Dem Weltgeist in die Nüstern spucken
Herbert Marcuse

                              Eine Erinnerung an Herbert Marcuse zum hundertsten Geburtstag

                                Von Detlev Claussen

Die Welt hatte ein festumrissenes Bild vor Augen, als Herbert Marcuse im Juli 1979 starb - ein schlohweißer Kopf mit klarem Profil, der die deutsche Sprache amerikanisch intonierte und englisch mit Berliner Akzent sprach. Das Medienimage vom "Vater der Neuen Linken" wurde der Philosoph seit 1968 nicht mehr los. Sein Hauptwerk von 1964, der "Eindimensionale Mensch", wurde mehr gekauft als gelesen. 1969 erklärte er in einem "SPIEGEL"-Gespräch: "Ich lehne den Vater- oder Großvater-Unsinn ab...Tatsächlich hat sich eine weitgehende Koinzidenz herausgestellt zwischen meinen Ideen und den Erfahrungen, die die Studenten von sich aus in der Praxis und ihrem Denken gemacht haben."

Heute liegt Marcuse unter einem Berg von Clichés begraben. Alle Affekte, die sich gegen "68" richten, stehen der Erinnerung an diesen Zeugen des Jahrhunderts im Wege. Marcuses Erfahrungen außerhalb der Universitäten prägten seine Fassung der Kritischen Theorie. Er verkörperte Mitte der sechziger Jahre für deutsche und amerikanische Studenten eine Welt, die man schon damals nur vage aus Büchern kannte. Marcuse war 1918 selbst Mitglied des Berliner Arbeiter- und Soldatenrats gewesen, hatte sich als Buchhändler durch die Weimarer Republik geschlagen, bei Martin Heidegger in Freiburg studiert und hatte sich kurz vor dessen faschistischem Coming Out von ihm getrennt. Das Exil hatte der deutsch-jüdische Intellektuelle im inneren Kreis des aus Frankfurt nach New York emigrierten "Instituts für Sozialforschung" verbracht.

Im Krieg hatte der von den Nazis Vertriebene als Deutschlandanalytiker für die amerikanische Administration gearbeitet. Enttäuscht von der Restauration im Nachkriegsdeutschland suchte er immer wieder den Kontakt zu den Kindern der Re-education. Marcuse erschien ihnen als der ältere amerikanische Freund, der wohlwollend alle Versuche begleitete, den Massenmord in Vietnam nicht einfach hinzunehmen, die nationalsozialistische Vergangenheit nicht ruhen und sich von der erstickenden realsozialistischen Gegenwart nicht entmutigen zu lassen. Marcuse suchte immer wieder von sich aus das Gespräch; er diskutierte mit den jungen Intellektuellen und er unterschied sie von den begriffslosen Militanten, die ihn souffliert von der Sowjetpropaganda als CIA-Agent denunzierten.

1942 hatten sich Horkheimer und Adorno nach Kalifornien zurückgezogen, um an der "Dialektik derAufklärung" zu arbeiten. Herbert Marcuse kam in der Mitteleuropaabteilung des "Office for Strategic Services" unter - einer "chairborn division" der amerikanischen Kriegsadministration. Beim Studium mündlicher und schriftlicher Quellen aus Nazideutschland entstanden bahnbrechende Analysen der Gegenwart. Ohne den Hintergrund einer großen Theorie hätte man nie so klarsichtig den Nationalsozialismus als eine neue Gesellschaftsform analysieren können, die nicht schlicht aus einem traditionellen Volkscharakter hervorgegangen ist: Marcuse entdeckte eine im frühen 20. Jahrhundert entstandene neue deutsche "Haltung", die "Blut und Boden"- Mythologie mit Tatsachengläubigkeit, technokratische Herrschaft mit weltanschaulichem Neuheidentum kombiniert. Die zukunftsträchtige "New German Mentality" erklärt Marcuse aus den totalitären Tendenzen des untergegangenen liberalistischen Zeitalters, aus der deutschen Variante des "Unbehagens in der Kultur". Marcuse hat damals wie alle authentischen Kritischen Theoretiker mit der an die proletarische Verelendung fixierten Marxschen Revolutionstheorie gebrochen.

Der Weltgeist, den Marcuse in seinem Hegelbuch "Reason and Revolution" 1942 vorausahnend analysiert hatte, schien nach 1945 seinen logischen Gang zu gehen: Nicht der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit triumphiert mit eherner Notwendigkeit, sondern die totale Herrschaft. Aus dem Kampf gegen die Nazibarbarei entstand eine Weltordnung, die nicht zunehmend freier und liberaler, sondern allumfassend alternativlos wird. In Marcuses Nationalsozialismusanalysen tauchen schon die Elemente des späteren "Eindimensionalen Menschen" auf, der Marcuse nach 1964 dann weltberühmt gemacht hat. Die Sowjetunion wurde keineswegs als gesellschaftliche Alternative zur westlichen Demokratie verstanden, wie er in seiner Studie über den "Sowjetmarxismus" 1958 ausgeführt hat. Herbert Marcuse entwickelte früh die Schreckensvorstellung einer durchrationalisierten Weltgesellschaft In "Eros and Civilzation" suchte er mit den Kategorien von Freuds Kulturkritik nach inneren rebellischen Triebkräften in einer überflußgesellschaft. Er formulierte ein Wissen, das es erlauben sollte, dem "Weltgeist in die Nüstern zu spucken". Die psychische Kraft, sich nicht dem Konformismus der Gegenwart zu unterwerfen, zog Marcuse aus der Erinnerung, nicht aus einem naiven Optimismus. Auschwitz nahm in dieser Erinnerung den zentralen Platz ein.

Seit Mitte der vierziger Jahre hatten sich die Kritischen Theoretiker als Außenseiter im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb auf das Konzept der "Flaschenpost" geeinigt. Die Flasche mit der eingekapselten Botschaft, sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen zu lassen, schien für Marcuse Mitte der sechziger Jahre von den protestierenden Studenten mit lautem Knall geöffnet worden zu sein. In der theoretischen Analyse einer Gesellschaft, die dringend der Veränderung bedarf und die Revolution zugleich unmöglich macht, gab es kaum Differenzen zu den inzwischen nach Frankfurt remigrierten Horkheimer und Adorno. Marcuses Kritik der amerikanischen Gegenwart unterschied sich bis auf einige Passagen über "Randgruppen" nicht substantiell von den damals gerade entdeckten Standardwerken Kritischer Theorie: "Dialektik der Aufklärung" und "Eclipse of Reason". Im Unterschied zu den alten Frankfurtern aber suchte Marcuse die politische öffentlichkeit.

Wer den lebenslustigen Pessimisten gekannt hat, kann kaum glauben, daß er am 19. Juli 1998 hundert Jahre alt geworden wäre. Seine in Vergessenheit geratenen Schriften lesen sich heute erfrischend unakademisch; seine Diskussionen mit der internationalen Protestbewegung lasssen sich als zeitgeschichtliche Dokumente verstehen, die manches Vorurteil über "68" korrigieren können. Marcuses Kritik sinnloser Verschwendung gesellschaftlichen Reichtums reklamiert das Recht aller Lebewesen auf ein gutes Leben, das vom philosophischen Begriff des richtigen Lebens nicht abzutrennen ist. Er selbst liebte schöne und weite Blicke - mit einem Cigarillo bequem im Schatten sitzend, bei einem Glas Johnny Walker on the rocks, auf den Hotelterrassen Santa Barbaras oder Pontresinas zum Beispiel.

(erscheint am 18.7.98 im tagesanzeiger, Zürich)