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14.02.2004 - Spectrum / Zeichen der Zeit
Nach dem Inferno
Aids, Völkermord, Staaten in der Hand korrupter Bonzen. Und dennoch, ich behaupte: Afrika wird in hundert Jahren die Vorzeigeregion der Welt sein! Gegen alle heutige Evidenz.

S eit das Ende des utopischen Zeit alters ausgerufen worden ist, blü hen die Utopien umso ungenier ter. Eine brach sich in der "Neuen Ökonomie" Bahn, die einen grenzenlosen Markt und krisenfreies Wachstum ins Werk setzen wollte. Ein anderer, technologischer Strang treibt die Bioinformatik an und bringt uns, bei enormen Verlusten an Lebensqualität und Vielfalt, dem Kernmotiv näher, das hinter allen Fortschrittsutopien gestanden sein dürfte - die Erlangung der Unsterblichkeit, womit sich Menschen endlich an Gottes Stelle setzen können. Vom Versiegen der utopischen Energie kann also keine Rede sein, abgewürgt ist einzig ihr sozialrevolutionäres Motiv, das ein Reich der Freiheit anstrebte. An die Spitze der Evolution haben sich Lebenswissenschaftler gesetzt, für die es ein Ding namens Gesellschaft nicht gibt und Politik a pain in the neck ist. Es macht ihnen keine Schwierigkeit, einen Lohnschreiber zu finden, der eventuell verbliebene Weltverbesserer niederschreibt.

Aber aufgepasst, hier kommt neuer Stoff: Afrika ist der Kontinent der Zukunft. Dieser längst abgeschriebene Kontinent, zur Müllhalde und Siechenstation des Globus erklärt, ist unsere Zukunft. Ist unsere Hoffnung? Wer sagt schon, dass Hoffnung in der Zukunft liegt. Behauptet wird nur: Afrikanische Verhältnisse blühen dem Rest der Weltgesellschaft, der sich weiß und sicher fühlt und auf diese Unfähigen herabschaut, die "da unten" nichts, aber auch gar nichts geregelt kriegen. Noch Lust auf Utopien? Ich behaupte: Afrika wird in hundert Jahren die Vorzeigeregion der Welt sein! Gegen alle heutige Evidenz.

Evident ist das Inferno: Eine völlig aus dem Ruder gelaufene Aids-Pandemie wird weitere Millionen Menschen dahinraffen, der Völkermord in Zentralafrika könnte bald den Blutzoll der Shoah übertreffen, Christen und Muslime metzeln sich gegenseitig nieder. Reichtümer bleiben unbenutzt im Boden oder werden zu Spottpreisen auf dem Weltmarkt verhökert, Staaten sind in der Hand korrupter Bonzen, Kriegsherren und Milizen beherrschen die Straßen.

"Schuld" am Niedergang Afrikas sind weder allein die kolonialen Verbrechen noch allein die hausgemachten Probleme der postkolonialen Ära, noch allein die Entmündigung durch transnationale Entwicklungsagenturen. Vielmehr wirken alle drei Übel kumulativ, nehmen sich aus der lokalen Froschperspektive gleichermaßen verheerend aus. Weder das Trauma der Sklaverei noch eine Schweinerei des Internationalen Währungsfonds (IWF) entlässt die postkolonialen Führungen von Idi Amin bis Robert Mugabe aus ihrer Verantwortung, und die meisten Afrikaner wissen das ganz genau. Hier liegt der Kern jeder afrikanischen Entwicklungsutopie.

Nicht, dass es früher keine gegeben hätte: Utopisches Denken inspirierte den antikolonialen Befreiungskampf, dessen Führer und Anhänger den Kontinent zu einer panafrikanischen Union zusammenfügen wollten. Zahlreiche Manifeste und Programme kamen heraus, sozialistische, nativistische und millenarische Weltanschauungen verbreiteten sich, politische Bewegungen und Zirkel wurden gegründet. Die frühen sechziger Jahre wirken heute fast paradiesisch, aber die meisten ersparen sich diesen Rückblick auf gebrochene Versprechen, abgewürgte gemeinwirtschaftliche Ideale und vor allem den Start krimineller Karrieren, die aus den least developed countries nebenbei solche mit den höchsten Vermögensunterschieden machten.

Auch der technologische Strang des utopischen Denkens nahm Afrika in den Blick, dessen Handicaps bei den extremen Klimaverhältnissen anfangen - mit biblischen Fluten und Dürren, Sandstürmen und Insektenschwärmen. Dagegen bot man wahnwitzige technische Großprojekte auf, kein Utopist, der etwas auf sich hielt, ließ einen Plan zur Bewässerung der Sahara aus. Eurafrika sollte über dem Mittelmeer zusammenwachsen, an der "Wiege der Menschheit" sollte wieder der Garten Eden blühen oder wenigstens das eine oder andere Siedlungs- und Städtebauprojekt wuchern, das andernorts unmöglich war. Die jüngste Variante dieser Technikutopien war die vom damaligen US-Vizepräsidenten Al Gore propagierte Internet-Verkabelung des Kontinents. Wenn Kommunikation und Transport die Antriebe der globalen Verflechtung im 19. und 20. Jahrhundert waren, so ist Afrika ausgerechnet auf diesem Feld am meisten zurückgeblieben. Das lokale Transportsystem blieb völlig auf die alten Mutterländer ausgerichtet, sodass es noch heute billiger sein dürfte, eine Containerladung per Schiff von Dakar nach New York zu expedieren als auf dem Landweg in einen Nachbarstaat. Noch drastischer ist der Rückstand bei den Telekommunikationswegen und beim Zugang zum Internet, wo die afrikanischen Staaten am weitesten von dem beim G8-Gipfel 2000 in Okinawa formulierten Ziel entfernt sind, dass "jeder Mensch überall in die Lage versetzt werden soll, an der globalen Informationsgesellschaft teilzunehmen".

Gesundbeterei war es, ohne jede kritische Prüfung zu prognostizieren, die afrikanischen Elefanten würden demnächst ähnliche Sprünge machen wie die asiatischen Tigerstaaten. Und was soll man von einer Entwicklungshilfe halten, die nicht verhindern konnte, dass im vergangenen Jahrzehnt die Zahl der Armen in Afrika gestiegen ist, dass südlich der Sahara die durchschnittliche Lebenserwartung zurückgeht, dass das Pro-Kopf-Einkommen sinkt und so weiter und so fort? Wenn man die westlichen Hilfsleistungen an den armen Süden auf mindestens 100 Milliarden US-Dollar steigern will, wie es die "Utopie" von Weltbank-Chef James Wolfensohn vorsieht, muss man zunächst konstatieren, wie gering der Einfluss von Hilfe auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung gewesen ist, während sie kleptokratische Eliten und unproduktive Rentenökonomien gemästet hat. Nicht absolute Armut ist das Hauptproblem, sondern die in falsche Hände geratene Zuwendung von außen und der relative, extrem ungleich verteilte Reichtum.

Die Entgrenzung der Welt (alias Globalisierung) bringt mit sich, dass die Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten der postkolonialen Staaten obsolet wird. Was schon seit langem für die (in der Tat oftmals erpresserische) Politik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds gilt, trifft nun mit hoffentlich positiveren Wirkungen auf eine Entwicklungshilfe zu, welche die Eigenverantwortung der Staaten und die Rechenschaftspflicht ihrer politischen und wirtschaftlichen Eliten in den Mittelpunkt rückt. Zielsetzung wohlverstandener Hilfe muss die Intensivierung der globalen Interdependenz sein, allerdings unter der wesentlichen Voraussetzung einer Demokratisierung der afrikanischen Staaten (und Staatenbünde) genau wie der transnationalen Regimes.

Das Kriterium "gute Regierung" ist also eine unabdingbare Vorbedingung für öffentliche und private Hilfe. Hilfeleistungen wirken am ehesten in Ländern, die eine ausgewogene Wirtschafts- und Sozialpolitik treiben, wo eine langfristige Projektbindung besteht und bevorzugt lokale Investoren eingeschaltet werden. Ferner wirkt Entwicklungshilfe am besten, wenn sie multilateral vergeben wird oder eingebunden ist. All das ist unter rechtsstaatlichen Bedingungen in den Aufnahmeländern leichter zu erfüllen, und solche sind nur in Demokratien gegeben - und damit bisher in den wenigsten Ländern Afrikas. Das diesbezügliche Verdikt eines Scholl-Latour lautet: Demokratie klappt in Afrika einfach nicht, womit er das Echo eines Mobutu und anderer Diktatoren spielt, die verkündet haben: "Democracy is not for Africa." Diesen Unsinn wiederholte kürzlich Muammar Gadhafi, der seit 33 Jahren keine freien Wahlen abgehalten hat, dafür aber im maroden UN-System den obersten Menschenrechtsschützer spielen darf.

Die von vielen Kulturrelativisten geteilte Hypothese, Demokratie sei ein Import des Westens und könne außerhalb nicht funktionieren, ist vom tatsächlichen Demokratisierungsprozess Afrikas im vergangenen Jahrzehnt widerlegt und als pure Schutzbehauptung von Autokraten entlarvt. Die repräsentative Demokratie hat messbare Fortschritte gemacht: Nach dem Index des amerikanischen "Freedom House" hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der unfreien Länder halbiert, die der "teilweise freien" verdoppelt. Dass immer noch bloß eine Hand voll Staaten wie Südafrika, Benin und Mali wirklich als demokratisch gelten kann, rührt daher, dass Militärdiktaturen und pseudo-sozialistische Einparteiensysteme sich selten gleich vollständig demokratisieren, sondern zu "halben", prekären Demokratien übergehen. Fast überall werden demokratische Wahlen abgehalten, doch selten geht es dabei ohne Wahlbetrug zu, und immer noch ist es ein Drama, einen langjährigen Amtsinhaber abzulösen.

Hoffnung, die Dauersolidarisierung der diktatorischen und korrupten Staatsklassen zu durchbrechen und auch das bequeme, von Teilen der Globalisierungskritik überstrapazierte Kolonialsyndrom zu überwinden, gibt trotz aller gebotenen Skepsis die "New Partnership for Africa's Development" (Nepad), die im Juli 2002 von der OAU (Organisation für Afrikanische Einheit) beschlossen und bereits zu einem "Marshall-Plan für Afrika" stilisiert wurde. Afrika wird demnach in den nächsten zehn bis 15 Jahren seine Armut halbieren, die Sterblichkeit der Säuglinge um zwei Drittel und die der Mütter um drei Viertel senken und allen Kindern ungeachtet ihres Geschlechts Zugang zum Bildungssystem verschaffen.

Kritiker halten das für pures Wunschdenken und den anvisierten Weg dahin für eine Unterwerfung unter den "Neoliberalismus". Aber dass Nepad überhaupt erwogen wurde, hängt eher mit dem gewachsenen Selbstbewusstsein afrikanischer Eliten zusammen, das der Aufstieg Südafrikas unter Nelson Mandela begünstigt und das dessen Nachfolger im Amt des Staatspräsidenten, Thabo Mbeki, unter dem Begriff "afrikanische Renaissance" auf eine griffige Formel gebracht hat.

Erstmals seit den Sechzigerjahren sind damit wieder Slogans im Umlauf, die Selbstachtung und Respekt reklamieren. Zu dieser von Intellektuellen und Politikern getragenen Stimmung trugen Erfolge im Sport bei, wie das gute Abschneiden der Fußballteams von Kamerun und Senegal, sowie die Anerkennung auf künstlerischem Gebiet, die Okwui Enwezor sich als Leiter der Kasseler Documenta erwarb. Selbstbewusstsein schließt die aus ernsthafter Selbstkritik geborene Selbstverpflichtung afrikanischer Eliten ein. Sie werden nun endlich selbst die Verantwortung für eine nachhaltige wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung des Kontinents übernehmen, woran es im vergangenen Jahrzehnt immer gefehlt hat. Vorgeprescht sind Politiker wie Olusegun Obasanjo, Präsident von Nigeria, dem es gegen erheblichen Widerstand gelungen ist, sein Land wenigstens semi-demokratisch zu reformieren.

Nepad setzt ganz auf wirtschaftliche Instrumente der Armutsbekämpfung sowie Fiskal- und Infrastrukturpolitik, stellt aber auch deutlich heraus, dass die Prävention und Lösung inner- und zwischenstaatlicher Konflikte und die Förderung von Demokratie und Menschenrechten essenzielle Voraussetzungen von Entwicklung darstellen. Auch Rechenschaftspflicht, Transparenz und Partizipation wurden in den Katalog aufgenommen, und spektakulär ist, dass das Instrument des "Peer Review" aufgeboten wurde, wonach sich die afrikanischen Regierungen gegenseitig kritisch evaluieren sollen und bei schweren Verletzungen der Menschenrechte und Kriegsverbrechen sogar humanitäre und militärische Interventionen geboten sind.

Indem sich Afrika als politische Union rekonstituiert, wird es sich aus der Isolation befreien. Es bietet seinen Partnern in der Welt gleichrangig Kooperation und Kontrolle an, darunter negative Sanktionen bei wirtschaftlichem Fehlverhalten (etwa durch die Herabstufung bei der Kreditvergabe), um Anschluss an die weltgesellschaftliche Kommunikation und Kooperation zu erlangen und um umgekehrt, bei entsprechenden Fortschritten, günstigere Zolltarife und Hilfeleistungen gewährt zu bekommen.

Die eigentliche afrikanische Utopie besteht darin, Afrika endlich als Nicht-Ort der Weltgesellschaft zu verabschieden. Seit der Kolonialzeit haben Afrika und Europa eine gemeinsame Geschichte, deren fatale Asymmetrie nicht dazu führen darf, beide immer nur in vermeintlich unüberbrückbarer Differenz zu denken. Wir besitzen längst ein Sensorium dafür, aus Afrika nicht immer nur die Totenklagen und Traumata zu vernehmen. Und eine neue Generation von Afrikanisten setzt konsequent auf die Wiederbelebung des "lokalen Wissens", das sich Konzepte aus dem reichen Norden nur selektiv und ohne jede Illusion aneignet.

Wir müssen, wie es Gerd Spittler gefordert hat, den Bauern und Nomaden zuhören; der Ethnologe hat für diese Konstellation das Kontrastbild von Expedition und Karawane geprägt. Die Expedition ist straff und hierarchisch organisiert, bestmöglich ausgerüstet und auf ein großes Ziel gerichtet, die Karawane hingegen ist locker gefügt und eher einer Fahrt im Buschtaxi vergleichbar, bei der man stets auch eigene Ziele verfolgt, Halte und Umwege in Kauf nehmen muss und schätzen lernt. Man kommt aus ganz unterschiedlichen Richtungen, Gründen und Absichten zusammen, spricht verschiedene Sprachen, reist langsamer und ist deshalb eher fähig zu hören. So wird man aufgeschlossener für das lokale Wissen, das Spittlers afrikanischer Kollege Mamadou Diawara aber auch nicht überbewertet oder gar für sakrosankt erklärt sehen möchte. In Bamako, der Hauptstadt Malis, betreibt er ein wissenschaftliches Begegnungszentrum namens Point Sud, wo er die fremden und verfremdeten Stimmen von außen nicht missen möchte. Die Revitalisierung des lokalen Wissens und die Aneignung fremder Güter und Kulturelemente gehen in der entgrenzten Welt Hand in Hand, globale Referenzsysteme werden überall in lokale Praxis überführt.

Der reale Ort Afrikas ist die interdependente Weltgesellschaft, und deren utopische Energien sind die alten: Autonomie und Weltbürgerschaft.

(14. Februar 1854). Mit Wiener Walzern wird jetzt in Konstantinopel eine bedeutende Propaganda gemacht. Herr Franz Schröder, welcher sich gegenwärtig mit seinem Orchester daselbst befindet und dessen Productionen nicht nur in den Hotels der Gesandten mit außerordentlichem Beifall aufgenommen werden, scheint nämlich dazu ausersehen zu sein, die Strauß'schen Tänze "nach dem Osten zu tragen". Erst am 24. v. M. hatte dieses beliebte Orchester die Ehre, in dem Palaste des Sultans spielen zu dürfen.

Nichts ist bei solchen Gelegenheiten interessanter, als den ehrwürdigen Sheik- ul-Islam, den großen Kenner und Gönner abendländischer Musik, zu belauschen, welcher diesen Concerten gewöhnlich incognito beiwohnt und mit seinen goldbestickten Pantoffeln den Tact dazu schlägt. Der Großmufti soll die Hoffnung durchaus nicht aufgeben, nach Herstellung des Friedens die gefeierte Oliva Pepita noch am goldenen Horn tanzen zu sehen, und läßt sich daher den Ole und die Madrilena täglich zwei- bis dreimal aufspielen, weil er sich an diesen lockenden spanischen Weisen gar nicht satt hören kann. Eine von Herrn Schröder componirte Scheik-ul-Islam-Polka wird nächstens in prachtvoller Ausstattung erscheinen.

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