MÜNCHHAUSOLOGISCHE SAMMLUNG, ZÜRICH

Bearbeiter. Bernhard Wiebel

Stand. Mai 2002

Email. info@muenchhausen.ch

Unterhaltsträger. Bernhard Wiebel

Status. Privatsammlung (nicht öffentlich)

Sammelgebiete. Münchhausen-Erzählungen in allen Sprachen und Formen; Quellen und Sekundärliteratur zu Münchhausen.

Benützungsmöglichkeiten. Auf Anfrage und nach individueller Absprache, keine Ausleihe.

Öffnungszeiten. Nach Vereinbarung

Technische Einrichtungen für den Benützer. Fotokopiergerät

Hinweise für anreisende Benützer. Gemäss Absprache

BESTANDSGESCHICHTE

Die Sammlung ist dem Phänomen Münchhausen gewidmet, soweit es mit den Erzählungen des Freiherrn Hieronymus Carl Friedrich v. Münchhausen (1720-1797) zu tun hat. Sie ist zugleich Gegenstand und Instrument der spezialisierten Forschung und aus Anlass einer wissenschaftlichen Arbeit im Jahr 1993 entstanden. Es hatte sich erwiesen, dass eine die Entstehung genau berücksichtigende und die explosionsartige Verbreitung des Buches sofort nach 1786 beschreibende und erklärende Forschung ohne physische Präsenz des Materials nicht möglich ist.

Die Sammlung beteiligte sich 1996 an der Ausstellung „Münchhausen – ein amoralisches Kinderbuch“ des Schweizerischen Jugendbuch-Instituts in Zürich; im Katalog findet sich nur ein kleiner Teil des Bestandes von heute. Die Altbestände gehörten auch zu den Exponaten der Ausstellung „Münchhausen – vom Jägerlatein zum Weltbestseller“, die 1998 in beiden Gebäuden der Berliner Nationalbibliothek und dann in der Universitätsbibliothek Göttingen zu sehen war. Die begleitende Publikation enthält keinen Katalog, aber Untersuchungen, die ihre Resultate der Verfügbarkeit der alten Bestände verdanken.

Für die Münchhausologische Sammlung Zürich besteht ein provisorisches, bibliographisch nicht vollständiges Bestandsverzeichnis mit Inventarnummer, Kurztitel und Minimalangaben. Die Vorbereitungen für einen sachgerechten Katalog haben im Mai 2002 begonnen.

Im März 2002 hat die Sammlung eine wesentliche Erweiterung erfahren durch die Integration der Sammlung und des themenspezifischen Nachlassteiles des deutschen Münchhausen-Forschers und -Bibliographen Erwin Wackermann (1902-1979).

Der Literaturwissenschaftler Werner R. Schweizer (1891-1968) legte 1918 an der Universität Bern mit der Dissertation "Die Wandlungen Münchhausen's bis auf Immermann" (Leipzig 1921) die erste akademische Arbeit über ein Münchhausen-Thema vor und baute eine anspruchsvolle Sammlung auf (ca. 100 Titel). Er stand in Verbindung mit dem Balladendichter Börries v. Münchhausen (1874 - 1945), der wohl die derzeit grösste Münchhausen-Sammlung besass (ca. 300 Titel). Börries schenkte Schweizer einige Münchhausiana aus seiner Sammlung. Nach Schweizers Tod kaufte der Verleger und Antiquar Fritz Eggert dessen Sammlung und brachte diese mit einem Katalog (Katalog 74, Münchhausen und Münchhausiaden, Antiquariat Eggert, Stuttgart [1969]) wieder zum Verkauf. Der Münchhausen-Bibliograph E. Wackermann erwarb seinerseits aus diesem Katalog ca. 30 Nummern. So befinden sich im historischen Bestand der Münchhausologischen Sammlung heute Objekte aus den Vorgängersammlungen Börries v. Münchhausen, W.R. Schweizer und E. Wackermann. Seit Juni 2002 befinden sich zudem 25 Münchhausen-Titel aus der Sammlung L.H. Dorrenboom in der Münchhausologischen Sammlung.

BESTANDSBESCHREIBUNG

Die Münchhausologische Sammlung Zürich vereinigt alles, was mit dem Baron v. Münchhausen direkt oder indirekt zu tun hat: Ausgaben des Textes, Quellen sowie Fortsetzungen und Varianten, Bücher, Zeitschriften, Separata, Faksimiles, originale Illustrationen, selbständige Grafik, Filme, Spiele, Gebrauchsgegenstände, Souvenirs etc. Sie umfasst ca. 2'000 Objekte.

Die absolute Zahl des historischen Bestands ist mit ca. 510 Einheiten nicht hoch. Doch dürfte die Präsenz von 35 originalen Münchhausen-Ausgaben aus dem 18. Jh an einem Ort einmalig sein, vermutlich auch die von 300 aus dem 19 Jh. Zudem gehören ihr einige bibliophile Spezialitäten an, dies besonders im Hinblick auf Provenienz (z.B. Familie Wedgewood, die Dichter Karl Wolfskehl und Reinhard Lettau) und Einband (z.B. aus der Werkstatt Kalthoeber, London). Kopien oder Mikrofilme von frühen Ausgaben schliessen forschungsrelevante Lücken der Sammlung (z.B. erster, zweiter und dritter Druck des „Munchausen“).

Zählung nach Jahrhunderten

Münchhausen ist ursprünglich und eigentlich eine Satire mit tagespolitischen Anspielungen. Als Beispiele für frühneuzeitliche satirische Illustration dienen daher die Holzschnitte Der Papstesel und Das Mönchskalb nach Entwürfen von Lucas Cranach d.Ä. (1427-1553) aus dem neunten Band der Schriften von Martin Luther (Wittenberg 1558). Drei Bde aus dem 17. Jh dokumentieren ältere fiktive Reisebeschreibungen.

Der Bestand aus dem 18. Jh umfasst 155 Bde. Darunter sind 35 Ausgaben des Münchhausen: 13 deutsche, 17 englische, vier französische, eine schwedische. Zu der Gruppe gehören auch 70 Veröffentlichungen von, über und zu Rudolf Erich Raspe (1736-1794), den Autor des Münchhausen. Die übrigen 80 Bde verteilen sich auf Originalausgaben von und zeitgenössische Schriften zu Gottfried August Bürger (1747-1794), Autor des ersten deutschen Münchhausen-Buches, auf Reise- und Lügenliteratur, exemplarische Publikationen aus dem Umkreis von Raspe und Bürger sowie auf Material zur Familie v. Münchhausen. Aus dem 19. Jh stammen 260 Bücher, die Münchhausen enthalten, sowie die Disteli-Gruppe.

Zählung nach Sprachen

Der historische Bestand gliedert sich in 320 deutschsprachige, 120 englische und 30 französische Bde sowie 40 Bücher in anderen Sprachen.

Systematische Beschreibung

Die Abteilung „Münchhausens Abenteuer in deutscher Sprache“ umfasst die Erzählungen der Abenteuer Münchhausens, zumeist in der Fassung von G.A. Bürger, sowie Überarbeitungen für Kinder, gekürzte oder abgeänderte Ausgaben, die sich an den Fassungen des Autors orientieren. Die Geschichten liegen vor in Büchern (Einzelausgaben, Sammelbände), Zeitschriften, Bilderbogen, Spielen.

Erwähnenswert sind die erste Ausgabe Bürgers (Oxford [recte Göttingen] 1786) und zwei Druckvarianten seiner zweiten Fassung (letzte Hand, Oxford [recte Göttingen] 1788), von denen eine aus der Bibliothek des Literaturwissenschaftlers Eduard Grisebach (1845-1906) stammt und seine handschriftlichen Anmerkungen enthält. Zu den Rarissima zählen der verlagslose Nachdruck mit einem kleinen, 13 Szenen umfassenden Bilderbogen (Frankfurt und Leipzig, etwa 1787) sowie zwei handkolorierte Bilderbögen des Verlags Rudolph Chelius (Stuttgart 1853). Nahezu vollständig ist die Folge der Originalausgaben vom Beginn bis zur 16. Auflage im Verlag Dieterich (Göttingen bzw. Leipzig, 1786 bis 1922).

Die 52 deutschsprachigen Münchhausiaden zwischen 1787 und 1900 zeigen die frühe Vielfalt an Fortsetzungen und Varianten der Abenteuer, in denen unter Verwendung des Namens Münchhausen im Titel und/oder im Text die unterschiedlichsten Bereiche berührt werden – vom Krieg über die Technik, die Philosophie bis hin zur Erotik.

Bibliophil besonders erwähnenswert ist die Präsenz von allen drei bekannten Druckvarianten der Lügenchronik im Verlag von Johann Scheible (Stuttgart 1839).

Die Abenteuer des Barons und vielfältigste Münchhausiaden sind heute in 36 Sprachen nachweisbar. Die Münchhausologische Sammlung dokumentiert davon 22. Der historische Bestand weist neun Sprachen nach: Englisch, Deutsch, Französisch, Schwedisch, Holländisch, Dänisch, Russisch, Italienisch und Norwegisch.

Erwähnenswert sind die frühesten englischen Ausgaben. Die Sammlung enthält alle Originalausgaben von der Third Edition bis zur Eigth Edition (Oxford bzw. London 1786 – 1799 ) und die ersten drei Auflagen des Fortsetzungsbandes A Sequel (London 1792, 1796, 1801). Zusammen mit den Kopien der ersten drei Drucke steht hier wahrscheinlich erstmals die lückenlose Reihe der Entwicklungsstufen des englischen Munchausen zur Verfügung. Hinzu kommen mehr als 20 in der Bibliographie Wackermann (Stuttgart 1969 und 1978) nicht erfasste englischsprachige Ausgaben des 18. und 19. Jhs. Unter bibliophilen Gesichtspunkten bemerkenswert sind zwei wort- und druckidentische Exemplare der Sixth Edition 1789: Ein Exemplar ist „roh“, ungeschnitten, nur in Fadenbindung, wie frisch an den Buchhändler geliefert; das zweite im prächtigen Marroquin-Einband mit Goldschnitt.

Zudem sind zwei textidentische, aber von Orthographie und Satz her unterschiedliche Varianten der ersten französischen Ausgabe vertreten (Paris bzw. London und Paris 1786/1787).

Da sich das Phänomen Münchhausen in alle Lebensbereiche erstreckt, versammeln sich unter diesem Titel Objekte verschiedenster Art: Bilder, selbständige Illustrationen (Aquarelle, Kupferstiche, Lithographien, Chromolithographien, Holzschnitte und –stiche), Postkarten und Gebrauchsgegenstände.

Erwähnenswert sind zudem die Ansicht von Münchhausens Herkunftsort Bodenwerder auf einem Kupferstich (1656) von Caspar Merian (1627-1686/8) sowie acht Aquarelle von Jean Geoffroy (1853-1924), welche die Vorlagen für die Ausgabe Monsieur de Crac (Paris 1878) bilden.

Der Bereich „Umfeld“ umfasst Quellen, Texte und Materialien, welche den Autoren des Münchhausen als Vorlagen oder Ideenlieferanten dienten, fiktionale Reiseliteratur, Berichte von Forschungsreisen, Memoiren und Kriegsberichte aus dem 18. Jh sowie Schwankliteratur. Ferner gehören dazu andere Publikationen der Autoren des Münchhausen (Rudolf Erich Raspe und Gottfried August Bürger) und solche über sie sowie Bücher, Dokumente und Illustrationen mit Bezug zur Familie Münchhausen.

Unter der spezifischen Sekundärliteratur zu den Erzählungen, zum historischen Münchhausen, zu Raspe und Bürger sowie zum Phänomen Münchhausen (50 selbständige Publikationen und 150 Beiträgen in Periodika etc.) sind etwa 30 Titel dem historischen Bestand zuzuordnen.

Sondersammlungen

Der Universalgelehrte Raspe hat in England den Ur-Münchhausen anonym herausgebracht (Oxford [recte London] 1786). Er hatte sich durch seine erdgeschichtlichen Forschungen und Publikationen, die Herausgabe von verschollen geglaubten Manuskripten von Leibniz (Amsterdam und Leipzig 1765) und Theophilus (London 1781), durch Übersetzungen in mehreren Sprachen und vielfältigen Sachgebieten sowie mit der Herausgabe eines mehr als 10'000 Gemmen und Kameen beschreibenden Kataloges (London 1791) international einen Namen gemacht.

Die Münchhausologische Sammlung Zürich beherbergt fast alle Publikationen Raspes im Original, einige in Kopie. Es ist keine Bibliothek bekannt, die sein Werk in dieser Vollständigkeit enthält, weder die Landesbibliothek in Kassel, wo Raspe 1767 bis 1775 gelebt hat, noch die British Library in London. Keines seiner Werke ist heute im Buchhandel erhältlich. Der Schwerpunkt besteht vor allem aus 35 Bdn mit Raspes Veröffentlichungen in Büchern und Periodika aus allen von ihm bearbeiteten Sachgebieten. Die Sammlung verfolgt das Ziel, auch die Bücher, die Raspe übersetzt oder rezensiert hat, in Originalausgaben aufzunehmen; das sind z. Zt. 20 Bde. Ferner gehören 25 Bde dazu, in denen sich Quellen für Raspes Münchhausen finden lassen sowie 13 Bde mit Bezug zu Raspes Biographie und Rezeption.

Der Schweizer Maler und Karikaturist Martin Disteli (1802-1844) hat 1839/40 eine Ausgabe des Münchhausen mit 16 Radierungen illustriert (Solothurn 1841). Es ist die erste in der Schweiz erschienene Illustrationenfolge zum Thema. Sie zählt zu den künstlerisch wertvollsten. Die Münchhausologische Sammlung Zürich dokumentiert das druckgrafische Werk von Disteli. Sie enthält 20 zeitgenössische Veröffentlichungen mit seinen Illustrationen und eine Bleistiftzeichnung von seiner Hand.

KATALOGE

Provisorisches, bibliographisch nicht vollständiges Bestandsverzeichnis mit Inventarnummern und Kurztitel. Ausführlicher Katalog in Arbeit.

BIBLIOTHEKSGESCHICHTLICHE QUELLEN UND DARSTELLUNGEN

In der Münchhausologischen Sammlung Zürich befinden sich die Bestands-Kartei der ehemaligen Sammlung sowie die Forschungskorrespondenz zu den Münchhausen-Publikationen von Erwin Wackermann. Zudem ist der Verkaufskatalog der Sammlung Schweizer vorhanden (Stuttgart 1969), mit den Notizen Wackermanns für seine Ankäufe. Schliesslich liegt eine Durchschrift des maschinengeschriebenen Sammlungsverzeichnisses des Böries v. Münchhausen vor; es handelt sich um ein Exemplar der Liste, welches dem gleichen Durchschlag-Set anzugehören scheint wie dasjenige der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.

VERÖFFENTLICHUNGEN ZU DEN BESTÄNDEN

Wiebel, Bernhard und Gehrmann, Thekla: Münchhausen – ein amoralisches Kinderbuch. Untersuchung zu einem Bestseller und Bibliographie der deutschsprachigen Kinderbuchausgaben des Münchhausen. Schweizerisches Jugendbuch-Institut Zürich, Arbeitsbericht 17. Zürich 1996

Wiebel, Bernhard: Münchhausen – Raspe – Bürger: ein phantastisches Triumvirat. Einblick in die Münchhausen-Szene und die Münchhausen-Forschung mit einem besonderen Blick auf R. E. Raspe. In: Münchhausen – Vom Jägerlatein zum Weltbestseller. Herausgegeben vom Münchhausen-Museum Bodenwerder. Göttingen 1998, S. 13-55

Wiebel, Bernhard: Eine münchhausologische Sammlung. In: Marginalien – Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, 1999/3, S. 63-74