COMICS ESSEN SEELE AUF:
Interview: Stefan Dinter (Teil 1/3)

Interview von Sascha Thau

Stefan Dinter traf ich das erste Mal auf der Comic Action 1999. Ich weiss nicht, ob er sich an das Treffen mit mir noch erinnert. Damals hatte ich keine Ahnung, wer oder was Zwerchfell ist, sollte es aber in der Folgezeit schwer bereuen. Ich mag den Verlag ausgesprochen gerne und ich habe Respekt davor, was sie in den letzten zehn Jahren für die deutsche Comicszene geleistet haben, ohne dass sie jemals jemand dazu aufgefordert hätte. Wenn man Messebilder sieht, dann sind die Zeichner immer tiefgebeugt über einem Blatt Papier zu sehen. Sie zeichnen unermüdlich für ihre Fans. Hart arbeitendes Volk!

Als Frauke, die meinen Krempel hier immer korrigiert, das Interview gesehen hat, fiel sie fast in Ohnmacht (Anm. v. F.: Und als ich mit dem Durchsehen fertig war, stand ich mit einem Bein im Grab...;) ). Der Text ist fast 20 mal so lang wie eine meiner üblichen Kolumnen, was einen ganz einfachen Grund hat. Mein erstes Interview führte ich mit Ralf Paul per e-mail. Kein schlechter Start, aber diese e-mail-Interviews haben irgendwie etwas steriles. Wer schon mal ein COMICS JOURNAL-Interview gelesen hat, der weiss, WIE ein Interview aussehen kann. Ich möchte fast meinen, dass man für alle andere Arten von Interviews dadurch verdorben wird. Ich natürlich auch. Also dachte ich mir, warum so etwas nicht mal mit deutschen Zeichnern machen? Das Ergebnis seht ihr hier. Ich plane so etwas öfter zu machen, sobald meine Hände nicht mehr geschwollen sind.

Anfang Juli telefonierte ich mit Stefan. Ich erwischte ihn, als er gerade vom Einkaufen kam und wir fingen vom Fleck weg an. Ich erklärte ihm, dass ich vorher gar nicht gewusst hatte, dass er so viel über den Underground geschrieben hat, woraufhin er antwortete...


SD: Ich hatte U-Comix gelesen. Und das fand ich alles ganz nett, war aber so sehr zeitgebunden. Freak Brothers und die alten Crumb Sachen - ich hab was Uraltes von ihm, dieses Yum Yum. Das hatte ich mal mit 15 gelesen, was ich ganz witzig fand, weil da 'ne nackte Frau drin war. [lacht]
Und die Story ist ja so 'ne Märchengeschichte, das kann man sich dann auch - das ist die Geschichte seiner ersten Liebe - ganz genau vorstellen und sonst hatte ich eigentlich nie... also ich meine, ich habe die typischen Vorurteile gehabt. Da geht's um Drogen und Sex und ein bissel Politik und...

CG: ...Uninteressant...

SD: Das war irgendwie so: „Hm, ist zwar okay, Drogen und Sex [lacht] schon cool, aber nur da drüber Comics machen ist doch ziemlich langweilig". Das U-Comix ist damals von Reinhold Martin gemacht worden und der hat sich sicherlich mehr für Drogen und Sex interessiert als für Comics. Das unterstelle ich ihm jetzt mal. [lacht] Aber er hat super Sachen rausgebracht, muss man echt sagen. Schwermetall war so das Ding, was mich dann im Endeffekt zum Comiczeichnen gebracht hat. Als ich Möbius gesehen habe, da dachte ich mir, das kann doch überhaupt nicht wahr sein. Das ist ja toll.

CG: Gut dann versuchen wir mal ein bisschen Ordnung rein zu bringen. Was sind deine ersten Erinnerungen an Comics?

SD: Die erste Erinnerung an Comics gibt's auf Super 8 zu sehen. Ich hatte von meinem Vater „Asterix - der Legionär" geschenkt bekommen, da konnte ich noch nicht lesen. Da habe ich die meinem Bruder vorgelesen, dem Matthias, ...

CG:...ohne dass du lesen konntest...


SD: ..ohne dass ich lesen konnte. Ich habe ihm erklärt, was da passiert. Es war ein bisschen peinlich, als ich rausgefunden habe, dass der freundliche Dicke gar nicht Asterix ist! [lacht] Der war mir viel sympathischer. Aber ich hab damals mit Comics eigentlich noch nicht soviel zu tun gehabt. Mit Zeichnen war da nichts.

CG: Die Asterix Sachen hat ja jeder gelesen. Das heißt nicht, dass man deshalb Comics machen musste, weil man das gelesen hat.

SD: Ne, gar nicht. Ich hab dann 'ne Menge Lucky Luke gelesen und so. Bei Freunden. Die haben in Frankreich gewohnt und die hatten die ganz frühen Lucky Luke schon. Dabei lernte ich dann französisch, dass war ganz gut. Also, ich hab 'ne ganze Menge Comics gelesen, die ganze Zeit und richtig fasziniert hat mich dann eigentlich Spider-man. Am faszinierendsten war, glaube ich, der erste Auftritt vom Punisher, ein Ross Andru Cover, wo der Punisher dasteht und zielt. Da sah man dann so ein Zielfernrohrbild von Spider-man. Das war irgendwie komplett irre. Das waren ganz andere Comics und die kamen zweiwöchentlich raus, also monatlich zumindest und bei Lucky Luke. dass war zwar immer schön und gut aber das hat ja immer ein Jahr gedauert, auch bei Tim und Struppi, bis was neues kam. Und dann bin ich ziemlich auf die Heftchen abgefahren. Aber wobei, ich komm ganz aus dem Süden von Deutschland und...

CG: ...was man dir eigentlich nicht anhört, muss ich mal sagen.

SD: Das liegt an meinen Eltern, die kommen aus Norddeutschland. [lacht]

CG: Ich dachte immer vom Bodensee.. aber ich höre es nicht raus.

SD: Ne, wir sind so ne Mischmasch-, Kriegsflüchtlings- und Republikflüchtlingsfamilie. [lacht] Das ist ganz lustig. Die eine Gruppe kam aus Schlesien über Flensburg an den Bodensee. die andere Gruppe von Greifswald über Flensburg an den Bodensee und haben sich dann da unten alle getroffen.

CG: Das übliche. [lacht]

SD: Ich fand das immer lustig. Das sind so Sachen, die in Deutschland keiner groß rausstellt. In Amerika sagt dir immer jeder [verstellt seine Stimme] „Ja wir sind von da nach da gewandert... und dann meine Eltern, die sind von Irland über Italien hierher". In Deutschland fragen dich die Leute immer „Wo kommst du her?" und du sagst dann [verstellt die Stimme, ganz lapidar] „Stuttgart". [lacht]

CG: Puh, Stuttgart. [lacht] Okay, nächste Frage. [lacht]

SD: [lacht] Ich glaube es sind eine ganze Menge Polen bei uns mit drin. Mein Urgrossmutter hieß noch Schmilewski. [lacht]
Und zum ‚im-Süden-wohnen': Der Williams-Verlag hatte damals diesen Phasenvertrieb, da ist es ziemlich oft passiert, daß man im Süden keine Hefte mehr bekommen hat, weil die im Norden schon weggegangen sind. Also fehlten mir immer die Fortsetzungen zu den Heften, die ich hatte. Und das machte es irgendwie noch faszinierender.

CG: Wann dachtest du, das will ich auch machen? Wann war das?

SD: Das waren zwei Sachen. Ich hab angefangen, in der Schülerzeitung ein bisschen rumzukritzeln. Das war aber eher diese Klassenclown-Nummer. Ich war halt der Einzige in der Klasse, der sowas in der Art machen kann und dann machstes halt. Das war aber auch noch nicht richtig. Dann kam der Tag, als ich und das muss fast gleichzeitig gewesen sein, ich kann's aber nicht mehr beschwören, es könnte auch ein Jahr auseinander liegen, [lacht] wo ich die Comixene zum erstenmal gesehen habe. Am Bahnhofskiosk und daneben Raw Nr. 3. Die Comixene, das war die mit dem Corto-Maltese-Cover Nr. 35 oder 32, weiss ich nicht mehr genau. Das war toll, ein Magazin, wo so Leute waren, die haben über Comics geschrieben, als ob das etwas ist. Als ob das was Echtes ist und nicht nur so Kram.

CG: Ja klar!

SD: Und das war ziemlich irre. Und dann Raw... das ich dafür 15 Mark, was damals für mich echt ne Menge Kohle war...

CG:...wow...

SD: Ich glaube das Ding kostet jetzt... das letzte Mal habe ich vor fünf Jahren in den Preiskatalog geguckt. Da hat's ungefähr 250 Tacken gekostet. Das war ganz okay. Ich hab das Ding gesehen, das war die Nummer mit dem Kaugummi, der eingeheftet war, ich hab gedacht, was sind denn das für Arschlöcher? [lacht] Ich hab mir das dann gekauft, weil das so fremd war. Weißt du, das war so.. du guckst das Ding an und denkst ...Ähhh... irgendwie gefällt mir das nicht, aber ich find's faszinierend.

CG: Faszination durch Ekel.

SD: Ja genau. So wie... wie Sex. [lacht] Irgendwie ist das ja..iiigitt..und dann..wow

CG: [lacht] Ja, nochmal.

SD: In der Comixene waren auch Anzeigen drin. Darauf hin habe ich angefangen, wahnsinnig viel Alben zu kaufen. Diese frankobelgischen Sachen hab ich sehr viel gelesen, bin dann trotzdem aber sehr schnell wieder zu den Heftchen zurückgefallen. Über so einen Abo-Service, der die echten amerikanischen Hefte hatte. Ich hatte einen Kumpel in Essen, also, das ist jetzt schon ein klein bisschen später, ich muss ein bisschen vorspringen, das war Herod. Wir dürfen seinen echten Namen in der Comicszene nicht sagen, weil er ein Beamter geworden ist und nicht kompromittiert werden darf. Der hat ne Menge Texte geschrieben. Er war 'ne Weile lang in England gewesen und hatte ein paar amerikanische Heftchen mitgebracht. Das war diese Neal Adams „Green Arrow"-Sache gewesen. Das war zwar nicht wirklich mein Ding, aber diese Heftchen haben mich einfach wieder angesprochen. So, und wie habe ich Herod kennengelernt? Ich fing ein bisschen an rumzuzeichnen, aber du weisst ja nicht, was du damit machen sollst. Damals gab's ja nicht die Möglichkeit, als deutscher Zeichner zu veröffentlichen. Das war für mich, als ob jemand sagen würde, ja du kannst ja morgen auch mal zum Mond fliegen! [lacht] Ich war natürlich auch ein blutiger Anfänger, muss man dazu sagen. Und in der Comixene... war das in der Comixene? Nee, da war 'ne Rezension drüber drin.. genau, dann gab's da noch das Comic Forum, dieses österreichische Magazin, da war ne Anzeige drin von Plop!. Plop! Nr. 3 oder sowas. Das hab ich mir dann bestellt. Das fand ich komplett irre, dass jemand sowas wie 'ne Schülerzeitung als Fanzine macht. Hier war 'ne Schülerzeitung, die ist voll mit Comics. Und das wusste ich, dass ich das kann, weil ich für die Schülerzeitung schon mal was gemacht hatte. Hab mir dann 'ne Story ausgedacht, die sollte so frankobelgisch sein vom Stil her. Ich muss Heike Anacker, der Herausgeberin, ein hohes Lob anrechnen, dass sie es veröffentlicht hat. [lacht]

CG: [lacht] Aber ist es nicht so, dass die sowieso alles drucken? Ich möchte dir ja nicht zu nahe treten.

SD: [lacht] Na, alles nicht. Also damals hatte man sicherlich noch 'ne größere Chance, sehr viel abgedruckt zu bekommen. Aber die machte das immerhin auf Offset, dass war schon nicht schlecht, da musste sie schon sehen, wen sie reinnimmt... Ich meine, Plop! hat nach 'ner Weile auch 'ne redaktionelle Form gekriegt und die war nicht die schlechteste, fand ich.

CG: Das war dein Start. Deine erste Veröffentlichung im Plop!

SD: Das war.. ja. Das war die Erste. Also abgesehen von den Schülerzeitung-Sachen war die Erste im Plop!... und dann hab ich ziemlich schnell ein eigenes Fanzine gemacht.

CG: Ich will nochmal kurz nachhaken, wie war das mit deinen Brüdern? Ihr seid ja alle so halb in der Comicszene drin. Liegt das an dir? Hast du die quasi gezwungen, weil du einfach der Stärkere warst?

SD: Nee, ich bin der Älteste zumindest.

CG: Wo hast du Einfluss ausgeübt?

SD: Die haben bei meinem eigenen Fanzine mitgemacht.

CG: Mussten? [lacht]

SD: Ne, war schon auch Eigeninitiative dabei. Also Matthi hatte mit 'nem Kumpel während dem Lateinunterricht angefangen, 'ne komische Saga, so ein Zwischending aus „Kampfstern Galactica" und „Star Wars", es hiess „Griechen im Weltall", [lacht] gezeichnet. Ich fand das schon ziemlich cool. Dann haben wir das auch gleich mit rein genommen in Sex Terry, wie das Ding hieß. Das war 'ne Zeit, wo du halt Auflagen von 25-50 Stück gefahren hast. Drei Ausgaben hab ich auf dem eigenen Kopierer gemacht. Da hatten wir uns 'nen schrottreifen Kopierer gekauft und die da drauf gemacht. Vom Talent her liegen wir alle sehr ähnlich, würde ich sagen. Was diesen Bereich Comic, Film, Medien angeht. Irgendwie haben wir uns da schon immer für interessiert.

CG: Also auch ähnliche Interessen in Comics?

SD: Sehr ähnlich. Nicht nur in Bezug auf Comics. Wir kaufen teilweise unabhängig voneinander die gleichen T-Shirts. [lacht] Das ist nicht so schlimm, wie bei Zwillingen, aber wir sind sehr ähnlich. Wir haben zum Glück einen unterschiedlichen Geschmack bei Frauen. [lacht]

CG: Glück gehabt.

SD: Obwohl.. na ja. [lacht] Ja, es war relativ natürlich, dass wir das dann zusammen gemacht haben.

CG: Ich weiß nicht, wie euer Verhältnis untereinander ist, also auch relativ friedlich?

SD: Nee. [lacht] Ich würde sagen, das ist ein typisches Bruderverhältnis. Da ist schon einiges auch an Spannungen da gewesen. Wir können uns tierisch zoffen. So auf diese Brudertour, wo du einfach komplett nicht mehr fair bist. [lacht] Also, man versucht natürlich, im fortgeschrittenen Alter [lacht] so ein bisschen auszufaden. Irgendwann kracht's halt doch mal wieder. Damals hatten wir auch 'ne Zeit, wo wir uns sehr miteinander gezofft haben. Aber das war eigentlich nie wegen den Comics.

CG: Also normaler Familienkram.

SD: Ja, genau. Wenn wir Comics gemacht haben, haben wir uns eigentlich selten gestritten. Also da kommen mal so kleine Nickeligkeiten. Wo es mehr um Sachen geht, ob das Panel so oder so besser aussehen würde, löst sich das relativ schnell auf weil... wenn du 20 Seiten zeichnest, na ja wenn du dir bei jedem Panel diese Gedanken machst, dann kommst du nie zum Ende und unsere Arbeitsweise ist ja so, dass man um solche Probleme einfach gut drumrum schiffen kann. Knurf und die Mutterficker sind ja in late night sessions in jeweils drei Tagen konzipiert worden, wo du einfach die ganzen breakdowns und roughs innerhalb von drei Tagen komplett runterreißt und dabei natürlich wahnsinnig viel, ja... äh... Alkohol und Drogen zu dir nimmst... [lacht] ...auf Dauer gesehen. Dann gehen wir ja, weil wir nicht in der Nähe voneinander wohnen, doch wieder auseinander. Jeder nimmt 'nen Stapel Zeichnungen mit und arbeitet dann an denen weiter, wo's ihm gerade Spaß macht. Macht die aber nicht ganz fertig, also auch in den Pencils nicht ganz fertig. Danach wird wieder ausgetauscht und der andere macht den Rest fertig. Irgendwann hast du fertige Pencils. Und dann wird wieder gemischt getuscht. Bei den Sachen von den Mutterfickern war das getrennter. Das kann man relativ genau sehen. Da gibt's ganze Seiten, die zwar von uns beiden gepencilt wurden, aber wo du siehst, das hat nur Matthi getuscht oder das hab nur ich getuscht. Bei Knurf ist es wirklich verschwindend, da sind wirklich Sachen drin, wo du sagst, ach, ich glaube das Flugzeug dahinten könnte Matthi getuscht haben, aber der Baum da vorne ist irgendwie von mir, glaub' ich... [lacht]

Und der Jan? Hat der immer nur so Ideen beigesteuert im Endeffekt?

SD: Ja, „nur" ist..

CG: Mann kann's dann wohl wahrscheinlich nicht mehr auseinanderhalten.

SD: Nur muss man das in Anführungszeichen setzen. Jan ist der Typ, der der typische Redakteur ist. Deswegen ist das auch sehr folgerichtig, dass er einer geworden ist. Der guckt dir so über die Schulter und sagt „Hm hm hm ja, das wär noch besser, wenn das und das so ist... und hier darfst du nicht vergessen, dass im Hintergrund noch Hannibal Lector rumstehen muss". Er ist so eine Art Katalysator zwischen uns, greift auch sehr stark ins Texten ein. Der neue Knurf, an dem ich gerade sitze, der wird eigentlich nur von Jan und mir gemacht. Das heißt, die Zeichnungen werden komplett von mir sein und der Text wird fast komplett vom Jan sein. So wie dieses kleine Colorspecial und „Die Segnungen des Zeitlichen" im Kabelsalat. Die sind auch komplett von Jan getextet. Das hat sich da ein bisschen verlagert. Aus diesen Platzgründen. Weil Jan und ich einfach näher aneinander sind. In Stuttgart.

CG: Gut, dann springen wir wieder zurück zu eurem Fanmagazin. Also, wieviel Nummern gab's da? Wie lange ging das und wohin hat euch das geführt?

SD: Von Sex Terry gab es acht reguläre Nummern und eine, wo wir uns selber parodiert haben. Die hiess Porn Larry. Wir hatten zu dem Zeitpunkt angefangen... wir waren dafür berüchtigt, dass wir Parodien gemacht haben. Mein bester Freund, Dirk Abmeyer, hatte eine Hörspiel-Parodie gemacht. Dirk war so ein Typ mit Kassetten, der hat damit so rumgefriemelt. Da gab's von Europa ein Hörspiel, das hiess „Tex Terry". Er hat dann Sex Terry draus gemacht. Ich hab das gehört und dann gesagt „woahh geil, davon mach ich einen Comic". So fing das an. Dann haben wir angefangen, Parodien über dieses und jenes zu machen. Masters of the Universe war dann Misters of the Funniverse und so. Dann haben wir angefangen, Parodien auf andere Fanzines zu machen. [lacht] Ne Parodie von Plop! gemacht, eben Blob.

CG: Was euch sicherlich viele Freundschaften eingebracht hat.

SD: Es kam relativ gut an. Wir haben sogar von einem, den wir sehr krass parodiert hatten, von dem haben wir sogar noch 'nen sehr netten Leserbrief bekommen. Also insgesamt war das ganz okay. Wir hatten nur gedacht, irgendwie haben wir ja jetzt lange genug geballt die Hosen runtergelassen und dachten, irgendwann müsste uns doch mal jemand verarschen. Das hat aber keiner gemacht und dann haben wir's selber gemacht. [lacht]

CG: Ja, klar. [lacht]

SD: Es gab also neun Ausgaben davon. Dann haben wir nebenher noch ich glaube zwei oder drei andere Oneshot-Sachen gemacht und sehr, sehr viele Minicomics. In A 6, so Achtseiter, manchmal sechzehn, die konntest du auf eine, zwei A 4-Seiten doppelseitig bedrucken. Da gibt's, glaube ich, um die 20 bis 25 Stück von. Die wurden meistens an einem Wochenende gezeichnet oder vielleicht mal an 'nem Nachmittag, das kam ganz darauf an. Einen hatten wir gezeichnet, der ist auf DIN A 2, weil wir fast ohne Vorzeichnung mit so dicken China Pinseln einfach so „uähhh gib uns" drauflos gelegt haben. Das Ganze wurde später runtergezogen auf A 6.

CG: Wieviel gab's dann von den jeweiligen Heften?

SD: Von den Minicomics muss es jeweils so 25 bis 50 Stück gegeben haben, denke ich mal.

CG: Die wurden dann über Postvertrieb an die Verwandtschaft oder so verschenkt?

SD: Die haben wir einfach an andere Zeichner weitergeschickt. Ich weiss gar nicht, ob's irgend jemand gibt, der 'ne komplette Sammlung hat. Ich hab' bei mir neulich, als ich bei meinen Eltern in meinem alten Zimmer rumgesucht habe, ein paar gefunden, an die ich mich schon überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Einige waren sehr ausgefriemelt und einige waren einfach nur so Kram. Wir hatten, ich glaube es war im PLOP!, ab und zu mal Rezensionen dazu.

CG: Wann war denn das, nur um mal ne Zeit zu nennen?

SD: Das war ziemlich genau zwischen 83 und 86. Also 84 hab ich Abitur gemacht. Und 83 sowas haben wir damit angefangen; Sex Terry haben wir 82, glaube ich, angefangen.

CG: Hat sich die Auflage da ständig gesteigert bis zur Nr. 8?

SD: Nö. [lacht] Du kanntest die Leute persönlich, die's gekauft haben... nach 'ner Weile. Erlangen in dem Sinn war da ja noch gar nicht richtig. Es gab auch keine Comic Conventions oder sowas, wir waren irgendwann mal '89 - oder wann war das? -das erste Mal in Köln auf der Comicbörse und dann '92 das erste Mal in Erlangen. Das war schon ein ziemliches Ding damals. Du hast vorher die Leute einfach nicht getroffen. Das erste Zeichnertreffen was ich kenne war 81. Da gab's 'nen Typen in Tübingen, der hat ein Heft rausgebracht, das hiess „Blöd". [lacht] Hans Martin Rall, der macht inzwischen Zeichentrickfilme. Das war noch auf Matrizendruck...

CG: Du liebe Zeit. Das Zeug, wovon man in der Schule fast süchtig wurde...

SD: ...genau.. darauf hat er das rausgebracht. Auch in so 20er Auflagen. Ist später auf Kopie umgestiegen. Der hat auch Sachen für Sex Terry gemacht und ich hab Sachen für Blöd gemacht, wie das halt so läuft. Bei dem haben wir uns mal getroffen. Das war das erste Mal, dass ich mit einem Zeichner von aussen, also von ausserhalb, in Kontakt kam, ausser mit meinen Brüdern, Dirk und seinem Bruder Jens. Dirk war der, der das Hörspiel gemacht hatte und Jens, der hat sehr viele Comics gezeichnet, hat dann aber aufgehört.

CG: Machen beide nichts mehr in der Richtung?

SD: Nee. Dirk ist nach München gegangen und macht so Tonzeug.

CG: [lacht] Ist aber nett, wie sich das dann fortsetzt. SD: [lacht] Ja, und Jens hat 'ne Druckerlehre angefangen. Ist jetzt Drucker und macht noch so Airbrush-Sachen nebenher, aber Comics? Der war der Talentierteste von uns. Eindeutig. Der hat zeichnen können.. was so an rohem Talent da war, war er der Beste. War 14 und hat Superheldensachen gezeichnet. Sein Lieblingscomic war „Warlord" von Mike Grell.

CG: Oh ja das kenn ich auch.

SD: [lacht] Und so Zeug.

CG: Diese halbnackten Typen mit Knarren.

SD: Genau, genau und da hat er irrwitzige Epen von gezeichnet. Ich hab mir das Zeug angeguckt, ich war 16 und der war halt so'n Butzen und ich dachte mir „Scheisse, der ist viel besser als ich"! [lacht]

CG: [lacht] Verdammt!

SD: Dann haben wir uns mit den Blöd-Leuten getroffen. Später kamen die mal bei mir vorbei, da kam dann schon Herod mit dazu. Wir sind ab und zu nach Essen zu Herod raufgefahren. Eins der ersten grösseren Treffen war mal bei mir unten, dass weiss ich auch gar nicht mehr genau wann. Das war 83/84. Da hatten wir 'ne Atari 2600 Konsole und haben die Nächte durchgezockt mit Spielen, die aus Pixelhaufen bestanden.

CG: Damals war es ja fantastische Grafik.

SD: Irrsinnig gut. [lacht] Boah.. haben halt die ganze Zeit gezeichnet und uns einen Colarausch angetrunken. [lacht] Das war 'ne gute Zeit. Das war das erste Mal, wo du andere Zeichner gesehen hast. Man kannte die nur über Briefe und deswegen hast du ihnen die Zines, die du gemacht hast, immer geschickt.

CG: Die Comicszene war eine Brieffreundschaft?

SD: Ja, genau. Das, was jetzt das Comicforum ist, nur halt langsamer und dadurch hast du zwischendrin Zeit, Comics zu zeichnen. [lacht]

CG: [lacht] Heute reicht's nur zu Pin Ups.

SD: Ja, eben. Es ist irre, was man für einen Ausstoss gehabt hat damals. Ich denke, ich hab sicherlich zweimal die Woche einen Brief von Herod gekriegt. Und der hat sicherlich zweimal die Woche auch einen Brief von mir gekriegt... 'ne Weile lang. Wo auch was Gezeichnetes mit drin war. Da haste richtig viel gemacht, aber na ja, gut, mit sowas kann man kein Geld verdienen. [lacht]

CG: Was waren so deine Vorbilder? Mehr oder weniger?

SD: Am Anfang wollte ich immer zeichnen können wie Möbius und dann habe ich gemerkt, dass Möbius eigentlich gar nicht... das es gar nicht mein Ding ist, was, was mir erst später aufgefallen ist, einfach daran lag, dass ich damals noch keine Drogen genommen hatte.

CG: Du hast nur das Gefühl gehabt „irgendwie cool".

SD: Ja, irgendwie cool. Ich fand Mezières „Valerian & Veronique" klasse und Hermann. Die David Walker-Sachen fand ich toll. Bin ich sehr drauf abgefahren. Ich glaube aber, am stilbildendsten, muss ich sagen, wenn ich meine Sachen angucke, war Captain Future!

CG: Yeah!

SD: Eindeutig! Und zwar nicht die Comics. [lacht]

CG: [lacht] Das glaube ich aufs Wort.

SD: Ich fand Captain Future war einfach... wir haben ja unten auch den Österreicher reingekriegt, am See, da konnteste teilweise die unzensierten Folgen sehen!


CG: Krass.

SD: Also vielleicht fantasiere ich das jetzt zusammen, nicht dass dann so ein Captain Future-Fan ankommt, aber es kommt mir so vor. Ich glaube Captain Future war für meinen Stil eigentlich am bildendsten und dann so langsam, aber sicher 'ne stetige Diät von Amicomics. John Buscema fand ich sehr toll, weil der diese Routine hatte, fand ich faszinierend... später Romita Jr, dann kommen so Leute wie Mike Mignola und wo's mich wirklich gekippt hat, sehr spät erst, Kirby. Da hab ich Kirby kapiert, aber komplett!

CG: Ich glaube, für den bin ich noch zu jung. Bisher kann ich dir eindeutig folgen, aber...

SD: ..das Irre an Kirby ist, dass er die Quelle für diesen ganzen Amikram ist. Du kannst alles, was in den amerikanischen Sachen, bis auf Image, die sich mehr aus japanischen Quellen bedienen, aber ansonsten kannst du alles, was in Amerika an Superheldenkram passiert, komplett auf Kirby zurückverfolgen. Das find ich irre, dass es da einen Typen gibt, der die Quelle ist. Ja, ja das ist auch so ein Ding... am Anfang ist es Ekel! [lacht]

CG: Er ist halt so... ich weiss auch nicht... so kantig. Man wirft ihm ja auch immer diese faschistoiden Tendenzen vor - Mensch, Maschine.

SD: [lacht] Die Amis sind die besten Faschisten, die man haben kann, weil die jede Idee so vollen Herzens umarmen.

CG: [lacht]

SD: Deswegen wären sie auch die besten Kommunisten! Ich will die ja gar nicht beleidigen... ich meine, sie sind de facto die besten Sozialisten im Moment.. mit 'ner Zwei- Parteien-Gesellschaft...

CG: [lacht] Stimmt! Ist mir noch gar nicht aufgefallen!

SD: So gesehen sind sie Sozialisten. Ich hab das mal versucht, mit 'nem Ami durchzusprechen. Funktionierte nicht so ganz.

CG: Das stelle ich mir auch schwierig vor. Ich hab mal 'ne Originalzeichnung von Kirby gesehen und sein Zeug hat eigentlich nie was für mich getan, aber als ich die gesehen habe, da dachte ich... da hat's mich getroffen, diese Energie...die da aus dem Panel rausspringt...

SD: ..es ist pure Energie. Es gibt ein paar Inker, die ihn ein bisschen zurückgehalten haben, so in Schach gehalten, aber das ist schon sehr schwierig. Ich hab ihn zweimal gesehen in San Diego. Ich hab mich nicht rangetraut. In San Diego herrscht ja echt ein Gedränge und Jack Kirby hatte immer einen Meter Platz um sich herum. Da war immer so ein kleiner freier Raum und dann so Typen, die sich aus dem Publikum lösen und ihm die Hand schütteln und sagen „Thank you, Mr. Kirby!" und sonst nix und dann gehen die wieder. Er war der Einzige, der 'ne Zigarre hatte und ich glaube, er hat manchmal sogar geraucht. Du darfst da überhaupt nicht rauchen. [lacht] Er sah aus wie mein Grossvater und hatte auch dieses Benehmen. [verstellt seine Stimme] „Ja,ja mein Junge, ist ja gut, war'n doch bloss Comics!"

CG: [lacht] Geil!

SD: Das fand ich prima. Ich hab auch bereut, dass ich da nicht noch hingegangen bin. Ich hab's richtig bereut, dass ich da keine Originalseiten gekauft hab'. Zu dem Zeitpunkt, als er noch gelebt hat, hast du die Dinger hinterher geschmissen bekommen.

CG: War das noch in diesem Hotel?

SD: Im Hotel? Nee, nee das war... das erste Mal war ich '90 da, als ich bei Fantagraphics Praktikum gemacht habe und da war das schon im Convention Center. Da hab ich ihn zum ersten Mal gesehen und dann '91 nochmal...

CG: Dann könne wir vielleicht wieder zeitlich ein wenig anknüpfen. Wir bewegen uns so langsam in Richtung Zwerchfell, glaube ich, oder kommt da noch was davor?

SD: Es geht mit grossen Schritten in Richtung Zwerchfell! Christian Heesch hat seine erste Comicseite in Sex Terry veröffentlicht.

CG: Hey, wie cool.

SD: Max Green - der rasende Reporter. [lacht]

CG: [lacht] Er wird wahrscheinlich immer noch gerne darauf angesprochen?

SD: Es gibt nicht viele Leute, die davon wissen. Er hat natürlich den Vorteil, dass Sex Terry keine grosse Verbreitung hatte. Hehe. Deswegen sind 'ne Menge von seinen Sachen verschwunden. Das war alles gar nicht mal so schlecht, im Vergleich zu dem, was wir gemacht haben. Er hatte dann ein paar Gagstreifen mit 'nem redenden Schwein... ich weiss gar nicht mehr, wie das Ding hiess... dann hat er 'ne Spider-man Parodie geschrieben, die Matthi illustriert hat: Slider-man. Die war ziemlich gut. Also auf dem Niveau, wo wir uns befinden. Christian hat dann sein eigenes Fanzine aufgemacht. Wie hiess denn das? Verflucht, da musst du ihn fragen. Jedenfalls kam dann irgendwann Hit it.

CG: Knock out?

SD: Knock out war das davor.und dann hat er Hit it gemacht. Und Hit it wurde nach einer Weile Kopiedasein auf Offset mit Farbcover umgestellt. Da hat er dann gesagt „na, jetzt kann ich gleich einen Eigenverlag machen" und das war dann Zwerchfell. Das ging relativ fix.

CG: Was war das mit dem röhrenden Hirsch, was er in 'nem Interview mal erwähnt hat? In welchem Zusammenhang steht das?

SD: Der röhrende Hirsch in dem Interview, welches auf der Zwerchfellseite ist?

CG: Ja.

SD: Das ist ein Stück von einem anderen Text, der da nicht reingehört. Es gab diesen röhrenden Hirschen gar nicht.

CG: Ach so, das ist ein Fake?

SD: Nene, das sollte eigentlich gar nicht drin sein... das wurde in den Text reingeladen... teilweise in die HTML-Seiten, die noch nicht redigiert waren...

CG: Sabotage!

SD: Stimmt. [lacht] Ich kann dir ja die Geschichte vom echten röhrenden Hirschen erzählen, wenn du willst? [lacht] Den einzigen röhrenden Hirschen, den es gibt, das ist diese Zeitung, die wir in Erlangen machen, um Leute zu beleidigen. Aber damals gabs das noch nicht.

CG: Ja, die hab ich auch schon mal in der Hand gehabt.

SD: Die ist hervorragend.

CG: Die ist super. Also, ich war völlig aus dem Häuschen, als ich das gesehen habe, weil es wirklich witzig war.

SD: Das ist Matthi. Da sieht man sehr gut, wie Matthi schreibt. Der ist da wirklich sehr gut. Es macht richtig Spass, das Zeug zu machen. Ist zwar noch 'ne extra Arbeit nebenher, da hat man auch mal 'ne Stunde am Tag mit dem Ding noch zu tun, aber nachdem inzwischen die Leute in Essen schon fragen, ob wir da nicht auch mal einen machen und mit Gerüchten zu uns ankommen...[verstellt seine Stimme] Habt ihr schon gehört.. wer wem wieder seinen Pipi in den Popo gesteckt hat? Und so Zeug! [lacht] Wir so... echt? Wir wollen es gar nicht wissen, diesmal machen wir nix. Das ist was, was in der Comicszene fehlt, finde ich. Das Comciforum macht das manchmal ein bisschen, aber da das dann immer in so persönlichen Kabbeleien ausartet...

CG: Ja, mir fehlt auch die Lockerheit, dass man die Konkurrenz mal mit einem Lächeln betrachtet und alles etwas leichter sieht.

SD: Das Schöne an dieser kleinen Comicszene, die wir in Deutschland haben, ist, dass du ja jeden kennst. Es gibt Verlage die sind anderen Verlagen gegenüber etwas hermetischer. Ich hab' nicht das Gefühl, dass man da so einfach rankommt. Zwerchfell ist sicher einer der offensten Verlage, wie Gringo auch.

CG: Das kann ich aus persönlicher Erfahrung nur unterstreichen.

SD: Na gut, dann hab ich da ja schonmal 'nen Punkt. Gleichzeitig ist das ja so, obwohl die hermetisch sind, weiss man ja trotzdem, was bei denen passiert.

CG: Jaja, dafür isses ja klein genug.

SD: Da wir uns selber nicht ernst nehmen und uns selber verarschen im röhrenden Hirsch, ist ganz klar, dass die anderen erst recht drankommen. Manchmal trifft man halt schon ein paar Eitelkeiten.

CG: Ja klar, ich meine, woher kommen diese Streitigkeiten? Das ist ja so wie: „Was quatscht der in meinen Kram rein? Jetzt schlag' ich zurück!"

SD: Ich weiss auch nicht, warum die Leute dann so sind. Es ist jetzt nicht so, als wär' das was Böses oder so... aber das ist natürlich auch der halbe Spass dabei. Unter dem Titel steht ja auch immer noch: „Gerüchte, zu 30% erlogen."

CG: Klar Provokation und das Ergebnis davon. Das ist auch das, was mich immer wurmt. Um jedem Ärger aus dem Weg zu gehen lobt man dann alles über den grünen Klee.

SD: Der röhrende Hirsch macht alles genau anders rum. Wir picken uns immer das raus, was nicht funktioniert. Gut, ich meine, wir haben in Hamburg einmal massiv Ärger gekriegt. Da haben wir uns aber auch ein bisschen arg undiplomatisch verhalten, würde ich sagen. [lacht] Es lag hauptsächlich daran, dass wir Leute kritisiert haben, die nichts mit der Comicszene zu tun haben, sondern Personal der Convention. Die haben das in den falschen Hals gekriegt, aber da konnte man nichts machen. Während bei den Comicsachen ist das so...Es gibt eben so Sachen, wo man schreibt „Okay, Eckart Sackmann war halt ein Schnarchsackmann diesmal!". Ich muss immer noch sagen, ich finde, das stimmte auch. Das war 'ne schnarchsackige Sache, die da lief [gemeint ist die von Sackmann moderierte „Elefantenrunde" in Erlangen 2000] und das war ein nettes Wortspiel vom Matthi. Ich kann aber gut verstehen, dass das dem Eckart nicht gut gefällt und ich kann auch verstehen, dass er sauer ist. Dann ist er aber wenigstens Manns genug, dass er hinkommt und sagt:"Wer war denn das? Musste das jetzt sein?" Würde ich zwar so nicht fragen, aber wenigstens kommt er direkt hin.

CG: Wenigstens schliesst er sich nicht beleidigt ins Badezimmer ein.

SD: Gut, dafür hat er uns später natürlich angepisst, aber wir haben ihn ja auch angepisst, stimmt ja. [lacht] Muss man mit leben. [kurzer Ausflug in andere Gefilde] Das ist in der Comicszene an sich auch so ein Ding, das man immer extreme Charaktere hat.

CG: Auf jeden Fall!

SD: Es gibt so Leute, wo ich mich manchmal wirklich wundere, was die so für Privatfehden abziehen... aber die sind meistens auch nicht im Zeichnerbereich, hab ich so das Gefühl.

CG: Es ist meistens der Bereich Redaktion oder wie soll man das nennen?

SD: So'n Kram. Naja, was auch immer.

CG: Machen wir bei Zwerchfell weiter. Christian Heesch hat bei euch zum ersten Mal veröffentlicht und dadurch seid ihr in Kontakt gekommen?

SD: Damals hatten wir so getan, als ob Matthias ein Mädchen ist, weil der immer mit Emde unterschieben hat. Christians Gesicht war zu krass, als er aus dem Zug kam, als er uns mal besucht hat.

CG: [lacht] Alles Typen. Scheisse!

SD: Dann hat er das erste Album gedruckt. Das war von Matthi und Herod. Heroes of the Black Lagoon No.1. Das war, glaub' ich, „Der Tag, an dem die Erde blökte" oder sowas. Er hat 1.500 davon gedruckt und ich nehme an, dass er so um die 800 übrig hat. Das war ein echt schönes Ding. Dann hat er angefangen, einfach Sachen rauszubringen. War 'ne sehr eklektische Mischung. Hauptsächlich Funnies und zeitweise so Sachen wie der Schnater, der so Sachen zwischen Kunst und kleinem Arschloch gemacht hat. So'n bisschen, was Markus Winter jetzt macht, nur in sehr viel einfacherem Stil. Das war ziemlich lustig. Dann hat er Sachen von Finnen rausgebracht, dann was von 'nem Franzosen, der mit Greg und diesen Typen aus der Pilote Mannschaft zusammen rumhing... Wir hatten in Hit it den ersten Manga abgedruckt, der in Deutschland rauskam. KinnikuMan, ein echter Manga mit allem drum und dran. Hit it war zu dem Zeitpunkt 'ne richtig lustige Geschichte.

CG: Ihr habt quasi die Mangawurzel gesät...

SD: Wir haben den Mangamarkt geknackt. Es weiss nur keine Sau. Wir sollten die alten Hefte raussuchen und den Manga Kiddies verkaufen. [lacht]

CG: Reissender Absatz, die kaufen alles. Wie kamt ihr da ran? Weißt du das noch?

SD: Ein Kommilitone von Herod war Austauschstudent aus Tokio und der kannte wiederum jemanden aus 'nem Studio und hat dann einfach so ein Abdruckrecht... ich weiss nicht, ob der grosse Verlag davon wusste, es war scheinbar okay, dass wir da fünf oder zehn Seiten davon gedruckt haben... da war dann auch ein Artikel dabei. Von Herod über Manga, der damals eigentlich so der Typ in Deutschland - glaube ich - war, ohne jemand anders beleidigen zu wollen, kann sein, dass jemand anders mehr gewusst hat, aber ich glaube, Herod war so der Typ, der alles wusste. Hatte 'ne Menge Animefilme, vor allem Tezuka. Er war ein sehr grosser Tezuka Fan. In Hit it war dann auch mal ein Artikel von ihm über Biggy drin. Dieser Mädchencomic. Richtig so, als wäre das ein ernsthafter Comic.

CG: Ne ziemliche Mischung.

SD: Es war lustiges Durcheinander. Das lief dann halt so, wie's halt lief... also nicht besonders gut, aber spassig. Wir haben uns dadurch öfters gesehen. Wir haben uns in Köln zweimal im Jahr gesehen... auf der Comicbörse. Da kam dann irgendwann Erlangen dazu. So richtig los ging's bei Zwerchfell eigentlich, als Christian die Isabel Kreitz zum ersten Mal veröffentlicht hat.

CG: Das war wann?

SD: Das müsste '92 gewesen sein. Sowas.

CG: Also, da gab's zum ersten Mal so ein bisschen Aufwind.

SD: Da gab's auf einmal Presse. Wir [Dinter Bros] kamen gerade mit Bandsalat raus, glaube ich. Das waren unsere kleinen Geschichten gesammelt, die vorher in Fanzines gelaufen waren. Dann haben wir angefangen mit Bolf. Das war dieser Knurf Vorläufer, der sehr viel brutaler und sehr viel bescheuerter war... wir haben zu dem Zeitpunkt auch unseren Stil gefunden... auch ich für mich und Matthi für sich und wir zusammen... mit Jan und so. Das war für Zwerchfell 'ne ganz gute Zeit. Man konnte relativ viel machen. Christian hatte 'nen guten Job und konnte sich das leisten, Geld reinzutun. Damals war Christian auch der Einzige, der Kohle in den Verlag reingetan hat.

CG: Der wird da wahrscheinlich einiges reingesteckt haben, so wie sich das anhört.

SD: Ich will gar nicht genau wissen, wieviel. Wenn man ihn fragt, dann tut er so sein schamhaftes Kleinmädchengesicht aufsetzen.. weißt du so.. [verstellt seine Stimme] „Ach, das willst du gar nicht wissen, mein Kind!" [lacht] Es ist irrwitzig. Ich muß echt sagen, Christian ist ein klasse Typ. Christian ist einer der besten Redakteure, die ich kenne. Wenn ich in Deutschland bei einem Verlag wäre, würde ich dringend versuchen, ihn zu kriegen und zwar für deutsche Zeichner, weil Christian ein Redakteur ist, wo du gar nicht merkst, dass du eine Redaktion kriegst. In dem Moment, wo der kommt und sagt „ja mach mal, ne..."

CG: Das hört man ja am liebsten.

SD: Ja, aber das bringt auch 'ne ganze Menge Druck. Du kannst dann nicht einfach irgend einen Scheiss abliefern. Christian ist ein ziemlich kritischer Typ und er hält sich immer sehr im Hintergrund bei der ganzen Sache. Steht da immer so hinten rum, zählt 'n bißchen Kohle, ob genug reingekommen ist und versucht den Mund zu halten. Das ist bei Zwerchfell eine ganz interessante Sache. Und weil er schon so lange in der Szene ist, kennt er wirklich jeden, und hat ein sehr gutes Gespür für die Qualitäten von jungen Zeichnern.

CG: Ist es so, dass er den Verlag mit solch souveräner Hand führt, dass es auch am Ende wenig Stress gibt? Wenn ich das richtig verstehe?

SD: Ja. Es gibt wenig Stress. Du hast halt Breitschuh und mich, die die grosse Klappe haben. In der Art... geht mal vor und labert... und das machen wir auch gerne. Die Sachen, die wir inzwischen redaktionieren, machen wir so, wie wir's machen, aber das geht alles durch Christians Hände. Ich kann nicht mit irgendwelchen Sachen ankommen und sagen, das kommt jetzt bei uns raus, bloss weil ich die Kohle reintu, sondern das muss Christian abgenickt haben. Der guckt sich das schon sehr genau an. Der hat auch einige Sachen abgelehnt, wo ich dachte, die hätte ich eigentlich gemacht. Da ist er sehr genau. Er ist überhaupt ein sehr genauer Typ.

CG: Ja, trifft sich.

SD: Vor allem weil ich ein sehr ungenauer Typ bin. [lacht] Dann kam halt dieses Ding, dass Christian seinen Job verloren hat, dass er arbeitslos war, über ein Jahr einfach nichts gekriegt hat.

CG: Das war so Anfang der '90er?

SD: Ne, das war Ende der 90er. '98. Also in dem Moment, wo es eigentlich aussah, als ob jetzt... wir hatten dann Eckart mit dabei. Mit Wanda Caramba kam was rein, was die erste richtige Serie war, eine, die auch hält, wo Eckart wirklich jedes Vierteljahr dieses Ding rausdrückt. Wir waren inzwischen alle Profis geworden. Ich war mit meinem Studium fertig und arbeite ja auch als Illustrator. Da weißt du dann auch Bescheid nach einer Weile, d.h. wir hatten ein irrwitzig gutes Potential an Zeichnern da, wir hatten ein irrwitzig gutes Potential an Leuten, die noch dazukommen hätten können. Ich muss sagen, es ist zur Zeit sehr viel Talent im Raum in Deutschland. Das sah eigentlich ziemlich gut aus und dann bricht der Boden weg. Christian hat Fernsehtechnik gemacht. Fernsehtechniker werden in Deutschland gar nicht mehr wirklich gesucht. Da ging's dann drum, ob man da jetzt umschult oder was weiss ich. Das war ein bißchen 'ne schwere Zeit, würde ich mal sagen. Wir haben das dann auf die Zwerchfellart gelöst. Es war so, dass wir gesagt haben: Okay, du hast da schon jede Menge Kohle reingetan, wir tun da jetzt Kohle rein, weil es für mich keinen Sinn hat, zu einem anderen Verlag zu gehen. Ich hab' bei Zwerchfell die Chance mehr zu machen als bei jedem anderen Verlag. Ich hab viel mehr Möglichkeit selber zu beeinflussen, wie das Produkt am Ende aussieht. Ich nehm' natürlich in Kauf, dass ich null Marketing dahinter hab', also auch keine Werbung. Aber ob ich jetzt bei, sagen wir mal Ehapa, mit 'ner Auflage von 5.000 rauskomm oder bei Zwerchfell mit 'ner Auflage von 2.000, das kommt aufs gleiche raus. Da ist es für mich im Endeffekt dann ehrlicher zu sagen: Ja gut, diese x-tausend Mark, die ich bekommen hätte für...also, ich weiss jetzt, wie die Preise bei Carlsen sind... ungefähr so... das ist ja schön und gut, aber dann zahl ich mir das Geld lieber selber. [lacht]

CG: Machst es dann auch richtig...

SD: Mach's dann so, wie ich will. Nicht um jetzt Carlsen oder Ehapa schlecht zu machen - die müssen halt anders arbeiten. Die machen ja keinen schlechten Job, ganz im Gegenteil. Ich kann nur bei Zwerchfell mehr machen. So Sachen wie Kombat Babes... die kommen halt nur bei Zwerchfell raus und das ist auch gut so... Nein, diesen Satz müssen wir streichen. [lacht]

CG: Ich habe Megarespekt davor, wie ihr das alles durchgezogen habt. Ihr macht das ja nicht erst seit gestern oder so, das geht ja über Jahre hinweg, wo einfach nur Geld da reingebuttert wird. Nur damit ihr euer Hobby machen könnt. Das ist nicht nur viel Geld, sondern auch viel Arbeit.

SD: Du machst quasi zwei Jobs im Endeffekt. Deinen Tagesjob und dann machst du noch..äh...Comics.

CG: Dann seid ihr nebenher auf jeder kleinen scheiss Börse anzutreffen.

SD: Das haben wir mittlerweile zurückgeschraubt. [lacht]

CG: Trotzdem, das ist viel mehr als andere Verlage machen. So wie's mir scheint.

SD: Die Sache ist die: dass wir auf möglichst vielen Börsen sind liegt einfach daran, das wir uns keine Werbung leisten können. Das können die wenigsten Verlage. Wir haben ja auch nicht Lizenzmaterial wo du denkst, das könnte sich ein bisschen besser verkaufen. Wobei, wenn ich jetzt so höre, was EEE so sagt, bringt das wohl auch nicht soviel, wenn man relativ klein ist. Der ganze Vorteil den wir haben ist, dass wir ein persönlicher Verlag sind. Wir kennen die Kunden sehr genau, weil wir sie von Angesicht zu Angesicht kennen. Das ist 'ne bessere Werbung. Ich denke, wir kriegen auf einer Börse mehr Kunden als durch eine Anzeige irgendwo.

CG: Ich sehe das ähnlich. Wenn man da persönlich auftritt ist das etwas völlig anderes und du wirst auch schlagartig viel mehr Sachen los, als wenn es einfach nur im Laden rumsteht ohne Kommentar.

SD: Auf jeden Fall. Was mir immer wieder beweist, dass Zwerchfell auf der richtigen Spur ist, ist die Tatsache: Wenn jemand bei uns ein Heft kauft, kauft er wieder eines. Und zwar durchaus von einem anderen Zeichner. Es gibt bei Zwerchfell sehr wenig Leute, die nur eine Serie kaufen, es gibt wahnsinnig viele Leute, die immer wieder ankommen und die immer öfter wieder ankommen auf den Börsen.

CG: Das unterstreicht meine Theorie, dass jemand, wenn er beim Machen viel Spass daran hat,... das sieht man den Sachen einfach an und das merkt man, wenn das nicht einfach so dahingerotzt wurde, damit irgendwas da ist, was man verkaufen kann. Es ist das, was Zwerchfell für mich ausmacht: Dass es mit Liebe gemacht ist.

SD: 'Mit Liebe gemacht' wäre ein guter Werbespruch. [lacht] Stimmt! Jeder von uns macht es, weil es das ist, was er machen will und nicht, weil es das ist, wo dir jemand verspricht, dass da ein Riesenerfolg draus wird, wo du für den Rest deines Lebens von leben kannst. Das ist teilweise eine sehr grosse Belastung, muss ich sagen... also es kann eine werden. Mabuse war tatsächlich 'ne Riesenbelastung. Weil... wenn du 24 Seiten im Monat... oder bei mir werden es dann auch mal anderthalb Monate... zeichnen musst, damit das Ding rumkommt, du aber gleichzeitig noch einen Job nebenher machen musst, damit du überhaupt leben kannst, heisst das, dass du am Ende zwei bis drei Jobs nebeneinander her machst. Du machst einen Job fürs Brot, dann machst du Mabuse und dann stellst du fest, dass du noch einen Job fürs Brot brauchst, weil dir gerade einer angeboten wird. Du kannst nicht nein sagen als freier Illustrator, das kennst du ja auch. Dann sitzt du 14 bis 16 Stunden am Tag an dem Ding und machst es. Ich hab' in der Mabusezeit in den 9 bis 10 Monaten, die ich da dran getuscht hab, ich hab drei Wochenenden frei gehabt. Das war ganz lustig, vor allem, was meine Freundin dazu zu sagen hatte. [lacht]

CG: Da war dann nur zum-Essen-kaufen-vor-die-Türe-gehen drin, oder?

SD: Ja, mal so zum Essen kaufen rausgehen, weil du feststellst, dass es Viertel vor Acht ist und es jetzt Zeit wird, dass du das machst. Ich hab in der Zeit mit der Isabel zusammen ja noch 'nen Comic gemacht. Ein Kundencomic für die YAM - das Halloweensding. Das haben wir noch daneben gemacht. Dann hatte ich einen relativ grossen Auftrag von Aquarellmalereien für Phantasialand, der ziemlich desaströs wurde, weil ich viel zu wenig Geld vorberechnet hatte. Am Anfang war nicht klar, wieviel das sein wird und es wurde immer mehr. Hab dann 32 sehr frickelige kleine Aquarelle für die gemalt. Das alles so nebeneinander und dann noch der übliche andere Kram: zwölf Mangas gelettert und so. Das war aber auch das einzige Mal, dass ich das machen will. Ich hab mir auch daran alles bewiesen, was ich mir beweisen wollte. Danach hab ich mir gedacht, ich muss mir jetzt mal was anderes beweisen, nämlich, dass ich auch mal nix tun kann. [lacht] Manchmal ist man dann doch sehr gestresst.


Weiter geht's im zweiten Teil des großen Stefan-Dinter-Interviews und das folgt hier...


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