Barrierefrei mit angezogener Handbremse.

 

Die an verschiedenen Stellen von Microsoft durchgesickerte Meldung, dass der Internet Explorer nicht mehr als eigenständiges Programm weiterentwickelt wird, hat beträchtliche Auswirkungen auf die Entwicklung zu einem barrierefreieren Internet. Begonnen hatte die ganze Aufregung mit der Meldung, dass Microsoft zur Einstellung des Kartellrechts-Verfahrens 750 Millionen US$ an AOL zahlt. Im Gegenzug dafür erhält AOL das Recht, den Internet Explorer für weitere 7 Jahre in der AOL-Zugangssoftware verwenden zu dürfen.

So weit, so gut, Microsoft hat schon schlechtere Browser als den Internet Explorer 6 gebaut. Nur ist die aktuelle Version mittlerweile auch schon 3 Jahre alt und in ihrer Unterstützung der für barrierefreie Webseiten so wichtigen Webstandards meilenweit hinter die Konkurrenz zurückgefallen. Problematisch wird dieser Browser und seine Fehler aber erst vor dem Hintergrund, dass er die Gemeinde der Webentwickler noch viele weitere Jahre beschäftigen wird.

Barrierefreies Internet erst ab 2010?

Gleichzeitig wurde nämlich bekannt, dass eine neue Version des Internet Explorer für Windows nur mit einer neuen Version des Betriebssystems aus Redmond zu haben sein wird. Nach Aussage von Microsoft ist die Entwicklung des IE als eigenständiges Produkt mit der aktuellen Version IE6 SP1 beendet. Weitere Verbesserungen in diesem Browser mit 85-90% Marktanteil werden wieder so eng mit dem Betriebssystem verknüpft sein, dass ein Update des Browsers zwingend den Kauf eines neuen Betriebssystems voraussetzt:

Q: when / will there be the next version of IE?

A: As part of the OS, IE will continue to evolve, but there will be no future standalone installations. IE6 SP1 is the final standalone installation.

[...]

Q: Why is this? the anti-trust? (no further standalone)

A: Although this is off topic, I will answer briefly: Legacy OSes have reached their zenith with the addition of IE 6 SP1. Further improvements to IE will require enhancements to the underlying OS.

Quelle: Microsoft TechNet

Nutzer von Windows 98, 2000, NT, XP und anderen werden also weiterhin mit den Fehlern in diesem Browser leben müssen, bis sie ein Upgrade auf das kommende Betriebssystem (Codename Longhorn) kaufen, in dem diese Fehler dann behoben sein könnten oder auch nicht. Diese neue Version ist aber noch weit davon entfernt, auf den Markt gebracht zu werden. Nach Aussage von Microsofts Robert Scoble ist mit einem Release frühestens in 2 Jahren zu rechnen:

Longhorn (code name for the next version of the Windows client) is about two years away from being released (and that's if everything goes according to plan -- this is still software and software manufacturing is still hard to put on a schedule, especially when you have thousands of employees working on it).

Quelle: Scobleizer Weblog

Selbst wenn der Nachfolger des aktuellen Marktführers eine bessere Unterstützung von Webstandards bringen sollte (die Erfahrung hat gezeigt, dass dies eher unwahrscheinlich ist), so wird es noch Jahre dauern, bis sich dieser am Markt durchgesetzt hat.

Den meisten Benutzern ist es ausgesprochen egal, welchen Browser Sie benutzen, genommen wird das, was beim Kauf auf dem Rechner vorhanden war. EDV-Abteilungen in großen Unternehmen oder Institutionen bestimmen häufig über die zu verwendende Software - diese sind jedoch traditionell immer um einige Versionsnummern zurück, wie der immer noch überwiegende Marktanteil von NT4 und Windows 98 mit Internet Explorer 5.x zeigt. Wenn nun das Update auf einen neuen Browser auch zwingend ein Update des Betriebssystems voraussetzt, so ergibt sich ein Zeithorizont bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts, bis die Mehrheit der Nutzer einen standardkonformen Browser einsetzt.

Auch andere Plattformen sind vom offensichtlichen Ende des Engagements Microsofts betroffen:

Fast zeitgleich sickerte durch, dass die Entwicklung des Internet Explorer für den Apple Macintosh eingestellt wird. Obwohl es mittlerweile bessere Browser für diese Plattform gibt, war der IE/Mac doch der erste Browser, der mit einer weitestgehend korrekten Unterstützung von HTML, CSS und W3C-DOM auf den Markt kam. So ist dieser Browser auch heute noch in der Darstellungsqualität und Benutzbarkeit seinem Pendant unter Windows meilenweit voraus: der IE/Mac brachte als erster Browser die Fähigkeit zum Zoomen von Text mit sich, einen unschätzbaren Vorteil gerade für Menschen mit Sehbehinderungen, den der IE für Windows bis heute nicht beherrscht.

Auch wenn das IE/Mac-Entwicklerteam weiterhin an einer Verbesserung des Browsers unter MacOSX gearbeitet hat, so kamen schon die letzten Updates nur noch Abonnenten des Microsoft-Networks MSN zu Gute. Bis zur tatsächlichen Einstellung des Browsers sind laut Microsoft nur noch zwei kleinere Updates geplant, das alte MacOS 9, dass immer noch von der überwiegenden Anzahl der Mac-User benutzt wird, wird schon längere Zeit nicht mehr bedient.

Was bedeutet das für engagierte Webentwickler?

Wir steuern also offensichtlich auf eine lange Zeit des Stillstands zu, in der sich auf dem Feld der noch verbliebenen Webbrowser höchstens in Nischenmärkten etwas bewegt. Die Darstellungsfehler des Internet Explorers für Windows sind zwar mittlerweile gut dokumentiert, auch existieren für die meisten Fehler dokumentierte Workarounds. Trotzdem bedeutet dies, dass die Workarounds auch tatsächlich eingebaut werden müssen, was wiederum einen erhöhten Aufwand für Webentwickler nach sich zieht - und das auf Jahre.

Fatal wird dieser Stillstand aber, wenn essentielle Techniken zur Barrierefreiheit auf unabsehbare Dauer von 90% des Marktes nicht genutzt werden können, weil der einzige verbliebene Browser mit einem zweistelligen Marktanteil diese nicht unterstützt und auch nicht klar ist, ob die Nachfolgeversion diese jemals unterstützen wird.

Ein kurzer Blick auf die Liste der Fehler zeigt die ganze Tragweite des Problems. Keiner dieser teilweise schon bis zu acht Jahre alten Standards wird bisher vollständig und korrekt vom Internet Explorer unterstützt:

Aber gerade in diesen Standards liegt die Lösung für viele Forderungen, die vom Gesetzgeber vorgegeben werden und für Internetauftritte der öffentlichen Hand sogar zwingend vorgeschrieben sind.

Beispiel gefällig?

Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Hilfsmittel behinderter Menschen für ihre Ausgabe auf das angewiesen sind, was sie vom jeweiligen Webbrowser geliefert bekommen. Aber selbst wenn diese eigene Interpretationsmechanismen einsetzen, sind die assistiven Werkzeuge in der Unterstützung der Webstandards noch meilenweit von dem Ideal entfernt.

Aber auch so sollte das Problem offensichtlich sein: Anbieter von Internet-Auftritten der öffentlichen Hand, die zur Einhaltung der Vorgaben der BITV verpflichtet sind, werden hier vor ein kaum lösbares Problem gestellt. Einerseits sind die Aussagen der BITV zum Einsatz bestimmter Elemente eindeutig, andererseits können diese Dinge dann aber von der überwiegenden Mehrheit des Publikums gar nicht genutzt werden, da 85-90% der eingesetzten Browser und Zugangsprogramme diese Dinge gar nicht verstehen.


Wir würden gerne Ihre Meinung wissen: Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit und diskutieren Sie diesen Artikel mit anderen Experten.

16.06.2003, TC