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KULTUR

- Theater -

Rolf Hochhuth:Mein letztes Gespräch mit Heiner Müller

Über das Berliner Ensemble. Über Brecht. Über Prozesse. Über den Tod

Am vergangenen Dienstag wurde Heiner Müller in Berlin begraben. In der Öffentlichkeit galt Rolf Hochhuth als sein Gegenspieler im Streit um die Zukunft des Berliner Ensembles. Das Sonntagsblatt veröffentlicht ein Protokoll, das Rolf Hochhuth über seine letzte Begegnung mit dem Dichter verfaßt hat.

Keineswegs als Krankenbesuch, sondern als Arbeitsgespräch war von Heiner Müller und mir meine Reise zu ihm nach München ins "Klinikum rechts der Isar" gedacht. Er lag nicht im Bett, dort auf Station 1 in der Ismaningerstraße. Er war täglich morgens mehrere Stunden in aufreibender Behandlung, doch am späten Nachmittag, völlig angekleidet, bei seinen Geschäften als Leiter des Theaters am Schiffbauerdamm, assistiert von der Theaterfotografin Brigitte Mayer, deren Handy die dauernde Verbindung mit dem Berliner Ensemble, dem B. E., aufrechterhielt. Wir sprachen länger als eine Stunde. Ich versuchte mehrfach, mich zu verabschieden, doch immer wieder forderte Heiner Müller mich auf, noch zu bleiben. Er sprach wie immer. Seine geliebte schwere Churchill-Zigarre allerdings rauchte er nicht mehr.

Seine Haltung zu seinem Leiden war Ironie. Keine Spur von Klage, nur der Witz: bloß noch das "Gewicht" zu haben wie zuletzt der Alte Fritz. Vermutlich wußte er jedoch so gut wie die Ärzte, wie krank er war...Seine erste Frage galt dem von uns gemeinsam verehrten Ernst Jünger: "Wie weit sind Sie mit ihm, werden Sie's schaffen?" Nämlich Jünger für eine Sonntagsmatinee ins Theater am Schiffbauerdamm zu holen. Denn Jünger hat noch nie - niemals! - in seinem nun einhundertundeinjährigen Leben, das sich seit nahezu achtzig Jahren in der Öffentlichkeit abspielt, einen öffentlichen Auftritt in Berlin gehabt. Sofort nach Beginn der Nazi-Zeit war er ostentativ aufs Land gezogen, denn "in Berlin hätte ich nichts zu fürchten gehabt als Ehrungen".

Heiner Müller, der bereits zu DDR-Zeiten nach Wilflingen bei Saulgau gepilgert war, um Jünger zu besuchen, den er - wie ich - für den bedeutendsten deutschen Dichter der Gegenwart hielt, wollte im B. E. den mehr als Hundertjährigen feiern: Schauspieler sollten in Anwesenheit dieses Nestors der Dichtung Jünger-Texte lesen. Ich mußte Müller antworten, Frau Dr. Liselotte Jünger lasse jetzt im Winter ihren Mann nicht reisen. Er selber hatte am Telefon gesagt: "Besucht mich lieber wieder mal!"Dann kamen wir auf unsere Kinder zu sprechen. Ich hatte Sorgen, mußte deshalb am nächsten Tag, statt noch einmal zu Müller zu gehen, nach Basel fahren. Müller sprach herzlich auch von seinen schon erwachsenen zwei Kindern, doch hatte er durchaus Sinn für mein Karl-Kraus-Zitat, das ihn sehr amüsierte: "Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit."

Heiner Müller fragte, wann er meinen Effi-Briest-Monolog lesen könne, von dem er wünschte, Peter Palitzsch werde ihn mit Marianne Hoppe uraufführen. Ich sagte, er bekomme ihn gleich nach Silvester. Schon weil Müllers Stimme absolut unverändert war, besonders aber wegen seiner Heiterkeit als Grundton des langen Gespräches konnte ich nicht auf die Idee kommen, daß Silvester schon der Tag sei, an dem Mark Lammert, Müllers Bühnenbildner, ihn als Toten zeichnen werde, und daß Müller das längst mit ihm abgesprochen hatte, da er nicht wollte, daß man ihm die Totenmaske abgipse.

Heute bewundere ich seine stoische Gelassenheit um so mehr, weil sie offenbar doch seiner Gewißheit, sterben zu müssen, abgewonnen war. Er hatte im März in der "FAZ" zwar ein schrecklich selbstquälerisches Sterbegedicht veröffentlicht, sprach aber nun, absolut souverän den Tod ignorierend, allein von der Zukunft als Arbeitspensum: von seinen beiden großen Vorhaben, erstens durch Peter Palitzsch - neben Manfred Wekwerth der letzte direkte Brecht-Schüler als Regisseur - das Zentenarium 1998 gestalten zu lassen. Und zweitens bei verschiedenen Autoren eine Serie von Dramen in Auftrag zu geben, die jene Gerichtsprozesse auf die Bühne stellen, die Weltgeschichte gemacht haben. Ein faszinierendes Vorhaben!

Palitzsch, so Müller, solle verhindern, daß in den Jahrhundertfeiern nur die Mode-Meinung zum Ausdruck komme, Brecht sei zwar als Lyriker unsterblich, als Dramatiker aber... Müller sprach das nicht aus, sondern ergänzte: "Es genügt auch nicht, daß nur pflichtschuldig zwei Brechtstücke inszeniert werden." Sondern man müsse Brecht in Person als zentrale geistige Erscheinung seiner Epoche auf der Bühne zeigen, anhand seines berühmten Arbeitsjournals. Und das sei "nur dokumentarisch zu machen, wie es mir weniger liegt. Das müssen wirklich Sie machen!"Heiner Müller hatte schon zehn Tage zuvor, als er aus München mit mir in Basel telefonierte, diese Aufgabe an mich herangetragen und überhaupt keinen Einwand gelten lassen. Auch nicht, als ich vorbrachte, schließlich habe er, nicht ich, Brecht noch selber und gut gekannt. Was verstehe ein "Wessi" wie ich von Brecht! Ich könnte höchstens zeigen, in welche Isolierung Brecht in Zürich geraten sei, als er allein von der Gage der Helene Weigel leben mußte und in Demut dem Landeshauptmann von Salzburg einen neuen "Jedermann" einreichte, vergebens natürlich.

Schließlich mieden die zwei damals streng vatikanisch orientierten Republiken Bonn und Österreich schon zu Beginn des Kalten Krieges den vor dem McCarthy-Tribunal aus den USA geflüchteten Brecht wie die Hundeschnauze das Wespennest. Im Bundestag verglich Außenminister Brentano Brecht mit Horst Wessel. Allein Intendant Harry Buckwitz in Frankfurt hatte den Mut, ihn zu spielen.

Noch zwanzig Jahre nach seinem Tode war Brecht dermaßen "unmöglich" in vielen Provinzen, daß zu seinem 75. Geburtstag, als Erich Honecker ihn im B. E. mitfeierte, in der Geburtsstadt Augsburg die SPD genötigt war, das Volkstheater Rostock mit einem Brecht-Stück einzuladen. Das klerikale Stadttheater spielte an diesem Abend die Operette "Die Herzogin von Gerolstein", hatte ohnehin keinen Brecht im Spielplan. Der Gärtnerjunge von Fleurop, der einen Kranz der DDR am Geburtshaus abgeben sollte, mußte in der Nachbarschaft fragen, wo das sei...Brecht hatte, bevor ihn 1949 die Einladung erreichte, nach Ostberlin zu kommen, Stücke wie die "Mutter" in Ortschaften uraufführen müssen, die man verwechselt, in Chur oder Thun. Müller lachte: "Da haben Sie doch Stoff genug, auch als Wessi!"

Ich erzählte noch - denn Heiner Müller war ein sozusagen produktiv machender Zuhörer -, wie ich Mitte der achtziger Jahre im Zürcher Schauspielhaus hinter den prominenten Brecht-Schülern Palitzsch, Egon Monk, Mittenzwei und Manfred Wekwerth saß. Und wie Mittenzwei sechzig Sekunden bevor der Vorhang zu einer "Baal"-Aufführung aufging, gesagt hat: "Und in diesem Hause ist Brecht fünfzehn Jahre lang nach dem Krieg nicht ein einziges Mal vorgezeigt worden!"

Ja, das soll man nicht vergessen: Es war die Ehre der DDR, Heinrich Mann und Brecht zur Rückkehr nach Berlin aufgefordert zu haben, während die Heuss-Republik und sogar das von den zwei Emigranten Ernst Reuter und Willy Brandt regierte Westberlin keinen Finger gerührt haben, die großen Emigranten zur Rückkehr einzuladen. Nicht einmal den Maler Max Beckmann oder Theatermann Erwin Piscator oder den meistgelesenen Deutschen des Jahrhunderts, Erich Maria Remarque...

Als wir auf Remarque zu sprechen kamen, erzählte ich Müller - was ihn sehr betroffen machte - , wie Roland Freisler, der Chef des Nazi-Volksgerichtshofes, Remarques Schwester enthaupten ließ an Bruders Statt. "Auch ein ungeheurer Stoff", sagte Müller und sprach dann mit Detailkenntnis von Freislers Vergangenheit als Star-Kommunist in Kassel. Er war sogar auf die Moskauer Parteischule geschickt worden, bevor er zu den Nazis ging und deren entsetzlichster Enthaupter und Erwürger wurde...Ich ergänzte, daß Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli gesagt hat: "Die soll der Freisler aburteilen, der alte Bolschewist, der wird unser Wyschinski!" (Andrej Wyschinski war Hauptankläger in den Moskauer Schauprozessen 1936 bis 1939; die Red.) Deshalb ließ Hitler die aufständischen Offiziere aus der Armee ausstoßen und dem Freisler-Tribunal, dem "Volksgerichtshof", statt dem Reichskriegsgericht überantworten.

Ich wiederholte meinen Einwand gegen Brechts Eintragung in seinem Arbeitsjournal vom 21. 7. 44: "Als etwas über die blutigen Vorgänge zwischen Hitler und den Junkergeneralen durchsickerte, hielt ich für den Augenblick Hitler den Daumen; denn wer, wenn nicht er, wird uns schon diese Verbrecherbande austilgen?" Müller antwortete, ich solle ja kein Idealbild Brechts zeichnen. Zweifellos war Brecht in seinem Klassenhaß zuweilen ebenso entstellt wie Hitler in seinem Rassenhaß. Heinrich Mann, erzählte ich, habe viel klarer als Emigrant durchschaut, was in Deutschland los sei. Er schrieb in einem Brief schon vor dem Kriege, nicht mehr die Arbeiter, die zumeist zu den Nazis übergelaufen seien, bildeten die Opposition, sondern "nur noch einzelne Pfarrer und Offiziere".

Während ich dieses Gespräch protokolliere, wird mir wieder bewußt, daß ich von einem jüngst Gestorbenen berichte. Wie unfaßbar und welcher Verlust, daß dieser vor Geist sprühende Mann tot ist! Was alles er noch vorhatte und anstiftete - und wieviel von Heiner Müller noch gekommen wäre! Trauer, ihn als Mensch so sehr spät, zu spät kennengelernt zu haben.

Was ihn neben dem Brecht-Zentenarium und neben eigenen Plänen, von denen wir nicht sprachen, offenbar am stärksten beschäftigte: sein Vorhaben, im B. E. einen Dramen-Zyklus in Auftrag zu geben: Verschiedene Autoren sollten die entscheidenden Gerichtsprozesse, soweit sie Weltgeschichte gemacht haben, auf die Bühne bringen, von Sokrates bis zur Gegenwart. Nun sprach Müller auch wieder von Stalins Star-Ankläger Wyschinski, der ihn offenbar bereits lange beschäftigte. Müller zählte einige der Opfer dieser "Justiz" auf, frühe Kommunisten, die ich nicht kenne.

Wir waren uns einig, daß beinahe in jeder der großen Tragödien ein Prozeß steckt, zuweilen gerade auch ein unterdrückter, kaschierter. Ich sagte: "Mich interessiert, ob wirklich Jeanne d'Arc oder nur an ihrer Stelle eine arme Namenlose verbrannt worden ist, wie einige Zeitgenossen argwöhnten." Müller: "Im Grunde verdichtet sich doch die ganze Geschichte an einer Kette grausamer, aber auch aufklärender, sofern nicht verfälschender Prozesse." Ich erinnerte daran, daß der sehr junge Piscator nach dem Ersten Weltkrieg sein erstes in Königsberg gegründetes Theater "Das Tribunal" genannt hatte. Müller sagte: "Piscator muß in Ihrem Brechtstück natürlich auch auftreten als sein bester Freund in den frühen Jahren." Ich erzählte, wie Piscator versucht hatte, von Westberlin aus zu dem in der DDR lebenden Brecht engste Verbindungen zu halten. Piscator wollte Brecht in den Westen, Brecht Piscator in den Osten abwerben.

Piscator hat von Brecht einen menschlich sehr schönen Zug überliefert: "Ging's mir gut, ließ er sich monatelang nicht sehen. Ging's mir schlecht, das heißt, hatten die Esel der Kritik mich unter die Hufe genommen, so war Brecht am anderen Morgen ungerufen in meinem Theater und fragte: ,Wie kann ich da helfen?'"

Heiner Müller sagte: "Ich weiß auch Geschichten, die beweisen, daß Brecht als Mensch viel sympathischer war als sein Ruf. Palitzsch erzählte, er war's, dem Brecht noch ziemlich zuletzt ein Blatt gab, auf dem er verfügt hatte, welche seiner Freundinnen die Tantiemen jener Stücke erben sollten, an denen sie verantwortlich mitgearbeitet hatten." Wie's ja nur gerecht ist, warf ich ein. Müller: "Natürlich! Doch Brecht hatte die Rechnung ohne die Weigel gemacht... Als Palitzsch das Blatt der Witwe gab, hat sie's einfach zerrissen." Müller machte die Handbewegung, mit der man ein Papier zerreißt, sah dabei gewinnend mitfühlend aus, sagte bekümmert: "Unglaublich bei einem so listigen Mann, doch Brecht hatte tatsächlich nicht gewußt, daß jedes Testament ungültig ist, das nicht von Hand, sondern mit Maschine geschrieben ist!"

Ich sagte: "Vielleicht hat er's doch gewußt, aber nicht gewußt, daß man einer Witwe nicht vertrauen darf, wenn's um Zuwendungen an andere Frauen geht." Wir lachten. Müller fügte an, Brecht sei also keineswegs so undankbar gewesen, wie ihm immer nachgesagt werde. Ich kalauerte: Wenige sind so schlecht wie ihr Ruf, wenige so gut wie ihr Nachruf.

Heiner Müller sprach die ganze Zeit so lebhaft, daß mir ist, als stapfte ich erst soeben aus dem Münchner Spital durch den hohen Schnee zur Tram. "Wir sehen uns spätestens", so verabschiedete mich Müller schließlich, "am 30. zur Puntila-Premiere in Berlin." Ich fragte seine Frau: "Darf er denn reisen - bei diesem Wetter?" Sie war skeptisch, zeigte das aber nicht ganz.

Ach, sein furchtbares preußisches Pflichtgefühl hat Heiner Müller noch im Auto aus München, wo er nach eigenem Bekunden medizinisch in den besten Händen war, nach Berlin getrieben, zu der - dann doch abgesagten - Einar-Schleef-Inszenierung! Diese letzte Reise bei dieser Witterung, sie ist zu verfluchen. Der einzige Trost, daß - vielleicht - Heiner Müller seine überraschende Einlieferung ins Berliner Virchow-Krankenhaus, kaum, daß er in Berlin angekommen war, dann doch nur auf einen "grippalen Infekt" zurückführte. Doch so klug, wie er war, kann er auch gewußt haben, was das wirklich bedeutete.

Hoffnung auf Zeit - fraglos war er in München davon noch erfüllt, trotz seines Gedichts im März in der "FAZ":

In der Verzweiflung, mit der diese Zeilen geschrieben sind, war er keineswegs an jenem 14. Dezember. Und ganz offenbar haben auch die Ärzte in München - sie hätten ihm sonst die verhängnisvolle Autoreise nach Berlin bei großer Kälte nicht erlaubt - ihren Patienten in dieser Stimmung nicht erlebt, in der Heiner Müller im März die eben zitierten neun Zeilen geschrieben hatte. "Die mein Leben gerettet", sagt er immerhin von der damaligen Operation. Und war ja auch deshalb von Berlin zu den Münchner Ärzten gegangen, weil sie damals mit der Operation Müller zunächst gerettet hatten.

Doch ein anderes Gedicht, schon im Sommer 1992 geschrieben, dann von Heiner Müller selbst gesprochen als Schlußwort in einem anrührenden Filmporträt, das Frank Schirrmacher von ihm gezeichnet hat, protokolliert genauer die Stimmung unseres letzten, dann doch immer wieder von Humor aufgehellten Gespräches. Ich sage Humor, denn Sarkasmus, gar Zynismus waren nicht im geringsten spürbar. Die Pläne, die Müller machte und von denen fast allein er sprach, waren doch Mitte Dezember ohne Frage von ihm noch für realisierbar gehalten worden. Das ist ein Trost - denn arbeiten zu dürfen, was man will und wie lange man es will, das ist das wesentlichste Geschenk des Daseins.

Müller nannte sein Gedicht "Herzkranzgefäß":

Am Dienstag, dem 16. Januar, mittags um 12 Uhr 30, wurde Müller auf dem Hugenotten-Friedhof Berlins, dem Dorotheen-"Gottesacker" im Umkreis der Gräber Schinkels, Hegels, Heinrich Manns, Brechts beigesetzt. Tröstlich, daß Heiner Müller am 30. Dezember in seinem Sterben an Herzversagen nicht allein war, sondern daß Brigitte Mayer an seinem Bett war, die Mutter seines Töchterchens. Heiner Müllers Familie gilt zuerst unser Beileid. Doch für die Literatur - der Österreicher Thomas Bernhard, die zwei bedeutendsten Schweizer Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch und viele andere gingen ihm voran - , wiegt Müllers verfrühtes Sterben ebenso schwer. Als der einschneidendste Verlust des deutschen Theaters seit dem Tode von Peter Weiss.


Wenn Sie mehr lesen wollen, DS - Das Sonntagsblatt - Nr. 3


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19. Januar 1995