Mensch, Die Psychologie bemüht sich umsonst um unser Seelenheil. Der Mensch wird nicht vom Verstand oder von Gefühlen geleitet, sondern von einem komplizierten, biochemischen Bordcomputer. Wir haben mal ein paar Dateien aufgemacht. was ist mit dir los?

Wozu Sex?

Ja, wozu eigentlich? Dramen, Kriege und ganze Kapitel der Weltgeschichte bleiben auf ewig ungeschehen, wären wir nicht solche Sklaven unseres Geschlechtstriebes. Wer hätte sich je die Mühe gemacht, die schöne Helena zu entführen und Troja in Schutt und Asche zu legen? Wie einfach wäre unser Alltagsleben - ohne das ewige Balzverhalten, ohne die grenzenlose Geldverschwendung für Pickelwässerchen und Sportwagen, ohne den ganzen nervtötenden Liebeskram? Wieso können wir uns nicht wie Einzeller einfach teilen oder wie die Hecke im heimischen Garten still und leise neue Triebe schlagen? Noch viel leichter wäre es, unseren Nachwuchs käuflich zu erwerben, wie es schon der griechische Dramatiker Euripides vorgeschlagen hat. Sicher, Sex ist schön und gut, macht gelungenenfalls auch Spaß. Aber eingedenk des vielzitierten Tucholsky-Satzes – „Die Sache selbst ist wohlbekannt, dauert selten länger als fünf Minuten, und trotzdem spielt die die halbe Welt verrückt deswegen“ – dürfte Sex eigentlich nicht der Weisheit (oder zumindest der Evolution) letzter Schluß sein. Aber irgendwie muß Mutter Natur von dem Prinzip „Aus zwei mach drei, vier, viele“ überzeugt sein, läßt sie ihre Kinder doch seit Millionen Jahren immer wieder nach Sexualpartnern suchen.

Wie sooft in der menschlichen Existenz ist es die Biologie, die dem umständlichen Treiben einen Sinn gibt: Sex beziehungsweise die geschlechtliche Fortpflanzung, ist streng genommen nichts anderes als eine Wurmkur! Klingt abstoßend, ist aber logisch. All die kleinen Würmer, Viren und Bakterien verstehen es virtuos, sich unserem Immunsystem und unseren Genen anzupassen. Als Klone hätten wir da keine Chance. Die Parasiten würden unsere Abwehr in- und auswendig kennen und sie erfolgreich lahmlegen. Innerhalb weniger Generationen wäre der Mensch ein wandelnder Virenbehälter und nach kurzer Zeit ausgestorben. Hier kommt der Sex ins Spiel. Er sorgt für die Abwechslung im Erbgut. Die Gene des Immunsystems von Vater und Mutter werden zusammengewürfelt, der Sproß erhält eine neue Ausstattung. Daran dürfen sich die Heerscharen der Spulwürmer & Co. Erst einmal die Zähne ausbeißen. Bis sie damit fertig sind, hat sich das Immunsystem der nächsten Generation schon wieder verändert. Ein Krieg zwischen klein und groß, bei dem der Sex die schärfste Waffe des Homo sapiens ist.

Warum lieben wir immer den Falschen?

Die etwas Älteren unter uns erinnern sich sicher noch an die herzzerreißende Showeinlage des Conférerciers Loel Grey in dem Muicalfilm Cabaret: „If you could see her through my eyes...“, wenn Sie sie nur mit meinen Augen sehen könnten. Darin besingt er seine unsterbliche Liebe zu - einer Äffin. Aber es sind ja nicht nur die Augen, die den oder die Erwählte/n begehrenswert erscheinen lassen, zu tragischen Mesalliancen führen, langjährige Freundschaften auf die Probe stellen, weil einer oder eine plötzlich einen völlig „unpassenden“ Partner anschleppt.

Eigentlich ist er Ihr Traummann. Sein Soufflé schmeckt unbeschreiblich gut, und auch äußerlich sind Sie von ihm angetan. Aber eine Beziehung? „Nein“, werden Sie entgegnen, „er ist irgendwie nicht mein Typ.“ Ihre wahre Liebe geht zwar nicht in Museen und scheitert schon an Bratkartoffeln, aber er ist der einzig Richtige - auch wenn er tausendmal Bierbauch und Glatze trägt.

Oder umgekehrt: Die blonde Kollegin aus dem Nebenzimmer. Gleiche Interessen, gleicher Geschmack - und dann ist sie immer so elegant angezogen...Dennoch: von Liebe keine Spur. Warum lieben wir eigentlich so selten den „Richtigen“?

Nicht verzweifeln, über „richtig“ und „falsch“ entscheidet nicht der Augenschein, sondern unser biologischer Zentralrechner. Letzte Instanz in diesen Dingen ist - wie in vielen anderen - unser Immunsystem; dem haben wir schließlich den Sex überhaupt zu verdanken. Wie alle Säugetiere besitzen auch Menschen in ihrem Erbmaterial eine Kombination von Genen, von Fachleuten MHC (Abkürzung für major histocompatibible complex) genannt, die wichtige Immunfunktionen steuert.

Dem MHC obliegt es, unseren Körper gegen Viren und deren Verbündete zu verteidigen. Und da es unerhört viele Krankheitserreger und andere Stoffe gibt, die schnellstens unschädlich gemacht werden müssen, ist es vorteilhaft für die Menschheit, über eine ebensolche Vielfalt der Immunsysteme zu verfügen.

Damit wir uns dort, „wo die Liebe hinfällt“, nicht nur an so unwichtigen Eigenschaften wie Charakter und Aussehen orientieren, sondern auch an der Gesundheit unserer möglichen Nachkommen, ist der MHC maßgeblich an der Steuerung der sogenannten Pheromone beteiligt. Diese Virenstoffe sind chemische Abkömmlinge von Sexualhormonen. Sie werden mit dem Schweiß abgesondert, haben aber keinen Eigengeruch. Menschen mit verwandten Genen und ähnlichen MHC produzieren auch männliche Pheromone. Aufgenommern werden sie über das Hals-Nasen-Organ, Kuz VNO, zwei winzig kleine Öffnungen in der Nasenscheidewand.

Nun hat es die Natur so eingerichtet, daß sich Partner mit unterschiedlichen Pheromonen gegenseitig anziehen. Dadurch, weil beider Immunsysteme so verschieden sind, statten sie ihre Kinder mit verbesserten Waffen gegen lästige Parasiten aus. Da dürfte die Suche nach Traumfrau und Traummann doch eigentlich gar nicht schwerfallen: Nase in den Wind und nach den richtigen Pheromonen geschnuppert, schon haben wir das passende Deckelchen für unser Töpfchen!

Der Haken an der Sache ist nur, daß unser Bewußtsein von den Pheromonen nicht viel mitbekommt. Das VNO ist direkt mit dem limbischen System und dem Hypothalamus verbunden, dem unterhalb des Zwischenhirns liegenden Teil unseres Computers. Das limbische System umfaßt entwicklungs-geschichtlich uralte Gehirnabschnitte, in denen Gefühle, Lust und Unlust entstehen. Das so geschätzte logische Denken bleibt beim Erschnüffeln der Partnerdüfte durch das VNO außen vor. Die Pheromone lassen sich weder von der Kraft unseres Verstandes beeindrucken noch von den neuesten Trendzeitschriften oder Hollywoodfilmen. Kriterien wie lange Beine, blaue Augen und blondes Haar sind bei ihnen nicht einprogrammiert, die Hormone übermitteln hauptsächlich die Beschaffenheit unseres Immunsystems. Und da für den Nachwuchs die gesunde Mischung des MHC überlebenswichtig ist, verlieben wir uns auch in den Partner mit dem passenden Immunsystem - auch wenn er scheinbar nicht der „Richtige“ ist.

Warum ist meine Frau manchmal so komisch?

Konstantin versteht die Welt nicht mehr. Da hatte er die Frau seines Lebens gefunden – oder sagen wir ruhig: erschnuppert. Gemeinsam hatten sie einander weige Liebe geschworen und ein echtes Wunschkind auf den Weg gebracht. Und plötzlich ist Susanne abweisend, als wolle sie nichts mehr von ihm wissen. Hat sie in mit nur den Erzeuger gesehen?, grübelt er – und hat leider nicht einmal völlig unrecht damit. Nach den Regeln der Biologie sucht eine Frau, um möglichst widerstandfähige Nachkommen zu produzieren, einen Vater mit einem Immunsystem, das sich von ihrem möglichst unterscheidet. Ist sie aber erst einmal schwanger, steht die Sorge um das Neugeborene im Vordergrund. In dieser Phase bevorzugt sie den ihren möglichst verwandte Pheromoncocktails. Wie bei einer brütenden Glucke wird der Wunschvater nach erfolgter Zeugung zum Störfaktor – denn jetzt sendet er die „falschen“ Pheromone aus. Diese Geruchsverwirrung ist ein optimaler Nährboden für Beziehungskrisen aller Art. Und als hätten wir mit den Programmierungen durch die Natur nicht schon genug zu kämpfen, sorgt eine bahnbrechende Erfindung unseres Jahrhunderts erst recht für Konfusion: die Pille. Bekanntlich basiert die Wirkung des Hormonpräparats Anti-Baby-Pille auf der Vortäuschung einer Schwangerschaft, mit der ein Eisprung verhindert wird. Eine Pillenverwenderin verhält sich aber auch sonst wie eine Schwangere - also wählt sie Männer mit ähnlichem MHC. Setzt sie dann, etwa in einer festen Beziehung mit Kinderwunsch, die Pille ab, wünscht sie sich wieder einen Partner mit unterschiedlichen Pheromonen. Sie kann den früher Auserwählten plötzlich nicht mehr „riechen“. Die Herren der Schöpfung ziehen bei diesem Mummenschanz der Gerüche immer den Kürzeren. Sie können ihre Duftmarke nicht von einem Tag auf den anderen wechseln. Das vermeintlich starke Geschlecht ist den Pheromonpräferenzen ihrer jeweiligen Liebsten waffenlos ausgeliefert. Eine Erkenntnis, die zwar nicht unmittelbar hilft, aber das Leben vielleicht erträglicher macht.

Wieso finden wir üble Gerüche gut?

Die Vorstellung, ein Mann müsse „nach Mann riechen“ und sonst nach nichts, hat uns nicht erst die Kosmetikindustrie ausgetrieben. Tatsächlich versuchen die Menschen seit Menschengedenken, ihre natürlichen, für die Partnerwahl so unentbehrlichen Ausdünstungen zu übertönen. Ganze Industriezweige leben von unserer Sucht nach frischen Düften. Tiere verlangen Körpergeruch pur, nur der Mensch sehnt sich nach künstlichem Blütenaroma. Wüßte er allerdings genau, was er da so gern riecht, hätten wir vielleicht bald eine formidable Renaissance der guten alten Kernseife. Anders als bei den Viechern richtet sich unsere Nase für die olfaktorische Kommunikation nicht mehr nur am Instinkt aus; Düfte signalisieren uns eine Hauch von Frische, wir fühlen uns porentief rein, vom Schweiße befreit. Allerdings betäuben wir uns eigentlich mit Stinkstoffen. Moschus zum Beispiel, ein Sekret aus den Analdrüsen des Moschustieres, einer geweihlosen Hirschart aus Zentral- und Ostasien, würde sich – ähnlich dem fast ebenso teuren Parfumbestandteil, der aus dem Aftersekret der Zibetkatze gewonnen wird – eigentlich vor allem dazu eignen, die Männchen exotischer Tierarten sexuell anzutörnen. In höheren Konzentrationen erinnern diese Substanzen eher an Fäkalien als an blühende Blumenwiesen – erst in großer Verdünnung erhalten sie ihre warme und blumige Note. Ein drastisches Beispiel dafür sind die beiden Stoffe Indol und Skatol, Abbauprodukte des Nahrungseiweißes. Sie sind für den typischen Geruch von Exkrementen verantwortlich, verdorbene Nahrung verdankt diesen Stoffen den Gestank. Anders, wenn von ihnen nur ein Hauch in der Luft liegt: Dann mutieren die beiden Stoffen zu exotischen Düften. Jasmin- und Orangenblüten, Tabak, Orchideen und Narzissen, Käse und Tomatenmark – ohne die beiden Verwandlungskünstler Skatol und Indol würde den Wohlgerüchen das gewisse Etwas fehlen. Warum wir gut riechen können, was wir da riechen, sagt uns unser Bio-Computer: Die Menschen haben gelernt, daß sie dort, wo Indol und Skatol in geringen Mengen vorkommen, sie Eßbares oder Angenehmes erwartet. Andererseits ist im Zuge der Kulturleistung „Hygiene“ manch ein Fäkalgeruch inzwischen mit Ekel assoziiert. Wie anerzogen diese Abscheu ist, sehen wir an unseren Kindern: Die haben Freude an unseren „Produkten“ und würden sie ohne weiteres verzehren, wenn wir sie nicht daran hinderten. Sosehr sich unser Verstand auch dagegen sträuben mag: Ein Hauch von Fäkalien erzeugt im Unterbewußtsein ein Gefühl der Vertrautheit. Die künstliche Frische spricht dagegen unser anerzogenes Reinlichkeitsempfinden an. Was die gängigen Parfums so beliebt macht, ließe sich salopp auf die Formel bringen: Fäkalien für die Seele, Blütenduft für den Verstand. Ein richtig guter Werbeslogan wäre das allerdings nicht.

Warum sind wir bloß so blass?

Der erste Tag am Strand. Wir pellen uns aus unserer Schutzkleidung und hoffen, daß uns niemand sieht, solange wir nicht die schöne sommerliche Hautfarbe erworben haben. Na-türlich geht die Sache schief. „Quarkschnitte“ höhnen die Vorgebräunten, oder auch: „Milchgesicht!“ und liegen nicht einmal so falsch damit. Je näher wir dem Äquator kommen, desto weniger Menschen trinken Milch. Viele Amerikaner vertragen im Erwachsenenalter gar keine Milch mehr.

Des Rätsels Lösung liegt in der Sonne, denn die spielt bei der Vitamin-D-Produktion eine entscheidende Rolle.

Dazu muß man wissen, daß Vitamin D gar kein „echtes“ Vitamin ist, sondern ein Hormon. Der menschliche Körper ist durchaus in der Lage, Vitamin D selbst zu produzieren - und zwar mit dem vielgescholtenen Cholesterin, das manche Diät- und Gesundheitsfanatiker am liebsten verbieten würden. In der Haut setzt der menschliche Organismus das Cholesterin den UV-Strahlen der Sonne aus, die es zu Vitamin D umwandelt. Je heller die Haut, desto mehr UV-Licht dringt in den Körper, um so leichter entsteht Vitamin D.

Damit wäre klar, warum die Menschen im Norden hell- und im Süden dunkelhäutig sind: Je weniger die Sonne scheint, desto wichtiger ist die helle Haut, um das wenige Licht optimal zu nutzen. Daher gelten auch rote Bäckchen bei Kindern als Zeichen guter Gesundheit: Das Gesicht ist besonders gut durchblutet, die Vitamin-D-Produktion läuft auf Hochtouren.

Im Süden hingegen scheint die Sonne im Überfluß, dort hat der Schutz vor den schädlichen Einflüssen der UV-Strahlung wesentlich größere Bedeutung. Daß etwa die Eskimos eher dunkelhäutig sind, spricht überhaupt nicht gegen die grundsätzliche Erkenntnis. Bei beinahe vollständiger Abwesenheit der Sonneneinstrahlung würde ihnen helle Haut nichts nützen. Sie müssen Vitamin D über die Nahrung aufnehmen - so wie auch wir „Milchgesichter“ es zumindest zur Ergänzung tun. Und zwar meistens über Milch und Milchprodukte.

Warum sind wir anders als die Chinesen?

In Asien wäre es ein Unding. Unglaublich, wie die angeblich so zivilisierten Europäer jenes Sekret aus den Drüsen des Wiederkäuers so eifrig in sich hineinschütten. Milch ist auf der anderen Seite des Globus einzig und allein Nahrung für Säuglinge; erwachsenen Chinesen läuft schon beim bloßen Gedanken an das weiße Getränk ein Schauer über den Rücken. Und für Orientalen riechen wir Langnasen einfach nur nach Buttersäure.

Nicht die Chinesen, sondern wir Europäer sind nicht ganz „normal“. Erst ein Gendefekt, der sich bei unseren Vorfahren durchgesetzt hat, ermöglicht es uns, Milch zu vertragen. Der Defekt erwies sich als segensreich, weil wir nicht genug Sonnenlicht bekommen, um ausreichend Vitamin D zu bilden. Der in der Milch enthaltene Milchzucker (Lactose) erfüllt im Darm die gleiche Funktion wie Vitamin D: Beide transportieren das Kalzium aus der Nahrung durch die Darmwand und stellen es für den Aufbau der Knochen zur Verfügung.

Auch wenn unser Körper erst lernen mußte, die Milch zu vertragen, ist sie mittlerweile fester Bestandteil unseres Speiseplans geworden. Leider ist das nicht für jedermann auch gut. Nicht alle Europäer haben den erwähnten Gendefekt. Die anderen leiden an einer „Lactose-Intoleranz“, wie der Fachausdruck für Milchzucker-Unverträglichkeit lautet. Allein in Deutschland sind von dieser Intoleranz acht Millionen Menschen betroffen. Da aber in unseren Breiten Milch als Wundermittel der Ernährung gilt, trinken sie mit großer Abscheu weiter. Kleine Kinder werden oft sogar zu Milch gezwungen. Diese Menschen haben dann ständig Durchfall und Magenschmerzen, ihre Verdauung ist durch die Milch gestört. Geplagt rennen sie von Arzt zu Arzt. Der weiß nur selten richtig zu helfen.

Milchzucker-Unverträglichkeit ist heute bei uns das häufigste Ernährungs-problem, aber immer noch sind ihre Symptome weitgehend unbekannt. Bei den Betroffenen führt der erzwungene Milchgenuß zu einer gestörten Kalziumversorgung, langfristig sogar zu Osteoperose (Knochenschwund). Viele Ärzte raten daher statt zu einem sinnvollen Verzicht zu noch mehr Milch. Der Teufelskreis setzt sich fort. Dabei gibt es ganz einfache Testverfahren: Bei Verdacht auf Lactose-Intoleranz trinkt der Patient ein Glas Wasser, in dem Milchzucker gelöst ist - und wartet, ob er Bauchschmerzen bekommt. An seinem Atem läßt sich dann messen, wie empfindlich er tatsächlich ist. Manche vertragen Kaffeesahne, Joghurt, Käse oder Kakao, andere müssen alle Produkte meiden, die Milchzucker enthalten. Für neun von zehn Deutschen ist die Milch überlebenswichtig, für die restlichen zehn Prozent ist es dagegen ebenso wichtig, keine Milch zu trinken.

Warum fahren wir so gerne in den Süden?

Morgenstund hat Blei im Schlund. Jedenfalls an kalten und düsteren Wintertagen. Was auch immer die Verfechter des preußischen Arbeitsethos dem Volk in den Mund gelegt haben: In dieser Finsternis kann uns doch alles Edelmetall der Erde gestohlen bleiben. Müde und mürrisch stehen wir mit der Zahnbürste in der Hand im Badezimmer und beneiden die Bären, die den Winter über schlafen dürfen. Die haben es gut, können sich auch noch ungeniert eine ordentliche Speckschicht anfuttern. Und wer die Zeit in einer kuscheligen Höhle verträumen darf, hat sicher auch keine Probleme mit schlechter Winterlaune. Haben Sie etwa schon mal einen schwermütigen Bären gesehen?

Wie wir sie beneiden, die Weltenbummler und wohlhabenden Pensionisten, die unserer winterlichen Düsternis entfliehen können. Und wie wir uns aufregen über die Nachbarin, die jedes verlängerte Wochenende nutzt, um „last minute“ nach Mallorca oder Ibiza zu fliegen. Dabei folgt sie bloß ihren biologischen Impulsen: Sommer und Frühling ziehen uns magisch an. Mit dem Sonnenbad, ob im Biergarten oder am Strand, bringen wir unsere erlahmten Gemüter wieder in Schwung. Nur Skifahrer und Weihnachtsmänner kommen in der Zeit zwischen November und März so richtig auf ihre Kosten. Die Daheimgebliebenen trösten sich derweil mit allerlei Süßem. Winterdepressionen werden in Unmengen selbstgebackener Plätzchen erstickt.

Der Hunger nach Süßem erweist sich auch als Schlüssel zum Verständnis der geheimnisvollen Lichtwirkung. Er verschwindet meistens genau dann, wenn Winterdepressive Licht tanken. Die Erklärung: Licht und Zucker wirken ähnlich auf unseren Gehirnstoffwechsel. Beide sind für die Versorgung mit Serotonin zuständig, einem Botenstoff, der - vereinfacht gesprochen - für die Übermittlung der guten Nachrichten zuständig ist. Licht verhindert den Abbau des Serotonins, Zucker stimuliert seine Neubildung.

Serotonin ist für allerlei Trubel in unserem Körper verantwortlich. Es steuert unser Wohlbefinden über den Tag hinweg. Über Nacht baut der Körper Serotonin in das verwandte Hormon Melatonin um. Die beiden Stoffe regeln so unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Am Morgen ist unser Serotoninspiegel daher niedrig. Wir versuchen ihn wieder hochzujagen, indem wir unser Frühstücksbrötchen mit süßer Marmelade bestreichen.

Noch besser fühlen wir uns mit einem kräftigen Schluck frisch gebrühten Kaffeees. Denn, wie japanische Wissenschaftler unlängst nachweisen konnten, Koffein regt nicht nur an, sondern wirkt regelrecht euphorisierend. Zudem puscht es unseren Serotoninspiegel weiter nach oben. Auch die zweite tägliche „Kaffeestunde“ ist so zu erklären: Wir legen sie am Nachmittag ein, zu Beginn der Dämmerung, wenn mit dem Licht auch das Serotonin schwindet. Koffein stoppt zwar den Abbau des Euphorie-Stoffes nicht, regt aber dessen Nachbildung an.

Das macht auch den überdurchschnittlichen Kaffeeverbrauch im Norden - Skandinavier trinken Unmengen mehr als der Rest ihrer europäischen Nachbarn - verständlich. Für Nordlichter mag der warme Süden ohnehin wie das Paradies auf Erden wirken: genug Vitamin D, auch ohne Milch, genug gute Laune, auch ohne Schokolade, dazu noch die attraktive dunkle Hautfarbe, also keine Gefahr von Sonnenbrand oder Hautkrebs. Außerdem müssen Südländer einfach von Natur aus glücklicher sein, haben sie doch dank der Sonne immer genug Serotonin im Blut. Wohin fahren wir als nächstes? Klar doch, in den Süden, wo wir alle unsere Nachbarn wiedertreffen.

Warum macht uns das Fasten dicker?

Im Winter muß sich der Mensch also das nötige Serotonin anfuttern. Und als wäre das Nordlicht vom Schicksal nicht schon genug gebeutelt, machen sich dann im Frühjahr all die Marzipanbrote, Schokoladentafeln und Weihnachtsplätzchen auch noch in der Hüftgegend deutlich sichtbar. Da hilft nur eins: Der Winterspeck muß weg, die Frühjahrsdiät muß her. Artig wird im Supermarkt nur noch nach Lightprodukten und kalorienreduzierter Kost gegriffen. Wie gut, daß all die Diätlebensmittelchen ihren Nährwert freiwillig verraten. Aber wie kommen eigentlich die Kalorienangaben in die Ernährungstabellen und auf die Joghurtpackungen? Grundlage dieser Zahlen ist ein Gerät namens Bombenkalorienmeter. Das ist ein Metallgefäß mit dicken Wänden, die Lebenmittel werden darin unter starkem Druck mit einem glühenden Draht entflammt und verbrannt. Wie bei jeder Verbrennung wird dabei Energie in Form von Wärme frei; diese Wärmeenergie läßt sich präzise messen. Das Ergebnis wird in Kalorien oder Joule angegeben und heißt „physikalischer Brennwert“. Der Mensch ißt aber nicht nur, er geht auch aufs stille Örtchen. Da, frei nach Helmut Kohl, durchaus mitentscheidend ist, „was hinten rauskommt“, haben wir folglich nicht die gesamte Energie der verzehrten Lebensmittel „verbrannt“ – ein Teil wurde ungenutzt wieder ausgeschieden. Im Rahmen des unvermeidlichen Erkenntnisfortschritts hat das irgendwann, nachdem die Fachleute jahrzentelang mit dem „physikalischen Brennwert“ hantiert hatten, auch die Ernährungswissenschaft erkannt. Nun werden Urin und Kot ebenfalls im Kalorienmeter verkokelt und vermessen. Das Ergebnis zieht man dann von den zuvor ermittelten Kalorien ab. Heraus kommt schließlich der Kaloriengehalt, der in den Tabellen steht; er wird „physiologischer Brennwert“ genannt. Das klingt zwar plausibel, ist aber ziemlich blauäugig, denn unsere Exkremente bestehen zu einem beträchtlichen Teil aus den ausgeschiedenen Mikroben unserer Darmflora und der abgeschliffenen Darmschleimhaut – und keineswegs nur aus übriggebliebenen Kalorien. Weil die entsprechenden Substanzen überdies recht unangenehm riechen, zieht man es allerdings in vielen Labors vor, die entsprechenden Werte zu schätzen – es wird also wieder „errechnet“ statt gemessen. Im übrigen spazieren wir nicht mit einem Kohleofen im Bauch herum, sonst müßten wir statt mit der Zeitung mit einem Feuerlöscher aufs Klo. Der einfache Schluß aus alldem: Entziehen Sie den Kalorientabellen einfach den Brennwert; schmeißen Sie die Dinger ins Feuer. Das Kalorienzählen schadet im Endeffekt mehr, als daß es unsere Gesellschaft gesünder macht. Durch das gebetsmühlenartige Wiederkäuen von Ernährungsregeln verleiten wir unseren Körper dazu, sich seine natürlichen Sättigungsmechanismen abzugewöhnen. Dem modernen Menschen wird eingetrichtert, er habe dann satt zu sein, wenn er genau 2 000 Kilokalorien zu sich genommen hat. Ein wahres Wunder, daß es unsere Ahnen auch ohne Bombenkaloriemeter vermeiden konnten, aufzugehen wie die Hefekuchen. Wenigstens hat der Bundesgesundheitsminister ein Herz für unsere Bäuche. Sein Entschluß, die Mittel für Ernährungsberatungsstellen zu streichen, spart nicht nur Geld, sondern manchem Diätgeplagten auch eine Menge Nerven. Dennoch belästigt uns eine Allianz aus Frauen- und Fitneßzeitschriften jedes Jahr munter mit Frühlingsdiäten. Trotz aller ultimativen Geheimtips, mit jeder Ausgabe selbstverständlich anderen, erreicht allerdings kaum jemand dabei das erstrebte Idealgewicht. Der Darm kennt keine Kalorientabellen, er liest auch keine Fachzeitschriften. Magen und Darm verhalten sich nämlich sturerweise immer noch wie zu Zeiten, in denen wir als Jäger und Sammler die Wälder unsicher gemacht haben. Schlankheitswahn und Fitneßtempel sind diesen beiden Organen so fremd, wie es dem Höhlenmenschen das Internet wäre. Unser Körper denkt beim Essen nur in zwei Kategorien: entweder „Hunger!“ oder: „Es ist genug zum Sattessen da!“ Eine Diät ist für unseren Organismus gleichbedeutend mit einem Nahrungsengpaß; von Butterbergen und Milchseen weiß unser Evolutionsmodell nichts – wohl aber von erschöpften Jagdgründen und ausbleibenden Ernten. Folglich unterscheidet unser Magen auch nicht zwischen erzwungenen und freiwilligem Nahrungsausfall. Die Vorstellung, vor vollem Teller zu hungern, findet unser Magen abstoßend. Deshalb brauchen wir während der Fastenzeit auf Unterstützung aus der Bauchgegend gar nicht erst zu hoffen. Ganz im Gegenteil: Der Körper boykottiert alle unsere guten Vorsätze, dünner zu werden. Er würde sich andernfalls ja selbst impfen. Während der Diät schraubt sich deshalb der Stoffwechsel automatisch zurück, das Gehirn lernt, mit reduzierten Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen besser zu haushalten, also mit weniger Umsatz ungefähr den gleichen Gewinn zu erzielen. Daher geht der Zeiger der Waage auch schon bald nicht mehr zurück. Nach den anfänglichen Erfolgen nimmt der Körper die Diät nur noch im Schneckentempo an. Mit den ersten schnellen Pfunden ist außerdem nicht viel Fett verschwunden: Zu Anfang einer Diät verliert der Körper erst einmal im wesentlichen Wasser. Für das bißchen Gewichtsverlust zahlt der Diätgeplagte Tribut genug. Durch die reduzierte Zuckeraufnahme senkt sich auch der Serotoninspiegel, die Tage der Diät sind deshalb auch zugleich Tage andauernder Müdigkeit und Griesgrämigkeit, begleitet von einem Heißhunger auf Süßes, der jeden Gang zum Supermarkt zur Zerreißprobe werden läßt. Auch nach langem Verzicht können sich die Verfechter des Schlankheitswahns nur kurz am hart erkämpften Idealgewicht erfreuen. Denn der Körper läßt sich mit dem Ende der Diät nicht einfach wieder auf Normalbetrieb umstellen. Er hat gerade eine Hungerzeit überstanden und weiß nun nicht, wie lange der Tisch diesmal gedeckt bleibt. Sicherheitshalber bleibt der Stoffwechsel weiter auf Sparflamme, die verlorenen Fettreserven werden erst mal wieder aufgefüllt. Das ganze Maßhalten und Kalorienzählen war für die Katz. Diäten halten noch weitere Tücken bereit, oft tritt der gefürchtete Jo-Jo-Effekt ein: Der Körper hat aus der Hungerphase gelernt. Er will nicht noch einmal in einen bedrohlichen Engpaß geraten und speichert deshalb mehr als nötig. Die Folge: Diäten machen nicht dünner, sondern dicker. Dabei bedarf es gar keiner besonderen Frühlingsdiät. Wir passen auch ohne die Eßfolter bald wieder im Sommerkleid, Minirock und Leinenhose. Erinnern wir uns: Der Winterspeck ist nur ein Resultat des gesteigerten Zuckerkonsums während der lichtarmen Monate. Dadurch konnte der Serotoninspiegel aufrechterhalten werden. Ab dem Frühjahr läßt unser Appetit auf Naschwerk von selber nach. Also geht auch das Gewicht in Sommermonaten automatisch zurück – ohne den Terror der Kalorientabellen.

Und was macht nun den Menschen zum Menschen?

Wir fressen uns Rettungsringe an wie die Eisbären, erschnuppern den Liebsten an seinen Pheromonen und besprühen uns mit Fäkaldüften. Was unterscheidet da überhaupt noch Mensch und Tier? Die Antwort ist so einfach, wie sie paradox klingt: Wir sind nicht mehr Herr unserer Sinne. Der Mensch hat die Kontrolle über seine Instinkte verloren. Wir erleben unsere Umwelt nicht mehr unmittelbar, unsere Wahrnehmungen werden gefiltert, instinktiv richtige Informationen unterdrückt. Stellen wir uns nur vor, wie es andernfalls wäre: Bekanntlich sind die Signale, die wir über unser „Pheromonsinnesorgan“, das VNO, aufnehmen, erheblich plastischer und eindringlicher als alles, was wir mit den Augen sehen oder mit den Ohren hören. Ungefilterte Wahrnehmungen wären das Ende jeden vernünftigen Tuns. Jeder Mitmensch könnte schon von weitem unsere Befindlichkeit „riechen“, und wir würden den lieben langen Tag nur nach passenden Alpha-Männchen und Beta-Weibchen suchen. Der britische Neurologe Oliver Sacks hat dazu einen bezeichnenden Fall aus seiner Praxis zitiert. Einer seiner Patienten konnte, offenbar nach ausuferndem Drogenkonsum, menschliche Gerüche identifizieren, als hätte er eine „Hundenase“: „Ich schnupperte wie ein Hund und erkannte alle zwanzig Patienten, die dort waren, bevor ich sie sehen konnte. Jeder von ihnen hatte seine eigene olfaktorische Physiognomie, ein Duftgesicht, das weit plastischer und einprägsamer, weit assoziationsreicher war als sein wirkliches Gesicht.“ Was für die Unterwerfung der Nase gilt, trifft entsprechend auf die mit dem Magen zusammenhängenden Instinkte zu. Die Kochkunst hat den Prozeß der Nahrungsaufnahme und –verdauung so weit vereinfacht, daß wir – jedenfalls im Vergleich zu anderen Säugetieren – eine Menge Zeit gewonnen haben. Zeit und Raum für Kreativität und Technik, für Kunst und Wissenschaften. Der Mensch hat den Drang entwickelt, mehr zu sein als nur eine Überlebensmaschine für seine Gene. Schließlich haben wir, trotzt unserer im Vergleich zum Neandertaler geradezu lächerlich geringen Gehirnmasse, die Fähigkeit zu lernen erworben. Wir können uns an veränderte Umweltbedingungen anpassen, ohne auf komplexe evolutionäre Fortschritte unserer Gene warten zu müssen. Trotz aller kulturellen Leistungen haben wir das Tierreich aber noch nicht ganz verlassen. Wenn sich die uralten Triebe im Alltag zurückmelden, konkurrieren sie mit dem Verstand. Und wir sitzen zwischen den Stühlen.

Udo Pollmer, 43, ist Lebensmittelchemiker und Leiter des „Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften“ (E.U.L.E) in Germersheim. Zuletzt erschien von ihm Liebe geht durch die Nase, Verlag Kiepenheuer & Witsch.