Wertvolle Erinnerung
Das ewige Finanzdesaster der "Topographie des Terrors"
Das Gespräch mit Peter Steinbach
Homepage "Topographie des Terrors"
"Topographie des Terrors" wackelt
Topographie einer endlosen Kostendiskussion
Es sollte ein Glanzstück der Architektur werden: Peter Zumthors Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors". Heute, nach sieben Jahren Bauzeit, stehen drei Betontürme auf dem Gelände. Das Projekt kostete bereits über sieben Millionen Euro, als im März 2000 der Berliner Senat den Bau stoppte. Die Begründung: Die geplanten Ausgaben hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt mehr als verdoppelt. 2001 einigten sich der Bund und das Land auf einen Kompromiss. Die Finanzierung wurde auf 39 Millionen Euro begrenzt. Jetzt droht das Vorhaben wieder zu kippen - denn die beauftragte Baufirma ist Pleite. Der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Reinhard Rürup, findet es nicht sinnvoll, deswegen zu einer einfacheren Lösung zurückzukehren, nachdem der Bau schon fortgeschritten ist. "Es wäre auch nicht billiger", sagt er.
Zwei Arten von Geschichte

Vom geplanten Dokumentationszentrum stehen bislang nur Betontürme
Foto Dort, wo einst die Machtzentrale der Gestapo stand, wo Menschen im Keller gefoltert und an den Schreibtischen Vernichtungspläne entworfen wurden - an diesem Ort wollten Berliner Bürger an die Täter erinnern. Sie gründeten eine Stiftung und kämpften für ein Museum. Vorerst mit einem Provisorium. Die Topographie sollte - neben dem jüdischen Museum und dem Holocaust-Mahnmal - die dritte zentrale Erinnerungsstätte der Hauptstadt werden.

Doch während der Bund die beiden anderen Einrichtungen übernahm, wurde die Topographie nur mit einer Beteiligung von 50 Prozent gefördert. Und nun - aufgrund der Insolvenz - hält man das Projekt für nicht "etatreif". Bundesmittel für einen Museumsbau sind im Haushaltsentwurf 2003 nicht mehr veranschlagt. Darin sieht der geschäftsführende Direktor der Topographie des Terrors, Andreas Nachama, eine Entscheidung zwischen zwei Arten von Geschichte: "Es gibt die Geschichte, mit der man sich gerne identifiziert, nämlich mit dem Schloss, und es gibt die Geschichte, für die man offenbar nur das Nötigste tun will, das ist die Geschichte des 'Dritten Reichs'. ich finde das sehr bedauerlich."
Trauerarbeit braucht das Böse

Hier wird Tätergeschichte dokumentiert
Foto Zumthors Projekt wurde vor zehn Jahren beschlossen. Doch jetzt erfordert die Situation neue Gespräche, vielleicht auch Einsparungen. Sollte bis zum Jahresende keine Firma gefunden werden, die für 39 Millionen Euro das Stabwerk realisiert, dann ist mit einer abgespeckten Version zu rechnen. Unter Umständen könnte sogar das gesamte Vorhaben gefährdet sein. Michael Müller, Fraktionsvorsitzender der SPD in Berlin, mahnt die Planer, den Kostenrahmen des Projekts zu bedenken und die zur Verfügung gestellten Mittel zu akzeptieren. Ginge das nicht, so müsse man eben an der Architektur absprecken, zur Not auch ohne Herrn Zumthor.

Rund eine halbe Million Menschen haben in den letzten beiden Jahren das Provisorium besucht. Aber Ausgaben für Täterstätten scheinen politisch schwieriger zu rechtfertigen zu sein, als Denkmäler für Opfer. Gerhard Schoenberner, Gründungsdirektor der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, meint, dass die Plätze, wo man sich vor den Toten verneige, den Vorrang bekämen vor denen, wo wirklich über das System und seine Täter nachgedacht werde. Das Verneigen sei einfacher, als die sehr unbequeme Analyse dessen, was hinter den Taten gesteckt hat und was zu dem Geschehen führen konnte. Das Signal, das zurzeit aus den politischen Gremien der Hauptstadt gesendet wird, schränkt die Erinnerungskultur ein. Auch wenn Täter für die Identifikation nichts taugen: Die Trauerarbeit braucht die Darstellung des absoluten Bösen.

19.07.2002
Kulturzeit