RÖMERSTADT AUGUSTA RAURICA
Kaiserkult
siehe auch Religion, einheimische Götter, orientalische Götter, Götter in Augusta Raurica, Götter in Rom, Tempel und Heiligtümer
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Der römische Kaiserkult hat seine Wurzeln im hellenistischen Herrscherkult, der mit der zunehmenden Verwicklung Roms in die Politik der östlichen Mittelmeerwelt seit etwa 200 v. Chr. auch vermehrt auf römische Beamte, vor allem auf Statthalter, angewandt wurde. Obwohl die kultische Verehrung eines lebenden Menschen in Rom offiziell verpönt war, griff dieses Vorgehen zusehends auch auf stadtrömische Verhältnisse über. Nachdem Octavian, der spätere Kaiser Augustus, 31/30 v. Chr. durch den Sieg über Antonius zum faktischen Alleinherrscher über das römische Reich geworden war, richtete sich die von den Provinzialen ausgehende Verehrung konsequenterweise auch auf seine Person. Nach einer anfänglich ablehnenden Haltung entschloss er sich zur Einführung eines differenzierten Herrscherkultes in den Provinzen. Die dort lebenden Römer sollten den ermordeten Cäsar, den Divus Iulius, zusammen mit der Personifikation Roms, der Göttin Roma, verehren, während die einheimische Provinzbevölkerung in separaten Tempeln Roma und Augustus huldigen sollte. In Italien verbat sich der Princeps jegliche offizielle Verehrung seiner Person. Diese Vorsichtsmassnahmen konnten aber nicht verhindern, dass Augustus in den Provinzen noch zu Lebzeiten losgelöst vom Kult der Roma als Gott verehrt wurde und dass die Augustusverehrung auch in Italien auf munizipaler und privater Ebene Einzug hielt. Ursprünglich der Ausdruck eines Dialoges zwischen Herrscher und Beherrschten, wandelte sich der Kaiserkult bald zu einem politischen Mittel der Kontrolle über die Bewohner des römischen Reiches: Mit der Akzeptierung und Ausübung des Kultes bekundeten diese ihre Loyalität gegenüber dem Kaiser.

Neufunde der letzten Jahre haben die Kenntnisse über den lokalen Kaiserkult in Augusta Raurica wesentlich vergrössert. Vergoldete Bronzebuchstaben von 35 cm Höhe, die vor der Frontseite des Forumtempels zum Vorschein kamen, konnten einem seit längerem bekannten, in den Fundamenten des Castrum Rauracense sekundär verbauten Inschriftstein zugewiesen und zum Schriftzug ROMAE ET AVGVSTO ergänzt werden. Die Lesung dieser monumentalen Bauinschrift weist den Forumtempel damit eindeutig als Heiligtum für den Kaiserkult aus. Wie in zahlreichen anderen Städten wurde auch in Augusta Raurica dem Kaiser in einem Monumentalbau an prominenter Stelle gehuldigt. Der vor dem Tempel errichtete Altar war mit verzierten Platten aus wertvollem Carraramarmor verkleidet. Die Reliefs der Seitenwange zeigen eine Opferkanne und eine Spendeschale, wie sie bei Trank- und Blutopfern verwendet wurden. Die Frontseite des Altares ziert ein Adler mit Blitzbündel im Eichenkranz. Adler und Blitzbündel sind Symbole des Iuppiter, während der Eichenkranz sowohl auf den Göttervater als auch auf den Kaiser verweisen kann. Gerade unter Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.), in dessen Regierungszeit die Altarplatten aus stilistischen Gründen wohl gehören, begannen sich die Grenzen zwischen Iuppiter, dem Herrscher über die Götter, und dem Kaiser zusehends zu verwischen.

Die Freitreppe vor dem Tempel wurde von zwei Reiterstatuen flankiert, wie aus den gefundenen Bronzebruchstücken sowie einem Verdübelungsteil in Hufform vor den Treppenwangen hervorgeht. Es darf vermutet werden, dass es sich bei den Reitern um die Darstellungen römischer Kaiser handelt. Im näheren Umfeld des Tempels ist ausser mit wertvollen Weihungen und Kultgeräten, die in der Regel in der Cella aufbewahrt wurden, auch mit weiteren Statuen und Reliefdarstellungen römischer Kaiser und ihrer Familien zu rechnen.

Die hohe Stellung des mit dem Kaiserkult beauftragten Priesters, des flamen Romae et Augusti, wird in Augusta Raurica durch eine Inschrift unterstrichen, die ebenfalls aus den Grundmauern des Castrum Rauracense stammt. Sie nennt einen Priester dieses Kultes, der sich nach kaiserlichem Vorbild als Stifter einer Badeanlage hervortat. Die Wahl zum flamen Romae et Augusti war üblicherweise der krönende Abschluss einer profanen Ämterkarriere, des cursus honorum. Gemäss den erhaltenen Dokumenten hatten die Priester des Roma- und Augustuskultes in der Regel kurz zuvor das Duumvirat, das höchste städtische Amt, vergleichbar dem modernen Bürgermeisteramt, bekleidet. Der auf der Inschrift genannte Stifter gehörte ganz offensichtlich zur finanzkräftigen Oberschicht von Augusta Raurica.

Die angeführten Belege unterstreichen die wichtige Funktion des Kaiserkultes sowohl auf provinzialer wie auch auf munizipaler Ebene. Dennoch hat die Verehrung des römischen Kaisers nichts mit Religiosität im christlichen Sinn zu tun, sondern ist das Ergebnis einer ausgeklügelten Propaganda, die fester Bestandteil der kaiserlichen Politik war.

Weiterführende Literatur zum Kaiserkult in Augusta Raurica:
- D. Fishwick, The Imperial Cult in the Latin West. Studies in the Ruler Cult of the Western Provinces of the Roman Empire. Etudes Préliminaires aux Religions Orientales dans l´Empire Romain 2,1 (Leiden, New York 1991).
- M. Trunk, Römische Tempel in den Rhein- und westlichen Donauprovinzen. Ein Beitrag zur architekturgeschichtlichen Einordnung römischer Sakralbauten in Augst. Forschungen in Augst 14 (Augst 1991).
- P.-A. Schwarz, Neue Erkenntnisse zum Forums-Altar und Forums-Tempel in Augusta Rauricorum (Augst BL). Die Ergebnisse der Grabung 1990.54. Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 12, 1991, 161 ff.

Vgl. die Abbildung

Weitere Infos

Stephan G. Schmid

(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])


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