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Fasziniert von Fels und Eis
Von STEFAN DIETRICH

Der Innsbrucker Gletscher- und Klimaforscher Gernot Patzelt tritt in den Ruhestand. Das Thema Klimakatastrophe lässt ihn nach wie vor kalt.

Gernot Patzelt
Foto: Andreas Fischer

In seinem Garten in Igls stehen mehrere mächtige Steinskulpturen. Alle haben Bezug zu seinen Forschungen: Da ist ein vom befreundeten Bildhauer Peter Paszkiewicz nachbearbeiteter Quader aus dem Ötztal, ein wuchtiger Serpentin aus Osttirol und – das Prunkstück – ein 950 Kilo schwerer Gneis-Block aus der Antarktis. Wie kommt man auf die Idee, einen Felsbrocken dieser Größe aus der Südpolregion mitzunehmen und in seinen Garten zu stellen? „Ein Spleen", lächelt Gernot Patzelt.

Nicht nur Geografie
Tirols bekanntester Gletscher- und Hochgebirgsforscher wurde heuer 65. Ende des Sommersemesters tritt er in den Ruhestand. Begonnen hat Gernot Patzelt seine wissenschaftliche Laufbahn vor mehr als 40 Jahren. Auf Wunsch seines Vaters, eines Mittelschullehrers, hatte er erst eine Tischlerlehre gemacht. Dann begann er, an der Universität Innsbruck Geografie zu studieren. Eigentlich wollte er sich nur ein bisschen umschauen an der Uni, blieb aber dann bei seiner Wissenschaft hängen.

Besser gesagt: bei seinen Wissenschaften. Denn Patzelts Forschungsaktivitäten vereinen ein ganzes Bündel von Fachgebieten: Geografie, Meteorologie, Geologie, Archäologie, Geschichte|hellip; 1980 fand er den idealen Rahmen für sein fachübergreifendes Arbeiten: Er wurde Chef des neu gegründeten Instituts für Hochgebirgsforschung und der alpinen Forschungsstelle Obergurgl.

Von Anfang an standen gletscherkundliche Fragen im Zentrum von Gernot Patzelts wissenschaftlichem Interesse. Die Gletscherforschung führte ihn auf Expeditionen durch die ganze Welt – in die Arktis, Antarktis, in den Himalaja, nach Grönland und Afrika. Eng mit der Gletscherkunde verbunden gab und gibt es aber auch noch einen anderen wichtigen Schwerpunkt: die Klimageschichte und den Wandel der historischen Natur- und Kulturlandschaft in den Alpen.

„Ich bin absolut überzeugt davon, dass es
die große Klimakatastrophe nicht geben wird. Das ist reine Panikmache. Das System ist nicht so instabil!“

Zusammen mit den Botanikern um Sigmar Bortenschlager, die Pollen­analysen vorgenommen hatten, wies der Hochgebirgsforscher etwa schon einige Zeit vor Ötzis Entdeckung darauf hin, dass das hintere Ötztal bereits in prähistorischer Zeit von Menschen genutzt wurde. Als die Ergebnisse im Juni 1991 vorgestellt wurden, stießen sie auf Skepsis. Patzelt: „Die Urgeschichtler sagten: Hochinteressant, Herr Kollege. Aber wir müssen schon darauf hinweisen: Das Ötztal ist bisher archäologisch gesehen ein fundleerer Raum!“

Höhepunkt Ötzi
Drei Monate später, im September 1991, kam dann der „Mann im Eis“ ans Licht und bestätigte den Befund eindrucksvoll. Der Gletscherforscher, der auch geprüfter Bergführer ist, wollte damalsnicht auf den Hubschrauber warten und stieg zusammen mit Meteorologen-Kollegen sofort zum Hauslabjoch auf. Die kleine Gruppe war als erstes Wissenschafterteam am Fundort und entdeckte Ötzis pfeilgefüllten Köcher. „Das war ein bewegendes Erlebnis, ein unvergesslicher Höhepunkt!“, erinnert sich der sonst mit seinen Emotionen eher zurückhaltende Naturwissenschafter.


Die Klimadaten, die Patzelt und seine Mitarbeiter gesammelt haben, reichen 10.000 Jahre zurück. Bei einem so profunden Kenner der – nicht nur alpinen – Klimageschichte drängt sich eine Frage natürlich auf: Wie sieht es aus mit der drohenden Klimakatastrophe, mit der viel zitierten globalen Erwärmung oder – andersherum – mit der angeblich bevorstehenden neuen Eiszeit? Patzelt ist immer wieder durch Äußerungen zu diesem Thema aufgefallen, die ganz und gar nicht im Trend liegen. Und er bleibt sich treu: „Längerfristig gesehen ist das, was wir heute als Klima erleben – Erwärmung, Gletscherrückgang usw. – etwas, was es immer schon gegeben hat. Das ist gut belegbar. Was wir heute beobachten, liegt im normalen Schwankungsbereich des Klimas.

Damit ist noch nicht gesagt, dass nicht der Mensch einen Anteil an der Erwärmung hat. Das ist nicht ausgeschlossen. Diese Frage wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Die Möglichkeiten des Menschen werden hier aber oft überschätzt. Mein Anliegen ist es, übertriebene Hysterie einzudämmen. Auch wenn der Mensch an der Klimaschraube etwas mitdreht – es passiert nichts Außergewöhnliches.“ Hat Gernot Patzelt also keine Angst vor einer Klima­katastrophe, die – wie im Film in „The Day After Tomorrow“ – die Zivilisation zerstört? „Mit Sicherheit nicht! Ich bin absolut überzeugt davon, dass das nicht der Fall sein wird. Das ist reine Panikmache. Das System ist nicht so instabil!“

Opfer der Reform
Beste Voraussetzungen also für den Ruhestand, den Patzelt in Kürze antreten wird. Mit der Pensionierung des Professors ist allerdings ein anderer Wermutstropfen verbunden: Sein Institut für Hochgebirgsforschung wird aufgelöst. Es fällt der Uni-Strukturreform zum Opfer. Patzelt: „Ich finde es bedauerlich, dass eine Einrichtung, die die Aufgabe hat, interdisziplinäre Forschung zu betreiben, nicht weitergeführt wird. International ist der Trend dazu da, andernorts werden solche fachübergreifende Einrichtungen neu geschaffen, bei uns aufgelöst.“

Und wie sieht der Wissen­schafter die allgemeine Situation, die gegenwärtig als Folge der UOG-Reform an der Innsbrucker Uni herrscht? „Die Stimmung ist denkbar schlecht. Schlimm finde ich vor allem die Folgen für den Nachwuchs. Es ist für junge Forscher absolut unattraktiv geworden, an der Universität zu bleiben. Diese Art der Privatisierung von Wissenschaft ist nicht sehr produktiv. Sie vernichtet Kreativität.“

Viel in der Schublade
Ganz so negativ wollen wir aber nicht ausklingen, deshalb noch schnell die Frage: Kann Gernot Patzelt auf ein rundum erfülltes Forscherleben zurückblicken? Die Antwort ist eindeutig: „Ja! Ich konnte wissenschaftlich immer das tun, was mich interessierte. Ich hatte viel Freiraum und meine Unab­hängigkeit, tatkräftig unterstützt von meiner Frau. Aber ich bin noch nicht fertig! Ich habe noch so viel in der Schublade."

Der Forscher ist eben dabei, seine Wohnung zu erweitern und sich einen großzügigen Arbeitsbereich einzurichten, der sogar ein kleines Labor enthält. Dort will er sich unter anderem einem ganz speziellen Hobby widmen, dem Restaurieren prähistorischer Fundstücke. Und so viel ist noch zu erfahren: Natürlich wird sein besonderes wissenschaftliches Interesse auch in Zukunft auf das Ötztal gerichtet sein, mit dem er jahrzehntelang eng verbunden war. Möglicherweise werden sich die interessantesten Ergebnisse dieser intensiven Beziehung bald in einem Buch niederschlagen.

STECKBRIEF
Gernot Patzelt wurde am 18. Mai 1939 in Oberwart geboren und wuchs im Salzburger Pinzgau auf. Seit 1966 ist er mit Ehefrau Ilse ver­heiratet. 1968 Promotion an der Universität Innsbruck im Fach Geografie.
1968–1979 Assistent an den Instituten für Meteorologie bzw. Geografie. 1979 Habilitation.
Ab 1980 Leiter des Instituts für Hochgebirgsforschung und der Alpinen Forschungsstelle Obergurgl. 1994–1996 Vorstand des Institutes für Geografie. Seit 1999 Vorstand des Institutes für Hochgebirgsforschung und Alpenländische Land- und Forstwirtschaft.

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