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Ohne Prüderie und klar in der Sprache

Ulrich Kargers neue Version der Odyssee hebt sich ab von Schwab

JUTTA GRÜTZMACHER

Ulrich Karger: Die Odyssee. Illustriert von Hans-Günther Döring. Echter, Würzburg 1996. 206 Seiten. 29,80 DM. Ab 12 Jahren

Seit über 150 Jahren hält sich Gustav Schwabs einst verdienstvolle Nacherzählung der Odyssee auf dem Markt; außerdem sind zahlreiche moderne Jugendbuchfassungen entstanden, kurzlebige und langlebige. Da die Odyssee gegenwärtig sogar in Bilderbuch- und Taschenbuchausgaben zu haben ist, bestand kein dringender Bedarf für eine neue Prosa-Nacherzählung dieser ältesten Abenteuerdichtung unseres Kulturkreises. Dennoch: der zurückhaltend illustrierte Band macht im breiten Angebot keine schlechte Figur und ist wegen seiner Vorzüge durchaus hervorzuheben.

Ulrich Karger, der sich ausdrücklich von Schwab abheben will, hat weder Umstellungen noch inhaltliche Kürzungen vorgenommen, nur gelegentlich Wiederholungen beseitigt. Im Gegensatz zu einigen Vorgängern hält er nichts mehr von übertriebener Prüderie; daß Kalypso und Kirke sich Odysseus als Liebhaber halten, wird bei ihm genauso deutlich gesagt wie bei Voß. Kargers straffe Darstellung besticht durch einen unpathetischen, manchmal ausgesprochen nüchternen Ton, wobei die etwas gehobene Rede sich entschieden an der Gegenwartssprache orientiert. Klarheit und Detailtreue sind dem Autor offensichtlich wichtiger gewesen als stilistische Geschmeidigkeit. Saloppe Anbiederungen an den Jugendjargon hat er sich strikt versagt.

Homers Epos, überreich an Schauplätzen und Personen, gewinnt im Mittelteil, als Odysseus sich bei den Phaiaken erzählend seiner Irrfahrten erinnert, die größte Farbigkeit; die Begebenheiten auf Ithaka nehmen jedoch den meisten Raum ein. In Anlehnung an die 24 Gesänge des Originals hat Karger seinen Prosatext auch in 24 Kapitel gegliedert, die er mit so treffenden Überschriften versehen hat, daß man sich beim Wieder- und Nachlesen gut zurechtfindet. Sehr nützlich ist der weit verzweigte Stammbaum des Odysseus am Ende des Bandes, außerdem mehreren Register. Alles in allem beruht Kargers Neufassung auf einer grundsoliden Leistung, die zwar nicht unübertroffen, aber anerkennenswert ist.

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