2001 | 22:45

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Vom Schloss zur Ruine
Thüringens Problem mit seinen Denkmalen

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Die Kleinstaaterei der vergangenen Jahrhunderte hat Deutschland zu einem Land der Burgen und Schlösser gemacht. Einerseits ein Segen, doch andererseits ein Fluch: Ihr Erhalt ist unter Wahrung des Denkmalschutzes nicht mehr bezahlbar.

Kaum ein Bundesland ist dabei so reich an Kulturdenkmalen wie Thüringen: 663 Objekte wurden letzten September am Tag des offenen Denkmals präsentiert. In Thüringen kümmert sich um die Filetstücke wie Wartburg und Weimar eine Stiftung. Allein in die Erhaltung der Wartburg wurden seit 1990 zwanzig Millionen Mark investiert. Die deutscheste aller deutschen Burgen ist gleichzeitig auch ein Leuchtturm der Denkmalpflege. Doch für die Hunderte anderen denkmalgeschützten Häuser, Burgen und Schlösser Thüringens stellt das Land nicht mehr als 15 Millionen DM zur Verfügung. Viel zu wenig, um die Kulturdenkmale erhalten zu können. Viele sind daher schon seit Jahren dem Verfall preisgegeben.

Beispiel Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach. Das Schloss ist keine 7 km Luftlinie von der Wartburg entfernt. Wilhelmsthal ist das Lustschloss des Goethe Mäzens Ernst August, war die Kulisse für Goethes Wahlverwandtschaften und Telemanns Premierenstätte. Der geschichtsträchtige Ort ist ein wichtiges Kulturdenkmal. Dazu gehören ein halbes Dutzend barocke Gebäude und 20 Hektar Park. Jahrzehntelang wurde Wilhelmsthal profan genutzt. Im Krieg als Lazarett, in der DDR als Kinderheim. Seit 1994 steht das Schloss leer. Das Landesdenkmalgesetz von Thüringen sieht vor, dass der Eigentümer für den Erhalt von Kulturdenkmalen sorgen muss. Im Falle von Schloss Wilhelmsthal bei Eisenach ist der Freistaat Thüringen selbst der Eigentümer. Seit Jahren sucht das Finanzministerium verzweifelt nach einem Investor, der Wilhelmsthal kauft und anschließend Denkmalgerecht saniert und betreibt. Bisher ohne Erfolg. Derweil fällt die Schlossanlage in sich zusammen, ohne dass etwas zu ihrer Rettung geschieht.

"Wenn an die Realität an den Burgen und Schlössern anschaut, ist das ganz ähnlich, wie bei unseren Innenstädten: ein gnadenloser Verfall überall. An wenigen Ausnahmeprojekten wird hin und wieder sogar überrestauriert, so dass eigentlich vom Original auch nicht mehr viel bleibt. Ansonsten ist die Lage sehr bedrohlich, nicht nur im Osten, auch hier in unserem Umfeld. Es gibt überall die Kandidaten, die auf Abbruch stehen und wo die Konzepte fehlen, wie man damit umgeht." (Konrad Fischer/ Architekt)

 

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Das Problem bei Schloss Wilhelmsthal: Der Verkehrswert der Immobilie beträgt zwar nur ca. 700.000 DM, doch die Sanierungskosten werden insgesamt auf 40 Millionen Mark geschätzt. Und die wollen erst einmal aufgebracht werden. Der Freistaat Thüringen sieht sich außer Stande für die Sanierungskosten aufzukommen und damit, dem eigenen Gesetz zu genügen.

"Wenn ich Schloss Wilhelmsthal saniere, muss ich vielleicht die Dornburger Schlösser zurückstellen. Es gibt einen riesigen Nachholbedarf, der höher ist, als die finanziellen Möglichkeiten. Da muss ich Prioritäten setzen. Und wenn ich heute Geld an Schloss Wilhelmsthal gebe, würden Sie nächstes Jahr ein anderes Schloss entdecken, was deswegen zurücksteht." (Andreas Trautvetter/ Finanzminister Thüringen)

Das Land sucht nun also nach einem Investor, der auf eigenes Risiko aus der Ruine ein Schmuckstück macht. Bisher erwies sich die Suche als ergebnislos. Ein "Investor" kam mit Geld aus Amerika. Erst eine Warnung vom BKA ließ die Verhandlungen mit ihm platzen. Der einzig ernstzunehmende Interessent wollte Fördergeld vom Land, ohne Erfolg. Inzwischen hat er sich zurückgezogen. 40 Millionen DM für die Sanierung bei denkmalgerechter Nutzung ist für seriöse Investoren definitiv zu viel.

"Und dann kommen die seltsamsten Bewerber. Die einen wollen Drogengeld rein waschen, die anderen suchen vielleicht in der Richtung Rotlicht eine Möglichkeit. Es sind Dinge, die vielleicht finanziell gut funktionieren. Aber für das Schloss und die Region eher unpassend erscheinen." (Konrad Fischer/ Architekt)

Konrad Fischer ist Spezialist für die Sanierung von Baudenkmalen. Im Internet makelt er seit zwei Jahren deutsche Schlösser. Bisher konnte er keine seriösen Käufer finden. Noch Anfang der neunziger wurde manches Schloss durch die Privatisierung gerettet. Aber Fischers Praxiserfahrung besagt, dass der Verkauf der Denkmale zu keiner Zeit eine Garantie für deren Erhalt bot. Sein Vorwurf ist, dass die Politiker sich nicht der Realität stellen.

"Man erkennt die Strukturprobleme nicht. Oder: wenn man sie erkennt, will man in die eigentlich naheliegende Lösung nicht einsteigen. Man ruft nach privatem Kapital. Als ob irgendwelche Japaner vom Mars einfliegen können und mit Millionen hier einsteigen. Und wenn wir die Realitäten angucken, dann kommen oft äußerste Seltsamkeiten zustande im Schlösserkauf." (Konrad Fischer/ Architekt)

 

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Dass der Verkauf an private Investoren nicht immer zum erwünschten Ziel führen kann, zeigt Schloss Osterstein in Zwickau/ Sachsen. Seit fast zehn Jahren befindet es sich in Privatbesitz und ist noch immer eine Ruine. Um zu verhindern, das Trümmer auf die Bundesstraße fallen, wurde jetzt notgesichert. Die entstandenen Kosten wurden zum Teil mit Steuergeldern finanziert. Die Frage bleibt, warum die Länder nicht bereit sind, andere Wege zu gehen, als auf zahlungskräftige Investoren zu hoffen? Doch die Haltung der thüringischen Landesregierung ist eindeutig.

"Ich sehe nicht die Notwendigkeit für einen Strategiewechsel. Das Land muss die Menge an Immobilien und Grundstücken behalten, die sie für die öffentliche Verwaltung braucht. Und der Rest ist einer privaten Nutzung zuzuführen." (Andreas Trautvetter/ Finanzminister Thüringen)

Während die Politiker eine Antwort auf die Frage zu finden hoffen, wie man nicht vorhandenen Investoren dazu bringt, Millionen zu investieren, verfallen bedeutende Teile des kulturellen Erbes Deutschlands. Wilhelmsthal ist nicht das einzige Schloss in Thüringen, dass seit Jahren vergeblich auf einen Käufer wartet und dabei irgendwann nicht mehr zu retten sein wird. Dabei besagt eine aktuelle Umfrage, dass Achtzig Prozent der Deutschen für den Erhalt der historischen Bausubstanz sind. Auch wenn es den Staat mehr kosten sollte. Unverständlich, warum die Politik mit dem Thema nicht in die Offensive geht. Aber dafür müsste man wohl Ideen haben. So bliebt nur die traurige Bilanz: keine Investoren, kein Geld, keine Ideen. Adieu Wilhelmsthal.

 

Ausgewählte Burgen und Schlösser in Thüringen
Geschichte des Dorfes Wilhelmsthal
Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege
Denkmalbörse des Landesamt für Denkmalpflege
Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern

Buchtipps:

Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung v. Burgen u. Schlössern (Hsg.):
Burgen und frühe Schlösser in Thüringen und seinen Nachbarländern.
München: Deutscher Kunstverlag, 2000.
ISBN: 3-422-06263-7
DM 88,00

Roswitha Jacobsen, Hendrik Bärnighausen (Hg.):
Residenz-Schlösser in Thüringen. Kulturhistorische Porträts.
Bucha bei Jena: Quartus Verlag, 1998.
ISBN: 3-931505-39-1
DM 39,80

Walter Thierfelder, Stephan Thierfelder u.a.:
Burgen und Schlösser in Thüringen.
Würzburg: Flechsig,
ISBN: 3-88189-372-5
DM 19,80

Kontakt:

Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege
Petersberg Haus 12
99084 Erfurt
Tel.: 0361/37 81 300
Fax: 0361/37 81 390
E-Mail: Post@tld.thueringen.de

Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten
Schloss Heidecksburg, 07407 Rudolstadt
Postfach 100 142, 07391 Rudolstadt
Tel.: 03672/447-0
Fax 03672/447-119
E-Mail: ThueringerSchloesser@t-online.de