REICHENAUER SCHULHEFT

MITTELALTER
Schwerpunkt: Handschriften

Pergament, acht Blätter, 220 x 160, irische spitze Minuskel oder Kursive, 9. Jahrhundert Kloster Reichenau oder St. Gallen (?). Die Blätter sind nach der Art irischer Handschriften an den Ecken abgerundet.
TEXTAUSSCHNITT

Aeterne rerum conditor noctem diem quique regis sunt tempora dans tempora ut/
abluas fastidium; Preco diei iam sonat noctis profundae pervigil noc/
turna lux viventibus a nocte nocte segregans; Hoc excitatus lucifer sol/
vit polum caligin hoc omnis errorum chorus vias nocendi dserit; Hoc nautae/
vires colligunt pontique mitescunt freta hoc christus per aeclesias canentem culpam de/
luit; Sugamus ergo stenue gallus iacentes excitat et somnolentos incre/
pat gallus naegantem arguit; Gallo canente spes redit egris salus refunditur/
mucro latronis condito lapsus fide revertitur; Jesu favente respice et nos viventes/
corrige si respcis lapsus cavet fletaque culpa solvitur; Tu lux reulgens sen/
sibus mentisque somnum discute te nostra vox primum sonat hac hora psallimus tibi;/
gloria tibi patri et ingenito gloria unigenito cum sancto spiritu in sempiterna secula.

 


ÜBERSETZUNG

Dieses Blatt weist vier Hymnen auf, die zu den kanonischen Stunden gesungen worden sind. Der zu übersetzende Teil ist nachträglich eingefügt worden, was an der Tinte und an der Schrift ersichtlich ist.

Morgenhymnus

Oh ewiger Schöpfer der Dinge, der du Tag und Nacht lenkst, dem die Zeiten gehören, der die Zeiten gibt, um den Hochmut zu tilgen. Der Herold des Tages soll bereits ankündigen, die tiefe Nacht durchwachend, der das nächtliche Licht für die Lebenden von der Nacht trennt. Dadurch löst der erwachte Lichtbringer (Teufel?) den Himmel der Finsternis, dadurch verlässt die ganze Schar der Irrtümer die Wege des Schlechten, dadurch sammeln die Seemänner neue Kräfte und die Meere werden mild, dadurch nimmt Christus die Schuld durch den Gesang in den Kirchen. Wir wollen daher munter aufstehen, der Hahn weckt die Ruhenden und tadelt die Schlaftrunkenen, der Hahn kritisiert diejenigen, die sich weigern aufzustehen. Mit dem Hahnenschrei kehrt die Hoffnung zurück. Das erhabene Schwert des Kämpfers kehrt zurück, wenn der Glaube neu begründet ist. Jesus, mit deiner Hilfe, schaue auf uns Lebende, verbessere, wenn du sie siehst, die Fehler, hemme sie und die beweinte Schuld wird genommen. Du strahlendes Licht für die Sinne und Herzen vertreibe den Schlaf, unsere Stimme ertönt für dich zuerst, in dieser Stunde lobpreisen wir dich. Ehre sei dir, dem Vater und dem eingeborenen Sohn und Ehre dem Hl. Geist in Ewigkeit.

FUNDGESCHICHTE

Das Heft ist schon seit langer Zeit Forschungsobjekt, da es mehrere sehr interessante Teile enthält, z. B. auch irische Texte. Es muss schon zur Zeit des Abtes Gerbert (18. Jhdt.) von der Reichenau nach St. Blasien/Schwarzwald gekommen sein, obwohl es in den älteren Katalogen des dortigen Stiftsarchivs nicht aufgezählt wird. Nach Ansicht der neuesten Forschungsergebnisse ist das Schulheft jedoch nicht im Kloster Reichenau geschrieben worden, denn es wurde mit Sicherheit von wandernden Iren dorthin gebracht. Aufgrund der Schrift wird als Entstehungsgebiet der süddeutsche Raum bzw. Oberitalien angenommen. Auf Folio 7v sind Hymnen des Breviers. Ein Doppelblatt mit Hymnen, welches aus dem Schulheft genommen worden ist, befindet sich Generallandesarchiv in Karlsruhe.

ZUR HANDSCHRIFT

Hier zeigt sich die insulare Schrift in ihrer letzten Entwicklungsstufe als eine spitze kursive Minuskelschrift. Diese Form der irischen Buchstaben brachten die Mönche aus dem Westen auf das Festland mit, und es gibt von der Reichenau und aus Salzburg Beispiele, dass sie damit die Schreibgewohnheiten in unseren Breiten stark beeinflusst haben. Das ganze „Heft“ ist augenscheinlich von einer Hand, doch zu verschiedener Zeit geschrieben. Unter den Texten aus dem 9. Jahrhundert lässt sich mit einiger Mühe eine ältere, halbunziale Schrift erkennen, doch kann auch mit UV-Licht durch die allzu gründliche Rasur nicht mehr viel erkannt werden. 

ZUM TEXT

Das Reichenauer Schulheft enthält verschiedenartige Texte, die vor allem für den Gebrauch in der Klosterschule Verwendung gefunden haben, weshalb es die Forschung heute auch Schulheft nennt. Es dürfte aber vielmehr ein Vorbereitungsheft eines Klosterlehrers gewesen sein. Es enthält neben grammatikalischen Texten, die mit althochdeutschen Marginal- und Interlinarglossaren versehen sind, astronomische Tafeln, Hymnen und irische Gedichte.

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