Bernhard Wiebel

Eine münchhausologische Sammlung

Aktualisierte und leicht überarbeitete Fassung (März 2000) des Beitrags: Eine münchhausologische Sammlung. In: Marginalien - Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, Wiesbaden, Otto Harrassowitz, Heft 3 (Okto­ber) /1999. S. 63 - 74, mit 2 Abbildungen

Münchhausologie[i] ist die Wissenschaft, die sich dem Phänomen Münchhausen[ii] widmet. Phänomen und Wissenschaft schlagen sich in einer Sammlung nieder. Beim Sammeln leiten mich vier Interessen:

1.   Rekonstruktion der Vielfalt und Massenhaftigkeit, sprich: Raffgier.

2.   Befreiung der Geschichten und Bilder aus der Verharmlosung, aus Neugier.

3.   Genese und Entwicklung der Münchhausen-Abenteuer und -Ikonographie, also Lesevergnügen und Schaulust.

4.   Skepsis gegenüber der These, die Freude an den Abenteuern sei auf eine allen Menschen gemeinsame psychische Disposition zurückzuführen. Viele Münchhausen-Be­gei­sterte behaupten, die Geschichten seien auf der ganzen Welt beliebt, weil sie dem verbreiteten Wunsch entsprächen, es möge aus einer ausweglosen Situation infolge eigenen Tuns doch einen Ausweg geben.

Die Interessen haben Konsequenzen: Die Sammlung muss gross und breit sein.  Die Sammlung enthält Belege, welche die Autoren, das Historische und Benachbarte repräsentieren. Sie muss alle Textvarianten und bildlichen Darstellungen, gute und schlechte, berücksichtigen. Sie ist im Prinzip grenzenlos. Die Sammlung entsteht durch Zufälle und mit System.

1. Die Rekonstruktion der Masse

Eine Münchhausen-Sammlung im engeren Sinn (ca. 970 Nummern) bildet den Kern der 1200 Stücke zählenden münchhausologischen Bibliothek, die sich folgendermassen gliedert:

Münchhausen-Ausgaben in deutscher Sprache (390), Münchhausiaden in deutscher Sprache (125), Münchhausische Objekte (80), Ausgaben in 22 weiteren Sprachen (350), Filme und Videos (14), Reproduktionen wichtiger Ausgaben (30), Bücher der Autoren Raspe/Bürger, zu deren Biographie und Werk sowie literarische und wissenschaftliche Quellen in Originalausgaben (90), Spezifische Sekundärliteratur und Dokumentation (50), Mehr als die Hälfte aller Bücher sind Kinder- und Jugendausgaben.[iii]

2. Rarissima und Banalia

Die Sammlung nimmt keine Rücksicht auf guten Geschmack. Es ist wichtiger, dass ein Buch da ist, als dass es sich in gutem Zustand befindet. Es gibt allerdings bibliophile Leckerbissen: Einbände von Kalthoeber (England um 1800) und John Feely (USA 1869) oder - ein Höhepunkt - das Nebeneinander von zwei Exemplaren der Sixth Edition des Munchausen von 1789: Eines hat ohne Einband in einfacher Fadenbindung überlebt; das andere ist in purpur Marroquin prächtig gebunden für einen wappenführenden Besitzer. Und die Erste Ausgabe mit Illustrationen von Doré von 1862 hat auf Velin-Papier eine Schwärze des Druckes, die schon die zweite Auflage nicht mehr erreicht. Solche Schmuckstücke erfordern einen Gegenpol bspw. durch die kitschige Briefmarkenserie eines Emirats am Golf oder die stereotyp gezeichnete Bildergeschichte vom Detective Baron Munchausen (USA, um 1930). Höhepunkt des Hässlichen: Eine nackte Venus im Innern des Ätna als Doppelseite einer italienischen Ausgabe von 1978. Und gäbe es nicht die unseriös edierten Ausgaben der Massenproduktion, wäre Münchhausen weit weniger bekannt - und die Rarissima hätten nicht den Stellenwert und Wert, den sie haben.

3. Unikat und Masse

Die Bücher aus der Anfangszeit sind nahezu Unikate. Damit war schon E. Wackermann bei der Arbeit an seinem Standardwerk konfrontiert[iv]. Um ein Unikat als solches zu identifizieren, sind paradoxerweise zwei Exemplare notwendig, sehr ähnliche zwar, die sich aber hauchdünn unterscheiden. Um das Solitäre zu veranschaulichen, befinden sich zwei Exemplare der Bürger’schen Ausgabe von 1788 in der Sammlung. Es sind Nachdrucke des von Bürger betreuten Druckes (1.5), weichen aber in je unterschiedlicher Weise von dem Nachdruck ab, den Wackermann identifiziert hat (1.6).[v] Zu den bisher unbekannten Varianten und vorläufig als Unikat zählt auch das Exemplar des ersten Bürger’schen Münchhausen von 1786 mit einem speziellen Merkmal.

Die Entwicklung der zunehmenden Standardisierung ist an mehreren Stationen ablesbar: 38 unterschiedliche Belege zu 91 Auflagen eines einzigen Verlages von 1885 bis 1951 zeigen die ”abwandelnde” Massenproduktion. Drei verschiedene Originaleinbände der von Ph. Sporrer illustrierten Ausgabe bei gleichbleibenden Inhalt (1872, 1.75), die zahlreichen Variationen des Schaffstein-Verlages in den 1920er Jahren und schliesslich vier äusserlich nicht unterscheidbare Auflagen von Hegenbarths Ausgabe 1970 (1.147) veranschaulichen den unterschiedlichen Umgang der Verlage mit einem Bestseller.

4. Der kopierte Münchhausen

Ohne einige vollständig reproduzierte Ausgaben, welche für die Entwicklungsgeschichte des Münchhausen von besonderer Bedeutung sind, kommt die Münchhausologie nicht aus. Mikrofilme ermöglichen es, die frühe Präsenz des Buches in den USA zu dokumentieren - von den bislang zehn bekannten USA-Ausgaben des 18. Jahrhunderts sind sechs als Kopie in der Sammlung. Nur so ist es möglich, auf eine kommentierte Bibliographie der Ausgaben in englischer Sprache hinzuarbeiten, welche die Akzente verschieben wird: Weist Wackermann 60 Ausgaben bis 1850 nach, kennen wir heute bereits doppelt so viele.

Im Zusammenhang mit einer Untersuchung des Abenteuers vom halbierten Pferd[vi] besteht zudem eine auf Vollständigkeit angelegte Sammlung aller Illustrationen zu dem Abenteuer, von 1786 bis heute. Zur Zeit umfasst diese Dokumentation ca. 300 Fotokopien - Basis für ikono­gra­phische Untersuchungen en detail.

5. Münchhausiaden von 1787 bis 1998

Die Sammlung belegt auch die Fülle der Neuschöpfungen. Als meine früheste Münchhausiade verstehe ich Die Kunst, dergestalt zu lügen, dass es der Mühe lohnt gedruckt zu werden (1787, 1.7) - sie entsteht einfach aus der Umformulierung des Titels von Bürger. Die bislang neuste ist von H.C. Buch, In Kafkas Schloss. Eine Münchhausiade, 1998. Dazwischen sind  K. Immermanns und P. Scheerbarts bekannte Münchhausen in ersten Ausgaben vertreten. Inhalt und Illustrationen von weniger berühmten Münchhausiaden nimmt man kaum zur Kenntnis - zu Unrecht: So brachte die Lektüre ei­ner Münchhausiade von 1794 die erste bildliche Darstellung von Bürgers Geschichte des gefrorenen Harnstrahls zum Vorschein - gegenüber der bislang "ersten" von 1839.

Einen Akzent bilden die Comics (60 Hefte, 1953-1989), welche die Bibliographen bisher geflissentlich übersehen haben, obwohl sie zur Popularisierung des Barons viel beitragen. Münchhausen-Motive sind vertreten in den Serien Till Eu­lenspiegel; Fix und Foxi; Micky Maus; Illustrierte Klassiker; Felix; Welt-Bestseller; Carlsen Klassiker Comics; Donald Duck. Vom Wortlaut Bürgers über Werbung mittels Münchhausen bis hin zu neu erfundenen Abenteuern ist in ihnen alles anzutreffen

6. Der Kugelritt - Kitsch und Kunst

Münchhausens Kugelritt ist sein Markenzeichen. Dass in dem Abenteuer Philosophisches steckt und auch darauf sein Erfolg beruht, habe ich nachzuweisen versucht.[vii] Dreidimensional fliegt er durch die Vitrine - als Zinnfigur, Schlüsselanhänger, Holzspielzeug aus dem Erzgebirge, Pin, Kreiselspielzeug, Puzzle oder Räuchermännchen. Die gestalterische Qualität ist bescheiden, wenn er Notgeld, Zigarrenbauchbinden, Neujahrskarten, Ex Libris, Briefmarken, Taschentücher, Lesezeichen, Leporellos, Ausschneidebogen, Sammelbilder, Quartett-, Würfel-- und Rätselspiele, Hörspiel-Kassetten und ein Puppenstuben-WC schmückt.

Grosse Kunst gibt es zu Münchhausen nicht. Aber mindestens 300 Illustratoren ha­ben sich mit ihm beschäftigt - und fast alle mit dem Kugelritt. Die Sammlung ent­hält an Originalen oder Grafik nur einen winzigen Ausschnitt: A. Schroedters ”Er­götzlicher Entenfang” (Kupferstich 1842), 11 Radierungen von K.M. Schul­theiss (1923), 30 Holzschnitte von W. Klemm (1923), 23 Holzstiche von W. Würfel (1955/95), eine lavierte Tuschzeichnung von O. Schubert (um 1960), 2 Aqua­tin­ta­radierungen von F. Hechelmann (ca. 1983).

7. Munchausen-Movies

Das Münchhausen-Bild von mehr als einer Gene­ration wurde durch den Film mit Hans Albers geprägt (1942/43). Dieser Film hat den Ruf einer Pionierleistung in den Trickaufnahmen. Doch schon ein Pionier des Films hat sich den Baron 1911 vorgenommen: Georges Méliès lässt den Helden - stumm aber trickreich - im Traum zum malträtierten Antihelden werden. Das Spektrum reicht im übrigen von einer Abenteuer-Schnulze mit Peter Alexander (1957/58) bis zur Verfilmung einer Münchhausiade des Russen Grigori Gorin. Eine unter münchhausologischen Gesichtspunkten ausgewählte Zusammenstellung von sechs Film-Varianten der Kugelrittszene zeigt, wie die Regisseure für diese Episode zwischen naturalistischen und symbolischen Ausdrucksformen suchen.[viii]

8. From Munchausen to Gulliver Revived

140 Ausgaben in englischer Sprache sind ein forschungspolitischer Schwer­punkt. Er gestattet z.B. den Vergleich zwischen der englischen und deutschen Illustrations-Kultur. So herrscht in England eine grosse Kon­ti­nui­tät der Motive vor; noch nach 1860 erscheinen regelmässig und überwiegend Ausgaben mit den ersten Stichen, von Hand koloriert, während in Deutschland die Chromolithographien für  eine breite Farbpalette und gros­se motivische Abwechslung sorgen. 10 handkolorierte Bücher dokumentieren den englischen Stil.



Titelblatt der ersten französischen Ausgabe
Variante A

Titelblatt der ersten französischen Ausgabe
Variante B

Münchhausologisch hat die folgende Reihe grösste Relevanz: Sie besteht aus den ältesten Ausgaben, die schliesslich zum Korpus des klassischen englischen Munchausen führen. Während beide Varianten der allerersten Ausgabe (3.1, 3.2) und die New Edition (3.3) in reproduzierter Form vorliegen, reihen sich die Bände mit dem Titel Gulliver Revived von der Third Edition (1786) bis zur Eighth Edition(1799) sowie die erste (1792) und zweite (1796) Ausgabe des Fortsetzungsbandes (The Sequel) lückenlos aneinander. Der Raspe-Biograph und -Bibliograph John Carswell hatte 1948 nicht alle Ausgaben des 18. Jahrhunderts in der Hand gehabt, so wenig wie Wackermann 1969. Ich vermute, dass nun erstmals alle Entwicklungsstadien von Text und Bild an einem Ort vereint sind. So wird es vielleicht möglich sein, die noch unbeantwortete Frage zu klären: Wieviel vom Munchausen hat Raspe geschrieben?

9. Munikhouson et Monsieur Crac

Auch die französische Abteilung (47) verkörpert eine münchhausologische Fra­gestellung: Von den zwei Varianten (A, B) der Ersten Ausgabe weiss man nicht, welche die allererste war. Sie unterscheiden sich im Druckort, in Orthographie, Satz und Ausschmückung, nicht aber im Wortlaut. Die Sammlung vereint vier Exemplare: Zwei A-Exemplare sind im 18. Jahrhundert bibliophil gebunden und enthalten Kupfer. Das dritte A-Exemplar ist einfach, ohne Illustrationen. Das B-Exemplar, nur aus dem ersten Teil bestehend, hat keine Bilder. Die Kopie eines kompletten B-Exemplares ergänzt das Quartett. Alle zusammen liefern Glieder einer Indizienkette (Ex Libris, handschriftliche Notizen), mit deren Hilfe die Umstände der Entstehung des französischen Munikhouson geklärt werden sollen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verschmilzt in Frankreich die Figur des Baron de Munikhouson mit der des Monsieur Crac, der aus der Gascogne stammt. Als Sammlungs-Beleg für diese Spur dient M Crac dans son petit castel von Collin-d’Harleville (1803). Das Kinderbuch Monsieur Crac mit Illustrationen von Geoffroy (4.12, 1877) ist eines der Beispiele für diese Verschmelzung: Alle Abenteuer stammen von Münchhausen; doch die langnasige dürre Figur ist ”gascognesk”. Die Sammlung beherbergt das Buch mit Chromolithos wie auch die zehn originalen Aquarelle des Künstlers.

10. Muinkhuizen - Munkausen - Mjunchgauzena

Holland - Portugal - Georgien. An den fremdsprachigen Ausgaben reizt oft das Exotische: Japanisch - Esperanto - Bulgarisch - Hebräisch. Und es stellt sich jeweils die Frage, welcher Text als Vorlage diente. Für die Zeit von 1786 bis 1830 befindet sich dazu ein Stammbaum in Vorbereitung. Dabei ist weder den bibliographischen Angaben noch den Titelblättern selber zu trauen: So behauptet. die holländische Ausgabe von 1827, sie sei eine Übersetzung der fünften englischen. Nimmt man das Buch in die Hand, stellt sich heraus, dass es sich um eine Mischung aus englischen und deutschen Vorlagen handelt. Die erste schwedische Ausgabe (1797) erweist sich als Mix aus Bürger’schem Münchhausen und einer alten Münchhausiade. Es zeigt sich heute zudem, dass die internationale Verbreitung des Buches noch schneller erfolgte, als sie bei Wackermann dokumentiert ist.

11. Buch-Wucherungen

Die Sammlung ist zugleich Gegenstand und Instrument der Münchhausologie. Deshalb wuchert sie aus sich heraus. Z.B. entsteht folgende Reihe: Münchhausen ist auch eine Übersetzung - und auch Satire auf Reiseliteratur; so liegt neben der Third Edition des Munchausen Georg Forsters Reise um die Welt (1778/80), an deren Übersetzung aus dem Englischen Raspe massgeblich beteiligt war, sowie ein Englisch-Deutsches Wörterbuch von Reinhold Forster. Um Raspes Übersetzungsstil näher untersuchen zu können, sind auch die von ihm 1777 ins Englische übertragenen Briefe geologischen Inhalts seines Freundes Ignaz von Born vorhanden, und deren deutsche Vorlage von 1774. Die Bedeutung Borns für Raspe führt zum Physiopholus (1784), in dem Born das Linné’sche System der Natureinteilung satirisch verwendet. Für die Jonasgeschichte im Münchhausen, erstmals illustriert in jener Third Edition, holte Raspe sich erzählerische Details aus einer Linné-Ausgabe, die bei seinem Onkel G. N. Raspe in Nürnberg erschienen war[ix] und nun neben Borns Werk liegt.

12. Ahnen und Zeitgenossen

Raspe hat nicht nur Linné genutzt. Er hat die Fifth Edition erweitert unter Verwendung der Reiseerinnerungen des Baron de Tott. Deren eng­li­sche Ausgabe von 1785 steht neben dem Re­print eines Berichts über die Expedition zu den Nilquellen von James Bruce, dem der Fortsetzungsband The Sequel (1792) ironisch gewidmet ist. Und weil der Titel des Munchausen von der Third Edition an mit Gulliver Revived beginnt, steht ein ”rich­tiger” Gulliver von 1784 in der Abteilung. Schliesslich vertritt Ludwig Holbergs lateinischer Nils Klim von 1741 die älteren Quellen für einige Abenteuer.

Die Wesensverwandtschaft zwischen dem Autor Raspe und seinem literarischen Helden ist ein Topos unter Münchhausianern. Doch der Autor ist heute unbekannt; die letzte Raspe-Biographie ist 50 Jahre alt. Nicht ein einziges seiner Werke ist heute im Buchhandel. Anlässlich der Münchhausen-Ausstellung in Göttingen 1998 habe ich nachweisen können, dass er der erste Münch­hausen-Illustrator war.[x] Die münchhausologische Samm­lung soll alle von Raspe veröffentlichten Schriften dokumentieren: 12 seiner 18 Buchveröffentlichungen sind im Original vorhanden, sowie Kopien von fast allen etwa 50 bekannten Beiträgen in Periodica.[xi]  Und weil er so viel übersetzte, gehören auch seine Vorlagen hierher - z.B. der Code of Gentoo Law (London 1776), ein üppiger Folio­band mit gestochenen Sanscrit-Faksimiles. Das eindrücklichste aller Raspiana: Der zweibändige Katalog der Sammlung Tassie mit einem Verzeichnis von 15.000 Gemmen und Kameen (1791).

Bürgers erfolgreichste Erfindung ist Münchhausens Selbstrettung aus dem Sumpf. Sie geht - meiner Untersuchung zufolge[xii] - auf Kants Beantwortung der Frage Was ist Aufklärung? zurück. Der Band der Berliner Monatsschrift von 1784 mit diesem Aufsatz ist eine gute Nachbarschaft für Bürgers Erstausgabe der Wunderbare[n] Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche im Cirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt (1786). Der barockisierende Titel hat C. Reuters Schelmuffskys Wahrhafftige Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande [...] zum Vorbild, der allerdings nur als Reclam-Heft vertreten ist. Doch nicht erst Bürger übernimmt daraus das fast sprichwörtliche zu Wasser und Lande: Ein Band der Reihe Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und Lande, oder Sammlung aller Reisebeschreibungen, welche bis itzo in verschiedenen Sprachen von allen Völkern herausgegeben worden [...] (1748) belegt die Verwendung dieser Formel in den wissenschaftlichen Reisebeschreibungen; sie tritt jedoch auch in der fiktiven Reiseliteratur auf, z.B. in den Merkwürdige(n) Begebenheiten einiger deutschen Frauenzimmer , welche  auf Reisen, sowohl zu Lande als zu Wasser durch Verheyrathungen sehr reich und glücklich worden [...] (1780). Bürger formulierte aber schon lange vor dem Münchhausen eine vergleichbare Überschrift - zu seinem 1777 als zierliches Separatum gedruckten Gedicht Neue weltliche hochteutsche Reime, enthaltend die ebentheyerliche doch wahrhaftige Historiam von der wunderschönen Durchlauchtigen Kaiserlichen Prinzessin Europa und einem uralten heydnischen Gözen Jupiter item Zeus genannt [...]. Dieser Titel spielt auf Lukians Der wahren Geschichte Erstes und Zweytes Buch (Übersetzung von Wieland, 1788 – 1791) an - eine der Quellen, die Raspe später für den Munchausen nutzte.

Der Münchhausen ist ein Buch voller Anspielungen; und Raspe und Bürger wa­ren Teil eines weit verzweigten Netzes von Denkern und Schreibern. Beide Sachverhalte sind wegen ihrer prinzipiellen Grenzenlosigkeit in einer Sammlung nur unvollkommen abbildbar. Ansätze dazu lassen sich über ein klei­nes name-dropping aus diesem Umfeld schildern: Vertreten sind z.B. Auserlesene Gedichte der Karschin (1766), weil Raspe die Autorin einmal verehr­te; die Critik der Urteilskraft von I. Kant (1790), weil einige von Raspe entdeckte und publizierte Texte von Leibnitz grösste Wirkung auf Kant hatten und Bürger Vorlesungen über Kant hielt; die Neuen Kriegslieder (1767) - ein Pamphlet gegen Raspe, sowie die dafür namengebenden Kriegslieder von Gleim; Bürger’s Lehrbuch des Deutschen Styles (1826), in welchem er an einer Stelle seinen eigenen Münchhausen als sprachlich schlechtes Beispiel erwähnt, ohne sich als dessen Verfasser erkennen zu geben, und seine Ästhetischen Schriften (1834).

Der Münchhausen beginnt mit einem Hinweis auf das berühmte Geschlecht dieses Namens. Diesen Aspekt repräsentieren wenige Objekte in der Samm­­lung: Die Widmung Raspes in seiner Leibniz-Ausgabe (1765) an Gerlach v. Münch­hausen und die Zueignung in einem Traktat eines Erbauungsschriftstellers (1769) an denselben; vor allem aber der Stich mit der Ansicht Bodenwerders von C. Merian (1654), die Geschlechtshistorie derer von Münchhausen (1872) sowie die Geschichten aus der Geschichte (1936).

13. Munchausen’s Selbstrettung aus dem Büchersumpf

Im zweiten Teil des englischen Munchausen, für dessen Urheberschaft übrigens Raspe in Frage kommt, plumpst Munchausen am Isthmus von Suez versehentlich unter die Erde, fällt in eine riesige Büchersammlung und entdeckt bei dieser Gelegenheit die Bibliothek von Alexandria. Kurz bevor ihn die geballte Gelehrsamkeit unter sich begräbt, gelingt ihm das Wunder: However, I contrived  to extricate myself, and advanced  with awful admiration through the vast avenues of the library.[xiii]

Abbildungen

·      Zu Abschnitt 9.: Titelblätter der Varianten der ersten französischen Ausgaben (A = Erscheinungsort Londres; B = Paris)

·      Zu Abschnitt 13.:William Strang, Munchausen in der Bibliothek von Alexandria, 1895

 



[i] Urheberin des Begriffs: U. Gfeller, Winterthur

[ii] Die Schlüsselpersonen des Phänomens: H.C.F. Freiherr v. Münchhausen (1720-1797) war berühmt für seine Fabulierkunst und fühlte sich verletzt durch die unter seinem Namen gedruckt kursierenden Geschichten. - R.E. Raspe (1736-1794), in England lebender deutscher Gelehrter, schuf  durch die Übersetzung und Erweiterung von einigen anonym in Berlin veröffentlichten Anekdoten 1786 den ersten englischen Munchausen, der rasch Neuauf­lagen und Erweiterungen erfuhr (Third, Fourth etc. Edition). - G.A. Bürger (1747-1794), Dichter und Gelehrter, übersetzte und erweiterte 1786 und 1788 die jeweils neuste englische Ausgabe. Raspe und Bürger veröffentlichten ihre Münchhausen anonym.

[iii] Vgl. dazu: Wiebel, B., und Th. Gehrmann. Münchhausen - ein amoralisches Kinderbuch. Untersuchung zu einem Bestseller und Bibliographie der deutschsprachigen Kinderbuchausgaben des Münchhausen. Zürich, 1996. Schweizerisches Jugendbuch-Institut Zürich

[iv] Münchhausiana, Stuttgart 1969; darauf beziehen sich die Nummern in Klammern.

[v] H. Scherer, Berlin, dem die Entdeckung zu verdanken ist, arbeitet an diesem Thema.

[vi] Beitrag zum Münchhausen-Symposion in Berlin 1998: Münchhausens halbiertes Pferd und das entzweite Jahrhundert - eine Fallstudie (Publikation in Vorbereitung)

[vii]: B. Wiebel: Münchhausens Kugelritt ins 20. Jahrhundert - ein Aufklärungsflug. In: Kertscher, H.-J., Hg. G.A. Bürger und J.W.L. Gleim. Tübingen 1996, S. 159 - 183

[viii] Winterthur, Kino Nische: Münchhausen-Abend 4.5.1997

[ix] Nachweis durch H. Knappe, Jena. Marginalien 113/1989, S. 36 - 49

[x]  B. Wiebel: Münchhausen - Raspe - Bürger: ein phantastisches Triumvirat. Einblick in die Münchhausen-Szene und die Münchhausen-Forschung mit einem besonderen Blick auf R. E. Raspe. In: Münchhausen - Vom Jägerlatein zum Weltbestseller. Herausgegeben vom Münchhausen-Museum Bodenwerder. Göttingen 1998, S. 13 - 55

[xi] In Zusammenarbeit mit H. Tuitje, Göttingen

[xii] B. Wiebel: Münchhausens Zopf und die Dialektik der Aufklärung. In: Donnert, Erich, Hg. Europa in der Frühen Neuzeit. Wien, Köln, Weimar 1997, Band 3, S. 779 - 801

[xiii] Die wichtigste Information über eine Sammlung ist die, dass es sie gibt. Die münchhausologische Sammlung arbeitet mit dem Münchhausen-Museum der Stadt Bodenwerder seit Jahren zusammen, welches sehr daran interessiert ist, dass weitere Münchhausen-Sammler sich zu erkennen geben. – Wir erbitten Hinweise auf Standorte von zwei unauffindbaren Werken von Raspe: a) Anonym [R.E. Raspe] Die verlohrne Bäuerin, Lustspiel, Hannover 1764; b) R.E, Raspe, Frühlingsgedanken, Hannover, 1764.


(c) Copyright. Bernhard Wiebel. Last update: 19.Mai.2002