Regenwaldschutz



11.07.2003

Verliert der WWF seine weiße Weste?

Zoff um Werbeverträge /Wesemüller muss gehen

Von unserem Redakteur
Jürgen Hinrichs

Frankfurt/Bremen. Was tun zur Rettung des Regenwaldes? Die Antwort: Viel Bier trinken und möglichst oft mit dem Flugzeug verreisen. So will es jedenfalls die Umweltstiftung WWF in ihren umstrittenen Werbekampagnen. Ein Gegner dieser Strategie ist jetzt in die Wüste geschickt worden: Holger Wesemüller, der 20 Jahre lang von Bremen aus den gesamten Küstenraum betreut hat und zuletzt als WWF-Cheflobbyist in Berlin saß.
„Wir trennen uns“, bestätigte gestern WWF-Sprecher Werner Zidek den Abgang eines der bekanntesten Naturschützer in Deutschland. Er sprach von „unüberbrückbaren Differenzen“. Wesemüller selbst, der sich vor allem im Streit um den Nationalpark Wattenmeer und als hartnäckiger Quertreiber beim Bau des Emssperrwerks einen Namen gemacht hat, wollte nicht Stellung nehmen.
Die Personalie steht für eine Grundsatzfrage im Lager der Naturschützer. Wie weit dürfen sie sich auf die Wirtschaft einlassen, um ihre Ziele zu verfolgen? Greenpeace zum Beispiel finanziert seine Arbeit allein aus privaten Spenden. Der Worldwide Fund for Nature (WWF) hat dagegen von Anfang an auf eine enge Kooperation mit Unternehmen gesetzt und gerät deswegen jetzt mehr und mehr auch intern unter Druck.
In einem geheimen Schreiben der Europazentrale des WWF in Brüssel, das dem WESER-KURIER vorliegt, wird das Gebaren der deutschen Niederlassung scharf kritisiert. Konkret geht es um das Geschäft der Naturschützer mit der Fluggesellschaft LTU. Für jeden Passagier finanziert LTU einen Quadratmeter Regenwald. „So fliege ich gerne“, wirbt das Unternehmen.
Die WWF-Leute in Brüssel sind daraufhin „fast vom Sessel gefallen“, wie es in dem Schreiben an die Kollegen in Frankfurt heißt. Der internationale Luftverkehr treibe den Kohlendioxid-Ausstoß nach oben, schade damit dem Klima und müsse eher eingedämmt als beworben werden. Ein Nutzen für den Regenwald wird von den Experten nicht erkannt, dafür sei die „ein paar fußballfeldergroße“ Fläche viel zu klein. „Der Deal gehört in den Müll“, lautet das Fazit von WWF-Europa.
Klare Worte auch vom Vorsitzenden des Vereins „Rettet den Regenwald“, Reinhard Behrend: „Der WWF ist für mich eine Umweltabteilung der Industrie, die kleinste Verbesserungen als Errungenschaften zu verkaufen versteht“, sagte Behrend. Übel aufgestoßen ist ihm schon die Bierwerbung. Jeder Kasten, der die Krombacher-Brauerei verlässt, spült Geld in die Kassen des WWF. „Saufen für die Gorillas“ schreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ süffisant in einem Artikel über die Allianz der Bierbrauer mit den Umweltschützern. Auch in diesem Fall bleibt anders als für die Brauerei, die ihren Umsatz deutlich steigern konnte, der Ertrag für den Schutz des Regenwaldes nur sehr gering: Es geht um eine Fläche von 25 Quadratkilometern.
Darf man für relativ geringe Werbeeinnahmen, die der Umwelt kaum nützen, seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen? WWF-Sprecher Zidek hat diese Frage gestern mit einem alten Spruch beantwortet: „Es ist besser“, sagte er, „eine Kerze anzuzünden als im Dunkeln zu bleiben.“




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