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Dress to impress. Aktuelle Jugendmoden am Beispiel der Techno und House-Szene

 „Mode hat gegen ihre Verächter als Stärkstes anzuführen, daß sie an der triftigen mit Geschichte gesättigten individuellen Regung partizipiert..." (Adorno 1995, 469Jugendliche Mode- und Musikstile stehen seit 1945 in einem ambivalenten Prozeß zwischen Protest und kommerzieller Vereinnahmung. Ihre Geschichte beginnt in der Nachkriegszeit mit der Entstehung jugendspezifischer kommerzieller Strukturen und neuer Konsumgüter, davon zeugt der Begriff Teenager.Jugendmoden sind der sogenannten „profane" oder „common culture" (Willis 1981), der populären Alltagskultur zugeordnet. Sie aufgrund dieser Tatsache als falsch, ästhetisch unecht, fehlerhaft, eskapistisch, Ersatzbefriedigung (die gängigen Vorwürfe nach Shustermann 1994, 121ff) zu beurteilen, würde außer Acht lassen, daß vor allem die Kleidung prädestiniert ist eine (unbewußte) Stellungnahme zu den jeweils herrschenden gesellschaft-lichen Normen und Ordnungskategorien abzugeben.Jugendkulturen sind in erster Linie Konsumgemeinschaften, die durch die Fetischisierung von Waren bedeutsame Stilelemente kreiern (Willis 1991, S. 162; vgl. auch Richard 1995,1997). Sie zeichnen sich durch eine ästhetisch motivierte Art der Partizipation an der Warengesellschaft aus. Stil und Konsum leben in einer spannungsreichen Koexistenz und reflektieren die Dialektik der Warengesellschaft. Mode ist also sowohl symbolische Politik, als auch gleichzeitig Komplizin des kapitalistischen Warenfetischismus (Graw 1997, 78).Heute existierende Jugendstile wie Techno/House oder HipHop, benutzen nicht mehr die klassischen Formen einer konsumkritischen Protestkultur der 60er Jahre. Eine offen zur Schau getragene Oppositionshaltung gegenüber der Warenwelt ist bei einem Großteil der Jugendkulturen nicht aufzufinden, da es aussichtslos ist, kommerziellen Vereinnahmungsversuchen und den Trendscouts der Industrie zu entkommen. Deshalb entziehen sich Stile wie Techno und House dem kommerziellen Druck nicht, sondern beziehen Marken und Signets in dem „adbusting"- entlehnten Strategien, in die symbolische Arbeit mit ein.Modeprinzipien der Techno und House SzeneDer Stil ist durch bestimmte gestalterische Prinzipien geprägt, die sowohl für den visuellen, als auch für den musikalischen Bereich gelten.In der Kleidung finden sich Verfahrensweisen wie Transformation und Modulation, die weniger Bruch mit dem Vorhergehenden oder Nebeneinanderstellen von Disparatem sind, als vielmehr eine Variantenbildung mit geringer, aber sehr bedeutungsvoller Differenz, z.B. in Bezug auf abgebildete Markenzeichen.Ein zweites Prinzip ist die Künstlichkeit, die sich in der Neuordnung der Wach- und Schlafphasen äußert, indem sie den natürlichen Tages- und Nachtablauf ignoriert. Die Durchtanz-Parolen der Techno und House Szene richten sich vor allem gegen die bürgerliche Einteilung der Woche, die dem Wochenende die Funktion der Erholung zuweist.Auch die Musik ist artifiziell, weil sie komplett computergeneriert ist. Der „girlie look", ebenso wie bunte Haare und falsche Wimpern, die grelle Neon-Farbigkeit und Materialien, wie ausgefallene High-Tech-Polymere in der Kleidung verweisen auf das Artifizielle und technisch Erzeugte. Die Betonung liegt auf vom Menschen entworfenen, chemisch erzeugten Spezialmaterialien, Heavy Duty Stuff, der wahlweise wasser- (Neopren), fett- und ölabweisend, schwer entflammbar und extrem belastbar ist. Die Workwear ist aufgrund ihrer beständigen, schützenden Materialien für das Tanzvergnügen dysfunktional, im wahrsten Sinne körperaufreibend durch ihre solide Qualität (Wyss 1981). Ebenso wie die Workerhose mit einem eingearbeiteten Schlag (flares), die nicht nur auf eine Entfunktionalisierung der Arbeitskleidung hinweist, sondern auf eine Behinderung der Arbeit, die zum Sicherheitsrisiko wird.Abgeschlossenheit und Hermetik des Techno und House-Stils in der Kulminationsform des Events, des Raves oder des Clubabends als oberer Ebene, bilden ein weiteres Prinzip. Die Räumlichkeiten sind abgeschlossene Laboratorien, in denen die unterschiedlichsten Zusammensetzungen von Party People erprobt werden, um die richtige Atmosphäre für den Abend zu erzeugen.Der individuelle Körper tendiert symbolisch dazu, sich durch die Materialien und Accessoires von äußeren Einflüßen abzuschotten. Enganliegende, teilweise dichte Oberflächen wie Neopren, Gummi, Kunststoff, Leder oder Gegenstände wie Schnuller, Lutscher und Gasmasken, schließen die Öffnungen des Körpers, konservieren ihn wie eine Mumie oder grenzen in von einer körperfeindlichen Umgebung ab.Die Veränderung der Wahrnehmung, z.B. die Einschränkung der Sicht durch dunkle Sonnen- oder Schweißerbrillen, des Geruchssinns und der Atmung durch Gas- oder Grobstaubmasken und der tänzerischen Bewegungsfreiheit durch klobige Plateau-Schuhe wird konterkarriert durch die immaterielle bzw. mentale Erweiterung mittels chemischer Hilfsmittel, wie Stoffen zum Inhalieren (Wick Vaporup) oder Designerdrogen.Die buchstäbliche Oberflächlichkeit ist das nächste Strukturprinzip, von dem sich zwei weitere ableiten, nämlich Reflexion und Layer. Die gesamte Kleidung, auch der Ärmelbereich und die Innenseiten, wird an der Oberfläche über Aufdrucke, Aufnäher und Layout geformt. Gestaltung greift nicht mehr in die Tiefendimension ein. Die speziellen High-Tech Materialien lassen die Körper zu reflektierenden und kommunizierenden Oberflächen zwischen Billboard und Monitor werden, die sich zwischen durch Licht erzeugten Farbwänden bewegen.Auf Schichtung verweist in der Kleidung die Verknüpfung und Überlagerung bestimmter zeitlicher Elemente: Vergangenes vom Flohmarkt und High-Tech Materialien der Zukunft werden kombiniert. In Form des praktischen Zwiebellooks trägt man viele Kleidungsschichten, z.B. T- Shirts übereinander. Sie werden vorne und hinten über der Hose umgebunden, so daß der Aufdruck gut sichtbar ist. Es kommt auch zu Umstülpungen der Schichten am Körper: Bustiers und  Bodys werden zum sichtbaren Partydress. Die Schichtungen sind oberflächlich, bleiben also in der 2. Dimension. Embleme in Form von Logos und Markenzeichen sind der einzige Punkt auf der Kleidung, der aufgrund dreidimensionaler Effekte, wie z.B. blinkenden Labeln oder OpArt Strukturen, Tiefe entwickeln.Reflektierende Label und Neon-Warnfarben entsprechen dem Strukturprinzip von Strahlung und Sichtbarkeit. Die Kleidung wird durch punktuelles Blinken elektrifiziert und transformiert den Körper in eine temporäre Lichterscheinung. Fluoreszierende Stäbe, die in der Hand gehalten oder umgehängt werden und Laserpointer verstärken diesen Eindruck.Selbstleuchtende Materialien sind aufgrund ihrer eigenen Flüchtigkeit als Lichterscheinungen nicht paradox erscheinende Gegenmittel gegen die Verflüchtigung des Körpers im virtuellen Raum des Rave Events, sondern zeigen die Widersprüchlichkeit einer körperlichen Existenz in virtuellen Räumen.Symbolische FelderDer zentrale Referenzbereich der Techno und House Mode, mit dem alle anderen verflochten sind, ist die Arbeit. Die sogenannte „Workwear" greift Formen von Schutz- und Arbeitskleidung (langlebige, besonders robuste Produkte, überall erhältliche Massenware z.B. DocMartens, carhartt, Dickies).Zwei gegensätzliche Sphären von Produktion werden visualisiert und mit ihnen Vergangenheit und Zukunft der Arbeit: Neben die berührungsarme, keimfreie High-Tech Produktion von Prozessoren und Chips, das Arbeiten in schwerelosen bzw. virtuellen Welten, mit Accessoires wie weißen Handschuhen, tritt der traditionelle Bereich von Hand- bzw. maschinell verstärkter körperlicher Arbeit, mit schweren, klobigen Schutzmaterialien, Schweißerbrillen, Gas- oder Grobstaubmasken.Die Reflektorjacken von Straßenarbeitern, Müllmännern, Autobahndienst, Kanalisationsarbeitern, die Schuhe von Baggerfahrern (z.B. die Caterpillar Walking Machines) versprechen noch „echte" körperliche, aber schlecht angesehene und bezahlte Arbeit. Die Straßenkehrer-Jacke ist neben ihrer Warnfarbe und den reflektierenden Streifen deshalb interessant, weil sie die Diskrepanz zwischen sterbender Industriearbeit, High-Tech Arbeitsplätzen für wenige Auserwählte und den niedrigen  Service-, den MacJobs, andeutet.Workwear findet sich auch in anderen Jugendkulturen, die Waver der 80er Jahren tragen Dachdecker Schuhe, die Hippies und die Ökos der 80er Jahre umgefärbte Latzhosen und Rippen-Unterhemden, die Punks Arbeitsschuhe mit Stahlkappen: Doc Martens. Auch die Schlaghose der 70er Jahre hat ihren Ursprung in der Zimmermannshose, der sogenannten Manchesterhose.Neben dem Verweis auf Industriearbeit wird die Symbolik einem speziellen Arbeitsbereich entnommen, dem der extremen Situationen: Notfall, Unfall, Katastrophe, Gefahrenstoffe. Konkrete Anleihen entstammen der Arbeits- und der öffentlichen Sicherheit: Polizei, Feuerwehr, Notarzt, Security, Drogenfahndung. Katastrophe und permanenter Notfall sind im Event alltäglicher Dauerzustand, verdeutlicht z.B. in der Notfallsirene, dem Ravesignal oder Begriffen wie Mayday.Eine andere Wendung, nämlich zur „utopischen Kleidung" (Loschek) erhält die Arbeitskleidung in der Thematisierung zukünftiger Arbeit im Weltall. Eine Stilisierung z.B. durch silbrig glänzende oder transparente Materialien erfolgt in Anlehnung an die visuellen Chiffren alter und neuer Science Fiction Romane, Filme und vor allem Serien, wie Raumschiff Enterprise oder Orion.Ein weiterer Referenzbereich ist der Sport. Sport wird zur Arbeit, zur endlos perpertuierten Marathon-Leistung. Entweder wird Sportkleidung direkt enteignet bzw. reanimiert, wie die blauen Adidas Trainingsjacken aus den 70er Jahren oder man übernimmt nur prägnante Teile, wie die Streifen. Der Signalcharakter der Grundfarben und klaren Formen ihrer Firmenlogos machen die Bekleidung von Fila, Helly Hansen oder Tommy Hilfiger so begehrt. Als Outdoor Kleidungsstücke verwenden sie einprägsame Formen und gleichzeitig High-Tech Schutzmaterialien.Bemerkenswert ist, daß vor allem die Bekleidung von Outdoor Sportarten benutzt wird. Die für warme Innenräume nur bedingt geeignete Kleidung zeigt an, daß der Innenraum gleichzeitig der öffentliche Raum draußen ist. Das Außen tritt ein, wenn die Welt und der öffentliche Raum über das Internet nach innen in ein Cafe oder einen Club geholt werden.Gleichzeitigkeit der GegensätzeEin Charakteristikum für die gegenwärtige Techno- und House Kultur ist ein unbeabsichtigt entstandenes, dialektisches Verhältnis der Gegensätze. Xxs -xxl stehen nebeneinander in einem Spannungsverhältnis. Enganliegende, knappe Kleidung in Kindergrößen und extrem sackige, baggy Kleidung, wie man sie aus der HipHop-Kultur kennt, treten nebeneinander auf. „Oversize xxl" kommt durch die Stofffülle zustande, nicht durch zusätzliche Applikationen oder Fütterung der Kleidung. Eine Re-Okkupation des Gegenständlichen in der starken Betonung von Material und Materialeigenschaften zur Produktdifferenzierung und in der Verwendung besonders fester robuster Spezialmaterialien, ist augenfällig.Daneben stehen die „Natürlichkeit" des nackten männlichen Oberkörpers, des partiell entblößten weiblichen Körpers, die durch musikalische Differenzierungen wie Goa eingebrachten Naturmaterialien und die ethnische Symbolik, im Gegensatz zum totalem Synthetismus der Tanzsituation.Tattoo und Piercing, als populäre Formen, Extremformen wie Branding und unter der Haut Körperschmuck sollen hier außer Acht gelassen werden, werden in den 90er Jahren von beiden Geschlechtern getragen. Die direkten Manipulationen und Einschreibungen in die Körperfläche lassen die wiederhergestellten primitiven Körper („modern primitives") in Kontrast zur technologischen Zurichtung über Musik, Licht und Raum treten. Der Vergänglichkeit der Situation des Events werden permanente Form des Körperschmucks als Selbstversicherung entgegengesetzt.Diese invasiven Körperpraktiken haben je nach Form unterschiedliche Funktionen: Die außen angebrachten Formen dienen der Demonstration von individuellen Mutes und dem Schmuck und von Zugehörigkeit, während die unter der Kleidung getragenen Formen, wie z.B. der Genitalschmuck der sexuellen Stimulation dienen, ein spielerisches Element dokumentieren, aber auch als Hilfsmittel zur Mechanisierung der körperlichen „Tastatur der Lust" interpretiert werden können.Tattoo und Piercing symbolisieren nicht etwa die Hoffnung auf die Rückkehr zu paradisieschen, vorzivilisatorischen ethnischen Praktiken, sondern sind sehr bewußte Akte der Körperformung, da sie sich außerhalb jeglicher Rituale bewegen. Noch bei den Punks in den späten 70er und 80er Jahren besitzen diese Durchbohrungen andere Konnotationen. Neben der Selbstverletzung und der Selbststigmatisierung, bis zu diesem Zeitpunkt wurden Tätowierung und Piercings als Kennzeichnen von gesellschaftlichen Außenseitern verstanden, gibt es den Hinweis auf die Primitiven, die in den Städten leben, die Stadtindianer, die den Praktiken der urbanen Raumes die Kraft primitiver Kulturen entgegensetzen wollen. Der Gedanke des Tribalismus, also auch, daß der Körperschmuck etwas über das „Gesetz der Gruppe" aussagt, in den sich der Körper einordnet, spielt bei Techno und House eine andere Rolle. Wenn die Begriffe Familie und Tribe immer wieder bemüht werden, so sind sie eher Ausdruck einer Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit über eine konkrete Organisationsform und ihrer gleichtzeitigen Unmöglichkeit aufgrund der nur punktuell möglichen Verbindungen.Auch Nackheit und Entblößung während des Tanzes bringen keinen natürlichen, sondern einen in seiner Oberfläche durch Workout, Wonderbra gestalteten Körper zum Vorschein und verdeutlichen so die Möglichkeit der Konstruktion von Körperbildern. Das Streben nach der größtmöglichen Robotisierung und Forcierung der Entfremdung, findet man auch in Phänomenen, wie den hybriden Buffaloes (benannt nach der herstellenden Firma). Die „Monsterlette" ist ein Hybrid aus halbhohem Plateau-Stiefel, Sportschuh und den Moonboots aus den 70er Jahren. Sie ist erdverbunden und signalisiert Autonomie, nicht weibliches Schutzbedürfnis.Die Techno und House pendelt in all ihren strukturellen Elementen zwischen dem Streben nach absoluter Freiheit vom Körperlichen, z.B. im „Abschweben" auf die Musik: „fly" und der absichtlichen Behinderung der körperlichen Freiheit durch schwere Schuhe und isolierende Kleidungsstücke. Damit verweist die Mode auf das generelle gespaltene Lebensgefühl der Szene, das sich nur durch das Verfahren des punktuellen Abkoppelns von der Gesellschaft entwickeln kann, danach aber wieder in den Schoß der Gesellschaft zurückkehrt. Das „Abfeiern" und die Erprobung von alternativen Körperkonzepten können sich nur in geschützten  Partywelten entwickeln und sind nur schwer auf den sozialen Alltag zu übertragen. Literatur:Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1995 (13. Auflage)Graw, Isabelle: Modenschau.Über feministische Modekritiken. In: Texte zur Kunst. März 1997, Nr. 25- S. 73-81Richard, Birgit: Todesbilder. Kunst, Subkultur, Medien. München 1995Richard, Birgit/ Klanten, Robert (Hrsg.): Icons. Localizer 1.3. Techno-Theorie, erscheint im Herbst 1998 in: Die Gestalten Verlag, BerlinRichard, Birgit/ Krüger, Heinz-Hermann: Welcome to  the Warehouse. Zur Ästhetik realer und medialer Räume als Repräsentation von jugendkulturellen Stilen der Gegenwart. In: Jutta Ecarius/Martina Löw (Hrsg.): Raumbildung- Bildungsräume. Über die Verräumlichung sozialer Prozesse. Opladen 1997, S. 147-166Shustermann, Richard: Kunst Leben. Die Ästhetik des Pragmatismus. Frankfurt am Main 1994Willis, Paul: Jugendstile. Zur Ästhetik der gemeinsamen Kultur. Hamburg/ Berlin 1991