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"Und wer waren alle?"

Ein paar rausgeblasene Anmerkungen zu Weblogs
von Stephan Herzceg
24. 09. 2002

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"Das könntest Du übrigens in den Beitrag über Weblogs auch irgendwie einfließen lassen: Dass es Weblogveranstalter gibt, die noch nie um einen Beitrag über Weblogs gefragt worden und nicht ganz sicher sind, ob gekränkte Eitelkeit überwiegt oder die Dankbarkeit, nicht in Versuchung gebracht worden zu sein." (aus einer E-Mail des sehr geschätzten Weblogveranstalters Wörterberg)

I. Am Anfang ging's um Sex

Am Anfang ging's um Sex, beziehungsweise um die Suche nach Sex, beziehungsweise um die Internetsuche nach Abbildungen von Sex. Das, was man eben so macht, wenn man nachts um zwei vor dem strahlungsarmen Bildschirm und der dritten Flasche Bier sitzt. In meinem speziellen Fall suchte ich nach "hairy chest". Ist mir jetzt zwar etwas peinlich, das hier kundzutun, aber es gibt Schlimmeres, nach dem man suchen könnte. Stunden später, bei "Result 1.451 of 641.872", bin ich auf das erste Weblog meines Lebens gestoßen, von dem ich noch nicht wusste, dass es ein Weblog war. Und, etwas übertrieben gesagt, diesen Augenblick werde ich nie vergessen.

Obendrüber stand Ultrasparky, untendrunter standen Texte. Tagebuchähnliche Texte, einzeilig, zehnzeilig, fünfzigzeilig. Gespickt mit Links, die einen kreuz und quer durch das Internet schleuderten: zu Zeitungsartikeln, Produktbeschreibungen, Museums-Websites, Joan-Crawford-Fanpages und dem Guide of hairy chested actors . Fantastisch! Illustriert mit selbstgeschossenen Fotos und copyrightverletzenden Internetfundstücken. Begleitet von intelligent, geistreich, humorvoll und selbstkritisch geschriebenen Bemerkungen zu Geschehnissen des eigenen Lebens, die der Krawatte des Brokers in der Subway dieselbe Aufmerksamkeit schenkten wie Paragraph 6 des Dayton-Abkommens. Um fünf Uhr morgens einer Novembernacht des Jahres 2000 hatte ich mich verliebt: in Joan-Crawford-Filme, Ultrasparky und das Dayton-Abkommen.

II. Was zum Teufel sind Weblogs?

Weblogs, Weblogs, was zum Teufel sind Weblogs? Ich konnte meine Unwissenheit kaum ertragen, recherchierte im Internet und klickte mich die nächsten Tage durch Ultrasparkys Weblog-Linkliste. Ich stieß auf Hunderte amerikanischer Weblogs. Alle sahen ungefähr gleich aus und schienen bestimmten Regeln zu folgen: links eine Textspalte mit den "Postings", wobei der aktuellste Beitrag immer zuoberst steht. Gewöhnungsbedürftig, aber sinnvoll: Beim erneuten Besuch des Weblogs sieht man sofort, ohne herunterscrollen zu müssen, ob neue Einträge gepostet wurden. Rechts, in einer schmaleren Spalte, findet sich meist eine Liste mit Links zu den Lieblingsweblogs des Weblogverfassers (im folgenden "Blogger" genannt, auch wenn ich diese Bezeichnung nicht sonderlich mag), manchmal auch stichwortartige Erwähnungen, welches Buch gerade gelesen, welche CD gerade gehört wird, wohin der "Blogger" nächste Woche verreisen wird.

Was die Thematik der Weblogs betrifft, gab und gibt es alles mögliche und unendlich viel: von eher spröden, monothematisch angelegten Weblogs, die sich ausschließlich mit Programmiersprachen, Webdesign oder der amerikanischen Außenpolitik beschäftigen, bis hin zu sehr persönlichen, mitunter auch äußerst langweiligen Tagebüchern im Weblogformat. Mir persönlich gefiel und gefällt die Mischform am besten: persönliche Alltäglichkeiten, Anmerkungen und Einsichten, verwoben mit kommentierten Links auf interessante und uninteressante Websites. Über Weblogs im Allgemeinen, was Weblogs genau sind, seit wann es Weblogs gibt, welche Publishing-Tools dafür benutzt werden usw. ist schon einiges geschrieben worden , weshalb ich an dieser Stelle nicht näher auf diese Themen eingehen möchte.

III. Me, myself and I

Ich wollte also auch ein Weblog, mein eigenes Weblog, und ich richtete mir eines bei blogger.com ein. Eine Angelegenheit von ein paar Minuten, inklusive Layoutanpassung von ein paar Stunden. Da saß ich dann, vor meinem eigenen leeren Weblog. Wie, worüber, weshalb und für wen sollte ich schreiben? Fragen, die ich mir seit bald zwei Jahren bis zum heutigen Tag stelle. Und es macht manchmal mehr, manchmal weniger Spaß, sich diesen Fragen zu stellen. Mir gefiel die Vorstellung, so schreiben zu dürfen, wie ich wollte, ohne mich an die Regeln der Rechtschreibreform halten zu müssen, ohne Taglines texten zu müssen, ohne Rücksichten auf Leser nehmen zu müssen. Über Dinge schreiben zu dürfen, die vor allem und vielleicht nur mich interessierten. Texte und Gedankenblitze schnell rauszuhauen, augenblicksbezogen, authentisch, situationsbedingt. Kein stundenlanges Herumfeilen an Anfängen, Enden und Mittelteilen. Widersprüchlich, naiv, ungerecht, gutgläubig, polemisch, schamhaft und besserwisserisch sein zu dürfen. Unausgegorenes, "keine Ahnung" und "weiß auch nicht" schreiben zu dürfen. Intimitäten, Begegnungen, Glücksmomente irgendwo ablegen zu können. Das Weblog als Gedächtnisstütze, als Kampfprotokoll gegen das Vergessen. Was mir im Leben und im Internet über den Weg läuft ein paar Bytes nachhallen lassen.

In Artikeln über Weblogs werden "Blogger" gerne des Exhibitionismus bezichtigt. In den meisten Weblogs, die ich regelmäßig lese, aber auch in meinem eigenen, kann ich keinen ausgeprägten Exhibitionismus erkennen. Auf einen Großteil der Postings trifft der Exhibitionismuseinwand sowieso nicht zu: Was soll daran exhibitionistisch sein, wenn eine Textpassage aus einem Zeitungsartikel zitiert oder auf die Website einer Fotogalerie verwiesen wird? Und was privatere, tagebuchähnlich wirkende Einträge betrifft, sähen diese ganz anders aus, wenn es um die Befriedigung exhibitionistischer Gelüste ginge. Ich versuche, diskret zu bleiben, anzudeuten, zu verschlüsseln, zu verzerren, zu dosieren. Auch wenn das Wissen um das Gelesenwerden, das Wahrgenommenwerden, das sich Reflektiertsehen in den Weblogs anderer, ein nicht unwichtiger Aspekt des Weblog-Schreibens zu sein scheint.

IV. Them, themselves and they

Für überdenkenswert halte ich hingegen die Überlegung, dass der Voyeurismus, dem der webloglesende Internetuser anheimfällt, den Exhibitionismus des Weblogautoren um ein Vielfaches übertrifft. Die Lektüre der zehn Lieblingsweblogs kann süchtig machen. Mehrmals am Tag wartet man darauf, sehnt sich danach, dass einer dieser einem persönlich unbekannten Blogger wieder schreibt, berichtet, empfiehlt, runtermacht. Man bildet sich sogar im Laufe der Zeit ein, den Verfasser eines Weblogs zu kennen, kennengelernt zu haben, hat sich ein allein auf Postings begründetes Bild der Vorlieben und Abneigungen dieser Person zusammengeschustert. Und befürchtet, dass es mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen könnte. Diese Befürchtung ist zwar unnötig und überflüssig, gehört aber zum emotionalen Kanon des angefixten Webloglesers.

Ähnlich vertrackte Überlegungen begleiten das eigene Schreiben. Natürlich betont jeder "Blogger", dass er nur für sich schreibt und ihm "die anderen" egal sind. Aber zu wissen, dass das eigene Weblog gelesen wird und von wem es gelesen wird, nämlich hoffentlich von den Autoren der zehn Lieblingsweblogs, stellt als kompetitive Stimulanz eine zusätzliche Motivation für das tägliche Weblog-Schreiben dar. Dass sich möglicherweise andere von einem ein genauso falsches Bild machen, wie man selber von "den anderen", hat zwar seinen Reiz, ist aber gewöhnungsbedürftig. Wieviel Persönliches man über sich in seinem Weblog veröffentlich, hängt stark von der jeweiligen Tagesstimmung ab und wird von Überlegungen begleitet, ob man mit gewissen Aussagen etwa den Eindruck erwecken könnte, Alkoholiker, Sexmaniac, Reaktionär oder Angeber zu sein. Die in einem amerikanischen Artikel über Weblogs angeführte Definition der "microcelebrity" "In the future, everyone will be famous to 15 people on the Web" halte ich in diesem Zusammenhang für äußerst amüsant und zutreffend.

V. You're so vain, you probably think this posting is about you

Zu den eher verstörenden und nachdenklich stimmenden Begleiterscheinungen des Weblog-Schreibens und -lesens gehört alles, was mit Eitelkeit zu tun hat. Die eigene Eitelkeit und die der anderen "Blogger". Nur die allerwenigsten Weblogs sind als selbstreferenziertes, sozialhermetisch abgeriegeltes Internetding angelegt. Die meisten "Blogger" wollen wahrgenommen und gelesen werden. Wie oft am Tag, im Monat, im Jahr auf die eigene Website zugegriffen wird, wer wann und wie lange darauf verweilt, erfährt man aus dem jederzeit abrufbaren "Report" seines Seitenstatistik-Tools . An schlechtgelaunten Tagen, oder wenn einem langweilig ist, ekelt man sich vor sich selbst. Dass man sich tatsächlich darüber Gedanken macht, wer das eigene Weblog liest und ob womöglich in einem anderer Weblog direkt auf ein kürzlich verfasstes eigenes Posting "gelinkt" wird. Tröstend wirkt das Wissen, daß quasi jeder "Blogger" diesem teuflischen Instrument der Eitelkeit verfallen ist.

Für viele Weblogautoren empfindet man tatsächlich eine Zuneigung, die an ein Liebesgefühl schon recht nah herankommt. Ich liebe und verehre ihren Schreibstil, ihre Eloquenz, ihre Intelligenz, ihren Wortwitz. Ich liebe dieses Gefühl, mich von ihnen ins Internet mitnehmen und eventuell begeistern zu lassen, mich auf sie einzulassen, ihre Gedanken zu reflektieren. Ich glaube, ich bin dankbar dafür, dass ich auf diese spezielle, virtuelle Weise an Teilaspekten des Lebens "meiner" Lieblingsblogger teilhaben darf. Hört sich kitischig an, ist aber so.

Mit derselben Inbrunst kann man sich aber auch über einige Weblogs, mitunter sogar über seine Lieblinge, maßlos aufregen. Was schreibt der da für einen Quatsch? Weblog X schleimt sich heute aber bei Weblog Y ganz schön ein! Wann kommt der Tag, an dem Blogger Z in den Kommentaren anderer Weblogs nicht mehr ständig auf seine eigenen Artikel und Postings verweisen wird? Undsoweiter. Der ganze gruppendynamische Quatsch, auf den man eigentlich nie Lust hatte. Folgeerscheinung: Zeitweilige Ernüchterung, die vermeintliche "Weblog-Community" als in sich mäanderndes, hin und her verlinkendes Gebilde geht einem hochgradig auf die Nerven.

VI. Should I stay or should I go?

So steht man immer wieder mal lustlos am eigenen Weblogabgrund, hat keine Lust mehr zu schreiben, spielt mit dem Gedanken aufzuhören und stellt sich vernichtende Fragen: Wen interessiert das schon? Kann man seine Freizeit nicht sinnvoller gestalten? Können andere nicht viel besser schreiben? Undsoweiter. Das von mir geschätzte Weblog Le Lounge électronique hat vor einigen Monaten ein interessantes Brecht-Zitat zur Radiotheorie ausgegraben, das sich auch auf Weblogs, bzw. auf die Infragestellung der Sinnhaftigkeit von Weblogs übertragen läßt: "Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich genau überlegte, nichts zu sagen. Und wer waren alle?"

Onkel Brecht, unterstützt von der in mir schlummernden Trägheit, an der schon einige Projekte gescheitert waren, meinte also, mein Weblog sollte sofort liquidiert werden. Nun ist Resignation aber eine nicht wirklich bereichernde Lebenserfahrung, der man gerne jeden Tag verfällt. Rund um die Uhr werde ich medial von Wetterfeen, Bild-Schlagzeilen, Verbandsvorsitzenden und Amazon-Rezensenten zugemüllt. Und ich sollte alles für mich behalten, nie widersprechen und "denen" kommentar- und sticheleilos das Feld überlassen? Diese etwas nölige Trotzeinstellung und vor allem der Spaß am Weblog, am regelmäßigen Schreiben, verhinderten bislang die Einstellung. Die große Liebe zum Internet und der vielleicht etwas naive Wunsch, dem Internet wieder etwas zurückzugeben, taten ein Übriges. Das Internet und Weblogs als kollektives, emotionalisiertes Gedächtnis und Archiv für Nörgler, Ästheten, Programmierer, Wetterfeenhasser und Joan-Crawford-Fans: Diese Idee gefällt mir einfach ausgesprochen gut.

Stephan Herczeg ist in/at malorama zu finden.

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