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08.06.2000
Warum eine Polizeirazzia bei Bonhoeffer-Ausstellung?
jW fragte René Talbot, Sprecher des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg

(Der Verband organisierte die Ausstellung »The Missing Link - Karl Bonhoeffer und der Weg in den medizinischen Genozid«, die in der vergangenen Woche in der Berliner Volksbühne eröffnet werden sollte)

F: In der letzten Woche sollte in der Berliner Volksbühne die Ausstellung »The Missing Link - Karl Bonhoeffer und der Weg in den medizinischen Genozid« gezeigt werden. Was sollte dort zu sehen sein?

Es handelte sich um zwei Figuren, die der weltbekannte israelische Bildhauer Igael Tumarkin dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg schenkte. Dieses Geschenk hat seine besondere Bedeutung dadurch, daß den Skulpturen eine künstlerische Transformation zweier Büsten von Karl Bonhoeffer zugrunde liegt. Die eine war bis zum Herbst 1998 im Karl-Bonhoeffer-Raum in der Psychiatrie der Charité, die andere befand sich auf dem Gelände der Karl- Bonhoeffer-Nervenklinik. Sie waren dort spurlos verschwunden und sind schließlich in Israel wieder aufgetaucht. Tumarkin hatte sie nun künstlerisch verändert und ihnen die poetischen Namen »Der Professor, das Opfer, der heilige Kelch« und »Kastrierungsgedanken kommen mit Engelsmusik gegeben. Am 31. Mai sollte die Ausstellung in der Volksbühne eröffnet werden.

F: Wo liegt die politische Brisanz dieser Ausstellung?

Die Ausstellung war als Protest gegen die fortdauernde Ehrung von Karl Bonhoeffer gedacht. Er hat in der Nazizeit nicht nur seriell Gutachten für Zwangssterilisationen geschrieben und war Richter am Erbgesundheitsobergericht, sondern wurde sogar noch am 18. August 1942 von Hitler zum außerordentlichen Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeres-Sanitätswesens ernannt. Seit Jahren fordern wir die daher Umbenennung der Klinik in Berlin, die noch heute seinen Namen trägt. Doch die Klinikverantwortlichen weigern sich, obwohl seit 1993 Zwangssterilisationen vom Deutschen Bundestag als Naziunrecht anerkannt werden. Mit den Skulpturen wird die fehlende Verbindung zwischen der rassistischen Ideologie und ihrer mörderischen Verwirklichung im Holocaust sichtbar gemacht, daher der Name »Missing Link«.

F: Und warum platzte die Polizei in die Ausstellung?

Erst am Mittwoch erfuhren wir, daß sich die Polizei für die Angelegenheit interessiert und daß ein Beschlagnahmebeschluß des Amtsgerichts Tiergarten vorliegt. Hintergrund ist ein Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls der Büsten. Während der Vernissage wurden die Büsten beschlagnahmt und in ein Polizeiauto transportiert. Auf die Angebote der Moderation, die Büsten wenigstens bis zum Ende der Veranstaltung stehen zu lassen, ließ sich die Polizei nicht ein. Zwar waren in der Halle nur zivil gekleidete Beamte anwesend. Aber zur Verstärkung wurden dann uniformierte Polizisten hereingeholt, die vor der Volksbühne warteten.

F: Wie werden Sie weiter vorgehen?

Wir haben schon unseren Anwalt eingeschaltet und klagen auf Herausgabe der Skulpturen. Auch die Volksbühne als Veranstalterin legte Widerspruch gegen die Beschlagnahme ein. Aus juristischer Sicht ist die Beschlagnahmeaktion nämlich nicht haltbar, weil die Schaffung eines neuen Kunstwerks ein neues Eigentum begründet, selbst wenn die Materialien dafür gestohlen sind. Dazu gibt es auch schon entsprechende Urteile. Aber letztlich ist das Ganze eine politische Entscheidung. Sollten wir die Skulpturen zurückbekommen, wollen wir die Ausstellung an den vorgesehenen Orten nachholen. Im Anschluß schlagen wir als Dauerstandort für die beiden Figuren das Klinikum Berlin-Buch und das Foyer des Deutschen Bundestages vor. Wir finden es wichtig, kein opferbezogenes Denkmal aufzustellen, sondern eins, daß die Täter in das künstlerische Blickfeld nimmt.

Interview: Carsten Becker

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