"Mein Großvater Lafe erreichte das stolze Alter von hundertundeins Jahren und drehte damit sämtlichen Gesetzen der Langlebigkeit eine lange Nase. Er rauchte täglich zehn schwarze Zigarren, die er sich eigenhändig aus den Abfällen einer Tabakfabrik rollte. In den Zigarrenpausen paffte er eine Pfeife, die duftete wie ein feuchter Keller, in dem gerade aussortierte wollene Unterwäsche verbrannt wird. Wollte Lafe ein Zimmer ganz für sich haben, brauchte er es bloß mit seiner Pfeife zu betreten. Der kleinste Hauch aus seinem Miniaturverbrennungsofen ließ alle Anwesenden aufspringen und an die frische Luft eilen. Von Großvaters Pfeife hätte jedes Stinktier im Lande einiges über beißende Gerüche lernen können. Wir versteckten sie häufig, aber Großvater stöberte sie jedesmal anhand des Geruches wieder auf."

Der da in seinen Erinnerungen so farbig über die ersten Erfahrungen mit dem Tabak und dessen Produkten erzählt, war einer der größten Komiker der Filmgeschichte und bildete mit seinen Brüdern ein unschlagbares, geniales Team: Groucho Marx und die Marx Brothers.

Die Marxens stammten aus Deutschland, genauer gesagt aus dem kleinen ostfriesischen Dorf Dornum. Lafe Schönberg - sein wirklicher Vorname war Levy - wurde hier 1823 geboren und wirkte in dem verschlafenen Nest hinterm Deich als Bauchredner und Regenschirmmacher. Er heiratete Fanny Salomons, und sie bekamen mehrere Kinder, darunter die Tochter Miene. 1880, das Bauchrednergeschäft schien nicht recht zu florieren, gab die Familie die Heimat auf und wanderte aus ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch in New York war der Bedarf an deutschsprachigen Bauchrednern noch geringer als im Ostfriesischen. Lafe versuchte sich als Regenschirmreparateur. Ebenfalls erfolglos. Die Familie hatte es nicht finanziell leicht, aber irgendwie ging's immer.

Tochter Miene - jetzt Minnie - wuchs heran und heiratete 1884 den Tanzlehrer Sam Marx, Frenchie genannt, da seine Familie aus dem Elsaß stammte. Gleich nach der Hochzeit wurde der erste Sohn, Manfred, geboren. Drei Jahre später kam Leonard zur Welt. Manfred starb im Alter von drei Jahren bei einem Unfall, im gleichen Jahr erblickte Sohn Nr. 3 Adolph Arthur das Licht der Welt, dann 1890 Julius Henry. Zwei weitere, Milton und Henry, machten die Familie dann komplett. Man wird es schon ahnen: aus Minnies und Frenchies Söhnen, geboren im Schmelztiegel New York, rekrutierten sie sich, die Marx Brothers. Adolph Arthur: Harpo. Leonard: Chico. Julius: Groucho. Die beiden anderen, Gummo und Zeppo, spielten nur in der ersten Zeit eine Rolle im Showbusiness. Übrig blieben die drei anarchischsten Rabauken der Filmgeschichte.

Geprägt durch die künstlerischen ambitionierten (wenn auch erfolglosen) Vorfahren war es kein Wunder, daß "Minnies Boys", wie sie auch manchmal genannt wurden, eine Karriere im Showgeschäft anstrebten. Von den absurdesten Auftritten in Vaudevilleshows bis zu den gefeierten Filmkomikern war es ein weiter Weg, und Groucho und Harpo schildern in ihren Erinnerungen überaus lebendig, wie es ihnen in den ersten Jahren erging. Man arbeitete sich trotz vieler Rückschläge hoch. Ein Komiker, mit dem sie zusammen auftraten, verpaßte ihnen ihre Künstlernamen: Harpo, weil er so schön die Harfe zu spielen wußte, Chico, weil er immer hinter den Mädchen (Chicks) her war, und Groucho, weil er meist etwas griesgrämig wirkte. Anfang der 20er Jahre waren die Bühnenhonorare der Brothers bereits ausgesprochene Stargagen. Und 1229 war es soweit: "The Coconuts", ein erfolgreiches Musical mit der Musik von Irwin Berlin, wurde verfilmt. In den Hauptrollen: die Marx Brothers. Rasch folgten weitere Filme, bis 1949 insgesamt dreizehn. Dann zogen sich die Brüder ins Privatleben zurück, bis auf Groucho, des vom Showbusiness nicht lassen konnte, eigene Fernsehshows hatte und in diversen Filmen als Gast auftrat.

Wenn man an Groucho Marx denkt, dann kommt einem eines seiner Attribute ganz besonders in den Sinn: die Cigarre. Immer hatte er entweder im Mund oder in der Hand einen Stumpen stecken. Dessen besondere Eigenschaft: er brannte gar nicht (jedenfalls meistens). Groucho ohne Cigarre - undenkbar.

Neben seinen Brüdern wirkte Groucho, egal in welcher Rolle, ob er nun Rufus T. Firefly, Captain Spaulding oder Dr. Hackenbush hieß, zunächst immer überaus seriös. Während Harpo von der Lockenperücke bis zu den klaffenden Schuhen wie eine wandelnde Müllkippe gekleidet war und zudem durch seine "Stummheit" etwas irritierendes an sich hatte und Chico mit seinem Tirolerhütchen und einem undefinierbaren Akzent überaus zwielichtig wirkte (man hätte ihm nicht einmal ein Eis abgekauft), verkörperte Groucho mit Frack, dunklen Augenbrauen, breitem Schnurrbart und nicht zuletzt der Cigarre die Ehrenhaftigkeit in Person. Doch nur auf den ersten Blick: die Augenbrauen und der Bart waren mit Schuhcreme aufgemalt und die Cigarre diente nur, um damit wichtigtuerisch herumzufuchteln. Geraucht wurde sie meist nicht, wahrscheinlich weil er nur die eine hatte. Denn wenn sich Groucho als Stardoktor in einem Luxussanatorium breitmachte, so war er doch in Wirklichkeit ein Pferdedoktor, der auf der Flucht vor irgendwem und irgendwas ein Versteck suchte. Und der Kaufhausdetektiv mit Heiratsambitionen auf die wohlhabende Besitzerin war keineswegs ein Ehrenmann, sondern verbarg sich vor dem Geldeintreiber, der 144 Raten für ein Auto kassieren wollte. Groucho war der wirkliche Hochstapler (wenn auch ein liebenswerter), während Chico und Harpo nur harmlose kleine Gauner spielten, die sich auf bescheidene Weise mit dem einem oder anderen krummen Ding durchzuschlagen versuchten.

Die Filme der Brüder funkeln vor Komik und Wortwitz; sie wurden nicht nur vom breiten Publikum geliebt, auch Intellektuelle wie T. S. Elliot konnten sich köstlich über die Dialoge und Wortspielereien amüsieren, von denen viele unübersetzbar sind. Und während Chico im Privatleben sein Geld beim Kartenspiel und auf der Rennbahn verjubelte, verkehrte Harpo, der "stumme" Bruder im hochangesehenen Algonquin-Kreis, dem Autoren wie Dorothy Parker und Alexander Woollcott angehörten.

Es ist nicht überliefert, welche Cigarren Groucho Marx im "richtigen" Leben rauchte *, aber man weiß, daß er diesen Genuß sehr zu schätzen wußte. Waren es in den Anfangsjahren gewiß noch "Bahndamm Schattenseite"-Qualitäten von der Art, wie sie Großvater Lefe qualmte, so dürften mit wachsendem Erfolg auch die Ansprüche gestiegen sein. Und dann zündete er sie auch an!

Groucho Marx starb 1977 in Hollywood. "Ich möchte nie einem Club angehören, der jemanden wie mich aufnehmen würde" lautete einer seiner berühmten Sprüchen. Ich denke, man muß ihn trotzdem posthum in die Reihen der unvergessenen Cigarrenraucher aufnehmen. Denn ohne Groucho und seine Brüder wäre so manche Lachträne nicht geweint worden.
Archi W. Bechlenberg

(* Nachtrag: Grouchos Sohn Arthur schreibt in einem Artikel für "Cigar Aficionado", daß sein Vater vor allem Dunhill No. 410 rauchte.)