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Ein Weblog schreiben.

Von Peter Praschl
25. 09. 2002

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[Nicht]

Weblogs haben noch keine Spielregeln, außer den wenigen, die die Software vorgibt. Es gibt keinen Kanon, der festlegt, wie ein Weblog geschrieben werden muss, es gibt keine Kriterien, nach denen man beurteilen könnte, was ein gutes und was ein schlechtes Weblog ist, es gibt keine Vereinbarungen darüber, wie lange ein Weblogbeitrag sein muss, wovon Weblogs sprechen sollten, wie sie keineswegs sprechen sollten, wie oft sie sprechen sollten, zu wem sie sprechen sollten, und wie sie jene behandeln sollten, mit denen sie sprechen. Es gibt noch nicht einmal eine einigermaßen akzeptierte Auskunft darüber, was ein Weblog eigentlich ausmacht. Der jeweils letzte Eintrag (weil man immer nur so gut ist wie das letzte Konzert)? Das Programm, die Idee? Der Fluss zwischen den Einträgen? Der Autor? Die Links, auf die der Autor verweist?

[Chronik]

Weblogs sind ­ das ist die durch die Software erzwungene Spielregel ­ Chroniken. Das Neueste in der Chronik steht auf der frontpage, die Vergangenheit verschwindet im Archiv, in dem sowieso keiner nachschaut. Der Weblogautor strengt sich an, die Chronik fortzuschreiben, er hat immerhin ein Publikum, ein paar oder ein paar hundert Leute, die jeden Tag vorbeischauen und auch nicht genau wissen, warum. Deswegen bildet sich der Weblogautor ziemlich bald ein, er kennt ja die referrers, er hätte eine Pflicht, er müsse weitermachen, am besten jeden Tag, ohne dass er wüsste, wohin. Also schreibt er jeden Tag etwas in sein Weblog, und nicht selten stellt er sich die Frage, ob es denn wirklich so viel gibt, über das zu schreiben sich lohnt. Es gibt Tage, an denen geschieht nichts, nichts Nennenswertes, es gibt Tage, an denen empfindet er nichts, nicht das Geringste, es gibt Tage, an denen er mürbe ist, an denen ihm nichts einfällt, an denen ihm jedes, und zwar jedes einzelne Wort verbraucht vorkommt, alles zu oft gesagt, zu oft gedacht und vor allem völlig überflüssig. Das sind die Tage, an denen der Weblogautor sein Weblog löschen will, und zwar endgültig. Die Chronik stockt dann. Seine jedenfalls. Er kann sich nicht leiden dafür, das Stocken ist auch wieder nur eine dieser Posen, von denen es in Weblogs ohnehin viel zu viele gibt, er weiß, in zwei, drei Tagen, wenn der Weblogekel wieder abgeklungen ist, wird er weitermachen, jeden Tag, als wäre nichts gewesen. Muss ja.

[Knoten]

Weblogs werden mit ziemlich vielem verglichen, mit Journalismus zum Beispiel, weil sie chronikalisch fortgeschrieben werden und über die Welt sprechen und für ein Publikum gedacht sind wie eine Tageszeitung, oder mit Tagebüchern, weil in ihnen tagtäglich ein Ich von sich berichtet. Weil niemand so genau weiß, was ein Weblog eigentlich ist, auch die Weblogautoren nicht, ist es verständlich, warum diese Vergleiche immer wieder fallen, man muss das Neue ja irgendwo einsortieren, um es einigermaßen verstehen zu können. Merkwürdigerweise aber kommt in den Versuchen, Weblogs zu verstehen, das Web meistens nicht vor, obwohl, wie es der Name ja schon sagt, Weblogs im Web stattfinden und nur dort stattfinden können, und jeder Weblogautor, der tatsächlich versucht, in seinem Weblog Journalismus zu betreiben oder ein Tagebuch zu führen, ziemlich schnell bemerkt, dass sich sein vermeintlicher Journalismus mit Sätzen, rhetorischen Strategien, Themen anreichert, die im Journalismus nicht möglich sind, ebenso wie die Weblogautoren, die sich aufs Tagebuchschreiben beschränken wollen, recht bald zu einer ganz anderen persona werden, als sie in einem Tagebuch blieben. Kann schon sein, dass im Web Journalismus und Tagebücher möglich sind, aber es sind ein anderer Journalismus und andere Tagebücher als die gewohnten, und deswegen führen diese Vergleiche nicht besonders weit. Weiter kommt man wahrscheinlich, wenn man, zumindest probehalber, den Weblogs konzediert, dass sie zu den wenigen Formen des Sprechens im Netz gehören, die überhaupt verstanden haben, was das Netz ist. Verstehen, was das Netz ist, heißt: verstehen, dass man im Netz ist, dass man nur ein Knoten, ein Link ist, kein Ziel, sondern eine Passage. Die meisten Seiten im Netz bemühen sich darum, ein Ziel zu sein, sie kämpfen darum, dass man sie findet und dann bei ihnen bleibt, sie wollen das Ende des Netzes sein und nicht bloß ein Dazwischen, der User soll kommen und nicht mehr weggehen. Der Weblogautor aber schickt die Leute gleich wieder fort, er weiß, dass er nicht mehr ist als ein Knoten unter Knoten, er sagt allen, die bei ihm vorbeikommen, dass sie gleich wieder weitergehen sollen, hierhin vielleicht oder dorthin, und wie wäre es mit diesem Link? Das macht sonst keiner freiwillig, wirklich nicht, das Fernsehen tut alles, um die Leute am Zappen zu hindern und jede Zeitung bemüht sich darum, die einzige Zeitung zu sein, eine Jugendbeilage muss her für die Jugend und ein Feuilleton und ein anständiger Sportteil und die beste Wetterinfografik und am besten gleich auch ein Leserclub, der Leserreisen veranstaltet und Leserdiskussionsforen. All das machen Weblogs nicht, im Gegenteil. Ihre Praxis besteht darin, den Lesern zu sagen, dass Texte löchrig sind, dass es keine abgeschlossenen Texte gibt, dass hinter den Texten andere lauern. Hier ist der Link, schau doch mal hin, wenn du zurückkommst, ist es okay, aber ich werde dich gleich wieder wegschicken.

Peter Praschl  ist 42, österreicher, journalist ("amica") in hamburg. sein weblog heißt le sofa blogger , existiert ende oktober seit zwei jahren, hat jeden tag etwa 500 leser & doppelt so viele page impressions. 


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