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Die sogenannten Kinderkrankheiten und andere wichtige ansteckende Krankheiten

 

 

Bei der ersten Erkrankung des ersten Kindes wird kaum ein Elternteil ganz frei von Unsicherheit und Angst gewesen sein. Das Kind ist plötzlich anders, verändert, empfindlich, reizbar, quengelig oder auch ungewöhnlich ernst und still - und es glüht im Fieber.

 

Von den Erfahrungen im Umgang mit den ersten Infekten hängt es dann im Weiteren ab, ob Vertrauen in die Heilungskräfte des Kindes entsteht. Jeder weiß, dass er eine Kindheit ohne solche Prüfungen – Infekte, Fieberschübe und Kinderkrankheiten -nicht erwarten darf. Und so sollte es, wenn Kinder krank werden, nicht nur als Problem angesehen werden, sondern auch in seinem Sinnbezug für die spätere gesundheitliche Stabilität des Kindes.

 

Im Gegensatz zu den vorangehend besprochenen allergischen Erkrankungen handelt es sich bei den Infektionskrankheiten um ein erstaunlich präzis aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel von » Eindring«- und » Abwehr«- Vorgängen in zeitlich gesetzmäßiger Abfolge bis zur Heilung. Wegen dieser »Zeitgestalt« nennt man diese Krankheiten auch »selbstlimitierend« oder selbstbegrenzend. Dabei sind die sichtbaren Hauptsymptome häufig Zeichen der Eigenanstrengung des Körpers zur Überwindung der viralen Infektion, so das Fieber, die meisten Ausschläge, die Lymphknotenschwellungen oder das Erbrechen. Alle diese Erscheinungen sind Teile der körperlichen Reaktion und bereiten die Überwindung der Krankheit vor, das heißt einen neuen Gleichgewichtszustand auf einer höheren Stufe der Immunität. Diese Gegensätzlichkeit zu den Allergien macht auch verständlich, dass letztere sich gelegentlich nach den Kinderkrankheiten bessern und z.B. Asthma seltener in Bevölkerungsteilen auftritt, in denen die kleinen Kinder viele Infekte durchgemacht haben.

 

Viele der heutigen Erwachsenen verdanken die Stärke und Flexibilität ihres Immunsystems noch der Tatsache, dass sie während ihrer Kindheit im Umgang mit Krankheitserregern lernen durften, die akuten Krankheitserscheinungen ohne chemische Fiebersenkung, Antibiotika oder Impfungen zu überstehen. Wie es den zukünftigen Erwachsenengenerationen gehen wird, deren Kindheit nicht mehr annähernd von solchen Erfahrungen geprägt war, ist noch ungewiss. Es gibt jedenfalls zu denken, dass jetzt weltweit Schwächen und Funktionsstörungen des Immunsystems bemerkbar werden, die sich in epidemisch zunehmenden Überempfindlichkeiten der Oberflächenorgane Haut, Lunge und Darm in Form von Allergien der verschiedensten Art äußern.

 

Auch kann man heute nicht mehr so sicher von Kinderkrankheiten sprechen, da die Möglichkeit der Impfungen, aber auch die wachsende Isolation der Menschen in der industrialisierten Welt zu einer Verlagerung der früher typisch für die Kindheit geltenden Infektionskrankheiten führt - z.B. Masern oder Windpocken jetzt ihren Haupterkrankungszeitpunkt auch im Jugend- und Erwachsenenalter haben können.

 

 

Aus:

Dr. med. Wolfgang Goebel & Dr. med. Michaela Glöckler: Kindersprechstunde

                                                                                    - Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber

 

Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH Stuttgart 1998 www.urachhaus.com

 

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