Geheime Gesellschaften<!--INC:"declaration.inc"--><!doctype html public "-//W3C//DTD HTML 4.0 //EN"> <!--/INC:"declaration.inc"-->

Hermann Schüttler:
Ausschnitt aus der Einleitung zu:
Johann Joachim Christoph Bode:
Journal von einer Reise von Weimar nach Frankreich.
Im Jahr 1787,
Hg. Hermann Schüttler, München 1994
Entstehung der Freimaurerei

Die Freimaurerei in der auf uns überkommenen Form entstand durch den Zusammenschluß von vier älteren englischen Logen in London im Jahre 1717. Diese Logen leiteten ihre Tradition aus den einstigen, aus dem Mittelalter stammenden Steinmetz- und Dombauhütten her. Hier war es, wie in den meisten Handwerken, üblich, sich durch geheime Erkennungszeichen ('Zeichen, Wort und Griff') gegenseitig die Zugehörigkeit zur selben Zunft zu beweisen. Als durch die akademische Bewegung des 17. Jahrhunderts traditionelle Domänen des Handwerks zunehmend in den wissenschaftlichen Betrieb integriert wurden, verlor die Jahrhunderte alte Überlieferung der Steinmetze und Maurer zusehends an Bedeutung. Bereits im 17. Jahrhundert begann mit der Aufnahme von berufsfremden Personen in die Logen eine Entwicklung, die den Weg von der ursprünglichen 'operativen' Maurerei, also der rein handwerklichen Tätigkeit, hin zur 'spekulativen' Maurerei bereitete. Nun wurde der 'rauhe Stein', den der mittelalterliche Steinmetz mit Zirkel, Hammer und Winkelmaß bearbeitete, zum Symbol für den Menschen. Diesen galt es jetzt zu bearbeiten, zu vervollkommnen und zu einem nützlichen, d. h. tugendhaften und gesitteten Glied der Gesellschaft zu machen. Religiöse und weltanschauliche Toleranz standen an erster Stelle der Lehre, denn man hatte noch die Greuel und den Vernichtungswahn der Religionskriege im Bewußtsein. Gerade die Freimaurerei wollte die Gräben zwischen den Konfessionen und den Ständen, schließlich auch zwischen den Nationen überbrücken. So lesen sich die ersten Urkunden des Bundes als Manifeste der Menschlichkeit, der Toleranz und des Friedens.

Von England aus gelangte die moderne Freimaurerei im Jahre 1737 nach Deutschland. Hamburg war der erste Ort auf deutschem Boden, an dem eine Loge nach englischem Vorbild gegründet wurde. Handwerker waren kaum beteiligt, es war das Bürgertum, das sich die neue Idee zu eigen machte. Von Hamburg aus zog die Freimaurerei englischen Musters über das ganze Reichsgebiet und ihre erste Sternstunde war die Aufnahme des preußischen Kronprinzen Friedrich im Jahre 1738.

Wurden zunächst die ursprünglich aus dem Handwerk stammenden 'Grade' des Lehrlings, Gesellen und Meisters in symbolischer Form rituell bearbeitet, so folgten seit 1740 von England selbst und dann besonders von Frankreich ausgehend eine Reihe von Hochgraden und ganzen Hochgradsystemen, da offensichtlich vielen Mitgliedern das in der sogenannten 'symbolischen', 'blauen' Freimaurerei der drei ersten Grade gebotene 'Geheimnis' der Gleichheit und Toleranz nicht genügte. Die meisten dieser damals entstandenen und auf die existierenden Drei-Grad-Logen aufgepfropften Systeme hatten religiöse Inhalte, aber schon früh fanden auch Alchemie und Goldmacherei, die Suche nach dem 'Stein der Weisen' und allerlei Arten von Magie, Geisterbeschwörung und der Gedanke, einen neuen Ritterorden zu errichten, Eingang in den Bund. Mit ein Grund für die Entstehung der Hochgrade war sicher die im Konstitutionsbuch von 1723 gelieferte Entstehungsgeschichte der Freimaurerei. Dieses Konstitutionsbuch, das von sämtlichen 'regulären', d.i. in den drei ersten Graden nach englischer Lehrart und Konstitution arbeitenden, Logen noch heute als ihre Grundlage angesehen wird, führte die Freimaurerei auf den biblischen Stammvater Adam zurück, der die Kunst der Geometrie und der Maurerei unmittelbar von Gott erhalten habe. Über Seth und Noah, die alten Ägypter und die Israelien des Moses, König Salomo und die Babylonier und schließlich die Griechen und Römer der Antike seien diese Kenntnisse nach Großbritannien gelangt, und dort über die Jahrhunderte hinweg ausgeübt und gewahrt worden. Diese Legende, die am Beginn der modernen Freimaurerei steht, bot genügend Stoff für die Spekulationen und Phantasien, die dann in den verschiedenen Hochgraden zu finden waren.

Freiherr von Hund und die Hochgrade der Strikten Observanz

Das erfolgreichste Hochgradsystem dieser Zeit war die sogenannte 'Strikte Observanz', die von 1764 an ihren Siegeszug durch die deutschen Logen begann und sich dann auch im benachbarten Ausland ausbreiten konnte. Ihren Namen hatte diese Vereinigung von der Forderung unbedingten Gehorsams gegenüber den Ordensoberen, die den Mitgliedern der unteren Grade unbekannt waren. Gründer war der in Sachsen lebende Reichsfreiherr von Hund, der 1741 Freimaurer geworden war und seit 1751 daran arbeitete, seinen 'Hohen Orden des heiligen Tempels von Jerusalem' zu verbreiten. Ursprung und genaue Entstehungszeit dieser Idee führen in die frühen vierziger Jahre, Spuren zeigen gleichermaßen nach England wie nach Frankreich. Für die britischen Inseln als Ursprungsort spricht besonders eine Erklärung Hunds, bei seiner Aufnahme in diese Verbindung 1743 in Paris sei Lord Kilmarnock, Großmeister der Großloge von Schottland, die Person gewesen, die ihn eingeführt habe und als Großmeister der Verbindung aufgetreten sei. Hund fungierte von diesem Zeitpunkt an als 'Heermeister' der wieder zu errichtenden VII. Provinz (= Niederdeutschland) des Templerordens.

Zu Beginn der 80er Jahre hatte die vom Freiherrn von Hund gegründete Strikte Observanz mit gut 1400 Mitgliedern in den sogenannten 'Rittergraden', die sich über Ordensniederlassungen von Frankreich bis Rußland verteilten, die Spitzenposition aller damals existierenden, auf der Freimaurerei aufbauenden Verbindungen erreicht. Der in Bodes Tagebuch angesprochene Freimaurerkonvent von Wilhelmsbad 1782 brachte der Strikten Observanz das Ende in ihrer bisherigen Form. Zwar behielten mehrere Logen nach wie vor die Grade und Rituale Hunds bei, doch schlossen sich die meisten in diesem System organisierten Maurer der von Frankreich ausgegangenen Reform an.

Bodes Beitritt zur Freimaurerei

Die eigentlichen Ziele der Strikten Observanz sind in der Forschung bis heute umstritten. Nimmt man jedoch einige Äußerungen der damals beteiligten Personen sowie die ersten Dokumente dieser Organisation beim Wort, so hatte sich der Freiherr von Hund die Aufgabe gestellt, mittels des im Geheimen operierenden Ordens einen eigenen, von allen weltlichen und geistlichen Mächten unabhängigen Staat zu errichten. In diese Bestrebungen war nun Bode von 1765 an verwickelt. Im Februar 1761 war er der Hamburger Loge 'Absalom' beigetreten, erreichte noch im gleichen Jahr den Meistergrad und wirkte schon im Dezember als Redner und Sekretär der Loge. Als diese Loge 1765 der Strikten Observanz beitrat, wobei sie ihren Namen in die noch heute gebräuchliche Form 'Absalom zu den drei Nesseln' umwandelte, vollzog Bode diesen Schritt mit. Unter dem Ordensnamen 'Eques a Lilio convallium' fungierte er vom Mai 1766 bis 1784 (mit Unterbrechungen) als 'Procurator generalis', d.i. Schatzmeister, in einem Amt, das ihm den Zugang sowohl zum engeren Führungskreis als auch den Interna dieser Vereinigung öffnete. Dieses Amt hatte eine aufreibende Tätigkeit zur Folge. Nicht nur in den Logen der strikten Observanz (d.i. ab dem 'Noviziat'), sondern auch in den der Vereinigung angeschlossenen und von ihr geführten traditionellen Logen sollte er die Beiträge eintreiben. Zudem hatte er die Aufsicht über das 'Policeywesen' der Logen, war also bei allen Streitfragen damit beschäftigt, die innere Ordnung wiederherzustellen. Eine rege Reisetätigkeit gehörte nun zu seinem Alltag. Der Freiherr von Hund wollte ursprünlich nur adelige Personen in seinen Orden aufnehmen, mußte aber nach dem Konvent von Altenberge feststellen, daß dies nicht möglich war, ohne dabei auf die Mitarbeit derjenigen Logen zu verzichten, in denen Bürgerliche bereits damals die Mehrheit stellten. Dies traf besonders auf die Logen der Freien Reichstädte in Norddeutschland zu. Daß Bode zum Schatzmeister gewählt wurde, zeigt deutlich, daß man ihm in Finanzangelegenheiten vertraute: er galt offensichtlich als redlicher und ehrlicher Geschäftsmann.

Die erste Loge der Strikten Observanz war 1751 mit dem Namen 'Zu den drei Säulen' im sächsischen Unwürde, einem Gute im Besitz Hunds, gegründet worden. Sie wurde später nach Kittlitz verlegt, und aus ihr ging 1764 die Görlitzer Loge 'Zur gekrönten Schlange' hervor, die bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1935 Bestand hatte. Im ersten Jahr freimaurerischer Arbeit hatte Hunds System gerade fünf Mitglieder; Anfang 1764, nach der Wiederaufnahme der durch den Siebenjährigen Krieg unterbrochenen Tätigkeit, waren es zwanzig Personen. Im Mai dieses Jahres begann nun mit dem Freimaurerkonvent von Altenberge der Siegeszug der Strikten Observanz durch die deutschen Logen. Dieser Konvent, der erste einer ganzen Reihe solcher Treffen im 18. Jahrhundert, endete mit der Entlarvung eines Mannes als Schwindler, Georg Friedrich Johnson, der erste einer ganzen Reihe von Sektierern und Projektemachern, die sich der Freimaurerei als Geldquelle zu bedienen suchten, und von denen Cagliostro der berühmteste ist.

Johnson hatte durch Vorspiegelung von angeblich 'höheren Kenntnissen' über das 'wahre Geheimnis' der Freimaurerei die 1744 gegründete Jenaer Loge 'Zu den drei Rosen' dazu gebracht, ihn als 'Großprior' der gesamten Freimaurerei anzuerkennen und zugleich dem einzigen damals existierenden logenübergreifenden Hochgradsystem den Krieg zu erklären. Dies war das sogenannte 'Clermontsche System', das im Verlauf des Siebenjährigen Krieges durch französische Armeeangehörige nach Deutschland gelangt war und von Berlin aus operierte. Es bestand aus vier der symbolischen Maurerei aufgesetzten Hochgraden, deren höchster, der 'Chevalier Sublime' oder 'Ritter Gottes', in Jerusalem spielte, und in dem der Aufzunehmende "zur wahren innigen Vereinigung mit Gott" und zu einem sicheren "Platz im himmlischen Jerusalem" gelangen sollte. Die Mitglieder benutzten die lateinische Sprache, legten sich Ritternamen zu, beschäftigten sich mit Alchemie und 'bearbeiteten' Lehren religiös-mystischen Inhalts. Da dieses Clermontsche System keine überzeugende Legitimation aufweisen konnte, fiel es dem kühn auftrumpfenden Johnson zum Opfer, der dann versuchte, auch die Strikte Observanz auf seine Seite zu ziehen.

In Altenberge hatten sich mehr als 60 Delegierte deutscher Logen aus allen Teilen des Reiches versammelt, um den Schlagabtausch zwischen Johnson und Hund zu verfolgen. Dem Heermeister und seinen Begleitern gelang es nun, Johnson der Lüge zu überführen und die Nichtigkeit seiner Behauptungen zu beweisen. Mit einer Duellforderung seitens des Freiherrn, der sich Johnson nur durch Flucht entziehen konnte, endete diese Episode, die aber mit einem Schlag all die Fragen an die maurerische Öffentlichkeit gebracht hatte, mit denen diese sich in der Folgezeit beschäftigte. Bode urteilte: "Johnson war ein Mensch ohne andre Wissenschaft, als listige, schlaue Bemerkung der Schwachheiten der Menschen ... Johnson schaffte sich dadurch den ersten Eingang, daß er unverschämterweise vorgab: er sey von den wahren höchsten Oberen des Ordens abgeschickt, erst den Orden zu reformiren, und alsdann mit selbigem die geheimen Wissenschaften zu verbinden, zu deren geheimer Bearbeitung der Orden ursprünglich gestiftet worden. Indem er so die Neugierde spannte, versäumte er nicht, ein zweites Triebrad der menschlichen Seele, die Begierde, ohne Mühe, auf einem wunderbaren Wege, schnell zu großen Reichthümern zu gelangen, in Bewegung zu setzen, und sich, je nachdem er den Schüler vor sich hatte, leise oder laut, merken zu lassen, daß die gebenedeihte Alchemie, mit ihren Nebenzweigen, diese geheime Wissenschaft ausmache."

Der Siegeszug der Strikten Observanz: ihre Organisation und ihre Ideologie

Für die Strikte Observanz war Johnsons Entlarvung, der als Häftling auf der Wartburg endete, ein voller Erfolg, schlossen sich doch viele der in Altenberge vertretenen deutschen Logen nun dem Hund'schen System an, das zwei Jahre später, Anfang 1766, bereits 218 Mitglieder im sogenannten 'Inneren Orden' zählte.

Wie alle damaligen Hochgradsysteme bediente sich auch die Strikte Observanz der symbolischen Freimaurerei als Pflanzschule, deren Mitglieder nur bei besonderer Eignung weiter befördert wurden. Auf den Meistergrad der traditionellen Freimaurerei folgte hier ein sogenannter 'Schottengrad' französischer Herkunft. Die fünfte Stufe nannte sich 'Noviziat' und diente der Vorbereitung für die Aufnahme in den eigentlichen 'inneren Orden', bei der der Aufzunehmende - gekleidet in Helm und Harnisch, darüber einen Umhang in der Art des mittelalterlichen Templerordens und mit einem Degen bewaffnet - den 'Ritterschlag' erhielt. 1770 kam als siebenter und letzter Grad der 'Eques Professus' hinzu, der auf Grund seines christlich-katholischen Inhaltes der Strikten Observanz sogleich den Vorwurf einbrachte, jesuitisch unterwandert zu sein.

In ihrer ursprünglichen Gestalt bediente sich die Strikte Observanz der Templer-Legende und der Nachahmung besonders der Organisationsform dieses Ordens als Tarnung ihrer Projekte. Eines davon, "einen neuen und unabhängigen Staat zu stiften, wo kein einzelner Wille und keine unabhängige Ober-Gewalt herrschet", wurde zu einer der ersten Aufgaben Bodes als Schatzmeister. Durch die Beitragszahlungen der Mitglieder und die Gründung ordenseigener Unternehmungen sollten die Geldmittel aufgebracht werden, um in der Umgebung des russischen Saratov - vorher dachte man an Labrador - Ländereien zu erwerben und dort eine Kolonie des Ordens zu gründen. Der Plan scheiterte wenig später an der Uneinigkeit der Mitglieder und besonders an ihrem Unwillen, größere Geldmengen für Projekte zu opfern, die ihnen gegenüber geheim gehalten wurden. Das Vorhaben war für die damalige Zeit Hoch- und Staatsverrat: Abwerbung von Untertanen, Abzug von Geldern, Ablehnung der bestehenden Regierungsform und stattdessen die Absicht, sich auf eigenem Land mit eigener, demokratisch zu bildender Verfassung unabhängig zu machen, hätten weder die Reichsgewalt noch die einzelnen Fürsten gutheißen können. Erst nach dem Mißlingen dieses Projektes und beschleunigt durch die rasche Zunahme an Mitgliedern wurde die Strikte Observanz zu dem Verein der anachronistischen 'Ritterspiele', als den ihn schon die Zeitgenossen karikierten und kritisierten.

Nach dem Scheitern des Saratov-Projektes hatten sich Bode und mit ihm die Hamburger Mitglieder der Strikten Observanz von den Tätigkeiten des Ordens zurückgezogen. Erst die Auseinandersetzungen um das von Johann August Starck gegründete Klerikat sowie die Abspaltung Zinnendorfs gaben Bode erneuten Anlaß, sich in der Freimaurerei zu engagieren, nun allerdings in seinem eigenen Sinne: im Kampf des Rationalisten und Aufklärers gegen Obskuranten und Okkultisten, Magier und Mystiker, Verführer und Verdummer.

Starck und Zinnendorf

Johann August Starck war während eines Aufenthaltes in Rußland mit dem System des Grafen Melesino bekannt geworden, dessen höchster Grad 'Magnus Sacerdos Templariorum' oder auch 'Clericat' genannt wurde. Aus diesen Materialien wie aus kabbalistisch-magischen Überlieferungen und Schriften der älteren Rosenkreuzer entwickelte er sein eigenes Lehrgebäude, das er nun der Strikten Observanz mit dem Vorschlag einer Vereinigung der beiden 'Branchen' des Ordens anbot, nämlich der Strikten Observanz als 'militärischem' und dem Klerikat als 'geistlichem Arm' des Templerordens.

Starck behauptete, er kenne sowohl die 'unbekannten Oberen' als auch die 'wahren Geheimnisse' der Freimaurerei, und um diese angeblichen Kenntnisse zu erlangen, hatten die Führer der Strikten Observanz der Vereinigung mit dem Klerikat zugestimmt - mehr als ein Zeichen dafür, daß die nunmehr maßgeblichen Führer des Ordens die ursprünglichen Intentionen des Freiherrn von Hund nicht kannten bzw. nichts damit anzufangen wußten. Die Vereinigung kam auf dem Freimaurerkonvent von Kohlo 1772 zustande und wurde schon sechs Jahre später auf dem Konvent von Wolfenbüttel wieder aufgelöst, ohne der Freimaurerei bzw. der Strikten Observanz irgend etwas gebracht zu haben. Auch außerhalb der maurerischen Welt stand man Starck skeptisch gegenüber. Hamann etwa nannte ihn in einem Schreiben an Kant einen "römisch-apostolisch-katholischen Ketzer und Kryptojesuiten", und Kant selbst sah in Starcks freimaurerischen Bemühungen lediglich das Bestreben, "Chef der Maurerei" zu werden. Das Klerikat als eigenständiges freimaurerisches System wurde danach nur noch in Darmstadt, Starcks späterem Wohnort, bearbeitet, wo es sich bis ungefähr 1825 erhalten konnte.

Für Bode, der erst nach dem Konvent von Kohlo wieder tätig geworden war, bezeichnete diese Episode den Zeitpunkt, mit dem die Irrungen und Wirrungen, die die Freimaurerei bis weit in das folgende Jahrhundert begleiten sollten, recht eigentlich begonnen hatten. Das gleiche traf nach seiner Ansicht auch für Zinnendorf zu, dem aber ein weitaus größerer Erfolg beschieden war, denn seine Gründung existiert bis in die heutige Zeit fort. Zinnendorf war bis Mitte 1766 Chef der Strikten Observanz für Berlin und Brandenburg gewesen, trat dann aus dieser Vereinigung aus und gründete 1768 in Potsdam die Loge 'Minerva' nach der Schwedischen Lehrart. Gemäß einer damals weit verbreiteten freimaurerischen Legende sei die 'wahre' Freimaurerei von England bzw. Schottland aus über Italien und Rußland nach Schweden gelangt. Also hatte sich Zinnendorf mit der Großloge von Stockholm in Verbindung gesetzt und im Herbst 1766 - der Zeit seines Austritts aus der Strikten Observanz - Rituale und Instruktionen zur in Stockholm ausgeübten Lehrart erhalten. Dieses 'Schwedisch-Zinnendorfische System', das von ihm selbst und seinen engsten Mitarbeitern und dann von Nettelbladt überarbeitet und umgeformt wurde, stellte in seinen neun Graden einen christlichen Ritterorden dar, in dem sowohl die Templerlegende als auch aus dem Klerikat stammende Ideen ihren Platz fanden. Der englische freimaurerische Historiker Gould bezeichnete denn auch den an der Spitze dieses Systems stehenden sogenannten 'Vicarius Salomonis' als "a species of Protestant Pope"; die Schwedische Lehrart wäre demnach eher als christlich-gnostische Sekte denn als Freimaurerei zu betrachten. Die Gründung aber hatte Erfolg und wurde zur größten Konkurrenz der Strikten Observanz. Mehrere Versuche noch im 18. Jahrhundert, beide Systeme wieder zu vereinigen, blieben ergebnislos.

Zinnendorfs System hatte mit der Gründung der bis heute bestehenden Loge 'Zu den drei (goldenen) Rosen' 1768 auch in Hamburg Fuß fassen können, in der Zeit also, in der Bode untätig gewesen war. Nettelbladt liefert nun anläßlich seiner Darstellung dieser Vorgänge eine Beschreibung der Person und Tätigkeit Bodes, die hier folgen soll: "Es spricht sich in den vor uns liegenden Briefen des Bruders Bode und in der ganzen Unterhandlung mit ihm, überhaupt die Anmaassung und die Herrschsucht, welche in seinem Charakter, bei andern guten Eigenschaften, hervorstehend waren, sehr bestimmt aus. Bode hatte Geist und fühlte seine Einsicht und sein Uebergewicht seinen Ordensbrüdern gegenüber. Gewohnt, dass sie ihm blindlings folgten, sich bewusst, mit grosser Uneigennützigkeit zu wirken und sich zu heimlichen, schlechten Zwecken nicht gebrauchen zu lassen, glaubte er, Vertrauen fordern zu können, und sprach dies überall mit der ihm eigenen Derbheit aus. Es war ihm daher unerwartet und unerklärbar, dass unsere Brüder ihn nicht mit offenen Armen empfingen und nicht seine Ueberlegenheit anerkannten, und dadurch war seine Empfindlichkeit, die nur eines Anstosses bedurfte, um aufzubrausen, rege. Er wollte zeigen, was man mit seiner Zurückweisung verlöre, daher seine Drohungen, zu deren Ausführung er in gewisser Rücksicht der Mann war, die aber doch nicht in Erfüllung gingen, obwohl sie nicht ganz ohne Folgen blieben. Nächstdem hatte er damals die Logenarbeiten eine Zeitlang eingestellt, weil er gegen die Wahrheit seines Systems bedeutende Zweifel hegte, er hatte den Brüdern versichert, mit Nächstem vollständige Ueberzeugung in der Maurerei schaffen zu wollen, deshalb wurden die Schritte, von denen wir geredet haben, dringender, und er verdriesslicher, dass es ihm damit nicht gelingen wollte. Auf der andern Seite waren viele Mitglieder seiner Logen der bisherigen Weise überdrüssig; sie drängten sich zu unsern Logen, darum suchte er ihre Zuziehung zu hindern und ihr Urtheil zu entfernen. Von ihm sollten sie allein das Gute empfangen, ihm allein Aufklärung und Unterricht verdanken."

Die Strikte Observanz in Frankreich

Die Konvente von Braunschweig 1775 und Wolfenbüttel 1778 markierten weitere Wegmarken der Auseinandersetzungen in- und außerhalb der Strikten Observanz um Legitimation sowie Ziele und Zwecke des Ordens. Hunds Tod im November 1776 setzte der Vereinigung in ihrer bisherigen Form ein Ende. Besonders die Streitereien um seine Nachfolge im Amt des Heermeisters und um die Kompetenzen des erst 1772 zum Großmeister gewählten Herzogs Ferdinand von Braunschweig führten zum Niedergang, der schließlich die Übernahme der von Frankreich ausgehenden Reformen zur Folge hatte. Hier, in Frankreich, hatte die Strikte Observanz von 1773 an mehrere Logen gewinnen können. Lyon mit 37 und Straßburg mit 22 Mitgliedern im 'Inneren Orden' bildeten die Zentren, für die Hauptstadt Paris lassen sich lediglich sechs Personen nachweisen, die mit der Loge 'La Bienfaisance' unter dem 'Schottischen Direktorium' standen, wie die Strikte Observanz in Frankreich genannt wurde.

Auch in Frankreich existierten zu dieser Zeit mehrere miteinander im Wettstreit liegende Hochgradsysteme, allen gemeinsam war aber die ablehnende Haltung gegenüber der neuen, aus Deutschland stammenden Konkurrenz. Hauptgrund dafür war die Forderung nach Anerkennung des Heermeisters von Hund und des Großmeisters Herzog Ferdinand als Ordenschefs - die Großloge von Frankreich und später der Großorient sahen darin eine Verletzung des Souveränitätsanspruches der französischen Freimaurerei. So bearbeiteten lediglich sechs Logen das Hundsche System, aber von diesen ging - eingeleitet durch den Konvent von Lyon - die Reformbewegung aus, die 1782 von der gesamten Strikten Observanz übernommen werden sollte.

Die französische Freimaurerei kannte spätestens seit den vierziger Jahren ebenso wie die deutsche die Idee, die Vereinigung lasse sich auf die mittelalterlichen Templer zurückführen und die derzeitigen Bemühungen hätten das Ziel, diesen Ritterorden in aller Öffentlichkeit wiederherzustellen. Neben dieser Idee fand dann aber vor allem mystisches und okkultistisches Gedankengut Eingang in die französischen Logen; die ursprünglichen freimaurerischen Ziele der Gleichheit und Toleranz sowie das Bestreben, Moral und Tugend zu befördern, traten dabei mehr und mehr in den Hintergrund. Der französische Historiker LeForestier beispielsweise versieht die Freimaurerei dieser Epoche mit einem geradezu vernichtenden Urteil: "Wollte man versuchen, den vorherrschenden Charakter der französischen Freimaurerei im 18. Jahrhundert mit einem Wort zu bezeichnen, so würde nur eines in Frage kommen: Dilettantismus." Seiner Einschätzung zufolge hatte die Freimaurerei in Frankreich hauptsächlich spirituelle, und hier vor allem spezifisch christliche Inhalte, daher sei jegliche Spekulation, der Orden habe den Deismus befördert und den revolutionären Geist in die Politik eingeführt, aus den Dokumenten derjenigen Logen zu widerlegen, die dem templerischen Gedanken anhingen bzw. in der Freimaurerei einen modernen Ritterorden sahen - und diese bildeten die Mehrheit.

Die Richtigkeit dieser Behauptung zeigt sich an der Entwicklung gerade der Logen, die sich der Strikten Observanz angeschlossen hatten, wobei Lyon die Vorreiterrolle zukam. Ein Mann stand hier im Mittelpunkt der Bemühungen, dem Hundschen System eine völlig andere Gestalt zu geben: Jean Baptiste Willermoz. Eigenen Angaben zufolge war Willermoz bereits im Alter von 20 Jahren Freimaurer geworden. 1753 gründete er die Loge 'Parfaite Amitié' und bereits 1760 fungierte er als Großmeister. Nach mehreren enttäuschenden Versuchen mit verschiedenen höheren Graden und mit der Alchemie lernte Willermoz anläßlich eines Besuches in der Hauptstadt Martinez de Pasqually kennen, und dessen 'Orden der Elus Coëns' wurde ihm zum einzig richtigen spirituellen Weg in der Freimaurerei. Pasqually selbst war seit 1754 Freimaurer und hatte 1760 innerhalb der Loge 'Josué' in Foix seinen 'Temple des Elus Coëns' gegründet. Er führte diese Verbindung unter dem Titel eines 'Grand Souverain' und errichtete an Stelle einer eigenen Großloge ein sogenanntes 'Tribunal Souverain', dessen Mitglieder später mit der Bezeichnung 'S. I.', d. i. 'Supérieur Inconnu' auftraten. Der höchste Grad der 'Elus Coëns' nannte sich 'Réau Croix', hatte allerdings nichts mit den älteren Rosenkreuzern oder dem seit etwa 1765 von Deutschland aus arbeitenden neuen 'Orden der Gold- und Rosenkreuzer' zu tun.

In diesen Grad wurde Willermoz im März 1768 eingeführt. Er wurde sogleich eifriger Propagandist dieser Lehre. Grundlage von Pasquallys System bildete ein eigentümliches Verständnis der christlichen Überlieferungen, vermischt mit gnostischen Elementen und jüdischer Kabbalistik. Ziel der 'Operationen', zu denen Magie ebenso wie Geisterbeschwörungen gehörten, war, die getrennte Verbindung zwischen Mensch und Gott wiederherzustellen; die vollkommene 'Operatio' stellte dabei die Eucharistie dar. Zum Kreis der Männer um Pasqually zählte von 1771 an auch St. Martin, der eine zeitlang Privatsekretär Pasquallys gewesen war, und dessen Gedanken er mit seinem Buch 'Des Erreurs et de la Vérité' (1775) einem größeren Publikum bekannt machte. St. Martin war ebenfalls Freimaurer und bildete Pasquallys Lehre weiter aus. Unter dem Begriff des 'Martinisme' bzw. 'Illuminisme' - nicht zu verwechseln mit den deutschen Illuminaten! - wurden diese Bestrebungen, die nun Willermoz in die Logen einführte, zum Synonym der gegen-aufklärerischen Bewegung in Frankreich. Zu diesem Personenkreis war kurz vor dem Konvent auch Joseph de Maistre gestoßen, der in der Rückkehr zu mittelalterlichen Traditionen und Kultformen das Heilmittel für die durch die Aufklärung verwirrte Christenheit sah. Er war ebenfalls Freimaurer und verteidigte später die Freimaurerei gegen die Angriffe Barruels. De Maistre war ein christlicher Mystiker mit beträchtlichem Wirkungskreis; seine Position, die die Bestrebungen der Männer um Willermoz nun verstärkte, war der materialistischen und atheistischen Richtung der Aufklärung radikal entgegengesetzt.

Die Übernahme hermetischer Lehren in die französische Freimaurerei und der Konvent von Lyon 1778

Der Lyoner Konvent von 1778, der von den sechs zur Strikten Observanz zählenden französischen Logen ausgerichtet wurde, stellte das Sammelbecken der okkultistischen Kräfte des Landes dar. Die hier von diesen Logen angenommene Reform lenkte die freimaurerische Arbeit in spiritualistische, anti-rationalistische Bahnen, und der im Hundschen System noch zentrale Gedanke der Restauration des Templerordens mit den erwähnten politischen Implikationen wurde nur noch als Deckmantel gesehen. Für Willermoz galt das Christentum als die 'wahre Loge', was auch im Namen des reformierten Systems zum Ausdruck kam: die 'Chevaliers bienfaisants de la Cité Sainte' betrachteten sich als elitäre Gemeinschaft zur Vervollkommnung des Menschen durch die ursprüngliche und reine Form des Christentums - so wie sie selbst diese verstanden. Willermoz hatte die Lehren von Pasqually, St. Martin und de Maistre erfolgreich mit der Freimaurerei traditioneller Form vermengt, Hermetik und Theosophie, Magie und Alchemie wurden in diesem Gebäude ebenso gepflegt wie der katholischen Messe angelehnte Zeremonien, wobei die Christen der verschiedenen Konfessionen als 'Eingeweihte niederer Stufe' betrachtet wurden.

Der Konvent von Wilhelmsbad und das Ende der Strikten Observanz

Dieses Lehrsystem, mit dem eine Änderung der Grade und Rituale einherging, wurde 1782 auf dem Wilhelmsbader Konvent von den deutschen Logen der Strikten Observanz übernommen. Mit starker Unterstützung seitens der Ordenschefs Herzog Ferdinand von Braunschweig und Karl von Hessen hatte sich somit eine von mehreren Fraktionen des Ordens gegen alle anderen durchgesetzt. Die Folge davon war die Abspaltung einzelner Logen und ihre Rückkehr zur traditionellen englischen Lehrart, aber auch die Gründung des 'Eklektischen Bundes' und der Siegeszug des Illuminatenordens auf der einen wie der der Gold- und Rosenkreuzer auf der anderen Seite. In Frankreich hatte sich die auch 'Lyoner' oder 'Rektifiziertes Schottisches System' genannte Reform von Willermoz auf die Dauer nicht durchsetzen können; die französische Freimaurerei zeichnete sich vielmehr weiterhin durch eine Vielfalt miteinander scharf konkurrierender Hochgradsysteme aus. Lediglich einige deutsche Logen übernahmen diese Lehrart, hinzu kamen die unter der Leitung von Karl von Hessen stehenden Logen in den Herzogtümern Schleswig und Holstein sowie in Dänemark und die zur Strikten Observanz gehörigen Niederlassungen in der Schweiz, wo diese Lehrart bis ins zwanzigste Jahrhundert praktiziert wurde.

Der "Durst nach Mysterien, Magie und Gold" hatte in den meisten Logen des Kontinents Einzug gehalten. Befördert wurde diese Entwicklung besonders durch die Hochgrade mit ihren Vorspiegelungen von angeblichen 'geheimen Wissenschaften', dem 'wahren Geheimnis' der Freimaurerei und der Legende der 'unbekannten Oberen', wodurch die ursprünglichen Intentionen der Londoner Gründung von 1717 mehr und mehr in den Hintergrund geraten waren. In dieser Situation, die sich so vor allem seit dem Siebenjährigen Krieg herauskristallisiert hatte, traten nun Bestrebungen in- und außerhalb der Freimaurerei auf, den Dschungel zu durchforsten. Von freimaurerischer Seite her gesehen umfaßte diese Aufgabe zum einen die zunehmend mit historisch-wissenschaftlichen Methoden durchgeführte Untersuchung über die genaue Entstehung und die Vorgeschichte der Freimaurerei, zum andern bedeutete sie eine nunmehr vehement geführte Diskussion um die Ziele und Zwecke der Vereinigung jetzt und in der Zukunft. Und von außerhalb betraten Verbindungen das Spielfeld, die sich zwar nach Art der Freimaurer organisierten, aber vollständig eigenen Ursprungs waren und nun versuchten, die Logen für ihre eigenen Zwecke zu benutzen.

Bode war an beiden Entwicklungslinien maßgeblich beteiligt. Sein schon erwähnter 'Almanach oder Taschen-Buch für die Brüder Freymäurer der vereinigten deutschen Logen', der von 1776-79 erschienen war, hatte sich zum Ziel gesetzt, ein Kommunikations- und Diskussionsforum für die Mitglieder der Strikten Observanz zu schaffen. Beiträge zur Geschichte des Ordens sowie zu Symbolik und Ritualistik sollten bei den Mitgliedern ein kritischeres Bewußtsein erwecken, und die Bekanntmachung der jeweiligen Logen mit ihrem führenden Personal sollte das bislang geübte Versteckspiel aufweichen, um schließlich "den Souverainitätsdrachen aus dem Ordens Himmel zu stoßen". Der blinde Gehorsam der Mitglieder gegenüber der nach wie vor geheim gehaltenen Führung des Ordens sollte abgeschafft, die Geheimniskrämerei um 'geheime Wissenschaften' bzw. die 'wahre' Freimaurerei beendet werden; die Organisationsstruktur des Ordens sollte demokratisiert werden, um in einer solchen, neuen Form schließlich an die Öffentlichkeit zu treten und die allmähliche Demokratisierung von Staat und Gesellschaft zu befördern.

Viele Mitglieder der Strikten Observanz teilten diese Gedanken und versuchten, den Orden auf den Konventen seit 1772 in diese Richtung zu bewegen. Mit der Übernahme des Lyoner Systems in Wilhelmsbad sahen sich diese Kräfte enttäuscht. Einige zogen sich ganz von der Freimaurerei zurück, andere wandten sich wieder der in vielen Logen immer noch praktizierten traditionellen englischen Lehrart zu, die aktiveren, dem Programm der Aufklärung verpflichteten hingegen, zu denen Bode zählte, traten dem Illuminatenorden bei.

Wie die Gold- und Rosenkreuzer, die Asiatischen Brüder oder die Deutsche Union gehörten die Illuminaten zu den geheimen Gesellschaften, die sich zwar deutlich an die Freimaurerei anlehnten, aber neben ihr oder in scharfer Abgrenzung und Konkurrenz zu ihr operierten. Die genannten vier Verbindungen, die im Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts äußerst rührig waren, kannten ebenso wie die Freimaurerei das Prinzip der Geheimhaltung, hatten eine Einteilung in Grade oder Stufen mit zumeist wesentlich strafferer Hierarchie, verwendeten Decknamen, Geheimschriften und eine eigene 'Ordensgeographie' nebst eigener Zeitrechnung und - benutzten die Freimaurerlogen als ihr wichtigstes Rekrutierungsfeld. Während die Gold- und Rosenkreuzer und die Asiatischen Brüder ein mystisch-okkultistisch verbrämtes Christentum, verbunden mit Alchemie, Magie und Geisterbeschwörungen praktizierten, stellten Illuminaten und Deutsche Union das Sammelbecken der aufklärerisch-rationalistisch gesinnten Männer dar, die mittels dieser Vereinigungen Einfluß auf Staat, Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft zu gewinnen suchten - mehr, als dies die traditionelle Freimaurerei und die aus ihr hervorgegangenen verschiedenen Hochgradsysteme je beabsichtigt hatten.

Bode nun war den Illuminaten unmittelbar im Anschluß an den Wilhelmsbader Konvent beigetreten, angeworben hatte ihn der Freiherr von Knigge. Zu diesem Zeitpunkt war die von Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründete Vereinigung gerade sechs Jahre alt und noch nicht besonders weit über die Grenzen Bayerns hinaus vorgedrungen. Knigges Werbeaktion innerhalb der Freimaurerei und besonders der Strikten Observanz und in der Folge Bodes eigene Bemühungen um neue Mitglieder machten den Orden dann zur größten nicht originär freimaurerischen Geheimgesellschaft dieser Zeit.

Das System des Illuminatenordens

Weishaupts Intention bei der Gründung des Bundes war es, junge Männer in einer sogenannten 'geheimen Weisheitsschule' auf eine solche Art zu bilden und zu formen, daß diese später in ihrer jeweiligen beruflichen und gesellschaftlichen Tätigkeit zur Verbreitung der Aufklärung im Sinne des Ordens beitrugen. Die Idee des 'langen Marsches durch die Institutionen' wurde hier entdeckt und zum erstenmale praktiziert. Gleichermaßen stellte das Projekt Weishaupts den Versuch dar, eine aus prinzipiellen philosophischen Überlegungen gewonnene Staats- und Gesellschaftstheorie für die Praxis wirksam zu machen. Die Bestrebungen des Illuminatenordens gingen hier wesentlich weiter und auch tiefer als die der Strikten Observanz. Wollte der Freiherr von Hund ursprünglich die Utopie eines neuen, unabhängigen Adels-Staates mit prä-demokratischen Grundformen verwirklichen (somit einen zunächst rechts-freien Raum erschaffen und ihm danach eine Verfassung geben), so beabsichtigte Weishaupt die Unterwanderung und Revolutionierung der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung (die bestehende Verfassung von Gesellschaft, Staat und Kirche an ihrer Wurzel packen und diese - bildlich gesprochen - ausgraben und trockenlegen). Die prinzipielle philosophische Position, die in den Graden, Ritualen und Instruktionen der Illuminaten zum Ausdruck kam und mittels des Ordens in politisches und gesellschaftliches Handeln umgesetzt werden sollte, war ein radikaler, atheistischer Materialismus im Anklang an die französischen Aufklärer Condillac, Helvétius und Holbach. Weishaupt führte seine Gedanken in den hier im Anhang erstmals veröffentlichten 'Höheren Mysterien' aus, die den Abschluß des Illuminatensystems bildeten. Entstanden um 1783, stellten diese beiden Dokumente einerseits die Kritik besonders an der 'Transzendentalen Ästhetik' in Kants 'Kritik der reinen Vernunft' dar, andrerseits den Versuch, auf materialistisch-empiristischer Grundlage eine Geschichtsphilosophie zu entwickeln, die das praktische Moment zum Eingriff in die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten einschloß. Neben die radikale Leugnung von Autorität sowie Legitimation der überkommenen gesellschaftlichen (Stände), staatlichen (Absolutismus) und religiösen (Kirchen) Ordnung stellte Weishaupt sein Konzept einer sich dynamisch entwickelnden Geschichte hin zum urdemokratisch-patriarchalisch verfaßten und aufgeklärten 'Vernunftstaat', wobei dieser Prozeß nun ausschließlich als Werk des Menschen und nicht mehr als göttlicher Weltplan begriffen werden sollte. Mit der Einbeziehung der wirtschaftlichen Verhältnisse schließlich zeigte sich Weishaupts Theorie als umfassender Plan zur gesellschaftlichen, politischen und sozialen Neuordnung: die vorherrschende wirtschaftliche Ungleichheit wurde als Hindernis für die Entwicklung geistiger und sittlicher Autonomie betrachtet, als Synonym für den Despotismus im Alltag - ein Gedanke, der dann in Fichtes Staats- und Rechtslehre zentral wurde. Diesen Despotismus wie den der Fürsten und des Klerus zu überwinden, stellte hier nur noch ein - wenngleich notwendiges - Moment in der geschichtlichen Gesamtlinie dar. Die Auflösung, ja Zerschlagung der überkommenen Ordnung wurde in diesem Gedankengebäude bewußt als eine von mehreren Lösungsmöglichkeiten in Kauf genommen.

Weishaupts Überlegungen waren nun keineswegs ungewöhnlich, sieht man auf die Theoriebildung in der Philosophie sowie der Staats- und Gesellschaftswissenschaft zwischen 1750 und 1800; neu war dagegen der konkrete Versuch, auf theoretischem Wege gewonnene Erkenntnisse mittels einer im Geheimen arbeitenden Verbindung in die Praxis umzusetzen: der Illuminatenorden und das von ihm angewandte, später 'Kaderprinzip' genannte Führungs- und Organisationsschema wurden zum Vorbild der dann im 19. Jahrhundert entstandenen politischen Untergrundbewegungen von den Carbonari über die Dekabristen bis hin zum Ku-Klux-Klan mit Auswirkungen bis in unsere Zeit: 'Rote Zellen' wie auch rechtsextremistische Gruppierungen verwenden das gleiche Muster zur Geheimhaltung. Bei diesem Organisationsmodell kannte jedes Mitglied jeweils nur den unter einem Decknamen operierenden direkten Vorgesetzten sowie höchstens bis zu fünf gleichrangige Personen, über Mitglieder höherer Stufen sowie die Organisation des Ordens hatte es keinen Überblick. Mit 'Quibus licet' genannten monatlichen Berichten mußten die Illuminaten nicht nur regelmäßig über ihre eigenen Fortschritte im Orden berichten, sondern auch angeben, was ihnen bei anderen Mitgliedern wie auch bei ihrem Vorgesetzten positiv und negativ auffiel: Weishaupt installierte dieserart im Orden ein nahezu lückenloses System gegenseitigen Ausspionierens und somit der denkbar wirkungsvollsten gegenseitigen Kontrolle und Disziplinierung. Diese Informationen gelangten über die Provinzoberen, die je nach Rang die Berichte lesen durften oder sie aber verschlossen weiterreichen mußten, an Weishaupt und den 'Areopag' des Ordens, einem Anfang 1779 eingerichteten Gremium, dem nur die höchsten Mitglieder angehörten. Nur diese Gruppe hatte also den völligen Überblick sowohl über die Organisationsstruktur des Ordens wie über die Zusammensetzung der Mitgliederschaft und - was wesentlich schwerer wog - die persönlichen Eigenschaften der einzelnen Illuminaten. Bode als ranghoher und bekannter Freimaurer blieb anfangs von dieser Praxis ebensowenig verschont, wie die in der Folge aufgenommenen fürstlichen Mitglieder.

Der Aufstieg in der Hierarchie des Ordens geschah über drei Stufen oder Klassen. Auf das 'Noviziat' folgte der Grad des 'Minervalen', danach kam der sogenannte 'Kleine Illuminat' oder 'Illuminatus minor'. Diese drei Grade stellten die 'Vorbereitungsklasse' des Illuminatenordens dar, in der die zumeist noch sehr jungen Mitglieder im Sinne von Weishaupts 'geheimer Weisheitsschule' gebildet und geformt wurden. Die Ausweitung des Ordens über Bayern hinaus und in die Reihen der Freimaurerei hinein, die seit 1780 erfolgte, machte es notwendig, die Freimaurerei als eigene, zweite Klasse in das System aufzunehmen. In dieser Klasse folgten nun auf die drei traditionellen Freimaurergrade des Lehrlings, Gesellen und Meisters die Illuminatengrade des 'Großen Illuminaten' oder 'Illuminatus maior', auch 'Schottischer Novize' genannt, und der 'Dirigierende Illuminat' oder 'Illuminatus dirigens', auch 'Schottischer Ritter' genannt. Die dritte und letzte Stufe von Weishaupts System war die 'Mysterienklasse', unterteilt in die 'kleinen' und 'großen Mysterien'. Die kleinen Mysterien bestanden aus den beiden Graden des 'Priesters' oder 'Presbyters' und des 'Regenten' oder Prinzeps'; die großen Mysterien wurden aus den beiden Graden des 'Magus' oder 'Philosophus' und des 'Rex' oder 'Doceten' gebildet.

Der Aufstieg durch die Grade wurde von den Verantwortlichen ab der Stufe des 'Regenten' und besonders von Weishaupt selbst streng kontrolliert. Möglich war dies zum einen durch die Praxis der 'Quibus licet', zum anderen durch die Auswertung der schriftlichen Arbeiten, die die Mitglieder in den Versammlungen vorlegen mußten. Hinzu kam ein von Weishaupt ausgearbeiteter Fragebogen, der von Stufe zu Stufe variierte, und aus dessen Beantwortung der 'General' genau ersehen konnte, ob der Prüfling für eine weitere Beförderung im Orden geeignet war. War dies nicht der Fall, so wurde das betreffende Mitglied spätestens auf der Stufe des 'Illuminatus major' stillgestellt; indem man behauptete, der von diesem Mann erreichte Grad sei der höchste des Systems überhaupt, konnte man die weiteren Stufen geheimhalten.

Dieses von den Gegnern als für Gesellschaft, Staat und Kirche gleichermaßen gefährlich angesehene Organisationsschema sowie die Radikalität von Weishaupts Gesamtkonzept bildeten die gewichtigsten Punkte der Kritik, die nach 1789 im Wirken der Illuminaten und vor allem Bodes die Hauptursachen der französischen Revolution sahen. Aber gerade Bode erkannte bald die größte Gefahr, die in Weishaupts System lag.

Stütze man sich zur Grundlegung des Ganzen auf "spekulative Philosophie", wie sie in den 'Höheren Mysterien' geboten werde, so sei zu erwarten, daß daraus eine Art Religion entstehe. Man muß hinzufügen: eine nicht zu Ende reflektierende Philosophie liefert genau diese Ergebnisse. Die Französische Revolution brachte in ihrer radikalen Phase seit den Septembermorden mit der Abschaffung des christlichen Kalenders, dem Verbot des christlichen Gottesdienstes und schließlich Robespierres 'Kult der Vernunft' noch zu Bodes Lebzeiten die Bestätigung dieser Befürchtung.

Bodes Beitritt zum Illuminatenorden

Bodes Aufnahme durch Knigge folgte rasch die Beförderung in die höheren Grade des Ordens, seine illuminatischen Decknamen lauteten 'Winefried' bzw. 'Aemilius', und als höherer Ordenschef unterzeichnete er schon vor dem Ausscheiden Weishaupts mit 'Basilius', d.i. dem Namen, der unter den Antworten auf die 'Quibus licet' stand, den sogenannten 'Reprochenzetteln'. Bereits ein Jahr nach seinem Eintritt war Bode mit dem Ordensgründer Weishaupt in Kontakt und erhielt von diesem die soeben ausgearbeiteten 'Höheren Mysterien'; und von Beginn des Jahres 1784 an versah er das Amt eines Provinzoberen für Obersachsen einschließlich Berlin und Brandenburg. Knigge hatte Weishaupt ausführlich über das neue Mitglied informiert: "Hier habe ich den beliebten Schriftsteller B-- (Uebersetzer der empfindsamen Reisen des Tristram Schandy ... und verschiedener andrer Bücher <)> angeworben. Er wohnt jetzt in Weimar, war als Deputierter auf dem Convente, und ist das Fac totum der stricten Observanz ... Folgendes redet für ihn. Er ist ein Mann von Jahren, ein feiner Kopf, fleißiger Forscher; die stricte Observanz hat ihm einen großen Theil des wenigen Guten, so sie hatte, zu danken. Er hat einen offenherzigen Charakter ohne Verstellung, sucht Wahrheit, und ist kein Schwärmer, klebt an keinem andern Systeme, hat Vermögen genug, um nicht aus Interesse zu handeln. Gegen ihn ist folgendes: Er mag gern eine Hauptperson vorstellen. Er ist etwas stürmisch und heftig. Er wird nicht lange im Dunkeln geführt seyn wollen. Er liebt das Wohlleben, doch ohne unmäßig zu seyn. Er sieht es gern, daß ihm die Fürsten schmeicheln." Schon im Gespräch mit Knigge hatte sich Bode gegen etwaige 'unbekannte Obere', 'Despotismus' und 'Jesuiterei' in der neuen Verbindung gewandt und seine Mitarbeit davon abhängig gemacht, "daß nichts Gefährliches für die Menschheit, kein Pfaffen- und Dummheits-Regiment dahinter stecke. Geheimnisse wolle er nicht haben". Und Weishaupt, der es bis zu diesem Zeitpunkt gewohnt war, den von ihm gegründeten Orden geradezu selbstherrlich und alleinverantwortlich zu führen, bekam schon in einem der ersten Schreiben Bodes einen Eindruck von den Absichten dieses Mannes, denn dieser forderte die Einrichtung einer Nationaldirektion des Ordens mit demokratischen Strukturen - Weishaupts Führungsanspruch war seit den Auseinandersetzungen um die Einrichtung des 'Areopags' 1779 noch nie so stark angegriffen worden, und er war gar nicht froh über dieses neue Mitglied: die Forderung nach einer auf demokratischen Prinzipien beruhenden Leitung durch die Mitglieder ab der Regentenklasse hätte Bayern zur bloßen Provinz neben den anderen gemacht - und damit Weishaupt deutlich deklassiert. Bodes Vorschlag machte sich dann später Knigge zu eigen, worüber es zu seinem Bruch mit Weishaupt kam. Auch Stolberg-Rossla, Nationaloberer der Illuminaten, mit dem Bode Fühlung aufgenommen hatte, und der Gothaer Herzog Ernst unterstützten diesen Weg. Herzog Ernst betrachtete den Illuminatenorden, dem er 1783 beigetreten war, geradezu als Vehikel, die jedem Menschen angeborenen Freiheitsrechte nun in der Gesellschaft durchzusetzen. Weishaupts Konzept war auf eine Mannschaft gestoßen, die mit der Theorie Ernst machen und damit sogleich in der eigenen Verbindung anfangen wollte.

Goethe, Herder und Karl August von Weimar werden Illuminaten

Bode hatte sich Anfang 1784 von der Tätigkeit für die Strikte Observanz völlig zurückgezogen und arbeitete nun nur noch für die Illuminaten. Unter seiner Leitung entstanden in Weimar, Gotha, Jena, Rudolstadt, Buttstädt, Erfurt, Meiningen, Dresden, Leipzig und Berlin sowie in Hamburg, Bremen, Lübeck, Altona und Stade Niederlassungen des Illuminatenordens, deren Mitglieder zumeist auch der Freimaurerei angehörten und deren führende Köpfe ihm in der Regel schon lange Jahre persönlich verbunden waren. In Weimar, Zentrum der deutschen Klassik, wurde der regierende Herzog Karl August 'Superior' der illuminatischen 'Minervalkirche', Goethe versah das Amt des 'Censors', Herder wurde 'Dekan'. Neben diesen, den prominentesten, Mitgliedern in Weimar zählten zu den Personen, die von Bode angeworben worden waren, die Regierungsmitglieder Fritsch, Schardt und Voight, der Bildhauer Klauer, der Dichter Musäus und der berühmte Arzt Christoph Wilhelm Hufeland.

Zentrum der illuminatischen Tätigkeit in Ober- und Niedersachsen war allerdings Gotha mit dem Herzog Ernst an der Spitze; mit ihm sowie den führenden Mitgliedern Christian Georg von Helmolt, Rudolf Zacharias Becker und Heinrich Christian Wehmeyer koordinierte Bode die Arbeiten des Bundes in den ihm übertragenen Gebieten. Eine weitere wichtige Niederlassung des Ordens war Erfurt. Hier entstand zunächst eine 'Minervalkirche', und 1786 wurde - einmalig in der Geschichte der Freimaurerei - die Loge 'Karl zu den drei Rädern' mit Konstitutionspatent der Illuminatenchefs von Gotha gegründet. Der führende Mann in Erfurt war dabei Karl Theodor von Dalberg, damals Statthalter des Mainzer Kurfürsten, zu dessen Ländereien die Stadt gehörte. Die Universitätsstadt Jena hatte mit dem Philosophen Karl Leonhard Reinhold ihr bekanntestes Mitglied; Reinhold hatte seit seiner Flucht aus Wien zuerst in Weimar gelebt und arbeitete dort an Wielands 'Teutschem Merkur' mit. Bode erkannte rasch das Potential dieses Mannes, der 1787 beim Antritt seiner Professur in Jena auch das Amt des dortigen Lokaloberen übernahm, und zog ihn bei seinen freimaurerischen und illuminatischen Aktivitäten ins Vertrauen. In Meiningen konnten Herzog Ernst und Bode als Leiter der Verbindung auf erprobte und zuverlässige Mitarbeiter bauen. Die führenden Illuminaten Ludwig Karl von Bibra und Franz Christian von Dürckheim waren Bode aus der Strikten Observanz gut bekannt, Dürckheim war außerdem als einer der Oberen der Straßburger Ordensfiliale der Strikten Observanz ein wichtiger Verbindungsmann nach Frankreich. Berlin als publizistisches Zentrum der deutschen Aufklärung hatte mit den Schriftstellern Friedrich Nicolai, Friedrich Gedike und Johann Erich Biester sowie dem Staatswissenschaftler Christian Konrad Dohm Mitglieder mit einem beträchtlichem Wirkungskreis. Die Messestadt Leipzig schließlich bildete als Treffpunkt der 'gelehrten Gesellschaft' während der Messen eine 'Informationsdrehscheibe' allerersten Ranges. Freimaurer aller Systeme trafen sich hier außerhalb der Logen zu informellen Gesprächen, und auch Bode nutzte die Möglichkeit, in diesem Rahmen einer 'ambulanten Loge' Mitglieder für die Illuminaten zu gewinnen. Wichtigster Mann in Leipzig war der Oberpostkommissar August Gottlob Dörrien, dessen Amt in Zeiten kaum verdeckter Zensur gerade auch der Postsendungen für eine im Geheimen operierende Gesellschaft von nicht zu überschätzender Bedeutung war.

Die Ordensniederlassungen in den Hansestädten konnte Bode durch seine langjährigen Beziehungen in diesen Gegenden leicht mit zuverlässigen Männern besetzen. Hamburg etwa hatte mit Friedrich Ludwig Schröder und Georg Heinrich Sieveking herausragende freimaurerische Persönlichkeiten aufzuweisen, und Altona, Stade und Lübeck bildeten die Verbindungsglieder nach Kopenhagen, wo Bodes Freund und Vertrauter Friedrich Münter wirkte. Münter war es auch gewesen, der in Neapel und Rom für die Illuminaten geworben hatte. Auf einer Studienreise legte er in Absprache mit der Gothaer Ordensleitung in Neapel eine Minervalkirche an, zu der die dortigen Freimaurer Mastelloni, Pagano und Tommasi gehörten. "Ihr Unternehmen, bester Bruder, eine Colonie edler, und aufgeklärter Männer in dem Hauptsitz der Dummheit und des Aberglaubens zu pflanzen, ist groß, und eines I<lluminate>n würdig," schrieb ihm dazu Constantin di Costanzo, ein enger Mitarbeiter Weishaupts, der nach seiner Exilierung aus München weiterhin sein Amt als Chef der italienischen Illuminaten versah. Münter hatte in einem römischen Kardinalspalast Loge gehalten und für die Illuminaten geworben, die zu diesen Zeitpunkt in Bayern schon von der Regierung verfolgt waren. Nach seiner Rückkehr nach Kopenhagen übernahm er die Leitung der dortigen 'Minervalkirche', zu der auch der dänische Nationaldichter Baggesen zählte.

Knigge hatte mit der Anwerbung kurländischer Studenten die Ausweitung des Ordens nach Rußland begonnen. Bode nun wurde durch seine freimaurerischen und privaten Beziehungen in Mitau ein wichtiger Verbindungsmann des Ordens nach St. Petersburg, wo bis Anfang 1788 eine aktive Minervalkirche unter der Leitung des Staatsrates und Professors Johann Boeber bestand. Alle diese Verbindungen, die Bode als ehemaliger hoher Funktionär der Strikten Observanz und dann als Ordensoberer der Illuminaten knüpfen konnte, bekamen im Zusammenhang mit seiner Paris-Reise neue Bedeutung. Eine solche Reise hatte er bereits 1784 erwogen, aber durch seine intensive Tätigkeit für die Illuminaten sowie wegen Geldmangels kam es erst im Jahre 1787 dazu.

Projekte zur Vereinigung von Illuminatenorden und Freimaurerei

Zunächst aber, d.i. nach seinem Beitritt zum Illuminatenorden, bemühte sich der 'Procurator generalis' der Strikten Observanz um die Vereinigung der beiden größten und wichtigsten freimaurerischen Hochgradsysteme Deutschlands, des Zinnendorfischen Systems und seiner eigenen Verbindung, der Strikten Observanz, ein Anliegen, das gerade auch erklärte Absicht des Wilhelmsbader Konventes gewesen war. Karl von Hessen hatte im Anschluß an den Konvent sämtliche Logen der Strikten Observanz nach ihrer Bereitschaft zu einer solchen Vereinigung gefragt. Schon im Oktober lag das Ergebnis vor: von 63 befragten Logen stimmten 42 zu, nun mußte man in Verhandlungen mit den Führern des Schwedisch-Zinnendorfischen Systems eintreten. Zu diesem Zwecke sollte Herzog Ernst, der diesem System angehörte, die Protokolle mit dem Konventsschluß, die Großmeister-Kapitulation, Rituale der ersten drei Grade, die 'Freimaurerregeln' sowie einen Überblick über die Legislation der Strikten Observanz nach Berlin weiterleiten. Verhandlungsführer seitens der Strikten Observanz waren hierbei Herzog Ferdinand als Großmeister, der Ordenssekretär Johann Friedrich Schwartz und Bode; Herzog Ernst sollte nun die Verbindung zu den Zinnendorfern aufnehmen.

Zinnendorfs Tod 1782 hatte bei vielen Mitgliedern der Strikten Observanz die Hoffnung keimen lassen, nun sei eine solche Vereinigung möglich. Auch Falcke, wichtiger Mann der Verbindung in Hannover und zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied der Illuminaten, äußerte sich in dieser Richtung, allerdings ohne Wissen um die weiteren Pläne Knigges und Bodes. Diese hatten in einem Zusatzprotokoll anläßlich Bodes Aufnahme vereinbart, nun ihrerseits die Strikte Observanz mit den Illuminaten zu vereinigen, wobei der Illuminatenorden die Führung über das größte deutsche Hochgradsystem bekommen sollte. Zu diesem Zwecke sei es notwendig, die wichtigsten führenden Köpfe der Strikten Observanz zu Illuminaten zu machen - ohne ihnen aber weitergehende Befugnisse zu überantworten. In der Folge wurden Ferdinand von Braunschweig und Karl von Hessen, die Führer der Strikten Observanz, in den Illuminatenorden aufgenommen, aber unter Aufsicht, um nicht zu sagen Kontrolle, von Karl August von Hardenberg gestellt, der die Geschäfte der Illuminaten in Niedersachsen führte. Bode erhoffte sich von einer Verbindung der Illuminaten mit der Strikten Observanz bessere Möglichkeiten, die zunehmenden mystisch-okkultistischen Tendenzen innerhalb der Freimaurerei bekämpfen zu können. Die Übernahme fürstlicher Personen in höhere Ränge des Illuminatenordens machte so durchaus einen Sinn, da es erklärtes Ziel war, auf solche Mitglieder mittels des Ordens Einfluß zu nehmen bzw. sie für die eigenen Zwecke zu benutzen.

Die Bemühungen, die Illuminaten mit der Strikten Observanz bzw. den Zinnendorfern zu vereinigen, kamen aber schon ein Jahr später zum Erliegen. Die beiden freimaurerischen Systeme beharrten auf ihren eigenen Regeln und Gebräuchen, so daß eine Verbindung wohl auch auf Dauer unmöglich gewesen wäre. Und im November 1783 meldete der ständige Sekretär der Strikten Observanz, Schwartz, das Gebäude dieser Hochgradorganisation sei am Einstürzen, da jede Niederlassung nach eigenem Gutdünken handele, niemand mehr Beiträge bezahle und das Direktorium selbst ein "Non ens" sei. Schwartz sah nun sein Haupttätigkeitsgebiet bei den Illuminaten, was ihn aber nicht davon abhielt, später auch den Asiatischen Brüdern beizutreten. Mit dieser Wendung, die auch Herzog Ferdinand vollzog, bestätigten sich die Befürchtungen der 'Aufklärer' innerhalb der Freimaurerei, denn die Strikte Observanz, d.h. die 'Wohltätigen Ritter der heiligen Stadt', wie sie seit Wilhelmsbad offiziell hieß, glitt mehr und mehr in den Mystizismus ab. Eine den Gedanken der Aufklärung verpflichtete Reform der Freimaurerei bzw. eine Vereinigung mit den Illuminaten kam mit diesen Kräften nicht mehr in Frage. Das Projekt wurde folglich fallen gelassen, bis 1790 an seine Stelle der von der Gothaer Loge ausgehende, eigenständige Versuch gestartet wurde, sämtliche deutschen 'symbolischen' Logen zu einem 'Bund der deutschen Freimaurerei' zu vereinigen. Die Vereinigung von Strikter Observanz und Illuminaten kam gleichwohl auf indirektem Wege zustande, wie die vielen Doppelmitgliedschaften zeigen. Im Einzelfall kann daher oft nicht unterschieden werden, ob die jeweilige Person in ihrer Eigenschaft als Illuminat oder Mitglied des Inneren Ordens der Strikten Observanz auftrat. Hatte die Strikte Observanz auf ihrem Höhepunkt gut 1400 namentlich bekannte Mitglieder, so stand der Illuminatenorden ihr darin nicht nach. Die Auswertung der vorhandenen Listen und sonstiger Überlieferungen ergibt mehr als 1250 Mitglieder, zu denen nochmals über 140 Personen kommen, die bislang noch nicht genau identifizirt werden konnten.

Der Beitritt regierender Fürsten zu den Illuminaten führte für diese angesichts der Radikalität von Weishaupts Sytem zu einem Zwiespalt - hie Fürst mit Verantwortung gegenüber dem Staat, da Illuminat und Gegner der überkommenen Ordnung. "Als Fürst stößt er mir vor den Kopf - als Mensch gewinnt er aber ganz mein Herz", schrieb Herzog Ernst, als er die 'Höheren Mysterien' Weishaupts gelesen hatte. Als Fürst müsse er sich gegen den Orden und seine weitere Ausbreitung wenden, als Mensch finde er aber die Äußerungen des Ordensgründers für wahr und richtig. Ungeachtet seines Ranges als regierender Landesherr teilte er das Programm des Ordens, das längerfristig gerade die Abschaffung der Fürstenherrschaft bewirken sollte. Das gleiche traf für den regierenden Grafen Stolberg-Rossla zu, ebenso für Friedrich Christian von Schleswig und Holstein, Friedrich von Hessen-Homburg, Ludwig von Hessen-Darmstadt, wie auch für Karl Theodor von Dalberg. Karl August von Weimar bildete freilich die Ausnahme, sieht man auf seine wie auch Goethes schon in den achtziger Jahren erkennbare konservative Gesinnung. Aber Karl August war ebensowenig in die umfassenderen Planungen und Vorhaben von Weishaupt, Knigge und Bode eingeweiht, wie Karl von Hessen und Ferdinand von Braunschweig.

Die beiden letzteren sind ein gutes Beispiel für die Taktik des Ordens im Umgang mit 'fürstlichen' Mitgliedern: da sie gerade nicht über nähere Kenntnisse bezüglich der Organisations- und der Mitgliederstruktur verfügten, sei es ratsam, ihnen höhere Ordensämter zu verleihen - damit sie nicht auf dumme Gedanken kämen, könnte man Bodes Ausführungen in einem Schreiben an Herzog Ernst interpretieren. Die Führungsriege des Ordens unterschied also sehr wohl zwischen solchen Personen fürstlichen Standes, die mit der Ideologie der Vereinigung übereinstimmten, und solchen, bei denen dies zumindest fraglich war. In diese Gruppe gehörten neben Karl und Ferdinand mit ihren mystisch-theosophischen Tendenzen eben auch Karl August von Weimar, dem Bode und Ernst ebenso wie seinem Minister Goethe von Anfang an mißtrauten. Folglich bekamen so eingeschätzte Mitglieder zwar höhere Ämter mit wohlklingenden Titeln - man überlegte sogar, eigens für Karl von Hessen die zu Dänemark gehörigen Länder zu einer selbständigen 'Nation' innerhalb der Ordenshierarchie zu erklären, und Karl August wurde rasch zum Chef der geplanten Minervalkirche ernannt -, man beschäftigte sie aber in der Hauptsache mit rein repräsentativen und organisatorischen Aufgaben. Seien sie dazu nicht willens, müsse man sie aus dem Orden entfernen.

Wesentlich weiter und tiefgreifender als der 'Streit um die fürstlichen Mitglieder' ging die Frage um die rechtliche Stellung von geheimen Gesellschaften. Auch hier zeigt ein weiteres Stück aus der Korrespondenz Bodes mit Herzog Ernst, daß man sich der Problematik durchaus bewußt war. Der Orden sei als eine freie Gründung freier Männer nicht unter die positiven Gesetze des Staates zu zwingen, schrieb Bode; folglich müsse man dafür sorgen, daß die Ordensoberen unter dem Gesetz stehen, und das sei am besten dadurch zu erreichen, daß führende Repräsentanten des Staates - also Fürsten - auch führende Funktionen im Orden übernähmen. Abgesehen von der durchaus anfechtbaren Behauptung der grundsätzlichen Autonomie einer frei gegründeten Gesellschaft - immerhin findet eine solche Gründung nie in einem rechtsfreien Raum, sondern immer innerhalb einer gesellschaftlich oder staatlich vorgegebenen Ordnung statt - stellt diese Aussage Bodes indirekt das Eingeständnis dar, eine geheime Gesellschaft vom Zuschnitt der Illuminaten bilde einen 'Staat im Staate'. Kein Vorwurf konnte im Zeitalter des Absolutismus härter treffen, und gegenüber der Freimaurerei war er erstmals 1764 erhoben worden. Goethe hatte später, 1807, die Position der Staatsmacht dargelegt: "Die Freimaurerei macht durchaus statum in statu. Wo sie einmal eingeführt ist, wird das Gouvernement sie zu beherrschen und unschädlich zu machen suchen. Sie einzuführen, wo sie nicht war, ist niemals rätlich." Bode war sich des wackeligen Standorts seiner Organisation also bewußt; das Paradox versuchte man mit der Aufnahme von Fürsten zu umgehen, ohne es damit aber prinzipiell lösen zu können.

Der Streit zwischen Knigge und Weishaupt

In Weimar nun kam es im Gegensatz zu den anderen Ordensniederlassungen in Obersachsen nicht zur Gründung einer Minervalkirche. Dennoch griffen die dort tätigen Illuminaten entscheidend in eine Auseinandersetzung ein, die mit der Aufdeckung und Verfolgung des Ordens in Bayern begann und mit seiner von Bode initiierten Reorganisation und Ausweitung endete. Mehrere Münchener Mitglieder waren im Dezember 1783 aus dem Illuminatenorden ausgetreten und griffen ihn nun publizistisch an. Die Schrift 'Ueber Freymaurer. Erste Warnung' bildete den Auftakt einer Presseschlacht gegen oder für die Illuminaten, deren erster Höhepunkt die Veröffentlichung von Originaldokumenten des Ordens darstellte; den Gipfelpunkt dieses Federkrieges bildeten die Schriften, die nach Beginn der Französischen Revolution den Illuminaten die Verantwortung für diesen Umsturz anlasteten, eine Auseinandersetzung, die bis heute nicht beendet ist. Herzog Ernst hatte eine solche Entwicklung schon im Sommer 1783 vorausgesehen. Der Orden sei als sitten- und religionsfeindlich verschrieen, bald werde es publizistische Angriffe geben, schrieb er an Bode. Stolberg-Rossla bestätigte dies und warnte zugleich vor möglichen, gegen die Illuminaten gerichteten Verfolgungen durch die Staatsmacht.

Zur gleichen Zeit kam es zu einem tief gehenden Streit zwischen Weishaupt und Knigge, der den Austritt des Freiherrn zur Folge hatte und schließlich Bode und den Gothaer Illuminaten die Leitung des Bundes einbrachte. In diese Vorgänge war die Weimarer Illuminatengruppe noch direkt verwickelt. Grund der Auseinandersetzung war zum einen der charakterliche Unterschied zwischen Knigge und dem Ordensgründer - Weishaupt sei jesuitisch geprägt, Knigge hingegen die Freiheit gewöhnt, meinte Bode -, zum anderen glitt Weishaupt zusehends das Ruder aus den Händen. Die rege Werbetätigkeit außerhalb Bayerns hatte dem Orden hunderte neuer Mitglieder zugeführt, die aufgrund ihrer oft hohen Position in der Freimaurerei nicht so leicht zu gängeln waren wie die bayerischen 'Minervalen', mit denen es Weishaupt bisher zu tun gehabt hatte. Der explosionsartige Zuwachs brachte zudem eine völlige Überlastung der bisherigen Organisationsstruktur des Ordens und eine von Weishaupt und dem 'Areopag' in München, der bis Mitte 1785 das Führungsgremium der Vereinigung darstellte, nicht mehr zu bewältigende Flut an Korrespondenz. Knigge hatte dem zwar mit seiner 'National-Directions-Tabelle' Rechnung getragen, da aber einzelne Ordensprovinzen nahezu unabhängig von München bzw. Ingolstadt arbeiteten, war es dringend geboten, über Organisation und Führung zu beraten.

Zu diesem Zweck hatte Knigge, der nunmehr seine rein organisatorische Aufgabe der Einrichtung des Ordens außerhalb Bayerns als beendet sah, ein Rundschreiben verfaßt, das von den höchsten Führern des Ordens begutachtet werden sollte. Die Männer, an die Knigge sich wandte, waren - der von ihm selbst genannten Reihenfolge nach - Bode als Provinzial für Obersachsen, Falcke in Hannover als Inspektor für Ober- und Niedersachen, Rühling als Provinzial für Niedersachsen, ebenfalls in Hannover, Ditfurth als (ehemaliger) Provinzial für den Oberrheinkreis in Wetzlar, zugleich Chef des 'Eklektischen Bundes', Ebersberg von Weihers als Provinzial von Kurrhein in Mainz, Wendelstadt als Provinzial für Westfalen, Stolberg-Rossla als Inspektor der Zweiten Inspektion (= Rheinkreise, Westfalen sowie Ober- und Niedersachsen), Schröckenstein als Provinzial für Schwaben, Cobenzl als Provinzial für Franken, Zwackh als rechte Hand Weishaupts, Cheforganisator in Bayern und im 'Areopag' sowie Provinzial für Bayern, und schließlich Weishaupt selbst. Diese Personen stellten im Frühjahr/Sommer 1783 die eigentliche Führungsriege der Vereinigung dar; sie sollten sich auf Knigges Vorschlag Ende des Jahres zu einem Kongreß in Heidelberg treffen, um die anstehenden Fragen gemeinsam zu klären.

Knigges Plan sah die Einrichtung eines ständigen Gremiums, gebildet aus den Mitgliedern der 'Regentenklasse', vor, das in demokratischer Weise sämtliche Geschäfte des Ordens führen sollte; dazu müßten diesem Personenkreis alle übergeordneten Führer bekannt gemacht werden. Der zweite wichtige Punkt betraf organisatorische Fragen auf der unteren Ebene. Ausgelöst durch die enge personelle Verbindung der Illuminaten mit der Strikten Observanz und die stark angewachsene Mitgliederzahl sollte die Ordensgeographie und damit Struktur und Hierarchie des Ordens neu ausgearbeitet und vor allem vereinheitlicht werden, zudem sollten die Rituale und Instruktionen zu den Graden 'gereinigt' werden - ein Hinweis darauf, daß die Vermutungen drohender Angriffe von Herzog Ernst und Stolberg-Rossla zu diesem Zeitpunkt bereits Wirklichkeit geworden waren. Bode hatte Knigges Zirkular am 3. September erhalten. Er stimmte allen Vorschlägen zu und schickte es tags darauf weiter.

Weishaupt reagierte auf diese Pläne in völlig übertriebener Weise: er startete zum Generalangriff gegen Knigge. Die geforderte Offenlegung der Ordenshierarchie oberhalb der 'Regentenklasse' stellte nämlich nichts anderes als die Aufdeckung seiner Rolle als Gründer und oberster Leiter der Illuminaten dar, eine Tatsache, die außer Knigge bis zu diesem Zeitpunkt keinem einzigen Mitglied der Verbindung außerhalb des Münchener 'Areopags' bekannt geworden war. Auch Stolberg-Rossla als Mitglied dieses Rates kannte Weishaupt nur als Illuminat in höherer Funktion, nicht aber als das, was er wirklich war - eben der bislang unumstrittene (weil unbekannte) Obere des Ordens. Wollte Weishaupt diese Stellung behaupten, mußte er Knigge kaltstellen. Er ging in die Offensive: im Dezember 1783 legte er die Verantwortung für alle deutschen Ordensangelegenheiten in die Hände Stolberg-Rosslas, den er damit zugleich zum 'Nationaloberen' ernannte, die Verantwortung für Beförderungen und die Vergabe von Posten in die Bodes, der somit ungewollt und unverhofft zum 'Nationalkonsultor' aufgerückt war. Knigge, der diese Aufgaben zuvor außerhalb Bayerns versehen hatte, war damit de facto ausgeschaltet. Bode sollte nun auf Wunsch Weishaupts zwischen ihm und Knigge vermitteln.

Im Februar 1784 kam der Freiherr dann zu Besuch nach Weimar, um sich zu Weishaupts Vorwürfen zu äußern. Diese Anschuldigungen waren niederträchtig und ehrabschneiderisch und hätten - wären sie an die Öffentlichkeit gedrungen - seinen vor allem in Freimaurerkreisen immer noch guten Ruf nachhaltig zerstören können. Weishaupts Anklagen zogen Knigge als Mensch wie als Ordensmitglied gleichermaßen in den Schmutz. Er habe die Grade und Instruktionen verfälscht, klagte Weishaupt; aber er selbst hatte Knigge bevollmächtigt, in den von ihm neu einzurichtenden Niederlassungen nach eigenem Ermessen zu verfahren. Der Freiherr habe völlig ungeeignete Personen aufgenommen; aber die Mitglieder, die den Orden im Dezember 1783 in München öffentlich diskreditierten, standen unter direkter Leitung des 'Areopags' in München, mithin in Weishaupts engstem Wirkungskreis. Schließlich sei Knigge heimlicher Katholik; aber Weishaupt selbst war Jesuitenzögling, seine Briefe zeigten bisweilen eine bigotte und pseudo-religiöse Larmoyanz, und sein Regiment zeichnete sich durch ausgesprochen jesuitische Methoden aus. Kurz: Knigge habe ihn, der ihm voll Vertrauen die Geschäfte außerhalb Bayerns übergeben hatte, auf ganzer Linie hintergangen und betrogen.

Die Verhandlungen in Weimar führten nun im Verbund mit den Verfolgungen des Ordens in Bayern zur Suspendierung der Arbeiten durch Stolberg-Rossla und der anschließenden Übernahme aller Ordensgeschäfte durch die Gothaer Illuminatengruppe unter Bodes Leitung. Knigge wurde in allen Punkten rehabilitiert, und zog sich von allen illuminatischen Aktivitäten zurück. Zugleich wurde Weishaupts Stellung in Bayern durch die zunehmende Tätigkeit der Gegner mehr und mehr gefährdet. Was aber viel schwerer wog: er hatte, indem er Bode als Schiedsrichter in diesem Streit einsetzte, seine bislang unbeschränkte Führerschaft selbst aufgegeben. Er sollte sie auch nicht wiedererlangen.

Da die Differenzen zwischen Weishaupt und Knigge nicht nur Bode schon länger bekannt waren, konnte man sich darauf einrichten. Auch Stolberg-Rossla, nun als 'National' des Ordens, wußte recht früh Bescheid. Bereits im September 1783 schlug er vor, Weishaupt von der weiteren Tätigkeit des Ordens "mit Feinheit" auszuschließen; die 'Erste Inspektion' des Ordens, bestehend aus Bayern, Schwaben und Franken, die unter der Aufsicht von Zwackh stand - also die Kernlande der Organisation -, solle dann der Heidelberger Ordensobere Mieg übernehmen: Stolberg-Rossla dachte also an eine 'kalte' Machtübernahme, indem man die Erste Inspektion einfach von ihrer bisherigen Führung 'abhängte' und somit Weishaupt und den Areopag entmachtete. Knigges Plan fand zu diesem Zeitpunkt noch seine volle Unterstützung, denn der Orden sollte auch nach seiner Vorstellung eine 'republikanische' Verfassung erhalten. In die gleiche Zeit fallen die oben erwähnten Befürchtungen Stolberg-Rosslas und auch die des Herzogs Ernst, der Orden könne publizistisch angegriffen und dann politisch verfolgt werden. Man ahnte also, was sich in München zusammenbraute. Im Oktober 1783, als der Streit zwischen Knigge und Weishaupt noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte, besprachen die Gothaer Illuminaten bereits das weitere Vorgehen. Bode rechnete hier schon mit dem Untergang des Ordens "im Reich". Man müsse ihn dann im Geheimen in Sachsen weiterführen und vor allem Knigge und Weishaupt von aller Tätigkeit fernhalten. Als Legitimation dazu führte er an, man sei lediglich den Gesetzen des Ordens unterworfen, nicht aber einzelnen Personen. Während Herzog Ernst noch nach einem Vergleich mit Weishaupt suchte, steuerte Bode nunmehr den Bruch mit dem Ordensgründer an. Stolberg-Rossla unterstützte ihn dabei, denn er hatte seit Anfang des Jahres 1783 die Verbindungen zu Weishaupt auf rein formelle Mitteilungen zurückgestutzt. Der Orden regiere sich selbst frei, Weishaupts Regiment sei praktisch erloschen, wußte er Ende Dezember des Jahres zu berichten.

Knigges Besuch in Weimar löste den Knoten. Der Freiherr hatte sich bereit erklärt, seine Ordenstätigkeit einzustellen, zugleich aber die erwähnten Vorschläge zur Erneuerung der Organisation gemacht. Bode und Herzog Ernst bedienten sich dieses Angebotes zunächst noch unter Mitwirkung der Weimarer Mitglieder, verfolgten dabei aber weitergehende Ziele, wie die eben angeführten Überlegungen deutlich zeigen. Die Begegnung in Weimar wurde von Bode in mehreren Dokumenten festgehalten; zusätzlich fertigte er im Mai ein Gutachten über diese Angelegenheit an. Da er Knigges Reformvorschlägen zuvor uneingeschränkt zugestimmt hatte, ist es nicht weiter verwunderlich, daß er in diesem Gutachten zugunsten Knigges votierte. Weishaupts Vorwürfe wies er zurück und betonte seinerseits die Notwendigkeit und Richtigkeit von Knigges Absichten: hätte man den projektierten Kongreß in Heidelberg unter Mitwirkung auch Weishaupts abgehalten, hätte sich die Lage nie so negativ entwickelt. Nun aber habe die Angelegenheit bereits soviel Aufsehen erregt, daß es besser sei, Knigge aus dem Orden zu entlassen, ihn aber zuvor voll und ganz zu rehabilitieren. Der Bericht, den Knigge in Weimar über seine bisherige Ordenstätigkeit gegeben hatte, rechtfertigte diese Stellungnahme. Am 12. Februar 1784 bestätigten die Ordensbeamten Bode, Graf Marschall und von Schardt in einem gemeinsam mit Knigge aufgesetzten Protokoll die Integrität des Freiherrn; in einem Zusatz zu diesem Schreiben wurde vereinbart, die Vorgänge keinem weiteren Ordensmitglied bekannt zu geben. Unterschrieben hatten hier neben den eben genannten Personen auch Herzog Ernst, Goethe, von der Lühe und Helmolt. Eine von Bode aufgezeichnete Unterredung im Hause Goethes (am 13. Februar) gibt weitere Aufschlüsse: man vereinbarte, daß die bereits genannten Personen unter Hinzuziehung von Karl August und Herder nun eine eigene Klasse von Areopagiten bilden sollten, um an der "allgemeinen Regierung Theil nehmen" zu können - neben bzw. mit den Areopagiten in München. Bode kommentierte: "Neue Arbeit! Die schwer werden wird!"

Pläne zur Reform des Illuminatenordens

Hier, in diesen klärenden Gesprächen zwischen Knigge einerseits - der nun freilich die Verbindung verließ - und den Gothaer und Weimarer Illuminaten andererseits wurde der Grundstein für das Fortbestehen der Organisation gelegt; die Führung sollte dazu ein neuer Areopag übernehmen. In diesem Sinne war Goethe unmittelbar an einer Entscheidung mitbeteiligt, die den gesamten Orden betraf; inwieweit er und Karl August aber über die zahlreichen vorherigen Absprachen zwischen Knigge, Bode, Herzog Ernst und Stolberg-Rossla informiert waren, läßt sich nicht mehr herausarbeiten; mit größter Wahrscheinlichkeit wußten sie hierüber nichts genaueres.

Der Streit mit Knigge hatte zunächst nur ein kleineres Nachspiel. Im Juni reiste Bode in Ordensangelegenheiten in die Pfalz. Knigge lieferte ihm seine Ordenspapiere aus und gelobte Verschwiegenheit sowie nochmals gänzlichen Rückzug von illuminatischen Angelegenheiten. An dieses Versprechen hat sich der Freiherr gehalten, auch wenn ihm später von Gegnern der Vorwurf gemacht werden sollte, er habe den Orden an den Wiener Hof verraten. Vom Juni 1784 an hatte Knigge jedenfalls rein gar nichts mehr mit dem Illuminatenorden als Organisation zu tun, während er zu einzelnen Mitgliedern, mit denen er zum Teil schon längere Zeit befreundet war, selbstverständlich weiterhin private Kontakte aufrecht hielt. Bode seinerseits sondierte nun die Lage in den kurpfälzischen und rheinischen Niederlassungen, die ja von Knigge angelegt worden waren und die ganze Zeit über mit diesem zusammengearbeitet hatten. Mieg in Heidelberg kam mit ihm überein, die Hefte, wie man intern die Grade und Instruktionen nannte, sowie die Listen des Ordens zu 'reinigen' und endlich für eine einheitliche Verfassung und Gesetzgebung zu sorgen. Ähnlich äußerte sich Stolberg-Rossla, den Bode in Neuwied besuchte; zudem werde nun das Wirken gegen die 'Jesuiten' immer wichtiger, die sich in der Freimaurerei breit machten; wobei Bode mit den 'Jesuiten' die Kräfte der Gegenaufklärung und hier besonders die Gold- und Rosenkreuzer meinte, die ihrerseits heftig gegen den Orden polemisierten. Die Begegnungen mit den führenden Illuminaten in Heidelberg, Mannheim, Mainz, Neuwied, Homburg, Hanau und Frankfurt bestärkten ihn jedenfalls in seinem Bestreben, die Vereinigung auf alle Fälle weiter zu erhalten und zu führen.

Von dieser Reise kehrte Bode in der zweiten Juliwoche wieder nach Weimar zurück. Neben seiner illuminatischen Tätigkeit hatte er unterwegs mehrmals die Gelegenheit zu Theaterbesuchen, so auch in Mannheim, wo er am 18. Juni zusammen mit Schiller und dem Schauspieler Böck den Verleger Schwan besuchte. Die neunte Mannheimer Aufführung der 'Räuber' am 20. geschah auf Bodes Wunsch hin. Er sah bei dieser Aufführung wiederum Böck, aber auch Iffland, und nach der Vorstellung ging er mit Schiller zum Essen. Dies waren die ersten belegbaren Treffen zwischen beiden, sie waren der Schiller-Forschung bisher nicht bekannt.

In der Zwischenzeit hatte die bayerische Regierung mit ihrem Edikt vom 22. Juni den ersten Schritt zur Aufhebung und Verfolgung aller geheimen Gesellschaften getan. Die bayerischen Illuminaten aber fühlten sich davon zunächst nicht bedroht, so daß ihre Arbeiten weitergingen. Man war sich jedoch nur allzu deutlich bewußt, daß die Organisation auf allen Ebenen Mängel hatte. Bentzel-Sternau etwa, Hofkanzler und Kurator der Universität in Mainz, ein Mann, den Bode gerade auf seiner Reise getroffen und dem er das denkbar beste Zeugnis ausgestellt hatte, wollte den Orden verlassen, da er sich nach dem Ausscheiden Knigges nicht sicher war, wie alles weiter gehen sollte. Stolberg-Rossla versuchte, ihn zu halten; als ihm dies nicht gelang, beschwor er ihn, trotz seines Austrittes weiterhin für die Verbindung zu wirken. Die Kniggesche Affäre hatte also Folgen, und der Beginn der Presseschlacht in München traf die Verbindung nun an ihrem Nerv. Wie oben erwähnt, richtete Bode in dieser Zeit die Illuminatenniederlassungen in seiner näheren Umgebung ein, die Gesamtorganisation aber befand sich in einer ernsten Krise.

Suspendierung der Ordenstätigkeit im Reich

Schon im März 1785 meinte Herzog Ernst, man solle die Ordenspapiere von allen Niederlassungen einfordern und mit weiteren Arbeiten bis zu einer gründlichen Reform der Vereinigung warten. Zum Neuanfang solle man nur gründlich ausgewählte Personen heranziehen, die das Programm auch voll und ganz unterstützten. Kurz darauf befürchtete er eine Offenlegung des Ordens durch die Veröffentlichung interner Papiere. Dies werde zur Verfolgung des Ordens durch die "Despoten" führen, wobei Herzog Ernst hier besonders Kaiser Joseph II. namentlich nannte. Und tatsächlich stellte wenig später das kaiserliche Handbillett vom 11. Dezember 1785 die Freimaurerei in den Habsburgischen Landen unter direkte Polizeiaufsicht: die Zahl der Logen sowie der Mitglieder wurde begrenzt und die Logen mußten den Behörden ihre Listen vorlegen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt stellte die Wiener Filiale des Illuminatenordens ihre Tätigkeit ein. Herzog Ernsts Initiative vom Frühjahr des Jahres brachte ihrerseits die Suspendierung der Arbeiten in Deutschland durch Stolberg-Rossla Ende April 1785, Weishaupt war mit diesem Vorgehen einverstanden.

Damit endete die Tätigkeit des Illuminatenordens in Bayern und weiten Teilen des Reiches. Weishaupt war schon im Februar aus Ingolstadt geflohen und hielt sich die folgenden zwei Jahre in Regensburg auf, bis er im Herbst 1787 nach Gotha übersiedelte. Herzog Ernst hatte den Ordensgründer, der von den bayerischen Behörden steckrieflich gesucht wurde, mit dem Titel eines Hofrates versehen und ihn bei der gothaischen Gesandtschaft in Regensburg angestellt, verschiedene Auslieferungsbegehren des pfalz-bayerischen Kurfürsten Karl Theodor wies er zurück. Der Versuch der Illuminaten um Bode, Weishaupt eine Professorenstelle in Jena zu verschaffen, scheiterte am Widerstand Karl Augusts, der in einem solchen Falle um sein eigenes Renommee fürchtete, war doch der Orden durch die Propaganda der bayerischen Regierung und die Angriffe der Gegner nun auch in der Öffentlichkeit schon weithin als staats- und religionsfeindlich gebrandmarkt. Die Regierung in München verbot schließlich mit ihrem Edikt vom 16. August 1785 alle geheimen Gesellschaften in beiden Teilen des pfalz-bayerischen Kurfürstentums und begann mit der strafrechtlichen Verfolgung der Mitglieder. Hintergrund dieser harten Reaktion Karl Theodors war, daß der Kurfürst erfahren hatte, in welch großem Ausmaß der Orden bereits in Staat und Gesellschaft eingedrungen war. Weishaupts Plan einer allmählichen Unterwanderung war in Bayern am weitesten fortgeschritten: Illuminaten saßen in nahezu allen bayerischen Behörden, in der Armee, im Zensurkollegium, in der Presse sowie selbst in mehreren Domkapiteln benachbarter Städte. Der Kurfürst, der persönlich eher den aufklärerischen Bestrebungen zuneigte, sah sich so zu einer harten Reaktion gezwungen. Noch Jahre später verlangte man in seinen Ländern von allen Bewerbern um öffentliche Ämter den sogenannten 'Illuminateneid', in dem der Betreffende erklären mußte, nicht mit dieser Organisation in Verbindung gestanden zu haben bzw. zu stehen - ein deutlicher Hinweis darauf, daß die Fortexistenz des Ordens in den besser informierten Kreisen (und dazu gehörten zweifellos die Regierungen mit ihren geheimen Informanten und Spitzeln) durchaus bekannt war. Bode aber führte die Arbeiten in den ihm unterstehenden Ordensniederlassungen weiter und reaktivierte mehrere der Filialen, die sich zunächst der Suspendierung unterzogen hatten.

In der Öffentlichkeit galt der Illuminatenorden von der Mitte des Jahres 1785 an als erloschen. Um so ruhiger konnten Bode und seine Mitarbeiter an die Reform des Systems gehen, die schon im Vorfeld des Streites zwischen Knigge und Weishaupt als dringend erforderlich erschienen war. An dieser Reform arbeitete zunächst auch Weishaupt mit, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, seine ursprünglichen Grade, Rituale und Instruktionen zu überarbeiten bzw. neue Grade zu entwerfen. Aber auch Stolberg-Rossla blieb weiterhin tätig. An Herzog Ernst, der ihm als 'Nationaloberer' des Ordens gefolgt war, sendete er bereits im Januar 1786 das erste der von Weishaupt überarbeiteten Hefte mit der Bitte, sie durch verschiedene Mitglieder beraten und beurteilen zu lassen. Diese Männer waren der Reihenfolge nach: die Mitglieder in Gotha, Bode in Weimar, Karl Theodor von Dalberg in Erfurt, Mieg in Heidelberg, Karl Graf Ludolf und über diesen die Ordenschefs in Mainz, Ockel und ein bisher nicht bekannter 'Antisthenes' in Frankfurt am Main sowie der Freiherr von Riedesel in Wetzlar. Er selbst, Stolberg-Rossla, habe mit seinen Leuten in Neuwied diese Beratungen bereits begonnen. Ob die Brüder in Göttingen teilnehmen würden, sei noch fraglich. Auf jeden Fall seien aber Rühling und Falcke fernzuhalten, da diese in direktem Kontakt zu Knigge ständen.

Tätigkeit der Illuminaten nach 1785

Die von Weishaupt und Stolberg-Rossla ausgesuchten Männer zeigen eine deutliche Akzentverschiebung gegenüber der seinerzeit von Knigge getroffenen Auswahl, denn außer Bode sollte nach dem Willen des Ordensgründers keine der drei Jahre zuvor führenden Personen an der eingeleiteten Reform teilnehmen. Wie Weishaupts Begehren zeigt, hatte er zu diesem Zeitpunkt seine anfänglichen Bedenken Bode gegenüber abgelegt. Dalberg, der die Illuminaten und dann die von diesen in Erfurt gegründete Freimaurerloge protegierte, war immer ein zuverlässiges Mitglied gewesen, was Weishaupt gewußt haben wird; Mieg kannte er aus Knigges und dann Bodes Berichten, er war auch mehrmals mit diesem zusammengetroffen; mit dem Diplomaten Ludolf hatte er in Regensburg ständigen Kontakt, Ockel und Riedesel bildeten das Gegengewicht zu Ditfurth und Brönner und deren 'Eklektischem Bund', mit dem sie die deutschen Maurerei einigen wollten. Die von Weishaupt überarbeiteten Materialien sollten also zunächst nur einem kleinen Kreis bekannt gemacht werden, einem Kreis, der mit der ursprünglichen Führung des Ordens nichts mehr zu tun hatte: kein einziges Mitglied aus Bayern ist erwähnt, Weishaupt hatte den Orden offensichtlich in seiner Heimat sowie in den meisten seinerzeit von Knigge angelegten Niederlassungen abgeschrieben. Folglich nahm kein einziges der älteren Mitglieder aus Bayern an der nun folgenden Reform teil, die Fortexistenz des Ordens wurde diesem Personenkreis gegenüber konsequent verschwiegen. Sämtliche weiteren Aktivitäten des Rest-Ordens geschahen mit Wissen, Billigung und Beteiligung des Ordensgründers, wie nunmehr mit Sicherheit gesagt werden kann. Da Weishaupt aber aufgrund der geographischen und politischen Lage Regensburgs - es lag inmitten bayerischen Gebietes, wo nach wie vor der Steckbrief Karl Theodors galt - nur sehr eingeschränkt wirken konnte, lag das Zentrum des Rest-Ordens in Gotha. Hier trafen Herzog Ernst, Helmolt, Becker, Wehmeyer und zunehmend Schlichtegroll zusammen mit Bode und Reinhold die Entscheidungen, während Weishaupt vor allem mit der Neufassung des Systems beschäftigt war. Erst im September 1787 entschieden Herzog Ernst und Bode, den Ordensgründer von sämtlichen weiteren Tätigkeiten für die Vereinigung auszuschließen, zu einem Zeitpunkt, an dem durch die Ergebnisse von Bodes Paris-Reise wieder mehr freimaurerische Angelegenheiten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt waren.

Während in Weimar die illuminatische Tätigkeit ruhte, machte die Gothaer 'Minervalkirche' weiter. In Erfurt fand mehr als ein Jahr nach der Suspendierung durch Stolberg-Rossla die erste 'feierliche Minervalenversammlung' statt, am 23. August 1786. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die neuen Hefte fertiggestellt, und wurden in den Niederlassungen in Hamburg, Bremen und Stade eingeführt; zugleich wurden mehrere Mitglieder besonders dieser Filialen weiter befördert. Die Illuminaten in Karlsruhe und Bruchsal waren ebenfalls weiter tätig geblieben, und die Filiale in Kassel wurde Ende 1786 reaktiviert. Wichtigster Mann war hier der Major und Militärwissenschaftler Mauvillon, der der Verbindung schon 1780 beigetreten war. Er war enger Freund und literarischer Mitarbeiter von Mirabeau, der höchstwahrscheinlich ebenfalls dem Orden angehörte, und arbeitete nun zusammen mit Bode an der Übersetzung illuminatischer Unterlagen ins französische.

Die Rechtfertigung zum Weitermachen fiel Bode nicht schwer: das bayerische Verbot geheimer Gesellschaften gelte eben nur für Bayern, zudem sei die Suspendierung durch Stolberg-Rossla voll und ganz gegen die eigentlichen Ziele des Ordens - Verbreitung wahrer Aufklärung - gerichtet, und werde von ihm, Bode, somit nicht anerkannt, schrieb er einem Ordensbruder. Die schon genannten noch tätigen Niederlassungen arbeiteten mindestens bis zum Ende des Jahres 1787, hier erst hört die Überlieferung von Präfekturberichten und Protokollen auf. Neben Gotha, Karlsruhe, Bruchsal, Kassel, Hamburg, Bremen und Stade blieben weiterhin die in nächster Nähe zu Gotha gelegenen Filialen in Jena, Meiningen, Rudolstadt und Buttstädt aktiv. In Braunschweig scheint ebenfalls ein Versuch unternommen worden zu sein, die dortige Illuminatenloge zu reaktivieren; über den Ausgang dieses Versuches ist aber noch nichts bekannt. Auch über ein Wiederaufleben des Bundes in Mainz läßt sich bislang nichts in Erfahrung bringen, es bestanden aber mindestens weiterhin informelle Beziehungen zwischen ehemaligen Mitgliedern und den noch aktiven Illuminaten, wie Münters Reise 1791 zeigt. Die Niederlassungen in Frankfurt und Wetzlar blieben entgegen Weishaupts Wunsch von Mitte 1785 an inaktiv. Von den ausländischen Illuminatenlogen arbeiteten Kopenhagen und Moskau bzw. St. Petersburg bis mindestens zu Beginn des Jahres 1788 weiter, auch die Schweizer Mitglieder scheinen noch eine Weile tätig gewesen zu sein. Über die 1786 von Münter gegründete Niederlassung in Neapel sind bislang keine weiteren Dokumente bekannt.

Andere - schon bestehende oder neu angelegte - Filialen des Ordens sind in den Ländern des Heiligen Römischen Reiches nach den bis jetzt aufgefundenen Materialien zu dieser Reorganisation nicht hinzugekommen, es war also ein quantitativ schon recht trauriger Rest des ehemals stolzen Gebäudes, den Bode und Herzog Ernst übernommen hatten. Diese genannten Illuminatenlogen waren aber umso aktiver, wie die erhaltenen Protokolle und Präfekturberichte zeigen. Die Versammlungen fanden regelmäßig statt und über das Jahr 1787 hinaus wurden auch neue Mitglieder aufgenommen. Ganz im Sinne von Weishaupts ursprünglichem Konzept einer 'geheimen Weisheitsschule' - Bode nannte den Orden "eine geheime Erziehungsanstalt für das Menschengeschlecht, durch Verbreitung wahrer Aufklärung" - wurden den Mitgliedern Themen zur schriftlichen Ausarbeitung gestellt, die dann in den Versammlungen verlesen und besprochen wurden. Zumeist handelte es sich dabei um Aufgaben zum Thema 'Aufklärung' im weitesten Sinne. Bodes Nachlaß, die derzeit umfangreichste und bedeutendste bekannte Sammlung illuminatischen Materials, verzeichnet etwa Protokolle, Präfekturberichte und Logenvorträge besonders aus der Präfektur 'Ionien', d.i. Obersachsen. So liegen für den Zeitraum 1784-87 2oo Protokolle der einzelnen Niederlassungen vor, an Präfekturberichten sind für den gleichen Zeitraum durchschnittlich zwei pro Monat erhalten, und an Provinzialberichten finden sich für die Provinzen Ober- und Niedersachsen sowie Niederrhein/Westfalen im Durchschnitt ein Exemplar pro Monat. Hinzu kommen jeweils ein großer Konvolut mit Logenreden sowie Abhandlungen aus den einzelnen 'Minervalkirchen' - allein die Fülle des Archivgutes zeigt, wie ernsthaft hier gearbeitet wurde.

Das System der Philalethen und die Konvente von 1785 und 1787

Im Juli 1784 hatte Bode nach der Rückkehr von seiner Inspektion der pfälzischen und rheinischen Ordensniederlassungen vorgeschlagen, das Illuminatensystem in "praktische Maurerey" umzubenennen - im Gegensatz zur sogenannten 'spekulativen Maurerei' nach dem englischen Vorbild. Wie sämtliche weiteren Aktivitäten zeigen, ging es ihm nun darum, den Illuminatenorden bzw. die mit diesem verbundenen Freimaurerlogen zu einem wirksamen Instrument zur gesellschaftlichen und politischen Reform weiterzuentwickeln. "Eine freie Elitegemeinschaft mit einem deistisch fundierten Humanitätsideal" sollte entstehen, um "der Aufklärung ein Zentrum zu schaffen, eine Art Pflanzschule, die die Equipe der Aufklärer zu gemeinsamem Wirken zusammenfassen und ihr gleichzeitig neue Kader liefern sollte", wie Werner diese Anstrengungen beschrieb. Dieses Vorhaben entsprach genau den Gedanken, die schon 1783 zwischen Stolberg-Rossla, Herzog Ernst, Bode und damals zum Teil auch noch Knigge ausgetauscht worden waren. Weishaupts Konzept einer längerfristigen Unterwanderung von Staat, Kirche und Gesellschaft sollte also beschleunigt werden. Als Experimentierfeld bot sich in den Augen der Ordenschefs Frankreich an, denn dort war der Kampf zwischen den Kräften der Aufklärung und ihren Gegnern zu einem neuen Höhepunkt gekommen. Austragungsort dieser Auseinandersetzungen war, soweit sie die Sphäre der geheimen Gesellschaften betraf, die Pariser Eliteloge 'Les Amis Réunis'.

Die Loge 'Les Amis Réunis' wurde 1771 gegründet und arbeitete bis 1805. In dieser Zeitspanne lassen sich 359 Mitglieder nachweisen, sie war damit nach der ungleich prominenteren 'Les Neuf Soeurs' die zweitgrößte Loge der französischen Hauptstadt. Zeigten sich die 'Neuf Soeurs' mit ihren bekanntesten Mitgliedern Helvétius, Lalande, Franklin und Voltaire als Forum der radikalen literarischen Aufklärung, so stellten die 'Amis Réunis' den Versammlungsort der Männer dar, die unterhalb der Ministerebene in der Verwaltung des Staates, der Finanzen und der Wirtschaft wie im militärischen Bereich die Schalthebel der Macht in Händen hatten. Auffällig bei der Zusammensetzung der Mitglieder ist hier der Anteil der Personen, der in diesen Aufgabengebieten beschäftigt war: mehr als zwei Drittel decken eben diesen Bereich ab. Neben hochrangigen Finanzbeamten mit direktem Zugang zum König und seinen Ministern fanden sich Bankiers, Unternehmer, Steuereinnehmer und -pächter auf höchster Ebene sowie die Finanzbeamten der Armee und der Marine in dieser Loge. Hinzu kamen Dutzende der im ausgehenden Ancien Régime schlecht angesehenen und dennoch wichtigen Verwaltungsbeamten und Juristen auf der Ebene der regionalen und städtischen Parlamente sowie Militärs aller Rangstufen: vom Dragoneroffizier bis zum Marschall von Frankreich waren Dienstgrade aller Truppenteile gleichermaßen vertreten, selbst die Garde des Königs traf sich in diesem 'Local'. Staatsbeamte im diplomatischen Dienst wie in der Verwaltung und im Ausbau der Infrastruktur tätige Ingenieure und Wissenschaftler vervollständigten dieses Bild einer Freimaurerloge, in der sich die Personen trafen, die über Frankreichs Schicksal entscheiden konnten. Die Mitgliedschaft von Ausländern gewinnt hier eine besondere Bedeutung: neben den rein freimaurerischen Intentionen stand bei Personen wie dem Wiener Beamten Esterhazy, dem dänischen Diplomaten von Gleichen, den beiden darmstädtischen Prinzen Ludwig und Friedrich, dem österreichischen Staatskanzler Kolowrat, dem ungarischen Kanzler Pallfy und dem russischen Diplomaten Stroganoff sicher auch das Interesse ihrer jeweiligen Regierungen im Hintergrund, über inoffizielle Quellen Interna der französischen Politik zu erfahren, bevor die Pariser Gazetten sie publik machen konnten.

Im Rahmen der Tätigkeiten dieser Loge errichtete der Gründer und langjährige vorsitzende Meister Savalette de Langes 1773 das System der Philalethen, der Freunde der Wahrheit. Auch dieser Mann hatte den Weg durch die verschiedenen Hochgrade der Zeit hinter sich, aber lange vor den Konventen von Lyon und Wilhelmsbad zog er die richtigen Schlüsse aus der Verwirrung über Sinn und Zweck sowie Entstehung und Geschichte der Freimaurerei: die Philalethen sollten genau diese Fragen erforschen und klären; dem von Savalette gegründeten Institut kommt durch Intention und Ausführung der Rang des ersten rein freimaurerischen Forschungskollegiums zu. Von Anfang an bemühte man sich hier um Mitarbeiter aus dem In- und Ausland, die über die neuesten Entwicklungen Bescheid geben konnten. So ist es kein Wunder, daß neben vielen anderen hochrangigen Bundesbrüdern gerade auch Bode in seinen Funktionen innerhalb der Strikten Observanz wie auch der Illuminaten zur Stellungnahme aufgefordert wurde.

Die Existenz dieses neuen Systems war Bode schon seit dem Wilhelmsbader Konvent bekannt. An Bedeutung und Wichtigkeit gewannen die Philalethen für ihn aber erst nach dem Scheitern der Vereinigungsversuche der führenden deutschen Hochgradsysteme spätestens im Frühjahr 1784 und besonders nach dem Zusammenbruch des Illuminatenordens in Bayern im Sommer 1785. Nun, nach der erfolgreichen Rettung des Ordens in den von ihm geleiteten Gebieten sowie der gelungenen Wiederinbetriebnahme mehrerer durch Stolberg-Rosslas Schreiben kurzfristig lahmgelegter Filialen konnte Bode in Absprache mit Herzog Ernst und den anderen noch tätigen Illuminaten an eines seiner bevorzugten Vorhaben gehen: die Auslöschung des 'Souverainitätsdrachens' in der Freimaurerei und in den der Aufklärung verbundenen Bünden, ein Ziel, das er schon in der Strikten Observanz verfolgt hatte: waren es dort die sogenannten 'Unbekannten Oberen', verbunden mit der Forderung unbedingten Gehorsams, so waren es nun die angeblichen 'geheimen Wissenschaften' mit der an diese angeknüpften Autorität, die ihre Anhänger beanspruchten, denen Bodes Kampf galt - Bestrebungen, die in ihrer Verlängerung über die Logen hinaus gleichermaßen gegenaufklärerisch wie reformfeindlich wirkten.

Die Aktivitäten der Philalethen kamen diesem Ansinnen entgegen. Ihr System hatte zwölf Stufen, die wiederum in drei Sektionen eingeteilt waren und ausdrücklich nicht als Grade verstanden werden wollten; sie wurden deshalb auch nicht wie in der traditionellen Freimaurerei bzw. den verschiedenen Hochgradsystemen rituell bearbeitet: das 'Kolleg der symbolischen Maurerei', bestehend aus Lehrling, Geselle und Meister sowie darauf aufbauend 'Auserwählter' und 'Schottischer Ritter', dem 'Kapitel der Ritter', gebildet aus 'Ritter vom Orient', 'Ritter vom Rosenkreuz' und 'Ritter vom Tempel', und dem 'Rat der Amis Réunis' aus dem 'Unbekannten Philosophen', 'Erhabenen Philosophen', dem 'Eingeweihten' und zuletzt dem 'Philalethen' oder 'Meister aller Grade'. Dieses System wurde durch die beiden Konvente bekannt, die es in der Folge von Wilhelmsbad für die Jahre 1785 und 1787 ausgeschrieben hatte. Ziel sollte sein, "verschiedene historische und dogmatische Puncte der Maurerei zu erörtern", wie die erste Auflage des 'Lenning' berichtet; dieses Ziel sei nicht erreicht worden, und nach dem Tode von Savalette 1798 sei das System erloschen. Die zweite Auflage des 'Lenning' gibt keine wesentlichen weiteren Informationen.

Georg Kloss, der nach wie vor beste Kenner der Geschichte der französischen Maurerei dieser Epoche, widmete den Philalethen einige kurze, aber aussagekräftige Abschnitte. Für das Jahr 1780 beispielsweise zählte Kloss als die wichtigsten Mitglieder neben Savalette u. a. auf: den bekannten Pariser Pfarrer und Freimaurer sowie Mitgründer des Systems Court de Gebelin, Friedrich Ludwig von Hessen-Darmstadt, den dänischen Diplomaten Karl Heinrich von Gleichen, den Chef der Strikten Observanz in Straßburg Friedrich Rudolf Salzmann, den russischen Gesandten Graf Stroganov und den Stifter der Nachfolgeorganisation der Strikten Observanz Jean Baptiste Willermoz.

Die Philalethen hatten sich die Erforschung der sogenannten 'maurerischen Wissenschaften' zur Aufgabe gemacht, ein Unterfangen, dem in der Auseinandersetzung der Systeme höchste Bedeutung zukam. Jean Pierre Beyerle, ein hoher Funktionär der Strikten Observanz und Teilnehmer von Wilhelmsbad, urteilte kurz und bündig, "daß der Convent in Wilhelmsbad, da er versäumt hat, über ... wichtige Gegenstände zu entscheiden, ein unvollkommener Convent ist, und daß man eines neuen Convents bedürfe, um diese grausamen Nachläßigkeiten wieder gut zu machen." Beyerle trat den Philalethen bei, gestaltete deren Konvente mit und engagierte sich vehement für die Klärung dieser Fragen. Die Verhandlungspunkte der Pariser Konvente waren im wesentlichen deckungsgleich mit denen von Wilhelmsbad: Ursprung sowie Sinn und Zweck des Ordens, 'geheime Wissenschaften', aber auch die angeblichen 'unbekannten Oberen' der gesamten Maurerei sollten behandelt werden.

Der erste von den Philalethen ausgeschriebene Konvent (Februar bis Mai 1785) endete mit einem Desaster. Man erlangte keine Klarheit, dafür erreichten die Verwirrungen einen neuen Höhepunkt. Neben den bereits bekannten Systemen boten sämtliche Sektierer und Abenteurer ihre Dienste an: Cagliostro, Mesmer, Saint-Martin, der Graf von Saint-Germain. Und die 'Amis Réunis' hatten "Theosophie, Alchymie, Cabbala, göttliche Magie, als wirklich bestehende Wissenschaften anerkannt", wie Kloss - allerdings wider besseres Wissen - urteilte.

Zum zweiten Konvent wurden erneut die bedeutendsten Freimaurer der in- und ausländischen Systeme eingeladen. Kloss berichtete: "Vergebens erwies der deutsche Maurer, J. Chro. Bode, in einer ausführlichen Abhandlung ... dass alle diese verborgene und geheime Wissenschaften Fallstricke seyen, welche von den Jesuiten den Maurern gelegt worden; seine Warnung wurde ad acta gelegt. Vergebens legte der für die Maurerei begeisterte Landgraf Christian von Hessen-Darmstadt einen lichtvollen Plan zur Reform der Maurerei vor; derselbe wurde ebenfalls vielfach bekrittelt, bei Seite geschoben. Ditfurth's energische Antwort ist in der Freimaurer-Zeitung 1848 Nro. 5 abgedruckt. Was schon bei dem ersten Convente hätte geschehen sollen, jetzt erst blickte man nach England, um dorten Anfragen nach den Archiven der ältesten Logen anzustellen ... zu spät wollte man die ältesten Catechismen vergleichen und dadurch Resultate erzielen; die Jagd nach übersinnlichen und ausser dem regelmässigen Gang der Natur liegenden Dingen hatte die Oberhand gewonnen, und das im Anfang zuverlässig aufrichtig gemeinte Streben der Philalethen musste durch die vielgestaltigen Phantasien der befragten Maurer auf eine verkehrte Bahn hinweggeleitet werden, und das, was grossartig gedacht und begonnen war, an seinem Unwerth dahinsterben."

Nettelbladt beschäftigte sich ebenfalls mit den Konventen der Philalethen. Die Versammlung von 1785 kommentierte er kurz und bündig: "Der Convent hatte kein Resultat," das Treffen von 1787 beschrieb er als gleichermaßen folgenlos. Und selbst französische Darstellungen leiden unter dem Mangel an zuverlässigem Quellenmaterial. Einzig die Arbeit des Zeitgenossen Thory ist erwähnenswert, die bekannten 'Acta Latomorum' aus dem Jahre 1815. Thorys Werk wurde zur Grundlage aller bisherigen Untersuchungen.

Zur Rekonstruktion des Konventes von 1787 muß kurz auf die vorhergehende Zusammenkunft eingegangen werden. Thory hat den Ablauf aus den Akten von 1785 teilweise beschrieben, hier sollen nun die den eingeladenen Personen vorgelegten Fragen betrachtet werden.

Wilhelmsbad hatte mit der Einführung des Lyoner Systems der 'Wohltätigen Ritter' lediglich eine Modifizierung der Strikten Observanz gebracht, löste aber keine einzige der Fragen nach Entstehung, Ursprung sowie Sinn und Zweck der Freimaurerei. Dies war den Philalethen bei der Formulierung ihrer Einladung bewußt gewesen. Die ersten Fragen zielten also direkt auf die Grundlage und den Ursprung der Maurerei; dann fragte man nach Gesellschaften, die die vermuteten ursprünglichen maurerischen Wissenschaften besessen haben könnten bzw. nach möglichen Anknüpfungspunkten an solche möglichen Vorgänger. Ein wichtiger Punkt war die Art der Überlieferung solcher (möglicher geheimer) Wissenschaften. Dann folgte die Frage nach dem möglichen Nutzen etwaiger positiver Antworten für die Freimaurerei und der besten Art und Weise, solche neuen Kenntnisse zu verarbeiten.

Die Falle, die die Philalethen allen Fabulierern, Sektierern und Geistersehern stellten, kam in der letzten Frage: sie zielte auf die eigentliche Bedeutung bestimmter maurerischer Termini, so etwa der Begriffe 'Loge' oder 'Tempel' oder der Bezeichnung 'schottisch' für die höheren Grade. Wer hier keine stichhaltige Antwort geben konnte, hatte sich selbst diskreditiert, denn zu diesem Zeitpunkt verfügten die Philalethen bereits über eine der damals umfangreichsten Sammlungen zur Geschichte der Freimaurerei, die über die verschiedenen Interpretationen der Termini Auskunft geben konnte.

Der erste Konvent ging, wie in der Literatur übereinstimmend berichtet wird, völlig unbefriedigend auseinander. Bekannt wurde das Ansinnen Cagliostros, die Delegierten sollten das Archiv der Amis Réunis verbrennen, und dafür seine Lehre der 'ägyptischen Maurerei' annehmen. Die führenden Köpfe der Philalethen wußten nun, aus welcher Richtung keine Lösung der Probleme zu erwarten war: mit Cagliostro, Mesmer, Saint-Martin und den verschiedenen Nachfolgern bzw. Imitatoren der Tempelritter-Legende und den Okkultisten jeglicher Couleur war kein Weiterkommen möglich. Folgerichtig wurden die Fragen für den zweiten Konvent präzisiert.

Man fragte nicht mehr nach 'geheimen Wissenschaften', sondern nach dem Urteil des Befragten über diese angeblichen 'geheimen Wissenschaften' und verlangte eindeutige Belege; man forderte alle die, die theosophisch-mystische Positionen vertreten hatten, dazu auf, einen eindeutigen Beweis ihrer Verbindungen zu höheren Wesen oder gar zu Gott zu liefern; der Zusammenhang maurerischer Gebräuche und christlicher Überlieferung bzw. kirchlicher Tradition wurde in Zweifel gestellt; man verlangte Originaldokumente zur bisherigen Geschichte der Maurerei, besonders der Strikten Observanz.

War die Aufforderung, Beweise für Verbindungen zu 'höheren Wesen' zu liefern, schon eindeutig genug, hatte man gleichwohl eine weitere Falle eingebaut, die umso wirksamer sein mußte, als sie auf den Nerv des Ganzen zielte. Die dritte Frage verwies auf England, den Ursprungsort der neuzeitlichen Freimaurerei. Die eingeladenen Maurer wurden gebeten, Dokumente englischer Logen anzuführen - zur Untermauerung und Ergänzung ihrer eigenen jeweiligen Position, wie man hinzufügen muß. Schließlich stellte man (Punkte X und XI) Sinn und Zweck der geplanten Reform grundsätzlich in Frage, wenn es nämlich nicht gelingen sollte, Antworten auf die Fragen nach dem tatsächlichen Ursprung der Freimaurerei zu finden. Dies bedeutete für den aufmerksamen Leser, daß sich bei einer negativen, unzureichenden oder ausweichenden Beantwortung all dieser grundsätzlichen Fragen das ganze 'Unternehmen Freimaurerei' hätte in Luft auflösen können.

Bodes Abschrift aus den Konventsakten dokumentiert nun den Verlauf der Verhandlungen von 24 von insgesamt 29 Sitzungen zwischen dem 8. März und dem 11. Mai 1787. Das Dokument, das Bode parallel zu seinem hier abgedruckten 'Journal' anfertigte, belegt diejenigen seiner Tätigkeiten und Erfahrungen in Paris, die er in seinem 'Journal' nicht ausdrücklich erwähnte. Es soll hier ausführlicher behandelt werden, da der Konvent der eigentliche Anlaß seiner Reise gewesen war.

Mindestens 14 Personen nahmen in wechselnder Anwesenheit an den Verhandlungen teil. Zum ständigen Sekretär des Konventes war Savalette gewählt worden, die ersten beiden Sitzungen, die sich mit Verfahrensfragen beschäftigten, leitete Lezay-Marnesia, zu Vorsitzenden wurden Taillepied de Bondy, Lezay-Marnesia und Roettiers de Montaleau gewählt, Beschlüsse sollten nur mit 2/3-Mehrheit gefaßt werden.

Die beiden Sitzungen vom 8. und 13. März brachten zunächst den Bericht der nach dem ersten Konvent eingesetzten Interimskommission. Erwähnenswert ist hier die Absage des Herzogs von Montmorency-Luxembourg, des Führers des Groß-Orients, am Konvent teilzunehmen. Auch wurde beschlossen, alle die Teilnehmer, die ihre Antworten bisher noch nicht schriftlich vorgelegt hatten, dazu aufzufordern, dies umgehend nachzuholen.

Die dritte Sitzung brachte die Verlesung der Schreiben des Okkultisten Eteilla aus Le Mans und des Freimaurers Alexandre Besson. Hinter 'Eteilla' verbarg sich ein ehemaliger Perückenmacher namens Aliette, der versuchte, seinerseits von der Konjunktur der Hochgradfabrikanten zu profitieren. Man beschloß, ihn anzuschreiben, da man einerseits überall nach 'Wahrheit' suchte, andererseits aber Irrtümer - und das sollte wohl heißen: Scharlatanerien und Betrügereien - entlarven wollte. Bessons Schreiben hatte keinerlei Bezug zu den Proponenda des Konventes, sondern bot theosophische und theurgische Theorien an - es wurde abgelegt. Als nächster Punkt wurden die anonym eingesandten Memoires verlesen. Keines davon fand nähere Erwähnung im Protokoll.

In der vierten Sitzung vom 16. März begann man mit der Verlesung der offiziell eingegangenen Memoires, und zwar in alphabetischer Reihenfolge. Als erstes wurde die Schrift von d'Aubermesnil behandelt. D'Aubermesnil hatte bereits zum ersten Konvent einen Reformplan für die gesamte Maurerei vorgelegt, den er in abgeänderter und ergänzter Form erneut einbrachte. Er lehnte die sogenannten 'geheimen Wissenschaften' grundsätzlich ab, ebenso die vielfältigen Bestrebungen zur Anerkennung der 'Adoptionslogen', d.i. der weiblichen oder auch gemischten Maurerei. Dies verwässere nur die wirkliche Aufgabe der Freimaurerei, und die sei Erziehung zur Moral mittels ihrer Allegorien und Symbole. In einer Randbemerkung stellte Bode fest, daß hier genau der Anknüpfungspunkt zur illuminatischen Minervalkirche zu finden sei. Die Versammlung beschloß, diesen Plan genauer zu prüfen bzw. den Autor aufzufordern, ihn zu präzisieren. Das nächste Memoire kam von dem Pariser Franziskanermönch Nicolas Bauche. Man beurteilte es als 'Kanzelrede', die nur auf christliche Hermetik, Mystik und Theosophie zielte. Auch diese Schrift wurde abgelegt.

Das Memoire von Chefdebien hatte einige erwähnenswerte Thesen. So sagte der Autor dezidiert, die Freimaurerei sei gerade keine Wissenschaft, auch nicht Wissenschaft vom Menschen, denn diese sei keine 'Klubangelegenheit'. Die Freimaurerei existiere in der derzeitigen Form erst seit etwa 1756, also seit dem Siegeszug der Hochgrade; die sogenannten maurerischen 'Hieroglyphen' (gemeint sind die Symbole und ihre Verwendung im Ritual) seien verloren gegangen, der Grund dafür sei aber nicht mehr herauszufinden. Chefdebiens Vorschlag ging in die Richtung, den Orden wieder auf die Formen der Frühzeit von 1717 bzw. 1723 zurückzuführen, um die - wie er es nennt - Scharlatane hinter den Vorhang der Hieroglyphen zu verbannen. Seine Absicht war klar erkennbar: die angestrebte Reform sollte sich um die Rückgewinnung der alten Tradition vor der Einführung der Hochgrade bemühen, alle Okkultisten sollten sich ruhig weiter abstrampeln, festen Boden würden sie sowieso nie erreichen.

In der fünften Sitzung vom 20. März wurde mitgeteilt, daß die in England angeschriebenen Personen keine Antworten geschickt hatten, sicherlich ein schwerer Schlag für die um eine fundierte Reform bemühten Mitglieder. Dann verlas man das Memoire von Johannes Matteus, eines in Rouen lebenden Deutsch-Schweizers. Matteus war seit 1786 Provinzialgroßmeister des 'Royal Order of Herodom of Kilwinning', eines aus Schottland stammenden Hochgradsystems. Diese Schrift wurde als Kompilation verschiedener, bereits bekannter Meinungen bezeichnet; dennoch beschloß man, Matteus um weitere Angaben über die Loge in Kilwinning zu bitten - ein Hinweis darauf, daß die Philalethen um das von englischen Freimaurern bis heute bestrittene höhere Alter der schottischen Freimaurerei wußten.

In der achten Sitzung vom 27. März wurde das Memoire von Lezay-Marnesia dazwischen geschoben. Marnesia legte einen Plan zur Einrichtung eines Institutes vor, das die Kontakte zwischen Maurern und Systemen der verschiedenen Länder koordinieren und vertiefen sollte. Dieser Vorschlag wurde akzeptiert. Die sechste, siebte und neunte Sitzung vom 22., 23. und 29. März bestand aus der weiteren Verlesung des Memoires von Chefdebien; ebenfalls in der neunten wurden die Berichte von Benedict de Chastenier aus London und Thaddeus Grabianka aus Polen vorgetragen. Beide propagierten das sogenannte 'Swedenborgische System', eine auf den Schriften des Geistersehers Emanuel Swedenborg aufbauende kabbalistisch-theosophische Lehre zur Verbreitung 'religiöser Wissenschaften', wie das Konventsprotokoll sich ausdrückte. Man beschloß, an beide zu schreiben, da man "keine Möglichkeiten zur Vereinigung der Erleuchteten" ausschließen sollte. Diese Abspaltung ist unter dem Namen 'Illuminées d'Avignon' bekannt geworden.

Die zehnte Sitzung vom 30. März brachte die Verlesung eines Schreibens des Rudolstadter Logenmeisters und Illuminaten Friedrich Wilhelm von Beulwitz. Beulwitz verwies auf sein Memoire zum ersten Konvent und bot sich unter Berufung auf den Mannheimer Illuminaten Falgera als ständigen Korrespondenten der Amis Réunis an. Falgera hatte bereits 1784 Paris besucht und war den Amis Réunis beigetreten. Zu dieser Zeit besaß er bereits die höheren Grade des Ordens. Ob schon Falgera versucht hatte, den Parisern das Illuminatensystem nahezubringen, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit feststellen; es gibt aber Hinweise, daß Weishaupt selbst etwa zu dieser Zeit an eine Ausweitung nach Frankreich hin gedacht hatte. Falgera blieb auch nach seiner Übersiedelung nach München 1787 Mitglied der Amis Réunis und wurde im Jahr darauf Mitglied des neu eingerichteten Kapitels dieser Loge. Er stellte seit seinem Paris-Aufenthalt den direkten Verbindungsmann der Illuminaten zu den Philalethen dar. Der Konvent beschloß, mit Beulwitz in näheren Kontakt zu treten. In der gleichen Sitzung wurde ein Brief Bodes verlesen, in dem dieser sein Memoire sowie sein persönliches Eintreffen ankündigte. Das Schreiben war bereits im Februar von einem Abgesandten Bodes in Paris abgegeben worden. Dieser Abgesandte, dessen Name in den Protokollen nicht erwähnt ist, sollte zugleich die genauen Termine des Konventes in Erfahrung bringen. Die Versammlung beschloß, sich sofort darum zu bemühen, Bodes angekündigtes Memoire in die Hände zu bekommen.

In der elften Sitzung vom 3. April wurde ein anonymes Schreiben bearbeitet: "Es ist datiert vom Garten Eden, am Ufer des Flusses Lethe, eine weibliche Handschrift, ohne besonders gute Orthographie." Man bemerkte interessiert die "Verdunkelung und bizarre Mischung der Fabel" - und legte das Schreiben ab. Als nächstes wurde der von Kloss erwähnte Reformplan von Christian von Hessen-Darmstadt verlesen. Die Akten gehen auf den Inhalt nicht ein, aber er wurde für so bedeutend eingeschätzt, daß man Beyerle beauftragte, sich mit dem Prinzen in Verbindung zu setzen. Beyerle reiste sofort ab. Prinz Christian war führender Funktionär der Strikten Observanz in Straßburg, außerdem war er deputierter Generalgroßmeister dieses Ordens und Stellvertreter von Karl von Hessen, dem 'zweiten Mann' der Strikten Observanz. Was die Philalethen sicher nicht wußten, war, daß Christian den Illuminaten angehörte und sein Memoire mit Bode abgesprochen hatte, mit dem er während dessen Paris-Besuch in brieflichem Kontakt stand. In der gleichen Sitzung wurde ein Schreiben von Christian Gottfried Körner aus Leipzig angekündigt. Körner, der bekannte Freund Schillers, war einer der wenigen klar sehenden Männer in der deutschen Freimaurerei. Mitglied der Leipziger Loge 'Minerva', gehörte er ebenfalls den Illuminaten an; er war mit Bode persönlich bekannt, wenn nicht gar befreundet. Die Reform des Illuminatenordens bzw. der damit verbundenen Logen der symbolischen 'blauen' Freimaurerei, die Bode nach seiner Rückkehr aus Paris in Angriff nahm, sah ihn als Mitarbeiter. Da die Bearbeitung von Körners Memoire nach der alphabetischen Reihe erfolgen sollte, finden sich über seine Arbeit in den Aufzeichnungen keine Hinweise.

Die zwölfte und dreizehnte Sitzung vom 5. und 6. April beschäftigten sich mit den Ausführungen eines nicht weiter bekannten Freimaurers aus Salines namens Duziés sowie dem Memoire des Freiherrn von Gleichen und dem des Turiner Arztes Giraud. Gleichen, der als weitgereister Diplomat überall Verbindungen hatte, war Mitglied der Strikten Observanz bzw. von deren Nachfolgeorganisation, und schon seit 1779 Mitglied der Amis Réunis. Höchstwahrscheinlich gehörte auch er den Illuminaten an. Seine Arbeit befaßte sich in der Hauptsache mit historischen Fragen. Girauds Schreiben hingegen pries Mystik und Hermetik an - es wurde abgelegt.

Gleich vier Sitzungen wurden für die Verlesung des Memoires des nicht weiter bekannten Pariser Freimaurers LeNormand verwendet, nämlich die 14. (17. April), 15. (20. April), 16. (24. April) und 18. (27. April). Die 17. Sitzung fiel aus, da nur 5 Teilnehmer gekommen waren, die nach 1 1/2-stündigem Warten wieder gingen, wie das Protokoll vermerkt. LeNormands offensichtlich äußerst umfassendes Werk trug den Titel 'La loi de l'universe'. Es stellte unter anderem die Bedeutung des animalischen Magnetismus für Theosophie, Metaphysik und das Glück der Menschheit allgemein heraus. Man beschloß, sich mit der in Paris arbeitenden magnetisch-mesmeristischen Gesellschaft, der 'Société harmonique', in Verbindung zu setzen. An dieser Stelle notierte Bode, daß einige der Philalethen zugleich Mitglieder dieser Gesellschaft waren, so etwa Savalette selbst, aber auch de Bondy und Beyerle. Zu LeNormands Arbeit bemerkte er: "Ich verstehe davon überhaupt nichts."

Die 19. Sitzung vom 1. Mai wurde für das Memoire von Beyerle genutzt. Beyerle vertrat den Standpunkt, alles in der Entwicklung der Freimaurerei sei ursprünglich in den drei ersten Graden angelegt, die weitere Entwicklung sei also rein historisch zu verstehen. Alle Religionen, auch die ältesten, benutzten Symbole, um gegenüber den jeweils 'Ungläubigen' ihre Geheimnisse zu verschleiern. Und dieses Verfahren habe eben auch Eingang in die Freimaurerei gefunden. Im übrigen lehnte Beyerle alle vermeintlichen 'Neuerer' der Maurerei ab, da sie meist Betrüger seien. Das Memoire fand die volle Zustimmung der Versammlung, man schlug vor, es zu drucken, um es allen Mitgliedern zukommen lassen zu können.

Nun, gegen Ende zu, wurde es regelrecht chaotisch. Schon die nächste Sitzung (die zwanzigste, 3. Mai) mußte wegen zu geringer Beteiligung ausfallen; die beiden folgenden (21., 4. Mai und 22., 8. Mai) hatten Verfahrens- und Protokollfragen sowie die Verlesung eines Schreibens zum Inhalt, das das allen bekannte Lyoner System anpries, und die daran anschließende 23. Sitzung vom 10. Mai fiel wiederum aus. Die 24. Sitzung vom 11. Mai brachte den Wendepunkt des Konventes; es ist auch die letzte, deren Protokoll Bode kopierte. In dieser Sitzung wurde mit der Verlesung von Bodes Memoire begonnen, das Prinz Christian persönlich in Weimar abgeholt und durch einen eigenen Kurier nach Paris befördert hatte.

Bode selbst war erst nach Schluß des Konventes, nämlich am 24. Juni, in Paris angekommen; zwei Tage später traf er zum ersten Mal mit Savalette zusammen; Savalette berichtete, "der Convent sey rompû, aus Mangel an Cooperateurs. Indessen, wären viele wichtige Memoirs eingelaufen; doch sey meins darunter das Wichtigste, und setzte, nach französischer Art, mit Uncial-Buchstaben an die Häuser zu schreiben, hinzu: car Mr. vous seul faites tout un Convent." Kurz darauf war Bode ständiger Besucher des Archives der Amis Réunis, wo er die hier vorgestellten Protokolle abschrieb und Auszüge aus verschiedenen Memoires sowie Abschriften weiterer Akten anfertigte. Dazwischen finden sich Eintragungen, die Aufschlüsse über den weiteren Verlauf des Konventes geben.

Der Beitritt französischer Freimaurer zum Illuminatenorden

Offiziell war das Treffen mit der 29. Sitzung am 26. Mai zu Ende gegangen. Man wollte im November weiter verhandeln, und hatte für die Zwischenzeit wiederum eine Interimskommission eingesetzt, die die Bearbeitung der eingegangenen Memoires, die Korrespondenz und die Regelung von Verfahrensfragen übernehmen sollte. Was in den letzten fünf Sitzungen geschehen war, berichtet Bode: "Am 30. Juli habe ich mit de Langes eine Konferenz in meinem Zimmer gehalten ... Er sagte mir, daß der Konvent sich wahrscheinlich Ende November versammeln würde, aber nicht, um weiter nach den geheimen Wissenschaften zu suchen, weil mein Memoire ihn davon abgebracht habe, sondern um über die Reform der zersplitterten Freimaurerei zu beraten. Als ich ihn über die fünf letzten Sitzungen des Konventes fragte, antwortete er mir, daß die Protokolle noch nicht gut genug redigiert seien; und daß mein Memoire - das einzige, das man gleich zweimal gelesen hatte - den Konvent zu Fall gebracht habe. Ebenso hätte die Notablenversammlung mit ihren Folgen den meisten anwesenden Mitgliedern viele Unannehmlichkeiten verursacht. Aber der Bruder d'Aubermesnil und ich hätten - was das Reformvorhaben beträfe - in Zukunft das volle Vertrauen des Konvents." Nach dieser Aussage hatte es Bode offensichtlich nicht mehr nötig, auf die Redaktion der Konventsprotokolle zu warten. Mit d'Aubermesnil war er sich einig, denn schon am 3. Juli hatte er anläßlich einer Besprechung mit diesem in seinem Journal notiert: "Wir haben Correspondenz abgeredet; besonders über Illuminatenideen ... Vom Aberglauben an Science occulte & sublime sind diese ... Brüder glatterdings zurückgekommen, und ganz vorbereitet, Ideen der reinen gesunden Vernunft aufzunehmen."

Im gleichen Sinne schrieb er eine Woche später an Christian von Darmstadt: "Diese drei Brüder (d'Aubermesnil, de Bondy, Savalette; - der Verf.) sind von ihren vorherigen Ansichten abgekommen und sind nun mit mir einer Meinung." Sie waren nicht nur einer Meinung, wie die Besprechung mit Savalette am 30. Juli zeigt: "1) Wir haben uns nachher entschieden, daß wir die Zuschriften, die man aus Höflichkeit nicht ablehnen kann, mit einem Kreuz markieren. Als Chiffre werden wir die maurerische Chiffre nehmen, den neunten Schlüssel und das Wort St. <Lücke im Text> aus einem Almanach, nach Übereinkunft. 2) Daß er mir morgen die Stufen und Konventionen der Klassen der Amis Réunis zum lesen gibt, und daß ich zuerst von der elften und in wenigen Monaten von der zwölften eine Kopie machen werde. 3) Daß er für Frankreich statt des Namens 'Illuminaten' den Namen 'Philadelphen' annehmen wird, und statt der 'Freimaurerklasse' könnte man 'Vorbereitungsklasse der Anwärter' sagen. Der Grund für den ersten Namen ist: sie haben den Namen der 'Philalethen' für ihren höchsten Grad; und den Namen 'Philanthropen', um diejenigen Personen wieder für die Wohltätigkeit zu gewinnen, die nicht an mysteriösen Gesellschaften hängen und von denen man etwas für das öffentliche Wohl erhoffen kann. - Es scheint mir nicht schlecht zu sein."

Diese Absprache hatte nun sogleich personelle Konsequenzen: schon zwei Tage später, am 1. August, erhielt Bode Savalettes Revers und die bei den Illuminaten übliche Tabelle über die persönlichen Verhältnisse. Savalette war also am 1. August 1787 den Illuminaten beigetreten. Am vierten August folgten de Bondy und Roettiers de Monteleau. Bode kommentierte: "Wir haben uns alle vier feierlich versprochen, nach unseren Möglichkeiten für das Wohl der Menschheit zu arbeiten. Amen!" Weiter zeigt das Reisetagebuch ständige Arbeitskontakte Bodes mit d'Aubermesnil, so daß man auch diesen zu den für die Illuminaten gewonnenen Personen zählen kann. Als fünftes neues Illuminatenmitglied kam LeSage, Savalettes Sekretär hinzu.

Somit konnte Bode in der französischen Hauptstadt einige der dort führenden Freimaurer für die Illuminaten gewinnen. Auffällig ist, daß der Konvent, dem in der Literatur bisher ein bodenloser Hang zu Schwärmerei und Mystizismus nachgesagt wurde, gerade die Arbeiten aus dieser, der okkultistischen Richtung als nicht weiter erwähnenswert ad acta gelegt hat - und nicht den Essay von Bode, wie Kloss geschrieben hatte; sondern daß vielmehr diese Arbeit zum Beitritt der genannten Männer zum Illuminatenorden führte. In einer Weiterführung seiner schon für den Wilhelmsbader Konvent schriftlich ausgearbeiteten Thesen stellte Bode ausdrücklich England und dort die 1717 gegründete Londoner Großloge als wahren Entstehungsort der Freimaurerei vor. Seit den späten vierziger, besonders aber den fünfziger Jahren hätten sich dann 'Jesuiten' in den Orden eingeschlichen, um heimlich den Katholizismus in den protestantischen Ländern zu befördern.

Diese These einer jesuitischen Unterwanderung wurde nicht von Bode allein vertreten, wie etwa die Pressekampagne der Berliner Aufklärer gegen Johann August Starck zeigte: 'Jesuit' oder 'Kryptokatholik' wurde in den achtziger Jahren zum beliebtesten Schimpfwort zur Verunglimpfung des ideologischen und politischen Gegners. Für die Freimaurerei bedeutete die Ausformung dieser These durch Bode nun nichts anderes als die vehemente Warnung vor allen gegenaufklärerischen Tendenzen, wie sie vor allem in den verschiedenen Hochgradsystemen templerischer Art und den mystisch-okkultistisch ausgerichteten Logen zu erkennen waren. Bei den Philalethen hatte dieses Vorgehen Erfolg. Wenn - was zu diesem frühen Zeitpunkt (Sommer 1787) anzunehmen, aber nicht zu belegen ist - Bode die Amis Réunis darüber hinaus in Kenntnis der höheren Grade der Illuminaten versetzt hatte, so konnte die strenge Rationalität von Weishaupts System das ihre dazu beitragen, die Philalethen von der Suche nach höheren und verborgenen Wissenschaften abzubringen. Die Behandlung der Memoires von d'Aubermesnil, Chefdebien, Lezay-Marnesia, Beulwitz, Christian von Darmstadt und schließlich Beyerle durch den Konvent zeigte jedenfalls mehr als deutlich, daß die Philalethen schon vor der Bekanntschaft mit Bodes Ausführungen auf diesem Wege waren.

Weiterführende Aufschlüsse über vorhergegangene oder anschließende Kontakte und die Art bzw. die Thematik der eingeleiteten Zusammenarbeit zwischen Bode und der Gothaer Illuminatenführung mit den Philalethen lassen sich aus den bisher bearbeiteten Quellen nur äußerst schwer gewinnen. Der in Bodes Nachlaß überlieferte Briefwechsel nach 1787 zeigt zwar solche Beziehungen an, ist aber inhaltlich viel zu dürftig, um darauf gegründete Schlüsse ziehen zu können. Die Amis Réunis jedenfalls reagierten kurz darauf mit einer Umformung ihrer Organisationstruktur: ein Jahr nach Bodes Besuch wurde ein Kapitel eingerichtet, dem nur noch ein gutes Fünftel der gesamten Mitglieder angehörte.

Unter 76 Mitgliedern dieser Einrichtung fanden sich elf nachweisliche Illuminaten, Bode war nicht dabei. Nun war die Einrichtung dieses Kapitels kein isolierter Vorgang. Der Grand Orient de France hatte im Frühjahr 1782 eine 'Kammer der Grade' eingerichtet, die die im Lande bearbeiteten Rituale reformieren sollte. Treibende Kraft dabei war Roettiers de Montaleau. Die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Logen und Systemen zogen sich über Jahre hin, bis sich 1786 mehrere Logen zusammen in einer gemeinsamen Organisation, dem 'Grand Chapitre Général' oder 'Souverain Chapitre Métropolitain', zusammenfanden. Eine dieser Logen waren die Amis Réunis, die am 25. Dezember 1787 den Antrag auf Aufnahme stellten, und schon am 9. Januar 1788 Mitglied dieser neuen Dachorganisation wurden.

Die Zwölfte Stufe der Amis Réunis, die 'Auserwählten der Auserwählten', um diesen Kreis zu karikieren, gehörte dieser neuen Vereinigung nicht an, blieb aber in den gleichen Funktionen wie bisher. Die Gruppe der 76 Mitglieder des Kapitels wurde also nochmals um eine Stufe erhöht: Mitglieder der Endstufe des Systems, die zwar dem Kapitel angehörten, aber nicht durch das 'Grand Chapitre Général' organisiert waren bzw. neben ihm operierten. Mehrere der nun zu nennenden Männer hatten diesen Rang bereits seit längerem inne, gehörten also vor, während und nach den beiden Konventen zum innersten Führungszirkel: neben den schon mehrfach erwähnten Führern des Systems d'Aubermesnil, LeSage, Roettiers de Montaleau, Savalette de Langes und Taillepied de Bondy die deutschen Illuminaten Ludwig von Hessen-Darmstadt, Friedrich Rudolf Salzmann und Friedrich Tiemann; hinzu kam wiederum der vermutliche Illuminat von Gleichen, und als weiteres, bei weitem bedeutendstes und wichtigstes Mitglied außerhalb Frankreichs bzw. des Reiches der russische Gesandte Stroganov. Ansonsten fanden sich in dieser 'Loge in der Loge in der Loge' der Bruder von Chefdebien und neben anderen die Brüder Tassin, angesehene und einflußreiche Pariser Bankiers, die ihr Leben unter der Guillotine lassen mußten. Nach den ausgewerteten Listen hatte diese 'Nebenloge', deren Existenz bis 1792 nachzuweisen ist, gerade 22 Mitglieder. Über die Art ihrer Zusammenkünfte und Arbeiten ist nichts bekannt. Da es sich aber um diejenigen Personen handelte, die als einzige von immerhin 359 Mitgliedern die Zwölfte Stufe des Systems, den Rang eines 'Meisters aller Grade', erreicht hatte, liegt der Schluß nahe, daß von dieser Mannschaft sowohl die Loge selbst als auch das 1788 errichtete Kapitel dirigiert wurden. Da Bode offensichtlich zu dieser höchste Stufe der Philalethen Zutritt gefunden hatte, bekam er Zugang zu allen Interna dieser Verbindung. Genauere Aussagen über die Tätigkeit dieser Männer müssen aber Spekulation bleiben. Als sicher kann angenommen werden, daß zumindest dieser engere Personenkreis genaueste Kenntnisse über den deutschen Illuminatenorden besaß, und aufgrund dessen zu inoffiziellen Mitgliedern dieser Vereinigung gezählt werden kann - wo nicht eine direkte Mitgliedschaft zu belegen ist.

Freimaurer und Illuminaten zu Beginn der Revolution

Für die Propaganda der Gegner der französischen Revolution, die wie Barruel, Robison und Starck selbst der Freimaurerei oder wie Grolmann und Hoffmann den Illuminaten angehört hatten, lag die Sache in ihrer vereinfachenden Sichtweise klar auf der Hand: Bode hatte den Illuminatismus nach Paris exportiert, die solcherart 'illuminierten' französischen Logen entzündeten dann im Juli 1789 die Revolution. Im Denken der Konterrevolutionäre ging die Gleichung Freimaurerei=Illuminatismus=Jakobinismus problemlos auf, bis hin zur der verstiegenen Behauptung, der Wilhelmsbader Konvent der Strikten Observanz habe bereits 1782 die Beseitigung der Monarchie in Frankreich und die Ermordung des Königs beschlossen.

Belegen läßt sich davon aus den bislang bekannten Quellen nichts: der französische Historiker Ligou berichtet zwar von einem eindeutig gegen die Jakobiner wie auch gegen den Bonapartismus gerichteten Gesellschaft der Philadelphen, die sich nach seiner Darstellung aus den der Gironde anhängenden Pariser Freimaurern zusammensetzte, bietet aber für diese Behauptung kein einziges Zeugnis. Auch in den Akten aus Bodes Nachlaß findet sich kein Hinweis auf das Bestehen einer Organisation dieses Namens, wobei aber gesagt werden muß, daß die Unterlagen in Bodes Nachlaß in der 'Schwedenkiste' ziemlich genau mit dem Jahresende 1787 abbrechen. Da aus anderen Quellen Bodes weitere freimaurerisch-illuminatische Tätigkeit in groben Zügen zu rekonstruieren ist, liegt die Vermutung nahe, daß entweder er selbst oder Herzog Ernst als sein Erbe hier gezielt Material vernichtet oder versteckt hat.

Die Verwicklung führender französischer Freimaurer in revolutionäre Aktionen seit dem 14. Juli 1789 war allerdings zu keiner Zeit ein Geheimnis, und mehrere Mitglieder der Amis Réunis fanden sich in der Nationalversammlung oder bei den Girondisten. Die Teilnahme an radikalen, d.i. jakobinischen Aktivitäten läßt sich bei Personen aus dem Umkreis des Illuminatenordens auch bei einigen deutschen Mitgliedern nachweisen, die aber allesamt nicht mit den Philalethen in Kontakt standen. So bei den Mainzer Jakobinern um Böhmer und Forster, der dann später nach Paris ging, sowie dem von Bode mehrfach erwähnten Leuchsenring und dem Züricher Illuminaten Schweizer. Personelle Verbindungen einzelner Illuminaten und Philalethen zu den Revolutionären von 1789 gab es zur Genüge, nur daß diese allein nicht ausreichen, um von einer Verschwörung sprechen zu können. Die Mitglieder der Amis Réunis wären aber zu einem solchen Vorgehen in der Lage gewesen, sieht man auf ihren außerordentlich hohen gesellschaftlichen und politischen Status. Hier liegt die eigentliche Brisanz von Bodes Aufzeichnungen: die Verpflanzung von Weishaupts System nach Paris fand tatsächlich statt, die Teilnahme von Illuminaten bzw. Philalethen an den revolutionären Aktionen der ersten Stunde steht außer Frage. Aus diesen Zusammenhängen kann alles herausgelesen werden, auch eine von Weishaupt, Knigge, Bode wie den Führern der deutschen Strikten Observanz von langer Hand geplante Verschwörung zur Errichtung der Republik in Frankreich. Beweisbar ist nach der jetzigen Quellenlage davon nichts: die Frage, ob die deutschen Illuminaten die französische Revolution mit vorbereitet bzw. beabsichtigt haben, muß offen bleiben. Gegen eine solche Annahme spricht zum einen die Tatsache, daß Bode in seinen Aufzeichnungen mit keinem Wort auf die politische Situation Frankreichs einging, zum andern, daß er nach den erhaltenen Quellen nach seiner Rückkehr den Illuminatenorden langsam einschlafen ließ und sich erneut der Reform der Freimaurerei zuwendete - hier aber nun mit deutlichen politischen Implikationen. Hinzu kommt, daß es eine Sache ist, französische Freimaurer in den Illuminatenorden aufzunehmen, aber eine ganz andere, was diese Personen nach einer solchen Aufnahme unternehmen: die Konstruktion eines direkten kausalen Zusammenhanges derart, daß aus dem Illuminatismus direkt die Revolution gefolgt sei, wird einem solch komplexen Ereignis nicht gerecht. Als ein Aspekt unter vielen gewinnt Bodes erfolgreiche Werbeaktion aber sehr wohl ihr eigenes Gewicht: der Konvent des Jahres 1787 und die Gründung der Illuminatenniederlassung in Paris waren dafür verantwortlich, daß sich mit den Amis Réunis eine der wichtigsten Pariser Logen den Ideen der rational begründeten radikalen Aufklärung zuwandten. Und solche Ideen waren es, die zum 14. Juli 1789 führten, und einige ihrer führenden Vertreter waren Freimaurer und Illuminaten.

Was der ausschlaggebende Grund für Bodes Reise gewesen war, läßt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Für die Behauptung der Vertreter der Verschwörungstheorie um Barruel, die Reise sei auf Verlangen Mirabeaus geschehen, um den Illuminatismus auf dessen Wunsch in Paris einzuführen, gibt es keinen Beleg. Träfe diese These zu, so wäre zu erwarten gewesen, daß sich die beiden über ihr Vorgehen abgesprochen hätten, was Bode sicher einen diesbezüglichen Eintrag in seinem Journal bzw. seinen anderen Aufzeichnungen wert gewesen wäre. Fest steht, daß Bode den Besuch des Konventes von 1787 seit längerem geplant hatte, da er mit den Ergebnissen des ersten Treffens äußerst unzufrieden gewesen war. Der Besuch Prinz Christians von Hessen im März 1787 hatte eindeutig das Vorgehen auf dem Konvent zum Hauptthema, und als am 25. April sein Reisegefährte Bussche in Weimar eingetroffen war, notierte Bode kurz: "Kam Bruder Herr von dem Bussche hier an, und es ist beschlossen, daß ich mit ihm nach Paris gehen soll." Welche weiteren Personen außer Bode selbst, Bussche und Christian, an dieser Entscheidung beteiligt waren, läßt sich nicht herausfinden. Mauvillon, der den französischen Text von Bodes Essay korrigierte, wußte zumindest Bescheid, und das gleiche galt von den Gothaer Illuminaten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, daß er vor dem Eintreffen in Paris in allen Orten, die er mit Bussche besuchte, Kontakt mit den dortigen Illuminaten aufnahm. Leider gibt sein Journal über die Treffen mit diesen Personen nur geringe Auskünfte, der Konvent wird aber ebenso wie illuminatische Angelegenheiten Hauptgesprächsthema gewesen sein. Bussche jedenfalls spielte, wie das Journal mehr als deutlich zeigt, bei Bodes Verhandlungen und Arbeiten mit den Männern um Savalette nur eine untergeordnete Rolle, auch war er in der freimaurerischen wie der illuminatischen Hierarchie auf einer zu niederen Stufe, um hier entscheidend mitreden zu können. Vielleicht ist das neben seinem zweifellos vorhandenen Adelsdünkel der Grund dafür, daß er Bode während der ganzen Reise so piesackte.

Gleichwohl war die Gründung der Pariser Illuminatenfiliale sowie Bodes eigener, allerdings inoffizieller Beitritt zu den Philalethen keine einsame Entscheidung, wie die Vorgänge nach seiner Rückkehr nach Weimar zeigten. Schon am 9. September berichtete er Münter ausführlich über die Ergebnisse seiner Reise und fügte hinzu, er habe nun in Frankreich ein weiteres Feld, um "nach dem eigentlichen Geiste der Verbindung zu wirken". Kurz darauf fuhr er zu Besuch nach Gotha und übergab Herzog Ernst seine Abschriften der Konventsprotokolle sowie weitere Materialien der Philalethen. Und nun, am 27. September, beschlossen beide, Weishaupt in Zukunft von allen Aktivitäten des Ordens fernzuhalten. Auch Mauvillon wurde ausführlich informiert und erhielt schon im Oktober den Auftrag, illuminatische Papiere ins französische zu übersetzen - ein deutlicher Hinweis darauf, daß die geplante Zusammenarbeit der Amis Réunis mit den Illuminaten nun in Angriff genommen werden sollte. Zum gleichen Zeitpunkt begann Bode - nicht mehr Weishaupt - mit der Überarbeitung bzw. Neufassung der Grade und Instruktionen des Ordens sowie der Ausarbeitung eines Reformplanes. Am 17. und 18. November zog er dann Reinhold und Gottlieb Hufeland in Jena zu Rate: beide sagten ihre volle Unterstützung dieser Pläne zu.

Der Bund der Deutschen Freimaurerei

Im Frühjahr 1788 hatten diese Arbeiten schon soweit Gestalt angenommen, daß nun auch die Mitglieder in den weiter entfernten Niederlassungen informiert werden konnten. In den Plänen von Bode, Gottlieb Hufeland und Reinhold, dem nun eine immer größere Bedeutung innerhalb des Bundes zukam, spielten die Ordensniederlassungen im Norden die wichtigste Rolle, galt es doch, die Verbindung mit Münter in Kopenhagen auszubauen. Sieveking in Hamburg wurde zusammen mit Schröder der wichtigste Mann in der nun begonnenen Reform des Illuminatenordens, mit der dessen Überleben gesichert werden sollte. Konsequent wurde an den Ausbau der Illuminatenfilialen dieser Region vom Ende des Jahres 1786 angeknüpft, wie ein ausführliches Schreiben Bodes zeigt. In Frankreich sei ein ähnliches Projekt im Gange, und die Vorgänge in Bayern besonders seit der Veröffentlichung wichtiger Ordenspapiere durch die dortige Regierung biete die Gelegenheit, den Orden im Reich neu zu fundieren, hieß es dort. Der Name sowie die bisherige Organisationsstruktur der Illuminaten müßten nun abgeschafft, und was vom Illuminatismus wie auch der Freimaurerei zu dieser Reform geeignet sei, zu einem völlig neuartigen System verschmolzen werden. Von da aus sei das Ziel, zuerst die gesamte Freimaurerei und darauf aufbauend sämtliche Stände und Klassen in Staat und Gesellschaft zu reformieren. Das Vorbild, das Bode hier vor Augen stand, war die amerikanische Verfassung, die er zur gleichen Zeit gelesen hatte. Und er begann nun mit der Suche nach weiteren Mitarbeitern zu diesem Reformprojekt, das in der Geschichte der geheimen Gesellschaften unter der Bezeichnung 'Bund der deutschen Freimaurerei' bekannt geworden ist.

Neben den schon genannten Personen nahmen die führenden Mitglieder der Gothaer Loge an den nun initiierten Aktivitäten teil. Herzog Ernst selbst zog sich aber mehr und mehr aus allen geheimbündlerischen Tätigkeiten zurück. Man suchte hauptsächlich die Verbindung zu noch tätigen oder ehemaligen Illuminaten, von denen man sicher sein konnte, daß ihre Gesinnung dem Projekt einer Reform der Gesellschaft durch das Medium der Freimaurerei nicht im Wege stand. Nicolai in Berlin sagte ebenso zu wie Körner und der freimaurerische Forscher Friedrich Moßdorf in Dresden, hinzu kamen die Illuminaten Böttiger, Dörrien und Schlichtegroll.

Mit den Philosophen Feder und Meiners sowie dem Historiker Spittler in Göttingen konnten drei Männer gewonnen werden, die in der gelehrten Gesellschaft der Zeit wie auch in der Freimaurerei höchstes Ansehen genossen. Gleiches galt für den Juristen Siebenkees in Altdorf und den Gymnasialrektor Vogel in Nürnberg; nimmt man Reinhold hinzu, der zu diesem Zeitpunkt am Anfang seines wissenschaftlichen Ruhmes stand, so zeigten sich hier führende akademische Vertreter der Aufklärung dem zentralen Gedanken dieses Projektes zugetan, daß es nämlich möglich sei, mittels des Wirkens in einem freimaurerischen Geheimbund die Reform von Staat und Gesellschaft vorantreiben zu können. Weitere wichtige Männer in dieser Runde waren Baggesen und Münter in Kopenhagen sowie Friedrich Christian von Schleswig und Holstein, Freund und Förderer Schillers, eng vertraut auch mit Schröder, Baggesen und Reinhold.

Sieht man auf die Zusammensetzung dieser Führungsmannschaft, so wird eine weitere Akzentverschiebung in der Entwicklung des Illuminatenordens deutlich. Keiner dieser Männer gehörte in den engeren Kreis Weishaupts und der ersten Mitglieder in Bayern, keiner von ihnen hatte jemals mit Knigge vertraulicher zusammengearbeitet, keiner gehörte bis zu diesem Zeitpunkt dem inneren Kreis des Ordens auch nach seiner Reorganisation durch Bode und Herzog Ernst an. Gleichwohl zeichnete alle diese Männer eines aus: sie genossen das volle Vertrauen von Reinhold, Hufeland, Helmolt und Bode, die die Fäden dieses neuen Bundes in Händen hatten. Nicht mehr die bloße Mitgliedschaft in der Organisation oder die eigene Position darin waren nun entscheidend geworden, sondern es zählte von nun an lediglich die persönliche Dignität. Es war ein Bund von miteinander einverstandenen Männern. Und vermutlich Reinholds Einfluß war es zu verdanken, daß nunmehr das Hauptgewicht der Arbeiten auf eine gründliche theoretische Untermauerung gelegt werden sollte, das A und O einer jeglichen gesellschaftlichen oder politischen Reform, wie kurz darauf die französische Revolution zeigen und wie Reinhold selbst anläßlich seiner Beurteilung dieses Ereignisses schreiben sollte.

Höchstwahrscheinlich nahmen an diesen Arbeiten auch einige der deutschen Mitglieder der Pariser Amis Réunis teil; die augenblickliche Quellenlage erlaubt hier aber keine weiteren Aussagen, und auch über eine Koordination dieser Aktivitäten zwischen den deutschen und den französischen Freimaurern läßt sich bislang nichts eruieren. Die seit 1786 schwelende Staatskrise in Frankreich und schließlich der Beginn der Revolution mußten mit Sicherheit auf solche Vorhaben äußerst hinderlich wirken, und bekanntlich kam die Freimaurerei in Frankreich bald zum Erliegen bzw. wurde mit der Ermordung ihrer Mitglieder durch den Jakobinerterror in ihrer Existenz bedroht. Erst 1795 kam es durch Roettiers de Montaleau zu einer Reorganisation der Freimaurerei in Frankreich. Diese späteren Vorgänge, die hier nur erwähnt, aber nicht mehr behandelt werden können, spielten für die weitere Tätigkeiten der deutschen Reformer allem Anschein nach keine Rolle mehr.

Bode nahm nach 1788 in den bisher bekannten Dokumenten keinerlei Bezug mehr auf sein im Jahr zuvor mit Savalette abgesprochenes Projekt zur Einführung der Illuminaten in Frankreich unter dem Namen der Philadelphen. Dies legt den Schluß nahe, daß spätestens mit Beginn der Revolution die Zusammenarbeit zwischen Philalethen und deutschen Freimaurern bzw. Illuminaten ihr Ende gefunden hatte.

Im Reich nun ging im September 1790 ein Schreiben der Gothaer Loge um, in dem sämtliche deutschen freimaurerischen Vereinigungen gleich welchen Systems zum Beitritt zum 'Bund der deutschen Freimaurerei' aufgefordert wurden. Es stammte aus Bodes Feder. In mehreren folgenden Schriften legte er sein neues Konzept vor. Völlige Freiheit und Gleichheit sollte nun nicht nur zwischen den einzelnen Logen oder Systemen herrschen, sondern auch zwischen allen einzelnen Mitgliedern. Dies bedeutete die Einführung des demokratischen Prinzips in die Freimaurerei, verbunden mit allgemeinen, freien und geheimen Wahlen der Funktionäre und somit der radikalen Ablehnung jeglicher Autoritäten, die sich außer auf ihre bisherige Stellung innerhalb des Bundes auf keinerlei Legitimation stützen konnten. Damit waren die Führer aller Systeme direkt angegriffen, und Ferdinand von Braunschweig, der sich nach wie vor als 'Großmeister aller vereinigten Logen Deutschlands' bezeichnete, reagierte als erster hoher freimaurerischer Funktionär sogleich mit einer harschen Ablehnung dieses Ansinnens.

Dennoch traten mindestens zehn deutsche Logen dem neuen Bunde bei, der nach illuminatischem Vorbild vor der Aufnahme in die eigentliche Freimaurerei eine zweijährige Vorbereitungszeit vorsah, in der der 'Zögling' insgesamt drei eigenständige Stufen durchlaufen mußte. Ganz im Sinne von Weishaupts 'geheimer Weisheitsschule' sollten auch hier junge, meist unter 20-jährige Männer parallel zu ihrer Ausbildung an Schule, Universität oder Akademie an den Geist des Bundes herangeführt werden, der auf diese Weise das ursprüngliche Illuminatenprojekt fortsetzen wollte, nämlich die künftige Elite in den eigenen Einflußbereich zu ziehen. Nach dieser Vorbereitungszeit folgte die Aufnahme in die Freimaurerei, die Bode und seine Mitarbeiter von den Auswüchsen der Hochgrade gereinigt und zu den Traditionen von 1717 zurückgeführt hatten, wie ein Vergleich des neu gefassten Lehrlingsgrades mit anderen zeitgenössischen Dokumenten zeigt.

Bodes Tod im Dezember 1793 beendete die Tätigkeit des 'Bundes der deutschen Freimaurerei', weitere Grade und Instruktionen wurden nicht mehr ausgearbeitet bzw. in den Logen eingeführt. Aus den wenigen vorhandenen Materialien läßt sich aber schließen, daß ähnlich wie in Weishaupts System eine rational-aufklärerische Position den theoretischen Hintergrund dieser kurzlebigen Vereinigung bildete. Von der Wiedererrichtung des Templerordens war genausowenig mehr die Rede wie von der Gründung eines 'neuen Jerusalem'; Okkultismus, Geisterseherei oder mystisch-theosophisches Gedankengut hatte Bode konsequent ausgegrenzt. Hinweise auf gesellschaftliche oder politische Intentionen finden sich hingegen nicht, was aber weiter nichts besagt, da eben nur die Materialien bis zum freimaurerischen Lehrlingsgrad ausgearbeitet worden waren. Reinhold, Baggesen und Prinz Friedrich Christian versuchten, die Reform unter dem Titel 'Der moralische Bund und die Einverstandenen' fortzuführen, hatten damit aber nur geringen Erfolg. Nach Bodes Tod waren dessen Unterlagen durch seine eigene testamentarische Verfügung in den Besitz von Herzog Ernst gelangt, der dieses Material versiegeln und ins Archiv verbringen ließ. Zu diesem Zeitpunkt, an der Jahreswende 1793/94 war der Herzog bereits allen geheimbündlerischen Aktivitäten so abgeneigt, daß er nun auch die Gothaer Loge schließen ließ. Möglicherweise wurde diese Entscheidung durch die Vorgänge in Frankreich wie auch durch sein Wissen um Bodes Wirken während seiner Paris-Reise beeinflußt; möglicherweise wurden durch ihn selbst oder dann durch die Großloge in Stockholm, die das Depositum übernahm, die Papiere aus der Zeit nach 1788 vernichtet bzw. versteckt.

Erst Schröder führte die Reform nach einer gut zehnjährigen, auch durch Krieg und Besetzung bedingten Unterbrechung erfolgreich fort: die von ihm zu Beginn des neuen Jahrhunderts in Hamburg eingeführte sogenannte Schrödersche Lehrart, an deren Ausarbeitung auch Herder und Christoph Wilhelm Hufeland Anteil hatten, gilt bis heute in vielen in- und ausländischen Logen. Bode war auf diese Weise an den Beginn seiner freimaurerischen Tätigkeit zurückgekehrt, sein lebenslanges Ringen um Klarheit über die Geschichte, die Bedeutung, den Sinn und den Zweck der Freimaurerei hatte sich doch noch gelohnt. Nun freilich in einer anderen Art und Weise, als sich Bode, der im Konzept des Illuminatenordens die beste Vorgehensweise für einen geheimen, der Aufklärung und der gesellschaftlichen Erneuerung verpflichteten Bund sah, dies gedacht hatte. Schröder und seine Mitstreiter nach 1800 gehörten einer anderen Generation an. Die französische Revolution, mehr als zwanzig Jahre Krieg und Besetzung, die Diktatur Napoleons über halb Europa und die darauffolgende Restaurationszeit mit dem beginnenden Siegeszug kapitalistischer Produktionsweisen sowie der technisch-wissenschaftlichen Revolution einerseits und der verständliche Versuch der Menschen, wieder 'normale' Lebensverhältnisse zu erreichen, wie es das nun mehr und mehr in den Mittelpunkt tretende Bürgertum vorexerzierte, andererseits brachten nun neue, für das alltägliche Leben weit wichtigere Aufgaben und Herausforderungen. Für politisch motivierte, freimaurer-ähnliche Geheimbündeleien bestand kein Bedarf mehr: die Ereignisse zwischen 1789 und 1815 hatten das Bewußtsein weiter Teile der Bevölkerung so weit geschärft, daß nun mit der allmählichen öffentlichen Bildung politischer Gruppierungen und Parteien der Weg zur modernen Demokratie beschritten wurde.
 

© ars una 1994 und Hermann Schüttler


aktualisert am 08.01.2004
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