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Frames: Heaven or Hell

WebSchrift No. 11 - Dezember 1996

In der letzten Ausgabe von "Planet", dem deutschsprachigen WIRED-Epigonen aus dem Ziff-Davis-Verlag, beklagt Martin Goldmann wortreich die Einführung des Frames-Konzeptes als Danaer-Geschenk der Netscape Company (seit Version 2.0b1) an die Internet-Gemeinde: "Netscape und Microsoft sind schuld. Niemand dort hätte Frames zulassen dürfen." Nun, die Online-Ausgabe des Planet macht recht großzügigen Gebrauch davon -- wie gut jede zweite Neuerscheinung, die zur Zeit ans Netz geht und einen gewissen Mindestumfang überschreitet. Können so viele Webdesigner irren?

Suxess selbst verzichtet - zur Zeit - nach eingehender Diskussion auf Frames und rät auch seinen Kunden eher vom Frame-Aufbau ihrer Site ab. Militante Gegner sind wir deshalb noch lange nicht. Vielmehr gilt es genau abzuwägen, wo Schaden und Nutzen liegen. Am Anfang steht deshalb eine Plus-Minus-Liste aller (oder wenigstens der wichtigsten) Argumente für oder gegen Frames:

One

Was für Frames spricht:

Die Programmierung und Vernetzung komplexer Site-Strukturen wird für den Gestalter einfacher: Navigations-Menüs müssen nicht mehr in jede Seite eingebaut werden, sondern können einmal als eigenständige Seite aufgebaut und in einen eigenen Frame gerufen werden. Änderungen müssen nur noch auf dieser Seite vorgenommen werden.

Ladezeiten können verkürzt werden: Dadurch, daß etwa gleichbleibende Navigationselemente in einem eigenen Frame stehen, müssen sie nicht erneut geladen werden.

Gestaltungsmöglichkeiten werden - potentiell - erweitert: Mehrere Hintergründe pro Browserfenster sind ebenso möglich wie die relativ exakte Definition des Seitenaufbaus (darin liegen aber auch einige Gefahren). Verschiedene Varianten für verschiedene Computerumgebungen (etwa Bildschirme und Auflösungen) sind relativ unaufwendig zu erstellen, indem man einfach verschiedene Framesets für die selben Seiten verwendet.


Two

Was gegen Frames spricht:

Inkompatibilität: Frames sind eine sehr neue Erfindung - selbst für das sich rasend schnell verändernde Medium Internet . Rund 12% der Besucher unserer Site verwenden noch Browser, die nicht in der Lage sind, Frames darzustellen. Will man dieses Klientel nicht vor der Tür stehen lassen, ist man gezwungen, eine komplette, zweite Version der Site ohne Frames zu erstellen. Das kostet eine Menge Ressourcen und Zeit.

Undurchschaubarkeit für den Anwender: Die Navigation wird, wenn man nicht höllisch aufpaßt, undurchsichtiger für den Anwender. Er sieht in den meisten Fällen nicht, an welcher Adresse er sich befindet und kann seine Bookmarks nicht wie gewohnt setzen.
Viel geringfügiger aber lästig für Nutzer, die gerne über Tastaturbefehle mit dem Browser kommunizieren ist etwa das Problem, daß gemäß der Netscape-Framedefinition jeweils der letzte Frame eines Sets aktiviert wird. Wenn es sich dabei - wie so oft - um eine Fußleiste und nicht das eigentliche Dokument handelt, muß der Bediener zuerst den Frame wechseln, um im Text zu blättern.

Langsamerer Aufbau: Zwar werden mit intelligent aufgebauten Frames im Endeffekt - etwa auf die Betrachtung einer gesamten Site gerechnet - möglichweise weniger Daten übertragen. Andererseits verlangt der Umgang mit Frames aber dem eigenen Computer mehr Rechnerleistung ab, was den Gewinn egalisieren oder gar in einen Zeitverlust umwandeln kann. Besonders spürbar ist der Effekt, wenn man ein Browserfenster mit Frames in der Größe verändert.

Viele Volltext-Search-Engines wie etwa das "Harvest-System" oder "Alta-Vista", sind "blind" gegenüber Frames: Der Text, den die Suchmaschine von einer Frames-Seite indiziert, ist nur jener Teil, der innerhalb des <NOFRAMES>-Tags steht.
Der lautet dann zum Beispiel so:
"This document is designed to be viewed using Netscape 2.0 or above's FRAMESET features. If you are seeing this message, you are using a grid challenged browser."
Das ist nicht gerade eine Hilfe, wenn man im wachsenden WWW auch gefunden werden will.

Mehr Platzbedarf: Dadurch, daß nur jeweils ein Frame gescrollt werden kann, während alle anderen unverändert stehen bleiben, verbraucht eine Frame-Konstruktion mehr Bildschirmplatz und der Anwender muß wesentlich öfter scrollen. Das ist gerade bei kleineren Bildschirmen unter Umständen extrem lästig.

Schlichtweg häßlich bis Netscape 3.0: Vor der Version 3 werden Frames unter Netscape immer mit einem (von mir subjektiv als häßlich empfundenen) grauen Steg voneinander getrennt. Abgesehen von der optischen Einengung verbraucht diese Vorgabe wiederum Platz am Bildschirm.

Die Nachteile sind meiner Meinung nach so gravierend, daß es sich lohnt, sehr genau darüber nachzudenken, ob man sie verwenden will, zumal die meisten Designaufgaben auch mit anderen Mitteln (vorwiegend mit Tables) zu lösen sind - wenn auch mit etwas mehr Zeitaufwand.

Three

Die Schlußfolgerung

Wenn schon Frames, dann sauber. Wir haben bei Suxess eine Art "Pflichtenheft" für den künftigen Einsatz erstellt:

  1. Abwägung, ob die Aufgabe aus der Sicht des Benutzers nicht genausogut ohne Frames lösbar ist. Kann die Frage mit "ja" beantwortet werden, verzichten wir auf die Arbeitserleichterung beim HTML-Erstellen.
  2. Zugang zu allen essentiellen Informationen für nicht-frametaugliche Browser durch konsequente Verwendung des <NOFRAMES> tags. Idealerweise überhaupt freie Wahlmöglichkeit für den Besucher zwischen Frames-Version und Non-Frames-Version.
  3. Aufruf wichtiger Site-Teile in ein neues Fenster, damit diese Teile mit einem Bookmark versehen werden können.
  4. Kein Aufruf fremder Seiten in eigene Frames, weil man damit das Layout eines anderen möglicherweise stört.
  5. Aufbau von Frameset-Teilen, die der Navigation dienen, ausschließlich so, daß der Benutzer alle Bedienungselemente sehen kann, ohne scrollen zu müssen.
  6. Extreme Sorgfalt bei der Programmierung gerade auch bei Frames. Das bedeutet:
    Keine Framesets innerhalb von anderen Framesets (wenn man hier nicht aufpaßt, kann man sich nur allzu leicht in einem Labyrinth verirren). Kein Ausschalten der Einstellungsmöglichkeiten für den User (etwa durch "noresize"), wenn man nicht absolut sicher sein kann, daß er sie nicht benötigt.

GO

Frames sind ein derart kontroversielles Thema in der Gemeinde der HTML-Autoren, daß in diversen Newsgroups darüber seit dem Auftauchen des Frames-Konzeptes die Fetzen fliegen. In der Webschrift ist für solches Hick-Hack zwar kein Platz, für andere Meinungen dagegen sehr wohl. Wenn Sie eine solche haben: ich freue mich über Ihre Mail.

Ansonsten: bis zum nächsten Mal.

Wolfgang Schimmel


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Last updated: 96-01-28,
URL: http://www.suxess.co.at/suxess/Webschrift_11.html

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