Raoul Vaneigem

Handbuch
der Lebenskunst für die jungen Generationen

Editorische Notiz: Vorliegendes Buch wurde zwischen 1963 und 1965 verfaßt und in der vorliegenden Form 1967 in Paris veröffentlicht. 1972 wurde das Handbuch von seinen Übersetzern veröffentlicht und nachdem der Fischer Verlag sein Publikationsvorhaben zurückgezogen hatte, 1976 im Verlag Association. "Der Toast auf die Revolutionären Arbeiter" wurde vom Autor als Nachwort 1972 diesem Buch hinzugefügt. Im Frühjahr 1979 veröffentlichte der Autor "Le Livre des Plaisirs" im Verlag ENCRE, Paris.

Edition Nautilus
Verlag Lutz Schulenburg
Hassestr. 22 - 205 Hamburg 80

3. Auflage 1980
ISBN: 3 -921 523-50-8
© Edition P. Gallimard, Paris
Printed in Germany






Inhaltsverzeichnis

1. Teil
Die Perspektive der Macht

I. Das Unbedeutende bekommt Bedeutung

Die unmögliche Beteiligung
oder
Die Macht als Summe der Zwänge

II. Die Erniedrigung

III. Die Isolierung

IV. Das Leiden

V. Der Niedergang der Arbeit

VI. Druckausgleich und dritte Kraft

Die unmögliche Kommunikation
oder
Die Macht als universelle Vermittlung

VII. Das Zeitalter des Glücks

VIII. Tausch und Gabe

IX. Die vermittelte Anwendung der Technik

X. Die Herrschaft des Quantitativen

XI. Vermittelte Abstraktion und abstrakte Vermittlung

Die unmögliche Verwirklichung
oder
Die Macht als Summe der Verführungen

XII. Das Opfer

XIII. Die Trennung

XIV.Die Organisation des Scheins

XV. Die Rolle

XVI. Die Faszination der Zeit

Das Überleben
und seine falsche Kritik

XVII. Das Leiden des Überlebens

XVIII. Die Verweigerung auf Abwegen

2. Teil
Die Umkehrung
der Perspektive

I. Die Umkehrung der Perspektive

II. Kreativität, Spontaneität und Poesie

III. Die Herren ohne Sklaven

IV.Die Raum-Zeit des Erlebten und die Korrektur der Vergangenheit

V.Die einheitliche Dreiheit: Verwirklichung - Kommunikation - Beteiligung

VI. Die Zwischenwelt und die neue Unschuld

VII.Folge von »Wir sind Euch egal?«
Wir werden Euch nicht mehr lange egal sein

Toast auf die revolutionären Arbeiter





Mißgeschick eines Verlegers

Das vorliegende Buch hätte auch in deutscher Sprache ein paar Jahre früher erscheinen können. Es lag seit 1972 allen größeren deutschen Verlegern vor, war aber zugleich in Voraussicht dessen, was Verleger sind, von den Übersetzern als Manuskriptdruck veröffentlicht worden und hat in dieser Form seitdem, nahezu unbemerkt, eine relativ weite Verbreitung gefunden. Erst im Sommer 1974 entdeckte der Fischer Verlag das Buch.

Im Dezember 1974 übernimmt bei Fischer die Verlegerin die Geschäftsleitung: Das Handbuch der Lebenskunst wird auf Eis gelegt. Im Frühjahr 1975 erwirbt der Fischer Verlag die Rechte vom französischen Verleger Gallimard und wenig später die als Piratendruck zirkulierende unautorisierte Übersetzung (dessen erste Auflage übrigens eben von jenem deutschen Privatbankier finanziert wurde, bei dem Baader und Konsorten ein letztes mal, vergeblich, eine Bank über den Aufgang zur Vorstandsetage betraten). Der Verlag übernimmt mit der Übersetzung auch die Teilfinanzierung eines Plakats, das radikal das Warensystem, Unternehmer und Gewerkschaften angreift und die "generalisierte Selbstverwaltung durch die freie Konstruktion des täglichen Lebens" fordert. Das Plakat fordert insbesondere zum Diebstahl des Handbuchs der Lebenskunst auf und soll an alle Buchhandlungen verteilt werden.

Ende 1975 kommen dem Verlag erneut Zweifel. Das Handbuch der Lebenskunst scheint sich auf eigensinnige Weise dagegen zu sperren, eine verlegerische Ware zu werden. In der Lektorenkonferenz wiederholt sich als Farce das Zögern des französischen Verlegers:

"Wir hätten Ihnen gerne vorher geantwortet. Wir haben jedoch lange gezögert, Ihnen mitzuteilen, daß unsere Lektorenkonferenz bezüglich Ihres Buches Traité de Savoir-vivre a l'usage des jeunes générations, das von fragloser Bedeutung ist, sehr geteilter Meinung ist.

Alle unsere Lektoren haben Ihr Talent anerkannt, Ihre Leidenschaft, durch einen kraftvollen Stil und durch prägnante Formulierungen zu überzeugen. Einige sind überzeugt worden, andere jedoch nicht; sie bedauern Wiederholungen in Ihrem Text und halten die Zweiteilung des Buches für künstlich.

Herr Gallimard zögert noch. Er hätte gerne gewußt, wer Sie sind, wie alt Sie sind, welche Projekte Sie haben und in welcher Atmosphäre Sie diesen reichen Essay geschrieben haben, der hinter einem unscheinbaren Titel eine gewaltige Wut verbirgt. Darf ich von Ihnen eine Antwort erhoffen, die über Ihre Persönlichkeit Aufschluß gibt?"

Im Dezember 1975 wird das Buch, dessen korrigierte Druckfahnen vorlagen, ohne Erklärung aus dem Programm genommen. Der ungeschickte Verleger hat danach für das Handbuch der Lebenskunst ("Eine der wenigen heute noch möglichen literarischen Entdeckungen", so die Fischer-Werbung) nahezu sämtliche Kosten getragen, ohne dafür ein Buch zu bekommen. Dem "Genuß", den Fischer dem Leser ankündigt, muß der Verlag entsagen. Und der Leser kommt nun auch um die "Einführung zur deutschen Ausgabe", die dem Fischer-Buch vorangestellt war: Ihr unglücklicher Verfasser hat sie seitdem in einer Frankfurter Studentenzeitschrift veröffentlichen lassen, zum Gebrauch "an der Universität".

Dem Leser kann das alles recht gleichgültig sein. Er hat sich in den meisten Fällen bereits bedient.

Die Übersetzer




EINLEITUNG

Ich denke nicht daran, den erlebten Inhalt dieses Buches Leser spüren zu lassen, die nicht ganz bewußt darauf ausgehen, ihn zu neuem Leben zu erwecken. Ich erwarte, daß er sich verliert und in dem Geist einer allgemeinen Bewegung wiederfindet, so wie ich mir Hoffnung mache, daß die gegenwärtigen Bedingungen aus der Erinnerung der Menschen verschwinden werden.

Die Welt ist neuzumachen: all die Spezialisten ihrer Rekonditionierung werden es nicht verhindern.

Von diesen Leuten, die ich nicht verstehen will, ist es besser, nicht verstanden zu werden.

Von den anderen erbitte ich Wohlwollen, mit einer Bescheidenheit, die ihnen nicht entgehen wird. Ich hätte gewünscht, daß ein solches Buch den Köpfen zugänglich ist, die dem Jargon der Ideen in geringstem Ausmaß verfallen sind. Ich hoffe, daß ich daran nur relativ gescheitert bin. Eines Tages werden aus diesem Chaos Formeln heraustreten, die direkt auf unsere Feinde zielen. Bis dahin mögen die Sätze, die immer wieder zu lesen sind, ihre Wirkung tun. Der Weg zur Einfachheit ist am komplexesten, und gerade hier war es nützlich, den Banalitäten nicht alle Wurzeln auszureißen, um sie auf anderem Boden zu verpflanzen, wo wir sie zu unserem Nutzen kultivieren können.

Niemals habe ich beansprucht, Neues zu enthüllen, Unveröffentlichtes auf den Kulturmarkt zu werfen. Eine winzige Berichtigung des Wesentlichen zählt mehr als hundert nebensächliche Neuerungen. Neu ist nur die Richtung der Strömung, die die Banalitäten fortschwemmt.

Seit der Zeit, da es Menschen gibt - und Menschen, die Lautréamont lesen -, ist alles gesagt und wenige haben es zu nutzen verstanden. Da unsere Kenntnisse an sich banal sind, nutzen sie nur denjenigen, die es selbst nicht sind.

Die moderne Welt muß lernen, was sie bereits weiß, und mit Hilfe der Praxis durch eine ungeheure Verschwörung von Hindernissen hindurch werden, was sie bereits ist. Der Banalität entkommt man nur dadurch, daß man sie manipuliert, beherrscht, in Träume versenkt, dem beliebigen Spiel der Subjektivität ausliefert. Ich habe der Subjektivität jeden Vorzug gegeben, aber niemand soll mir das vorwerfen, ohne vorher abzuschätzen, wie sehr die objektiven Bedingungen der heutigen Welt die Subjektivität begünstigen. Alles fängt bei der Subjektivität an, nichts bleibt bei ihr stehen. Heute weniger als je zuvor.

Der Kampf des Subjektiven und der Kräfte, die es korrumpieren, erweitert künftig die Grenzen des alten Klassenkampfes. Er erneuert und verschärft ihn. Das Leben wählen heißt politische Partei ergreifen. Wir wollen keine Welt, in der die Garantie, nicht zu verhungern, mit der Gefahr erkauft wird, vor Langeweile zu sterben.

Der Mensch des Überlebens ist der aufgeriebene Mensch: in den Mechanismus der hierarchisierten Macht, in einer Verbindung wechselseitiger Überschneidungen, in einem Chaos von Unterdrückungstechniken, das, um feste Ordnung zu werden, nur auf eine beharrliche Programmierung der programmierten Denker wartet.

Der Mensch des Überlebens ist jedoch auch der einheitliche Mensch, der Mensch der globalen Verweigerung. Es gibt keinen Augenblick, in dem nicht jeder von uns widersprüchlich lebt, im Konflikt zwischen Unterdrückung und Freiheit auf allen Ebenen der Wirklichkeit; keinen Augenblick, in dem nicht jeder von uns bizarr festgehalten lebt: der Perspektive der Macht und der Perspektive ihrer Aufhebung.

Der Analyse der einen wie der anderen Perspektive gewidmet, sollten die beiden Teile des Handbuchs der Lebenskunst nicht nacheinander, sondern gleichzeitig gelesen werden, denn die Beschreibung des Negativen begründet das Projekt des Positiven, das wiederum das Negative bestätigt. Die beste Anordnung eines Buches ist es, keine zu haben, damit der Leser in ihm seine eigene erkennt.

Die Unvollkommenheit des Geschriebenen spiegelt die Unvollkommenheit des Lesers als Leser und mehr noch als Mensch wider. Falls das Maß an Langeweile beim Schreiben in einem gewissen Maß an Langeweile beim Lesen zum Vorschein kommt, ist das nur noch ein Argument, um den Mangel an Leben anzuprangern. Möge im übrigen der Ernst der Zeit den Ernst im Ton verzeihen. Die Leichtigkeit bleibt stets nur diesseits der Worte oder schießt über sich hinaus. Hier besteht die Ironie darin, das nie zu vergessen.

Das Handbuch der Lebenskunst wird Teil einer agitatorischen Strömung, über die das letzte Wort noch nicht gesagt ist. Es ist ein einfacher Beitrag unter anderen zum Wiederaufbau der internationalen revolutionären Bewegung. Seine Bedeutung sollte niemandem entgehen, denn mit der Zeit wird niemand seinen Folgerungen entgehen.





1. Teil
Die Perspektive der Macht

I. Das Unbedeutende bekommt Bedeutung

Indem sich das tägliche Leben immer mehr banalisierte, ist es in den Mittelpunkt unserer beherrschenden Gedanken gerückt (1). Keiner Illusion, ob heilig oder weltlich (2), kollektiv oder individuell, gelingt es noch, die Armut unserer täglichen Gesten zu verbergen (3). Die Bereicherung des Lebens verlangt ohne Zögern eine Analyse dieser neuen Armut und eine Vervollkommnung der alten Waffen der Verweigerung (4).

1 Die gegenwärtige Geschichte erinnert an Gestalten aus Trickfilmen, die auf wilder Jagd vor dem Sturz ins Leere plötzlich emporgehoben werden, ohne daß sie es merken. Ihre Vorstellungskraft läßt sie in solcher Höhe fliegen; doch wenn sie sich dessen bewußt werden, fallen sie sogleich. Wie die Helden Bosustows hat das heutige Denken aufgehört, kraft seiner eigenen Phantasiegebilde zu fliegen. Was es emporgehoben hatte, drückt es heute nieder. Mit vollem Schwung wirft es sich vor die Realität, die es zerbrechen wird, vor die tagtäglich erlebte Realität.

*

Ist die Weitsicht, die sichtbar wird, im Wesen neu? Ich glaube nicht. Die Forderung nach einem helleren Licht entsteht stets aus dem Alltagsleben, aus der von jedem empfundenen Notwendigkeit, seinen Rhythmus eines Spaziergängers mit dem Lauf der Welt in Einklang zu bringen. In den 24 Stunden eines Menschenlebens gibt es mehr Wahrheiten als in allen Philosophien. Selbst einem Philosophen gelingt es nicht, das zu verkennen, mit welcher Verachtung auch immer er sich behandelt. Diese Selbstverachtung lernt er von der Philosophie, die sein Trost ist. Weil der Philosoph sich laufend im Kreise dreht und sich selbst auf die Schultern klettert, um von ganz oben der Welt seine Botschaft zu verkünden, sieht er schließlich diese Welt umgekehrt, alle Lebewesen und Dinge sind verkehrt, was oben ist, ist unten, nur um ihn zu überzeugen, daß er richtig und aufrecht geht. Er bleibt jedoch im Zentrum seines Wahns. Das abzustreiten macht ihm seinen Wahn lediglich unangenehmer.

Die Moralisten des 16. und 17. Jahrhunderts herrschen über eine Rumpelkammer voll von Banalitäten. Ihre Sorge, das zu verheimlichen, ist jedoch so groß, daß sie um sie herum einen richtigen Palast von Stuck und Spekulationen erbauen. Ein idealer Palast überdeckt die erlebte Erfahrung und sperrt sie ein. Daraus kommen Überzeugungskraft und Aufrichtigkeit, die der erhabene Klang und die Fiktion des "universellen Menschen" lebendig halten, die aber stets mit einem Hauch von Angst erfüllt sind. I)er Analytiker bemüht sich, durch Tiefgründigkeit der allmählichen Sklerose der Existenz zu entgehen. Je mehr er sich von sich selbst abstrahiert und sich gemäß der herrschenden Phantasie seines Jahrhunderts ausdrückt (dem feudalen Phantasiegebilde, in dem sich unauflöslich Gott, die königliche Macht und die Welt vereinen) und je mehr sein klarer Verstand die Rückseite des Lebens fotografiert, desto mehr "erfindet" er die Alltäglichkeit.

Die Philosophie der Aufklärung beschleunigt den Abstieg zum Konkreten in dem Maße, in dem das Konkrete durch die revolutionäre Bourgeoisie gewissermaßen an die Macht gebracht wurde. Aus den Ruinen Gottes fällt der Mensch in die Ruinen seiner eigenen Wirklichkeit. Was ist geschehen? Etwa folgendes: zehntausend Menschen sind überzeugt, daß sie gesehen haben, wie der Strick eines Fakirs emporstieg, während ebenso viele Fotoapparate beweisen, daß der Strick nicht um einen Finger breit verrückt ist. Die wissenschaftliche Objektivität hat die Mystifizierung denunziert. Ausgezeichnet, doch um was zu beweisen? Einen eingerollten Strick ohne geringstes Interesse. Ich habe wenig Neigung, zwischen dem zweifelhaften Vergnügen, mystifiziert zu werden, und der Langeweile zu wählen, eine Wirklichkeit zu betrachten, die mich nicht berührt. Ist nicht eine Wirklichkeit, auf die ich keinen Einfluß habe, die alte Lüge im neuen Gewand, das letzte Stadium der Mystifizierung?

In Zukunft sind die Analytiker auf der Straße. Ihr klarer Verstand ist nicht ihre einzige Waffe. Ihr Denken läuft nicht mehr Gefahr, von der falschen Wirklichkeit der Götter oder der falschen Wirklichkeit der Technokraten eingefangen zu werden!

2 Die Religionen haben den Menschen sich selbst vorenthalten, ihre Bastille hat ihn in eine pyramidenartige Welt mit Gott an der Spitze und dem König gleich unter ihm eingemauert. Leider hat sich am 14. Juli auf den Ruinen der einheitlichen Macht nicht genug Freiheit zusammengefunden, um zu verhindern, daß aus den Ruinen selbst ein Gefängnis entstehen würde. Unter dem zerrissenen Schleier des Aberglaubens erschien nicht, wie es Meslier erträumte, die nackte Wahrheit, sondern der Kleister der Ideologien. Die Gefangenen der pluralistischen Macht finden vor der Tyrannei nur den Schatten der Freiheit als Zuflucht. Keine Geste, kein Gedanke, der sich heute nicht im Netz vorgegebener Ideen verfängt. Langsamer Niederschlag feinster Teile des explodierten alten Mythos verbreitet überall den Staub des Heiligen, ein Staub, der den Geist und den Willen zu leben allmählich erstickt. Der Zwang ist weniger verborgen, ist offensichtlicher geworden, weniger machtvoll, aber besser verteilt. Die Folgsamkeit ergibt sich nicht mehr aus einer kirchlichen Magie, sondern aus einer Menge von kleinen Hypnosen: Information, Kultur, Städtebau, Werbung, konditionierende Vorschläge im Dienst jeder bestehenden und zukünftigen Ordnung. Ein Körper, der von allen Seiten gefesselt ist, Gulliver nach seiner Strandung auf Liliput. Bei dem Versuch, sich zu befreien, blickt er aufmerksam um sich. Das winzigste Detail, die kleinste Erhebung im Boden, die geringste Bewegung - alles bekommt als Anzeichen für eine mögliche Rettung Bedeutung. In dem, was uns vertraut ist, entstehen die sichersten Chancen der Freiheit. War es jemals anders? Kunst, Ethik und Philosophie bestätigen es: unter der Borke von Worten und Begriffen verbirgt sich stets geduckt die lebendige Wirklichkeit der Nichtanpassung an die Welt, jederzeit bereit aufzuspringen. Denn weder Göttern noch Worten gelingt es heute, schamhaft diese Banalität zu bedecken, die nackt auf den Bahnhöfen und öden Bauplätzen spaziert. Bei jeder Ausflucht vor Dir selbst spricht sie Dich an, packt Dich bei der Schulter, tritt in Deinen Blick; und der Dialog beginnt. Man kann sich nur mit ihr verlieren oder sie mit sich selbst befreien.

3 Schon zu viele Kadaver liegen auf den Wegen zum Individualismus und zum Kollektivismus. Aus zwei scheinbar verschiedenen Gründen grassierte ein und dasselbe Gangstertum, ein und dieselbe Unterdrückung des vereinzelten Menschen. Die Hand, die Lautréamont zum Schweigen brachte, erwürgte bekanntlich auch Sergej Jessenin. Der eine stirbt in einem möblierten Zimmer seines Hauseigentümers Jules-François Dupuis, der andere erhängt sich in einem verstaatlichten Hotel. Überall bewahrheitet sich das Gesetz: "Es gibt keine Waffe Deines individuellen Willens, die sich nicht gegen Dich selbst wendet, sobald sie von anderen gehandhabt wird." Wenn jemand sagt oder schreibt, daß die praktische Vernunft sich künftig auf die Rechte des Individuums allein gründen darf, verurteilt er dennoch seinen eigenen Vorschlag, falls er nicht auch zugleich den, an den er sich wendet, dazu auffordert, den Beweis anzutreten. Ein solcher Beweis läßt sich nur erleben, aus dem Inneren heraus führen. Daher muß auch alles, was an Notizen folgt, von jedem in der unmittelbaren Erfahrung überprüft und berichtigt werden. Nichts hat so viel Wert, daß es nicht neu begonnen werden muß, nichts hat genug Reichtum, daß es nicht unermüdlich bereichert werden muß.

*

Wie man im Privatleben unterscheidet zwischen dem, was ein Mensch von sich meint und sagt, und dem, was er wirklich ist und tut, so hat auch jeder die Phrasen und Einbildungen der Parteien von ihrer wirklichen Organisation und ihren wirklichen Interessen, ihre Vorstellungen von ihrer Wirklichkeit unterscheiden gelernt. Die Illusion, die ein Mensch über sich und andere unterhält, ist nicht grundsätzlich von der Illusion verschieden, die Gruppen, Klassen oder Parteien nach außen hin und in ihrem Innern nähern. Sie haben vielmehr eine gemeinsame Quelle: die herrschenden Gedanken, die selbst in ihrer entgegengesetzten Form die Gedanken der herrschenden Klasse sind.

Die Welt der "-ismen" ist, egal ob sie die gesamte Menschheit oder jedes Einzelwesen umgibt, stets mehr als eine Welt ohne Wirklichkeit, sie ist eine furchtbar wirkliche Verführung durch die Lüge. Die dreifache Ausradierung der Kommune, der Spartakus-Bewegung und der roten Kronstadt (1921) hat für alle Zeiten gezeigt, zu welchem Blutbad drei Ideologien der Freiheit führen: der Liberalismus, der Sozialismus und der Bolschewismus. Um das weltweit zu begreifen und zuzugeben, mußten jedoch erst entartete und miteinander verquickte Formen dieser Ideologien ihre ursprüngliche Ungeheuerlichkeit durch belastende Demonstrationen verständlich machen: die Konzentrationslager, das Algerien von Lacoste und Budapest. Den großen kollektiven Illusionen, die heute blutlos sind, weil durch sie genug Blut geflossen ist, sind Tausende von Teilideologien gefolgt, die die Konsumgesellschaft wie tragbare Apparate zur Geistestötung verkauft. Muß ebensoviel Blut fließen, um zu bezeugen, daß tausend Nadelstiche ebenso sicher töten wie drei Keulenschläge?

Was soll ich in einer Aktionsgruppe, die mich zwingt, nicht etwa einige Ideen an der Garderobe abzugeben - denn meine Ideen wären es, die mich zu der in Frage stehenden Gruppe geführt hätten -, sondern meine Träume und Wünsche, von denen ich mich niemals trenne; den Willen aufzugeben, echt und ohne Schranken zu leben. Die Isolierung austauschen, die Monotonie, die Lüge - wozu? Wo die Illusion einer wirklichen Veränderung gebrandmarkt wird, wird die einfache Veränderung der Illusion unerträglich. Doch gerade das sind die gegenwärtigen Bedingungen: die Wirtschaft läßt unaufhörlich mehr konsumieren und unermüdlich konsumieren heißt, Illusionen im beschleunigten Rhythmus verändern, der allmählich die Illusion der Veränderung auflöst. Man findet sich wieder, allein, eingefroren in die Leere, die eine Kaskade von "gadgets", Volkswagen und "pocket books" erzeugt hat.

Leute ohne Phantasie werden der Bedeutung müde, die dem Komfort, der Kultur, der Freizeit und all dem gegeben wird, was die Phantasie zerstört. In Wahrheit aber werden sie nicht des Komforts, der Kultur und der Freizeit müde, sondern des Gebrauchs, der davon gemacht wird, und der es gerade verbietet, sie zu genießen.

In der Überflußgesellschaft ist jeder Voyeur. Jedem sein Kaleidoskop. Eine leichte Bewegung und schon verändert sich das Bild. Bei jeder Runde ein Gewinn: zwei Kühlschränke, ein 2 CV, den Fernseher, eine Beförderung, Zeit zu verlieren. Schließlich gewinnt die Monotonie der konsumierten Bilder die Oberhand, führt zur Monotonie der Geste zurück, die sie entstehen läßt, zu der langsamen Drehung des Kaleidoskops zwischen Zeigefinger und Daumen. Da gab es in Wirklichkeit keinen 2 CV, lediglich eine Ideologie ohne oder fast ohne Beziehung zur Maschine Automobil. Durchtränkt vom "Johnny Walker, dem Whisky der Elite", versinkt man in einem merkwürdigen Gemisch von Alkohol und Klassenkampf. Nichts ist mehr erstaunlich, das ist das Drama Die Monotonie des ideologischen Spektakels führt jetzt zur Passivität des Lebens zurück, zum Überleben. Durch die vorgefertigten Skandale - Affären-Spiegel und Spiegel-Affäre - hindurch enthüllt sich ein positiver Skandal, der Skandal der Gesten, denen jeder Inhalt zugunsten einer Illusion genommen wurde, deren verlorener Zauber sie jeden Tag ekelhafter macht. Leere und matte Gesten, weil sie zu viele glänzende Scheinkompensationen genährt haben. Verarmte Gesten, weil sie zu viele große Spekulationen bereichert haben, in denen sie als Mädchen für alles unter der schändlichen Kategorie von "trivial und banal" aufgenommen wurden. Gesten, die heute freigelassen und ohnmächtig sind, sich jederzeit erneut verlieren oder unter dem Gewicht ihrer Schwäche zugrunde gehen können. Hier, in jedem von Euch sind sic, vertraut und traurig und ganz neuerdings der unmittelbaren und bewegenden Wirklichkeit ausgesetzt, die ihr "spontanes" Milieu ist. Und hier seid Ihr, verloren und in eine neue prosaische Bewegung engagiert, in eine Perspektive, in der nah und fern zusammenfallen.

4 In seiner konkreten und taktischen Form hat das Konzept des Klassenkampfes die ehemals von den Menschen individuell erlebten Zusammenstöße und Entgleisungen erstmalig auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. Dieses Konzept ist aus dem Wirbelsturm von Leiden herausgetreten, die die Reduzierung menschlicher Beziehungen auf Ausbeutungsmechanismen überall in den industriellen Gesellschaften nach sich zog. Es entstand aus dem Willen, die Welt zu verwandeln und das Leben zu ändern.

Eine derartige Waffe verlangte eine fortwährende Präzisierung. Aber dennoch sahen wir, wie die I. Internationale den Künstlern den Rücken zudrehte und ausschließlich auf die Forderungen der Arbeiter ein Projekt gründete, von dem Marx doch gezeigt hatte, wie sehr es all die betraf, die in der Ablehnung eines Sklavendaseins ein reiches Leben und eine totale Menschheit suchten. Lacenaire, Borel, Lassailly, Büchner, Baudelaire, Hölderlin - zeigten sie nicht auch das Elend und seine radikale Ablehnung? Wie dem auch sei, so erhält doch dieser Irrtum - ob am Anfang verzeihlich, will ich nicht wissen - von dem Augenblick an phantastische Proportionen, wo weniger als ein Jahrhundert später, als die Konsumgüter-Industrie die Produktionswirtschaft schluckte, die Ausbeutung der Arbeitskraft die Ausbeutung der täglichen Kreativität einschloß. Eine gleiche Energie, die den Arbeitern während ihrer Arbeitszeit oder während ihrer Freizeit geraubt wird, dreht die Turbinen der Macht, die die Verfechter der alten Theorie mit ihrem formellen Protest selig ölen.

Diejenigen, die von Revolution und Klassenkampf sprechen, ohne sich ausdrücklich auf das Alltagsleben zu beziehen, ohne zu begreifen, wie subversiv die Liebe, wie positiv die Ablehnung jedes Zwanges sein kann, haben einen Kadaver im Mund.

Die unmögliche Beteiligung
oder
Die Macht als Summe der Zwänge

Die Mechanismen von Verschleiß und Zerstörung: Erniedrigung (II.), Isolierung (III.), Leiden (IV.), Arbeit (V.), Druckausgleich (VI.).

II. Die Erniedrigung

Auf dem fortwährenden Austausch von Erniedrigungen und aggressiven Haltungen begründet, verbirgt die Ökonomie des täglichen Lebens eine Technik des Verschleißes, die selbst wiederum der Gabe der Zerstörung ausgesetzt ist, die sie widersprüchlich hervorruft (1). - Je mehr der Mensch Objekt ist, um so mehr ist er heute sozial (2). - Die Entkolonisierung hat noch nicht begonnen (3). - Sie ist dabei, dem alten Prinzip der Souveränität einen neuen Wert zu verleihen (4).

1 Als Rousseau einst einen bevölkerten Marktplatz überquerte, wurde er von einem Bauernkerl beleidigt, dessen ausgelassene Frechheit die Menge belustigte. Ohne ein Wort des Widerspruchs zu finden, flüchtete Rousseau verwirrt und fassungslos. Als er sich schließlich gefangen hatte und genug schlagfertige, beißende Antworten gefunden hatte, um den Spötter zum Schweigen zu bringen, war er bereits zwei Stunden vom Ort des Vorfalls entfernt. Besteht nicht die Trivialität des Alltags zumeist - wenn auch nicht in dem lachhaften Abenteuer von Jean Jacques - wohl aber in zerteilten, aufgelösten, zerstückelten kleinen Erlebnissen dieser Art, in dem Augenblick eines Schrittes, Blickes oder Gedankens, der wie ein Schock erlebt wird, in einem flüchtigen Schmerz, der kaum das Bewußtsein erreicht, dem Geist nur eine stumme Verwirrung hinterläßt und ihn nur mühselig die Ursache aufdecken läßt? Im ständigen Stellungswechsel begriffen, drücken die Erniedrigung und ihre Entgegnung den menschlichen Beziehungen den Stempel der Gangart Hinkender und Lahmer auf. Im Hin- und Herwogen der Mengen, die von den kommenden und gehenden Vorortzügen zusammengepfercht und aufgesogen werden, die in die Straßen, Büros und Betriebe einfallen, gibt es nur furchtsamen Rückzug, brutale Attacken, Mätzchen und Seitenhiebe ohne eingestandenen Grund. Nach dem Belieben solcher erzwungener Zusammentreffen verwandelt sich der Wein beim Kosten in Weinessig. Unschuld und Gutartigkeit der Massen - ach was! Seht sie Euch an, wie sie sich, von allen Seiten bedroht, bösartig auf dem Terrain des Gegners bewegen, weit, sehr weit von sich selbst entfernt. Hier, wo ihnen kein Messer zur Verfügung steht, lernen sie den Kampf mit Ellenbogen und Blicken.

Kein Leerlauf, kein Waffenstillstand zwischen den Aggressoren und ihren Opfern. Eine Flut von kaum wahrnehmbaren Zeichen überrollt den Spaziergänger, der nie allein bleibt. Äußerungen, Gesten und Blicke vermengen sich, prallen aufeinander, gleiten anderswohin ab, schwirren wie Geschoßsplitter umher und töten um so sicherer durch die Nervenanspannung, die sie unaufhörlich erzeugen. Wir können uns nur selbst in eine peinliche Klammer setzen; so tragen diese Handbewegungen (ich schreibe dies auf der Terrasse eines Cafés), diese Finger, die das Trinkgeld zurückschieben, und die Finger des Obers, die danach greifen, ebenso wie die Gesichter der beiden Männer, die Zeichen vollendeter Gleichgültigkeit, als versuchten sie, die eingestandene Schandtat zu verbergen.

Unter dem Gesichtspunkt des Zwanges zeigt sich, daß das Alltagsleben von einem ökonomischen System beherrscht wird, in dem sich Produktion und Konsum von Beleidigungen tendenziell ausgleichen. Auf diese Weise versucht sich der alte Traum der Theoretiker vom liberalen Tauschhandel auf einem demokratischen Weg zu verwirklichen, dem die Phantasielosigkeit linken Denkens zu neuer Bedeutung verholfen hat. Erscheint es nicht auf den ersten Blick seltsam, mit welcher Verbitterung die Progressiven das Ruinengebäude des Liberalismus beklagen, als ob die Kapitalisten, seine ständigen Zerstörer, nicht längst entschlossen wären, dieses Ruinengebäude zu verstaatlichen und seinen Neuaufbau zu planen? In Wirklichkeit ist das nicht so seltsam, denn dadurch, daß man die Aufmerksamkeit auf eine Kritik polarisiert, die von den Tatsachen längst überholt ist (als ob nicht überall feststände, daß der Kapitalismus allmählich durch eine Planwirtschaft vervollständigt wird, deren sowjetisches Modell als Primitivismus erscheinen wird), möchte man gerne verschleiern, daß man gerade nach dem Modell dieser veralteten und zu Tiefstpreisen ausverkauften Wirtschaftsform die menschlichen Beziehungen neu aufbaut. Mit welcher beunruhigenden Beharrlichkeit dringen doch die "sozialistischen" Länder darauf, das Leben nach bourgeoiser Manier zu organisieren. Überall findet sich ein "Präsentiert das Gewehr!", vor der Familie, der Ehe, der Aufopferung, der Arbeit, dem Unechten, während vereinfachte und rationalisierte staatliche Mechanismen die menschlichen Beziehungen auf "gerechten" Austausch von Respekt und Erniedrigungen reduzieren. Und bald wird in der idealen Demokratie der Kybernetiker jeder ohne offensichtliche Mühe seinen Teil Würdelosigkeit verdienen, den er nach den vollendeten Regeln der Gerechtigkeit weiterverteilen darf; dann wird die verteilende Gerechtigkeit ihren Höhe)unkt erreichen; glückliche Greise, die diesen Tag erleben werden!

Für mich - und einige andere, hoffe ich - gibt es im Unbehagen kein Gleichgewicht. Planung ist nur eine Antithese zum freien Tauschhandel. Nur der Tausch wurde geplant und die mit ihm verbundenen wechselseitigen Opfer. Wenn jedoch der Begriff ,Neuheit" sinnvoll bleiben soll, muß er hier Aufhebung, darf er nicht bloße Verkleidung bedeuten. Für die Begründung einer neuen Wirklichkeit gibt es kein anderes Prinzip als das der Gabe. Trotz ihrer Irrtümer und Grenzen sehe ich in der geschicht­lichen Erfahrung der Arbeiterräte (1917, 1921, 1934, 1956) und in der leiden­schaftlichen Suche nach Freundschaft und Liebe den einzigen begeisternden Grund dafür, nicht an der gegenwärtigen Wirklichkeit zu verzweifeln. Aber alles hat sich verschworen, das Positive jener Erfahrungen geheimzuhalten. Mit Sachverstand wird der Zweifel über ihre wahre Bedeutung, d.h. über ihre Existenz, aufrechterhalten. Zufällig hat sich kein Historiker die Mühe gemacht, das Leben der Menschen in äußersten revolutionären Momenten zu untersuchen. Der Wunsch, mit dem freien Tauschhandel in menschlichen Verhaltensweisen Schluß zu machen, zeigt sich folglich auf dem Weg zum Negativen. Das in Frage gestellte Unbehagen zerbricht unter der Wucht eines noch stärkeren und dichteren Unbehagens.

Im negativen Sinn beseitigen die Bomben von Ravachol oder - uns näher das Epos von Caraquemada - die Verwirrung über die globale - überall mehr oder weniger bestätigte - Ablehnung der Beziehungen von Austausch und Kompromissen. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus zweifele ich nicht daran, daß jeder, der auch nur eine Stunde im Käfig erzwungener Beziehungen verbracht hat, eine tiefe Zuneigung für Pierre François Lacenaire und die Leidenschaft zum Verbrechen empfindet. Es geht hier keineswegs darum, den Terror zu verteidigen, sondern in ihm die erbärmlichste, aber auch würdigste Geste anzuerkennen, die den selbstregulierenden Mechanismus der hierarchisierten sozialen Gemeinschaft anzuprangern und dadurch zu erschüttern fähig ist. In der Logik einer Gesellschaft, in der es sich nicht leben läßt, erscheint der so verstandene Mord stets nur als Hohlform der Gabe. Es ist das Fehlen einer ganz stark begehrten Gegenwärtigkeit, von der Mallarmé spricht, der gleiche, der im Prozeß der Dreißig die Anarchisten "Engel der Reinheit" nannte.

Meine Sympathie für den einsamen Mörder endet dort, wo die Taktik beginnt, doch vielleicht benötigt die Taktik Aufklärer, die ihre individuelle Verzweiflung zu Vorposten gemacht hat. Wie dem auch sei, die neue revolutionäre Taktik, die sich auf geschichtliche Tradition und davon untrennbar auf die so verkannte und doch so verbreitete Praxis individueller Verwirklichung stützen wird, hat mit denen nichts zu tun, die lediglich die Geste von Ravachol oder von Bonnot nachahmen würden. Sie würde sich jedoch zum politischen Winterschlaf verdammen, wenn sie nicht auf der anderen Seite die Individuen kollektiv zu verführen vermag, die ihre Isolierung und ihr Haß gegen die kollektive Lüge zur rationalen Entscheidung gebracht haben, zu töten und das Leben zu riskieren. Weder Mörder noch Humanist!

Der erstere akzeptiert den Tod, der letztere trachtet nach dem Leben. Wenn sich nur zehn Menschen treffen, die den leuchtenden Funken der Gewalt dem langen Todeskampf des Überlebens vorziehen, endet sofort die Verzweiflung und die Taktik beginnt. Die Verzweiflung ist die Kinderkrankheit der Revolutionäre des Alltagslebens.

Die Bewunderung, die ich als Jugendlicher den Gesetzlosen entgegenbrachte, empfinde ich heute weniger mit überholter Romantik beladen. Sie kennzeichnet vielmehr die Alibis, mit deren Hilfe die gesellschaftliche Macht es ausschließt, direkt in Frage gestellt zu werden. Die hierarchische Gesellschaftsordnung ist einer gigantischen Erpressung ähnlich, deren Geschicklichkeit gerade von dem anarchistischen Terrorismus an den Tag gebracht wird und darin besteht, daß sie sich außer Reichweite der Gewalt bringt, die sie laufend sät, weil es ihr gelingt, in einer Unzahl verdeckter Kämpfe aus jedem die lebendigen Kräfte herauszusaugen. (Eine "humanisierte" Macht verbietet sich den Rückgriff auf Krieg und Rassenvernichtung). Die Zeugen der Anklage sind kaum anarchistischer Sympathien verdächtig. So stellt der Biologe Hans Selye fest, daß "mit dem Verschwinden eigentlicher Krankheitsträger (Mikroben, Unterernährung etc.) ein wachsender Prozentsatz von Menschen an sogenannten Verschleißkrankheiten sterben, Verfallkrankheiten, die aus dem Streß entstehen, d.h. durch den Verschleiß des Körpers als Folge von Konflikten, Schocks, nervösen Spannungen, Ärger, einem kraftraubenden Lebensrhythmus ?" Von jetzt an entkommt niemand mehr der Notwendigkeit, die Erpressung, die ihn bis in seine Gedanken und Träume hinein verfolgt, kritisch zu untersuchen. Die winzigsten Details bekommen ungeheure Bedeutung. Verwirrung, Müdigkeit, Unverschämtheit, Erniedrigung ? cui prodest? Wer profitiert davon? Und wer profitiert von den stereotypen Antworten, die von dem Großen Bruder, dem sogenannten Gesunden Menschenverstand, laufend unter dem Deckmantel der Vernunft als Alibis verbreitet werden? Werde ich mich mit Erklärungen zufriedengeben, die mich töten, wenn ich doch gerade dort alles zu gewinnen habe, wo alles darauf angelegt ist, daß ich mich verliere?

2 Der Handschlag leitet Begegnungen ein und löst sie auf. Eine seltsame und zugleich triviale Geste, von der man zu Recht sagt, daß sie sich austauscht. Handelt es sich hierbei nicht um die Grundform eines Gesellschaftsvertrages? Welche Garantien versucht dieser Handschlag zu sichern, der doch beliebig, zufällig und mit einer Freigebigkeit ausgetauscht wird, die eine offenbar fehlende Überzeugung zu ersetzen scheint? Die Garantie, daß Übereinstimmung herrscht, der Gesellschaftsvertrag besteht, das Leben in der Gesellschaft perfekt ist? Dieses Bedürfnis, sich davon zu überzeugen, daran unerschütterlich zu glauben und es mit Handschlag zu bekräftigen, erregt stets von neuem beängstigende Zweifel.

Der Blick kennt diese Farce nicht, verkennt den Austausch. Die Augen zweifeln, als ob sie in den Pupillen des anderen das Spiegelbild von Leere und Seelenlosigkeit erraten. Kaum streifen sich die Augen, schon gleiten sie ab und schleichen sich davon, ihre Fluchtlinien kreuzen sich an irgendeinem Punkt, zeichnen dabei einen Winkel, dessen Öffnung das Auseinandergehen beschreibt, die grundlegend empfundene Uneinheit. Manchmal findet sich die Einheit, die Augen paaren sich. Das ist der schöne parallele Blick der königlichen Paare in der ägyptischen Bildhauerei. Das ist der verschleierte, ineinander verschmolzene und von Erotik durchtränkte Blick der Liebenden. Die Augen, die sich von weitem verschlingen. Häufiger jedoch widerruft der Blick die schwache Übereinstimmung, die der Händedruck besiegelt hat. Ist die große Beliebtheit der Begrüßungsumarmungen, der energisch bestätigten gesellschaftlichen Übereinstimmung - deren kommerzieller Gebrauch von der entlehnten Floskel "shake hands" hinreichend verdeutlicht wird - nicht eine List im Bereich der Sinne, ein Weg, die Sensibilität des Blickes stumpf zu machen und ihn der Leere der spektakulären Schau anzupassen, ohne daß er sich sträubt? Der gesunde Menschenverstand der Konsumgesellschaft hat den alten Ausdruck ,,den Dingen ins Auge sehen" zu seinem logischen Endergebnis geführt: mit den Augen nichts anderes sehen als Dinge.

Wohlwollend lädt die soziale Organisation jeden dazu ein, so gefühllos und gefügig zu werden wie ein Baustein. Der Bourgeoisie ist es gelungen, die widerwärtigen Demütigungen gerechter zu verteilen, ihnen mehr Menschen aufgrund rationeller Normen zu unterwerfen, indem sie sich auf konkrete und spezialisierte Erfordernisse (ökonomische, soziale, politische, juristische etc. Notwendigkeiten) berief. Die auf solche Weise aufgeteilten Zwänge haben ihrerseits alle List und Energie, die gemeinsam aufgeboten wurden, um sie zu unterlaufen oder zu brechen, zersetzt. Die Größe der Revolutionäre von 1793 bewies sich darin, daß sie es wagten, den göttlichen Übergriff auf die Regierungen der Menschen zunichte zu machen. Die proletarischen Revolutionäre gewannen aus dem, was sie verteidigten, eine Größe, die der bourgeoise Gegner ihnen kaum hätte gewähren können; ihre Kraft kam allein aus ihnen selbst.

Eine Ethik, die auf dem Warenwert aufbaut, auf dem angenehmen Nützlichen, der Würde der Arbeit, den maßvollen Wünschen, dem Überleben und auf ihrem Gegenteil, dem absoluten Wert, den selbstlosen Bemühungen, dem Schmarotzertum, der instinktiven Brutalität, dem Tod: das ist der stinkende Bottich, in dem seit nunmehr bald zwei Jahrhunderten die menschlichen Möglichkeiten sieden. Das sind die - sicherlich bald noch verfeinerten - Zutaten, mit deren Geschmack die Kybernetiker den zukünftigen Menschen vertraut machen wollen. Sind wir überzeugt, daß wir die Sicherheit von vollkommen angepaßten Wesen, die sich unbeständig und unbewußt wie Insekten bewegen, nicht schon erreicht haben? Seit geraumer Zeit schon laufen Versuche unsichtbarer Werbung. Auf dem Bildschirm wird für den 24sten Teil einer Sekunde ein besonderes Bild eingeblendet, das wohl die Netzhaut trifft, jedoch nicht bewußt wahrgenommen wird. Die ersten Botschaften lassen die weitere Folge leicht vorausahnen. Sie besagen: "Fahrt langsamer!", "Geht in die Kirche!". Doch was bedeutet eine kleine Vervollkommnung dieser Ordnung angesichts der ungeheuren Konditionierungsmaschine, deren zahllose Getrieberäder, Städtebau, Werbung, Ideologie, Kultur ?, Hunderte von gleichen Vervollkommnungen zuwege bringen? Noch einmal: die Kenntnis des Schicksals, das die Menschen auch weiterhin zu ertragen gezwungen werden, wenn sie nicht auf der Hut sind, ist weniger von Interesse als das erlebte Gefühl einer derartigen Degradierung. "Schöne neue Welt" von Huxley, "1984" von Orwell und "Der fünfte Trompetenstoß" von Touraine verdrängen auf später das Frösteln, das ein kurzer Blick auf die Gegenwart leicht hervorrufen müßte; in der Gegenwart nämlich reifen Bewußtsein und Wille der Verweigerung. Angesichts meines gegenwärtigen Gefängnisses ist die Zukunft für mich ohne Interesse.

*

Das Gefühl der Erniedrigung ist nichts anderes als das Gefühl, Objekt zu sein. So verstanden schafft es ein klares, kämpferisches Bewußtsein, in dem sich die Kritik der Organisation des Lebens mit der sofortigen Organisation eines Projekts für ein andersartiges Leben verbindet. Jeder Aufbau vollzieht sich auf der Basis der individuellen Verzweiflung und ihrer Aufhebung: die Anstrengungen, die unternommen wurden, um die Verzweiflung zu beschönigen und sie durch neue Verpackungen zu manipulieren, müßten ausreichender Beweis sein.

Welche Illusion verführt den Blick so sehr, daß sie ihm den Zerfall der Werte, die Ruine der Welt, die Unechtheit und die fehlende Totalität zu verheimlichen vermag? Ist es der Glaube an mein Glück? Wohl kaum! Ein derartiger Glaube hält weder der Analyse noch den Beklemmungen der Angst stand. Es ist vielmehr, denke ich, der Glaube an das Glück der anderen, eine unerschöpfliche Quelle von Neid und Eifersucht, die dem Menschen auf dem Boden der Negation das Gefühl gibt, zu existieren. Ich beneide, also bin ich. Sich von anderen ausgehend begreifen heißt, sich als etwas anderes begreifen. Und das andere ist stets Objekt. So sehr, daß sich das Leben nach dem Grad der erlebten Erniedrigung bemißt. Je mehr man seine Erniedrigung wählt, um so mehr "lebt" man; um so mehr lebt man das geordnete Leben der Dinge. Das ist der Trick der Verdinglichung, durch den sie unauffällig wie Arsen in der Konfitüre wirkt.

Die vorhersehbare "Gefälligkeit" der Unterdrückungsmechanismen hilft durchaus die Perversion zu erklären, die mich wie in Grimms Märchen daran hindert, "der König ist nackt!" zu rufen, sobald die Souveränität meines Alltagslebens ihr Elend enthüllt. Gewiß wütet immer noch die Polizeibrutalität, und wie! Überall, wo sie zuschlägt, beklagt das ehrliche Gewissen der Linken mit vollem Recht ihre Niederträchtigkeit. Aber danach? Gelingt es den Linken, die Massen dazu aufzuwiegeln, sich zu bewaffnen? Provozieren sie legitime Repressalien? Ermutigen sie zu einer Jagd auf Polizisten, wie jene, die die Bäume von Budapest mit den schönsten Früchten der A.V.O. schmückte? Nein, sie organisieren friedliche Demonstrationen; ihre Gewerkschaftspolizei behandelt jeden als Provokateur, der sich ihren Parolen widersetzt. Dort findet sich die neue Polizei. Sie wartet auf die Wachablösung. Die Psycho-Soziologen werden ohne Kolbenschläge, d.h. ohne Leichenschauhaus regieren. Die Gewalt der Unterdrückung beginnt sich in eine Vielzahl von vernünftig verteilten Nadelstichen umzuwandeln. Diejenigen, die vom Gipfel ihrer erhabenen Gefühle die Menschenverachtung der uniformierten Polizei verurteilen, muntern zugleich dazu auf, unter der Menschenverachtung der zivilisierten Polizei zu leben. Der Humanismus läßt die von Kafka in der "Strafkolonie" beschriebene Maschine reibungsloser laufen. Weniger Knirschen, weniger Schreie. Macht Blut kopflos? Auf diese Frage kommt es nicht an - die Menschen werden blutlos leben. Die Herrschaft des zugesicherten Überlebens wird die Herrschaft des angenehmen Todes sein. Und für die Möglichkeit, angenehm zu sterben, schlagen sich die Humanisten. Kein Guernica mehr, kein Auschwitz, kein Hiroshima, kein Sétif. Bravo! Aber: das unmögliche Leben, die erstickende Mittelmäßigkeit, das Fehlen von Leidenschaften? Und diese Wut voll Neid, bei der der Groll darüber, daß man niemals man selbst ist, das Glück der anderen erfindet? Und daß man sich niemals ganz in seiner eigenen Haut fühlt? Soll doch niemand behaupten, daß es sich hier um Details handelt, um Punkte von zweitrangiger Bedeutung. Es gibt keine nebensächliche Qual, kein nebensächliches Unerfülltsein. In der geringsten Schramme bildet sich ein beißendes Geschwür. Die Krisen, die die Welt erschüttern, unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Konflikten, in denen meine Gesten und Gedanken von den feindlichen Kräften angegriffen werden, die sie behindern und irreführen. (Wie soll das, was für mein tägliches Leben bedeutend ist, für die Geschichte keine Bedeutung haben, wo doch die Geschichte insgesamt nur an dem Punkt Bedeutung gewinnt, wo sie meine persönliche Existenz berührt.) Durch häufige Teilung und Vervielfältigung der Qualen und Erniedrigungen wird jeder schließlich gezwungen, gegen das Atom einer leblosen Wirklichkeit anzugehen und wird dabei plötzlich eine nukleare Energie freisetzen, die niemand mehr unter so viel Passivität und trüber Resignation verborgen vermutet. Was das Allgemeinwohl produziert, ist stets furchtbar.

3 Der Kolonialismus der Jahre 1945 bis 1960 hat der Linken einen von der Vorschung gesandten Vater gegeben. Einem Gegner von der Größe des Faschismus gegenüber brauchte sie sich nicht aus sich selbst, d.h. aus dem Nichts heraus zu definieren; sie konnte sich durch Bezug auf etwas anderes behaupten; der Kolonialismus hat ihr dadurch ermöglicht, sich als "Ding" in einer Ordnung zu verstehen, in der Dinge alles und nichts sind.

Niemand hat es gewagt, das Ende des Kolonialismus zu feiern, aus Furcht, er könnte überall wieder wie ein Geist aus einer schlecht verschlossenen Flasche emporsteigen. Von dem Moment an, wo die zusammenbrechenden Kolonialregime den Kolonialismus der Herrschaft über die Menschen an den Tag legten, erhielten die Probleme der Hautfarben und Rassen die Dimension eines Kreuzworträtsels. Wozu dienten diese Marotten des Anti-Rassismus und des Anti-Semitismus, die die Narren unter den Linken zur Schau stellten? Letztlich doch nur dazu, die Schreie der gequälten Neger und Juden zu ersticken, die alle die ausstießen, die weder Neger noch Juden waren, angefangen bei den Negern und Juden selbst! Ich denke selbstverständlich nicht daran, den Teil großzügiger Freiheit in Frage zu stellen, der die antirassistischen Gefühle noch bis vor nicht allzulanger Zeit nährte. Doch die Vergangenheit läßt mich indifferent, wenn ich sie nicht selbst gewählt habe. Ich spreche heute. Und niemand wird mich im Namen von Alabama oder Südafrika, d.h. im Namen einer spektakulären Ausbeutung, vergessen lassen, daß sich das Zentrum dieses Unbehagens in mir und in jedem Menschen befindet, der von einer Gesellschaft erniedrigt und in jeder Hinsicht verhöhnt wurde, die so darauf bedacht ist, sich als zivilisierte Gesellschaft zu bezeichnen, was jedoch die offensichtliche Wirklichkeit stets eigensinnig mit Polizeistaat übersetzt.

Ich werde nicht auf meinen Teil Gewalt verzichten.

In den menschlichen Beziehungen gibt es keinen mehr oder weniger erträglichen Zustand, keine mehr oder weniger annehmbare Würdelosigkeit; die Quantität zählt hier nicht. Verletzen beleidigende Ausdrücke wie "Kanake" oder "Ratte" mehr als ein Aufruf zur Ordnung? Wer könnte das aufrichtig behaupten. Von einem Bullen, einem Chef, einer Behörde festgehalten, abgekanzelt und belehrt zu werden - wer fühlt sich dabei nicht tief in seinem Herzen und mit sicherer Bewertung solcher flüchtigen Ereignisse ohne Vorbehalt als "Judenschwein", "Japser" oder "Nigger"?

Was für ein schönes Phantombild der Macht boten uns die alten Kolonialherren, als sie den Rückfall in tierische Barbarei und Elend für den Fall weissagten, daß man ihre Anwesenheit für unerwünscht erklären würde. Sicherheit ist alles, sagt der Wächter zum Gefangenen. Die Gegner des Kolonialismus von gestern humanisieren den generalisierten Kolonialismus der gegenwärtigen Herrschaft. Sie machen sich auf geschickteste Art zu Wachhunden, indem sie gegen alle Folgen der Unmenschlichkeit von gestern anbellen.

Bevor sich Aimé Cesaire um das Präsidentenamt von Martinique bewarb, stellte er in einem berühmt gewordenen Satz fest: "Die Bourgeoisie hat sich außerstande gefunden, die größten Probleme zu lösen, die sie verursacht hat: das Problem des Kolonialismus und das Problem des Proletariats." Er vergaß damals bereits hinzuzufügen: "denn es handelt sich um ein und dasselbe Problem, von dem man von dem Augenblick an nichts begreift, wo man es trennt".

4 Ich lese bei Gouy: "Die geringste Beleidigung des Königs kostete sofort das Leben" (Histoire de France); in der amerikanischen Verfassung: "Das Volk ist souverän"; bei Pouget: "Die Könige fraßen sich an ihrer Souveränität fett, während wir an der unsrigen vor die Hunde gehen" (Père Peinard); und Courbon sagt nur: "Das Volk besteht heute aus der Menschenmenge, der jede Rücksicht verweigert wird" (Secret du peuple). In wenigen Zeilen ist hier die Geschichte vom Scheitern des Prinzips der Souveränität wiedergegeben.

Die Monarchie bezeichnete als "Subjekte" die Objekte ihrer Willkür. Zweifellos versuchte sie dadurch, die grundlegende Unmenschlichkeit ihrer Herrschaft abzuwandeln und in eine Menschlichkeit mit idyllischen Beziehungen zu verpacken. Der Respekt gegenüber der Person des Königs ist nicht an sich kritisierbar. Er wird erst widerwärtig, wo er sich auf das Recht gründet, durch Unterwerfung zu erniedrigen. Die Verachtung hat den Thron der Monarchen verfaulen lassen. Was aber soll man von der Bürger-Monarchie halten, ich meine damit: von den Rechten, die bürgerlicher Neid und bürgerliche Nichtigkeit vervielfältigt haben, von der Souveränität, die jedem wie eine Dividende zugeteilt wird? Was soll man von dem monarchistischen Prinzip halten, das demokratisch zerstückelt wurde?

Frankreich zählt heute 24 Millionen "Mini-Könige", von denen die größten, d.h. die Chefs, den Schein ihrer Größe lediglich auf die Größe ihrer Lächerlichkeit gründen. Der Sinn des Respekts ist so heruntergekommen, daß er schließlich nur noch Demütigungen beansprucht. Zu öffentlichen Funktionen und Rollen demokratisiert, schwimmt das monarchistische Prinzip wie ein toter Fisch mit dem Bauch nach oben auf dem Wasser. Lediglich sein ekelhaftester Aspekt ist sichtbar. Sein Wille, (ohne Grenzen und absolut) höherwertig sein zu wollen, ist verschwunden. Weil niemand mehr sein Leben auf die Souveränität gründet, versucht heute jeder, seine Souveränität auf das Leben anderer zu gründen. Sklavensitten.

III. Die Isolierung

Para no sentirme solo
Por los siglos de los siglos.

Unsere einzige Gemeinschaft ist die Illusion, zusammen zu sein. Und gegen die Illusion verschriebener Heilmittel richtet sich allein der allgemeine Wille, die Isolierung zu zerbrechen (1). - Die neutralen Beziehungen sind das Niemandsland der Isolierung - Die Isolierung ist ein Todesurteil, unterzeichnet von der heutigen gesellschaftlichen Organisation und ausgesprochen gegen sie (2).

1 Sie hockten wie in einem Käfig, unfähig zu entfliehen, obwohl er weit offen stand. Nichts außerhalb des Käfigs hatte noch Bedeutung, denn außerhalb des Käfigs gab es nichts mehr. In diesem Käfig blieben sie. Alles andere blieb ihnen unbekannt. Nicht einmal die Andeutung eines Wunsches richtete sich auf irgend etwas jenseits der Gitterstäbe. Es wäre ungewöhnlich, sogar unmöglich, zu etwas fliehen zu wollen, das weder Wirklichkeit noch Bedeutung hat. Völlig ausgeschlossen. Denn im Inneren des Käfigs, in dem sie geboren wurden und starben, war die einzig ertragbare Erfahrungswelt das Wirkliche, das lediglich ihr unerschütterlicher Instinkt war, in den Dingen Bedeutung sehen zu wollen. Denn nur, wenn sie in den Dingen Bedeutung sehen konnten, konnten sie atmen und leiden. Es schien, als ob es darüber zwischen ihnen und den stummen Toten eine Übereinkunft gegeben hätte, denn die Gewohnheit, so zu tun, als hätten die Dinge Bedeutung, war zu einem menschlichen Instinkt geworden, den man für unveränderlich hätte halten können. Das Leben war das, was Bedeutung hatte. Das Wirkliche gehörte zu dem Instinkt, der dem Leben ein wenig Sinn gab. Der Instinkt ließ außer Betracht, was jenseits des Wirklichen existieren könnte, denn es gab nichts jenseits des Wirklichen. Nichts, das Bedeutung hätte. Der Käfig blieb offen und wurde immer qualvoller in seiner Wirklichkeit, die aus zahllosen Gründen und auf zahllose Arten Bedeutung hatte.

Wir haben nie das Zeitalter der Sklavenhändler verlassen.

Die Leute zeigen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die sie mit statistischer Gleichgültigkeit gegeneinander werfen, einen unerträglichen Ausdruck von Enttäuschung, Hochmut und Verachtung, so wie ein zahnloser Hund den Eindruck des Todes hervorruft. Die Atmosphäre der falschen Kommunikation macht jeden zum Polizisten seiner eigenen Begegnungen. Der Aggressions- und Fluchtinstinkt folgt der Spur der modernen Ritter der Lohnabhängigen, die für ihre jämmerlichen Streifzüge nur noch die U-Bahn und die Vorstadtzüge haben. Wenn die Menschen sich in Skorpione verwandeln, die sich selbst und sich gegenseitig stechen - liegt dann der Grund dafür nicht darin, daß nichts geschehen ist, daß die Menschen mit leeren Augen und ausgetrocknetem Gehirn "mysteriöserweise" zu Schatten von Menschen, zu Phantomen ihrer selbst geworden sind und an einem bestimmten Punkt nur noch dem Namen nach Menschen sind?

Gemeinsam haben wir nur noch die Illusion, zusammen zu sein. Gewiß, ein echtes kollektives Leben beginnt im Verborgenen mitten im Zentrum der Illusion zu keimen - es gibt keine Illusion, die nicht irgendeinen Rückhalt im Wirklichen hat -, doch eine wahre Gemeinschaft muß erst noch geschaffen werden. Es kommt vor, daß die Kraft der Lüge die harte Realität der eigenen Isolierung aus dem Bewußtsein der Menschen verdrängt. Es kommt vor, daß man in einer belebten Straße vergißt, daß es noch Leiden und Trennungen gibt. Doch gerade weil man es aufgrund der Kraft der Lüge vergißt, versteinern sich Leiden und Trennungen. Auf diesem Stein wird das Rückgrat der Lüge selbst zerbrechen. Keine Illusion kann sich mit der Größe unserer Verwirrung messen.

Das Unbehagen überfällt mich in dem Ausmaß der Menge, die mich umgibt. Sogleich tauchen die Kompromisse, die ich der Dummheit gegenüber geschlossen hatte, wieder vor mir auf und stürzen auf wahnhaften Wogen von Köpfen ohne Gesicht auf mich zu. Das berühmte Bild von Edvard Munch "Der Schrei" weckt in mir eine Empfindung, die ich zehnmal am Tag nacherlebe. Ein Mensch, der von einer Menge fortgeschwemmt wird, die nur er allein sieht, schreit plötzlich auf, um den Bann zu brechen, um sich an sich selbst zu erinnern, um in seine Haut zurückzufinden. Stillschweigendes Einverständnis, erstarrtes Lächeln, Worte ohne Lebendigkeit, Schlaffheit und Demütigungen sammeln sich unter seinen Schritten an, strömen in ihn hinein, treiben seine Wünsche und Träume aus ihm heraus, vernichten die Illusion, "mit jemandem zusammen zu sein". Man geht nebeneinander her, ohne einander zu begegnen. Die wachsende Isolierung kennt kein Ende. Je dichter die Menschen zusammen leben, um so stärker bemächtigt sich ihrer die Leere. Die Menge zerrt mich aus mir heraus und läßt in meiner Leere tausend kleine Verzichte entstehen.

Überall wiederholt die glitzernde Neonreklame den Satz Plotins: "Alle Lebewesen sind zusammen, obwohl jedes einzelne von ihnen getrennt bleibt." Dennoch genügt es, die Hand auszustrecken, um sich zu berühren, die Augen emporzurichten, um einander zu begegnen, und durch diese einfache Geste wird alles wie durch Zauberkunst nah und fern.

*

In gleicher Weise wie die Menge, die Droge und das Verliebtsein besitzt der Alkohol das Privileg, den klarsten Verstand zu vernebeln. Durch ihn erscheint die betonierte Wand der Isolierung wie aus Papier, das die Akteure ihrer Phantasie entsprechend zerreißen können, denn der Alkohol verfügt auf der Bühne des intimen Theaters über alle Mittel. - Eine großzügige Illusion, die um so sicherer tötet.

In einer Bar, in der die Leute tödlich gelangweilt ausharren, zerbricht ein junger betrunkener Mann sein Glas, ergreift eine Flasche und zerschmettert sie an einer Wand. Niemand regt sich auf; in seiner Erwartung enttäuscht, läßt er sich hinauswerfen. Dennoch wurde seine Geste in allen Köpfen nachvollzogen. Er allein hat sie konkretisiert, er allein hat den ersten radioaktiven Strahlungsgürtel der Isolierung durchbrochen: die innere Isolierung, diese eingebaute Trennung, die die Außenwelt und das eigene Ich ausgeschlossen hält. Niemand hat auf sein Zeichen reagiert, von dem er doch glaubte, es sei eindeutig gewesen. Er ist ebenso allein geblieben wie ein Rocker, der eine Kirche in Brand steckt oder einen Polizisten umbringt, in Übereinstimmung mit sich selbst, aber zum Exil so lange verdammt, wie die anderen aus ihrer eigenen Existenz ins Exil zurückgezogen leben. Er ist dem Magnetfeld der Isolierung nicht entkommen, jetzt wird er im Zustand der Schwerelosigkeit festgehalten. Dennoch nimmt er vom Grunde der Gleichgültigkeit her, die ihn empfängt, besser die Nuancen seines Schreis wahr, er weiß, daß er auf anderer Tonlage mit noch mehr Kraft, mit mehr Zusammenhang erneut beginnen muß, selbst wenn ihm diese Erkenntnis zunächst Qualen bereitet.

Lediglich die Verdammung wird gemeinsam sein, solange nicht jedes isolierte Wesen begreifen will, daß eine Geste der Freiheit, wie schwach und ungeschickt sie auch immer sein mag, stets Trägerin einer echten Kommunikation, einer entsprechenden persönlichen Mitteilung ist. Die Repression, die den anarchistischen Rebellen trifft, trifft zugleich alle Menschen. Das Blut aller Menschen fließt mit dem Blut auch nur eines ermordeten Durruti. Überall da, wo die Freiheit auch nur einen Fingerbreit zurückweicht, erhöht sie um das Hundertfache das Gewicht der Ordnung der Dinge.

Von der echten Beteiligung ausgeschlossen, verirren sich die Gesten des Menschen in der zerbrechlichen Illusion, zusammen zu sein, oder in ihrem Gegenteil, in der brutalen und absoluten Verweigerung jeder Gesellschaft. Sie schwingen von dem einen zum anderen wie ein Pendel, das die Stunden auf der Uhr des Todes dahinfliegen läßt.


Die Liebe vergrößert noch ihrerseits die Illusion der Einheit. Zumeist handelt es sich sowieso nur um Totgeburten, Nichtigkeiten. Die Furcht, zu zweit oder zu zehnt den gleichen, schon zu bekannten Weg gehen zu müssen, den Weg der Vereinsamung, bedroht die verliebten Symphonien mit eingefrorener Harmonie. Die Verzweiflung erwächst nicht aus einem ungestillten, ungeheuren Begehren, sondern aus einer beginnenden Leidenschaft, die mit ihrer eigenen Inhaltlosigkeit konfrontiert wird. Der unersättliche Wunsch, sich in unendlich viele charmante Mädchen zu verlieben, entsteht aus der Angst vor der Liebe, so groß ist die Furcht, niemals über die Begegnung von Objekten hinauszukommen. Der junge Morgen, an dem sich die Umarmungen auflösen, ist wie der junge Morgen, an dem die Revolutionäre ohne Revolution sterben. Die Isolierung zu zweit widersteht nicht der Isolierung aller. Das Vergnügen bricht vorzeitig ab, die Liebenden finden sich nackt und bloß in der Wirklichkeit wieder und ihre Gesten werden plötzlich lächerlich und kraftlos. In einer unglücklichen Welt ist keine Liebe möglich. Die Barke der Liebe zerbricht am alltäglichen Leben.

Bist Du bereit, die Klippen der alten Welt zu zerbrechen, damit Deine Liebe nie wieder zerbricht? Die Liebenden müssen ihre Lust nur mit mehr Konsequenz und mehr Poesie lieben. Es heißt, daß der Prinz Shekour einst eine Stadt eroberte und sie seiner Lieblingsfrau für ein Lächeln schenkte. Einige unter uns sind so leidenschaftlich in die Lust verliebt, ohne Schranken zu lieben, daß sie der Liebe das prachtvolle Bett der Revolution schenken wollen.

2 Die Anpassung an die Welt erfolgt wie bei der Entscheidung durch "Kopf oder Zahl". Es wird von vornherein festgelegt, daß das Negative positiv wird, daß die Unmöglichkeit zu leben Grundlage sine qua non des Lebens wird. Die Entfremdung setzt sich am besten fest, wenn sie sich als angeborenes Recht ausgibt. In Positivität verwandelt, ist das Bewußtsein der Isolierung nichts anderes als privates Bewußtsein, jenes unverzichtbare Stück Individualität, das die guten Bürger wie ihr Eigentum mit sich umhertragen, zwar hinderlich, aber wertvoll. Eine Art lustvoll erlebter Angst verhindert, daß man für immer sich entweder in der Illusion einer Gemeinschaft einrichtet oder im Keller der Isolierung gefangen bleibt.

Zwischen der freudigen Hinnahme falscher Gemeinschaften und der globalen Ablehnung der Gesellschaft erstreckt sich das Niemandsland neutraler menschlicher Beziehungen. Hier herrscht die Krämermoral, das "man muß sich gegenseitig unter die Arme greifen", "überall findet man noch ehrliche Leute", "nichts ist nur gut oder nur schlecht, alles hat seine Vor- und Nachteile"; hier herrscht Höflichkeit, l'art pour l'art des Mißverständnisses.

Da die menschlichen Beziehungen das geworden sind, wozu sie die gesellschaftliche Hierarchie gemacht hat, wollen wir anerkennen, daß die neutralen Beziehungen die am wenigsten ermüdende Form der Verachtung sind: sie gestatten, ohne unnütze Reibereien die täglichen Kontakte zu überstehen. Die neutralen Beziehungen hindern bei weitem nicht daran, von Formen höherer Zivilisation zu träumen, wie die vornehme Höflichkeit beweist, mit der Lacenaire am Abend vor seiner Hinrichtung einen Freund nachdrücklich bittet: "Sagt bitte vor allem meinen Dank Herrn Scribe. Sagt ihm, daß ich eines Tages vom Hunger getrieben zu ihm kam, um ihn um Geld anzugehen. Mit viel Feingefühl hat er meiner Bitte entsprochen; ich denke, er wird sich dessen entsinnen. Sagt ihm auch, daß er richtig gehandelt hat, denn ich hielt in greifbarer Nähe in meiner Tasche etwas, mit dem ich Frankreich von einem dramatischen Autor befreit hätte."

Die Harmlosigkeit neutraler Beziehungen ist jedoch nur ein toter Punkt im hin- und herwogenden Kampf gegen die Isolierung, ein kurzer Übergang auf dem Weg zur Kommunikation oder - viel häufiger übrigens - zur Illusion der Gemeinschaft. Ich würde meinen Widerwillen, einen Unbekannten anzuhalten, um ihn nach der Uhrzeit, einer Auskunft, einigen Worten zu fragen, mit dieser zweifelhaften Art und Weise erklären, den Kontakt zu suchen: die Freundlichkeit neutraler Beziehungen baut mühsam auf Sand; leere Zeit hat mir noch nie genützt.

Überall ist die Unmöglichkeit zu leben mit einem derartigen Zynismus garantiert, daß die ausgeglichene Mischung von Lust und Angst in den neutralen Beziehungen Teil des generellen Mechanismus der Zerstörung der Menschen geworden ist. Letzten Endes erscheint es besser, sich ohne Aufschub der radikalen, taktisch erarbeiteten Verweigerung anzuschließen, als freundlich an alle Türen anzuklopfen, hinter denen sich eine Art des Überlebens gegen die andere austauscht.

"Es würde mich anöden, so jung zu sterben", schrieb Jacques Vaché zwei Jahre bevor er Selbstmord beging. Wenn sich die Verzweiflung am Überleben nicht mit der neuen Schärfung des Bewußtseins trifft, um die Jahre, die vor uns liegen, zu erschüttern, dann bleiben den isolierten Menschen nur noch zwei "Entschuldigungen": das Scheißhaus von Parteien und Sekten religiöser Pataphysik oder der sofortige Tod mit Umour. Ein 16jähriger Mörder erklärte jüngst: "Ich tötete, weil ich mich langweilte." Wer auch immer schon einmal in sich die Macht seiner eigenen Zerstörung hat emporsteigen fühlen, weiß, wie leicht er im unkontrollierten Überdruß die Organisatoren der Langeweile töten könnte. Eines Tages. Zufällig.

Wenn jedoch jemand zugleich die Gewalt des Nichtangepaßten und die Anpassung an die Gewalt der Welt ablehnt - wo kann er seinen Weg finden? Wenn es ihm nicht gelingt, den Wunsch, die Einheit der Welt mit sich selbst herzustellen, auf die Ebene einer zusammenhängenden Theorie und Praxis zu stellen, wird das eisige Schweigen des sozialen Raumes ihm den Palast einsamen Wahns bauen.

Die zur Geisteskrankheit Verurteilten stoßen aus der Tiefe ihres Gefängnisses die Schreie einer Revolte aus, die im Negativen zerbrochen wurde. Mit Sachverstand wurde Fourier in jenem Kranken getötet, von dem der Psychiater Volnat berichtet: "In ihm begannen sein Ich und die Außenwelt ihren Unterschied zu verlieren. Alles, was in der Welt geschah, geschah auch in ihm. Es gelang ihm nicht, eine Flasche zwischen zwei Bretter eines Wandschrankes zu stellen, denn die Bretter verengten sich und drohten die Flasche zu zerbrechen. Und diese Verengung spürte er in seinem Kopf. Es war, als würde sein Kopf zwischen den Brettern eingeklemmt. Er konnte keinen Koffer schließen, denn das Zudrücken des Deckels spürte er gleichzeitig in seinem Kopf. Wenn er einmal das Haus verließ, nachdem er Türen und Fenster sorgfältig geschlossen hatte, fühlte er in seinem Gehirn den Druck zusammengepreßter Luft. Er mußte zurückkehren, um eine Tür oder ein Fenster zu öffnen. ,Ich brauche Raum, freies Feld, um mich wohl zu fühlen ( ? ) Ich muß in meinem Raum frei sein können. Ich kämpfe gegen die Dinge, die mich umgeben'."

Der Konsul hielt an. Er las die Inschrift: "No se puede vivir sin amor." (Lowry: "Unter dem Vulkan.")

IV. Das Leiden

Das Leiden der naturbedingten Entfremdung hat dem Leiden der sozialen Entfremdung Platz gemacht, gleichzeitig wurden aus Heilmitteln Rechtfertigungen (1). - Wo die Rechtfertigung fehlt, schaffen Beschwörungen Abhilfe (2). - Aber kein Trick verbirgt mehr die Existenz einer Organisation des Leidens, die ihre Grundlage in einer sozialen Organisation zur Verteilung der Zwänge findet (3). - Das Bewußtsein, das auf ein Bewußtsein der Zwänge reduziert wird, ist das Vorzimmer des Todes. Die Verzweiflung des Bewußtseins bringt die Mörder im Dienst der Ordnung, das Bewußtsein der Verzweiflung die Mörder im Dienst der Unordnung hervor (4).

1 Die Symphonie von Schreien und Wörtern gibt der Straßenszene eine bewegliche Dimension. Auf einer nicht endenden Kette tiefer Töne bauen sich schwere und leichte Themen auf, krächzende Stimmen, singende Zurufe, schwermütige Sätze ohne Ende. Eine klangvolle Architektur türmt sich über den Straßenzügen und Fassaden auf, ergänzt oder korrigiert die anziehende oder abstoßende Note eines Viertels. Von der Contrescarpe bis zu den Champs-Elyseés klingen jedoch alle Grundakkorde gleich: ihr dumpfer Widerhall hat sich in allen Ohren so fest verkrustet, daß er niemanden mehr erregt: "So ist das Leben", "Der Mensch läßt sich nicht ändern", "Es kommt, wie es kommen soll", "Man muß eben etwas daraus machen", "Es ist nicht gerade immer erfreulich" ? Dieses Klagelied, dessen falsches Spiel die unterschiedlichsten Gespräche in Einklang bringt, hat die Sensibilität so sehr pervertiert, daß es zur gemeinsten menschlichen Ausdrucksweise geworden ist. Wo darauf nicht eingegangen wird, kann die Verzweiflung zumeist nicht mehr wahrgenommen werden. Daß seit zwei Jahrhunderten in der europäischen Musik jegliche Freude fehlt, scheint niemanden zu beunruhigen. Das sagt alles. Konsumieren, verzehren: die Asche ist die Norm des Feuers geworden.

Woher kommt diese Bedeutung, die das Leiden und die Rituale der Beschwörung des Leidens angenommen haben? Zweifellos von den harten Überlebensbedingungen, denen die ersten Menschen in einer feindlichen Natur voller brutaler und mysteriöser Mächte ausgesetzt waren. Angesichts der Gefahren entdeckten die Menschen in ihrer Schwäche, daß ihnen die soziale Gruppe nicht nur Schutz gewähren, sondern auch erlauben würde, mit der Natur zusammenzuarbeiten, mit ihr zu paktieren, sie sogar zu verwandeln. Im Kampf gegen die naturbedingte Entfremdung (Tod, Krankheit, Leiden) ist die soziale Entfremdung entstanden. Und damit wurden auch Tod, Krankheit und Leiden - wie immer man auch darüber denken will - sozial. Wir sind der Härte des Klimas, dem Hunger und der Unbequemlichkeit entkommen, um in die Falle der Sklaverei zu gehen. Sklaverei unter der Herrschaft der Götter, der Menschen und der Sprache. Und dennoch - eine derartige Sklaverei trug in sich einen Teil von Sieg, denn menschliche Größe war nötig, um unter dem Terror eines Gottes zu leben, der Dich andererseits unbesiegbar machte. Diese Blendung von Menschlichem und Unmenschlichem würde bereits ausreichen, um die Zweideutigkeit des Leidens im Verlauf der Geschichte zu erklären, das einmal als ein schändliches Übel, ein andermal als ein heilsames Übel und damit sozusagen als etwas Gutes erschien. Man muß jedoch hierbei das Eigengewicht der Religionen berücksichtigen, vor allem das der christlichen Mythologie, die jene krankhafte und perverse Lebensregel am weitesten perfektioniert hat: Schütze Dich vor Verstümmelung durch Selbstverstümmelung!

"Seit der Ankunft Christi sind wir zwar nicht vom Leiden, wohl aber. vom unnützen Leiden erlöst", schrieb ganz richtig der Jesuitenpater Charles aus der "Gesellschaft Jesu". Das Problem der Macht bestand niemals darin, sich aufzulösen, sondern eine Rechtfertigung zu finden, um nicht "unnütz" zu unterdrücken. Durch Vereinigung von Mensch und Leiden unter dem Vorwand göttlicher Gnade oder des Naturgesetzes ist dem Christentum, dieser krankhaften Therapie, sein "Meisterstück" gelungen. Stets bildet das Prinzip des nützlichen Leidens und der freiwilligen Aufopferung die solideste Grundlage der hierarchisierten Gewalt: vom Prinzen bis zum Manager, vom Priester bis zum Spezialisten, vom Beichtvater bis zum Psychologen. Was auch immer als Begründung angegeben wird, die bessere Welt, das Jenseits, eine sozialistische Gesellschaft oder eine berauschende Zukunft: das Leiden, das die Menschen auf sich nehmen, ist immer christliches Leiden, immer. Auf die widerliche Schlangenbrut der Kirche folgen heute die Fanatiker eines rotgefärbten Christus. Durch die offiziellen Forderungen hindurch schimmert feinversponnen das ekelhafte Bild vom Gekreuzigten, überall werden die Genossen dazu aufgefordert, den dümmlichen Heiligenschein märtyrerhafter Aktivisten zur Schau zu tragen. Die Braumeister der "Gerechten Sache", bereiten aus dem vergossenen Blut die Blutsuppe der Zukunft: weniger Kanonenfutter, mehr Opfer auf dem Altar der Prinzipien!

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Auf den ersten Blick schien die bourgeoise Ideologie entschlossen, das Leiden mit der gleichen Beharrlichkeit zu bekämpfen, mit der sie die Religionen ihres Hasses weiterverbreitete. Ihre Vernarrtheit in Fortschritt, Komfort, Profit, Wohlstand und Vernunft gab ihr genug Waffen - wenn auch keine wirklichen, so doch illusionäre -, um von ihrem Willen zu überzeugen, mit dem Leiden und dem Glauben wissenschaftlich fundiert Schluß zu machen. Wie wir wissen, konnte sie schließlich nur neue Betäubungsmittel und neuen Aberglauben erfinden.

Gott wurde beseitigt: das Leiden wurde "natürlicher" Teil der "menschlichen Natur"; seine Beendigung ist möglich, muß aber mit neuen, ausgleichenden Formen des Leidens erkauft werden: den Märtyrern der Wissenschaft, den Opfern des Fortschritts, den geopferten Generationen. Doch bei dieser Entwicklung enthüllte der Begriff des natürlichen Leidens seine soziale Wurzel. Die Natur des Menschen wurde beseitigt: das Leiden wurde sozial, der Gesellschaft zugehörig. Doch die Revolutionen haben nachgewiesen, daß soziales Leid kein metaphysisches Prinzip ist, daß eine Gesellschaft möglich ist, in der Menschen, ohne zu leiden, leben können. Die Geschichte zerstörte die gesellschaftliche Seinslehre, aber heute hat das Leiden, weit davon entfernt, zu verschwinden, in den Forderungen einer Geschichte, die plötzlich ihrerseits in ihrem Lauf in die bekannte Einbahnstraße geraten ist, neue Daseinsberechtigung gefunden. China bereitet seine Kinder durch eine Erziehung zur Liebe zum Vaterland, zur Familie und zur Arbeit auf die klassenlose Gesellschaft vor. Die geschichtliche Seinslehre sammelt die Abfälle aller metaphysischen Systeme der Vergangenheit, alle An-sichs, Gott, die Natur, den Menschen und die Gesellschaft. Künftig werden die Menschen gegen die Geschichte Geschichte machen, denn die Geschichte ist das letzte Bollwerk der Seinslehre der Macht, der allerletzte Trick, hinter dem sie unter dem Versprechen eines langen Wochenendes ihren Willen versteckt, bis zum Sonnabend zu dauern, der niemals kommt. Jenseits der zum Fetisch gewordenen Geschichte wird das Leiden in seiner Abhängigkeit von der hierarchisierten gesellschaftlichen Organisation sichtbar. Wenn erst der Wille, mit der hierarchisierten Macht Schluß zu machen, das Bewußtsein der Menschen genug gereizt hat, wird jeder zustimmen, daß an der bewaffneten Freiheit und dem Gewicht der Zwänge nichts metaphysisch ist.

2 Die technisierte Zivilisation hat das Glück und die Freiheit auf die Tagesordnung gesetzt und doch zugleich auch die Ideologie von Glück und Freiheit erfunden. Sie verurteilte sich in der Folge dazu, nichts als eine apathische Freiheit und ein Glück in Der Passivität zu schaffen. Sosehr diese Erfindung auch pervertiert wurde, sie genügte dennoch, um universell zu bestreiten, daß das Leiden notwendiger Bestandteil der Bedingungen menschlichen Lebens ist, daß auf ewig unmenschliche Bedingungen Bestand haben können. Deswegen scheitert das bürgerliche Denken in seinem Bemühen, über das Leiden hinwegzutrösten: keine Rechtfertigung erreicht die Kraft der Hoffnung, die die Bourgeoisie einst erzeugte, als sie alles auf die Technik und den Wohlstand setzte.

Die verzweifelte Brüderlichkeit in der Krankheit ist das Schlimmste, was einer Zivilisation passieren kann. Weniger der Tod widert die Menschen des 20. Jahrhunderts an, als die Abwesenheit eines wahren Lebens. Jede leblose, mechanisierte, spezialisierte Geste nimmt hundert-, tausendmal am Tag ein Stück Leben fort, bis zur Erschöpfung von Geist und Körper, bis zu einem Ende, das nicht das Ende des Lebens ist, sondern Abwesenheit, die ihren Sättigungsgrad erreicht hat; das ist es, was den Apokalypsen, den gewaltigen Zerstörungen, der totalen Vernichtung, dem totalen, brutalen und sauberen Tod Charme zu verleihen droht. Auschwitz und Hiroshima sind "der Trost des Nihilismus". Es reicht aus, daß die Ohnmacht, das Leiden zu besiegen, kollektives Gefühl wird, damit sich plötzlich die Forderung zu leiden und zu sterben der Gemeinschaft bemächtigt. Bewußt oder unbewußt ziehen die meisten Menschen es vor zu sterben, als dauernd die Unzufriedenheit in ihrem Leben zu spüren. Stets habe ich bei den Demonstrationen der Atomgegner, abgesehen von einer aktiven radikalen Minderheit, eine Mehrheit von Büßern gesehen, die ihren eigenen Wunsch, mit der gesamten Menschheit zugrunde zu gehen, auszutreiben versuchten. Selbstverständlich wehren sie sich gegen diese Feststellung, doch der Mangel an Freude, der ihr Gesicht zeichnet - die wahre Freude ist immer revolutionär -, führt den Gegenbeweis, ohne Widerspruch.

Das ganze Spektakel, das im Einzelfall um das Elend und den Schmerz herum aufgezogen wird, soll vielleicht vermeiden, daß ein universeller Wunsch, zugrunde zu gehen, die Menschen überwältigt. Eine Art gemeinnütziger Menschen­freund­lich­keit drängt jeden dazu, sich mit dem Spektakel der Gebrechen anderer über seine eigenen Gebrechen hinwegzutrösten.

Beispiele sind die Bilder von Katastrophen das Drama des hintergangenen Sängers, der lachhafte Unrat, den die Sensationspresse ausschüttet, die Hospitale, die Asyle, die Gefängnisse, alles Museen zur Tröstung jener, denen die Furcht dort hinzukommen, die Freude bereitet, nicht dort zu sein. Manchmal spüre ich in mir ein derartiges Leid, diffus und überall in mir verteilt, daß ich mit Erleichterung das Unglück beobachte, das das Leid konkretisiert, rechtfertigt, ein Abreagieren erlaubt. Nichts wird mich in dieser Überzeugung irremachen: meine Traurigkeit, die ich bei einem Bruch, einem Mißerfolg, einer Trauer verspüre, trifft mich nicht wie ein von außen kommender Pfeil, sondern quillt aus mir wie aus einer Quelle, die ein Erdrutsch freigelegt hat. Es gibt Verletzungen, die den Geist einen lange angehaltenen Schrei ausstoßen lassen. Die Verzweiflung gibt ihr Opfer nie wieder frei; das Opfer sieht die Verzweiflung nur im Ende einer Liebe oder im Tod eines Kindes, dort, wo nur der Schatten der Verzweiflung herrscht. Die Trauer ist nur Vorwand, eine angenehme Art, das Nichts in kleinen Stößen zu ejakulieren. Die Tränen, die Schreie, das Geheul der Kindheit bleiben im Herzen der Menschen gefangen. Auf ewig? Auch die Leere in Dir wächst ständig.

3 Ein Wort noch zu den Alibis der Macht. Nehmen wir an, ein Tyrann findet Vergnügen daran, Gefangene, die vorher am lebendigen Leibe enthäutet wurden, in eine enge Zelle zu werfen, ihre grausigen Schreie zu hören und sie jedesmal aufeinander losgehen zu sehen, wenn sie miteinander in Berührung kommen. Gleichzeitig fühlt er sich dadurch angeregt, über die menschliche Natur und das seltsame Betragen der Menschen zu meditieren. Nehmen wir außerdem an, daß es zur gleichen Zeit im gleichen Land Philosophen und Gelehrte gibt, um der Welt der Wissenschaft und der Kunst zu erklären, daß das Leiden seinen Grund im räumlichen Zusammenleben der Menschen, in der unvermeidlichen Gegenwart der anderen, in der Gesellschaft als solcher findet - hätte man nicht Grund, diese Leute als Wachhunde des Tyrannen anzusehen? Eine gewisse existentialistische Konzeption hat mit solchen Thesen klar das Zusammenspiel der Linksintellektuellen mit der Macht ebenso gedeckt wie den plumpen Trick, mit dem eine unmenschliche gesellschaftliche Organisation den eigenen Opfern die Verantwortung für ihre Grausamkeiten auferlegt.

Ein Publizist schrieb im 19. Jahrhundert: "Auf Schritt und Tritt begegnen uns in der heutigen Literatur Versuche, die das individuelle Leiden als soziales Übel erklären wollen und die Organisation unserer Gesellschaft für das Elend und die Degradierung ihrer Mitglieder verantwortlich machen wollen. Das ist eine vollkommen neue Vorstellung. Man sieht seine Leiden nicht mehr als Schicksalsschläge an." Eine so aktuelle "Neuigkeit" hat offenbar die guten, in Schicksalsgläubigkeit eingezuckerten Geister nicht sonderlich aufgerührt: Sartre und die Hölle, die die anderen sind, Freud und der Todestrieb, Mao und die historische Notwendigkeit. Welcher Unterschied besteht denn noch zu dem idiotischen: die Menschen sind nun mal so.

Die hierarchisierte gesellschaftliche Organisation ist einem System von Trichtern vergleichbar, das von scharfen Klingen durchzogen ist. Wenn die Macht uns die Haut vom lebendigen Leibe zieht, setzt sie all ihre Geschicklichkeit daran, uns davon zu überzeugen, daß wir uns gegenseitig die Haut vom Leibe reißen. Das nur zu schreiben heißt in der Tat, nur eine neue Schicksalsgläubigkeit zu nähren; doch ich schreibe es mit der Absicht, daß sich niemand darauf beschränkt, es nur zu lesen.

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Der Altruismus bildet die Rückseite der Medaille der "Hölle, die die anderen sind"; diesmal stellt sich die Mystifizierung unter dem Zeichen des Positiven dar. Ein für allemal Schluß mit dem Geist der Veteranen! Um an dem anderen Interesse zu finden, muß ich zuerst die Kraft für ein derartiges Interesse in mir selbst finden. Das, was mich mit den anderen verbindet, muß in dem sichtbar werden, was mich mit dem reichsten und anspruchsvollsten Teil meines Willens zu leben verbindet. Nicht umgekehrt. In den anderen sehe ich immer mich selbst, meine Bereicherung, meine Verwirklichung. Möge sich jeder dessen bewußt werden! Dann wird das "jeder für sich" in letzter Konsequenz zu einem "alle für jeden" werden. Die Freiheit des einen wird die Freiheit aller sein. Eine Gemeinschaft, die nicht von den individuellen Forderungen und ihrer Dialektik ausgeht, kann nur die unterdrückende Gewalt der Macht verstärken. In den anderen, in denen ich nicht mich selbst finde, finde ich nichts anderes als ein Ding; und der Altruismus lädt mich gerade zur Liebe zu den Dingen ein. Zur Liebe meiner Isolierung.

Aus dem Blickwinkel des Altruismus oder der Solidarität - dem Altruismus der Linken - steht das Gefühl der Gleichheit kopf. Denn was ist es anderes, als die gemeinsame Furcht der isolierten, gedemütigten, erniedrigten, geschlagenen, hintergangenen, zufriedengestellten Mitglieder der Gesellschaft, die Furcht von getrennten Teilen, die sich vereinigen möchten, doch nicht etwa in der Wirklichkeit, sondern in einer mystischen Einheit, egal welcher, der Einheit der Nation oder der Arbeiterbewegung, Hauptsache man fühlt sich wie "unter Brüdern" in den Nächten großer Trinkgelage. Die Gleichheit in der großen Familie der Menschen verherrlicht den Weihrauch der religiösen Mystifikationen. Man muß schon beide Nasenlöcher verstopft haben, damit einem nicht übel wird.

Ich selbst erkenne keine andere Gleichheit an als die, die mein Wille zu leben in dem Lebenswillen der anderen anerkennt. Die revolutionäre Gleichheit wird untrennbar individuell und kollektiv sein.

4 Nur einen einzigen Horizont eröffnet die Perspektive der Macht: den Tod. Das Leben geht so lange zu diesem Brunnen der Verzweiflung, bis es hineinfällt und ertrinkt. Überall, wo der lebendige Fluß des Alltags zum Stillstand kommt, spiegeln die Gesichter der Lebenden die Züge des Ertrunkenen wider; beim genauen Hinsehen ist das Positive negativ, was jung ist, ist bereits alt, was gerade neu erbaut wird, droht schon umzustürzen. Im Reich der Verzweiflung blendet die Weitsicht ebenso wie die Lüge. Die Menschen sterben, ohne es zu wissen, von hinten getroffen. Das lauernde Bewußtsein des Todes verschlimmert noch die Tortur und beschleunigt den Todeskampf. Der Verschleiß durch gebremste, behinderte, verbotene Gesten zerfrißt sicherer als Krebs, doch nichts breitet den "Krebs" schneller aus als das klare Bewußtsein eines derartigen Verschleißes. Ich bin davon überzeugt, daß einen Mann, den man ständig fragen würde: "Hast du die Hand, die dich in jeder Beziehung schonend umbringt, entdeckt? " nichts mehr vor der Vernichtung bewahrt. Die Wirkung jeder einzelnen Schikane zu bewerten und das Gewicht jeden einzelnen Zwanges an der Nervenbelastung zu messen, genügt, um das kraftvollste Individuum in die Ecke eines einzigen, alles beherrschenden Gefühls zu drängen, des Gefühls grausamer Schwäche und völliger Ohnmacht. Das Geschwür der Zwänge wächst aus der Tiefe des Geistes und nichts Menschliches widersteht ihm.

Manchmal habe ich das Gefühl, daß mich die Macht ihr gleich macht: eine große Kraft kurz vor dem Zusammenbrechen, eine gewaltige Wut, die sich nicht austoben kann, eine Leidenschaft nach Totalität, die sich plötzlich verhärtet. Eine machtlose Ordnung herrscht nur, wenn sie die Machtlosigkeit ihrer Sklaven sichert; das haben Franco und Batista glanzvoll bewiesen, als sie die gefangenen Revolutionäre kastrierten. Die Herrschaftssysteme, die man scherzhaft "demokratisch" taufte, humanisieren lediglich die Kastration: vorzeitiges Altern zu bewirken, erscheint auf den ersten Blick weniger mittelalterlich als die Benutzung des Messers und der Ligatur. Doch nur auf den ersten Blick, denn sobald ein klarer Geist begreift, daß es von da an der Geist ist, der die Ohnmacht bewirkt, kann man ohne weiteres die Partie für verloren erklären!

Es gibt ein Verständnis, das die Macht zuläßt, weil es ihren Zwecken dient. Die eigene Weitsicht vom Licht der Macht ableiten heißt, Licht in die Dunkelheit der Aussichtslosigkeit zu bringen, heißt, ihre Wahrheit durch die Lüge zu verstärken. Das Stadium des Ästhetischen definiert sich wie folgt: entweder der Tod gegen die Macht oder der Tod in der Macht; Arthur Cravan und Jacques Vaché auf der einen Seite, SS, Paras und Fremdenlegionäre auf der anderen. Bei ihnen ist der Tod eine logische und natürliche Vollendung, die höchste Bestätigung eines fortwährenden Tatbestandes, letzter Gedankenstrich auf einer Lebenslinie, auf der letztlich nichts geschrieben steht. Was der fast universellen Anziehungskraft der Macht nicht entgeht, vergeht gleichförmig. Das ist immer der Fall der Dummheit und der geistigen Verwirrung, das ist oft der Fall der Intelligenz. Mit entgegengesetztem Vorzeichen haben Drieu undJacques Rigaux den gleichen Knacks: die Ohnmacht des ersteren führt zur Unterwerfung und Unterwürfigkeit, die Revolte des letzteren bricht sich vorzeitig am Unmöglichen. Die Verzweiflung des Bewußtseins schafft die Mörder im Dienst der Ordnung, das Bewußtsein der Verzweiflung schafft die Mörder im Dienst der Unordnung. Dem Fall der angeblichen Anarchisten der Rechten in die Anpassung entspricht mit gleicher Schwerkraft der Fall der verdammten Erzengel in die stählernen Klauen des Leidens. Auf dem Grunde der Verzweiflung mahlen mit schepperndem Geräusch die Mühlen der Konterrevolution.

Das Leiden ist der Schmerz empfundener Zwänge. Ein wenig reine Freude, wie klein sie auch immer sein mag, hält es in Schach. Den Teil echter Freude und echten Feierns zu verstärken, gleicht den Vorbereitungen eines allgemeinen Aufstandes zum Verwechseln.

Heute werden die Menschen zu einer gewaltigen Jagd auf Mythen und eingefleischte Ideen eingeladen, doch um jedes Mißverständnis auszuschließen: sie werden ohne Waffen oder, schlimmer noch, mit den Papierwaffen der reinen Spekulation in einen Sumpf von Zwängen geschickt, in dem sie schließlich steckenbleiben. Deshalb wird es uns vielleicht die erste große Freude bereiten, den ersten Stoß den Ideologen der Entmystifizierung vor allen anderen zu versetzen, um zu sehen, wie sie sich aus der Affäre ziehen, und dann aus dem, was sie zuwege bringen, unseren Vorteil zu ziehen oder aber über ihren Körpern voranzuschreiten.

Die Menschen werden von einem Schrank erdrückt, wie Rosanow schreibt. Wenn es nicht gelingt, den Schrank emporzuheben, ist es unmöglich, ganze Völker von endlosen und unerträglichen Leiden zu befreien. Es ist schrecklich, wenn auch nur ein einziger Mensch erdrückt wird. Er will ja atmen, aber er kann nicht mehr. Der Schrank lastet auf allen Menschen und dennoch erhält jeder seinen unabtretbaren Teil am Leid. Zwar bemühen sich alle Menschen, den Schrank hochzuheben, nur mit unterschiedlicher Überzeugungskraft und Stärke. Seltsame, ächzende Zivilisation.

Die Denker fragen sich: "Die Menschen unter einem Schrank! Wie sind sie darunter gekommen? " Sie sind jedenfalls darunter gekommen. Und wenn jemand im Namen der Objektivität beweisen will, daß es unmöglich sei, eine solche Bürde jemals wieder abzuwerfen, dann erhöht jeder seiner Sätze, jedes seiner Worte das Gewicht des Schrankes, dieses Objekt, das er durch die Universalität seines "objektiven Bewußtseins" darstellen will. Dann haben wir das ganze christliche Denken vor uns, das das Leiden wie einen treuen Hund streichelt und das Bild erdrückter, aber lächelnder Menschen verbreitet. "Das Recht ist stets auf der Seite des Schrankes", geben Tausende tagtäglich veröffentlichter Bücher zu verstehen, die nur darauf warten, in den Schrank gestellt zu werden. Dennoch möchte jeder atmen, aber keiner kann atmen und viele sagen sich: "Wir werden später atmen", und die meisten sterben nicht, denn sie sind bereits tot.

Es wird jetzt geschehen oder nie.

V. Der Niedergang der Arbeit

Die Pflicht zu produzieren entfremdet die Leidenschaft, schöpferisch zu handeln. Die produktive Arbeit gehört zu den Verfahren zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Die Arbeitszeit verringert sich in dem Maße, wie der Machtbereich der Konditionierung wächst.

In einer industrialisierten Gesellschaft, die Arbeit mit Produktivität verwechselt, stand die Notwendigkeit zu produzieren, stets im Gegensatz zu dem Wunsch, schöpferisch zu handeln. Was bleibt an menschlichem Funken, das heißt an möglicher Kreativität, bei einem Wesen übrig, das jeden Morgen um sechs aus dem Schlaf gerissen wird, in den Vorstadtzügen hin- und hergeworfen, vom Lärm der Maschinen betäubt, vom Akkord, den sinnlos gewordenen Gesten, der statistischen Überwachung ausgelaugt und am Ende des Tages wieder in die Bahnhofshallen ausgestoßen wird, diese Kathedralen des Aufbruchs in die Hölle der Arbeitswochen und das winzige Paradies der Wochenenden, wo die Menge in der Erschöpfung und im Stumpfsinn verbunden ist? Von der Jugend bis zum Rentenalter wiederholt sich unablässig und gleichförmig im Kreislauf von 24 Stunden das Zerbröckeln gebrochener Scheiben: Zerbrechen im erstarrten Rhythmus, Zerbrechen in der Zeit, die Geld ist, Zerbrechen in der Unterordnung unter den Chef, Zerbrechen in der Langeweile, Zerbrechen in der Erschöpfung. Von der brutal zerstückelten lebendigen Kraft bis hin zum klaffenden Riß im Alter zerbricht das Leben überall unter den Stößen der Zwangsarbeit. Nie hat eine Zivilisation einen derartigen Grad von Verachtung gegenüber dem Leben erreicht; im Ekel ertränkt hat nie eine Generation leidenschaftlicher den Wunsch zu leben empfunden. All die, die langsam in den mechanisierten Schlachthäusern der Arbeit getötet werden, sind auch hier, um zu diskutieren, zu singen, zu trinken, zu tanzen, zu lieben, sind in den Straßen, greifen zu den Waffen, erfinden eine neue Poesie. Schon bildet sich die Front gegen die Zwangsarbeit, schon formen die Gesten der Verweigerung das zukünftige Bewußtsein. Jeder Aufruf zur Produktivität ist unter den Bedingungen des Kapitalismus und des sowjetisierten Wirtschaftssystems ein Aufruf zur Sklaverei.

Die Notwendigkeit zu produzieren findet ihre Rechtfertigung so leicht, daß jeder Ideologe der Technokratie wie Fourastié damit mühelos zehn Bücher vollstopfen kann. Zum Unglück für die Volkswirtschaftler neuer Schule gehören die Rechtfertigungen ins 19. Jahrhundert, eine Epoche, in der das Elend der arbeitenden Klassen das Recht auf Arbeit dem Recht auf Sklaverei gleichstellte, das im Morgen unseres Zeitalters von den der Massakrierung geweihten Gefangenen gefordert wurde. Es ging vor allem anderen darum, nicht physisch zugrunde zu gehen, zu überleben. Die Gebote der Produktivität sind die Gebote des Überlebens; doch künftig wollen die Menschen leben und nicht nur überleben.

Den gemeinsamen Ursprung der Worte "Arbeit" und "Mühe" zu vergessen, zeugt von einer gewissen Sorglosigkeit. Den Adligen blieb wenigstens ihre Würde wie auch die Würdelosigkeit ihrer Untertanen in der Erinnerung. Die aristokratische Verachtung der Arbeit spiegelte die Verachtung des Herrschers gegenüber den beherrschten Klassen wider; die Arbeit war Buße, zu der sie auf ewig göttlicher Ratschluß verdammte, der sie aus unerforschlichen Gründen zu Untertanen ausersehen hatte. Die Arbeit gehörte zu den Sanktionen der Vorhersehung, war Strafe für den Armen, eine Strafe, von der auch das Wohlergehen in der Zukunft abhing und die daher zugleich Freude bedeuten konnte. Im Grunde genommen war die Arbeit weniger wichtig als die Unterordnung.

Die Bourgeoisie beherrscht nicht, sie beutet aus. Sie unterwirft weniger, sie nutzt lieber aus. Warum hat man nicht erkannt, daß das Prinzip produktiver Arbeit einfach an die Stelle des Prinzips feudaler Autorität getreten ist? Warum wollte man das nicht verstehen?

Ist es, weil die Arbeit die Lebensbedingungen der Menschen verbessert und den Armen - zumindest illusionär - aus der ewigen Verdammnis erlöst? Sicherlich. Doch heute wird ersichtlich, daß die Erpressung für eine bessere Zukunft gelehrig der Erpressung für das Heil im Jenseits nachfolgt. In beiden Fällen ist es immer die Gegenwart, die unter den Schlägen der Unterdrückung leidet.

Ist es, weil die Arbeit die Natur verwandelt? Ja Aber was soll ich mit einer Natur anfangen, die nach Profitgesichtspunkten innerhalb einer Ordnung von Dingen arrangiert ist, in der die technische Inflation die Deflation in der Verwendung des Lebens verdeckt? Wie im übrigen der Sexualakt nicht die Funktion hat, Kinder zu zeugen, sondern dies nur ganz zufällig tut, so verwandelt die organisierte Arbeit auch nur ganz nebenher das Gesicht der Erde, folgerichtig, aber ohne Absicht. Arbeiten, um die Welt zu verändern? Was nicht noch alles! Die Veränderung der Welt folgt dem Bestand der Zwangsarbeit; deshalb verändert sie sich so schlecht.

Verwirklicht sich der Mensch womöglich in seiner aufgezwungenen Arbeit? Im 19. Jahrhundert fand sich in der Arbeit noch eine winzige Spur von Kreativität. Zola beschrieb einen Wettkampf der Nagelschmiedekunst, in dem die Arbeiter bei ihren kleinen Meisterstücken an Geschicklichkeit wetteiferten. Es waren ohne Zweifel die Liebe zum Handwerk und eine, wenn auch mühsame Suche nach schöpferischem Ausdruck, die die Arbeiter 10 bis 15 Stunden durchstehen ließen, was nicht möglich gewesen wäre, hätte sich nicht etwas Freude in sie eingeschlichen. Eine im Prinzip noch handwerkliche Konzeption erlaubte es jedem, sich in der Unsicherheit der Hölle der Fabrik komfortabel einzurichten. Der Taylorismus versetzte dieser Mentalität, die der archaische Kapitalismus liebevoll gepflegt hatte, den Gnadenstoß. Von der Fließbandarbeit läßt sich nicht einmal eine Karikatur von Kreativität erhoffen. Die Liebe zur gut durchgeführten Arbeit und der Wunsch nach einem Vorwärtskommen in der Arbeit sind heute unauslöschliche Zeichen von Schlappheit und allerdümmster Unterwerfung. Deswegen bahnt sich überall dort, wo Unterwerfung gefordert wird, der alte ideologische Furz seinen Weg, von dem "Arbeit macht frei" der Konzentrationslager bis zu den Reden von Henry Ford und Mao Tse-tung.

Was ist also die Funktion der Zwangsarbeit? Der Mythos der Macht, der von dem Herrscher und Gott gemeinsam unterhalten wurde, leitete seine Zwangsgewalt von der Einheit des feudalen Systems her. Die pluralistische Herrschaft der Bourgeoisie zerbrach den einheitlichen Mythos und errichtete unter dem Zeichen der Krise die Herrschaft von Ideologien, die weder einzeln noch gemeinsam auch nur einen Bruchteil der Wirksamkeit des Mythos erreichen werden. Die Diktatur der produktiven Arbeit tritt zum richtigen Zeitpunkt die Nachfolge an. Aufgabe der produktiven Arbeit ist es, so viele Menschen wie möglich biologisch zu schwächen, kollektiv zu kastrieren und zu verdummen, um sie so für die unfruchtbarsten, unmännlichsten und greisenhaftesten Ideologien empfänglich zu machen, die es je in der Geschichte der Lüge gegeben hat.

Das Proletariat des 19. Jahrhunderts bestand in seiner Mehrheit aus physisch geschwächten Menschen, die die Tortur der Werkstatt systematisch zerbrochen hatte. Die Revolten gingen von den kleinen Handwerkern, den Privilegierten oder den Arbeitslosen aus, nicht von den Arbeitern, die von einem 15-Stunden-Tag fertiggemacht wurden. Ist es nicht beunruhigend, daß die Arbeitszeit zu einer Zeit verringert wird, in der das Spektakel ideologischer Spielarten, das die Konsumgesellschaft in Szene gesetzt hat, in der Lage scheint, wirksam alle feudalen Mythen zu ersetzen, die die junge Bourgeoisie zerstört hat? (Viele Leute haben wirklich für einen Kühlschrank, einen Wagen, einen Fernseher gearbeitet, und viele tun es auch heute noch, dazu "eingeladen", die Passivität und die leere Zeit zu konsumieren, die ihnen die "Notwendigkeit" zu produzieren "bietet".)

Eine 1938 veröffentlichte Statistik besagt, daß die notwendige Arbeitszeit bei Anwendung moderner Produktionsmethoden auf drei Stunden pro Tag verringert werden könnte. Mit unserem siebenstündigen Arbeitstag sind wir nicht nur weit von dieser Zahl entfernt, die Bourgeoisie (und ihre sowjetisierte Version) verfolgt außerdem auch weiterhin die Zerstörung des Menschen außerhalb der Arbeitszeit, nachdem sie Generationen von Arbeitern dadurch verschlissen hat, daß sie ihnen den Wohlstand versprach, den sie ihnen heute auf Abzahlungskredit verkauft. Morgen wird sie den Menschen für fünf Stunden täglichen Verschleißes mit einer Freizeit von Kreativität ködern, die sie so weit ausdehnen wird, wie es ihr gelingt, sie mit der Unmöglichkeit auszufüllen, schöpferisch zu handeln. (Das ungeheure Problem der Freizeitbeschäftigung.)

Mit Recht schrieb man: "China sieht sich gewaltigen wirtschaftlichen Problemen gegenüber; die Produktivität ist für sie eine Überlebensfrage." Niemand denkt daran, das zu leugnen. Was mir jedoch schwerwiegend erscheint, das sind nicht die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, es ist die Art und Weise, wie man ihnen begegnet. Die rote Armee von 1917 bildete einen neuartigen Organisationstyp. Die rote Armee von 1960 ist eine Armee, wie man sie auch in kapitalistischen Ländern findet. Die Umstände haben bewiesen, daß sie den revolutionären Milizen weit unterlegen blieb. In gleicher Weise verdammt sich die chinesische Planwirtschaft durch ihre Ablehnung autonomer Arbeitsorganisation der föderierten Gruppen dazu, ein weiteres Beispiel des perfektionierten Kapitalismus zu werden, der sich Sozialismus nennt. Hat man sich je die Mühe gemacht, die Arbeitsformen primitiver Völker zu studieren, die Wichtigkeit des Spiels und der Kreativität, den unglaublichen Ertrag, den Methoden erzielen, die eine Unterstützung durch moderne Techniken noch hundertfach wirksamer machen würde. Anscheinend nicht. Jeder Aufruf zur Produktivität kommt von oben. Doch nur die Kreativität ist auf spontane Weise reich. Von der Produktivität kann man sicher kein reiches Leben erwarten, von der Produktivität läßt sich keine kollektive und begeisterte Antwort auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse erhoffen. Doch was soll man noch sagen, wenn man weiß, mit welchem Kult die Arbeit auf Kuba wie in China geehrt wird und wie leicht die tugendhaften Seiten eines Guizot künftig in eine Ansprache zum 1. Mai gehören können?

In dem Maße, wie Automation und Kybernetik einen massiven Ersatz von Arbeitern durch mechanische Sklaven vorhersehen läßt, enthüllt die erzwungene Arbeit ihre Zugehörigkeit zu den barbarischen Methoden zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Auf diese Weise fabriziert die Macht die für die passive Anpassung an ihre Fernseh-Diktate erforderliche Dosis Erschöpfung. Für welchen Köder jetzt noch arbeiten? Der Schwindel verliert seine Kraft; es gibt nichts mehr zu verlieren, nicht einmal eine Illusion. Die Organisation der Arbeit und die Organisation der Freizeit schließen die Kastrationsschere, die die Rasse unterwürfiger Hunde verbessern soll. Werden wir eines Tages Streikende erleben, die die Automation und die 10-Stunden-Woche fordern und zur Durchsetzung der Arbeitseinstellung in den Fabriken, Büros und Kulturzentren lieben werden? Nur die Planer, Manager, Gewerkschaftsführer und Soziologen würden sich darüber wundern und beunruhigt sein. Nicht ohne Grund. Schließlich geht es dabei um ihren Kopf.

VI. Druckausgleich und dritte Kraft

Bis zur Gegenwart haben die Tyranneien nur die Tyrannen gewechselt. Im gemeinsamen Respekt der Führerfunktion haben die widerstreitenden Kräfte stets den Keim für ihre spätere Koexistenz gelegt. (Wenn der Spielleiter die Macht eines Chefs übernimmt, stirbt die Revolution mit den Revolutionären.) Die unaufgelösten Cegensätze sterben ab und verbergen dadurch die wahren Widersprüche. Der Druckausgleich ist die permanente Kontrolle der gegensätzlichen Kräfte durch die herrschende Klasse. Die dritte Kraft radikalisiert die Widersprüche und fuhrt im Namen der individuellen Freiheit und gegen alle Zwänge zu ihrer Aufhebung. Die Macht hat lediglich die Möglichkeit, die dritte Kraft zu zerschlagen oder sie einzufangen, ohne ihre Existenz anzuerkennen.

Stellen wir fest, wo wir uns befinden. Einige Millionen Menschen lebten in einem riesigen Gebäude ohne Fenster und Türen. Unzählige Öllampen kämpften mit ihrem mageren Licht gegen die dauernde Finsternis. Sie mußten, wie es seit eh und je üblich war, von den Armen unterhalten werden, und daher spiegelte ihr Schein getreulich das Auf und Ab zwischen aufflackernden Revolten und windstiller Ruhe wider. Eines Tages brach ein allgemeiner Aufstand los, der heftigste, den dieses Volk jemals erlebt hatte. Die Anführer verlangten eine gerechte Verteilung der Beleuchtungskosten; eine große Zahl von Revolutionären verlangte den Gratistarif, da es sich um eine gemeinnützige Einrichtung handele; einige Extremisten gingen sogar so weit, die Zerstörung des Wohnortes zu verlangen, der nach ihrer Behauptung gesundheitsschädlich und für ein gemeinsames Leben ungeeignet war. Wie gewöhnlich sahen sich die Vernünftigsten der Brutalität der Kämpfe hilflos gegenüber. Im Verlauf besonders heftiger Kampfhandlungen mit den Kräften der Ordnung sprengte eine vorbeigezielte Kanonenkugel eine Öffnung in die äußere Umfassungsmauer, durch die Tageslicht eindrang. Nach einem ersten Augenblick der Fassungslosigkeit wurde das hereinflutende Licht als Sieg gefeiert. Dort lag die Lösung: Jetzt genügte es, weitere Öffnungen herauszusprengen. Die Lampen wanderten auf den Müll oder in die Museen, die Macht fiel denen zu, die die Fenster aufbrachen. Man vergaß die Anhänger einer radikalen Zerstörung und selbst ihre unauffällige Liquidierung schien fast unbemerkt zu bleiben. (Man stritt sich über Anzahl und Lage der Fenster.) Ein oder zwei Jahrhunderte später entsann man sich wieder ihrer Namen, als das Volk, dieser ewig Unzufriedene, daran gewöhnt, weite verglaste Fensterfluchten vor sich zu sehen, begann, sich extravagante Fragen zu stellen. "Seine Tage in einem klimatisierten Gewächshaus dahinschleichen zu sehen - heißt das "leben"? fragte es sich.

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Das heutige Bewußtsein ist einmal das Bewußtsein eines lebendig Eingemauerten, ein andermal das Bewußtsein eines Gefangenen. Der schillernde Wechsel bedeutet für ihn Freiheit; wie ein Verurteilter wandert er zwischen der weißen Wand seiner Zelle und dem vergitterten Fenster, das die Flucht verhindert, hin und her. Wenn jemand eine Öffnung in den Keller der Isolierung bricht, dringt Hoffnung mit dem hereinflutenden Licht ein. Von der Hoffnung auf Flucht, die die Gefängnisse aufrechterhalten, hängt die Gefügigkeit des Gefangenen ab. Ein Mann hinter einer Mauer ohne Ausblick hingegen, kennt nur noch die Wut, sie niederzureißen oder sich an ihr den Kopf einzurennen, was aus dem Blickwinkel einer guten, sozialen Organisation nur bedauerlich wäre (selbst wenn der Selbstmörder nicht den glücklichen Einfall hat, im Stil der orientalischen Prinzen nach Abschlachtung all seiner Sklaven aus dem Leben zu scheiden: Richter, Bischöfe, Generäle, Polizisten, Psychiater, Philosophen, Manager, Spezialisten und Kybernetiker).

Der lebendig Eingemauerte hat alles zu gewinnen, der Gefangene kann nur noch die Hoffnung verlieren. Die Hoffnung ist das Gängelband der Unterwerfung. Von dem Moment an, wo die Macht auseinanderzubrechen droht, betätigt sie das Sicherheitsventil, sie verringert den Druck im Inneren. Es heißt, sie ändert sich; in Wahrheit paßt sie sich nur an und beseitigt ihre Schwierigkeiten.

Es gibt keine Autorität, die nicht eine ähnliche Autorität unter umgekehrtem Vorzeichen gegen sich gerichtet sieht. Nun gibt es für das Prinzip hierarchisierter Regierung nichts Gefährlicheres als die gnadenlose Auseinandersetzung zwischen zwei entgegengesetzten Gruppen, die von der Wut totaler Vernichtung erfüllt sind. In einem derartigen Konflikt reißt die Flut des Fanatismus die beständigsten Werte mit sich, das Niemandsland breitet sich überall aus und schafft ein Interregnum, in dem "nichts wahr und alles erlaubt ist". Allerdings bietet die Geschichte kein einziges Beispiel eines titanenhaften Kampfes, der nicht geschickt entschärft und in einen Operettenkonflikt verwandelt wurde. Woher kommt der Druckausgleich? Von dem stillschweigenden prinzipiellen Einverständnis der vorhandenen Kräfte.

Das hierarchische Prinzip ist in der Tat von den Tollwütigen beider Lager anerkannt. Niemals greift man einander ungestraft oder unschuldig an. Gegen den Kapitalismus der Lloyd Georges und der Krupps erhebt sich der Anti-Kapitalismus eines Lenin und eines Trotzki. Aus dem Spiegel der Herren von heute lächeln bereits die Herren von morgen. Wie Heinrich Heine schreibt:

Lächelnd scheidet der Tyrann
Denn er weiß nach seinem Tode
Wechselt Willkür nur die Hände
Und die Knechtschaft kennt kein Ende.

Die Chefs unterscheiden sich nach den Methoden, mit denen sie herrschen, aber sie bleiben stets Chefs; Inhaber einer Macht, die sie als privates Recht ausüben. (Die Größe Lenins lag unbestritten in seiner romantischen Weigerung, die absolute Führungsfunktion zu übernehmen, die seine stark hierarchisierte bolschewistische Organisation erforderlich machte; dieser Größe verdankt die Arbeiterbewegung übrigens auch Kronstadt 1921, Budapest 1956 und "Väterchen" Stalin.)

Der gemeinsame Standpunkt wurde seitdem Ansatzpunkt des Druckausgleichs. Den Gegner mit dem Bösen zu identifizieren und sich selbst mit dem Heiligenschein des Guten zu umgeben, hat sicherlich den strategischen Vorzug, die Energie der Kämpfenden zu polarisieren und so eine Aktionseinheit sicherzustellen. Doch verlangt diese Kampfführung zugleich auch eine Vernichtung des Gegners. Eine derartige Perspektive läßt die Gemäßigten zögern. Dies um so mehr, als die radikale Vernichtung des Gegners die Vernichtung dieses gemeinsamen Teils der entgegengesetzten Gruppen auch im eigenen Lager notwendig macht. Die bolschewistische Logik hätte die Köpfe der sozialdemokratischen Chefs fordern müssen. Denn diese Chefs beeilten sich, in ihrer Eigenschaft als Chefs Verrat zu üben. Die anarchistische Logik hätte zur Liquidation der bolschewistischen Macht führen müssen. Denn diese beeilte sich, in ihrer Eigenschaft als hierarchisierte Macht die Anarchisten zu vernichten. Die gleiche Kette vorhersehbaren Verrats brachte die Anarchisten Durrutis vor die Gewehrläufe der republikanischen, sozialistischen und stalinistischen Union.

Von dem Moment an, wo sich Spielleiter in Führer verwandeln, rettet das hierarchische Prinzip seine Haut, übernimmt die Revolution das Präsidium über das Massaker der Revolutionäre. Es gilt, ohne Unterlaß darauf hinzuweisen: Das Projekt des Aufstandes gehört den Massen, der Spielleiter unterstützt es, der Chef verrät es. Die echte Auseinandersetzung spielt sich am Anfang zwischen Spielleiter und Chef ab.

Der spezialisierte Revolutionär bemißt das Kräfteverhältnis nach dem Mengenverhältnis, so wie sich der militärische Grad nach der zahlenmäßigen Stärke der befehligten Einheit bemißt. Die Chefs der aufständischen oder angeblich aufständischen Parteien geben das Qualitative zugunsten eines quantitativen Überblicks auf. Mit zusätzlichen 500 000 Mann und moderner Bewaffnung hätten die "Roten" die spanische Revolution dennoch verloren. Sie wäre unter den Stiefeln der Volkskommissare gestorben. Die Reden der Pasionaria klangen bereits wie Beerdigungsansprachen; das pathetische Geschreie erstickte die Sprache der Tatsachen, den Geist der Gemeinden von Aragon, den Geist einer radikalen Minderheit, die entschlossen war, alle Köpfe der Hydra auf einmal abzuschlagen, nicht nur den faschistischen.

Niemals, und das mit Grund, ist eine absolute Auseinandersetzung bis zum Ende ausgetragen worden. Alles ist völlig neu zu beginnen. Die Geschichte hat nur eine einzige Rechtfertigung: uns dabei zu helfen.

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Dem Druckausgleich unterworfen, altern die anfangs unüberbrückbaren Gegensätze Seite an Seite, erstarren in einer formellen Opposition, verlieren ihre Substanz, neutralisieren sich, überziehen sich gegenseitig mit Schimmel. Wer würde den Bolschewik mit dem Messer zwischen den Zähnen in dem Gagarinismus des verblödeten und vergreisten Moskau wiedererkennen? Dank der Gnade des ökumenischen Wunders zementiert das "Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" die Union aller Führer. Ein rührendes Bild. Hier finden wir den gemeinsamen Teil der Gegensätze wieder, die Saat der Macht, die ein radikaler Kampf im Keim zerstört hätte, der nun von neuem die feindlichen Brüder versöhnt.

Liegen die Dinge so einfach? Nein. Die Farce würde zu schwach wirken. Auf der internationalen Szene bieten der vergreiste Kapitalismus und der vergreiste Anti-Kapitalismus die große Schau ihres geistigen Süßholzraspelns. Den Zuschauern soll bei dem Gedanken an Uneinigkeit frösteln, sie sollen vor Freude jauchzen, wenn der Friede die umschlungenen Völker segnet! Verliert das Interesse an Kraft? Die Berliner Mauer wird um einen weiteren Stein erhöht; blutrünstig fletscht Mao seine Papierzähne, während ein Chor junger Chinesen Vaterland, Familie und Arbeit feiert. Zusammengeflickt geht der alte Manichäismus weiter seinen Weg. Das ideologische Spektakel schafft die Mode entwaffneter Gegensätze, um sich zu erneuern: Sind Sie für oder gegen Brigitte Bardot, die Beatles, den 2 CV, die Hippies, die Verstaatlichung, die Spaghetti, die Alten, die UNO, die Mini-Röcke, die Pop Art, den thermo-nuklearen Krieg, die Anhalter? Niemand wird nicht irgendwann einmal im Verlauf eines Tages von einem Plakat, einer Information, einem Stereotyp angesprochen, aufgefordert, sich zu vorgefertigten Details zu äußern, die mit Sorgfalt immer wieder alle Quellen der Kreativität im Alltag verschütten. In den Händen der Macht - dieser glasierte Fetisch - formen diese gegensätzlichen Teilchen einen magnetischen Ring, um den Kompaß der Individuen durcheinanderzubringen, jeden von sich selbst fortzuziehen und die Kraftströme umzuleiten.

Der Druckausgleich ist nichts anderes als die Manipulation der Gegensätze durch die Macht. Der Konflikt zwischen zwei Kräften wird erst durch die Intervention einer dritten bedeutend. Wenn es nur zwei Pole gibt, heben sich beide auf, denn jeder Pol entlehnt seine Bewertung der des anderen. Wo es nicht mehr möglich ist, ein Urteil zu fällen, betreten wir das Reich der Toleranz und der Relativität, das der Bourgeoisie so viel bedeutet. So versteht sich das Interesse der apostolischen und romanischen Hierarchie an dem Streit zwischen Manichäismus und Dreieinigkeit! Was wäre bei einer gnadenlosen Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Satan an kirchlicher Autorität übriggeblieben? Die Krisen um das Tausendjährige Reich haben es bewiesen. Deshalb übt die weltliche Macht ihr heiliges Amt aus, deshalb brennen die Scheiterhaufen für die Mystiker Gottes oder des Teufels, für die verwegenen Theologen, die das Prinzip der Dreieinigkeit in Frage stellen. Nur die irdischen Herren des Christentums dünken sich fähig, die Auseinandersetzung zu schlichten, indem sie den Herrn des Guten dem Herrn des Bösen gegenüberstellen. Sie sind die großen Verbindungsmänner, über die obligatorisch der Weg zum Guten oder zum Bösen führt, sie kontrollieren die Wege des Heils wie die der Verdammnis, was für sie wichtiger ist als das Heil oder die Verdammnis selbst. Auf der Erde machten sie sich zu Richtern, gegen deren Spruch keine Berufung eingelegt werden konnte, denn sie wollten erst im Jenseits nach Gesetzen gerichtet werden, die sie selbst erfunden hatten.

Der christliche Mythos entschärfte den manichäischen Konflikt und bot den Gläubigen die Möglichkeit individuellen Heils. Das war die Bresche, die der Bastard von Nazareth schlug. So entging der Mensch einer Auseinandersetzung, die notwendig zur Zerstörung der Werte, zum Nihilismus geführt hätte. Doch er verpaßte dadurch auch die Chance, sich selbst mit Hilfe eines allgemeinen Umsturzes zu erobern, die Götter und ihre Geißeln zu verjagen und seinen Platz im Universum einzunehmen. So scheint die Bewegung des Druckausgleichs die wesentliche Funktion zu haben, den unangreifbaren Kern des menschlichen Willens, den Willen, ungeteilt er selbst zu sein, in Fesseln zu legen.

In allen Konflikten entgegengesetzter Kräfte kommt irgendwo ein ununterdrückbarer Teil individueller Forderungen ins Spiel, der häufig drohend seine Ansprüche geltend macht. So nachdrücklich, daß ein Punkt erreicht wird, an dem man allen Grund zur Annahme einer dritten Kraft hat. Die dritte Kraft ist in der individuellen Perspektive das, was der Druckausgleich in der Perspektive der Macht ist. Sie ist spontane Hilfskraft aller Kämpfe und radikalisiert als solche die Erhebungen, brandmarkt die falschen Probleme, bedroht die Herrschaft selbst in ihrer Struktur. Ihre Wurzel liegt überall im Alltagsleben. Auf sie spielt Brecht in einer Geschichte von Keuner an: "Ein Arbeiter wurde vor Gericht gefragt, ob er die weltliche oder die kirchliche Form des Eides benutzen wolle. Er antwortete: ,Ich bin arbeitslos.' "Mit der dritten Kraft beginnt nicht das Absterben, sondern die Aufhebung der Widersprüche. Wird sie zu früh gebrochen oder eingefangen, so wird sie kraft einer umgekehrten Bewegung zur Kraft des Druckausgleichs. So ist auch das Seelenheil nichts anderes als der Wille zu leben, der vom Mythos integriert, vermittelt und von seinem wirklichen Inhalt geleert wurde. Auf der anderen Seite erklärt die unumstößliche Forderung nach einem reichen Leben den Haß, der einige gnostische Sekten und die "Brüder des Freien Geistes" traf. Zum Zeitpunkt des Verfalls des Christentums stand in der Schlacht zwischen Pascal und den Jesuiten die reformistische Doktrin des Heils und der Aussöhnung mit dem Himmel der Notwendigkeit gegenüber, Gott in dem nihilistischen Umsturz der Welt zu verwirklichen. Diese Notwendigkeit der Verwirklichung füllte schließlich - von ihrer theologischen Schlacke befreit - das marxistische Projekt vom totalen Menschen, die Träumereien von Fourier, die Entfesselung der Kommune und die anarchistische Gewalttätigkeit mit neuem Leben.

Individualismus, Alkoholismus, Kollektivismus, Aktivismus ? der Abwechslungsreichtum der Ideologien beweist es: es gibt Hunderte von Arten, auf der Seite der Macht zu stehen. Es gibt nur eine Art, radikal zu sein. Die Mauer, die es einzureißen gilt, ist gewaltig, doch so viele Risse haben sie bereits gespalten, daß bald ein einziger Schrei genügen wird, um sie einstürzen zu sehen. Möge bald aus dem Nebel der Geschichte die herrliche Wirklichkeit der Dritten Kraft mit allem treten, was es an individuellen Leidenschaften jemals im Verlauf der Erhebungen gegeben hat! Wir werden herausfinden, daß das Alltagsleben eine Energie einschließt, die Berge versetzen und Entfernungen aufheben kann. Die lange Revolution bereitet sich darauf vor, die Geste in die Tat zu übertragen, die ihre unbekannten oder namenlosen Autoren mit Sade, Fourier, Babeuf, Marx, Lacenaire, Stirner, Lautréamont, Léhautier, Vaillant, Henry, Villa, Zapata, Machno, mit den Föderierten, mit denen aus Hamburg, Kiel, Kronstadt und Asturien verbindet und all die, die noch immer ihr Spiel spielen, mit uns verbindet, die wir gerade erst das große Spiel mit der Freiheit beginnen.

Die unmögliche Kommunikation
oder
Die Macht als universelle Vermittlung

Im Ordnungssystem der Macht ist die Vermittlung verfälschte Notwendigkeit; in ihr lernt sich der Mensch auf rationelle Weise zu verlieren. Heute wird die Entfremdungskraft der Vermittlungen durch die Diktatur des Konsumierbaren (VII.), den Vorrang des Tausches über die Gabe (VIII.), die Kybernetisierung (IX.) und die Herrschaft des Quantitativen (X.) verstärkt und zugleich in Frage gestellt.

VII. Das Zeitalter des Glücks

Der moderne Wohlstandsstaat entspricht unzeitgemäß den Überlebensgarantien, die die Enterbten der alten Produktionsgesellschaft forderten (1). - Der Reichtum des Überlebens beinhaltet die Verarmung des Lebens (2). - Die Kaufkraft ist die Genehmigung, Macht zu kaufen, Objekt innerhalb der Ordnung der Dinge zu werden. Unterdrückte und Unterdrücker fallen immer mehr unter die gleiche Diktatur des Konsums, nur mit unterschiedlicher Geschwindigkeit (3).

1 Das Gesicht des Glücks schimmert nicht mehr als Filigran durch die Werke der Kunst und der Literatur hindurch, seit es sich als Blickfang entlang der Mauern und Bauzäune vervielfacht hat und jedem einzelnen Passanten das universelle Bild bietet, in dem er sich wiedererkennen soll.

Ein Volkswagen löst alle Probleme!

Ajax zaubert ihre Sorgen fort!

Dieser Mann beweist Geschmack und Vernunft: er wählt Mercedes.

Das Glück ist kein Mythos, freut Euch Adam Smith und Bentham Jeremias: "Je mehr wir produzieren, desto besser leben wir", schrieb der Humanist Fourastie, und wie ein Echo antwortete einanderesGenie, der General Eisenhower: "Um die Wirtschaft zu retten, muß gekauft werden, egal was." Produktion und Konsum sind die Brüste der modernen Gesellschaft. So gestillt, vermehrt sich die Kraft, blüht die Schönheit der Menschheit: Erhöhung des Lebensstandards, unzählige Erleichterungen, abwechslungsreiche Zerstreuungen, Kultur für jedermann, bequemes Träumen. Am Horizont des Chruschtschow-Rapports bricht endlich der strahlende kommunistische Morgen an, der seine Herrschaft mit zwei revolutionären Verordnungen ankündigt: Abschaffung der Steuern und kostenloser öffentlicher Transport. Das goldene Zeitalter ist in der Tat in Sicht, ist zum Greifen nahegerückt.

Diese Umwälzung meldet einen wichtigen Vermißten: das Proletariat. Ist es vom Erdboden verschwunden? Organisiert es seinen Widerstand im Untergrund? Oder ist es in ein Museum verbannt? "Sociologi disputant." Manche versichern, daß es den Proletarier in den hochindustrialisierten Ländern nicht mehr gibt Andere entrüsten sich dagegen über diesen Taschenspielertrick und weisen mit erhobenem Finger auf ein Arbeitermilieu hin, dessen niedrige Löhne und miserable Bedingungen unweigerlich an das 19. Jahrhundert erinnern. "Randgruppe, die ihren Rückstand bald aufgeholt haben wird", erwidern die ersteren, "kann man denn abstreiten, daß Schweden, die Tschechoslowakei, der Wohlstandsstaat für die ökonomische Evolution richtungsweisend sind und nicht etwa Indien?"

Der schwarze Vorhang hebt sich: die Jagd auf die Verhungerten und den letzten Proletarier ist eröffnet. Wer wird ihm seinen Wagen, seinen Mixer, seine Bar und seine Bibliothek erfolgreich verkaufen. Wer wird ihn erfolgreich mit der lächelnden Gestalt auf dem beruhigenden Plakat identifizieren: "Glücklich Wer Lucky Strike Raucht."

Glückliche, wahrhaft glückliche Menschheit, die in naher Zukunft die Pakete in Empfang nehmen wird, deren Lieferung die Aufständischen des 19. Jahrhunderts errungen und mit dem Preis der Kämpfe bezahlt haben, die wir kennen. Nachträglich gesehen haben diejenigen, die die Revolte in Lyon und Fourmiers anzettelten, wirklich Glück gehabt. Die Millionen von Menschen, die erschossen, gefoltert und gefangengehalten wurden, die verhungerten, abgestumpft und gekonnt lächerlich gemacht wurden, haben im Frieden der Leichenhäuser und Massengräber wenigstens die historische Gewißheit, dafur gestorben zu sein, daß ihre Nachkommen isoliert in ihren air-conditioned Appartements im Glauben an die täglichen Fernsehsendungen gelehrig wiederholen, daß sie glücklich und frei sind. "Die Kommunarden haben sich bis zum Ictzten Mann erschießen lassen, damit auch Du Dir ein Philips Stereo-Gerät High-Fidelity kaufen kannst." Eine schöne Zukunft, die ohne Zweifel in der Vergangenheit viel Freude bereitet hätte.

Nur die Gegenwart kommt dabei nicht auf ihre Kosten. Die undankbare und ungebildete junge Generation will von dieser ruhmreichen Vergangenheit, die jedem Verbraucher trotzkistisch-reformistischer Ideologien als Prämie verheißen wird, nichts wissen. Sic behauptet, daß Forderungen Ansprüche an die Gegenwart bedeuten. Sie erinnert daran, daß der Grund fur die Kämpfe in der Vergangenheit in der Gegenwart der Kämpfer verankert lag und daß diese Gegenwart trotz unterschiedlicher historischer Bedingungen auch die ihrige ist. Kurz: will man ihr Glauben schenken, so gibt es ein gleichbleibendes Projekt, das die revolutionären Strömungen erfullt: das Projekt des totalen Menschen, der Wille, total zu leben, für den Marx als erster eine Taktik seiner wissenschaftlichen Verwirklichung entworfen hat. Doch da handelt es sich um entsetzliche Theorien, deren Kraft die christlichen und stalinistischen Kirchen unermüdlich ausgesogen haben. Höhere Löhne, mehr Kühlschränke, heilige Sakramente und Volkstheater - damit müßte man heute den revolutionären Heißhunger stillen können.

Sind wir zum Wohlstand verdammt? Die gemäßigten Gemüter werden sicher nicht aufhören, die Form zu beklagen, in der ein Programm kritisiert wird, das von Chruschtschow bis zum Doktor Schweitzer, vom Papst bis zu Fidel Castro, von Aragon bis zum seligen Kennedy Einstimmigkeit erzielt hat.

Im Dezember 1956 toben tausend Jugendliche durch die Straßen Stockholms, zünden Autos an, zerschmettern die Leuchtzeichen, reißen Reklameschilder ab und verwüsten die Kau fhäuser. In Merlebach nehmen sich die Arbeiter anläßlich eines Streiks, der den Arbeitgeber zwingen sollte, die Körper von sieben verschütteten Bergleuten ausgraben zu lassen, die parkenden Fahrzeuge vor. Im Januar 1961 verwandeln die Streikenden von Liege den Bahnhof Guillemins in ein Schlachtfeld und zerstören die Räume der Zeitung "La Meuse". In einer konzertierten Operation verwüsten einige hundert Rocker die Seebäder an der belgischen und englischen Küste im März 1964. 1966 besetzen Arbeiter für mehrere Tage die Straßen von Amsterdam. Fast kein Monat vergeht, in dem nicht Arbeiter in wilden Streiks den Arbeitgebern und Gewerkschaftsfunktionären gegenüb erstehen. Wohlstandsstaat. Das Viertel von Watts hat geantwortet. Ein Arbeiter von Esperance-Longdoz faßt seine Kritik an Leuten wie Fourastie, Berger, Armand, Moles und anderen Wachhunden der Zukunft wie folgt zusammen: "Seit 1936 habe ich für Lohnforderungen gekämpft. Ich besitze einen Fernseher, einen Kühlschrank, einen Volkswagen. Insgesamt gesehen ist mein Leben immer beschissen gewesen."

In ihren Worten und Gesten verträgt sich die neue Poesie schlecht mit dem Wohlstandsstaat. Die schönsten Radiomodelle für jedermann (1). Auch Sie werden in die große Familie der VW-Fahrer aufgenommen (2).

Carven bietet Ihnen Qualität. Wählen Sie frei unter ihren Produkten (3).

2 Im Reich des Konsums ist der Bürger König. Ein demokratisches Königtum: Gleichheit vor dem Konsum (1), Brüderlichkeit im Konsum (2), Freiheit durch Konsum (3). Die Diktatur des Konsumierbaren hat die Barrieren von Blut, Herkunft und Rasse völlig zum Verschwinden gebracht. Man müßte sich darüber vorbehaltlos freuen, hätte sie nicht mit der Logik der Dinge jede qualitative Unterscheidung verboten, um zwischen den Werten und den Menschen nur noch quantitative Unterschiede gelten zu lassen.

Zwischen denen, die viel besitzen, und denjenigen, die zwar wenig, aber jeden Tag etwas mehr besitzen, hat sich die Entfernung nicht verändert, doch die Zwischenstufen haben sich vervielfacht und in gewisser Weise die Extreme, die Herrschenden und die Beherrschten, dem gleichen Zentrum der Mittelmäßigkeit angenähert. Rcich sein bedeutet heute, eine große Zahl armseliger Gegenstände besitzen.

Die Konsumgüter verlieren tendenziell jeden Gebrauchswert. Ihrem Wesen entspricht es, um jeden Preis konsumiert zu werden. (13ekannt ist die jüngste Masche in den USA, die "nothing box", ein Gegenstand, der keinerlei Verwendungsmöglichkeit besitzt.) I)ie moderne Wirtschaft kann sich nur am Leben erhalten, wenn sie, wie es der General Dwight Eisenhower aufrichtig erklärte, den Menschen in einen Verbraucher verwandelt, ihn mit der größtmöglichen Quantität konsumierter Werte identifiziert, die in Wahrheit ihr Gegenteil sind, fiktive, leere, abstrakte, wertlose Werte. Nachdem der Mensch nach der glücklichen Formulierung Stalins zu "dem wertvollsten Kapital" geworden war, muß er künftig zum begehrtesten Konsumgut werden. Das Bild, das Stereotyp des Stars, des Armen, des Kommunisten, des Mörders aus Eifersucht, des ehrbaren Bürgers, des Revoltierenden, des Bourgeois, wird an die Stelle des Menschen nach unwiderlegbarer Roboterlogik ein systematisches Lochkartenverfahren setzen. Der Begriff des "Teenagers" führt bereits auf den Weg dazu, den Käufer dem gekauften Produkt anzugleichen, seine Vielfalt auf eine begrenzte Produktvielfalt zu reduzieren (Schallplatte, Gitarre, Blue jeans ?). Für das Alter kommt es nicht mehr- darauf an, wie einem das Herz schlägt oder wie man sich in seiner Haut fühlt, sondern auf das, was man kauft. Die Zeit des Produzierens, von der man sagt, daß sie Geld sei, wird sich in Zukunft nach dem Rhythmus der Aufeinanderfolge von gekauften, verbrauchten und weggeworfenen Produkten bemessen und somit Zeit des Verbrauchens und Aufbrauchens werden, Zeit des frühen Alterns, die die ewige Jugend der Bäume und der Steine bedeutet.

Das Konzept der Verelendung beweist sich heute nicht, wie Marx dachte, im Rahmen der Güter, die zum Überleben notwendig sind, denn diese haben sich nicht vermindert, sondern im Gegenteil unaufhörlich vermehrt, sondern im Überleben selbst, im Widerstreit des Überlebens zum wahren Leben. Der Komfort, von dem man ein reicheres Leben erhofft hatte, wie es bereits einmal von der feudalen Aristokratie gelebt wurde, ist nur das Kind der kapitalistischen Produktivität, dessen Schicksal ein vorzeitiges Altern sein wird, sobald es das Distributionssystem in ein einfaches Objekt passiven Konsums verwandelt hat. Arbeiten, um zu überleben, überleben durch Konsumieren und um zu konsumieren: der Teufelskreis hat sich geschlossen. Unter der Herrschaft des Ökonomismus ist das Überleben einerseits erforderlich, andererseits aber auch ausreichend. Das ist die bedeutendste Wahrheit, auf die sich das bourgeoise Zeitalter gründet. Es ist allerdings wahr, daß ein geschichtlicher Abschnitt, der auf einer derartig unmenschlichen Wahrheit aufbaut, nur ein Übergangsabschnitt sein kann, ein Übergang von dem im Dunkel verborgenen Leben der Feudalherren zu einem aus Vernunft und Leidenschaft konstruierten Leben von Herren ohne Sklaven. Es bleiben dreißig Jahre, um zu verhindern, daß das Übergangszeitalter der Sklaven ohne Herren zwei Jahrhunderte dauern wird.

3 Mit Blick auf das Alltagsleben nimmt die bürgerliche Revolution alle Zeichen der Konterrevolution an. Auf dem Markt fur menschliche Werte hat man selten so stark eine derartige Abwertung in der Konzeption der menschlichen Existenz empfunden. Das Versprechen einer Herrschaft von Freiheit und Wohlstand, das eine Herausforderung an das Universum war, machte die Mittelmäßigkeit eines Lebens noch spürbarer, das die Aristokratie einst mit Leidenschaften und Abenteuern zu bereichern verstand und das, als es schließlich jedermann offenstand, nur noch ein in Zimmer für Dienstpersonal parzellierter Palast war.

Die Menschen kannten seitdem im Leben weniger Haß als Verachtung, weniger Liebe als Zuneigung, weniger Lächerliches als Dummheit, weniger Leidenschaften als Gefühle, weniger Wünsche als Neid, weniger Vernunft als Berechnung, weniger Lebensart als das Bemühen, zu überleben. Die verachtenswerte Moral des Profits trat an die Stelle der hassenswerten Moral der Ehre; an die Stelle der lächerlichen, mysteriösen Herrschaft durch Abstammung trat die ubueske Herrschaft des Geldes. Die Erben der Nacht des 4. August haben das Bankkonto und den Umsatz auf das Ehrenpodest eines Wappenzeichens gehoben und ihr Mysterium verbucht.

Worin besteht das Mysterium des Geldes? Offensichtlich darin, daß es eine Anzahl von aneignungsfähigen Lebewesen und Dingen repräsentiert. Das adlige Wappenzeichen drückt die göttliche Bestimmung sowie die reale Macht des Auserwählten aus; das Geld ist lediglich Zeichen für das, was man mit ihm erwerben kann, ein auf die Macht gezogener Wechsel, eine Wahlmöglichkeit. Der Gott der Feudalherren, offenbare Basis der gesellschaftlichen Ordnung, ist in Wahrheit ihr Vorwand und luxuriöse Krönung.

Das Geld, dieser Gott der Bourgeoisie, der nicht stinkt, ist ebenfalls Vermittler: ein Gesellschaftsvertrag. Es ist ein Gott, der nicht mehr durch Gebete und Schwüre, sondern durch Wissenschaft und spezialisierte Techniken gefügig gemacht wird. Sein Mysterium liegt nicht mehr in einer dunklen, undurchdring lichen Totalität verborgen, sondern in einer unendlichen Anzahl partieller Gewißheiten; nicht mehr in einer Qualität der Herrschaft, sondern in der Quantität käuflicher Lebewesen und Dinge (in dem, was z.B. 100 000 DM ihrem Besitzer einbringen).

In der Wirtschaft, die von den Geboten der Produktion des auf freiem Austausch basierenden Kapitalismus beherrscht wird, verleiht allein der Reichtum Macht und Ansehen. Er beherrscht Produktionsmittel und Arbeitskraft und bestimmt durch die gemeinsame Entwicklung von Produktivkräften und Konsumgütern die Stufe vermehrten Reichtums, zu der er auf dem endlosen Weg des Fortschritts fuhren will. Mit der Verwandlung dieses Kapitalismus in sein Gegenteil, die staatliche Planwirtschaft, verschwindet jedoch allmählich das Prestige des Kapitalisten, der das ganze Gewicht seines Vermögens in die Waagschale wirft, und mit ihm die Karikatur des Händlers aus Fleisch und Blut, mit einer Zigarre im Maul und vorstehendem Bauch. Der Manager leitet heute seine Macht vop seinen organisatorischen Fähigkeiten her; doch schon stehen Systeme elektronischer Datenverarbeitung bereit, die ihm zum Hohn Modelle entwerfen, die er niemals erreichen wird. Wird er dann wenig stens mit seinem eigenen Geld das große Leben führen, wird es ihm Spaß machen, in ihm den Reichtum all seiner Wahlmöglichkeiten zu sehen? Wird er ein Xanadou errichten, einen Harem unterhalten, Gespielinnen kultivieren? Doch wie soll der Reichtum seinen repräsentativen Wert behalten, wenn die Gebote des Konsums ihn bedrängen, ihm zusetzen? Unter der Diktatur des Konsumierbaren wird das Geld wie Schnee in der Sonne schmelzen. Seine Bedeutung wird zugunsten von Gegenständen abneh men, die repräsentativer, greifbarer, besser dem Spektakel des Welfare State angepaßt sind. Ist seine Verwendung nicht bereits vom Markt der Konsumgüter kontingentiert, die, ideologisch verpackt, zu den wahren Zeichen der Macht werden? Seine letzte Rechtfertigung liegt fast nur noch in der Quantität von Gebrauchsartikeln und "gadgets", die man kaufen und in beschleunigtem Rhythmus verbrauchen kann; ausschließlich in ihrer Quantität und in ihrer ständigen Erneuerung, denn Massendistribution wie Standardisierung nehmen ihnen automatisch den Reiz der Seltenheit und der Qualität. Die Fähigkeit, viel und schnell zu konsumieren - einen neuen Wagen, mehr Alkohol, ein neues Radio und ein neues Mädchen -, bezeichnet künftig den Grad von Macht, den jemand auf der Stufenleiter der Hierarchie erreichen kann. Auf dem Weg von der Überlegenheit durch Abstammung zur Herrschaft des Geldes und von der Überlegenheit durch Geld zur Herrschaft des "gadget" sind die christliche und die sozialistische Zivilisation bei ihrem letzten Stadium angelangt; einer Zivilisation voll von Prosa und vulgärem Detail. Ein Nest für die kleinen Menschen, von denen Nietzsche sprach.

Die Kaufkraft ist die Genehmigung, Macht zu kaufen. Das alte Proletariat verkaufte seine Arbeitskraft, um sich am Leben zu halten; es verbrachte sein bißchen Freizeit schlecht und recht mit Diskussionen, Streitereien, mit Karten- und Liebesspielen, als Vagabund, bei Festen und Aufständen. Das neue Proletariat verkauft seine Arbeitskraft, um zu konsumieren. Wenn es nicht in der Hierarchie der Zwangsarbeit seine Beförderung sucht, darf es sich Dinge kaufen (Wagen, Krawatte, Kultur), die ihm auf der gesellschaftlichen Stufenleiter einen Platz anweisen. Hier wird die Konsumideologie zum Konsum von Ideologien. Daß ja niemand den Ost-West-Handel in seiner Bedeutung unterschätzt! Auf der einen Seite kauft der "homo consomator" einen Liter Whisky und erhält als Zugabe die damit verbundene Lüge. Auf der anderen Seite kauft der kommunistische Mensch eine Ideologie und erhält als Zugabe einen Liter Wodka. Paradoxerweise gehen sowjetisierte und kapitalistische Systeme den gleichen Weg; die ersteren dank ihrer Produktionswirtschaft, die letzteren durch ihre Konsumwirtschaft.

In der UdSSR bereichert die Mehrarbeit der Arbeiter den Genossen Direktor vom Trust nicht direkt. Sie gibt ihm lediglich mehr Macht in seiner Funktion als Organisator und Bürokrat. Sein Mehrwert ist ein Mehrwert an Macht. (Doch gehorcht auch dieser Mehrwert, der in seiner Art neu ist, dem Gesetz fallender Profitrate. Die Gesetze von Marx, die für das Wirtschaftsleben galten, beweisen heute ihre Gültigkeit in der tXkonomie des Lebens.) Er erhält den Mehrwert an Macht nicht auf der Grundlage von Geld-Kapital, sondern durch ursprüngliche Anhäufung von Vertrauenskapital, das ihm eine gefügige Absorbierung ideologischer Rohstoffe eingebracht hat. Der Wagen und die Datscha, die als zusätzliche Belohnungen für Dienste für das Vaterland, das Proletariat, den Ertrag oder die gerechte Sache gewährt werden, lassen leicht eine soziale Organisation vorhersehen, in der das Geld verschwinden wird, um Ehrenauszeichnungen, Graden und einem Mandarinat des Bizeps und des spezialisierten Denkens Platz zu machen. (Man braucht nur an die Rechte zu denken, die man den Nacheiferern Stachanows, den Helden der Raumfahrt, den Gitarren- und Bilanzkünstlern eingeräumt hat.)

In den kapitalistischen Ländern unterscheidet sich der materielle Profit des Unternehmers aus der Produktion wie aus dem Konsum noch vom ideologischen Profit, den der Unternehmer, diesmal nicht für sich allein, aus der Konsumorganisation zieht. Das hindert noch daran, zwischen dem Manager und dem Arbeiter nur den Unterschied zu sehen, der auch zwischen einem jährlich erneuerten Ford und einem fünfJahre lang liebevoll gepflegten Volkswagen besteht. Erkennen wir jedoch an, daß die Planung, auf die heute alles, wenn auch noch unübersichtlich, hinausläuft, die sozialen Unterschiede nach den Fähigkeiten, zu konsumieren und zum Konsum zu verleiten, zu quantifizieren sucht. Da die Abstufungen zahlreicher und kleiner werden, verringert sich der Abstand zwischen arm und reich, unterscheidet sich schließlich die Menschheit nur noch durch Variationen der Armut. Der Gipfel wäre die kybernetische Gesellschaft von Spezialisten, deren Platz in der Hierarchie sich nach ihrer Fähigkeit richtet, zu konsumieren und den Konsum der notwendigen Dosis an Macht zu manipulieren, damit die gewaltige soziale Maschine läuft, fur die sie zugleich das Programm und die Antwort sind. Eine Gesellschaft von ausbeutenden Ausgebeuteten, die sich nur nach dem Grad ihrer Versklavung unterscheiden.

Bleibt die "dritte Welt". Es bleiben die alten Formen der Unterdrückung. Mir scheint, daß die Leibeigenen der Großgrundbesitzer zusammen mit dem neuen Proletariat eine perfekte explosive Mischung ergeben, aus der die totale Revolution entstehen wird. Wer glaubt ernsthaft daran, daß der Indianer aus den Anden die Waffen beiseite legen wird, nachdem er die Agrarreform und die volleingerichtete Küche erkämpft hat, während die bestbezahlten Arbeiter Europas eine radikale Anderung ihrer Lebensweise verlangen? In Zukunft bestimmt der Wohlstand die Stufe der Mindestforderungen für alle Revolutionen der Welt. Die, die das vergessen, wird der Satz von Saint-Just noch härter treffen: "Diejenigen, die Revolutionen nur halb machen, schaufeln sich nur ihr eigenes Grab."

VIII. Tausch und Gabe

Adel und Proletariat fassen die menschlichen Beziehungen nach dem Modell der Gabe auf, jedoch bedeutet die Gabe für das Proletariat die Aufhebung der adligen Gabe. Die Bourgeoisie, oder Klasse des Tausches, ist der Hebel, der die Umkehrung des adligen Projekts und seine Aufhebung in der langen Revolution erlaubt (1). - Die Geschichte ist die fortwährende Umwandlung der naturbedingten Entfremdung in gesellschaftliche Entfremdung und widersprüchlicherweise die Verstärkung einer Opposition, die zum Ende der Geschichte durch die Auflösung der Entfremdung führen wird. Der geschichtliche Kampf gegen die naturbedingte Entfremdung wandelt die naturbedingte Entfremdung in gesellschaftliche Entfremdung um, jedoch erreicht die geschichtliche Bewegung der Entfremdungsauflösung ihrerseits die gesellschaftliche Entfremdung und zeigt ihre grundsätzliche Magie auf. Diese Magie hängt an der entziehenden Aneignung. Sie drückt sich im Opfer aus Das Opfer ist die archaische Form des Tausches. Die extreme Quantifizierung des Tausches reduziert den Menschen auf ein reines Objekt. Von diesem Nullpunkt aus kann ein neuer Typus menschlicher Beziehungen ohne Opfer und ohne Tausch entstehen (2).

1 Die Bourgeoisie hält auf schwankendem Boden ein wenig ruhmreiches Interregnum zwischen der heiligen Hierarchie der Feudalherren und der anarchistischen Ordnung künftiger klassenloser Gesellschaften aufrecht. Unter ihr wird das Niemandsland des Tausches unbewohnbar; es trennt die alte, krankhafte Lust der Aristokraten, sich selbst zu geben, von der Lust, aus Liebe zu sich selbst zu geben, eine Lust, der sich die neuen Generationen des Proletariats mehr und mehr hingeben.

Das "Ich gebe, damit Du gibst" ist das beliebteste Spiel, dem sich der Kapitalismus und seine gegensätzlichen Fortentwicklungen ergeben haben. Die UdSSR "bietet" ihre Krankenhäuser und Techniker ebenso "an", wie die USA Investitionen und Vermittlerdienste und Fleurop Blumengeschenke "anbieten".

Die Bedeutung der Gabe ist aus der Mentalität, den Gefühlen und Gesten verschwunden. Das läßt an Breton und seine Freunde denken, die jeder hübschen Passantin auf dem Boulevard Poisonniere eine Rose anboten und dadurch sofort Mißtrauen und Feindseligkeit der Leute erregten.

Das Absterben menschlicher Beziehungen durch Tausch und Gegenleistung ist ganz offensichtlich mit dem Bestand der Bourgeoisie verbunden. Wenn man darauf hinweist, daß das Prinzip des Tauschens auch in den Teilen der Welt noch gelte, in denen sich eine klassenlose Gesellschaft entwickelt habe, so beweist das nur, daß der Schatten der Bourgeoisie auch noch am Fuße der roten Fahne herrscht. Zumal die Lust zu geben überall dort, wo eine industrielle Bevölkerung lebt, klar die Grenzen zwischen der Welt der Kalkulation und der Welt der Überschwenglichkeit, des Festes absteckt. Ihre Art zu geben hebt sich klar von dem Prestigegeschenk des Adels ab, der sich rettungslos im Begriff des Opfers verlor. Das Proletariat trägt wirklich das Projekt der menschlichen Fülle, des totalen Lebens in sich. Der Aristokratie ist es lediglich gelungen, dieses Projekt bis zu seinem reichsten Mißerfolg zu führen. Wir wollen aber anerkennen, daß dem Proletariat eine solche Zukunft erst aufgrund ihrer Mittlerstellung offensteht. Beginnt nicht das Proletariat erst dank des technischen Fortschritts und der Produktivkräfte, die der Kapitalismus entwickelt hat, in einem wissenschaftlich erarbeiteten Projekt einer neuen Gesellschaft die Träumereien von der Gleichheit, die Utopien von den grenzenlosen Möglichkeiten, den Willen, ohne tote Zeit zu leben, in die Tat umzusetzen? Alles bestätigt heute die Mission, oder besser noch die historische Chance des Proletariats: ihm steht es zu, den Feudalismus durch seine Aufhebung zu zerstören. Das wird es dadurch tun, daß es die Bourgeoisie mit Füßen tritt, die ja sowieso nur eine Übergangsstufe in der Entwicklung des Menschen bildet, eine Zwischenstufe allerdings, ohne die das Projekt der Aufhebung des Feudalismus nicht begründet werden könnte, eine wesentliche Stufe also, die einmal unverzichtbarer Hebel war, um die einheitliche Macht zu Boden zu werfen, und ohne die die einheitliche Macht niemals hätte umgekehrt und in Richtung auf den totalen Menschen korrigiert werden können. Die einheitliche Herrschaft war ja bereits eine Welt für den totalen Menschen, wie die Erfindung Gottes zeigt, allerdings für einen totalen Menschen, der auf den Händen läuft. Was fehlte, war nur die Umkehrung.

Diesseits ökonomischer Verhältnisse gibt es keine Befreiung; die Herrschaft ökonomischer Verhältnisse schafft lediglich eine fragwürdige Okonomie des Überlebens. Mit dem Stachel dieser beiden Wahrheiten treibt die Bourgeoisie die Menschen zur Aufhebung ökonomischer Verhältnisse und zu einem Jenseits der Geschichte. Ihr Verdienst wird es sein, die Technik in den Dienst einer neuen Poesie gestellt zu haben. Nie wird die Bourgeoisie so groß sein wie in dem Moment, wo sie verschwindet.

2 Der Tausch wie die entziehende Aneignung finden ihren Ursprung im Überleben primitiver Horden; sie bilden das Postulat, auf das sich die Geschichte der Menschen bis heute gestützt hat. Die Reserven aus derJagd haben den ersten Menschen eine größere Sicherheit gegen die feindliche Natur garantiert und so die Grundlage für eine gesellschaftliche Organisation gelegt, die uns seitdem gefangenhält (vgl. Raoul und Laura Makarius: "Totem und Exogamie"). Der primitive Mensch lebt mit der Natur in einer magischen Einheit. Der Mensch trennt sich erst dadurch wirklich von der Natur, daß er sie mit Hilfe der Technik verwandelt und dadurch entweiht. Nun ist Voraussetzung für die Anwendung der Technik das Bestehen einer gesellschaftlichen Organisation. Die Gesellschaft entsteht mit dem Werkzeug. Mehr noch: die Organisation ist die erste zusammenhängende Technik für den Kampf gegen die Natur. Die gesellschaftliche und hierarchisierte (weil auf der entziehenden Aneignung aufbauende) Organisation zerstört allmählich die magischen Beziehungen zwischen Mensch und Natur, nimmt aber selbst einen magischen Charakter an und bindet die Menschen in einer mythischen Einheit an sich, die die Teilnahme der Menschen am Mysterium der Natur imitiert. Den Rahmen der gesellschaftlichen Organisation bildeten die "natürlichen" Beziehungen des vorgeschichtlichen Smenschen. Diesen Rahmen, der sie definiert und gfangenhält, löst sie allmählich auf. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Geschichte lediglich die Umwandlung der naturbedingten Entfremdung in gesellschaftliche Entfremdung. Eine Entfremdungsauflösung wird zur gesellschaftlichen Entfremdung, eine Befreiungsbewegung verlangsamt sich bis zum Stillstand, schließlich greift der Wille zur Emanzipation des Menschen alle paralysierenden Mechanismen, d.h. die auf die entziehende Aneignung aufgebaute gesellschaftliche Organisation an. Das ist die Bewegung der Entfremdungsauflösung, die die Geschichte auflösen und zugleich in neuen Lebensformen verwirklichen wird.

Es ist richtig, daß die Machtübernahme durch dieBourgeoisie den Sieg des Menschen über die Natur ankündigt, gleichzeitig verliert die gesellschaftliche Organisation, deren Existenzberechtigung im Kampf gegen Hunger, Krankheit und Unbequemlichkeit lag, ihre Rechtfertigung und trägt die Bürde der Verantwortung für das Unbehagen in den industriellen Zivilisationen. Die Menschen führen heute ihr Elend nicht mehr auf die Feindseligkeit der Natur zurück, sondern auf die Tyrannei einer gesenschaftlichen Form, die vollkommen unangemessen und vollkommen anachronistisch ist. Die Bourgeoisie hat durch die Zerstörung der magischen Macht der Feudalherren die Magie der hierarchisierten Macht verurteilt. Das Proletariat wird dieses Urteil vollziehen. Das, was die Bourgeoisie im Rahmen der Geschichte begonnen hat, wird sich jetzt gegen ihre enge Konzeption von der Geschichte durchsetzen. Und auch der Kampf wird noch geschichtlicher Kampf sein, ein Klassenkampf, der die Geschichte verwirklichen wird.

Das hierarchische Prinzip ist das magische Prinzip, das der Emanzipation der Menschen und ihren geschichtlichen Kämpfen für die Freiheit widerstanden hat. Keine Revolution verdient in Zukunft ihren Namen, wenn sie nicht wenigstens radikal jede Hierarchie beseitigt.

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Kaum hatten sich die Mitglieder einer Horde ein Jagdgebiet reserviert und es zu ihrem privaten Eigentum gemacht, richtete sich eine Feindseligkeit gegen sie, die nicht von wilden Tieren, dem Klima, ungastlichen Gebieten oder Krankheit hertührte, sondern von Gruppen von Menschen, die von der Benutzung des reservierten Jagdgebiets ausgeschlossen waren. Der Genius des Menschen läßt ihn der Alternative im Tierreich entgehen: die rivalisierende Gruppe zu vernichten oder selbst von ihr vernichtet zu werden. Pakt, Vertrag und Tausch wurden zu Existenzvoraussetzungen primitiver Gemeinschaften. Das Überleben der Clans, die in der Epoche der Jäger und Sammler auf die Horden folgten und später von den Agrargesellschaften abgelöst wurden, hängt wesentlich von einem dreifachen Tausch ab: Tausch der Frauen, der Nahrung und des Blutes. Dieser Tausch steht unter dem Einfluß einer magischen Mentalität und setzt eine oberste, ordnende Kraft voraus, jemanden, der den Tausch beherrscht, eine Macht, die über den und jenseits der Vertragsschließenden steht. Die Geburt der Götter fallt mit der Zwillingsgeburt des heiligen Mythos und der hierarchisierten Macht zusammen.

Der Tausch gewährt den beiden Clans bei weitem nicht den gleichen Vorteil. Handelt es sich nicht vor allem darum, die Neutralität der Ausgeschlossenen sicherzustellen, um zu vermeiden, daß sie die reservierten Gebiete in Anspruch nehmen? Diese Taktik verfeinert sich im Stadium der Agrargesellschaften. Die Ausgeschlossenen sind Pächter, bevor sie Sklaven werden, und gehören somit zur Gruppe der Besitzenden, wenn auch nicht als Eigentümer, so doch als deren Abglanz (der Mythos vom Sündenfall), als Mittler zwischen der Erde und ihren Herren. Wie kommt es zur Unterwerfung der Ausgeschlossenen? Durch den zusammenhängenden Einfluß eines Mythos - nicht etwa durch den Willen der Herren, ein derartiger, vernunftgemäßer Vorsatz wäre ihnen damals noch fremd gewesen -, der den Trick des Tausches verbirgt, das Ungleichgewicht der wechselseitigen Zugeständnisse. Dem Eigentümer opfern die Ausgeschlossenen tatsächlich einen wichtigen Teil ihres Lebens: sie akzeptieren seine Autorität und arbeiten für ihn. Den Ausgeschlossenen opfert der Eigentümer mythisch seine Autorität und seine Macht als Eigentümer: er ist bereit, für das gemeinsame Wohl seines Volkes zu zahlen. Gott ist der Garant des Tausches und der Wächter des Mythos. Er straft im Falle der Nichterfüllung des Vertrages und belohnt durch Übertragung von Macht: eine mythische Macht für diejenigen, die sich tatsächlich opfern, eine tatsächliche Macht für diejenigen, die sich mythisch opfern. (Die historischen und mythologischen Forschungen beweisen, daß das Opfer des Herrn fur das Prinzip des Mythos sogar den Tod bedeuten konnte.) Den Preis für die Entfremdung zu zahlen, die er anderen aufzwingt, verstärkt noch den göttlichen Charakter des Herrn. Doch schon früh, so scheint es, wird der Herr von der Bürde einer so furchterlichen Gegenleistung entlastet. Sie entfällt oder wird ersetzt. Generationen von Herrschern erhalten durch den Sohn, den der Gott der Christen auf die Erde schickt, eine Kopie, auf die sie sich nur zu beziehen brauchen, um die Echtheit ihres Opfers zu dokumentieren.

Das Opfer ist die archaische Form des Tausches. Es handelt sich dabei um einen magischen Tausch, der nicht zahlenmäßig und vernunftgemäß ausgehandelt wird. Der Tausch beherrscht die menschlichen Beziehungen, die Handelsbeziehungen mit einbegriffen, bis der Warenkapitalismus mit seinem Geld als Maßstab aller Dinge ein derartiges Ausmaß im Rahmen der sklavischen, feudalen und schließlich bourgeoisen Gesellschaftsordnungen annimmt, daß die Wirtschaft als besondere Zone, als vom Leben getrennter Bereich erscheint. Was an Tauschbeziehungen in der Gabe der Feudalherrschaft übrigbleibt, setzt sich durch, sobald das Geld auftaucht. Die Opfergabe, das "Potlatsch" - dieses Spiel des Tauschens und des Wer-verliert-gewinnt, bei dem das Ausmaß des Opfers das Gewicht des Prestiges erhöht - hat in einer rationalisierten Wirtschaft des Tauschhandels keinen Platz mehr. Die Opfergabe, die aus den Bereichen verbannt wurde, die von ökonomischen Geboten beherrscht werden, wird neu in Werten wie Gastfreundschaft, Freundschaft und Liebe angelegt werden, die offiziell in dem Maße dazu verurteilt sind, zu verschwinden, wie die Diktatur des quantifizierten Tauschhandels (der Warenwert) das Alltagsleben kolonisiert und in einen Markt verwandelt.

Der Warenkapitalismus und der industrielle Kapitalismus beschleunigen die Quantifizierung des Austausches. Die feudale Gabe wird nach dem strengen Modell des Tauschhandels rationalisiert. Das spielerische Handeln wird zur Berechnung und hört auf, Spiel zu sein. Das Spielerische überwog bei dem romanischen Versprechen, als Gegengabe für eine glückliche Reise den Göttern einen Hahn zu opfern. Die Wertverschiedenheit der getauschten Güter entging dem merkantilen Maß. Es ist verständlich, daß es in einer Epoche, in der sich Fouquet zugrunde richtete, um in den Augen seiner Zeitgenossen und Ludwigs, des berühmtesten unter ihnen, noch stärker zu erstrahlen, eine Poesie gab, die unsere Zeit, die sich daran gewöhnt hat, für ihre menschlichen Beziehungen den Tausch von DM 12,80 gegen ein 750 Gramm schweres Filetstück als Modell zu nehmen, nicht mehr kennt.

Folgerichtig sind wir an dem Punkt angelangt, wo das Opfer quantifiziert, rationalisiert, gewogen und an der Börse notiert wird. Doch was wird aus der Magie des Opfers unter der Herrschaft von Waren-Werten? Und was wird aus der Magie der Macht, dieser heilige Terror, die den Modell-Angestellten dazu veranlaßt, mit Respekt seinen Chef vom Dienst zu grüßen?

In einer Gesellschaft, in der die Quantität von "gadgets" und Ideologien die Quantität der übernommenen und auf sich genommenen Macht widerspiegelt, verflüchtigen sich die magischen Beziehungen, um die hierarchisierte Macht im Zentrum der Kritik zurückzulassen. Der Fall der letzten heiligen Bastion wird das Ende einer Welt oder das Ende der Welt bedeuten. Diese letzte Bastion muß niedergerissen werden, bevor ihr Sturz die Menschheit mit sich reißt.

Streng quantifiziert (zunächst durch Geld und dann durch die Quantität der Macht, durch etwas, was man die "soziometrischen Einheiten der Macht" nennen kann), beschmutzt der Tausch alle menschlichen Beziehungen, Gefühle und Gedanken. Wo er herrscht, bleiben nur Dinge zurück; eine Welt von verdinglichten Menschen, die in den Schaltplänen der herrschenden kybernetischen Macht erstarrt sind; die Welt der Verdinglichung. Doch liegt darin widersprüchlicherweise auch die Chance einer radikalen Neustrukturierung unserer Lebens- und Denkweisen. Ein Nullpunkt, an dem wirklich Q8es beginnen kann.

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In der feudalen Mentalität war die Gabe stolze Ablehnung des Tausches, bewußte Leugnung des Austauschbaren. Diese Ablehnung ging mit der Verachtung für das Geld und das gleiche Maß für alle einher. Zwar schließt das Opfer die reine Gabe aus, aber häufig war die Macht des Spiels, der Selbstlosigkeit und des Menschlichen so groß, daß das Unmenschliche, die Religion und der Ernst im Krieg, in der Liebe, der Freundschaft und der Gastfreundschaft als nebensächlich erschienen.

Der Adel verband durch die Gabe seiner selbst seine Macht mit der Totalität der kosmischen Kräfte, beanspruchte aber auch Kontrolle über diese, vom Mythos geweihte Totalität. Die bourgeoise Macht tauscht das Sein gegen das Haben aus und verliert so die mythische Einheit des Seins mit der Welt; die Totalität zerbröckelt. Der halbrationelle Austausch der Produktion führt notwendig zur Angleichung der Kreativität aller, einer Kreativität, die auf bloße Arbeitskraft und einen Stundenlohn reduziert ist. Der halbrationelle Austausch im Konsum führt notwendig zur Angleichung des konsumierbar Erlebten aller (des Lebens, das auf die Beschäftigung des Konsumierens reduziert ist) und des Machtanteils, der dem Konsumenten einen Platz in dem Organisationsschema der Hierarchie zuweist. Auf die Aufopferung des Herrschers folgt das letzte Stadium des Opfers, die Aufopferung des Spezialisten. Zum Zwecke des Konsums wird der Spezialist den Konsum mit Hilfe eines kybernetischen Programms manipulieren, in dem die Superrationalität des Austausches das Opfer verschwinden läßt. Und den Menschen mit! Das Opfer wird es von dem Tag an nicht mehr geben, wo der reine Austausch die Existenzweise von Roboter-Bürgern in einer kybernetischen Demokratie regelt. Der Gehorsam von Gegenständen bedarf keiner Rechtfertigung. Das Opfer ist in dem Maschinenprogramm ebenso ausgeschlossen wie in dem entgegengesetzten Projekt des totalen Menschen.

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Das Zerbröckeln menschlicher Werte, das die Tauschmechanismen verursacht haben, hat das Zerbröckeln der Tauschform selbst zur Folge. Die Unzulänglichkeit der aristokratischen Gabe zwingt dazu, neue menschliche Beziehungen auf die reine Gabe zu gründen. Das Vergnügen zu geben muß wiedergefunden werden; geben aufgrund überschießenden Reichtums; geben, weil man in Überfülle besitzt. Was für schöne "Potlatsch" ohne Gegenleistung wird die Überflußgesellschaft, ob sie will oder nicht, hervorbringen, wenn die Überschwenglichkeit der jungen Generationen erst einmal die reine Gabe entdeckt hat! (Die mehr und mehr unter den Jüngeren verbreitete Leidenschaft, Bücher, Mäntel und Handtaschen zum reinen Vergnügen zu stehlen, um sie zu verschenken, läßt glücklicherweise das Schicksal voraussagen, das der Wille zu leben der Konsumgesellschaft reserviert.) Auf die vorgefertigten Bedürfnisse antwortet das einheitliche Bedürfnis nach einem neuen Lebensstil. Die Kunst - diese Okonomie der erlebten Momente - wurde vom Markt der Geschäftsleute absorbiert. Die Wünsche und Träume arbeiten für das Marketing. Das Alltagsleben löst sich in eine Folge austauschbarer Augenblicke auf, wie die entsprechenden "gadgets" (Mixer, Hi-Fi, Pessar, Stimmungsbarometer, Schlafmittel). Überall bewegen sich untereinander gleich große Teile im für alle gleich leuchtenden Licht der Macht. Gleichheit, Gerechtigkeit. Austausch von Nichtigkeiten, von Grenzen und Verboten. Nur noch eine Aufeinanderfolge toter Zeiten.

An die feudale Unvollkommenheit muß neu angeknüpft werden, nicht etwa um sie zu vervollkommnen, sondern um sie aufzuheben. An die Harmonie der einheitlichen Gesellschaft muß neu angeknüpft und dabei mit dem göttlichen Phantom und der heiligen Hierarchie Schluß gemacht werden. Die neue Unschuld ist nicht sehr weit vom göttlichen Urteil und von göttlicher Bewertung entfernt; mehr als die bürgerliche Gleichheit kommt die Verschiedenheit kraft Abkunft der Gleichheit freier und im Verhalten zueinander unbeugsamer Individuen nahe. Der gezwungene Lebensstil des Adels ist nicht mehr als eine grobe Skizze des großartigen Stils, den die Herren ohne Sklaven leben werden. Doch was für eine Welt trennt die Kunst zu leben von dem l:tberleben, das heute so viele Existenzen zerstört!

IX. Die vermittelte Anwendung der Technik

Die Technik verweltlicht entgegen den Interessen derer, die ihre Anwendung kontrollieren. - Die demokratische Herrschaft des Konsums nimmt den Konsumgegenständen jeden magischen Wert. Ebenso nimmt die Herrschaft der Organisation (eine Technik der neuen Techniken) den neuen Produktionskräften ihre Kraft zur Umwälzung und Verführung. - Dadurch wird die Organisation als bloße Organisation der Autorität gebrandmarkt (1). - Die entfremdeten Vermittlungen schwächen den Menschen dadurch, daß sie sich unverzichtbar machen. Eine gesellschaftliche Maske bedeckt die Lebewesen und Cegenstände. Im gegenwärtigen Zustand entziehender Aneignung verwandelt diese Maske alles, was sie bedeckt, in tote Gegenstände, in Waren. Es gibt keine Natur mehr. - Die Natur wiederfinden heißt, sie als gültige Gegnerin durch den Aufbau neuer gesellschaftlicher Beziehungen neu erfinden. - Das übermächtige Wachstum von Einrichtungsgegenständen läßt die Haut der alten hierarchisierten Gesellschaft platzen (2).

1 Das gleiche Versagen kennzeichnet nicht-industrielle Zivilisationen, in denen die Menschen noch vor Hunger sterben, wie industrielle Zivilisationen, in denen die Menschen bereits vor Langeweile sterben. Jedes Paradies ist künstlich. Das trotz Tabus und Riten reiche Leben eines Papua hängt am Faden einer Pocken­epidemie; das trotz Komforts arme Leben eines Durchschnittsschweden hängt am Faden des Selbstmordes und des schmerzhaften Überlebens.

Die Schule Rousseaus und eine Schäferdichtung begleiten das erste Dröhnen der industriellen Maschine. Die Fortschrittsideologie, die sich bei Smith und Condorcet findet, entstand üGbrigens aus dem alten Mythos der vier Zeitalter. Da das Zeitalter des Eisens dem goldenen Zeitalter vorangeht, scheint es ganz "natürlich", daß der Fortschritt sich zugleich als Rückfall darstellt: die Unschuld vor dem Sündenfall muß wiedergefunden werden.

Der Glaube an die magische Macht der Techniken geht mit ihrem Gegenteil, der Bewegung der Verweltlichung einher. Die Maschine ist das Modell des Verständlichen. Nichts an ihr, weder Antrieb, Getriebe noch Schaltplan, bleibt im dunkeln, bleibt mysteriös, unerklärt. Doch die Maschine ist auch das Wunder, das die Menschen zur Herrschaft von Glück und Freiheit führen soll. Diese Zweideutigkeit dient ihren Herren; die Mystik von der lockenden Zukunft rechtfertigt die rationelle Ausbeutung der Menschen in der Gegenwart. Es ist daher weniger die verweltlichende Logik, die den Fortschrittsglauben erschüttert, als die menschenfeindliche Anwendung des technischen Potentials und seine fragwürdige Mystik. Solange die arbeitenden Klassen und die unterentwickelten Völker das Bild ihres allmählich abnehmenden materiellen Elends boten, nährte sich die Fortschrittsbegeisterung reichlich am Futtertrog der liberalen Ideologie und ihrer Fortführung, des Sozialismus. Doch ein Jahrhundert nach der spontanen Entmystifizierung, die die Arbeiter von Lyon durch die Zerschlagung der Webereien bewirkten, beginnt die allgemeine Krise, die diesmal in der Krise der Großindustrie wurzelt. Damit hält der Faschismus seinen Einzug, der geistesschwache Traum von einer Rückkehr zu Handwerk und Berufsständen, der ubueske Arier voll ursprünglicher Kraft.

Die Versprechen der alten Produktionsgesellschaft fallen heute in Form von Konsumgütern wie Lawinen auf die Menschen, und niemand würde sie wohl auf die himmlische Manna zurückführen. Die Magie von Konsumgütern so feiern zu wollen, wie man die Magie der Produktivkräfte gefeiert hat, ist ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Es existiert eine bewundernde Literatur über den Preßlufthammer. Über den Mixer wäre gleiches kaum vorstellbar. Die Vielfalt von Gegenständen, die dem Konsum dienen - und die alle gleich revolutionär sind, wenn man der Werbung glauben darf -, hat auch dem ungehobeltsten Tölpel das Recht gegeben, mit der gleichen vertraulichen Bewunderung die großartigen Erfindungen der Technik zu beurteilen, mit der er seine Hand auf den Hintern eines willigen Mädchens legt. Die ersten Menschen, die den Mars betreten, werden ein Dorffest nicht unterbrechen.

Pferdegeschirr, Dampfmaschine, Elektrizität und schließlich die nukleare Energie haben die Infrastruktur der Gesellschaften - eher zufällig allerdings - gestört und verändert. Es wäre vergeblich, heute auf Produktivkräfte zu warten, die die Produktionsweisen umwälzen. Die Verbreitung von Techniken hat eine Super-Technik der Synthese entstehen lassen, die vielleicht ebenso bedeutsam ist, wie die soziale Gemeinschaft, diese erste technische Synthese am Anfang der Menschheit. Ihren Herren entrissen, wäre sie noch viel bedeutsamer, denn die Kybernetik könnte die menschlichen Gruppen von Arbeit und gesellschaftlicher Entfremdung befreien. Nichts anderes besagt das Projekt eines Charles Fourier zu einer Zeit, als die Utopie noch möglich war.

Doch liegt zwischen Fourier und den Kybernetikern, die die operationdle Organisation der Techniken kontrollieren, der gleiche Abstand wie zwischen Freiheit und Sklaverei. Ohne Zweifel behauptet das kybernetische Projekt, bereits einen derartigen Perfektionsgrad erreicht zu haben, daß sogar die Probleme, die durch das Auftauchen neuer Techniken entstehen, lösbar sind. Nichts ist zweifelhafter, denn

1. es ist nichts mehr von den in ständiger Evolution befindlichen Produktivkräften zu erwarten und es ist nichts mehr von den ständig mehr werdenden Konsumgütern zu erwarten. Keine in höchsten Tönen geschmetterte Ode auf den musikalischen Klimaregler, keine Kantate auf den neuen Sonnen-Ofen. Der Überdruß, der kommt und doch schon jetzt offensichtlich ist, wird sich früher oder später leicht in eine Kritik der Organisation selbst verwandeln.

2. aller Flexibilität der kybernetischen Synthese wird es nicht gelingen, die Tatsache zu verschleiern, daß sie lediglich eine über die verschiedenen Herrschaftsformen, unter denen die Menschen bisher leben mußten, hinausgehende Synthese ist; daß sie ihr letztes Stadium ist. Wie sollte sich die entfremdende Funktion verstecken können, die noch keine Macht den Waffen der Kritik und der Kritik der Waffen entziehen konnte? Der Bootsfahrer wird auf intelligentere Krokodile nur spucken. Mit der Vervollkommnung der Herrschaft werden die Kybernetiker nur das Streben nach Ablehnung und die Vollendung der Verweigerung fördem. Ihre Programmierung neuer Techniken wird von den gleichen, aber von einer anderen Organisation entwendeten Techniken torpediert werden.

Von einer revolutionären Organisation.

2 Die technokratische Organisation bringt die technische Vermittlung zu ihrer Vollendung. Seit langem weiß man, daß der Herr sich die gegenständliche Welt mit Hilfe von Sklaven aneignet, daß das Werkzeug den Arbeiter erst von dem Augenblick an entfremdet, wo es ein Herrschender besitzt. Ebenso haben die Konsumgüter nichts Entfremdendes an sich. Erst die konditionierte Wahl und die Ideologie, in die sie verpackt sind, führen zur Entfremdung des Käufers. In der Produktion fördert das Werkzeug, im Konsum die konditionierte Wahl die Lüge, die Vermittlungen, die den Menschen als Produzent und Konsument dazu verleiten, in einer tatsächlichen Passivitat illusionär aktiv zu sein, und die ihn in ein wesensmäßig abhängiges Wesen verwandeln. Die usurpierten Vermittlungen trennen das Individuum von sich selbst, von seinen Wünschen, seinen Träumen, seinem Willen zu leben; auf diese Weise wurde die Legende glaubhaft, daß niemand ohne diese Vermittlungen und dessen, was sie regiert, auskäme. Wo es der Macht nicht gelingt, durch Zwangsmittel zu paralysieren, paralysiert sie durch Suggerierungen: sie zwingt jedermann Krücken auf, deren Kontrolle und Verfügungsgewalt sie sich jedoch vorbehält. Die Macht erwartet, daß die kybernetische Taufe ihr als Gipfel aller Vermittlungen die Totalität verleiht. Es gibt jedoch keine totale Herrschaft, es gibt nur totalitäre Gewalten. Eine Organisation wird nicht durch die Lächerlichkeit ihrer Priester geweiht.

Die gegenständliche Welt (oder die Natur, wenn man will) wurde von entfremdenden Vermittlungen so stark durchdrungen, daß sie sich schließlich mit einer Art Schutzschicht umgeben hat, die sie paradoxerweise in dem Maße für den Menschen undurchdringlich macht, wie der Mensch sie verändert und sich selbst verändert. Der Schleier der gesellschaftlichen Beziehungen hüllt unentwirrbar auch den Bereich der Natur ein. Denn was man heute "natürlich" nennt, ist ebenso künstlich wie der "natürliche" Teint der Kosmetikindustrie. Die Instrumente der Praxis gehören nicht wirklich den Trägern der Praxis, d.h. den Arbeitern, und deswegen ist die Zone der Undurchsichtigkeit, die den Menschen von sich selbst und der Natur trennt, Teil des Menschen und der Natur. Die Natur läßt sich nicht wiederentdecken, sie muß neu gemacht, neu konstruiert werden.

Die Suche nach der wahren Natur, dem natürlichen Leben, das der Lüge der geschichtlichen Ideologie brutal gegenübersteht, gehört zu den rührendsten Naivitäten eines guten Teils des rovolutionären Proletariats, der Anarchisten und so bemerkenswerter Geister wie der junge Wilhelm Reich.

Unter der Herrschaft der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen führt der Weg zur wirklichen Umwandlung der Natur über die wirkliche Umwandlung der gesellschaftlichen Lüge. In ihrem Kampf haben sich Mensch und Natur niemals unmittelbar ins Gesicht gesehen. Die Vermittlung durch die hierarchisierte gesellschaftliche Macht und ihre Organisation des Scheins einten oder trennten sie. Die Natur verändern hieß, sie vergesellschaften, doch man hat sie schlecht vergesellschaftet. Es gibt nur eine gesellschaftliche Natur, denn die Geschichte kennt keine Gesellschaft ohne Herrschaft.

Ist ein Erdbeben ein Naturphänomen? Wenn es die Menschen erreicht, erreicht es sie nur in der entfremdeten gesellschaftlichen Sphäre. Was ist ein Erdbeben an sich? Wenn in dem Augenblick, in dem ich schreibe, ein Beben den Boden des Sirius erschüttert, aber ewig unbemerkt bleibt, muß ich es wohl oder übel dem metaphysischen Bodensatz der Universitäten und den Zentren für reines Denken überlassen.

Auch der Tod trifft die Menschen auf gesellschaftlicher Ebene. Nicht nur weil die Energie und der Reichtum, die von der militärischen Vergeudung und der kapitalistischen und bürokratischen Anarchie absorbiert werden, dem wissenschaftlichen Kampf gegen den Tod eine besonders notwendige Unterstützung geben, sondern vor allen Dingen, weil die Brühe der Kultur, in der sich die Keime des Todes entwickeln, in dem gewaltigen Laboratorium der Gesellschaft mit dem Segen der Wissenschaft gekocht wird (Streß, nervöser Verschleiß, Konditionierung, Besessenheit, krankheitsfördernde Therapien). Nur die Tiere haben noch das Recht auf einen natürlichen Tod, und auch sie ?

Werden sich die Menschen nach dem animalischen Kontakt mit der Natur zurücksehnen, wenn sie sich erst einmal von der höheren, geschichtlichen Animalität befreit haben? In dieser kindischen Vorstellung bewegt sich, so scheint es mir, die Suche nach der Natur. Doch bereichert und umgekehrt bedeutet dieser Wunsch die Aufhebungvon 30 000 Jahren Geschichte.

Unsere momentane Aufgabe ist es, eine neue Natur als gültigen Gegner zu konzipieren; das bedeutet, die Natur durch Befreiung des technischen Apparates von seiner Sphäre der Entfremdung und aus den Händen seiner Führer und Spezialisten zu resozialisieren. Erst nach völliger Auflösung der gesellschaftlichen Entfremdung wird die Natur zum voll gültigen Gegner in einer "tausendmal höher entwickelten" Zivilisation werden, in der die Kreativität des Menschen nicht als erstes Hindernis ihrer Ausdehnung auf den Menschen selbst treffen wird.

Die technische Organisation erliegt nicht dem Druck einer von außen kommenden Kraft. Ihr Bankrott ist die Folge davon, daß sie in ihrem Inneren abstirbt. Sie wird nicht wie der Wille des Prometheus bestraft, sondern krepiert daran, daß sie sich niemals von der Dialektik von Herr und Knecht emanzipiert hat. Sollten die Kybernetiker eines Tages das Ruder ergreifen, werden sie ein leckes Schiff steuern. Ihre günstigsten Aussichten sind bereits von folgenden Worten eines schwarzen Arbeiters an seinen weißen Boß abgesteckt worden (Presence africaine 1956): "Als wir Eure Lastwagen und Flugzeuge zum erstenmai sahen, hielten wir Euch für Götter. Nach Jahren haben wir gelernt, die Lastwagen zu führen und bald werden wir auch Eure Flugzeuge steuern können. Wir haben begriffen, daß Ihr am meisten daran interessiert seid, Lastwagen und Flugzeuge zu produzieren und damit Geld zu verdienen. Wir haben nur Interesse, sie zu benutzen. Jetzt seid Ihr unsere Schmiede."

X. Die Herrschaft des Quantitativen

Die wirtschaftlichen Gebote wollen die Waren zum geeichten Maßstab allen menschlichen Verhaltens machen. Die sehr große Quantität soll an die Stelle der Qualität treten, aber selbst die Quantität ist rationiert. Der Mythos gründet sich auf die Qualität, die Ideologie auf die Quantität. Die ideologische Sättigung wird durch eine Zerstückelung in kleine, einander widersprechende Quantitäten erreicht, die sich unvermeidlich selbst zerstören und von der qualitativen Negation der Verweigerung des Volkes z«stört w«den (1). - "Quantitativ" und "linear" gehören zusammen. Linienförmigkeit und Meßbarkeit von Zeit und Leben definieren das Überleben; eine Folge von auswechselbaren Augenblicken. Diese Linien gehören zur konfusen Geometrie der Macht (2).

1 Das System des Warenverkehrs hat seine Herrschaft über die täglichen Beziehungen des Menschen zu sich selbst und zu seinesgleichen errichtet. Das Quantitative beherrscht das gesamte private und öffentliche Leben.

"Ich weiß nicht, was ein Mensch ist", gestand der Kaufmann in ,Die Ausnahme und die Regel', "ich kenne nur seinen Preis." In dem Ma6, wie die Individuen die Macht anerkennen und ermög lichen, reduziert auch die Macht sie auf ihr Maß, werden sie standardisiert. Was ist das Individuum für das autoritäre System? Ein Punkt am gebührenden Platz in seiner Perspektive. Ein Punkt, den es sicherlich anerkennt, doch nur mathematisch, als Element, dessen Standort in einem Diagramm von Ordinate und Abszisse genau bestimmt ist.

Die in Zahlen ausgedrückte Fähigkeit zu produzieren und zum Produzieren zu verleiten, zu konsumieren und zum Konsumieren zu verleiten, konkretisiert ausgezeichnet einen Ausdruck, der den Philosophen so sehr am Herzen liegt (und der übrigens auch vorzüglich ihre Mission enthüllt): der Mensch als Maß. Alles bis hinunter zum bescheidenen Vergnügen einer Autoreise bemißt sich nach Kilometerzahl, erreichter Geschwindigkeit und Benzinverbrauch. Bei dem Tempo, das die ökonomischen Gebote anschlagen, um sich die Gefühle, Leidenschaften und Bedürfnisse anzueignen, für deren Verfälschung sie in bar entlohnen, bleibt dem Menschen bald nichts mehr als die Erinnerung, einmal existiert zu haben. Die Geschichte, in der wir nur noch in der Rückschau leben, tröstet uns über das Überleben hinweg. Wie sollte sich auch die wahre Freude in einer RaumZeit halten können, die meßbar und bemessen ist? Nicht einmal ein freies Lachen. Höchstens die fette Zufriedenheit desjenigen, für-den-es-sich-lohnt, und der nach diesem Satz lebt. Nur der Gegenstand ist meßbar und deshalb verdinglicht jeder Austausch.

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Was an leidenschaftlich erregender Spannung zwischen dem Genuß und seiner abenteuerlichen Suche übrigblieb, beginnt schließlich sich in eine atemberaubende Folge von mechanisch wiederholten Gesten aufzulösen, in einem Rhythmus, von dem man vergeblich erwartet, daß er auch nur den Anschein eines Orgasmus hervorruft. Der quantitative Eros der Geschwindigkeit, des häufigen Wechsels und der Liebe gegen die Uhr verformt überall das echte Gesicht der Lust.

Das Qualitative nimmt allmählich den Aspekt eines unendlichen Quantitativen an, einer Reihe ohne Ende, deren zeitweiliges Ende stets die Negation der Lust, ein grundlegendes Unbefriedigtsein wie im Don-Juanismus anzeigt. Wenn die heutige GeseÜschaft noch ein Unbefriedigtsein dieser Art fördern würde, wenn sie den unstillbaren Durst nach absoluter Zügellosigkeit, seine verheerende Kraft und seinen rauschhaften Reiz wirken lassen würde! Wer würde nicht einigen Charme im Leben eines Nichtstuers sehen, der nur ein wenig desillusioniert ist, aber genüßlich alles auskostet, was die Passivität köstlich macht: ein Serail von schönen Mädchen und schönen Geistern, raffinierte Drogen, erlesene Speisen, knallharte Getränke, liebliche Parfums, das Leben eines Menschen, der weniger die Neigung verspü,rt, die Welt zu verändern, als Zuflucht in dem Besten zu suchen, was sie zu bieten hat; ein Genießer großen Stils. (Die Schweine können nur so tun, als ob sie genießen.) Aber was denn! Niemand hat heute eine derartige Wahl: selbst die Quantität ist in den westlichen wie in den östlichen Gesellschaften kontingentiert. Selbst ein Finanzmagnat, der nur noch einen Monat zu leben hat, würde sich weigern, sein ganzes Vermögen in einer gewaltigen Orgie zu verpulvern. Die Moral des Profits und des Tausches gibt ihre Beute nicht mehr frei; die kybernetische Wirtschaft zum Nutzen der großen Familien nennt sich Knausrigkeit.

Und dennoch: ein wahrer Segen war es für die Mystifizierung, daß sie das Quantitative in der Hülle des Qualitativen gefangenhalten konnte, ich meine damit, daß sie der Vielfalt von Möglichkeiten die herrliche Illusion lassen konnte, eine Welt mit mehreren Dimensionen zu schaffen. Den Tausch in die Gabe einzuschließen und sich zwischen Himmel und Erde alle Abenteuer (die von Dante und Gilles de Rais) ausbreiten zu lassen, war genau das, was die Bourgeoisie nicht durfte, und was sie unter Berufung auf Handel und Industrie unmöglich machte. Zu welcher Sehnsucht hat sie sich damit verurteilt! Diese Sehnsucht ist der dürftige und zugleich kostbare Katalysator - zugleich alles und nichts -, mit dessen Hilfe die Gesellschaft ohne Klassen und ohne autoritäre Macht den Traum ihrer aristokratischen Jugend verwirklichen wird.

Die einheitlichen Feudal- und Stammesgesellschaften besaßen in ihrem Glaubensbekenntnis ein qualitatives, mythisches und mystifizierendes Element von allerhöchster Wichtigkeit. Kaum hat die Bourgeoisie die Einheit von Macht und Gott zerbrochen, da versucht sie in eine einheitliche Perspektive das zu hüllen, was in ihren Händen nur Bruchstücke und Bruchteile der Macht sind. Doch zu ihrem Leidwesen gibt es nichts Qualitatives ohne Einheit. Die Demokratie triumphiert mit der gesellschaftlichen Atomisierung. Die Demokratie ist die beschränkte Herrschaft der größten Zahl und die Herrschaft der größten, aber beschränkten Zahl. Sehr früh schon wenden sich die großen Ideologien vom Glauben ab und der Zahl zu. Was ist das Vaterland? Heute einige tausend Veteranen. Was haben Marx und Engels "unsere Partei" genannt? Heute sind es ein paar Millionen Wählerstimmen, einige tausend Klebekolonnen, eine Massenpartei.

Die Ideologie leitet ihr Wesen von der Quantität ab, sie ist nichts anderes als eine Idee, die in großer Zahl in Zeit (die Pawlowsche Konditionierung) und Raum (die Übernahme durch die Verbraucher) wiederholt wird. Ideologie, Information und Kultur verlieren zunehmend ihren Inhalt und werden reine Quantität. Je weniger Bedeutung eine Information hat, um so häufiger wird sie wiederholt, um so weiter entfernt sie die Leute von ihren wirklichen Problemen. Doch wir finden schon lange nicht mehr die plumpe Lüge, von der Goebbels behauptete, ihr würde noch am leichtesten geglaubt. Das ideologische Überangebot hält mit stets gleicher Überredungskunst hundert Bücher, hundert Waschpulver und hundert politische Konzeptionen feil, die es einzeln jedesmal als letzte Errungenschaft angepriesen hat. Die Quantitäten heben sich jedoch selbst in der Ideologie gegeneinander auf; die Konditionierungen prallen aufeinander und nutzen sich ab. Wie sollte man auf diese Weise die Kraft des Qualitativen, die Berge versetzt, wiederentdecken?

Im Gegenteil: die widersprechenden Konditionierungen führen leicht zu einem Trauma, einer Hemmung, einer radikalen Ablehnung jeder Gehirnwäsche. Gewiß gibt es eine Abwehrmöglichkeit: den Konditionierten beurteilen zu lassen, wdche von zwei Lügen die wahrere ist, falsche Fragen aufzuwerfen, falsche Konflikte zu schaffen. Es bleibt jedoch wahr, daß die Nichtigkeit solcher Ablenkungsmanöver im Hinblick auf das Problem des Überlebens, das die Konsumgesellschaft ihren Mitgliedern steÜt, wenig ins Gewicht fällt.

Jeden Augenblick kann aus der Langeweile die unwiderstehliche Verweigerung der Uniformität entstdhen. Die Ereignisse von Watts, Stockholm und Amsterdam haben gezeigt, aus wie winzigen Anlässen eine heilsame Unruhe ausbrechen kann. Kann es jemals so viele, immer von neuem verkündete Lügen geben. daß sie nicht eine einzige Geste voll revolutionärer Poesie beiseite fegen könnte? Die qualitative Agitation, die die Massen radikalisiert und aus der Radikalität der Massen hervorgeht, korrigiert von Villa bis Lumumba und von Stockholm bis Watts die Grenzen der Unterwerfung und der Abstumpfung.

2 Unter den einheitlichen Regimen zementierte das Heilige die gesellschaftliche Pyramide, in der jedes Einzdwesen vom Feudalherren bis zum.Leibeigenen seinen von der Vorsehung, der Weltordnung und dem Belieben des Königs bestimmten Platz innehatte. Die Festigkeit dieses Gebäudes wurde von der auflösenden Kritik der jungen Bourgeoisie erschüttert und zerbrach schließlich, ohne daß der Schatten der gottlichen Hierarchie verschwand. Die zusammenbrechende Pyramide begrub jedoch keineswegs das Unmenschliche unter sich, sie brach es lediglich in Stücke. Zu dieser Zeit beginnen sich unbedeutende Individuen, unbedeutende "Bürger" der gesellschaftlichen Atomisierung zu verabsolutieren; die schwülstige, egozentrische Phantasie verwandelt in ein Universum, was nicht mehr als ein Punkt wie tausend andere ist, wie freie, gleiche und brüderliche Sandkörner; Punkte,- die irrend und geschäftig umherschwirren, gleich Ameiseri, deren kunstvoHes Tunnellabyrinth zerstört wurde; Linien, die verrückt durcheinanderlaufen, nachdem Gott keinen Punkt mehr bestimmt, in dem sie zusammenfließen können, Linien, die sich überschneiden und in scheinbarer Unordnung aufeinander prallen; denn niemand täuscht sich darüber: trotz konkurrierender Anarchie und individueller Isolierung verknüpfen sich die Interessen von Klassen und Kasten, versuchen sie, sich in einer Geometrie zu ordnen, die mit der göttlichen Geometrie rivalisiert, aber voHer Ungeduld ihren Zusammenhang zu erreichen sucht.

Der Zusammenhang der einheitlichen Macht ist, obwohl er sich auf das göttliche Prinzip stützt, ein spürbarer, von jedem ganz persönlich erlebter Zusammenhang. Das materielle Prinzip der geteilten Macht gestattet paradoxerweise nur einen abstrakten Zusammenhang. Wie könnte die Organisation des Überlebens ohne Zusammenstoß den immanenten, überall gegenwärtigen Gott ersetzen, der selbst in den unbedeutendsten Gesten (beim Brotschneiden und Niesen z.B.) zum Zeugen angerufen wird? Selbst wenn wir annähmen, die verweltlichte Regierung der Menschen könnte mit Hilfe der Kybernetiker die (übrigens vöÜig relative) Allmacht der feudalen Herrschaft auf alle gleich verteilen, was würde - und wie - an die Stelle der Atmosphäre voll von Mythos und Poesie treten, die in den gesellschaftlich solidarischen Gemeinschaften herrschte und ihnen eine Art dritte Dimension verlieh? Die Bourgeoisie ist gut und gerne in die Falle ihrer eigenen Teil-Revolution gegangen.

*

"Quantitativ" und "linear" gehen ineinander auf. Das Qualitative ist mehrdeutig, das Quantitative läßt nur eine Deutung zu. Das gebrochene Leben ist die Lebenslinie.

Den strahlenden Aufstieg der Seele zum Himmel hat ein närrisches Schürfen nach der Zukunft abgelöst. Kein Moment leuchtet mehr in den Strahlen der zyklischen Zeit der alten Gesellschaften; die Zeit ist ein Faden geworden; von der Geburt bis hin zum Tod, von der Erinnerung an die Vergangenheit bis in die erwartete Zukunft hinein dehnt sich ein ewiges Überleben mit seiner Folge von Augenblicken aus, die von der fliehenden wie von der kommenden Zeit angenagt werden. Das Gefühl, in Symbiose mit den kosmischen Kräften zu leben - dieser Sinn des Gleichzeitigen -, offenbarte unseren Vorfahren Freuden, die wir, weil wir mit der Zeit in der Welt vergehen, kaum kennen. Was ist von der damaligen Freude übriggeblieben? Der Taumd des Vergehens, der hastige Gang mit der Zeit, zu der man gehört, wie die sagen, die aus ihr ihr Geschäft machen.

Es geht nicht darum, der zyklischen Zeit, der Zeit überströmender Mystik, nachzutrauern, sondern sie zu korrigieren, sie nach dem Menschen und nicht dem göttlichen Tier im Zentrum zu richten. Der Mensch der heutigen Zeit ist nicht auch ihr Mittelpunkt; er ist nicht mehr als ein Punkt. Die Zeit setzt sich aus einer Aufeinanderfolge von Punkten zusammen, von denen jeder einzelne Punkt ohne Beziehung zu dem anderen als absolut behandelt wird, als etwas Absolutes, das unaufhörlich wiederholt, wiedergekaut wird. Alle Gesten und Augenblicke sind gleich bedeutsam, denn sie befinden sich alle auf der gleichen Linie. Das ist die Prosa. Die Herrschaft des Quantitativen reicht vom gleichen zum selben. Sind die verabsolutierten Teile nicht auswechselbar? Ohne Verbindung untereinander, und daher getrennt vom Menschen selbst, folgen die Augenblicke des Überlebens einander und gleichen sich, wie sich die ihnen entsprechenden spezialisierten Haltungen folgen und gleichen: die Rollen. Man fickt genauso wie man Motorrad fährt. Jeder Augenblick besitzt sein Stereotyp,und die Splitter der Zeit tragen die Splitter der Menschen in eine unkorrigierbare Vergangenheit fort.

Wozu soll man Perlen in der Hoffnung auf eine Kette von Erinnerungen aufreihen? Wenn die Menge der Perlen wenigstens die Kette sprengen würde! In jedem Augenblick bohrt die Zeit ihr Loch, alles verschwindet darin, nichts Schöpferisches entsteht ?

Mich verlangt nicht nach einer Folge von Augenblicken, sondern nach einem großen Moment. Nach dem Erlebnis einer zeitlosen Totalität. Die Zeit, in der ich überdaure, ist nur die Zeit meines Alterns. Aber ich muß nun einmal überleben, um zum Leben zu kommen, und finde notwendig in dieser Zeit des Ijberlebens die Momente verwurzelt, die reich an Perspektiven und Möglichkeiten sind. Die Augenblicke zu verbinden, die Lust aus ihnen zu lösen, das Versprechen des Lebens aus ihnen zu ziehen: das heißt bereits eine "Situation" zu konstruieren lernen.

Die individuellen Überlebenslinien kreuzen sich,stoßen aufeinander und schneiden sich. Jede Linie, die der anderen freien Lauf läßt, behindert zugleich den eigenen, die Projekte annuSieren sich im Namen ihrer Autonomie. So entsteht die Geometrie der geteilten Macht.

Man glaubt in einer Welt zu leben und richtet sich in Wahrheit in einer Perspektive cin; nicht mehr in der gleichzeitigen Perspektive der primitiven Maler, sondern in der Perspektive der Rationalisten der Renaissance. Kaum entgehen die Blicke, Gedanken und Gesten der Anziehung eines entfernten, flüchtigen Punktes, der sie ordnet und berichtigt, sie in seine Bildwelt einbezieht. Die Macht ist der größte Städtebauer. Sie teilt das Überleben in private und öffentliche Parzellen ein, kauft billig die erschlossenen Terrains zurück und verbietet jede Konstruktion, die sich nicht an ihre Normen hält. Die Macht selbst baut, um jeden seiner Haut zu enteignen. Sie baut mit einer Schwerfälligkeit, um die sie ihre nachäffenden städtischen Bauherren beneiden, indem sie das alte Buch der Beschwörungen der heiligen Hierarchie in Bungalowkolonien für Unternehmer, in Reihenhäuser für Führungskräfte und Wohnblöcke für Arbeiter übersetzt.

Das Leben neu konstruieren, die Welt neu bauen: ein gleicher Wille.

XI. Vermittelte Abstraktion und abstrakte Vermittlung

Die Wirklichkeit ist heute in der Metaphysik gefangen, wie sie bereits einmal in der theologischen Vision gefangen war. Die Art zu sehen, wie sie die Herrschaft aufzwingt, "abstrahiert" die Vermittlung von ihrer ursprünglichen Funktion, die darin besteht, die Forderungen des Erlebten in die Wirklichkeit zu übertragen. Aber die Vermittlung verliert niemals völlig den Kontakt mit dem Erlebten, sie widersteht der Anziehung des autoritären Feldes. Auf dem Beobachtungsturm der Subjektivität setzt der Widerstandspunkt an. Bis heute haben die Metaphysiker die Welt organisiert; es kommt jetzt darauf an, sie gegen sie zu verändern (1). - Die Herrschaft des garantierten Überlebens läßt den Glauben an die Notwendigkeit der Macht zerbröckeln (2). - Auf diese Weise kündigt sich eine wachsende Verweigerung der Formen an, die uns regieren, eine Ablehnung ihres Ordnungsprinzips (3). - Die radikale Theorie, die die einzige Garantie einer zusammenhängenden Ablehnung ist, durchdringt die Massen, weil sie ihre spontane Kreativität fortsetzt. Die "revolutionäre" Ideologie ist die Theorie, die die Führer für ihre Zwecke an sich gezogen haben. - Die Worte existieren an der Grenze des Willens zu leben und seiner Unterdrückung; ihr Gebrauch entscheidet über ihren Sinn; die Geschichte kontrolliert die Art und Weise ihres Gebrauchs. Die geschichtliche Krise der Sprache kündigt eine mögliche Aufhebung durch die Poesie der Gesten hin zum großen Spiel der Zeichen an (4).

1 Auf welchem Umweg verfolge ich mich, daß ich mich schließlich verliere? Welche Wand trennt mich von mir unter dem Vorwand, mich zu schützen? Und wie soll ich mich in der Zerrissenheit wiederfinden, aus der ich bestehe? Ich nähere mich einer, ich weiß nicht wie großen. Ungewißheit, mich niemals zu erfassen. Es ist, als ob meine Schritte vor mir hergingen; als ob Gedanken und Gefühle sich mit den Konturen einer Landschaft vereinigten, die sie zu schaffen sich vorstellen, die sie aber in Wahrheit nach ihrem Bild formt. Eine absurde Kraft - die um so absurder ist, als sie zur Rationalität unserer Welt gehört und damit unbestreitbar erscheint -, zwingt mich dazu, unermüdlich zu springen, um einen Boden zu erreichen, den meine Füße niemals verlassen haben. Dieser unnütze Sprung zu mir selbst hin stiehlt mir meine Gegenwart; im Rhythmus der toten Zeit lebe ich fast nie im Einklang mit mir selbst.

Ich finde, man wundert sich viel zu selten darüber, daß die Welt in bestimmten Epochen den Formen der herrschenden Metaphysik gefolgt ist Mag der Glaube an Gott und den Teufel auch noch so schrullig gewesen sein, so hat er doch das eine oder andere Phantom in eine lebendige Wirklichkeit verwandelt, sobald die Gemeinschaft diese Phantome so gegenwärtig glaubte, daß ihre Gesetzestexte von ihnen beeinflußt wurden. Ebenso hat die idiotische Unterscheidung zwischen Ursache und Wirkung eine Gesellschaft zu beherrschen vermocht, in der das menschliche Verhalten und die Erscheinungen im allgemeinen nach Ursache und Wirkung analysiert wurden. Und auch heute noch kann niemand die abwegige Trennung von Denken und Handeln, Theorie und Praxis, Wirklichem und Vorgestelltem in ihrer Bedeutung unterschätzen. Solche Ideen bilden die Stärke jeder Organisation. Die Welt der Lüge ist eine wirkliche Welt, in der Menschen töten und getötet werden; besser ist es, das nicht zu vergessen. Es ist einfach, die Verkommenheit der Philosophie mit Ironie zu kritisieren. Die Philosophen der Gegenwart ziehen sich mit wissendem Lächeln hinter der Mittelmäßigkeit ihres Denkens zurück: sie wissen zumindest, daß die Welt ein philosophisches Gebilde, eine riesige ideologische Rumpelkammer bleiben vvird. Wir überleben in einer metaphysischen Landschaft. Die abstrakte und entfremdende Vermittlung, die mich von mir selbst entfernt, ist furchtbar konkret.

Die Gnade hat als göttliches Geschenk an den Menschen Gott selbst überlebt und sich verweltlicht. Statt zur Theologie gehört sie jetzt zur Metaphysik, im Individuum aber, in dem sie sich festgesetzt hat, hat sie sich gehalten, bestimmt sein Handeln, ist zu einer Art verinnerlichter Regierung geworden. Als die Freudsche Bilderwelt über dem Tor zum Ich das Monster des Über-Ichs aufstellt, erliegt sie weniger der Versuchung übertriebener Vereinfachung als vielmehr der Weigerung, die Suche nach dem gesellschaftlichen Ursprung der Zwänge konsequent weiterzuverfolgen. (Was Reich sehr wohl verstanden hat.) Die Unterdrückung herrscht gerade, weil die Menschen gespalten sind, sowohl untereinander als auch in sich selbst. Was uns von uns selbst trennt und uns schwächt, vereinigt uns auf der Grundlage falscher Bindungen mit der Macht, die auf diese Weise stark und zum Beschützer, zum Vater gemacht wird.

"Die Vermittlung", sagt Hegel, "ist die sich bewegende Sichselbstgleichheit." Doch kann sich bewegen auch sich verlieren bedeuten. Und wenn er hinzufügt, daß es sich dabei um "die reine Negativität oder das einfache Werden" handelt, dann kann der Sinn ohne weiteres vollkommen entgegengesetzt sein, je nachdem, ob ich mich in die Perspektive der totalitären Macht oder in die Perspektive des totalen Menschen versetze.

Sobald sich die Vermittlung meiner Kontrolle entzieht, lenkt mich ein Schritt, den ich für meinen eigenen halte, sogleich zum Fremden, zum Unmenschlichen hin. Engels hat ganz richtig gezeigt, daß ein Stein, ein Teil der dem Menschen fremden Natur, menschlich wird, sobald er als Werkzeug zur Verlängerung der Hand dient (und der Stein gibt dann auch seinerseits der Hand der menschlichen Art einen menschlichen Zug). Doch sobald ein Herr, ein Boß, eine Planungskommission oder eine andere Führungsorganisation sich das Werkzeug aneignet, verändert es seine Bedeutung und leitet die Gesten desjenigen, der das Werkzeug benutzt, zu anderen Verlängerungen hin um. Was für das Werkzeug gilt, gilt fur alle Formen der Vermittlung.

So wie Gott als Ratgeber bei der Gewährung der Gnade herrschte, so zieht das Herrschaftsprinzip die größtmögliche Zahl von Vermittlungen in seinen Bann. Die Macht ist die Summe der entfremdeten und entfremdenden Vermittlungen. Die Wissenschaft (scientia theologiae ancilla) hat die Umwandlung der göttlichen Lüge in operationelle Information, in organisierte Abstraktion bewerkstelligt und damit dem Wort seine etymologische Bedeutung wiedergegeben - ab-trahere, fortziehen von.

Die Energie, die das Individuum aufbringt, um sich zu verwirklichen und sich mit seinen Wünschen und Träumen in die Welt hinein auszudehnen, wird plötzlich gebremst, aufgestaut, woandershin abgeleitet, wieder eingefangen. Die normale Phase der Selbstverwirklichung wechselt in eine andere Sphäre über, verläßt das Kraftfeld des Erlebten, verliert sich in der Schwerelosigkeit der Transzendenz.

Nun gehorcht der Mechanismus der Abstrahierung allerdings nicht widerspruchslos dem autoritären Prinzip. Der Mensch betritt trotz aller Schwächung durch den Diebstahl seiner Vermittlung das Labyrinth der Macht mit den Waffen der Aggressivität eines Theseus. Wenn er sich darin verliert, dann deshalb, weil er zuvor Ariadne, sein zartes Band zum Leben, verloren hat. Denn allein die stetige Beziehung zwischen Theorie und erlebter Praxis läßt das Ende aller Dualitäten, die Herrschaft der Totalität und das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen erhoffen.

Der Sinn für das Menschliche läßt sich nicht widerstandslos, nicht kampflos in die Irre des Unmenschlichen führen. Wo findet diese Auseinandersetzung statt? Stets in der unmittelbaren Verlängerung des Erlebten, in der Spontaneität. Nicht, daß ich hier der abstrakten Vermittlung eine rohe, sagen wir instinktive Spontaneität gegenüberstelle, das hieße nur, die idiotische Wahl zwischen reiner Spekulation und borniertem Aktivismus, die Aufspaltung in Theorie und Praxis auf ein höheres Niveau zu verlagern. Die angemessene Taktik liegt vielmehr darin, genau an dem Punkt anzugreifen, wo die Wegelagerer dem Erlebten auflauern, an der Grenze zwischen der sich entwickelnden Geste und ihrer pervertierten Verlängerung, genau in dem Moment, wo die spontane Geste in den Sog des entgegengesetzten Sinnes und des Mißverständnisses gerät. Wir haben dann für eine winzige Zeitspanne einen Rundblick, der gleichzeitig, in derselben Momentaufnahme des Bewußtseins, die Forderungen des Willens zu leben und das, was die gesellschaftliche Organisation daraus machen will, umfaßt; das Erlebte und seine Integrierung in die autoritären Maschinen. Der Punkt des Widerstandes liegt am Aussichtsturm der Subjektivität. Ebenso ist meine Erkenntnis der Welt erst von dem Augenblick an gültig, wo ich die Welt zu verändern beginne.

2 Die Vermittlung der Macht erpreßt fortwährend die unmittelbare Gegenwart. Zwar spiegelt der Gedanke, daß eine Geste sich nicht in der Totalität ihrer Implikationen vollenden kann, genau die Wirklichkeit einer mangelhaften Welt, einer Welt der fehlenden Totalität wider: doch zugleich verstärkt dieser Gedanke den metaphysischen Charakter dieses Tatbestandes, die offizielle Verfälschung. Der gesunde Menschenverstand hat sich Gemeinplätze zu eigen gemacht wie "Die Chefs werden immer nötig sein" und "Ohne Autorität würde die Menschheit in Barbarei und Chaos gestürzt werden" und tutti quanti. Es ist wahr, daß die Gewohnheit den Menschen so sehr verstümmelt hat, daß er glaubt, durch Selbstverstümmelung dem Naturgesetz zu gehorchen. Vielleicht ist es auch das Vergessen seines eigenen Verlustes, das ihn so gut an den Pranger seiner Unterwürfigkeit fesselt. Jedenfalls entspricht es reiner Sklavenmentalität, die Macht mit der einzig möglichen Form des Lebens zu verbinden, mit dem Überleben. Und den Zwecken der Herren dient es ausgezeichnet, ein derartiges Gefühl zu ermutigen.

Im Kampf der menschlichen Art um ihr Überleben bildete die hierarchisierte gesellschaftliche Organisation zweifellos eine entscheidende Etappe. Der Zusammenhalt einer Gemeinschaft um ihren Chef herum versprach zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte die sicherste, vielleicht die einzige rettende Chance. Doch wurde das Überleben für den Preis einer neuen Entfremdung garantiert; was das Überleben schützte, machte den Menschen zum Gefangenen, was das Überleben am Leben erhielt, hemmte das Wachstum des Menschen. Die Regime der Feudalherrschaft stellen ohne Beschönigung den Widerspruch zur Schau: der Leibeigene, halb Mensch, halb Tier, in Nachbarschaft mit einer Handvoll Privilegierter, von denen einige versuchen, individuell überströmende Lebenskraft zu finden.

Die feudale Konzeption sorgte sich wenig um das Überleben im eigentlichen Sinn: die Hungersnöte, die Epidemien und Massaker rafften Millionen von Menschen von der besten aller Welten fort, ohne daß sich die Generationen von kultivierten und schöngeistigen Lebemännern darüber allzusehr erregten. Die Bourgeoisie findet dagegen im Überleben den Rohstoff ihrer ökonomischen Interessen. Das Bedürfnis, sich zu ernähren und materiell auskömmlich zu leben, motiviert zwangsläufig Handel und Industrie. Und zwar so stark, daß es nicht übertrieben ist, in dem Primat der Wirtschaft, dieses Dogma des bürgerlichen Geistes, sogar den Ursprung ihres berühmten Humanismus zu sehen. Die Bourgeoisie zieht nur deshalb den Menschen Gott vor, weil der Mensch produziert, konsumiert, kauft und liefert.

Die Bourgeoisie hat allen Grund, am göttlichen Universum, das diesseits der Wirtschaft herrscht, ebensoviel Mißfallen zu finden, wie an der Welt des totalen Menschen, die ihr Jenseits ist.

Die Konsumgesellschaft befriedigt die Ansprüche des Überlebens mehr als ausreichend, sie bläht sie künstlich auf, und dadurch erregt sie zugleich eine neue Lust zu leben. Überall, wo das Überleben ebenso garantiert ist wie die Arbeit, verwandelt sich ehemaliger Schutz in Schranken. Der Kampf um das Überleben verhindert nicht nur das wahre Leben, sondern zerschleißt als ein Kampf ohne wirkliche Forderungen auch das Überleben selbst, macht prekär, was bisher nur lächerlich war. Wenn das Überleben keine neue Haut bekommt, wird es zerplatzen und uns dabei alle in seiner zu eng gewordenen Haut ersticken.

Der Schutz der Herren hat seine Existenzberechtigung verloren, seitdem die mechanische Fürsorge durch "gadgets" theoretisch für den notwendigen Unterhalt des Sklaven aufkommt. Künftig ist der mit Sachverstand genährte Schrecken vor einem thermonuklearen Schlußakt die "ultima ratio" der Führer. Ihre Existenz wird durch die Friedlichkeit der Koexistenz garantiert. Doch die Existenz der Führer garantiert nicht mehr die Existenz der Menschen. Die Macht schützt nicht mehr, sie schützt sich selbst gegen jedermann. Die Macht, die spontane Kreation der Unmenschlichkeit durch den Menschen war, ist heute nur noch unmenschliches Verbot der Kreation.

3 Jedesmal, wenn die totale und sofortige Vollendung einer Geste hinausgeschoben wurde, hat sich die Macht in ihrer Funktion als die große Vermittlerin verstärkt. Die spontane Poesie ist dagegen Anti-Vermittlung par excellence. Schematisch ist die Annahme begründet, daß der Aspekt der zerstückelten Herrschaft des bourgeoisen und sowjetischen Typs als "Summe der Zwänge" sich allmählich in einer Organisation auflöst, deren Rückgrat mehr und mehr entfremdende Vermittlungen formen. Die ideologische Faszination ersetzt das Bajonett. Diese perfektionierte Herrschaftsform stellt den Vergleich mit kybernetischen Elektronenrechnern her. Der elektronische Argus programmiert und unterdrückt, den vorsichtigen Anweisungen der technokratischen und spezialisierten Linken entsprechend, die kleinen Mittelsmänner (geistige Oberhäupter, Putschistengeneräle, Franco-Stalinisten und andere Kinder Ubus) und errichtet seine absolute Herrschaft und den Wohlstandsstaat. Doch je stärker er die Vermittlungen entfremdet, um so unstillbarer wird der Durst nach dem unmittelbar Erlebten, um so vollständiger schafft die wilde Poesie der Revolutionen die Grenzen ab. In ihrem letzten Stadium wird die Autorität in der Verbindung von abstrakt und konkret ihren höchsten Punkt erreichen. Die Macht herrscht bereits durch die Abstraktion, so wie sie immer noch durch die Guillotine herrscht. Das Gesicht der Welt, das von ihr beleuchtet wird, gliedert sich in einer Metaphysik des Wirklichen. Kein Wunder, daß man all die treuen Philosophen der Macht ihre Dienste als Technokraten, Soziologen oder Spezialisten für jeden Zweck unterwürfig fortsetzen sieht.

Die nackte Form, die die Gesellschaft beunruhigt, ist das erkennbare Gesicht des Todes der Menschen. Es ist die Neurose vor der Nekrose, die Krankheit des Überlebens, die sich mit der Schnelligkeit ausbreitet, mit der Bilder, Formen und Dinge an die Stelle des Erlebten treten, mit der die entfremdete Vermittlung das Erlebte in Gegenstände verwandelt, versteinert. Es könnte ein Mensch, ein Baum oder ein Stein sein ? prophezeit Lautreamont.

Gombrowicz läßt der Form, dieser alten Kupplerin der Macht, die heute in den Ehrenrang der Regierungsinstanzen befördert ist, eine verdiente Würdigung zuteil werden:

"Ihr habt nicht einmal die große Bedeutung, die die Form in Eurem Leben hat, richtig begriffen oder anderen verständlich gemacht. Und selbst in der Psychologie habt Ihr der Form nicht den ihr zukommenden Platz eingeräumt. Bis jetzt denken wir, daß Gefühle, Momente und Ideen unser Verhalten bestimmen, und betrachten die Form lediglich als ungefährliches, schmückendes Beiwerk. Und wenn die Witwe unter Tränen dem Sarg ihres Mannes folgt, denken wir, daß sie aus Schmerz über ihren Verlust weint. Wenn irgendein Ingenieur, Arzt oder Anwalt seine Frau, seine Kinder oder einen Freund tötet, denken wir, daß ihn blutrünstige oder gewalttätige Instinkte zu der Tat getrieben haben. Wenn irgendein Politiker eine einfältige, lügnerische und kleinliche Rede hält, halten wir ihn für beschränkt, weil er sich beschränkt ausdrückt. Doch in Wahrheit ist die Situation folgendermaßen: der Mensch drückt sich nicht unmittelbar, seiner eigenen Natur folgend aus, sondern stets vermittels einer festgelegten Form, und diese Form, diese Art zu leben, zu sprechen und zu reagieren, kommt nicht allein aus ihm selbst heraus, sondern wurde ihm von außen her aufgezwungen.

Und deshalb zeigt sich derselbe Mensch bald weise, bald beschränkt, blutrünstig oder engelhaft, reif oder unreif, der Form und dem Druck der Konditionierung folgend ? Wann werdet Ihr Euch bewußt der Form widersetzen? Wann werdet Ihr Euch nicht mehr mit dem identifizieren, was Euch definiert?"

4 Marx schreibt in seiner "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie": "Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ,ad hominem' demonstriert, und sie demonstriert ,ad hominem', sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst."

Die radikale Theorie ergreift die Massen, weil sie zunächst aus ihnen hervorgegangen ist. Ihre Mission als Treuhänderin einer spontanen Kreativität besteht darin, ihr Schlagkraft zu verleihen. Sie ist die revolutionäre Technik im Dienst der Poesie. Eine Analyse vergangener und gegenwärtiger Aufstandsbewegungen, die ohne den Willen vorgebracht wird, den Kampf mit mehr Zusammenhang und Wirksamkeit erneut aufzunehmen, dient zwangsweise dem Feind, reiht sich in die herrschende Kultur ein. Man kann nicht positiv von revolutionären Momenten sprechen, ohne sie in absehbarer Zeit zum Leben zu erwecken. An diesem einfachen Kriterium lassen sich leicht die umherirrenden, hausierenden Denker der planetarischen Linken erkennen.

Diejenigen, die wissen, wie man eine Revolution am besten beendet, sind auch die ersten, die sie denjenigen erklären, die sie gemacht haben. Sie haben die gleichen hervorragenden Gründe für ihre Erklärung wie auch für ihre Beendigung; das ist das wenigste, was man sagen kann. Sobald die Theorie den Handwerkern der Revolution aus den Händen gleitet, wendet sie sich gegen sie. Was das Volk nicht durch die Kraft seiner Waffen stärkt, stärkt die Kraft derjenigen, die es entwaffnen. Der Leninismus ist auch die Revolution, die den Matrosen von Kronstadt und den Anhängern Machnos durch Gewehrkolben erklärt wurde. Eine Ideologie.

Wenn die Führer sich der Theorie bemächtigen, verwandelt sie sich in ihren Händen in eine Ideologie, in eine Argumentation "ad hominem" gegen den Menschen selbst. Die radikale Theorie fließt aus dem Individuum, dem Menschen als Subjekt: kraft der stärksten schöpferischen Energie eines jeden in ihr, kraft der Subjektivität und des Willens zur Verwirklichung ergreift sie die Massen. Im Gegensatz dazu ist die ideologische Konditionierung eine technische Manipulation der Unmenschlichkeit, des Gewichts der Dinge. Sie verwandelt Menschen in Objekte, die keinen anderen Sinn haben als die Ordnung, in die sie sich einfügen. Sie verbindet sie, um sie zu isolieren, macht aus der Masse eine Menge Einsamer.

Die Ideologie ist die Lüge des Sprachgebrauchs; die radikale Theorie ist die Wahrheit des Sprachgebrauchs; ihr Konflikt, der der Konflikt zwischen dem Menschen und dem Teil an Unmenschlichkeit, der von ihm ausgeht, ist, bestimmt über die Umwandlung der Welt in menschliche Wirklichkeiten wie über ihre Verwandlung in metaphysische Wirklichkeiten. Alles, was Menschen schaffen und wieder auflösen, wird durch die Sprache vermittelt. Der Bereich der Sprache ist eines der bedeutendsten Schlachtfelder, auf dem sich der Wille zu leben und der Geist der Unterwürfigkeit begegnen.

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Der Konflikt ist ungleich. Die Worte dienen der Macht besser, als sich die Menschen ihrer bedienen. Die Worte dienen der Macht treuer als der Mehrzahl der Menschen, gewissenhafter als andere Vermittlungen (Raum, Zeit, Technik ?). Alle Transzendenz entspringt der Sprache, entsteht in einem System von Zeichen und Symbolen (Worte, Tanz, Rituale, Musik, Skulptur, Baukunst ?). Gerade in dem Augenblick, wo die plötzlich ausgesetzte, unvollendete Geste eine Form sucht, um sich durch sie früher oder später zu vollenden, zu verwirklichen, bemächtigt sich die Sprache des Erlebten, nimmt es gefangen, beraubt es seiner Substanz, abstrahiert es - wie ein Generator mechanische Energie in elektrische Energie umwandelt und sie über eine Entfernung von vielen Kilometern auf einen anderen Motor überträgt, der die elektrische Energie wiederum in mechanische Energie umwandelt. Und die Kategorien stehen bereit, um alles, was nicht in ihr Schema paßt, zur Unverständlichkeit, zum Unsinn zu verurteilen, rufen alles zum Leben-in-der-Macht auf, was im Nichts ruht, was noch nicht seinen Platz im Schoße der Ordnung hat. Die Wiederholung anerkannter Zeichen begründet die Ideologie.

Jedoch gebrauchen die Menschen die Worte und Zeichen auch, um zu versuchen, ihre unterbrochenen Gesten zu vollenden. Und weil sie es tun, gibt es eine poetische Sprache, eine Sprache des Erlebten, die für mich in der radikalen Theorie, der Theorie, die die Massen ergreift und die materielle Gewalt wird, aufgeht. Früher oder später wird die Poesie schon die Gelegenheit, sich zu vollenden, selbst dann finden, wenn sie eingefangen und gegen ihr anfängliches Ziel gerichtet wird. Das "Proletarier aller Länder ?", das den stalinistischen Staat geschaffen hat, wird eines Tages die klassenlose Gesellschaft verwirklichen. Die Ideologie kann kein einziges poetisches Zeichen endgültig an sich reißen.

Der Sprachgebrauch, der die radikalen Gesten, die schöpferischen Gesten, die menschlichen Gesten par excellence, von ihrer Verwirklichung ablenkt, wird zur Anti-Poesie, definiert die sprachliche Funktion der Macht, ihre Wissenschaft der Information. Diese Information ist das Modell der falschen Kommunikation, der Kommunikation des Unechten, des Unerlebten. Ein Prinzip scheint mir fest verankert: sobald der Gebrauch einer Sprache nicht mehr dem Willen zur Verwirklichung gehorcht, verfälscht er die Kommunikation; er kommuniziert dann nur noch dieses täuschende Versprechen der Wahrheit, das Lüge heißt Aber diese Lüge ist die Wahrheit dessen, was mich zerstört, korrumpiert, unterwirft. So gesehen sind die Zeichen Schnittpunkte, von denen die entgegengesetzten Perspektiven, die sich die Welt teilen und sie konstruieren, auseinandergehen: die Perspektive der Macht und die Perspektive des Willens zu leben.

Jedes Wort, jede Idee, jedes Symbol besitzt die Karte eines Doppelagenten. Das Wort "Vaterland" zum Beispiel oder die Uniform eines Polizisten dienen in den meisten Fällen der Macht; doch soll man sich davon nicht täuschen lassen, denn das Aufeinanderprallen von zwei rivalisierenden Ideologien oder selbst ihre einfache Abnutzung können leicht einen guten Anarchisten aus jemandem machen, der alle Zeichen des gemeinsten Söldners trägt (ich denke hierbei an den schönen Titel, den Bellegarigue für seine Zeitschrift gewählt hat: "L'Anarchie, journal de l'Ordre").

Für das herrschende Zeichensystem - das das System der herrschenden Kasten ist - gibt es nur die Zeichen des Söldners, von denen der König, so sagt Humpty-Dumpty, diejenigen doppelt bezahlt, die er häufig braucht. Doch im Grunde gibt es keinen Söldner, der sich nicht darauf freut, eines Tages den König umzubringen. Da wir dazu verdammt sind, mit der Lüge zu leben, müssen wir lernen, in sie ein Körnchen zersetzender Wahrheit zu streuen. Der Agitator geht genauso vor: er gibt seinen Zeichen und Worten das Gewicht erlebter Wirklichkeit, die alle anderen in ihren Sog zieht. Er entwendet.

Allgemein betrachtet ist der Kampf für den Gebrauch der Sprache der Kampf für die Freiheit zu leben. Für die Umkehrung der Perspektive. In ihm stoßen metaphysische Tatsachen und tatsächliche Wirklichkeit aufeinander; ich meine damit: Tatsachen, die auf statische Art und Weise in einem System der Interpretation der Welt erfaßt werden, und Tatsachen, die in ihrem Werden, in der sie verwandelnden Praxis erfaßt werden.

Die Macht läßt sich nicht wie eine Regierung stürzen. Die Einheitsfront gegen die Autorität deckt die ganze Weite des Alltagslebens und verpflichtet die ungeheure Mehrzahl von Menschen. Zu leben versteht, wer es versteht, nicht einen Fingerbreit in seinem Kampf gegen den Verzicht zurückzuweichen. Niemand soll die Geschicklichkeit der Macht unterschätzen, die darin besteht, ihre Sklaven so sehr mit Worten zu füttern, bis sie die Sklaven ihrer Worte geworden sind.

Welche Waffen besitzt jeder einzelne im Kampf um seine Freiheit? Drei lassen sich anführen:

1. die im Sinn der Poesie korrigierte Information: Entschlüsselung von Neuigkeiten, Übersetzung offizieller Ausdrücke (aus "Gesellschaft" wird in der der Macht entgegengesetzten Perspektive "Erpressung" oder "Ort der hierarchisierten Macht"), eventuell ein Wörterbuch mit Erläuterungen oder eine Enzyklopädie (Diderot hat deren Bedeutung klar erkannt; die Situationisten ebenfalls).

2. der offene Dialog, die dialektische Sprache; das Palaver und jede Form von Diskussion, die nicht spektakulär ist.

3. das, was Jakob Böhme sensualische Sprache nennt, "weil sie ein kristallinischer Spiegel unserer Sinne ist". "In der sensualischen Sprache verschmelzen alle Sinne, die keine Sprache mehr brauchen, weil sie die Sprache der Natur gefunden haben." Wenn man sich auf das bezieht, was ich als Neuschaffung der Natur bezeichnet habe, so erscheint die Sprache, von der Böhme spricht, als die Sprache der Spontaneität, des Handelns, der individuellen und kollektiven Poesie; die Sprache, die auf das Projekt der Verwirklichung hin ausgerichtet ist, das Erlebte aus den "Höhlen der Geschichte" herausführt. Dazu gehört auch, was Paul Brousse und Ravachol unter der "Propaganda der Tat" verstanden.

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Es gibt eine schweigende Kommunikation. Die Verliebten kennen sie gut. Auf dieser Stufe scheint die Sprache ihre Bedeutung als wesentliche Vermittlung zu verlieren, das Denken lenkt nicht mehr ab (entfernt nicht mehr von sich selbst), Worte und Zeichenwerden Zugabe, Luxus, Überschwang. Man denke nur an das Poussieren, die wunderlichen Zurufe und Zärtlichkeiten, die so außerordentlich lächerlich für jemanden sind, der die Trunkenheit von Liebenden nicht teilt. Zur direkten Kommunikation führt auch die Antwort Lehautiers, als er auf die Frage des Richters, welche anarchistischen Genossen er in Paris kenne, antwortete: "Die Anarchisten brauchen sich nicht zu kennen, um dasselbe zu denken." Für die radikalen Gruppen, die den höchsten theoretischen und erlebten Zusammenhang erreichen, werden die Worte manchmal das Privileg des Spielens und Sich-Liebens haben. Identität von Erotik und Kommunikation.

Ich öffne hier eine Klammer: man konnte oft feststellen, daß sich die Geschichte von hinten her entwickelte; das Problem der überflüssig gewordenen Sprache, des Sprach-Spiels, ist einmal mehr Beweis dafür. Eine barocke Strömung durchzieht die Geistesgeschichte, die in der subversiven Absicht, die sprachliche Ordnung und die Ordnung im allgemeinen zu stören, mit Worten und Zeichen ihr Spiel treibt. Nun leitet die Attentatsserie gegen die Sprache, die von den Plündereien über die Horden der Bilderstürmer bis zu Jean-Pierre Brisset geht, ihr wahres Licht von der dadaistischen Explosion her. Der Wille, sich mit den Zeichen, Gedanken und Worten zu schlagen, trifft sich zum erstenmal im Jahr 1916 mit einer wahren Kommunikationskrise. Die Liquidierung der Sprache, die so häufig spekulativ betrieben wurde, fand schließlich die Möglichkeit ihrer geschichtlichen Verwirklichung.

Solange eine Epoche felsenfest an die Transzendenz der Sprache und an Gott, den Herrn über alle Transzendenz, glaubte, gehörte die Anzweiflung der Zeichen in den Bereich terroristischer Aktivität. Als jedoch die Krise der menschlichen Beziehungen das einheitliche Netz mythischer Kommunikation zerrissen hatte, erhielt das Attentat gegen die Sprache das Gesicht einer Revolution. So sehr, daß man fast versucht wäre, in der Art Hegels zu behaupten, daß der Zerfall der Sprache sich die dadaistische Bewegung ausgesucht hat, um sich dem menschlichen Bewußtsein mitzuteilen. Unter dem einheitlichen Regime ist der gleiche Wille, mit den Zeichen zu spielen, ohne Echo geblieben, wurde gewissermaßen von der Geschichte verraten. Dada brandmarkte die verfälschte Kommunikation und begann damit das Stadium der Aufhebung der Sprache, die Suche nach der Poesie. Die Sprache des Mythos und die Sprache des Spektakels kapitulieren heute vor der Wirklichkeit der Tatsachensprache. Diese Sprache, die alle Ausdrucksweisen kritisiert, trägt in sich ihre eigene Kritik. Armselige Nacheiferer Dadas! Weil sie nichts von der Notwendigkeit der Aufhebung, die Dada einschloß, begriffen haben, fahren sie fort herumzustottern, daß sich unsere Dialoge unter Tauben abspielen. Ihren Freßtrog haben sie sich für die Zeit des spektakulären Zerfalls der Kultur gut gefüllt.

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Die Sprache des totalen Menschen wird die totale Sprache sein; vielleicht das Ende der alten Sprache mit Worten. Diese Sprache zu erfinden heißt, den Menschen bis ins Unbewußte hinein neu zu konstruieren. In der zerbrochenen Ehe von Gedanken, Worten und Gesten sucht sich die Totalität durch ihr Gegenteil hindurch. Wir werden noch sprechen müssen bis zu dem Moment, wo die Tatsachen uns zu schweigen erlauben.

Die unmögliche Verwirklichung
oder
Die Macht als Summe der Verführungen

Der Zwang zerbricht die Menschen, die Vermittlung mißbraucht sie, die Verführung durch die Macht macht ihr Elend liebenswert. Sie verzichten auf das, woran sie am reichsten sind:

  1. zugunsten einer Sache, die sie verstümmelt (XII.);

  2. zugunsten einer fiktiven Einheit, die sie in Stücke bricht (XIII.);

  3. zugunsten eines Scheins, der sie verdinglicht (XIV.);

  4. zugunsten von Rollen, die sie vom echt Erlebten ausschließen (XV.);

  5. um in eine Zeit einzutreten, die mit ihnen vergeht (XVI.).



XII. Das Opfer

Es gibt einen Reformismus des Opfers, der nichts anderes als ein Opfer für den Reformismus ist. Die humanistische Selbstverstümmelung und die faschistische Selbstzerstörung lassen am Ende nur noch die Wahl des Todes. - Jede "gerechte Sache" ist gleichermaßen unmenschlich. - Der masochistischen Epidemie widersetzt sich der Wille zu leben, der sich überall dort bekräftigt findet, wo unter Vorwänden Revolten gesucht werden; mit scheinbaren Teilforderungen bereitet er die Revolution ohne Namen vor, die Revolution des Alltagslebens (1). - Die Ablehnung des Opfers ist die Ablehnung der Gegenleistung; das Individuum ist nicht austauschbar. - Drei strategische Auffangstellungen sind bereits für das freiwillige Opfer angelegt: die Kunst, die großen menschlichen Gefühle, die Gegenwart (2).

1 Wo es der Gewalt und der Lüge nicht gelingt, den Menschen zu brechen und zu zähmen, versucht es die Verführung. Was ist die von der Macht eingesetzte Verführung? Verinnerlichter in das gute Gewissen der Lüge verhüllter Zwang; Masochismus des ehrenwerten Mannes. Man mußte Selbstlosigkeit nennen, was lediglich Kastration war, in den Farben der Freiheit malen, was lediglich eine Wahl zwischen mehreren Arten der Knechtschaft war. Das "Gefühl der Pflichterfüllung" macht jedermann zum ehrenwerten Henker seiner selbst.

In "Elementare Banalitäten" (,Internationale Situationniste' Nr. 7 und Nr. 8) habe ich gezeigt, wie die Dialektik von Herr und Knecht verlangt, daß die wirkliche Opferung des Knechts in die mythische Opferung des Herrn verpackt wird, der eine opfert geistig seine wirkliche Macht dem Gemeinwohl, der andere opfert materiell sein wirkliches Leben einer Macht, die er nur scheinbar teilt. Das Netz des generalisierten Anscheins oder, wenn man so will, die von der Bewegung der entziehenden Aneignung von Anfang an verlangte grundlegende Lüge (die Aneignung der Dinge durch die Aneignung der Lebewesen), gehört unauflöslich zur Dialektik des Opfers und begründet so die berühmte Trennung. Der Irrtum der Philosophen bestand darin, eine Lehre vom Sein und eine Vorstellung vom bleibenden Menschen auf etwas zu gründen, das nichts anderes als gesellschaftlicher Zufall, zufällige Notwendigkeit war. Die Geschichte bemüht sich, die entziehende Aneignung zu beseitigen, seitdem sie nicht mehr den Bedingungen ihres Entstehens entspricht; doch der metaphysisch aufrechterhaltene Irrtum darüber dient auch weiterhin den Herren, der "bleibenden" herrschenden Minderheit.

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Das gleiche Mißgeschick, das das Opfer trifft, ereilt auch den Mythos. Das bürgerliche Denken enthüllt seine materielle Grundlage, verweltlicht, zerbricht ihn; ohne ihn allerdings zu beseitigen, denn das würde für die Bourgeoisie das Ende der Ausbeutung und damit ihr Ende bedeuten. Das Spektakel des Bruchstücks stellt lediglich eine Phase im Zerfall des Mythos dar; ein Zerfall, den heute die Diktatur des Konsumierbaren beschleunigt. Ebenso geht die alte Opfergabe, die sich mit den kosmischen Kräften verband, im Tausch-Opfer verloren, das nach den Tariftabellen der Sozialversicherung und den demokratischen Gesetzen eingestuft wird. Das Opfer fanatisiert im übrigen immer weniger, so wie die klägliche "show" der Ideologen immer weniger verführt. Die große Brunst des ewigen Heils läßt sich nicht straflos durch kleine, private Masturbationen ersetzen. Die unsinnige Hoffnung auf ein Jenseits läßt sich nicht durch die Berechnung der Beförderung kompensieren. Held des Vaterlandes, Held der Arbeit, Held des Kühlschrankes und des Denkens auf Raten ? Der Ruhm der Chinavasen ist gesprungen.

Das ist kein Hinderungsgrund. Das nahende Ende eines Leidens wird mich nie mehr darüber hinwegtrösten, daß ich es jetzt ertragen muß. Die Tugend des Opfers wird überall gepredigt. Mit den roten Priestern vereinigen sich die ökumenischen Bürokraten. Wodka und "Tränen Christi". Kein Messer mehr zwischen den Zähnen, sondern der Speichel Christi! Opfert euch freudig, Brüder! Für die gerechte Sache, für die Ordnung, für die Revolution, für die Partei, für die Einheitsfront, für den Rinderbraten!

Von den alten Sozialisten stammt ein berühmter Satz: "Man glaubt, für das Vaterland zu sterben, doch man stirbt für das Kapital." Ihre Erben werden heute von ähnlichen Sätzen gegeißelt: "Man glaubt, für das Proletariat zu kämpfen, doch man stirbt für seine Funktionäre." "Man glaubt, für die Zukunft zu bauen, doch man gerät mit der Stahlproduktion auf das Baugerüst des Fünfjahresplans." Doch was tun die jungen Türken der revoltierenden Linken, nachdem sie diese Slogans vom Tisch gefegt haben? Sie treten in den Dienst einer gerechten Sache, der "gerechtesten". Die Zeit ihrer Kreativität verbringen sie mit der Verteilung von Flugblättern, mit dem Kleben von Plakaten, mit Demonstrationen, stellen den Landtagspräsidenten zur Rede. Sie sind Aktivisten. Man muß schon handeln, denn die anderen denken ja für einen. Die Schublade des Opfers ist bodenlos.

Die gerechteste Sache ist die, bei der man am besten Körper und Seele aufgibt. Die Gesetze des Todes sind nichts anderes als die verleugneten Gesetze des Willens zu leben. Der Sieg gehört entweder der Seite des Todes oder der Seite des Lebens; auf der Ebene des Bewußtseins ist kein Gleichgewicht, kein Kompromiß möglich. Man kann nur ganz das eine oder ganz das andere verteidigen. Die frenetischen Anhänger der absoluten Ordnung - Chouans, Nazis, Carlisten - haben mit schöner Konsequenz bewiesen, daß sie auf der Seite des Todes kämpften. Zumindest die Linie des "viva la muerte!" ist rein und ohne Fehl. Die Reformisten des Todes in kleinen Dosen - die Sozialisten der Langeweile - können nicht einmal die absurde Ehre einer Ästhetik der totalen Zerstörung für sich beanspruchen. Sie können nur die Leidenschaft zu leben mäßigen, sie so verhärten, daß sie sich schließlich gegen sich selbst wendet und zur Leidenschaft der Zerstörung und Selbstzerstörung wird. Sie sind die Gegner der Vernichtungslager im Namen des Maßhaltens. Im Namen maßvoller Macht, im Namen maßvollen Todes.

Die Anhänger absoluter Aufopferung für den Staat, die gerechte Sache, den Führer, diese großen Verächter des Lebens, haben mit denen, die der Moral und der Technik des Verzichts ihre Wut zu leben entgegensetzen, einen antagonistischen, doch ähnlich geschärften Sinn für das Fest gemeinsam. Es scheint, daß das Leben ein so spontanes Fest ist, daß es, wenn es von einer ungeheuerlichen Askese auf die Folter gespannt wird, mit einem Schlag dem ganzen leuchtenden Glanz, der ihm geraubt wurde, ein Ende setzt. Das Fest, das die asketischen Legionen, die Söldner, die Fanatiker, die Bullen des Kampfes auf Leben und Tod kennen, ist ein makabres Fest, erstarrt wie in der Ewigkeit eines Blitzlichts, ästhetisiert. Die Fallschirmjäger, von denen Bigeard spricht, gehen ästhetisch, Statuen, Korallenriffen der Tiefsee gleich, in den Tod, vielleicht mit dem Bewußtsein, am Gipfel ihrer Hysterie angelangt zu sein. Die Ästhetik ist das verkalkte Fest, das Fest ohne Bewegung, das Fest ohne Leben, enthauptet wie der Kopf eines Jivaro; das Fest des Todes. Der Teil Ästhetik, der Teil Pose entspricht im übrigen dem Teil des Todes, den das Alltagsleben ständig aussondert. Jede Apokalypse trägt eine gestorbene Schönheit in sich. Chanson der Schweizer Garden, das uns Louis-Ferdinand Céline lieben lehrte!

Das Ende der Kommune ist keine Apokalypse. Zwischen den Nazis, die davon träumten, die ganze Welt bei ihrem Untergang mit sich zu reißen, und den Kommunarden, die davon träumten, ganz Paris in Flammen aufgehen zu sehen, liegt der Unterschied zwischen der brutalen Bejahung des totalen Todes auf der einen Seite und der brutalen Verleugnung des totalen Lebens auf der anderen Seite. Die ersteren beschränken sich darauf, den Prozeß logischer Vernichtung auszulösen, den die Humanisten mit ihrer Lehre von Unterwürfigkeit und Verzicht aufgebaut haben. Die letzteren wissen, daß sich ein leidenschaftlich konstruiertes Leben nicht rückgängig machen läßt; daß es lustvoller ist, es ganz zu zerstören, als seine Verstümmelung zu erleben; daß es besser ist, in einem lebendigen Freudenfeuer zugrunde zu gehen, als auf der ganzen Linie wegen eines fingerbreiten Rückzugs weichen müssen. Wenn man den mißbräuchlich verbreiteten Ruf der stalinistischen Ibarruri "Lieber aufrecht sterben als auf Knien leben" von seinem Pathos reinigt, so scheint er mir souverän für einen Weg zum Selbstmord zu sprechen, für eine erfreuliche Art, seinen Abschied zu nehmen. Was für die Kommune Gültigkeit hatte, gilt auch für ein Individuum.

Gegen den Selbstmord aus Überdruß, gegen einen Verzicht, der allen anderen die Krone aufsetzt. Ein letztes Lachen a la Caravan, ein letztes Chanson à la Ravachol.

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Die Revolutionen enden von dem Augenblick an, wo man sich für sie opfern muß. Wo man sich verliert und sie zum Fetisch macht. Die revolutionären Momente sind Feste, auf denen das individuelle Leben seine Bindung mit der regenerierten Gesellschaft feiert. Dabei klingt der Aufruf zum Opfer wie eine Totenglocke. Valles, der schrieb: "Wenn das Leben der Resignierten nicht länger ist als das der Rebellen, kann man ebensogut im Namen einer Idee rebellieren", blieb in seinem Vorsatz auf halbem Wege stehen. Zum Revolutionär wird ein politisch Aktiver erst als Gegner der Ideen, denen zu dienen er akzeptiert hat. Der Valles, der für die Kommune kämpft, ist zu Beginn jenes Kind, um dann jener Abiturient zu werden, der an einem langen Sonntag die ewigen Wochen der Vergangenheit einholt. Die Ideologie ist der Grabstein der Aufständischen. Sie will ihn hindern, sich wieder zu erheben.

Sobald der Aufständische zu glauben beginnt, daß er für das Bessere kämpft, hört das autoritäre Prinzip zu wanken auf. Die Menschheit hat es niemals an Gründen für den Verzicht auf das Menschliche fehlen lassen. Das geht soweit, daß wir bei einigen eine reflexhafte Unterwerfung, eine undurchdachte Angst vor der Freiheit, einen überall im Alltagsleben gegenwärtigen Masochismus vorfinden. Mit welcher erbitternden Leichtfertigkeit wird ein Wunsch, eine Leidenschaft, der wesentliche Teil seiner selbst aufgegeben. Mit welcher Passivität, welcher Leblosigkeit wird akzeptiert, für etwas zu leben und für etwas zu handeln, obwohl überall dieses "etwas" mit seinem toten Gewicht den Sieg davonträgt. Weil es nicht leicht ist, man selbst zu sein, verzichtet man gerne darauf; der erstbeste Vorwand genügt: aus Liebe zu den Kindern, aus Liebe zu den Büchern, aus Liebe zu den Artischocken. Angesichts der abstrakten Allgemeinheit des Übels tritt der Wunsch nach Abhilfe in weite Ferne.

Doch der Reflex der Freiheit kann sich durch jeden Vorwand eine Gasse bahnen. Erwacht und festigt sich nicht der Geist des Festes in jedem Streik für höheren Lohn, in jedem Aufruhr? Zu der Stunde, in der ich schreibe, stellen Tausende von Arbeitern die Arbeit ein oder greifen zu den Waffen, gehorchen Parolen oder einem Prinzip, doch im Grunde kämpfen sie leidenschaftlich für einen anderen Gebrauch ihres Lebens. Die Welt verändern und das Leben neu erfinden ist die tatsächliche Parole aller aufständischen Bewegungen. Diese Forderung kann kein einziger Theoretiker kreieren. Jeden Tag findet die Revolution gegen die spezialisierten Revolutionäre statt, sie ist die Resolution ohne Namen, wie alles, das aus dem Erlebten heraus entsteht und in der täglichen Heimlichkeit der Gesten und Träume seinen explosiven Zusammenhang vorbereitet.

Kein anderes Problem fordert mich so sehr heraus wie die Schwierigkeit, für die Dauer des Tages eine Leidenschaft zu erfinden, einem Wunsch nachzugehen, einen Traum zu konstruieren, wie er des Nachts in meinem Geist Gestalt annimmt. Meine unvollendeten Gesten quälen mich und nicht etwa der Fortbestand der Menschheit, die Welt im Jahre 2000, die von der Vergangenheit aus gesehene Zukunft, die Waschbären des Abstrakten. Wenn ich schreibe, so schreibe ich nicht, wie es gewöhnlich heißt, "für die anderen" oder um ihre Phantome aus mir zu vertreiben. Ich knüpfe Wort an Wort, um aus den Löchern der Isolierung zu gelangen, aus denen mich die anderen werden ziehen müssen. Ich schreibe aus Ungeduld und mit Ungeduld. Um ohne tote Zeit zu leben. Von den anderen will ich nichts wissen als das, was zunächst mich selbst betrifft. Sie müssen sich vor mir retten wie ich mich vor ihnen rette. Unser Projekt ist gemeinsam. Es ist ausgeschlossen, daß sich das Projekt des totalen Menschen auf eine Reduzierung des Individuums gründet. Es gibt keine mehr oder weniger annehmbare Kastration. Das bestätigt die apolitische Gewalt der jungen Generationen, ihre Verachtung für die Kultur, Kunst und Ideologie der Wühltische zu herabgesetzten Preisen: die individuelle Verwirklichung wird das kollektiv verstandene Werk des "jeder für sich selbst" sein. Auf radikale Art und Weise.

In diesem Stadium des Schreibens, in dem man bisher die Erklärung suchte, soll von jetzt an die Abrechnung beginnen.

2 Die Ablehnung des Opfers ist die Ablehnung der Gegenleistung. Nichts ist im Universum geldwerter und wertloser Dinge dem menschlichen Wesen gleichwertig. Das Individuum ist in seinem Kern unangreifbar; es ändert sich, aber tauscht sich nicht aus. Ein kurzer Blick auf die sozialen Reformbewegungen überzeugt davon: sie haben stets nur eine Verbesserung des Austausches und des Opfers gefordert und ihre Ehre darangesetzt, dem Unmenschlichen den Anschein des Menschlichen zu geben, es verführerisch zu machen. Jedesmal, wenn der Sklave die Knechtschaft erträglich macht, eilt er den Herren zu Hilfe.

Der Weg zum Sozialismus: Je mehr die schmierigen Beziehungen der Verdinglichung die Menschen in Ketten legen, desto stärker reizt die humanitäre Versuchung egalitärer Verstümmelung. Während die unaufhörliche Degradierung der Tugend der Entsagung und der Ergebenheit zur radikalen Verweigerung führt, finden sich heute noch einige Soziologen, diese Polizisten der modernen Gesellschaft, die eine Parade in der Verherrlichung einer verfeinerten Form des Opfers suchen: der Kunst.

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Die großen Religionen haben es verstanden, das erbärmliche Leben auf der Erde in eine wollüstige Erwartung zu verwandeln; das Tal der Tränen mündete in ein ewiges Leben in Gott. Besser noch als Gott übt die Kunst in ihrer bourgeoisen Konzeption das Privileg aus, ewigen Ruhm zu verleihen. Auf die Kunst-imLeben-und-in-Gott (die ägyptische Bildhauerei, die afrikanische Kunst ?) folgt eine Kunst, die das Leben ergänzt, die Gott ersetzt (die griechische Kunst des 4. Jahrhunderts, Horaz, Ronsard, Malherbe, die Romantiker ?). Die Baumeister der Kathedralen sorgten sich ebensowenig wie Sade darum, in die Nachwelt einzugehen. Sie fanden Erfüllung in Gott, so wie Sade Erfüllung in sich selbst fand, und nicht in der Konservierung in den Museen der Geschichte. Sie arbeiteten für den höchsten Ausdruck ihres Schaffens und nicht für Jahre oder Jahrhunderte der Bewunderung.

Die Geschichte ist für den bürgerlichen Geist das Paradies auf Erden. Der Zutritt zu diesem Paradies führt über keine Ware, sondern über eine scheinbare Selbstlosigkeit, über das Opfer des Kunstwerks, über das, was der unmittelbaren Notwendigkeit der Kapitalvermehrung entgeht: über das wohltätige Werk für den Menschenfreund, über die Heldentat für den Patrioten, über die Siegestat für den Soldaten, über das literarische oder wissenschaftliche Werk für den Poeten oder Gelehrten ? Doch der Ausdruck "ein Kunst-Werk schaffen" ist in sich selbst doppeldeutig. Er beinhaltet sowohl die erlebte Erfahrung des Künstlers als auch die Aufgabe dieser erlebten Erfahrung zugunsten einer Abstrahierung der schöpferischen Substanz: der ästhetischen Form. So opfert der Künstler die Intensität des Erlebten - den Moment der Kreation - dem dauerhaften Bestand seiner Schöpfung, der unvergänglichen Erinnerung an seinen Namen, seinem ruhmvollen Eintritt in die Totengalerien der Museen. Ist es nicht gerade der Wille, ein dauerhaftes Werk zu schaffen, der ihn daran hindert, den unvergänglichen Moment seines Lebens zu schaffen?

In Wahrheit geht der Künstler niemals vollständig - außer auf den Akademien - in die Fangnetze der Ästhetik. Wenn der Künstler - der jeder ist, der zu leben versucht - den erlebten Moment dem schönen Schein opfert, dann folgt er dabei auch seinem Wunsch, seine Träume weiter in die gegenständliche Welt der anderen Menschen hinein auszudehnen. So gesehen überträgt er dem Gegenstand, den er schafft, die Mission, seine eigene individuelle Verwirklichung in der Gemeinschaft zu vollenden. Die Kreativität ist ihrem Wesen nach revolutionär.

Die Funktion des ideologischen, künstlerischen und kulturellen Spektakels besteht darin, die Wölfe der Spontaneität zu Schafhirten des Wissens und der Schönheit zu machen. Die Anthologien sind mit Agitationsschriften gepflastert und die Museen mit Aufrufen zur Erhebung; so gut hat sie die Geschichte im Saft ihrer Zeitlosigkeit konserviert, daß sie ungelesen und ungehört in Vergessenheit geraten sind. Doch hier wirkt die Konsumgesellschaft plötzlich als das rettende Lösungsmittel. Die Kunst baut heute nur noch Plastikkathedralen. Unter der Diktatur des Konsums verschwindet jede Ästhetik, bevor sie je meisterlich ausgereift ist. Die Unreife ist das Gesetz des Konsumierbaren. Die Unausgereiftheit eines Wagens gestattet seine rasche Erneuerung. Ein plötzliches ästhetisches Aufflammen ist nur noch dadurch möglich, daß sich die Werke im Spektakel des künstlerischen Verfalls einen Moment lang gegenseitig überbieten. Bernard Buffet, Georges Mathieu, Alain Robbe-Grillet, Pop Art und Yeah-Yeah können mit geschlossenen Augen in den Filialen der Kaufhäuser erstanden werden. Es ist ebenso undenkbar, mit dem ewigen Bestand eines Kunstwerkes zu rechnen, wie mit der Unvergänglichkeit der Werte der Standard Oil.

Als die fortschrittlichsten unter den Soziologen schließlich erkannten, wie das Kunstwerk zum Handelsobjekt wurde und auf welchem Weg sich die berühmte Kreativität des Künstlers den Normen der Rentabilität beugte, da erschien ihnen plötzlich die Rückkehr zur Quelle der Kunst, zum Alltagsleben notwendig, nicht etwa, um das Alltagsleben zu ändern, denn das würde über ihre Kompetenzen hinausgehen, sondern um aus ihm den Rohstoff für eine neue Ästhetik zu gewinnen, die sich nicht verpacken ließe und folglich dem Mechanismus von Kauf und Verkauf entgehen könnte. Als ob es nicht einen Konsum an Ort und Stelle gäbe! Das Ergebnis ist bekannt: Sozio-Dramen und Happenings, die mit der Behauptung, eine unmittelbare Beteiligung der Zuschauer zu organisieren, nur an der Ästhetik des Nichts teilnehmen. In der Form des Spektakels läßt sich nur die Leere des Alltagslebens ausdrücken. Was gibt es im Angesicht des Konsumierbaren Besseres als die Ästhetik der Leere? Wird nicht der Zerfall der Werte mit seiner zunehmenden Beschleunigung zur einzig möglichen Form der Zerstreuung? Der "Gag" besteht darin, die Zuschauer der kulturellen und ideologischen Leere zu ihren Organisatoren zu machen; die Nichtigkeit des Spektakels mit der obligatorischen Teilnahme des Zuschauers, dieser Träger der Passivität par excellence, zu füllen. Das Happening und seine Abarten haben einige Chance, der Gesellschaft von Sklaven ohne Herren, die die Kybernetiker für uns vorbereiten, das Spektakel ohne Zuschauer zu bieten, das sie erfordert. Für die Künstler im strengen Sinn ist der Weg zur Integrierung genau vorgezeichnet. Sie werden mit Lapassade und Konsorten in die Zunft der Spezialisten eintreten. Die Macht wird sie dafür belohnen und ihr Talent fördern, daß sie die alte Konditionierung zur Passivität mit neuen und verführerischen Farben ausmalen.

In der Perspektive der Macht ist das Alltagsleben nicht mehr als ein Gewebe aus Verzichten und Mittelmäßigkeit. Das Alltagsleben ist in der Tat die Leere. Eine Ästhetik des Alltagslebens würde aus jedermann den Organisationskünstler dieser Leere machen. Die offizielle Kunst wird in einem letzten Aufflammen versuchen, in eine therapeutische Form zu modellieren, was Freud in verdächtiger Vereinfachung den "Todestrieb" nannte, d.h. die freudige Unterwerfung unter die Macht. Überall dort, wo der Wille zu leben nicht spontan aus der individuellen Poesie strömt, werden die Schatten der gekreuzigten Kröte von Nazareth länger. Die Rettung des Künstlers in jedem Menschen ist nicht von einem Rückzug auf die künstlerischen Formen, die der Geist des Opfers beherrscht, zu erwarten. Alles muß von Grund auf neu begonnen werden.

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Die Surrealisten, oder zumindest einige unter ihnen, haben begriffen, daß die einzig gültige Form der Aufhebung der Kunst das Erlebte ist: ein Kunstwerk, das keine Ideologie in dem lückenlosen Netz ihrer Lüge einfangt. Wir wissen, zu welcher Aufgabe sie ihr Entgegenkommen gegenüber dem kulturellen Spektakel geführt hat. Unter dem Zerfall von Denken und Kunst in der heutigen Zeit ist allerdings die Gefahr einer ästhetischen Integrierung geringer als in den dreißiger Jahren. Die heutige Konjunktur kann nur die situationistische Agitation verstärken.

Vor allem seit der Zeit der Surrealisten wurden häufig Klagen über den Verlust gewisser idyllischen Beziehungen wie Freundschaft, Liebe und Gastfreundschaft erhoben. Möge sich doch niemand darüber täuschen: die Sehnsucht nach menschlicheren Tugenden der Vergangenheit gehorcht lediglich der Notwendigkeit der Zukunft, den schon zu sehr in Zweifel gezogenen Begriff des Opfers zu neuem Leben zu erwecken. Künftig kann es keine Freundschaft, Liebe, Gastfreundschaft oder Solidarität dort geben, wo es Selbstverleugnung gibt. Bei Strafe, die Verführungskraft des Unmenschlichen zu verstärken. Das drückt Brecht vollendet in folgender Anekdote aus: Als Beispiel für die richtige Art, Freunden einen Dienst zu erweisen, gab Herr K. folgende Geschichte zum besten. "Zu einem alten Araber kamen drei junge Leute und sagten ihm: ,Unser Vater ist gestorben. Er hat uns siebzehn Kamele hinterlassen und im Testament verfügt, daß der Älteste die Hälfte, der Zweite ein Drittel und der Jüngste ein Neuntel der Kamele bekommen soll. Jetzt können wir uns über die Teilung nicht einigen; übernimm Du die Entscheidung!' Der Araber dachte nach und sagte: ,Wie ich es sehe, habt ihr, um gut teilen zu können, ein Kamel zu wenig. Ich habe selbst nur ein einziges Kamel, aber es steht euch zur Verfügung. Nehmt es und teilt dann, und bringt mir nur, was übrigbleibt.' Sie bedankten sich für diesen Freundschaftsdienst, nahmen das Kamel mit und teilten die achtzehn Kamele nun so, daß der Älteste die Hälfte, das sind neun, der Zweite ein Drittel, das sind sechs, und der Jüngste ein Neuntel, das sind zwei Kamele bekam. Zu ihrem Erstaunen blieb, als sie ihre Kamele zur Seite geführt hatten, ein Kamel übrig. Dieses brachten sie, ihren Dank erneuernd, ihrem alten Freund zurück." Herr K. nannte diesen Freundschaftsdienst richtig, weil er keine besonderen Opfer verlangte. Dieses Beispiel ist es wert, auf das gesamte Alltagsleben mit dem Nachdruck eines unbestreitbaren Prinzips ausgedehnt zu werden.

Es geht nicht darum, zwischen der Kunst des Opfers und dem Opfern der Kunst zu wählen, sondern sich für das Ende des Opfers als Kunst zu entscheiden. Die Förderung der Kunst zu leben, der Konstruktion gelebter Situationen ist überall gegenwärtig, wird überall durch die Verfälschungen des Menschlichen entstellt.

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Das Opfer der Gegenwart wird vielleicht das letzte Stadium eines Rituals bilden, das den Menschen von seinen Anfängen an verstümmelt hat. Jede Minute zerbröckelt in kleine Stückchen von Vergangenheit und Zukunft. Niemals, außer im Genuß, geben wir uns voll dem hin, was wir tun. Das, was wir getan haben, und das, was wir tun werden, baut der Gegenwart den Sockel nicht endenden Mißvergnügens. In der kollektiven Geschichte wie in der Geschichte des Individuums sind der Kult der Vergangenheit und der Kult der Zukunft gleich reaktionär. Alles, was zu konstruieren ist, wird in der Gegenwart konstruiert. Ein volkstümlicher Aberglaube besagt, daß jeder Ertrinkende in dem Augenblick seines Todes noch einmal sein gesamtes Leben an sich vorüberziehen sieht. Ich halte es für sicher, daß es leuchtende Momente gibt, in denen sich das Leben verdichtet und neu beginnt. Zukunft und Vergangenheit, diese kriecherischen Aufpasser der Geschichte, decken lediglich das Opfer der Gegenwart. Nichts austauschen, weder gegen die Vergangenheit noch gegen die Zukunft. Intensiv für sich selbst leben, mit grenzenloser Lust, in dem Bewußtsein, daß das, was radikal für sich selbst gilt, für alle gilt. Und über allem dieses Gesetz: "Handele, als dürfte es nie mehr eine Zukunft geben."

XIII. Die Trennung

Die entziehende Aneignung, die Grundlage der gesellschaftlichen Organisation, hält die Menschen von sich selbst und den anderen getrennt. Künstliche einheitliche Paradiese bemühen sich, die Trennung zu verschleiern, indem sie mit mehr oder weniger Glück die vorzeitig zerbrochenen Träume von der Einheit einfangen. Vergebens. - Die Lust, schöpferisch zu handeln, und die Lust zu zerstören, trennt nur ein Pendelschlag, der der Macht ein Ende setzt.

Die Menschen leben voneinander getrennt, getrennt von dem, was sie anderen bedeuten, getrennt von sich selbst. Die Geschichte der Menschen ist die Geschichte einer grundlegenden Trennung, die alle anderen hervorruft und bedingt: die soziale Unterscheidung in Herren und Sklaven. Die Menschen versuchen, durch die Geschichte zusammenzukommen und eine Einheit zu bilden. Der Klassenkampf ist nur eine, wenn auch entscheidende Phase im Kampf für den totalen Menschen.

Ebenso wie die herrschende Klasse die besten Gründe der Welt hat, den Klassenkampf zu leugnen, konnte es auch nicht ausbleiben, daß die Trennung mit der Geschichte ihrer Verschleierung zusammenfiel. Doch diese Verdunklung wurde nicht vorsätzlich herbeigeführt, sie ist \die Folge eines langen, zweifelhaften Kampfes, in dem sich der Wunsch nach Einheit zumeist in sein Gegenteil verwandelt. Was nicht radikal die Trennung beseitigt, verstärkt sie. Durch ihre Machtübernahme hat die Bourgeoisie ein helleres Licht auf das geworfen, was die Menschen so grundlegend spaltet, hat sie den gesellschaftlichen Charakter und die materielle Grundlage der Trennung bewußt gemacht.

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Was ist Gott? Der Garant und die Quintessenz des Mythos, der die Herrschaft des Menschen über den Menschen rechtfertigt. Für diese widerwärtige Erfindung gibt es keine andere Entschuldigung. In dem Maße, in dem der Mythos bei seinem Zerfall das Stadium des Spektakels erreicht, zerbröckelt das Große Äußere Objekt, wie Lautreamont sagt, im Wind der gesellschaftlichen Atomisierung, entartet es in einen Gott für den intimen Gebrauch, in eine Art Bepinselung von Geschlechtskrankheiten.

In der äußersten Krise, zu der das Ende der Philosophie und der Welt der Antike führte, ordnete der Genius des Christentums den Aufbau eines neuen mythischen Systems einem grundlegenden Prinzip unter: der Dreieinigkeit. Was bedeutet das Dogma von der Dreigestalt Gottes, das so viel Tinte und Blut fließen ließ?

Mit seiner Seele gehört der Mensch Gott, mit seinem Körper einem zeitlichen Herrscher, mit seinem Geist sich selbst; sein Heil liegt in der Seele, seine Freiheit im Geist, sein irdisches Leben im Körper. Die Seele umhüllt Geist und Körper, ohne sie sind sie nichts. Handelt es sich dabei bei näherem Hinsehen nicht um die Vereinigung von Herr und Sklave in dem Prinzip des Menschen, der als göttliches Geschöpf betrachtet wird? Der Sklave ist der Körper, die Arbeitskraft, die sich der Herr aneignet; der Geist ist der Herr, der den Körper regiert und ihm dabei ein Stück seines höheren Wesens zugesteht. Der Sklave opfert sich also durch den Körper der Macht des Herrn, während der Herr sich durch den Geist der Gemeinschaft seiner Sklaven opfert (der König als Diener des Volkes, de Gaulle als Diener Frankreichs, die Waschung der Füße in der Kirche ?). Der erstere bietet sein Leben auf der Erde an und erhält als Gegenleistung das Bewußtsein, frei zu sein, d.h. er empfängt den vom Herrn nieder gefahrenen Geist. Das mystifizierte Bewußtsein ist das Bewußtsein des Mythos. Der letztere bietet geistig seine Macht als Herr der Gesamtheit derer an, die er beherrscht; indem er die Entfremdung der Körper in der verfeinerten Entfremdung des Geistes ertränkt, kann er die Dosis Gewalt, die zur Aufrechterhaltung der Sklaverei erforderlich ist, verringern. Durch seinen Geist identifiziert sich der Sklave mit dem Herrn, dem er seine Lebenskraft ausliefert; doch mit wem wird sich der Herr identifizieren? Nicht mit den Sklaven in ihrer Eigenschaft als Gegenstände, die er besitzt, oder als Körper, eher mit den Sklaven in ihrer Eigenschaft als Ausfluß des Geistes des Herrn an sich, des obersten Herrschers. Da der Herr sich geistig opfert, ist er gezwungen, im Zusammenhang des Mythos einen Bürgen für sein Opfer zu suchen, eine Idee der Herrschaft an sich, an der er teilhat und der er sich unterordnet. Deshalb hat die Klasse der Herren einen Gott erschaffen, vor dem sie geistig auf Knien liegt, um sich mit ihm zu identifizieren. Gott beglaubigt das mythische Opfer des Herrn zugunsten des Gemeinwohls und das wirkliche Opfer des Sklaven zugunsten der privaten und privativen Macht des Herrn. Gott ist das Prinzip jeder Unterwerfung, die Nacht, die alle Verbrechen legalisiert. Das einzige illegale Verbrechen ist die Weigerung, einen Herrn anzuerkennen. Gott ist die Harmonie der Lüge; eine ideale Form, in der sich das freiwillige Opfer des Sklaven (Christus) mit dem akzeptierten Opfer des Herrn (der Vater; der Sklave ist der Sohn des Herrn) und ihr unauflösliches Band (der Heilige Geist) vereinen. Der ideale Mensch, das einheitliche und mythische göttliche Geschöpf, in dem die Menschheit sich erkennen soll, verwirklicht das gleiche Modell der Dreieinigkeit: ein dem Geist unterworfener Körper führt ihn zum höchsten Ruhm der Seele, in der Geist und Körper ihre Synthese finden.

Hier also haben wir einen Beziehungstypus, bei dem zwei Begriffe ihren Inhalt von einem absoluten Prinzip ableiten und sich an dem Unerkennbaren, an der unerreichbaren Norm, an der unbestreitbaren Transzendenz messen (an Gott, dem Blut, der Heiligkeit, der Gnade ?). Jahrhundertelang haben unzählige Dualitäten wie eine gute Bouillon auf dem Feuer der mythischen Einheit gebrodelt. Als die Bourgeoisie die Bouillon vom Feuer nahm, blieb ihr nur noch die Sehnsucht nach der einheitlichen Wärme und eine Reihe fader, kalter Abstraktionen: Körper und Geist, Sein und Bewußtsein, Individuum und Kollektivität, privat und öffentlich, allgemein und besonders ? Paradoxerweise zerstört die von ihren Klasseninteressen getriebene Bourgeoisie zu ihrem eigenen Nachteil das Einheitliche und seine dreidimensionale Struktur. Doch das Streben nach Einheit, das von dem mythischen Denken der einheitlichen Ordnungen so geschickt befriedigt wurde, verschwindet bei weitem nicht mit ihm, sondern entflammt, je mehr sich die materielle Grundlage der Trennung des Bewußtseins bemächtigt. Dadurch, daß die Bourgeoisie die ökonomisch-sozialen Pfeiler der Trennung bloßlegt, liefert sie die Waffen, um der Trennung ein Ende zu machen. Doch das Ende der Trennung beinhaltet auch das Ende der Bourgeoisie und das Ende jeder hierarchisierten Gewalt. Deswegen findet sich keine herrschende Klasse oder Kaste in der Lage, die Umwandlung der lehnsherrlichen Einheit in wirkliche Einheit, in echte soziale Beteiligung zu bewerkstelligen. Erst das neue Proletariat hat die Mission, den Göttern die dritte Kraft, die spontane Kreation, die Poesie zu entreißen, um sie in dem täglichen Leben aller lebendig zu halten. Die Übergangsära der zerstückelten Macht wird nicht mehr als eine schlaflose Nacht sein, der unverzichtbare Nullpunkt vor der Umkehrung der Perspektive, der notwendige Ansatz vor dem Sprung zur Aufhebung.

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Die Geschichte bezeugt, wie der Kampf gegen das einheitliche Prinzip geführt wurde und hinter ihm die dualistische Realität zum Vorschein kam. Die Auseinandersetzung drückte sich anfänglich in einer theologischen Sprache, der offiziellen Sprache des Mythos aus und später in einer ideologischen Sprache, der Sprache des Spektakels. Manichäer, Katharer, Husseiten, Calvinisten etc. treffen sich in ihren Gedanken mit Jean de Meung, Boethius und Vanini. Befestigt nicht im Extremfall Descartes eine Seele, mit der er nichts anzufangen weiß, an der Zirbeldrüse? Während ein akrobatischer Gott auf dem Gipfel einer vollkommen faßbaren Welt ein vollkommen unfaßbares Gleichgewicht hält, versteckt sich der Gott Pascals und nimmt damit dem Menschen und der Welt eine Stütze, ohne die sie darauf reduziert sind, sich gegenseitig in Zweifel zu ziehen, wechselseitig beurteilt zu werden, die Gewichte im Nichts zu verteilen.

Seit dem 18. Jahrhundert tritt die Spaltung überall auf, beschleunigt sich der Zerfall. Das Zeitalter kleiner, konkurrierender Geister beginnt. Teile des menschlichen Wesens verabsolutieren sich: Materie, Geist, Bewußtsein, Handeln, universell und partikular ? Welcher Gott könnte so viel zerbrochenes Porzellan kitten?

Der Geist der Herrschaft fand eine transzendentale Rechtfertigung. Einen kapitalistischen Gott kann man sich wohl kaum vorstellen. Die Herrschaft setzt ein System der Dreieinigkeit voraus. Nun sind jedoch die Beziehungen der Ausbeutung dualistischer Natur. Darüber hinaus können sie von der materiellen Grundlage der ökonomischen Beziehungen nicht getrennt werden. Das Ökonomische kennt kein Mysterium; von dem Wunder behält es nur den Zufall des Marktes oder die perfekte Programmplanung der Rechensysteme übrig. Der rationale Gott Calvins verführt viel weniger als der Zinskredit, den er straflos gestattet. Der Gott der Wiedertäufer von Münster und der revolutionären Bauern von 1525 ist bereits in archaischer Form der ununterdrückbare Elan der Massen in Richtung auf eine Gesellschaft des totalen Menschen.

Der mystische Chef wird nicht ohne weiteres zum Chef der Arbeit. Der Grundherr verwandelt sich nicht in einen Arbeitgeber. Beseitigt die mysteriöse Überlegenheit von Blut und Sippe und übrig bleibt ein reiner Mechanismus der Ausbeutung, ein Wettlauf um den Profit, der seine Rechtfertigung in sich selbst trägt. Ein quantitativer Unterschied von Geld und Macht trennt den Arbeitgeber vom Arbeitnehmer, nicht mehr die qualitative Barriere der Rasse. Der schmutzige Charakter der Ausbeutung liegt darin, daß sie unter "Gleichen" stattfindet. Die Bourgeoisie rechtfertigt - ohne Zweifel gegen ihre eigenen Interessen - alle Revolutionen. Sobald die Völker nicht mehr getäuscht werden, hören sie auf zu gehorchen.

Die zerstückelte Macht zerbricht bis zum Zusammenbruch die Menschen, über die sie herrscht. Zugleich zerbricht die einheitliche Lüge. Der Tod Gottes verbreitet das Bewußtsein der Trennung. Drückte nicht die Verzweiflung der Romantik den Schrei des schmerzhaft empfundenen Risses aus? Der Riß ist überall: in der Liebe, im Blick, in der Natur, im Traum und in der Wirklichkeit ? Das Drama des Bewußtseins, von dem Hegel spricht, ist viel häufiger das Bewußtsein des Dramas. Ein derartiges Bewußtsein ist bei Marx revolutionär. Wenn Peter Schlemihl auf die Suche nach seinem Schatten geht, um zu vergessen, daß er in Wirklichkeit ein Schatten auf der Suche nach seinem Körper ist, bietet dieser Gang für die Macht sicherlich weniger Risiken. In einem Reflex der Selbstverteidigung "erfindet" die Bourgeoisie einheitliche künstliche Paradiese, in denen sie mit mehr oder weniger Glück die Enttäuschungen und vorzeitig zerbrochenen Träume von der Einheit einfängt.

Neben den kollektiven Masturbationen: Ideologien, Illusion des Zusammenseins, Ethik der Herde, Opium für das Volk, gibt es an der Grenze zwischen erlaubt und verboten eine Vielfalt marginaler Produkte: individuelle Ideologie, fixe Idee, Zwangsvorstellung, einzigartige und deshalb entfremdende Leidenschaft, Drogen und ihr Ersatz (Alkohol, Illusion der Geschwindigkeit und des schnellen Wechsels, exklusive Sensation ?). Sie gestatten, daß man sich unter dem Vorwand, sich in ihnen zu finden, völlig in ihnen verliert, doch ist ihre zersetzende Wirkung hauptsächlich das Resultat ihres zusammenhanglosen Gebrauchs. Die Leidenschaft des Spiels wirkt nicht mehr entfremdend, sobald derjenige, der sich ihr ausliefert, das Spiel in der Totalität des Lebens sucht: in der Liebe, im Denken, in der Konstruktion von Situationen. Ebenso ist der Wunsch zu töten keine Zwangsvorstellung mehr, wenn er sich mit dem revolutionären Bewußtsein verbündet.

Die Gefahr einheitlicher Linderungsmittel kommt für die Macht folglich von zwei Seiten. Auf der einen Seite lassen sie den Menschen unbefriedigt, auf der anderen Seite führen sie zu dem Willen, eine wirkliche gesellschaftliche Einheit zu schaffen. Die mystische Erhebung zur Einheit hatte als Ziel nur Gott; die horizontale geschichtliche Progression in Richtung auf eine fragwürdige spektakuläre Einheit verläuft auf einem endlosen Gleis. Sie ruft einen unstillbaren Durst nach dem Absoluten hervor, doch das Quantitative trägt in sich selbst die Begrenzung. Der rasende Wettlauf kann daher nur zum Qualitativen führen, entweder auf dem Weg der Negation oder durch die Umwandlung des Negativen in das Positive, falls sich ein entsprechendes Bewußtsein einstellt. Auf dem Weg der Negation erreicht man freilich nicht sich selbst, man stürzt in den Abgrund seiner eigenen Auflösung.

Der künstliche Rausch, die geile Lust an Verbrechen und Grausamkeit und der verzerrte Blitzstrahl der Perversität sind die Wege, die dazu einladen, sich rückhaltlos zu verlieren. In diesen Fällen gehorcht der Mensch lediglich mit erstaunlichem Eifer der Anziehungskraft der Macht, die zerrüttet und zerstört. Doch könnte die Macht kaum noch dauern, würde sie nicht ihre auflösende Kraft mäßigen. Der General tötet seine Soldaten nur bis zu einem bestimmten Punkt. Offen bleibt die Frage, ob sich das Nichts in abgezählten Tropfen destilliert. Die begrenzte Lust, sich selbst zu zerstören, kann am Ende leicht die Macht zerstören, die sie begrenzt. Das wurde in den Aufständen in Stockholm und Watts gut sichtbar. Eine Handbewegung genügt, um die Lust total werden zu lassen, um aus der negativen Gewalt ihre Positivität freizulegen. Ich betone, daß es keine Lust gibt, die nicht ihre totale Befriedigung in allen Bereichen einheitlich sucht; Huysmans, denke ich, hatte nicht den Humor, daran zu denken, als er schwerfällig einen Mann in erregtem Zustand als Aufständischen beschreibt.

Die Entfesselung unbegrenzter Lust ist der sicherste Weg zur Revolution des Alltagslebens, zur Konstruktion des totalen Menschen.

XIV.Die Organisation des Scheins

Die Organisation der Scheins ist ein System zum Schutz der Tatsachen Eine Erpressung. Sie repräsentiert sie in der vermittelten Wirklichkeit, damit die unmittelbare Wirklichkeit sie nicht präsentiert. Der Mythos ist die Organisation des Scheins der einheitlichen Macht; das Spektakel ist die Organisation des Scheins der zerstückelten Macht. Bestritten wird der Zusammenhang des Mythos zum Mythos des Zusammenhangs. Geschichtlich gewachsen wird die Zusammenhanglosigkeit des Spektakels zum Spektakel der Zusammenhanglosigkeit. (Die POP ART ist das gegenwärtig konsumierbare Absterben und das Absterben des gegenwärtig Konsumierbaren). (1) - Die Armut des "Dramas" als literarische Gattung läuft parallel mit der Eroberung des gesellschaftlichen Raums durch theatralisches Verhalten. Das Theater verarmt auf der Bühne und bereichert sich am täglichen Leben, dessen Verhaltensweisen es zu dramatisieren versucht. Die Rollen sind die ideologischen Muster des Erlebten. Die Spezialisten haben die Mission, sie zu vervollkommnen.(2)

1 "Man hat", sagt Nietzsche, "die Realität in dem Grade um ihren Wert, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog ? Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden - bis zur Anbetung der umgekehrten Werte, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre." Was ist also die Lüge des Idealen anderes als die Wahrheit der Herrschenden? Wenn der Diebstahl gerichtliche Verfahren verlangt, wenn sich die Autorität hinter dem Gemeinwohl versteckt, um sich ungestraft zu privaten Zwecken durchzusetzen, wie sollte unter diesen Bedingungen nicht die Lüge den menschlichen Geist faszinieren, wie sollte sich der Mensch nicht den Gesetzen der Lüge beugen müssen, bis diese Haltung als die natürliche Unterordnung erscheint? In Wahrheit lügt der Mensch, weil er in einer von der Lüge beherrschten Welt nicht anders kann, als selbst zu lügen; er ist durch seine eigene Lüge zur Lüge geworden. Das gesunde Volksempfinden wird stets nur die Verordnung gegenzeichnen, die im Namen aller gegen die Wahrheit erlassen wurde. Der Mensch ist ein volkstümliches Gesetzbuch der Lüge.

Und dennoch: niemand lebt jeden Tag 24 Stunden lang als Zerrbild seiner selbst unter dem Gewicht des Unechten. Wie bei den radikalsten Denkern die Lüge der Worte das Licht in sich trägt, das sie sichtbar werden läßt, so gibt es wenige Entfremdungen im Alltagsleben, die nicht für die Zeitspanne einer Sekunde, einer Stunde oder eines Traumes an ihrer subjektiven Mißbilligung zerbrechen. Niemand fällt völlig auf das herein, was zerstört, genausowenig wie die Worte ganz und gar der Macht gehorchen. Es geht nur darum, die Momente der Wahrheit auszudehnen, die subjektiven Eisberge, die die "Titanics" der Lüge versenken werden.

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Die Welle der Materialität trägt die Trümmer des Mythos, den sie gebrochen hat, weit auf die offene See hinaus. Die Bourgeoisie, die einmal ihre treibende Kraft war, ist nur noch ihre Schaumkrone; sie verschwindet mit ihnen. Shakespeare scheint das Schicksal, das der von Gott eingesetzten Klasse beschieden ist, vorwegzunehmen, wenn er zeigt, mit welcher Rückwirkung der König dem gedungenen Mörder Befehle erteilt, die morgen gegen ihn selbst ausgeführt werden. Die Tötungsmaschine wird sich von ihren Herren und Meistern nicht mehr kommandieren lassen, sobald die Mörder der Ordnung nicht mehr dem Glauben an den Mythos, den Gott, der ihre Verbrechen legalisiert, gehorchen. Daher ist die Revolution die schönste Erfindung der Bourgeoisie, die Schlinge, mit deren Hilfe sie im Nichts balancieren wird. Es ist verständlich, daß das bourgeoise Denken, das ganz und gar an dem radikalen Strick hängt, den es sich selbst gedreht hat, sich mit der Kraft der Verzweiflung an alle reformistischen Lösungen festklammert, die sein Leben verlängern könnten, selbst wenn sein eigenes Gewicht es unwiderstehlich der letzten Zuckung näherbringt. Der Faschismus ist gewissermaßen der Sprecher des unauflhaltsamen Niedergangs, der Ästhet, der davon träumt, das Universum in den Abgrund zu stürzen, Logiker des Sterbens einer Klasse, Sophist des universellen Untergangs. Diese Inszenierung des gewählten und abgelehnten Untergangs steht heute im Mittelpunkt des Spektakels der Zusammenhanglosigkeit.

Die Organisation des Scheins möchte stillstehen, wie der Schatten eines fliegenden Vogels. Doch ihr Stillstand, der an die Anstrengungen der herrschenden Klasse geknüpft ist, ihre Macht zu stabilisieren, ist nur eine nichtige Hoffnung, der Geschichte zu entgehen, die sie mit sich zieht. Zwischen dem Mythos und seiner zerstückelten, verweltlichten Form, dem Spektakel, besteht allerdings ein bemerkenswerter Unterschied in der Widerstandsfähigkeit gegenüber der Kritik der Tatsachen. Die wechselnde Bedeutung, die Handwerker, Händler und Bankiers in den einheitlichen Zivilisationen hatten, erklärt das fortwährende Hin- und Herschwanken zwischen dem Zusammenhang des Mythos und dem Mythos des Zusammenhangs. Der Triumph der Bourgeoisie hingegen läßt die Geschichte in das Arsenal des Scheins eingehen, liefert damit den Schein der Geschichte aus und führt die Entwicklung von der Zusammenhanglosigkeit des Spektakels zum Spektakel der Zusammenhanglosigkeit auf einen Weg ohne Umkehr.

Jedesmal, wenn die Klasse des Handels, die wenig Respekt vor Traditionen kennt, mit der Verweltlichung von Werten droht, tritt der Mythos des Zusammenhangs an die Stelle des Zusammenhangs des Mythos. Was besagt das? Was bisher selbstverständlich war, bedarf jetzt plötzlich nachdrücklicher Bestätigung, der spontane Glaube weicht dem Glaubensbekenntnis, der Respekt vor den Großen dieser Welt wird durch das Prinzip einer autoritären Monarchie untermauert. Das Paradox dieser Zwischenreiche des Mythos, in denen sichtbar wird, wie die bourgeoisen Elemente ihre Bedeutung durch eine neue Religion, durch die Erhebung in den Adelsstand, zu erhöhen versuchen, während sich auf der anderen Seite zur gleichen Zeit die Adligen dem großen Spiel ihrer unmöglichen Aufhebung hingeben (die Fronde, aber auch die heraklitische Dialektik und Gilles de Rais), wird hoffentlich einmal näher untersucht. Die Aristokratie hat es verstanden, die Feststellung ihres Endes in eine geistreiche Bemerkung zu verwandeln; die Bourgeoisie wird für ihren Fall nur die Schwerfälligkeit ihres Denkens haben. Können die revolutionären Kräfte der Aufhebung nicht mehr der Leichtigkeit zu sterben entnehmen als der Last des Überlebens?

Von der Tatsachenkritik untergraben, ist es dem Mythos des Zusammenhangs nicht gelungen, einen neuen mythischen Zusammenhang aufzubauen. Der Schein, dieser Spiegel, in dem sich die Menschen über ihre eigenen Entscheidungen hinweg täuschen, zerbricht und wird zum Gemeingut individuellen Angebots und individueller Nachfrage. Der Schein wird zusammen mit der hierarchisierten Macht, dieser leeren Fassade, verschwinden. Die Weiterentwicklung läßt daran keinen Zweifel. Am Morgen nach der "Großen Revolution" herrscht auf dem Markt für Ausschußware eine rege Nachfrage nach einem Ersatz für Gott. Mit dem höchsten Wesen und dem bonapartistischen Konkordat beginnt die auslaufende Serie, es folgen dicht auf: Nationalismus, Individualismus, Sozialismus, Nationalsozialismus, Neoismen aller Art, die zahllosen verramschten Restposten aller Weltanschauungen und Tausende von Ideologien zum Mitnehmen, die heute jedem Käufer eines Fernsehers, der Kultur und eines Waschpulvers als Zugabe angeboten werden. Der Zerfall des Spektakels vollzieht sich künftig in dem Spektakel des Zerfalls. Die Logik der Dinge will, daß der letzte Schauspieler seinen eigenen Tod filmt. Im vorliegenden Fall ist die Logik der Dinge die Logik des Konsumierbaren, desjenigen, was sich beim Kauf verbraucht Die Pataphysik, der Neo-Dadaismus, die Inszenierung der alltäglichen Armut werden die gewundene Straße zu den letzten Friedhöfen säumen.

2 Die Evolution des Theaters als literarische Gattung kann nur Licht auf die Organisation des Scheins werfen. Ist das Theater schließlich nicht ihre einfachste Form, ihre erläuternde Beschreibung? Ursprünglich vereinigte sich das Theater mit der Organisation des Scheins in den gottgeweihten Stücken, die den Menschen das Mysterium der Transzendenz offenbarten, später verweltlichte es sich und erarbeitete die Modelle zukünftiger Konstruktionen spektakulärer Art. Die Maschinen des Altertums fanden, mit Ausnahme derer, die für den Krieg bestimmt waren, ihren Ursprung im Theater. Kran, Riemenscheibe und Hydraulik gehören zum Requisitenladen, bevor sie die Produktionsverhältnisse umwälzen. Eine Tatsache verdient ihre Herausstellung: Wie weit man auch zurückgeht, immer dienen die Techniken zur Beherrschung der Erde wie der Menschen in gleicher Weise der Arbeit wie der Illusion.

Schon die Geburt der Tragödie begrenzt das Feld, auf dem einst die Götter und die primitiven Menschen in einem kosmischen Dialog einander entgegentraten. Die magische Teilnahme hält Distanz, bleibt in der Schwebe; sie folgt den Brechungsgesetzen der Initiationsriten, nicht mehr diesen Riten selbst; sie wird zum "spectaculum", zu einer Sache, die man anschaut, während die Götter mehr und mehr zum unnützen Dekor herabsinken und damit ihr allmähliches Verschwinden von der gesellschaftlichen Bühne anzukünden scheinen. Nachdem die Verweltlichung die mythischen Beziehungen aufgelöst hatte, trat das Drama an die Stelle der Tragödie. Die Komödie bestätigt gut den Übergang; ihr zersetzender Humor greift mit der Energie neuer Kräfte eine altersschwache Gattung an. "Das Gastmahl Peters" (Dom Juan) von Molière und die Parodie Händels in der "Bettleroper" von John Gay sprechen in dieser Hinsicht für sich.

Mit dem Drama nimmt die menschliche Gesellschaft den Platz der Götter ein. Wenn auch das Theater im l9.Jahrhundert nur eine Form der Zerstreuung unter anderen ist, soll man sich jedoch davon nicht täuschen lassen: indem es den Rahmen der traditionellen Bühne sprengt, erobert es den gesamten gesellschaftlichen Raum. Die Banalität, die in der Angleichung des Lebens an eine dramatische Komödie liegt, ist so evident, daß sie scheinbar ohne Analyse auskommt. Es wird für besser gehalten, über die gekonnt aufrechterhaltene Verwirrung zwischen dem Leben und dem Theater nicht zu diskutieren; als ob es natürlich wäre, daß ich hundertmal am Tage mich selbst verlasse, um in die Haut von Personen zu schlüpfen, von denen ich weder ihre Tätigkeit noch ihre Bedeutung auf mich übertragen möchte. Gewiß kann es vorkommen, daß ich aus freien Stücken als Schauspieler auftrete und eine Rolle spielerisch, zum reinen Vergnügen übernehme. Doch das ist nicht die Rolle, von der ich spreche. Der Schauspieler, der die Aufgabe hat, in einem realistischen Stück einen zum Tode Verurteilten darzustellen, hat selbst jede Freiheit, am Leben zu bleiben - liegt darin nicht das Paradox des guten Schauspielers? -, doch wenn er derartige Freiheit genießt, dann offensichtlich deswegen, weil ihm der Zynismus seiner Henker nicht unter die Haut geht, sondern nur das stereotype Bild trifft, das er kraft seiner Technik und seinem dramatischen Empfinden verkörpert. Im täglichen Leben durchdringen die Rollen das Individuum, halten es von dem entfernt, was es ist und was es echt sein möchte; die Rollen sind die Entfremdung, die sich im Erlebten verkrustet hat. Dort ist das Spiel gelaufen und deshalb hat es aufgehört, Spiel zu sein. Die Stereotypen diktieren jedem einzelnen, fast könnte man sagen "auf intime Weise", was die Ideologien der Gemeinschaft aufzwingen.

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Eine stückweise Konditionierung hat die Allgegenwart der göttlichen Konditionierung ersetzt, und die Macht bemüht sich, auf dem Weg über eine große Menge kleiner Konditionierungen an die Qualität der früheren ordnenden Kraft heranzukommen. Das bedeutet, daß sich Zwang und Lüge individualisieren, jeden einzelnen fester umschließen, um ihn in eine abstrakte Form zu gießen. Das bedeutet auch, daß der Fortschritt menschlichen Wissens die Entfremdung in einer Richtung perfektioniert, in der Richtung der Regierung der Menschen; je mehr sich der Mensch auf offiziellem Wege kennenlernt, um so mehr entfremdet er sich. Die Wissenschaft ist das Alibi der Polizei. Sie lehrt, bis zu welchem Grad jemand gefoltert werden kann, ohne daß der Tod eintritt. Sie lehrt vor allem, bis zu welchem Punkt jemand "heauton-timoroumenos" werden kann, ehrenwerter Henker seiner selbst. Sie lehrt, wie man zum Gegenstand werden kann und trotzdem, im Namen eines gewissen menschlichen Scheins, den Schein des Menschlichen wahren kann.

Das Kino oder seine individualisierte Form, das Fernsehen, erringt seine schönsten Siege nicht im Bereich des Denkens. Es lenkt die Meinungen nur sehr wenig. Sein Einfluß liegt anderswo. Auf der Theaterbühne wirkt eine Person auf den Zuschauer durch ihre allgemeine Einstellung und die Überzeugungskraft dessen, was sie darstellt. Auf der Kinoleinwand oder dem Bildschirm zerfällt die gleiche Person in eine Folge präziser Details, die das Auge des Zuschauers in einer Folge winziger Eindrücke treffen. Es handelt sich hier um eine Schule des Blickes, um einen Kursus in dramatischer Kunst, bei dem eine Bewegung im Gesicht oder eine Handbewegung Tausenden von Zuschauern die angemessene Form übersetzt, in der sich ein Gefühl, ein Wunsch etc. ausdrückt. Vermittels der noch unvollkommenen Bildtechnik lernt das Individuum, die Grundhaltungen seines Lebens den Phantombildern nachzuzeichnen, die die moderne Psycho-Soziologie von ihm entwirft. Gerade durch seine Tricks und Manien tritt er in die Schemen der Macht ein. Das Elend des Alltagslebens erreicht seinen Gipfel, wenn es sich in Szene setzt. Genau wie die Passivität des Verbrauchers eine tätige Passivität ist, so besteht auch die Passivität des Zuschauers in seiner Funktion, sich die Rollen zu eigen zu machen, um sie dann nach offiziellen Normen zu spielen. Die wiederholten Bilder, die Stereotypen, bieten eine Reihe von Modellen an, nach denen sich jeder eine Rolle anpassen soll. Das Spektakel ist ein Museum von Bildern, ein Kaufhaus für Schattenspiele. Es ist ebenfalls ein Experimentiertheater. Der Mensch als Verbraucher läßt sich von den Stereotypen konditionieren (passiver Aspekt), nach denen er seine verschiedenen Verhaltensweisen modelliert (aktiver Aspekt). Die Passivität durch die ständige Erneuerung der Formen spektakulärer Beteiligung und der bunten Vielzahl von Stereotypen zu verschleiern: daran machen sich heute die Produzenten der Happenings, der Pop Art und der Sozio-Dramen.

Die Maschinen der Produktionsgesellschaft werden tendenziell zu Maschinen der Gesellschaft des Spektakels; ein Elektronengehirn läßt sich ausstellen. Dabei wird auf eine ursprüngliche Konzeption des Theaters zurückgegriffen, auf die generelle Beteiligung des Menschen am Mysterium der Gottheit, nur auf einer höheren Ebene, mit der Unterstützung der Technik. Und gleichzeitig auch mit den Chancen der Aufhebung, die es auf dem Höhepunkt der Antike nicht geben konnte.

Die Stereotypen sind nichts anderes als die entarteten Formen der früheren ethischen Kategorien (der Ritter, der Heilige, der Sünder, der Held, der Getreue und der Treulose, der ehrenwerte Mensch ?). Die Bilder, die kraft des Qualitativen im Schoß des mythischen Scheins wirken, schöpfen ihre Ausstrahlung im Schoß des spektakulären Scheins lediglich aus der schnellen und konditionierenden Reproduktion (der Slogan, das Photo, der Star, die Worte ?). Ich habe oben gezeigt, wie die technische Produktion magischer Beziehungen, wie die des Glaubens und der Identifizierung, letzten Endes die Magie auflöste. Diese Auflösung hat zusammen mit dem Ende der großen Ideologien das Chaos der Stereotypen und Rollen noch beschleunigt. Daraus ergeben sich für das Spektakel neue Voraussetzungen.

Über die Ereignisse besitzen wir nur ein Drehbuch mit leeren Seiten. Ihre Form erreicht uns, nicht jedoch ihre Substanz; sie erreicht uns mit größerer oder geringerer Stärke, je nachdem, wie häufig sie sich wiederholt und welchen Platz sie in der Struktur des Scheins einnimmt. Denn als organisiertes System ist der Schein eine gewaltige Registratur, in der die Ereignisse voneinander zertrennt, aufgeteilt, etikettiert und eingeordnet werden (Affären, Politik, Gastronomie etc). Boulevard Saint Germain - ein Rocker bringt einen Passanten um. Was ist an dieser Neuigkeit, die die Presse berichtet, zutreffend? Die Nachricht tritt in ein vorgefertigtes Schema ein, das Mitleid, Entrüstung, Abscheu oder Neid erregen soll; eine Begebenheit, die in abstrakte Teile zerlegt ist, die ihrerseits entsprechend der zutreffenden Rubrik geordnet werden (die Jugend, die Kriminalität, die Gewalt, die Unsicherheit ?). Bild, Photo und Stil, die nach Zusammensetztechniken hergestellt und aufeinander abgestimmt werden, bilden eine Art Automat für vorbereitete Erklärungen und kontrollierte Gefühle. Die auf Rollen reduzierten Individuen dienen als Köder: der Würger, der Prinz von Wales, Louison Bobet, Brigitte Bardot und Mauriac trennen sich, lieben sich, denken und kurieren ihren Schnupfen aus - für Tausende von Menschen.

Die Herausstellung des prosaischen, spektakulär mitgeteilten Details führt zu einer Vielzahl unbeständiger Rollen. Der eifersüchtige Ehemann und Mörder hat seinen Platz neben dem Papst im Todeskampf, die Weste von Johnny Hallyday trifft sich mit dem Schuh Chruschtschows, die linke Seite ist nicht anders als die rechte Seite; die spektakuläre Schau der Zusammenhanglosigkeit läuft immer weiter. Der Grund liegt in der Krise der Strukturen. Die Themen sind unzählig, das Spektakel ist überall, verwässert, ohne Bestand. Die so häufig verwandte manichäische Beziehung verschwindet allmählich; das Spektakel befindet sich diesseits von Gut und Böse. Als die Surrealisten 1930 die Geste eines Exhibitionisten feierten, gaben sie sich einer Illusion über die Tragweite ihrer Lobeshymne hin. Sie gaben dem Spektakel der Moral die notwendige Würze für seine Wiedergeburt. Die Sensationspresse geht genauso vor. Der Skandal ist notwendiger Bestandteil der Information genau wie der schwarze Humor und der Zynismus. Der wahre Skandal besteht in der Ablehnung des Spektakels, in seiner Sabotage. Das aber wird die Macht durch die Erneuerung und Verjüngung der Strukturen des Scheins zu vermeiden versuchen. Diese Aufgabe könnten letzten Endes ausgezeichnet die Strukturalisten übernehmen. Doch macht man die Armut nicht reicher, wenn man sie vervielfacht. Durch den Druck der Ereignisse nutzt sich das Spektakel ab, und so zerbricht die Last, die die Passivität nach sich zieht; durch den Druckwiderstand des Erlebten nutzen sich die Rollen ab, und so bringt die Spontaneität den Abszeß des Unechten und der falschen Aktivität zum Platzen.

XV. Die Rolle

Die Stereotypen sind die herrschenden Bilder einer Epoche, die Bilder des herrschenden Spektakels. Das Stereotyp ist das Modell der Rolle, die Rolle ist ein modellhaftes Verhalten. Die Wiederholung eines Verhaltens schafft die Rolle, die Wiederholung einer Rolle schafft das Stereotyp. Das Stereotyp ist eine objektive Form, in die die Rolle einführen soll. Die Geschicklichkeit, Rollen zu spielen und mit Rollen umzugehen, bestimmt den Platz, den der Mensch im hierarchischen Spektakel einnimmt. Der spektakuläre Zerfall vervielfacht die Stereotypen und Rollen, die jedoch lächerlich werden und ihrer Negation zu nahe kommen: der spontanen Geste (1,2). - Die Identifizierung ist die Art der Rollenübernahme. Die Notwendigkeit, sich zu identifizieren, ist für den ungestörten Bestand der Macht wichtiger als die Wahl bestimmter Identifizierungsmodelle. Die Identifizierung ist ein krankhafter Zustand, jedoch fallen nur die Identifizierungsunfälle in die offizielle Kategorie der "Geisteskrankheiten". - Die Funktion der Rolle ist es, den Willen zu leben auszusaugen (3). - Die Rolle repräsentiert das Erlebte, indem sie es in Dinge verwandelt, die Rolle tröstet über das Leben hinweg, das sie verarmt. Sie wird so zur neurotischen Ersatz-Lust. - Es kommt darauf an, sich von den Rollen frei zu machen und sie ins Spiel zu bringen (4). - Der Erfolg der Rolle sichert die spektakuläre Beförderung, den Übergang zu einer höheren Kategorie; sie ist Initiation, die überwiegend durch den Kult des Namens und der Fotografie konkretisiert wird. Die Spezialisten sind die eingewiesenen Meister der Einweisung. Die Summe ihrer Inkonsequenzen definiert die Konsequenz der Macht, die zerstört und dabei sich selbst zerstört (5). - Der Zerfall des Spektakels macht die Rollen austauschbar. Die Vervielfachung der falschen Veränderungen schafft die Bedingungen einer einzigen und wahren Veränderung, die Bedingungen einer radikalen Veränderung. Das Gewicht des Unechten bringt eine gewalttätige und gleichsam biologische Reaktion des Willens zu leben hervor (6).

1 Unsere Anstrengungen und Mühen, unsere Mißerfolge, die Absurdität unserer Handlungen entstehen zumeist aus der unausweichlichen Notwendigkeit, Zwitterpersonen darzustellen, die unseren wahren Wünschen feindlich gegenüberstehen und sie nur scheinbar befriedigen. "Wir wollen", sagt Pascal, "in der Vorstellung leben, die andere von uns haben, wir wollen ein vorgestelltes Leben führen, deswegen bemühen wir uns, einen bestimmten Anschein zu erwecken. Wir arbeiten daran, das vorgestellte Sein zu verschönern und zu erhalten, wir vernachlässigen das wirkliche Sein." Die Bemerkung Pascals, die im 17. Jahrhundert, zu einer Zeit, als der leere Schein allgemein anerkannt war und die Krise des organisierten Scheins nur Menschen mit außergewöhnlicher Weitsicht zu Bewußtsein kam, originell war, ist heute, wo die Werte zerfallen, banal und für alle erkennbar. Welche Magie verleitet uns dazu, in den leblosen Formen die Lebendigkeit menschlicher Leidenschaften zu sehen? Auf welche Weise erliegen wir der Verführung geliehener Verhaltensweisen? Was ist die Rolle?

Ist denn das, was die Menschen dazu treibt, nach Macht zu streben, nichts anderes als die Ohnmacht, auf die ihn diese Macht reduziert? Der Tyrann erregt sich über die Pflichten, die ihm die Unterwerfung seines Volkes aufbürdet. Er bezahlt die göttliche Segnung seiner Autorität über die Menschen mit seiner fortwährenden mythischen Aufopferung, mit seiner dauernden Erniedrigung vor Gott. Indem er den Dienst an Gott quittiert, quittiert er zugleich auch den Dienst am Volk, das daraufhin sofort davon entbunden ist, ihm zu dienen. Das "vox populi, vox Dei" ist so zu verstehen: "Was Gott will, will auch das Volk." Der Sklave würde bald von einer Unterwerfung genug haben, die nicht durch ein Stückchen Autorität kompensiert würde. Tatsächlich begründet jede Unterwerfung das Recht auf etwas Macht, und umgekehrt gibt es keine Macht ohne den Preis der Unterwerfung; das ist der Grund, warum sich einige Leute so leicht regieren lassen. Die Macht wird auf allen Stufen der hierarchischen Kaskade nur teilweise ausgeübt. Darin liegt ihre angreifbare Allgegenwart.

Die Rolle ist Machtkonsum. Sie weist den Platz in der hierarchischen Repräsentation an, im Spektakel also; oben, unten, in der Mitte, aber niemals diesseits oder jenseits. In dieser Eigenschaft weist sie in den kulturellen Mechanismus ein: sie ist Initiation. Die Rolle ist ebenfalls Wechselgeld für das individuelle Opfer. In dieser Eigenschaft dient sie als Kompensation. Als Restbestand der Trennung bemüht sie sich, eine Einheit im Verhalten zu schaffen. In dieser Eigenschaft fordert sie zur Identifizierung auf.

2 Der Ausdruck "eine Rolle in der Gesellschaft spielen" zeigt durch seine anfänglich einschränkende Verwendung hinreichend deutlich, daß die Rolle eine Auszeichnung für eine bestimmte Anzahl Ausgewählter war. Der römische Sklave, der Leibeigene des Mittelalters, der landwirtschaftliche Tagelöhner und der durch einen Dreizehnstundentag abgestumpfte Proletarier spielten keine Rolle oder spielten sie nur andeutungsweise, so daß Leute mit Manieren in ihnen eher Tiere als Menschen sahen. Es gibt in der Tat das Elend, diesseits des Elends des Spektakels zu leben. Seit dem 19. Jahrhundert verbreitete sich der Begriff guter und schlechter Arbeiter wie sich der Begriff Herr und Sklave im Mythos seit Christus verbreitete. Er verbreitete sich in geringerem Umfang und war weniger bedeutungsvoll, so daß Marx noch darüber spotten konnte. Auf diese Weise aber demokratisierte sich die Rolle, so wie sich einst das mythische Opfer demokratisierte.

Das Unechte für jedermann oder der Triumph des Sozialismus. Nehmen wir einen Mann von 35 Jahren. Jeden Morgen fährt er mit seinem Wagen zum Büro, füllt Formulare aus, ißt mittags in der Stadt, spielt Poker, ordnet die Formulare, verläßt das Büro, trinkt zwei Biere, fährt nach Hause, begrüßt seine Frau, umarmt seine Kinder, ißt ein Steak vor dem Bildschirm, legt sich ins Bett, liebt und schläft ein. Wer reduziert das Leben eines Mannes auf eine so erbärmliche Folge von Klischees? Ein Journalist, ein Polizist, ein Forscher, ein volkstümlicher Romanschriftsteller? Ganz sicher nicht. Er selbst ist es, der Mann, von dem ich spreche, der sich bemüht, seinen Tag in eine Folge von Posen zu zerlegen, die er mehr oder weniger bewußt aus dem Angebot herrschender Stereotypen ausgewählt hat. Bewußtlos und kopfüber stürzt er sich in den Strom nicht abreißender Bilder, wendet er sich von der echten Lust ab, um durch eine, von der Leidenschaft niemals zu rechtfertigende Askese eine verfälschte Freude zu finden, die viel zu demonstrativ geäußert wird, um mehr zu sein als bloße Fassade. Die Rollen, die er eine nach der anderen durchprobiert, erfüllen ihn mit einem Kitzel der Befriedigung, wenn es ihm gelingt, sie den Stereotypen getreu nachzubilden. Die Befriedigung, die ihm die gut gespielte Rolle verschafft, leitet er aus der Vehemenz her, mit der er sich von sich selbst entfernt, sich leugnet, sich opfert.

Allmacht des Masochismus! Wo andere vor ihm Graf von Sadomir, Palatin von Smirnow, Markgraf von Thorn und kurischer Fürst waren, verleiht er seinen Fähigkeiten als Autofahrer, Angestellter, Chef, Vorgesetzter, Kollege, Kunde, Verführer, Freund, Briefmarkensammler, Ehemann, Familienvater, Fernsehzuschauer, Staatsbürger etc. eine majestätische, ganz persönliche Größe. Und dennoch ist er nicht dieser geistesschwache Roboter, dieser rückgratlose Hampelmann. Für kurze Augenblicke legt sein Alltagsleben Energien frei, die genügen würden, um die Welt des Überlebens aus den Angeln zu heben, würden sie nicht sogleich eingefangen, sich verzetteln und in Rollen vergeudet werden. Wer wird das Geheimnis der Schlagkraft einer leidenschaftlichen Träumerei, der Lust zu lieben, der Geburt eines Wunsches und des Elans einer Sympathie aussprechen? Jeder versucht spontan, diese Momente echten Lebens zu vermehren, damit sie sich auf die Gesamtheit des täglichen Lebens ausdehnen, doch kraft der Konditionierung verfolgen die meisten Menschen diese Momente auf umgekehrtem Weg, auf dem Weg zum Unmenschlichen, entgehen sie ihnen in dem Augenblick für immer, wo sie ihnen zum Greifen nahe sind.

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Stereotype haben ihr eigenes Leben mit Geburt und Tod. Ein bestimmtes Bild verführt, wird zum Modell für tausend individuelle Rollen, verblaßt schließlich und verschwindet nach dem Gesetz des Konsumierbaren. Wo erzeugt die Gesellschaft des Spektakels ihre neuen Stereotypen? In dem Teil der Kreativität, der eine Anpassung bestimmter Rollen an das alternde Stereotyp verhindert (ebenso wie sich die Sprache im Kontakt mit volkstümlichen Ausdrucksformen erneuert), in dem Teil des Spielerischen, der die Rollen verwandelt.

In dem Maße, wie sich die Rolle dem Stereotyp anpaßt, erstarrt sie und übernimmt den statischen Charakter ihres Modells. Die Rolle kennt weder Gegenwart noch Vergangenheit oder Zukunft, denn sie ist die Zeit der Pose, eine Zeit-Pause sozusagen. Sie ist zusammengepreßte Zeit in einer aufgelösten Raum-Zeit, die die Raum-Zeit der Macht ist (stets nach der Logik, daß die Stärke der Macht in der vereinten Stärke liegt, wirkliche Trennung und illusionäre Gemeinschaft zu erzeugen). Zu Recht vergleicht man die Rolle mit dem gefilmten Bild oder besser noch mit einem gefilmten Bildelement, mit vorher festgelegten Einstellungen, die schnell und in großer Zahl mit winzigen Veränderungen reproduziert eine Fläche ergeben. In unserem Fall wird die Reproduktion von dem Rhythmus der Werbung und der Information ermöglicht, von der Fähigkeit, die Rolle ins Gespräch zu bringen, von der Wahrscheinlichkeit, sie schließlich zu einem Stereotyp zu verdichten (wie bei Bardot, Sagan, Buffet, James Dean u.a.). Doch welches Gewicht auch immer die Rolle im Gleichgewicht der herrschenden Meinungen erhält, so liegt ihre Hauptaufgabe doch stets in der Anpassung an die Normen der gesellschaftlichen Organisationen, in der Eingliederung in eine friedliche Welt von Dingen. Deswegen sieht man überall die Kameras von Rang und Namen im Hinterhalt lauern, um sich banaler Existenzen zu bemächtigen, um aus der Sache des Herzens eine Herzenssache zu machen und aus überflüssigen Haaren ein Problem der Schönheit. Das auf das Alltagsleben verpflanzte Spektakel ist der Pop Art längst zuvorgekommen, wenn es einen verlassenen Liebhaber in einen Tristan zu herabgesetztem Preis verkleidet, wenn es einen Tattergreis zum Symbol der Vergangenheit erhebt und eine Hausfrau in eine gütige Familienfee verzaubert. Es war vorauszusehen, daß einige die - in jeder Beziehung einträglichen - Collagen vom ehelichen Lächeln, von verkrüppelten Kindern und Bastlergenies als Modell benutzen würden. Dennoch erreicht das Spektakel in diesem Punkt das kritische Stadium, das letzte Stadium vor der effektiven Gegenwart des Alltäglichen. Die Rollen kommen ihrer Negation zu nah. Der Gescheiterte spielt seine Rolle schlecht und recht weiter, der Außenseiter lehnt sie ab. In dem Maße, wie die spektakuläre Organisation zerfällt, bezieht sie die benachteiligten Sektoren ein, ernährt sie sich schließlich von ihren eigenen Abfällen. Stimmlose Sänger, erbärmliche Künstler, unglückliche Preisträger und geistlose Stars ziehen regelmäßig wiederkehrend am Nachrichtenhimmel mit einer Häufigkeit vorbei, die ihren Platz in der Hierarchie anzeigt.

Es bleiben die, die sich nicht integrieren lassen, die die Rollen ablehnen, die die Theorie und die Praxis der Verweigerung erarbeiten. Ohne Zweifel wird aus der Weigerung der Anpassung an die Gesellschaft des Spektakels eine neue Poesie des Erlebten entstehen, eine Neuerfindung des Lebens. Die Luft aus den Rollen lassen heißt, den Druck der spektakulären Zeit zugunsten einer Raum-Zeit des Erlebten vermindern. Intensiv leben - heißt das nicht, die Zeit stehlen, die in ihrem Verlauf im Schein verlorengegangen ist? Ist das Leben in seinen glücklichsten Momenten nicht ausgedehnte, erweiterte Gegenwart, die die beschleunigte Zeit der Macht ablehnt, die Zeit, die in den Gräben leerer Jahre verfließt, die Zeit des Alterns?

3 Die Identifizierung. - Das Prinzip des Szondi-Tests ist bekannt. Ein Patient, der unter 48 Fotos von Kranken im Zustand paroxystischer Krise wählen soll, welche ihn anziehen und welche ihn abstoßen, bevorzugt unfehlbar diejenigen, die einen für ihn annehmbaren Antrieb zeigen und lehnt die Bilder derjenigen ab, deren Antrieb er verdrängt. Er definiert sich mit Hilfe negativer und positiver Identifizierungen. Aus der getroffenen Wahl zeichnet der Psychiater ein Antriebsprofil, mit dessen Hilfe er seinen Patienten aufrichtet oder zum klimatisierten Krematorium der Asyle führt.

Betrachten wir jetzt die Gebote der Konsumgesellschaft, einer Gesellschaft, in der das Sein eines Menschen im Konsum besteht. Konsum von Coca-Cola, Literatur, Ideen, Gefühlen, Architektur, Fernsehen, Macht. Die Konsumprodukte, die Ideologien und Stereotypen, sind die Fotos eines vollendeten Szondi-Tests, bei dem jedermann mit Nachdruck zur Teilnahme angehalten wird, nicht in der Form einfacher Wahl, sondern in der Form eines echten Engagements, einer praktischen Aktivität. Die Notwendigkeit, Gegenstände, Ideen und modellhafte Verhaltensweisen abzusetzen, erfordert eine zentrale Auswertungsstelle, die durch eine Art Antriebsprofil der Verbraucher eine Berichtigung der Wahl und die Schaffung neuer, den Konsumgütern besser angepaßter Bedürfnisse ermöglicht. Man kann allerdings sagen, daß die Marktuntersuchungen, Motivationsstudien, Meinungsumfragen, soziologische Repräsentativerhebungen und der Strukturalismus diesem Projekt eher zusammenhanglos und mit mancherlei Schwächen dienen. Es fehlt an Koordination und Rationalisierung? Die Kybernetiker werden das schon in Ordnung bringen, wenn wir ihnen das Leben lassen. Die Wahl des "konsumierbaren Bildes" ist auf den ersten Blick von allergrößter Bedeutung. Die mit-OMO-Wäsche-waschende-Hausfrau unterscheidet sich vom Blickpunkt des Umsatzes von der mit-SUNIL-Wäsche-waschenden-Hausfrau. Auf gleiche Weise unterscheidet sich der demokratische Wähler vom republikanischen Wähler, der Kommunist vom Christen. Doch die Grenze wird immer weniger wahrnehmbar. Das Spektakel der Zusammenhanglosigkeit führt zur Aufwertung des Nullpunkts aller Werte. Soweit, daß die Identifizierung mit irgend etwas den Ausschlag gibt, genau wie die Notwendigkeit, irgend etwas zu konsumieren, über die konstante Wahl eines bestimmten Wagentyps, eines bestimmten Idols oder eines bestimmten Politikers die Oberhand gewinnt. Geht es nicht letztlich in der Hauptsache darum, den Menschen seinen eigenen Wünschen zu entfremden und ihm einen Platz im Spektakel zuzuweisen, im kontrollierten Raum. Gut oder schlecht, ehrlich oder kriminell, links oder rechts: die Form ist nebensächlich, Hauptsache man verliert sich in ihr. Jedem Chruschtschow seinen Jewtuschenko - und die "hooligans" werden leicht zu kontrollieren sein. Die dritte Kraft allein kann sich mit nichts und niemandem identifizieren, weder mit einem Gegner noch mit einem angeblich revolutionären Führer. Sie ist die Kraft der Identität, in der sich jeder erkennt und findet. In ihr entscheidet niemand für mich oder in meinem Namen, in ihr ist meine Freiheit die Freiheit aller.

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Die Geisteskrankheit gibt es nicht. Sie ist nichts anderes als eine bequeme Kategorie, um Identifizierungsunfälle einzuordnen und aus dem Weg zu schaffen. Diejenigen, die die Macht weder regieren noch beseitigen kann, erklärt sie für verrückt. Unter ihnen befinden sich Extremisten und Besessene fixer Rollen-Ideen. Unter ihnen befinden sich aber auch diejenigen, die über die Rollen spotten oder sie ablehnen. Ihre Isolierung ist das Kriterium, das zu ihrer Verurteilung führt. Wenn ein General sich, mit der Unterstützung von Millionen Wählern, mit Frankreich identifiziert, findet sich dennoch eine Opposition, die ihm diesen Anspruch ernsthaft streitig macht. Sieht man nicht Hörbiger ebenso erfolgreich eine Nazi-Physik erfinden und den General Walker und Barry Goldwater den höheren, weißen, gottgesandten und kapitalistischen Menschen dem niederen, schwarzen, dämonischen und kommunistischen Menschen entgegensetzen? Sieht man nicht Franco, ernsthaft gesammelt, Gott um seinen Ratschluß zur besseren Unterdrückung Spaniens befragen? Sieht man nicht überall in der Welt, wie Führer in berechnendem Wahn den Beweis führen, daß der Mensch eine lenkbare Maschine ist? Es ist die Identifizierung, die zum Wahnsinn führt, und sicher nicht die Isolierung.

Die Rolle ist die Selbstkarikatur, die man überallhin mit sich führt und die überall zur Abwesenheit führt. Eine Abwesenheit jedoch, die in Ordnung, die verkleidet, die schmuckvoll ist. Die Opfer von Paranoia und Schizophrenie und die Mörder aus Sadismus, deren Rolle nicht als gemeinnützig anerkannt ist (deren Rolle nicht das Etikett der Macht trägt wie die Rolle des Bullen, Chefs oder Militaristen), demonstrieren ihre Nützlichkeit an besonderen Orten, in Asylen und Gefängnissen, in Museen zum doppelten Nutzen der Regierung: durch sie eliminiert sie ihre gefährlichen Konkurrenten und reichert das Spektakel mit negativen Stereotypen an. Die schlechten Beispiele und ihre Bestrafung geben dem Spektakel die rechte Würze und sichern es gleichzeitig ab. Es genügt, zur Identifizierung durch eine Vergrößerung der Isolierung zu ermutigen, um die falsche Unterscheidung zwischen geistiger und gesellschaftlicher Entfremdung zu beseitigen.

Am anderen Pol absoluter Identifizierung findet sich - in der Form einer Distanz zwischen sich und der Rolle - eine Zone spielerischer Betätigung, ein richtiges Nest rebellischer Haltungen gegen die spektakuläre Ordnung. Niemand geht voll und ganz in einer Rolle auf. Selbst wenn der Wille zu leben umgepolt wird, behält er ein Gewalt-Potential, das ihn jederzeit von dem ihm vorgezeichneten Weg abbringen kann. Der treue Lakai, der sich mit seinem Herrn identifiziert, ist auch in der Lage, ihn bei günstiger Gelegenheit zu erwürgen. Der Augenblick kommt, in dem sein Privileg, wie ein Hund zu beißen, seinen Wunsch erregt, wie ein Mann zuzuschlagen. Das hat Diderot vorzüglich in "Le Neveu de Rameau" gezeigt und die Schwestern Papin sogar noch besser. Denn die Identifizierung hat, wie alles Unmenschliche, ihre Wurzel im Menschlichen. Das unechte Leben nährt sich von den echt empfundenen Wünschen. Der Rollenidentifizierung gelingt sogar ein Doppeltreffer: sie integriert das Spiel der Metamorphosen, die Lust, sich zu maskieren und überall auf der Erde in jeder Gestalt zu sein; ihr gehört die altbekannte Leidenschaft, sich in einem Labyrinth zu verlieren, um sich besser wiederzuentdecken, ihr gehört das Spiel der Odysseen und der Metamorphosen. Sie integriert aber auch den Identitätsreflex, den Willen, in dem anderen Menschen den reichsten und echtesten Teil seiner selbst zu finden. In dem Fall hört das Spiel auf, Spiel zu sein, es erstarrt und verliert die Wahl seiner eigenen Regeln. Die Suche nach der Identität wird zur Identifizierung. Doch kehren wir die Perspektive um. Ein Psychiater ging so weit zu schreiben: "Die Anerkennung durch die Gesellschaft veranlaßt das Individuum, seine sexuellen Triebkräfte zu kulturellen Zwecken zu verausgaben, die das beste Mittel sind, um sich erfolgreich gegen sie zu wehren." Das heißt klar, daß der Rolle die Aufgabe zugeteilt wird, die vitale Energie zu absorbieren, die Kraft der Erotik zu schwächen und sie in fortwährender Sublimierung aufzubrauchen. Je weniger erotische Wirklichkeit es gibt, um so mehr nehmen sexualisierte Formen im Spektakel zu. Die Rolle - Wilhelm Reich verglich sie mit einer Panzerung - garantiert die Unfähigkeit zu genießen. Im Gegensatz dazu brechen Lust, Lebensfreude und zügelloser Genuß den Panzer, die Rolle. Würde das Individuum die Welt nicht mehr in da Perspektive der Macht betrachten wollen, sondern in einer Perspektive, deren Ausgangspunkt er selbst ist, würde er bald die Taten herausfinden, die ihn wirklich befreien, die echtesten erlebten Momente, die wie Licht durch die graue Wolkendecke der Rollen brechen. Die Beobachtung, die Durchleuchtung der Rollen im Licht des echt Erlebten würde eine Entwendung der in sie investierten Energien ermöglichen und die Wahrheit da Lüge ans Licht bringen.

Eine individuelle und zugleich kollektive Arbeit. Obwohl alle Rollen gleich entfremden, haben sie doch unterschiedliche Widerstandskraft. Es ist sehr viel leichter, sich von der Rolle eines Verführers freizumachen als von der Rolle eines Polizisten, einer Führungskraft, eines Geistlichen. Das muß jeder für sich selbst aus nächster Nähe prüfen.

4 Die Kompensation. - Warum sind die Menschen in manchen Fällen bereit, für die Rolle einen höheren Preis zu zahlen als für ihr eigenes Leben? In Wahrheit deswegen, weil ihr Leben keinen Preis hat, was hier bedeutet, daß das Leben jenseits öffentlicher Bewertung, öffentlicher Währung liegt und jeder Reichtum angesichts des Spektakels und seiner Kriterien unhaltbare Armut ist. Für die Konsumgesellschaft ist arm, was nicht konsumierbar ist. Die Erniedrigung des Menschen zum Konsumenten stellt folglich, in spektakulärer Perspektive, eine Bereicherung dar. Je mehr Gegenstände und Rollen jemand besitzt, desto mehr ist er; so will es die Organisation des Scheins. Doch in der Perspektive der erlebten Wirklichkeit bedeutet jede Vermehrung der Macht eine entsprechende Verminderung des Willens echter Verwirklichung. Was an Schein gewinnt, verliert an Sein und Sein-Müssen.

Das Erlebte bietet daher stets den Rohstoff für den Gesellschaftsvertrag, zahlt die Eintrittsgebühr. Das Erlebte wird geopfert und durch ein prächtiges Arrangement des Scheins kompensiert. Je ärmer das Alltagsleben ist, desto attraktiver ist das Unechte. Je mehr die Illusion die Oberhand gewinnt, um so mehr verarmt das tägliche Leben. Ihres Wesens durch Verbote, Zwang und Lüge beraubt, erregt die erlebte Wirklichkeit so wenig Interesse, daß die Wege des Scheins alle Aufmerksamkeit auf sich lenken. Der Mensch lebt seine Rolle besser als sein eigenes Leben. Bei diesem Stand der Dinge verleiht die Kompensation das Privileg, mehr Gewicht zu haben. Eine Rolle ersetzt einen Mangel: einmal die Unzulänglichkeit des Lebens, zum anderen die Unzulänglichkeit einer anderen Rolle. Ein Arbeiter mag seine Erschöpfung hinter dem Titel "Facharbeiter" und die Armseligkeit seiner Rolle selbst hinter dem unvergleichlich höherwertigen Schein des Besitzers eines Ford Capri verbergen. Doch jede Rolle verlangt den Preis von Verstümmelungen (Mehrarbeit, Entfremdung des Komforts, Überleben). Jede Rolle füllt notdürftig die Leere, die die Austreibung des Ichs und des wahren Lebens gelassen hat. Würde man plötzlich die Füllung fortreißen, würde eine klaffende Wunde zum Vorschein kommen. Die Rolle ist gleichzeitig Bedrohung und Schutz. Doch die Bedrohung wird nur im Bereich des Negativen empfunden, offiziell gibt es sie nicht. Offiziell gibt es die Bedrohung nur dann, wenn die Rolle Gefahr läuft, aufgegeben oder entwertet zu werden, wenn jemand seine Ehre oder seine Würde verletzt findet, wenn er, wie es so schön und treffend heißt, sein Gesicht verliert. Diese Doppeldeutigkeit der Rolle erklärt nach meiner Auffassung, warum die Menschen sich so sehr an ihr festklammern, warum sie ihnen so fest auf der Haut klebt und warum sie für sie ihr Leben zum Markt tragen: die Rolle, die die erlebte Erfahrung aussaugt, schützt sie gleichzeitig vor der Enthüllung ihres unerträglichen Elends. Ein isoliertes Individuum überlebt keine derartig brutale Enthüllung. Die Rolle nimmt an der organisierten Isolierung teil, an der Trennung, an der falschen Einheit. Ähnlich dem Alkohol ist die Kompensation das "doping", das für die Verwirklichung eines unechten Sein-Könnens notwendig ist. Die Identifizierung kann betrunken machen. Das Überleben und seine schützenden Illusionen bilden ein unauflösliches Ganzes. Die Rollen sterben natürlich mit dem Verschwinden des Überlebens, obschon einige Tote fortfahren, ihren Namen mit einem Stereotyp zu verbinden. Ein Überleben ohne Rollen ist ein ziviler Tod. So wie wir zum Überleben verdammt sind, sind wir auch dazu verdammt, im Bereich des Unechten "eine gute Figur abzugeben". Der Panzer verhindert zwar die Freiheit der Gesten, mildert aber auch den Aufprall von Schocks. Unter dem Schutzpanzer ist alles verwundbar. Übrig bleibt nur die spielerische Lösung des "so tun als ob"; gegenüber den Rollen List anzuwenden.

Der Vorschlag Rosanows ist zu beherzigen: "Nach außen hin beuge ich mich. Ich selbst aber bleibe unbeugsam, richte mich nach nichts und niemandem, bin eine Art Adverb." Letzten Endes wird die Welt sich nach dem Subjektiven richten müssen; sich nach mir richten, damit ich mit ihr übereinstimme. Würde man die Rollen wie ein Bündel schmutziger Kleider abwerfen, würde man das Bestehen der Trennung leugnen und in Mystik und Einsiedlertum enden. Ich bin in den Reihen des Feindes und da Feind ist in mir. Damit er mich nicht töten kann, gehe ich hinter dem Schutzpanzer der Rollen in Deckung. Deswegen arbeite ich, konsumiere ich, bin ich höflich, lasse ich mir keinen Verstoß gegen die guten Sitten zuschulden kommen. Zugleich müssen wir aber auch eine derartig künstliche Welt zerstören; deswegen spielen die intelligenten Leute die Rollen gegeneinander aus. Als unverantwortlich gelten, ist die beste Art, Verantwortung für sich selbst zu beweisen. Jeder Beruf ist dreckig - üben wir ihn dementsprechend aus! Alle Rollen sind Lügen - lassen wir sie sich gegenseitig belügen! Ich liebe den Hochmut von Jacques Vache, wenn er schreibt: "Über Ruinen im Dorf lasse ich mein Monokel aus Kristall und eine Theorie beunruhigender Malerei schweifen. Ich war nacheinander ein gekrönter Literat, ein bekannter pornographischer Zeichner und ein skandalöser kubistischer Maler. Jetzt bleibe ich zuhause und überlasse es anderen, meine angedeutete Person zu deuten und zu diskutieren." Mir genügt es, vollkommen wahr zu denen zu sein, die auf meiner Seite stehen, die das echte Leben verteidigen.

Je mehr man sich von der Rolle loslöst, desto besser kann man durch sie den Gegner manipulieren. Je besser man sich vor dem Gewicht der Dinge schützt, desto leichter kann man sich bewegen.

Freunde behindern sich nicht durch Formen, sie polemisieren ohne Deckung, weil sie wissen, daß sie sich nicht verletzen können. Wo wirkliche Kommunikation beabsichtigt ist, ist das Mißverständnis kein Verbrechen. Aber wenn Du bis an die Zähne bewaffnet zu mir kommst und mir den Kampf aufzwingst, um ein Übereinkommen als Sieg davonzutragen, wirst Du an meiner Stelle eine ausweichende Pose vorfinden, ein verhülltes Schweigen, das Dir das Ende des Dialogs anzeigen soll. Die Konfrontierung von Rollen nimmt einer Diskussion von vornherein jegliches Interesse. Der Feind allein sucht die Begegnung auf dem Boden der Rollen, auf dem Turnierplatz des Spektakels. Genügt es nicht, für die Dauer des Tages die eigenen Hirngespinste in Schach zu halten, ohne daß angebliche Freundschaften obendrein noch darauf Druck ausüben? Ja, wenn wenigstens Beißen und Bellen das Hundeleben des Rollenverhaltens bewußt machen würde, wenn es plötzlich die Bedeutung des eigenen Ichs wachrufen würde ?

Glücklicherweise bringt das Spektakel der Zusammenhanglosigkeit gezwungenermaßen etwas Spiel in die Rollen. Die Moral, daß "jede Seite recht hat", zersetzt den Geist der Ernsthaftigkeit. Das spielerische Verhalten läßt die Rollen sich auf dem Tummelplatz ihrer Gleichgültigkeit austoben. Deswegen bemüht sich die Reorganisation des Scheins so glücklos, das Element des Spiels zu verstärken (Ratespiele zwischen den Städten, das Fernsehquiz "Alles oder nichts" etc.), den kühnen Einsatz dem Konsumierbaren dienstbar zu machen. Die Distanzierung bestätigt sich mit dem Zerfall des Scheins. Einige Rollen sind bereits zweifelhaft, mehrdeutig; sie tragen in sich ihre eigene Kritik. Nichts wird in Zukunft die Umwandlung des Spektakels in ein kollektives Spiel verhindern, für das das tägliche Leben durch seine Improvisationen die Be­din­gun­gen permanenter Erweiterung schaffen wird.

5 Die Initiation. - Indem die Bewegung der Kompensierung das Eilend des Überlebens zugleich aufrechterhält und dagegen protestiert, bietet sie jedermann eine Anzahl formeller Möglichkeiten, sich am Spektakel zu beteiligen; Genehmigungen sozusagen, die die private oder öffentliche szenische Darstellung einer oder mehrerer Seiten des Lebens gestatten. Ebenso wie Gott seine Gnade allen Menschen gewährt und doch für jeden einzelnen Erlösung oder Verdammnis offenläßt, so gibt auch die gesellschaftliche Organisation jedem einzelnen die Freiheit, bei dem Eintritt in die Kreise dieser Welt Erfolg zu haben oder zu scheitern. Doch während Gott die Subjektivität global entfremdet, zerstückelt die Bourgeoisie sie in eine Gesamtheit von Teil-Entfremdungen. Die Subjektivität, die nichts war, wird in einer Richtung etwas: sie besitzt ihre Wahrheit, ihr Mysterium, ihre Leidenschaften, ihre Berechtigung, ihre Rechte. Ihre offizielle Anerkennung geschieht nach ihrer Zerlegung in aufeinander folgende, mit den Normen der Macht konforme Bestandteile. Durch den Prozeß der Identifizierung gerinnt das Subjektive zu objektiven Formen, zu Stereotypen. Es gerät in geronnenem Zustand zu kleinen Brocken, zu verabsolutierten Teilchen, auf lächerliche Art zerstückelt (die groteske Behandlung des Ichs bei den Romantikern und sein Gegengift, Humor).

Sein, das heißt Formen der Repräsentation der Macht besitzen. Um jemand zu sein, muß das Individuum, wie man sagt, der Sachlage Rechnung tragen, muß seine Rollen spielen, darf sein Gesicht nicht verlieren, muß die Rollen auf seinen Beruf übertragen, sich mit ihnen nach und nach vertraut machen, bis er sich die spektakuläre Beförderung verdient hat. Die Schul-Fabriken, Werbung und Konditionierungen jeder Ordnung helfen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit aller Fürsorge, ihren Platz in der großen Familie der Verbraucher einzunehmen.

Die Initiation geschieht stufenweise. Nicht alle gesellschaftlich anerkannten Gruppen verfügen über das gleiche Maß an Macht, nicht alle verteilen ihr Maß gleichmäßig unter ihren Mitgliedern. Die Stufenleiter der Beförderung verbindet den Präsidenten mit seinem Gefolge, den Sänger mit seinen Fans und den Abgeordneten mit seinen Wählern. Einige Gruppen sind gut strukturiert, andere haben lockere Konturen, doch bauen sich alle auf dem illusionären Gefühl der Beteiligung ihrer Mitglieder auf, ein Gefühl, das durch Versammlungen, Abzeichen, Arbeitsessen, Verantwortungsbereiche etc. genährt wird. Ein Lügengewebe mit brüchigen Fäden. In diesem entsetzlichen Pfadfindertum auf allen Ebenen gibt es eine ganze Zahl stereotyper Grundformen: Märtyrer, Helden, Vorbilder, das Genie, der Denker, der bescheidene Diener und der großartige Erfolgsmensch. Zum Beispiel: Danielle Casanova, Cienfuegos, Brigitte Bardot, Mathieu, Axelos, der Veteran der Kegelspieler und Wilson. Der Leser kann leicht selbst die betreffenden Gruppen rekonstruieren.

Wird die Kollektivierung der Rollen die jetzt heruntergekommenen großen Ideologien ersetzen? Es läßt sich nicht übersehen, daß die Macht von ihrer Organisation des Scheins abhängt. Der Niederschlag des explodierten Mythos in Form von ideologischen Fragmenten zerstäubt heute in winzigen Rollen. Das bedeutet aber auch, daß der Macht zur Verschleierung ihres Elends nur noch das Elend ihrer in tausend Stücke zerbrochenen Lüge zur Verfügung steht. Das Prestige eines Stars, eines Familienvaters oder eines Staatschefs ist heute nicht einmal mehr einen Furz der Verachtung wert. Dem nihilistischen Verfall entgeht nichts außer seiner Aufhebung. Auch ein technokratischer Sieg, der diese Aufhebung ausschließt, würde den Menschen einer leeren Aktivität ausliefern, einem Initiationsritus ohne Objekt, einer reinen Aufopferung, einer Rollenübernahme ohne Rollenspiel, einer prinzipiellen Spezialisierung.

Der Spezialist deutet diese Phantomwesen in der Tat bereits an, dieses Räderwerk, diese Mechanik im Schoß der Rationalität der gesellschaftlichen Organisation, in der vollkommenen Ordnung der Zombies. Überall erkennt man ihn wieder: in der Politik wie im "hold-up". Die Spezialisierung ist gewissermaßen die Wissenschaft von der Rolle; sie verleiht dem Schein den Glanz, den er früher durch Adel, Esprit, Luxus oder Bankkonto erhielt. Doch bleibt der Spezialist dabei nicht stehen. Er übernimmt eine Rolle, um andere in die Rolle zu pressen; er ist das Bindeglied zwischen der Technik von Produktion und Konsum auf der einen Seite und der Technik spektakulärer Repräsentation auf der anderen Seite, ein isoliertes Bindeglied jedoch, eine Monade gewissermaßen. Da er den ganzen Umfang eines Teilbereichs kennt, läßt er die anderen in den Grenzen des Teilbereichs so produzieren und konsumieren, daß er daraus einen Mehrwert an Macht zieht und seinen Teil Repräsentation in der Hierarchie ausweitet. Er kann notfalls auf eine Vielzahl von Rollen verzichten, um sich auf eine einzige zu beschränken, kann seine Macht konzentrieren, sein Leben auf eine Linie reduzieren. In diesem Fall wird er zum Manager. Unglücklicherweise ist der Kreis, innerhalb dessen er seine Macht ausübt, stets zu klein, zu sehr Teilbereich. Er befindet sich in der Lage eines Gastro-Enterologen, der die Krankheit heilt, auf die er sich spezialisiert hat, und den Rest des Körpers vergiftet. Sicherlich kann ihm die Bedeutung der Gruppe, in der er sein Unwesen treibt, die Illusion seiner Macht lassen, doch ist die Anarchie so groß, liegen die partikularen Interessen so stark im Konkurrenzkampf untereinander, widersprechen sie sich so sehr, daß ihm schließlich seine Ohnmacht bewußt wird. So wie sich die Staatschefs der Atommächte gegenseitig paralysieren, so bauen die Spezialisten durch ihre ineinandergreifende Tätigkeit in letzter Instanz eine gewaltige Maschine - die Macht, die gesellschaftliche Organisation -, die sie alle beherrscht und sie schließlich, je nach ihrer Stellung im Räderwerk, schonend oder schonungslos tötet. Sie entwickeln und betreiben sie blind, denn sie ist die Gesamtheit ihrer einzelnen, ineinandergreifenden Tätigkeiten. Es ist folglich von den meisten Spezialisten zu erwarten, daß ein plötzliches Bewußtsein der fatalen Passivität, auf die sie so eigensinnig hinarbeiten, sie mit aller Leidenschaftlichkeit den Wunsch nach echtem Leben entdecken läßt. Es läßt sich aber auch vorhersehen, daß eine ganze Anzahl unter ihnen zu lange und zu intensiv der Strahlung der autoritären Passivität ausgesetzt war und wie der Offizier in Kafkas "Strafkolonie" mit der Maschine und unter den Folterqualen ihrer letzten Zuckungen zugrunde gehen muß. Das Zusammenspiel des Fußvolkes der Macht, der Spezialisten, baut jeden Tag von neuem den schwankenden Thron der Macht. Das Ergebnis kennt jeder. Man stelle sich aber jetzt vor, zu welch gespenstischem Alptraum uns eine rationelle Organisation verdammen würde, ein "pool" von Kybernetikern, dem es gelingen würde, alle Überschneidungen im Zusammenspiel auszuschalten oder zumindest ein reibungsloses Ineinandergreifen zu kontrollieren. Dann würden ihnen nur noch die Verfechter des thermo-nuklearen Selbstmordes den Nobel-Preis streitig machen können.

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Die gebräuchlichste Art der Verwendung von Namen und Fotos sind die Ausweispapiere, von denen es seltsamerweise heißt, daß sie zur Identifizierung dienen. Das deckt deutlich ihr Zusammenspiel mit den Polizeiapparaten der modernen Gesellschaften auf; nicht nur mit der gewöhnlichen Polizei, d.h. bei Durchsuchungen, Verfolgungen, Überfällen und systematischen Mordanschlägen, sondern auch mit den geheimeren Ordnungskräften. Die Häufigkeit, mit der ein Name oder ein Foto die mündlichen oder schriftlichen Informationskanäle durchläuft, kennzeichnet die Stufe der Hierarchie oder Kategorie, auf der sich das betreffende Individuum befindet. Es ist ganz natürlich, daß der in einem Stadtbezirk, in einer Stadt, in einem Land oder in der ganzen Welt am häufigsten genannte Name eine Macht der Faszination ausübt. Eine statistische Untersuchung auf dieser Basis würde in einem festgelegten Bezugssystem von Raum und Zeit leicht ein Relief der Macht aufzeichnen.

Der Zerfall der Rolle geht jedoch geschichtlich mit der zunehmenden Bedeutungslosigkeit des Namens einher. Für den Aristokraten enthielt der Name zusammengefaßt das Mysterium von Geburt und Geschlecht. In der Konsumgesellschaft macht die werbliche Verwertung des Namens Bernard Buffet aus einem mäßigen Zeichner einen berühmten Maler. Die Manipulation des Namens dient der Produktion von Führungskräften wie dem Absatz von Haarwassern. Das heißt auch, daß ein berühmter Name nicht mehr dem gehört, der ihn trägt. Unter dem Etikett Buffet verbirgt sich nicht mehral6ein Objekt in einem Seidenstrumpf. Ein Stück Macht.

Ist der Protest der Humanisten gegen die Reduzierung des Menschen auf eine Kennummer nicht zum Lachen? Als ob die verramschte Originalität des Namens nicht genausoviel wert ist wie die Unmenschlichkeit einer Reihe von Zahlen. Ich sagte bereits, daß der konfuse Kampf zwischen den angeblich Fortschrittlichen und den Reaktionären um die Frage kreist: Soll man den Menschen durch Knüppelschläge oder durch das Zuckerbrot von Ersatzbelohnungen zerbrechen? Einen bekannten Namen zu haben ist eine schöne Belohnung.

So sehr nähern sich die Namen den Dingen, daß die Lebewesen sie verlieren. Bei der Umkehrung der Perspektive rufe ich mir gern in mein Bewußtsein, daß kein Name das erschöpft oder deckt, was ich bin; mein Vergnügen kennt keinen Namen. In den viel zu seltenen Momenten, in denen ich mich konstruiere, kann die Manipulation keinen ihrer Hebel gegen mich in Bewegung setzen. Allein die Enteignung seiner selbst verfängt sich in den Namen der Dinge, die uns zerstören. Ich hoffe, daß die Geste Albert Libertads, der seine Ausweispapiere verbrannte und damit einen Namen aufgab, um tausend andere zu wählen, auch in diesem Sinn verstanden wird und nicht lediglich als Auflehnung gegen polizeistaatliche Kontrolle; 1959 verwirklichen die schwarzen Arbeiter von Johannesburg die gleiche Geste. Bewundernswürdige Dialektik der wechselnden Perspektive: da der Stand und der Staat der Dinge mir verbieten, einen Namen zu tragen, der, wie für die Feudalherren, Ausfluß meiner Kraft bedeutet, verzichte ich auf jegliche Benennung; und mit einem Schlag finde ich im Unnennbaren den Reichtum des Erlebten, die unsagbare Poesie, die Bedingung der Aufhebung; ich betrete den namenlosen Wald, in dem das Reh von Lewis Carroll Alice erklärt: "Stell dir vor, deine Lehrerin will dich rufen. Doch es gibt keinen Namen mehr, und sie schreit he! hallo!, doch niemand heißt so; niemand braucht also zu antworten." Glücklicher Wald radikaler Subjektivität.

Giorgio di Chirico scheint mir mit schöner Konsequenz dem Weg zum Wald von Alice zu folgen. Was für den Namen gilt, gilt auch für die Darstellung des Gesichts. Das Foto gibt im wesentlichen die Rolle, die Pose wieder. In ihm wird die Seele gefangengehalten, der Deutung unterworfen; deswegen sieht ein Foto immer traurig aus. Es wird wie ein Objekt prüfend betrachtet. Und läßt man sich denn nicht selbst zu einem Objekt machen, wenn man sich mit einer Skala von Ausdrucksweisen identifiziert, so breit und bunt sie auch sein mag? Der Gott der Mystiker wußte wenigstens diese Klippe zu umgehen. Davon komme ich auf di Chirico zurück. Er war in etwa ein Zeitgenosse Libertads (wäre die Macht Mensch, würde sie sich ohne Ende für die Begegnungen beglückwünschen, die sie verhindern konnte), seine Gestalten mit ihrem leeren Kopf ziehen klar die Bilanz der Anklage gegen die Unmenschlichkeit. Die verlassenen Plätze und ihr versteinerter Dekor zeigen den Menschen, den die von ihm geschaffenen Dinge entmenscht haben, den die in der Baukunst der Städte, in dem Kraftfeld der unterdrückenden Ideologien erstarrten Dinge seiner Substanz berauben, dessen Blut sie aussaugen. Ich glaube, Breton hat bei der Betrachtung eines Gemäldes von einer Landschaft voller Vampire gesprochen. Die verschwundenen Gesichtszüge des Menschlichen rufen hohl nach der Gegenwart eines neuen Gesichts, das den Steinen selbst menschliches Aussehen geben würde. Dieses Gesicht ist für mich das Gesicht kollektiver Kreation. Weil die Gestalt di Chiricos kein Gesicht hat, hat sie das Gesicht aller.

Während sich die zeitgemäße Kultur viel Mühe gibt, ihre Inhaltlosigkeit zu bezeichnen und ihre eigene Leere durch eine Zeichenlehre zu systematisieren, finden wir hier eine Malerei, in der sich die Abwesenheit ausdrücklich auf eine Poesie der Tat, auf die Verwirklichung von Kunst, Philosophie und Mensch hin öffnet. Die weiß gelassene Fläche im Zentrum des Gemäldes, Spur einer verdinglichten Welt, zeigt aber auch, daß das Gesicht den Ort der Darstellungen und der Bilder verlassen hat und sich jetzt in der täglichen Praxis formt.

Die Zeit von 1910 bis 1920 wird eines Tages ihren unvergleichlichen Reichtum offenlegen. Zum erstenmal wurde, wenn auch noch mit fehlendem Zusammenhang und mit viel Genialität, eine Brücke zwischen der Kunst und dem Leben geschlagen. Ich wage zu behaupten, daß es mit Ausnahme des surrealistischen Abenteuers, nichts von der Zeit dieser Avantgarde der Aufhebung bis zum gegenwärtigen situationistischen Projekt gegeben hat. Die Ernüchterung der alten Generation, die seit nunmehr 40 Jahren im Bereich der Kunst genauso wie im Bereich der Revolution auf der Stelle tritt, beweist nichts anderes. Die Bewegung Dada, das weiße Quadrat von Malewitsch, Ulysses und die Gemälde von die Chirico befruchten die (:)de des verschwundenen Menschen, der auf den Stand von Dingen herabgesunken ist, mit der Gegenwärtigkeit des totalen Menschen.

Und nichts anderes ist der totale Mensch heute als das Projekt, das die große Mehrzahl der Menschen im Namen der verbotenen Kreativität erarbeiten.

6 In der einheitlichen Welt definieren Abenteuer und Pilgerfahrten unter den regungslosen Augen der Götter den Wechsel im Inneren der Unveränderlichkeit. Es gibt nichts zu entdecken, denn die Welt ist für alle Ewigkeit vorgegeben; doch den Pilger, Ritter und Wanderer am Kreuzweg erwartet die Offenbarung. In Wahrheit vollzieht sich die Offenbarung in jedermann: auf der Fahrt durch die Welt sucht jeder sie in sich, sucht sie weit in der Ferne und plötzlich sprudelt sie hervor, die Quelle voller Wunder, die die Reinheit einer Geste gerade dort entstehen läßt, wo sie der von aller Gunst verlassene Suchende nie vermutet hätte. Die Quelle und das Schloß fesseln die schöpferische Phantasie des Mittelalters. Ihre symbolische Bedeutung ist klar: der Wunsch, in der Bewegung das Unveränderliche und in dem Unveränderlichen die Bewegung zu finden.

Was macht die Größe Heliogabals, Tamerlans, von Gilles de Rais, Tristan und Parzival aus? Besiegt ziehen sie sich auf einen lebendigen Gott zurück; sie identifizieren sich mit einem Weltenschöpfer, geben ihre unbefriedigte Menschlichkeit auf, um unter der Maske göttlichen Schreckens zu herrschen und zu sterben. Dieser Tod der Menschen ist der Gott des Unveränderlichen, er läßt das Leben im Schatten seiner Verfälschung blühen. Der Tod Gottes wiegt schwerer als der alte lebendige Gott; in Wahrheit aber hat uns die Bourgeoisie nicht von Gott befreit, sondern nur seinen Kadaver klimatisiert. Die Romantik ist der Gestank der Verwesung Gottes, die Witterung des Ekels vor den Bedingungen des Überlebens.

Von inneren Widersprüchen zerrissen, gründet die Klasse der Bourgeoisie ihre Herrschaft auf die Veränderung der Welt, lehnt jedoch ihre eigene Veränderung ab. Sie ist eine Bewegung, die der Bewegung entgehen möchte. Das Bild des Unveränderlichen unter den einheitlichen Regimen enthielt Bewegung. Unter den zerstückelten Regimen bemüht sich die Bewegung um eine Reproduktion des Unveränderlichen. (Es wird immer Kriege, Arme und Sklaven geben.) Die Bourgeoisie an der Macht gestattet nur leere, abstrakte, von der Totalität abgetrennte Veränderungen; teilweise Veränderungen und Veränderungen von Teilen. Doch ist die Gewohnheit der Veränderung in ihrem Prinzip Trägerin der Subversion. Der Wechsel ist nun aber das oberste Gebot der Konsumgesellschaft. Es ist unerläßlich, daß die Menschen ihre Wagen, ihre Mode und ihre Ideen wechseln; unerläßlich, damit keine radikale Veränderung eine Form von Autorität beendet, die die letzte Möglichkeit ihrer Durchsetzung darin findet, daß sie sich selbst zum Konsum anbietet, daß sie sich verbraucht, indem sie jeden verbraucht. Unglücklicherweise liegt in dieser Flucht zum Tod, in diesem Lauf, der nie enden will, keine wirkliche Zukunft, nur eine Vergangenheit, die hastig neu eingekleidet und hinaus in die Zukunft geworfen wurde. Seit nahezu einem Vierteljahrhundert folgen die gleichen Neuheiten mit nur notdürftig erneuertem Anstrich auf dem Markt für "gadgets" und Ideen aufeinander. Gleiches geschieht auf dem Markt der Rollen. Wie könnten wir denn auch über eine so bunte Vielzahl von Rollen verfügen, daß die alte Qualität der Rolle, die Rolle in der feudalen Konzeption, kompensiert werden könnte. Wo doch

1. das Quantitative die Begrenzung in sich trägt und die Umwandlung in das Qualitative verlangt;

2. die Lüge der ständigen Erneuerung in der Armut des Spektakels in Erscheinung tritt.

Die ständig erneuerte Ausmusterung nutzt die Verkleidungen ab. Die Vervielfachung von Veränderungen im Detail erregt den Wunsch nach einer Veränderung, ohne ihn je zu befriedigen. Durch eine Beschleunigung der Veränderung von Illusionen kann die Macht nicht der Wirklichkeit radikaler Veränderung entgehen.

Die Vervielfachung von Rollen macht sie nicht nur allmählich einander gleichwertig, sie zerstückelt sie noch dazu und läßt sie lächerlich erscheinen. Die Quantifizierung der Subjektivität hat spektakuläre Kategorien für ganz prosaische Gesten und Haltungen geschaffen: für eine Art zu lächeln, eine Brustweite, eine Haarfrisur etc. Es gibt immer seltener große Rollen, immer häufiger Statisten. Selbst die Stalin-Ubus, Hitler und Mussolini haben nur noch glanzlose Nachfolger. Die meisten Leute kennen gut das Unbehagen, mit dem sie sich zu einer Gruppe gesellen und Kontakt suchen: es ist die Angst des Schauspielers, die Furcht, seine Rolle schlecht zu spielen. Die Zerstückelung von offiziell kontrollierbaren Verhaltensweisen und Posen läßt erwarten, daß diese Angst ihre Quelle wieder entdeckt: nicht die Ungeschicklichkeit der Rolle, sondern den Selbstverlust in der spektakulären Schau, in der Ordnung der Dinge. In seinem Buch Mèdicine et Homme total stellt der Arzt Solié bezüglich der erschreckenden Ausbreitung nervlicher Erkrankungen fest: "Es gibt die Krankheit an sich ebensowenig wie den Kranken an sich, es gibt nur ein echtes oder unechtes Auf-der Welt-Sein." Die Rückverwandlung der Energie, die das Scheinen gestohlen hat, in den Willen, echt zu leben, gehört zur Dialektik des Scheins. Die Ablehnung des Unechten hat alle Chancen, durch die Auslösung einer quasi-biologischen Reaktion der Verteidigung mit ihrer Gewalt alle die zu vernichten, die mit der Organisation des Spektakels der Entfremdung immer weiter fortfahren. Alle die, die sich heute rühmen, Idole, Künstler, Soziologen, Denker oder Spezialisten jedweder theatralischer Inszenierung zu sein, sollten darüber nachdenken. Die Explosionen des Volkszorns sind keine Unglücksfälle von der Art des Ausbruchs des Krakatau.

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Ein chinesischer Philosoph hat gesagt: "Das Zusammenfließen kündet von der Ankunft des Nichts. In dem totalen Zusammenfluß kommt die Gegenwart in Bewegung." Die Entfremdung, die sich auf alle menschlichen Tätigkeiten erstreckt und sie bis zum äußersten voneinander abspaltet, spaltet sich schließlich selbst und wird in ihren Teilen verletzlicher. In der Auflösung des Spektakels wird sich das neue Leben seiner selbst bewußt und zertrümmert, was zertrümmert wurde und verwirft, was verworfen wurde. Unter der Spaltung findet sich die Einheit, unter dem Verschleiß geballte Energie, unter dem Stückwerk des eigenen Ichs die subjektive Radikalität. Das Qualitative. Doch es genügt nicht, die Erneuerung der Welt genauso vollziehen zu wollen, wie man das Mädchen liebt, das man liebt.

Je mehr sich das erschöpft, dessen Funktion die Austrocknung des täglichen Lebens ist, desto mehr siegt die hervorbrechende Lebenskraft über die Macht der Rolle. So setzt sich die Umkehrung der Perspektive in Kraft. Auf diese Ebene muß sich die neue revolutionäre Theorie konzentrieren, um den Durchbruch zur Aufhebung zu schaffen. Der Ära der Berechnung und des Mißtrauens, die der Kapitalismus und der Stalinismus eingeläutet haben, widersetzt sich in einer taktischen Phase heimlichen Aufbaus die Ära des Spiels.

Der Stand der Degradierung des Spektakels, die individuellen Erfahrungen und die kollektiven Demonstrationen der Verweigerung müssen die taktische Handhabung der Rolle in der Wirklichkeit präzisieren. Kollektiv können die Rollen abgeschafft werden. Die spontane Kreativität und die Lust am Fest, die sich in den revolutionären Momenten freie Bahn brechen, geben dafür genug Beispiele. Wenn sich die Freude der Herzen eines Volkes bemächtigt, stiehlt sie ihm kein Chef und keine Inszenierung. Führer erheben sich über die revolutionären Massen nur dadurch, daß sie den Ausbruch ihrer Freude in Schach halten und sie daran hindern, weiterzugehen und das Erreichte auszubauen. Eine Gruppe theoretischer und praktischer Aktion, wie die der Situationisten, ist heute jederzeit in der Lage, die Szene des politischen und kulturellen Spektakels als subversive Kraft zu betreten.

Individuell, und folglich für eine Periode des Übergangs, muß jeder seine Rollen unterhalten können, ohne sie aber zu eigenen Lasten zu mästen. Muß sich durch sie gegen sie schützen; die Energie zurückgewinnen, die sie absorbieren, die Macht, die sie illusorisch verleihen. Das Spiel Jacques Vachés spielen.

Wenn Deine Rolle andere in ihren Bann zieht, nimm zunächst die Macht an, die nicht Du selbst bist, laß dann ihr Phantom umhergeistern. In einem Kampf um Prestige ist jeder Verlierer - schone also Deine Kräfte. Keine vergeblichen Streitereien, keine müßigen Diskussionen, kein Kolloquium, kein Forum, keine Woche für marxistisches Denken! Wenn Du zuschlagen mußt, um Dich wirklich zu befreien, schlage zu, um zu töten! Worte töten nicht.

Leute umringen Dich und wollen diskutieren. Sie bewundern Dich? Spuck ihnen ins Gesicht; sie machen sich über Dich lustig? Hilf ihnen, sich in ihrem eigenen Lachen zu finden. Die Rolle trägt das Lächerliche in sich selbst. Es gibt nichts als Rollen um Dich herum? Wirf Deine Unverschämtheit und Deinen Humor unter sie, behandle sie aus der Distanz; spiele Katz und Maus mit ihnen; vielleicht findet dabei einer von denen, mit denen Du zusammen bist, plötzlich zu sich selbst und entdeckt die Bedingungen des Dialogs. Obwohl alle Rollen gleich entfremdend sind, sind sie übrigens nicht alle gleich verachtenswert. Einige unter den formalisierten Verhaltensweisen verbergen kaum das Erlebte und seine entfremdeten Forderungen. Mir erscheinen vorübergehende Bündnisse mit bestimmten Verhaltensweisen und revolutionären Bildern soweit zulässig, als durch die Ideologie hindurch, die sie voraussetzen, das radikale Versprechen sichtbar bleibt. Ich denke dabei vor allem an den Lumumba-Kult unter den jungen Kongolesen. Wer sich stets vor Augen hält, daß die einzig angemessene Behandlung seiner selbst und der anderen die immer größere Dosis an Radikalität ist, der kann sich weder täuschen noch verlieren.

XVI. Die Faszination der Zeit

Durch eine gigantische Verhexung schafft der Glaube an die Zeit der Vergänglichkeit die Wirklichkeit der Vergänglichkeit der Zeit. Die Zeit ist der Verschleiß durch die Anpassung, zu der sich der Mensch jedesmal entschließt, wenn er an der Veränderung der Welt scheitert. Das Alter ist eine Rolle, eine Beschleunigung der "erlebten" Zeit im Bereich des Scheins, ein Hängen an den Dingen.

Das wachsende Unbehagen in der Zivilisation bringt heute die bisherigen Therapien auf den Weg zu einer neuen Dämonenlehre. Wie einst Anrufung, Verhexung, Besessenheit, Beschwörung, Sabbatorgie, Metamorphose und Talisman das zweideutige Privileg besaßen, zu heilen und leiden zu lassen, so wird es heute immer gewisser, daß der Trost des unterdrückten Menschen (Medizin, Ideologie, Rollenkompensierung, "gadgets" für den Komfort, Methoden zur Veränderung der Welt etc.) die Unterdrückung selbst noch unterstützt. Wir leben in einer krankhaften Ordnung von Dingen: das ist es, was die Herrschenden um jeden Preis verbergen wollen. In einem schönen Abschnitt seines Buches Die Funktion des Orgasmus beschreibt Wilhelm Reich, wie es ihm gelang, eine junge Arbeiterin aus Wien nach Monaten psychoanalytischer Behandlung zu heilen. Sie litt an einer Depression aufgrund ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Als sie wieder gesund war, schickte Reich sie in ihre Umgebung zurück. Fünfzehn Tage später beging sie Selbstmord. Es ist bekannt, daß Reichs Weitblick und Aufrichtigkeit zu seinem Ausschluß aus den psychoanalytischen Kreisen, zur Isolierung, zum Wahn und zum Tod führten; niemand deckt ungestraft die Doppelzüngigkeit der Dämonologen auf.

Diejenigen, die die Welt organisieren, organisieren auch das Leiden und seine Betäubung; das ist bekannt. Die meisten Leute leben wie Nachtwandler, schwankend zwischen der Furcht und dem Wunsch aufzuwachen; eingekeilt zwischen ihrem neurotischen Zustand und dem Trauma einer Rückkehr zum Erlebten. Wir leben jedoch in einer Epoche, in der das unter Betäubung stehende l Überleben eine so starke Dosis verlangt, daß der Organismus übersättigt wird und es zu dem kommt, was in der Sprache der magischen Operation als "Rückschlag" bezeichnet wird. Das drohende Bevorstehen dieses Schocks und seine Natur erlauben es, von der Konditionierung der Menschen als einer gewaltigen Verhexung zu sprechen.

Die Verhexung setzt das Bestehen eines räumlichen Netzwerks voraus, das die entferntesten Gegenstände mit Hilfe der Anziehungskraft spezifischer Gesetze, formeller Analogie, organischer Koexistenz, funktioneller Symmetrie, Allianz von Symbolen etc. zueinander in Bezug setzt. Die Verbindungen werden dadurch hergestellt, daß mit unberechenbarer Häufigkeit ein bestimmtes Verhalten an ein bestimmtes Signal gekoppelt wird. Kurz, es handelt sich um eine generalisierte Konditionierung. Die Frage ist, ob nicht die heute sehr verbreitete Mode, eine bestimmte Form der Konditionierung, wie z.B. die Propaganda, die Werbung, die "mass media", zu brandmarken, wie eine teilweise Beschwörung wirkt, die weitergehende und wesentliche Verhexung bestehen läßt und den Verdacht gegen sie ausräumt. Es ist leicht, sich über die Übertreibungen in "France-Soir" oder der "Bild-Zeitung" lustig zu machen, wenn man dafür in die Falle der vornehmeren Lüge von "Le Monde", "Die Welt" oder "Die Zeit" geht. Sind Information, Sprache und Zeit nicht eine gewaltige Zange, mit der die Macht die Menschheit bearbeitet und in ihre Perspektive rückt? Es stimmt, daß der Griff der Macht ungeschickt angesetzt ist, daß er die Menschen aber um so wirkungsvoller umschließt, als sie sich ihrer Fähigkeiten nicht bewußt sind, ihm zu widerstehen und oft verkennen, daß sie ihm bereits auf spontane Weise Widerstand leisten.

Die großen Prozesse der Stalin-Ära haben gezeigt, daß ein wenig Geduld und Nachdruck genügte, um einen Menschen dazu zu bringen, sich selbst aller Verbrechen zu beschuldigen und öffentlich um seine Kaltstellung zu bitten. Wie kann man heute im Bewußtsein einer derartigen Methode und nach der Warnung vor ihr übersehen, daß die Mechanismen, die uns beherrschen, mit gleicher teuflischer Überredungskunst, aber mit mehr Mitteln und größerer Beständigkeit bestimmen: "Du bist schwach, Du mußt altern, Du mußt sterben." Erst gehorcht das Bewußtsein, dann der Körper. Ich möchte den folgenden Satz Antonin Artauds als Materialist verstehen: "Niemand stirbt, weil er sterben muß; er stirbt, weil er das Bewußtsein gezwungen hat, sich zu beugen; eines Tages, es ist noch gar nicht so lange her."

Eine Pflanze stirbt auf schlechtem Boden. Das Tier paßt sich seiner Umgebung an, der Mensch verändert sie. Der Tod ist folglich ein Phänomen, das für eine Pflanze, ein Tier oder einen Menschen verschieden ist. Auf günstigem Boden findet die Pflanze die gleichen Bedingungen wie das Tier, sie kann sich anpassen. In dem Maße, wie der Mensch an der Aufgabe der Veränderung seiner Umwelt scheitert, befindet er sich unter den gleichen Bedingungen wie das Tier. Die Anpassung ist das Gesetz der Welt der Tiere.

Die generellen Symptome der Anpassung entwickeln sich nach Hans Selye, dem Theoretiker des "Streß", in drei Phasen: Schreckreaktion, Stadium des Widerstands, Stadium der Erschöpfung. Im Bereich des Scheins hat der Mensch einen Kampf für die Ewigkeit geführt, im Bereich des echten Lebens ist er jedoch bei der tierischen Anpassung stehengeblieben: spontane Reaktion in der Kindheit, Konsolidierung im Erwachsenenalter, Erschöpfung im Alter. Je mehr er heute scheinen möchte, desto klarer zeigten ihm die Kurzlebigkeit und die Zusammenhanglosigkeit des Spektakels, daß er wie ein Hund lebt und wie ein trockenes Grasbüschel stirbt. Wird man sich endlich bald entschließen zuzugeben, daß die gesellschaftliche Organisation, die sich der Mensch zur bestmöglichen Veränderung der Welt nach seinen Wünschen geschaffen hat, ihm künftig nicht mehr helfen wird; daß sie zu nichts mehr als einem Verbot geworden ist, die Methoden der Befreiung und individuellen Verwirklichung nach den Regeln einer noch zu schaffenden höheren Gesellschaft anzuwenden; Methoden, die der Mensch durch die Geschichte der entziehenden Aneignung, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und der hierarchisierten Macht hindurch für sich entwickelt hat.

Künftig leben wir in einem geschlossenen, erstickenden System. Was wir auf der einen Seite gewinnen, verlieren wir auf der anderen Seite. Der Tod, der quantitativ durch den Fortschritt in der Hygiene besiegt wurde, bemächtigt sich qualitativ des Überlebens. Die Anpassung wurde demokratisiert, leichter für jedermann gemacht; für diesen Preis wird der Verlust des Wesentlichen erkauft: die Anpassung der Welt an das Menschliche.

Gewiß gibt es einen Kampf gegen den Tod, doch er spielt sich im Inneren der Symptome der Anpassung ab; das läuft darauf hinaus, daß der Tod mit den Mitteln gegen ihn verbunden wird. Es ist im übrigen bezeichnend, daß sich die therapeutischen Untersuchungen hauptsächlich auf das Stadium der Erschöpfung richten, so als ob das Stadium des Widerstandes bis zum Alter ausgedehnt werden soll. Die Schocktherapie wird erst dann angewandt, wenn Schwäche und Ohnmacht bereits ihre endgültige Wirkung getan haben. Eine Schocktherapie zur Verhinderung des Verschleißes durch Anpassung würde, wie Wilhelm Reich bereits erkannt hat, einen direkten Angriff gegen die gesellschaftliche Organisation, gegen das, was die Aufhebung des Stadiums der Anpassung verbietet, unabdingbar machen. Man beschränkt sich vorzugsweise auf teilweise Heilung - insgesamt geht es deswegen wenigstens nicht schlechter. Doch was passiert, wenn die Gesamtheit des täglichen Lebens aufgrund ständiger Teil-Heilungen von dem Unbehagen am Unechten befallen wird? Wenn Beschwörung und Verhexung allen ihren gemeinsamen Beitrag zur Gesellschaft des Unbehagens sichtbar gemacht haben?

*

Die Frage "Wie alt sind Sie?" wird nie ohne gleichzeitigen Bezug auf die Macht gestellt. Schon das gekennzeichnete Datum zwingt dazu. Geht nicht jede Zeitrechnung von einer Demonstration der Autorität aus: von der Anordnung eines Feiertages für einen Gott, einen Messias, einen Führer, die siegreiche Belagerung einer Stadt. Im Geist der Aristokratie verbürgt die Länge der Zeit Autorität: das Lebensalter, aber auch die Reihe der Vorfahren, erhöht die Vererbungskraft des Adligen. Bei seinem Tod hinterläßt der Aristokrat seinen Nachkommen eine Vitalität, die die Vergangenheit hat kraftvoll werden lassen. Im Gegensatz dazu kennt die Bourgeoisie keine Vergangenheit, erkennt sie zumindest nicht an; ihre in Stücke zerbrochene Macht ist nicht mehr vererblich. In einer Parodie verfolgt sie den Weg des Adels: voller Sehnsucht sucht sie in der Identifizierung mit den Bildern des Familienalbums eine Identifizierung mit einer Abstammung. Der Wunsch nach einer Identifizierung mit der zyklischen Zeit, mit der Zeit ewiger Wiederkehr, wird ersatzweise durch eine blinde Identifizierung mit Stücken der linearen Zeit, mit schnell aufeinanderfolgenden Passagen befriedigt.

Die Beziehung des Alters auf die Grundzahl meßbarer Zeit gibt nicht den einzigen indiskreten Hinweis auf die Macht. Ich behaupte, daß das bestimmte Alter nichts anderes als eine Rolle ist, eine Beschleunigung der Zeit, die im Stil der Leblosigkeit gelebt wird, im Bereich des Scheins, also nach den Gesetzen der Anpassung. Mit der Macht kommt das Alter. Einst übten nur bejahrte Menschen aus altem Adel oder mit langer Erfahrung die Macht aus. Heute erhält auch die Jugend das zweifelhafte Privileg zu altern. Die Konsumgesellschaft führt zur vorzeitigen Vergreisung; hat sie nicht unter dem Etikett "Teenager" eine neue Gruppe gefunden, die sie auf den rechten Weg der Konsumenten bringen will? Der Verbraucher ergibt sich dem Unechten und verbraucht sich darin; er nährt den Schein zugunsten der spektakulären Schau und zu Lasten des wahren Lebens. Er stirbt an dem, woran er sich festklammert, denn er klammert sich an toten Dingen fest, an Waren, an Rollen.

Alles, was Du besitzt, nimmt seinerseits Dich in Besitz. Alles, was Dich zum Eigentümer macht, paßt Dich der Natur der Dinge an; macht Dich alt. Die verfließende Zeit füllt den Raum, den der Auszug des Ichs leergelassen hat. Wenn Du hinter der Zeit herläufst, läuft Dir die Zeit noch schneller davon: das ist das Gesetz des Konsumierbaren. Willst Du die Zeit aufhalten? Sie wird Dir ebensosehr den Atem nehmen und die Jugend stehlen. Man muß sich ihrer tatsächlich und in der Gegenwart bemächtigen. Doch die Gegenwart ist erst noch zu konstruieren.

Wir sind geboren, um jung zu bleiben, um nie zu sterben. Uns wird nur das Bewußtsein bleiben, zu früh gekommen zu sein; und eine gewisse Verachtung für die Zukunft, die uns bereits eine schöne Scheibe vom Leben sichert.

Das Überleben
und seine falsche Kritik

Das Überleben ist das auf die Gebote der Ökonomie reduzierte Leben. Das Überleben ist folglich heute das auf das Konsumierbare reduzierte Leben (XVII.).
Die Tatsachen haben auf die Frage der Aufhebung geantwortet, bevor die angeblichen Revolutionäre der Gegenwart daran gedacht haben, sie aufzuwerfen. Was nicht aufgehoben wird, stirbt ab, was abstirbt, reizt zur Aufhebung. In Unkenntnis dieser beiden Bewegungen beschleunigt die irreführende Verweigerung den Zerfall, gliedert sich in ihn ein und fördert die Aufhebung, wie man manchmal von einem Ermordeten sagt, daß er die Aufgabe seines Mörders erleichtert hat. - Das Überleben ist das unerträglich gewordene Fehlen der Aufhebung. Die einfache Ablehnung des Überlebens verdammt zur Ohnmacht. Wir müssen von jetzt an die von den ursprünglich revolutionären Bewegungen aufgegebenen radikalen Kernforderungen wiederaufnehmen (XVIII).

XVII. Das Leiden des Überlebens

Der Kapitalismus hat das Überleben entmystifiziert. Er hat die Armut des täglichen Lebens angesichts der Bereicherung durch die technischen Möglichkeiten unerträglich gemacht. Das Überleben ist zu einer Ökonomie des Lebens geworden. Die Zivilisation des kollektiven Überlebens vervielfacht die tote Zeit des individuellen Lebens in solcher Weise, daß der Teil des Todes das kollektive Überleben selbst zu besiegen droht. Es sei denn, die Wut zu zerstören verwandelt sich in die Wut zu leben.

Bis heute haben sich die Menschen lediglich einem System der Veränderung der Welt angepaßt. Jetzt geht es darum, das System der Veränderung der Welt anzupassen.

Die Organisation menschlicher Gesellschaften hat die Welt verändert und die sich ändernde Welt hat die Organisation menschlicher Gesellschaften aus den Angeln gehoben. Doch während sich die hierarchisierte Organisation der Natur bemächtigt und sie im Kampf verwandelt, wird der den Individuen vorbehaltene Teil Freiheit und Kreativität von der Notwendigkeit der Anpassung an die gesellschaftlichen Normen und ihre Abwandlungen absorbiert; zumindest außerhalb generalisierter revolutionärer Momente.

Die Zeit des Individuums in der Geschichte ist zum größten Teil tote Zeit. Das ist uns erst vor relativ kurzer Zeit als Folge der Entwicklung unseres Bewußtseins unerträglich geworden. Einerseits beweist die Bourgeoisie durch ihre Revolution, das die Menschen die Veränderung der Welt beschleunigen können, daß sie individuell ihr Leben verbessern können; wobei hier die Verbesserung im Aufstieg in die herrschende Klasse, im Zugang zu Reichtum und kapitalistischem Erfolg gesehen wird. Andererseits setzt die Bourgeoisie die Freiheit der Individuen durch wechselseitige Überschneidungen außer Kraft, vermehrt sie die tote Zeit im täglichen Leben (Notwendigkeit von Konsum, Produktion und Kalkulation), beugt sie sich vor den risikoreichen Gesetzen des Marktes, vor den unausweichlichen zyklischen Krisen mit ihrem Teil an Kriegen und Elend, vor den Barrieren des gesunden Menschenverstandes (der Mensch läßt sich nicht ändern, Arme wird es immer auf der Welt geben ?). Die Politik der Bourgeoisie und ihrer sozialistischen Abarten ist die Politik von Bremsstößen in einem Wagen, dessen Gashebel bei voller Geschwindigkeit blockiert wurde. Je größer die Geschwindigkeit, desto rabiater, gefährlicher und unwirksamer die Bremsstöße. Die Schnelligkeit des Konsumierbaren ist die Schnelligkeit des Zerfalls der Macht; und zugleich die unmittelbar bevorstehende Erarbeitung einer neuen Welt, einer neuen Dimension, eines parallelen Universums, das aus dem Zusammenbruch der Alten Welt neu entsteht.

Der Übergang vom aristokratischen zum "demokratischen" Anpassungssystem hat schlagartig die Kluft zwischen der Passivität individueller Unterwerfung und der gesellschaftlichen Dynamik der Veränderung der Natur, zwischen der Ohnmacht der Menschen und der Allmacht der neuen Techniken vergrößert. Eine beschauliche Haltung paßt ausgezeichnet zum feudalen Mythos, zu einer fast unbeweglichen, von ihren zeitlosen Göttern eingefaßten Welt. Wie aber soll sich der Geist der Unterwerfung mit der dynamischen Vision der Händler, Hersteller, Bankiers und Entdecker von Reichtümern vertragen, mit der dynamischen Vision derjenigen, die zwar nicht die Offenbarungen des Unbeweglichen kennen, dafür aber die wirtschaftliche Bewegung, ein unerschöpferisches Gewinnstreben, das Bedürfnis dauernder Erneuerung? Und dennoch versucht die Bourgeoisie als Macht überall dort, wo sie das Vergängliche, den Übergang, die Hoffnung in der Form der Besonderheit unter die Allgemeinheit bringt, die wirklichen Menschen darin einzuschließen. Sie setzt an die Stelle theologischer Unbeweglichkeit eine Metaphysik der Bewegung. Beide Formen der Vorstellung behindern die bewegende Wirklichkeit, die erstere allerdings mit mehr Glück und Harmonie als die letztere, mit mehr Zusammenhang, mit mehr Einheit. In der Ideologie von Fortschritt und Veränderung im Dienst des Unbeweglichen liegt das Paradox, das sich künftig weder dem Bewußtsein entziehen noch sich vor ihm rechtfertigen kann. In diesem expandierenden Universum von Technik und Komfort sieht man, wie die Lebewesen sich in sich verkriechen, wie sie verknöchern, wie sie kleinlich leben, wie sie für Kleinigkeiten sterben. Der Alptraum bietet dem Versprechen totaler Freiheit einen Kubikmeter individueller Autonomie, die unter der strengen Kontrolle der Nachbarn steht. Eine Raum-Zeit voll von Ärmlichkeit und ordinärem Denken.

Der Tod im Schoße eines lebendigen Gottes gab dem Alltagsleben unter dem feudalen System eine illusionäre Dimension, die dem Reichtum einer vielfältigen Wirklichkeit gleichkam. Wir können sagen, daß sich der Mensch nie besser im Unechten verwirklicht hat. Doch was soll man zu einem Leben unter einem toten Gott sagen, unter einem Gott, der sich zersetzt, das heißt unter der zerstückelten Macht? Die Bourgeoisie hat Gott zur Wirtschaft gemacht und den Menschen als Kapital eingesetzt; sie erspart den Menschen Gott, indem sie am menschlichen Leben spart. Sie hat so die Wirtschaftlichkeit zum heiligen Gebot erhoben und die Lebendigkeit in ein wirtschaftliches System eingeschlossen. Die Programmierer der Zukunft sind dabei, dieses Schema zu rationalisieren, zu planen, zu humanisieren, und was noch alles. Und man kann sicher sein, daß die kybernetische Programmierung so verantwortungslos wie der Kadaver Gottes sein wird.

Kierkegaard bringt das Leiden des Überlebens gut zum Ausdruck: "Lassen wir die anderen die Boshaftigkeit ihrer Zeit bejammern. Ich beklage mich über ihre Erbärmlichkeit; denn sie ist ohne Leidenschaft ? Mein Leben löst sich in einer einzelnen Farbe auf." Das Überleben ist das Leben, das auf das Wesentliche reduziert ist, auf die abstrakte Form, auf das Maß an Gärung, das der Mensch braucht, um an Produktion und Konsum teilzunehmen. Für den römischen Sklaven: Ruhepausen und Nahrung. Für die Nutznießer der Menschenrechte: genug, um sich zu ernähren und zu bilden, genügend Bewußtsein, um eine Rolle zu übernehmen; genügend Initiative, um Macht zu erlangen, genügend Passivität, um ihre Zeichen zur Schau zu tragen. Die Freiheit, sich auf höherem Tierniveau anzupassen.

Das Überleben ist ein verlangsamtes Leben. Das Scheinen ist mit so großem Aufwand verbunden! Das Überleben hat seine Intimhygiene, die die Information unter der Allgemeinheit weit verbreitet hat: starke Emotionen vermeiden, seinen Blutdruck überwachen, wenig essen, in Maßen trinken, in guter Gesundheit überleben, um besser seiner Rolle gemäß zu leben. "Überlastung, Krankheit der Führungskräfte", lautet ein Titel in "Le Monde". Man muß mit dem Überleben haushalten, denn es ist Verschleiß; man darf es nur wenig leben, denn es führt zum Tod. Einst bedeutete der Tod leben in Gott. Heute verbietet die Hochachtung vor dem Leben, es zu berühren, es aufzuwecken, es aus seiner Lethargie herauszuführen. Man stirbt an Leblosigkeit, wenn die Quantität des Todes, die man in sich trägt, ihren Sättigungsgrad erreicht hat. Welche Akademie der Wissenschaften wird den Grad tödlicher Strahlungen ermitteln, bei dem unsere täglichen Gesten absterben? Wie soll der Mensch bei der dauernden Identifizierung mit dem, was nicht er selbst ist, bei dem dauernden Wechsel von einer Rolle, einer Machtposition, einer Altersstufe in die andere nicht schließlich selbst zu einem dauernden Übergang, zur Zersetzung werden? Die Existenz eines mysteriösen, greifbaren Todes im Schoß des Lebens selbst konnte Freud so sehr täuschen, daß er einen im Sein verankerten Fluch, einen angeblichen Todestrieb annahm. Der Irrtum Freuds, auf den bereits Wilhelm Reich hingewiesen hat, wird heute sichtbar und vom Phänomen des Konsums verdeutlicht. Die drei Elemente des Todestriebs, Nirwana, Wiederholungszwang und Masochismus, bedeuten nichts anderes als drei Formen der Beherrschung durch die Macht: der passiv auf sich genommene Zwang, die gewohnheitsmäßige Verführung und die als unausweichliches Gesetz betrachtete Vermittlung.

Wir wissen, daß der Konsum von Waren, der bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge immer noch ein Konsum von Macht ist, in sich die eigene Zerstörung und die Bedingungen seiner Aufhebung trägt. Die Befriedigung des Konsumenten kann und darf niemals erreicht werden; die Logik des Konsumierbaren verlangt, daß neue Bedürfnisse geschaffen werden; aber es ist genauso wahr, daß die Anhäufung verfälschter Bedürfnisse das Unbehagen des Menschen, der immer mühsamer in seiner alles andere ausschließenden Stellung des Konsumenten gehalten wird, ständig verstärkt. Der Reichtum an Konsumgütern verarmt dazu noch das echt Erlebte. Er verarmt es auf zweifache Weise: zunächst dadurch, daß er ihm als Gegenwert Dinge gibt; dann dadurch, daß es selbst bei entsprechendem Willen unmöglich ist, eine Bindung an die Dinge zu finden, es kommt ja darauf an, sie zu verbrauchen, das heißt, sie zu zerstören. Daraus entsteht ein immer mehr herausfordernder Lebensmangel, eine Unzufriedenheit, die sich selbst verzehrt. Doch dieses Bedürfnis zu leben ist ambivalent; es ist ein Punkt, an dem sich die Perspektive umkehrt.

In der eingestellten Optik des Verbrauchers, in der konditionierten Sicht erscheint das fehlende Leben als ungenügender Verbrauch: er verbraucht nicht genug Macht und er verbraucht sich nicht genug für die Macht. Als Linderungsmittel für das fehlende wahre Leben wird der Tod auf Raten verschrieben. Eine Welt, die dazu zwingt, blutlos zu sterben, ist gezwungen, die Blutgier zu propagieren. Wo das Leiden des Überlebens herrscht, greift der Wunsch zu leben spontan zu den Waffen des Todes: grundloser Mord, Sadismus ? Wenn die Leidenschaft zerstört wird, entsteht sie in der Leidenschaft der Zerstörung zu neuem Leben. Unter diesen Umständen wird niemand das Zeitalter des Überlebens überleben. Und schon heute hat die Verzweiflung einen derartigen Grad erreicht, daß viele den Satz von Antonin Artaud unterschreiben würden: "Ich bin von dem drohenden Tod so sehr gezeichnet, daß der wirkliche Tod für mich seinen Schrecken verloren hat." Der Mensch des Überlebens ist der Mensch der Angstlust, der Mensch des Unvollendeten, der Mensch der Verstümmelung. Wo wird er sich auf dem Weg zu diesem nicht endenden Selbstverlust wiederfinden, auf dem alles ihn hinabzieht? Er irrt durch ein Labyrinth, das seinen Mittelpunkt verloren hat, das voll von Labyrinthen ist. Er schleppt sich durch eine Welt, die überall gleichwertig ist. Sich töten? Um sich töten zu können, muß ein Widerstand spürbar sein, ein Wert in ihm sein, der sich zerstören läßt. Wo es nichts gibt, beginnen die Gesten der Zerstörung selbst zu zerbrechen, auseinanderzufallen. Die Leere läßt sich nicht in die Leere stürzen. "Eine einfache Lösung wäre ein Stein, der auf mich fällt und mich tötet", schreibt Kierkegaard. Ich glaube, es gibt heute wohl niemanden, der nicht die Furcht in einem solchen Denken spürt. Es ist diese Leblosigkeit, die mit größter Sicherheit tötet, diese Schlaffheit derjenigen, die mit 18 Jahren die Altersschwäche wählen, die sich acht Stunden lang jeden Tag in eine abstumpfende Arbeit stürzen, die sich von Ideologien nähren. Nichts als fleischlose Wesen verbergen sich unter dem jämmerlichen Flitter des Spektakels und sie wünschen und fürchten die einfache Lösung Kierkegaards, um nie mehr zu wünschen, was sie fürchten, um nie mehr zu fürchten, was sie wünschen.

Parallel dazu entbrennt wie ein biologisches Verlangen die Wut zu leben, die Rückseite der Wut zu zerstören und sich zerstören zu lassen. "Solange es uns nicht gelingt, auch nur einen der Gründe der menschlichen Verzweiflung zu beseitigen, haben wir nicht das Recht, die Mittel zu beseitigen, mit denen der Mensch versucht, seine Verzweiflung zu überwinden." Tatsache ist, daß der Mensch zugleich über die Mittel zur Beseitigung der Gründe seiner Verzweiflung verfügt und über das Kraftpotential zur Überwindung dieser Verzweiflung. Niemand hat das Recht zu übersehen, daß die Macht der Konditionierung den Menschen daran gewöhnt hat, mit einem Bruchteil seiner Lebensmöglichkeiten zu überleben. So groß ist die Einheit des schmerzvollen Überlebens, daß das zusammengedrängt Erlebte seinerseits die große Mehrzahl Menschen in dem Willen zu leben eint. Daß die Ablehnung der Verzweiflung zur Konstruktion eines neuen Lebens wird. Daß die Ökonomie des Lebens mit dem Ende der Ökonomie beginnt; jenseits des Überlebens.


XVIII. Die Verweigerung auf Abwegen

Es gibt einen Punkt der Aufhebung, einen Punkt; der geschichtlich von der Stärke und der Schwäche der Macht bestimmt wird; von der Zerstückelung des Individuums bis zum subjektiven Atom; von der Vertrautheit des täglichen Lebens mit dem, was es zerstört. Die Aufhebung wird allgemein, einheitlich und subjektiv konstruiert sein (1). - Durch die Aufgabe ihrer Radikalität verdammen sich die ursprünglich revolutionären Bewegungen zum Reformismus. Die heute so gut wie allgemeine Aufgabe revolutionären Geistes kennzeichnet die Reformen des Überlebens. - Eine neue revolutionäre Organisation muß den Kern der Aufhebung aus den großen revolutionären Bewegungen der Vergangenheit herauslösen; sie muß insbesondere folgende Projekte wiederaufnehmen und verwirklichen: das Projekt der individuellen Freiheit - vom Liberalismus pervertiert; das Projekt der kollektiven Freiheit - vom Sozialismus pervertiert; das Projekt der Neuentdeckung der Natur - vom Faschismus pervertiert; das Projekt des totalen Menschen - von den marxistischen Ideologen pervertiert, ein Projekt, das unter der Herrschaft der theologischen Sprache des Mittelalters die großen Ketzerlehren mit ihrer anti-klerikalen Wut entflammte, eine Wut, die unsere Epoche, in der sich die Geistlichen "Spezialisten" nennen, zum rechten Zeitpunkt neu entfacht (2). - Der Mensch des Ressentiments ist der Mensch vollkommenen Überlebens, der Mensch ohne Bewußtsein der möglichen Aufhebung, der Mensch des Zerfalls (3). - Wenn sich der Mensch des Ressentiments des spektakulären Zerfalls bewußt wird, wird er Nihilist. Der aktive Nihilismus ist vorrevolutionär. Es gibt kein Bewußtsein von der Notwendigkeit der Aufhebung ohne das Bewußtsein des Zerfalls. - Die Rocker sind die rechtmäßigen Erben Dadas (4).

1 Die Frage der Aufhebung. - Die Verweigerung ist vielfältig; die Aufhebung ist eins. Die menschliche Geschichte, die mit der heutigen Unzufriedenheit konfrontiert und von ihr zum Zeugen aufgerufen wird, erhält das Gesicht der Geschichte einer radikalen Verweigerung, die stets die Aufhebung in sich trägt, stets ihrer eigenen Negation entgegengetragen wird; eine Verweigerung, deren vielfältige Aspekte niemals das Wesentliche verbergen, das die Diktaturen eines Gottes, eines Königs, eines Chefs, einer Klasse und einer Organisation gemeinsam haben. Welcher Schwachkopf hat von einer Ontologie der Revolte gesprochen? Durch die Umwandlung naturbedingter Entfremdung in gesellschaftliche Entfremdung lehrt die geschichtliche Bewegung die Menschen die Freiheit in der Sklaverei, lehrt sie zugleich Revolte und Unterwerfung. Die Revolte hat weniger Metaphysik nötig, als die Metaphysiker die Revolte nötig haben. Die in Jahrtausenden bewiesene Existenz einer hierarchisierten Macht reicht völlig aus, um die Permanenz einer Opposition zu erklären und die Permanenz der Repression, die sie bricht.

Die Umkehrung der Feudalherrschaft und die Verwirklichung des Herrn ohne Sklaven bilden ein einziges, gemeinsames Projekt. Trotz teilweisen Scheiterns in der Französischen Revolution wurde dieses Projekt mit den Fehlschlägen weiterer Revolutionen (Kommune und bolschewistische Revolution, mit allerdings unterschiedlicher Bedeutung), die es präzisierten und seine Vollendung hinausschoben, vertrauter und begehrter.

Alle Philosophien der Geschichte stehen unter der Decke dieses Scheiterns. Deswegen ist das Bewußtsein von der Geschichte heute untrennbar mit dem Bewußtsein von der Notwendigkeit der Aufhebung verbunden.

Der Punkt der Aufhebung läßt sich auf dem gesellschaftlichen Bildschirm immer genauer erkennen. Warum? Die Frage der Aufhebung ist eine Frage der Taktik. In groben Zügen stellt sie sich folgendermaßen dar:

1. Was die Macht nicht zerstört, stärkt sie, doch was die Macht nicht zerstört, schwächt sie seinerseits.

- Je mehr die Gebote des Konsums die Gebote der Produktion in sich einschließen, um so mehr läßt die Regierung des Zwangs der Regierung der Verführung den Vortritt.

- Das demokratisch verteilte Privileg des Konsums dehnt auf die größte Anzahl Menschen das Privileg der Autorität aus (abgestuft - versteht sich).

- Sobald die Menschen heute der Verführung der Autorität nachgeben, werden sie schwach, wird ihre Verweigerung blutlos.

Die Macht verstärkt sich folglich auf der einen Seite, da sie jedoch im übrigen darauf angewiesen ist, sich an die Ordnung des Konsumierbaren zu halten, verbraucht sie sich andererseits, nutzt sie sich ab, wird sie aus innerer Notwendigkeit verletzlich. Der Punkt der Aufhebung ist ein Moment in dieser Dialektik von Stärke und Schwäche. Wenn auch die radikale Kritik da ist, um ihn zu lokalisieren und taktisch zu verstärken, so erzeugen doch auch die Tatsachen selbst überall die radikale Kritik. Die Aufhebung sitzt auf dem Rücken des Widerspruchs, der die moderne Welt reitet, der im Mittelpunkt der täglichen Informationen steht und fast alle Verhaltensweisen kennzeichnet:

1. die schwachsinnig Verweigerung d.h. der Reformismus;

2. die extravagante Verweigerung, d.h. der Nihilismus (bei dem aktive und passive Form zu unterscheiden sind).

2. Indem die hierarchisierte Macht in Stücke bricht, gewinnt sie an Allgegenwärtigkeit und verliert sie an Faszination. Seltener leben Menschen als Vagabunden am Rande der Gesellschaft. Seltener zeigen Menschen Respekt vor einem Boß, einem Prinzen, einem Führer, einer Rolle; immer mehr Menschen überleben in der Gesellschaft, immer mehr Menschen verfluchen die gesellschaftliche Organisation. Jeder steht in seinem täglichen Leben im Zentrum des Konflikts. Daraus ergibt sich eine zweifache Konsequenz:

1. Als Opfer der gesellschaftlichen Atomisierung ist das Individuum zugleich Opfer der zerstückelten Macht. Die Subjektivität, die augenfällig und bedroht ist, wird zur wesentlichen Forderung. Die revolutionäre Theorie muß sich, um eine harmonische Gemeinschaft zu erarbeiten, künftig anstatt auf das Gemeinschaftliche auf die Subjektivität, die Eigenheiten, das individuell Erlebte gründen.

2. Die bis zum äußersten gespaltene Verweigerung schafft widersprüchlicherweise die Bedingungen einer globalen Verweigerung. Wie wird sich die neue revolutionäre Gemeinschaft bilden? Durch eine Kettenexplosion von Subjektivität zu Subjektivität. Der Aufbau einer Gemeinschaft unnachgiebiger Individuen wird die Umkehrung der Perspektive einleiten, ohne die keine Aufhebung möglich ist.

3. Der Begriff der Umkehrung der Perspektive selbst verbreitet sich. Jeder streift um Haaresbreite seine eigene Negation. Das Lebendige rebelliert. Die Verzauberung für das Ferne verschwindet, sobald das Auge zu nah heranrückt; die Perspektive ebenfalls. Die Macht, die die Menschen in ihrem Dekor von Dingen einfingt und ungeschickt in sie eindringt, verbreitet dadurch Unruhe und Unbehagen. Der Blick und die Gedanken verschwimmen, die Werte verfließen ineinander, die Formen lösen sich auf, die Anamorphosen beunruhigen - wie wenn man das Gesicht dicht an ein Gemälde drückt. Der Wechsel der bildlichen Perspektive (Ucello, Kandinsky) geht mit dem Wechsel der gesellschaftlichen Perspektive einher. Der Rhythmus des Konsums treibt den Geist auf dieses Zwischenreich zu, in dem nah und fern zusammenfallen. Mit der Unterstützung der Tatsachen selbst werden die meisten Menschen bald den Zustand von Freiheit erproben, nach dem die schwäbischen Ketzer von 1270 ohne die Möglichkeit der Verwirklichung strebten: "Als sie sich über Gott hinausgehoben hatten und den höchsten Grad göttlicher Vollkommenheit erreicht hatten, ließen sie Gott fallen; nicht selten kam es vor, wie Cohn bestätigt, daß einer von ihnen, ob Mann oder Frau, versicherte, daß er Gott überhaupt nicht mehr braucht" (Die Fanatiker der Apokalypse).

2 Die Aufgabe des Elends und das Elend der Aufgabe. - Es gibt kaum eine revolutionäre Bewegung, die nicht den Willen einer totalen Änderung in sich trägt, es gibt bis heute kaum eine Bewegung, die nicht ihren Sieg aus einer Veränderung im Detail hergeleitet hat. Sobald das bewaffnete Volk auf seinen eigenen Willen verzichtet, um dem Willen seiner Ratgeber zu folgen, verzichtet es auf die Verwendung seiner Freiheit und krönt unter dem zweideutigen Titel revolutionärer Führer seine Unterdrücker von morgen. Darin liegt in gewisser Weise die "List" der geteilten Macht: sie bringt Teilrevolutionen hervor, abgetrennt von der Umkehrung der Perspektive, abgeschnitten von der Totalität; paradoxerweise losgelöst von dem Proletariat, das sie macht. Die Totalität der geforderten Freiheiten, die sich mit den erreichten Teilfreiheiten begnügt, muß auch den Preis für ein totalitäres Regime zahlen. Darin hat man einen Fluch sehen wollen: die Revolution frißt ihre Kinder: als ob das Scheitern Machnos, die Niederlage von Kronstadt und die Ermordung Durrutis nicht bereits in der Struktur des kerns der ursprünglichen bolschewistischen Gruppen und vielleicht sogar in der autoritären Haltung von Marx in der L Internationale begründet waren. Historische Notwendigkeit und Staatsraison sind nichts anderes als Notwendigkeit und Raison der Führer, die für die Aufgabe des revolutionären Projekts, für die Aufgabe der Radikalität einstehen sollen.

Aufgabe, das ist die fehlende Aufhebung. Teilopposition, Teilverweigerung und Teilforderungen sind genau das, was die Aufhebung verhindert. Die größte Unmenschlichkeit ist stets nur der Wille zur Emanzipation, der den Kompromissen weicht und unter der Decke seiner aufeinander folgenden Verzichte zu Stein wird. Liberalismus, Sozialismus und Bolschewismus errichten im Zeichen der Freiheit neue Gefängnisse. Die Linke kämpft für einen gesteigerten Komfort in der Entfremdung, doch sie tut es mit mäßigem Geschick im Namen der Barrikaden, im Namen der roten Fahne und der schönsten revolutionären Momente. Die ursprüngliche Radikalität, die versteinerte, dann wieder ans Licht gezerrt und als Köder ausgelegt wurde, wird doppelt verraten, doppelt aufgegeben. Arbeiterpriester, Rockerpfaffen, Kommunistengeneräle, rote Prinzen und "revolutionäre" Führer: die radikale Eleganz trägt sich gut, stimmt sich auf den Geschmack einer Gesellschaft ab, die einen roten Lippenstift mit dem Slogan verkauft "Revolution in rot, Revolution mit Redflex". Das Manöver ist nicht ohne Risiko. Der echte revolutionäre Wille hört einmal auf, sich nach den Normen der Werbung endlos selbst zu karikieren und tritt reiner auf den Plan als je zuvor. Die Andeutungen gehen nie verloren!

Die neue Welle von Aufstandsbewegungen verbindet heute die jungen Menschen, die sich abseits der spezialisierten Politik, sei es der Linken oder der Rechten, gehalten haben oder sich ihr nur eine Zeitlang aufgrund entschuldbarer irrtümlicher Beurteilung oder Unkenntnis angeschlossen haben. In der nihilistischen Sturmflut werden alle Ströme eins. Wichtig ist allein, was jenseits dieses Strudels entsteht. Die Revolution des Alltagslebens wird die Revolution derjenigen sein, die sich nicht mehr mystifizieren lassen und nicht mehr andere mystifizieren, sobald sie, unter mehr oder weniger günstigen Bedingungen, die Keime der totalen Selbstverwirklichung wiedergefunden haben, die in Ideologien aller Art im Wachstum gehemmt und verborgen sind.

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Selbst wenn es einmal einen Geist der Revolte im Schoß des Christentums gegeben haben sollte, streite ich das Recht und die Fähigkeit, das zu begreifen, einem Menschen ab, der sich immer noch als Christ ausstaffiert. Heute gibt es keine Ketzer mehr. Die theologische Sprache, in der sich so viele bewunderungswürdige Erhebungen ausdrückten, war Zeichen einer Epoche, die einzig mögliche Sprache und nicht mehr. In Zukunft müssen wir übersetzen. Und die Übersetzung versteht sich von selbst. Was könnte ich im 20. Jahrhundert auf meine Zeit und ihre objektive Unterstützung, die sie mir gibt, bezogen dem hinzufügen, was die "Brüder des Freien Geistes" im 13. Jahrhundert erklärten: Man kann mit Gott so sehr eins sein, daß nichts, was man tut, Sünde sein kann. Ich gehöre zur freien Natur und befriedige alle Wünsche meiner Natur. Der freie Mensch hat allen Grund, alles zu tun, was ihm Lust verschafft. Eher soll die ganze Welt zerstört werden und untergehen, als daß auch nur ein freier Mensch auf etwas verzichtet, wozu seine Natur ihn drängt? Oder Johann Hartmann: "Der wahrhaft freie Mensch ist König und Herr über alle Lebewesen. Alle Dinge gehören ihm und er hat das Recht, sich ihrer nach seinem Belieben zu bedienen. Wenn jemand ihn daran hindert, hat der freie Mensch das Recht, ihn zu töten und seinen Besitz an sich zu nehmen"? Oder Johann von Brünn, der seine Betrügereien, Wegelagereien und bewaffneten Raubüberfälle damit rechtfertigte: "Alle Dinge, die Gott geschaffen hat, gehören allen gemeinsam. Was das Auge sieht und begehrt, danach soll die Hand greifen"? Der Glanz solcher Edelsteine des Christentums leuchtete stets zu hell für die triefäugigen Christen. Die große Tradition des Ketzertums lebt schwach, aber würdig in ihren Gesten wieder auf mit der Bombe, die der Anarchist Pauwels am 15. März 1894 an die Kirche der Madeleine legt, mit Robert Burger, der am 11. August 1963 einen Priester erwürgt. Die Geistlichen Meslier und Jacques Roux, die zu Bauernaufständen und Revolten aufwiegelten, haben nach meiner Ansicht die letzte mögliche Verwandlung des Priesters demonstriert, der aufrichtig den revolutionären Fundamenten der Religion verhaftet ist. Doch davon haben die Sektierer der heutigen Ökumene, deren Reich sich von Rom bis Moskau und von der kybernetischen Kanaille bis zu den Kreaturen des Opus Dei erstreckt, nichts begriffen. Angesichts dieser neuen Geistlichkeit läßt sich leicht erraten, wie die Aufhebung des Ketzertums aussehen wird.

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Niemand macht dem Liberalismus den Ruhm streitig, den Samen der Freiheit überall auf der Welt gesät zu haben. In einer Richtung hat die Freiheit von Presse, Meinung und Kunst zumindest den Vorteil, den Schwindel des Liberalismus aufzudecken; und wird so nicht im Grunde auch seine schönste Grabrede gehalten? Denn das System ist geschickt, das die Freiheit im Namen der Freiheit gefangenhält. Durch wechselseitige Überschneidungen zerstört sich die Autonomie der Individuen, die Freiheit des einen beginnt dort, wo die Freiheit des anderen endet. Diejenigen, die sich gegen dieses Prinzip auflehnen, werden gewaltsam zugrunde gerichtet, diejenigen, die es annehmen, erliegen der Gerechtigkeit. Niemand beschmutzt seine Hände: ein Druck auf den Knopf und das Fallbeil von Polizei oder staatlicher Intervention fällt - bedauerlicherweise. Der Staat ist das schlechte Gewissen des Liberalen, das Instrument notwendiger Repression, das er im Grunde seines Herzens ablehnt. Für die laufenden Geschäfte übernimmt die Freiheit des Kapitalisten die Aufgabe, die Freiheit des Arbeiters in ihre Schranken zu weisen. An dieser Stelle tritt der gute Sozialist auf die Bühne und brandmarkt die Hypokrisie.

Was ist der Sozialismus? Eine Methode, um den Liberalismus von seinem Widerspruch der Erhaltung und gleichzeitigen Zerstörung der individuellen Freiheit zu befreien. Die Individuen daran zu hindern, sich durch wechselseitige Überschneidungen zu verleugnen, ist ein löblicher Entschluß, allein der Sozialismus kommt zu einem ganz anderen Schluß. Er schafft die wechselseitigen Überschneidungen ab, ohne jedoch das Individuum zu befreien; mehr noch: er macht die kollektive Mittelmäßigkeit zur Grundlage des individuellen Willens. Tatsächlich ist nur der wirtschaftliche Bereich Gegenstand sozialistischer Reform, und das Erfolgsstreben, der Liberalismus des Alltagslebens, paßt sich einigermaßen leicht der bürokratischen Planung an, die die Gesamtheit der Tätigkeiten kontrolliert, die Beförderung des aktiven Parteimitglieds ebenso wie die Rivalitäten unter den führenden Funktionären. Die wechselseitigen Überschneidungen werden auf einem Gebiet beseitigt, wirtschaftliche Konkurrenz und freies Unternehmertum werden ausgeschaltet, doch die einzig autorisierte Form der Freiheit bleibt die Jagd nach dem Konsum von Macht. Was für ein amüsanter Streit, der die Verfechter einer Freiheit der Selbstbeschränkung, die Liberalen der Produktion und die Liberalen des Konsums, einander gegenüberstellt!

Die Zweideutigkeit des Sozialismus, die Radikalität und ihre Aufgabe, tritt vollendet in zwei Interventionen zutage, die die Protokolle über die Debatten der I. Internationale aufzeichnen. Chemale weist im Jahr 1867 darauf hin, daß "ein Produkt sich gegen ein Produkt gleichen Wertes austauscht, sonst liegt Betrug, Raub oder Diebstahl vor". Es geht also nach Chemale darum, den Austausch zu rationalisieren und gerecht zu organisieren. Der Sozialismus korrigiert den Kapitalismus, gibt ihm ein menschliches Gesicht, plant ihn und beraubt ihn seiner Substanz (des Profits); aber wer profitiert vom Ende des Kapitalismus? Doch es gibt noch einen zweiten Zeitgenossen dieses Sozialismus: Varlin, der spätere Kommunarde, erklärt auf dem Kongreß der gleichen Internationalen Arbeiterassoziation in Genf im Jahr 1866: "Solange es noch etwas gibt, das uns daran hindert, von uns selbst Gebrauch zu machen, gibt es keine echte Freiheit." Wer könnte es heute wagen, die Befreiung der im Sozialismus enthaltenen Freiheit in Angriff zu nehmen, ohne mit all seinen Kräften gegen den Sozialismus zu kämpfen?

Ist es nötig, noch weiter auf die Aufgabe des Marxschen Projekts durch alle Abarten des heutigen Marxismus einzugehen?

Was haben die Verhältnisse in der UdSSR, in China und auf Kuba mit der Konstruktion des totalen Menschen gemeinsam? Weil sich das Elend, das den revolutionären Willen zur Aufhebung und radikalen Veränderung nährte, gemildert hat, ist ein neues Elend aus Verzicht und Kompromittierungen entstanden. Aufgabe des Elends und Elend der Aufgabe. Wenn Marx sagt: "Ich bin kein Marxist", ist es nicht das Gefühl, das Auseinanderfallen und die stückweise Verwirklichung seines ursprünglichen Projekts zugelassen zu haben, das diesen Scherz voller Enttäuschung rechtfertigt?

Selbst der dreckige Faschismus ist verleugneter, umgekehrter Wille zu leben, der Nagel im Fleisch. Er ist zum Machtwillen gewordener Lebenswille, zum passiven Gehorsamswillen gewordener Machtwille, zum Todeswillen gewordener passiver Gehorsamswille; denn der geringste Verzicht auf das Qualitative bedeutet die Aufgabe seiner Totalität.

Den Faschismus in Flammen aufgehen lassen - gut, doch die Flammen müssen zugleich die Ideologien in Brand setzen, alle Ideologien ohne Ausnahme, und ihre Diener dazu.

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Aufgrund der Logik der Dinge wird der Geist der Poesie überall aufgegeben oder zur Aufgabe gezwungen. Der isolierte Mensch gibt seinen individuellen Willen, seine Subjektivität auf, um seine Isolierung zu durchbrechen. Er erhält dafür die Illusion der Gemeinschaft und eine bittere Lust am Tod. Die Aufgabe ist der erste Schritt zur Eingliederung durch die Mechanismen der Macht.

Kaum eine Technik, ein Gedanke, dessen erste Regung nicht dem Willen zu leben gehorcht, kaum eine Technik, ein Gedanke, der bei seiner offiziellen Anerkennung nicht den Wunsch zu sterben erregt. Die Spuren der Aufgabe sind die Wegzeichen einer Geschichte, von der die Menschen noch wenig wissen. Sie studieren heißt bereits die Waffen der totalen Aufhebung schmieden. Wo liegt der radikale Kern, das Qualitative? Das ist die Frage, die die Aufgabe der Gewohnheiten im Denken und Leben einleiten muß; das ist die Frage, die zur Strategie der Aufhebung, zum Aufbau neuer Netze der Radikalität gehört. Das gilt für die Philosophie: die Ontologie verrät die Aufgabe des Seins als Werden. Das gilt für die Psychoanalyse: diese Technik der Befreiung "befreit" vor allem von dem Bedürfnis, die gesellschaftliche Organisation anzugreifen. Das gilt für die Träume und Wünsche, die die Konditionierung gestohlen, vergewaltigt und verfälscht hat. Für die Radikalität der spontanen Handlungen eines Menschen, der zumeist das widerspricht, was er über sich und die Welt denkt. Für das Spiel: in vorgegebene Regeln - vom Lynchmord bis zum Kriegsroulette - eingefangen, läßt es das echte Spiel mit den Momenten des täglichen Lebens nicht auf seine Rechnung kommen. Für die Liebe, die sich von der Revolution nicht trennen läßt und die von der Lust zu geben so dürftig getrennt wurde ?

Auf das Qualitative verzichten heißt, die Verzweiflung zurückbehalten; alle Formen der Verzweiflung, die einer todbringenden Organisation, die der hierarchisierten Macht dienen: Reformismus, Faschismus, schwachköpfiger Apolitismus, Herrschaft der Mittelmäßigkeit, Aktivismus und Passivität, Pfadfindertum und ideologische Masturbation. Ein Freund von Joyce erzählte: "Ich erinnere mich nicht, daß Joyce auch nur einmal in all den Jahren, in denen wir zusammen waren, öffentliche Ereignisse erwähnt hat, daß er den Namen Poincaré, Roosevelt, Valera oder Stalin nannte oder auf Genf, Locarno, Abessinien, Spanien, China, Japan oder auf die Affaire Prince oder Violette Nozière anspielte ?". Was konnte er in der Tat seinem Ulysses oder Finnegans Wake hinzufügen? Nach dem "Kapital" der individuellen Kreativität kommt es darauf an, daß die Leopold Blooms der ganzen Welt zusammenfinden, um sich ihres armseligen Überlebens zu entledigen und um den Reichtum und die Vielfalt ihres "inneren Monologs" in die Wirklichkeit ihres Daseins zu übertragen. Joyce hat keinen Schuß an der Seite Durrutis abgegeben und befand sich weder auf der Seite der Arbeiter Wiens noch auf der Seite der Asturier. Wenigstens war er zurückhaltend genug, um die Informationen nicht zu kommentieren, in deren Anonymität er Ulysses, dieses Monument der Kultur, wie ein Kritiker es nannte, dadurch ließ, daß er sich selbst aufgab, Joyce, den Menschen totaler Subjektivität. Ulysses bezeugt die Abstumpfung des Schriftstellers. Der radikale, aber "vergessene" Moment ist es, der stets gegen die Abstumpfung durch den Verzicht aussagt. Auf diese Weise folgen in 24 Stunden, in der Zeitspanne eines auch noch so ereignislosen Tages, Revolutionen und Konterrevolutionen aufeinander. Das Bewußtsein der radikalen Geste und ihrer Aufgabe verfeinert und erweitert sich Tag für Tag. Wie sollte es auch anders sein? Das Überleben ist heute das unerträglich gewordene Fehlen der Aufhebung.

3 Der Mensch des Ressentiments. - Je stärker sich die Macht in konsumierbare Teile auflöst, desto mehr engt sich der Ort des Überlebens ein; bis hin zu einer kriecherischen Welt, in der die Lust, der Versuch der Befreiung und der Todeskampf in ein und demselben Aufbäumen zum Ausdruck kommen. Seit langem demonstrieren geducktes Denken und Kurzsichtigkeit, daß die Bourgeoisie zu einer fortschreitenden Zivilisation von Höhlenbewohnern gehört, zu einer Zivilisation des Überlebens, die ihren Endzweck heute in dem Komfort von Atomschutzbunkern entdeckt. Die Größe, die die Bourgeoisie erreichte, war nur entlehnt, sie stammte weniger vom Feind als von der Berührung mit ihm; ein Abglanz des Adels der Feudalherrschaft, ein Schatten Gottes und der Natur ? Die Bourgeoisie versank in Selbstkritik im Detail, sobald sich diese Hindernisse ihrem Einflußbereich entzogen hatten; sie konnte sich nur noch Schläge versetzen, die ihre Existenz nicht in Gefahr brachten. Flaubert verspottet den Bourgeois und ruft zum Kampf gegen die Kommune auf.

Der Adel forderte die Bourgeoisie zum Angriff heraus, das Proletariat drängt sie in Verteidigungsstellungen. Was ist das Proletariat für die Bourgeoisie? Nicht einmal ein Gegner, allenfalls ein schlechtes Gewissen, das sie sich zu verbergen bemüht. Indem sie sich auf sich selbst zurückzog, jede verwundbare Stelle zu vermeiden suchte und die alleinige Legitimität von Reformen proklamierte, schnitzte sie aus verschlagenem Neid und Ressentiment das Holz ihrer Teilrevolutionen.

Ich sagte bereits, daß nach meiner Auffassung keine Erhebung in ihrem Ursprung begrenzte Ziele hatte, sondern sie erst durch die Aufgabe der Poesie der Agitatoren und Spielleiter zugunsten der Autorität der Anführer erhielt. Der Mensch des Ressentiments ist die offizielle Version des Revolutionärs: ein Mensch, dem die Notwendigkeit der Umkehrung der Perspektive entgeht und der, von Neid, Haß und Verzweiflung gezeichnet, verbittert versucht, mit Neid, Haß und Verzweiflung eine Welt zu zerstören, die ihn so gut zu quälen versteht. Ein isolierter Mensch. Ein Reformist, der zwischen der globalen Ablehnung der Macht und ihrer absoluten Hinnahme eingezwängt lebt. Ein Mensch, der die Hierarchie aus Ärger ablehnt, nicht zu ihr zu gehören, und der deshalb ganz darauf vorbereitet ist, in seiner Revolte den Zielen seiner improvisierten Herren zu dienen. Die Macht kann sich keine bessere Unterstützung wünschen als ein enttäuschtes Erfolgsstreben; deswegen bemüht sie sich, diejenigen zu trösten, die bei dem Wettlauf um Amt und Würden auf der Strecke geblieben sind; deswegen überläßt sie ihre Privilegierten ihrem Haß.

Diesseits der Umkehrung der Perspektive ist also der Haß der Macht stets noch Anerkennung ihres Primats. Wer unter einer Leiter entlang geht, um zu beweisen, daß er für den Aberglauben nur Verachtung übrig hat, erweist ihm zuviel Ehre, indem er sein Verhalten nach ihm ausrichtet. Besessener Haß der Autorität und rastloses Streben nach ihr verbrauchen und verarmen, wenn auch nicht in gleicher Weise - denn es ist immer noch menschlicher, gegen die Macht zu kämpfen, als sich ihr zu prostituieren -, so doch gleichmäßig. Eine Welt liegt zwischen dem Kampf, um zu leben und dem Kampf, um nicht zu sterben. Die Revolten des Überlebens finden ihr Maß in den Normen des Todes. Deshalb fordern sie vor allem die Entsagung ihrer Anhänger, fordern sie von vornherein den Verzicht auf den Willen zu leben, für den doch in Wirklichkeit jeder kämpft.

Der Revoltierende, dessen einziger Horizont eine Mauer von Zwängen ist, wird sich an ihr leicht den Kopf einrennen oder sie eines Tages mit halsstarriger Dummheit verteidigen. Sich in der Perspektive der Zwänge begreifen heißt, in die von der Macht gewollte Richtung blicken, ganz gleich ob man sie ablehnt oder akzeptiert. Hier finden wir den Menschen am Nullpunkt, von Ungeziefer bedeckt, wie Rosanow sagt. Von allen Seiten eingeschränkt, sperrt er sich gegen jegliches Eindringen, wacht er eifersüchtig über sich, ohne zu bemerken, daß er steril geworden ist, eine Art Friedhof. Er introvertiert seine eigene Existenzlosigkeit. Er macht sich die Ohnmacht der Macht zu eigen, um gegen sie zu kämpfen. So weit geht sein "fair-play". Zu diesem Preis kostet es ihn wenig, rein zu sein, die Reinheit zu spielen. Wie doch die Leute, die am stärksten zu Kompromittierungen neigen, es sich stets als unermeßliche Ehre anrechnen, in ein oder zwei präzisen Punkten unnachgiebig geblieben zu sein! Die Ablehnung eines militärischen Grades, die Flugblattverteilung anläßlich eines Streiks oder eine Auseinandersetzung mit einem Polizisten vertragen sich stets bestens mit dem stumpfsinnigsten Aktivismus innerhalb der kommunistischen Parteien und ihrer Abarten.

Oder der Mensch am Nullpunkt erfindet eine Welt, die er erobern kann, braucht einen Lebensraum, einen gewaltigeren Zusammenbruch, der ihn einschließt. Leicht wird die Ablehnung der Macht zur Ablehnung dessen, was die Macht sich aneignet, des eigenen Ichs des Revoltierenden zum Beispiel. Wer sich im Gegensatz zu den Lügen und Zwängen definiert, läuft leicht Gefahr, daß Zwang und Lüge wie eine Karikatur der Revolte seinen Geist gefangennehmen, nur mit dem Unterschied, daß der frische Luftzug der Ironie fehlt. Keine Kette ist schwerer zu sprengen als die, mit der sich das Individuum durch die Verschwommenheit seiner Verweigerung selbst fesselt. Wenn das Individuum sich der Kraft der Freiheit zugunsten der Unfreiheit bedient, vergrößert es mit vereinigter Kraft die Unfreiheit, die es zum Sklaven macht. Es mag manchmal den Anschein haben, daß der Kampf um die Freiheit der Unfreiheit zum Verwechseln ähnlich sieht, doch zeigt sich die Besonderheit der Unfreiheit darin, daß sie, einmal erworben, jeden Wert verliert, auch wenn für sie der gleiche Preis gezahlt wurde wie für die Freiheit.

Die Verengung der Mauern läßt die Atmosphäre stickig werden; je mehr sich die Menschen unter diesen Bedingungen zu atmen bemühen, um so schlechter wird die Luft. Die Zweideutigkeit der Zeichen des Lebens und der Freiheit, die, notwendigen Abgrenzungen zur globalen Unterdrückung folgend, vom Positiven zum Negativen wechseln, generalisiert die Verwirrung, in der die eine Hand auflöst, was die andere Hand schafft. Die Unfähigkeit, sich selbst zu begreifen, reizt dazu, die anderen auf der Grundlage ihrer negativen Darstellungen, ihrer Rollen zu begreifen; sie wie Gegenstände abzuschätzen. Die alten Jungfern, Bürokraten und all die anderen, die in ihrem Überleben erfolgreich waren, sehen voller Sentimentatlität allein darin ihre Existenzberechtigung. Muß man noch darauf hinweisen, daß die Macht auf dieses geteilte Unbehagen ihre größten Hoffnungen auf Integrierung setzt? Je größer die geistige Verwirrung ist, desto leichter fällt die Integrierung.

Kurzsichtigkeit und Voyeurtum definieren untrennbar die Anpassung des Menschen an die gesellschaftliche Borniertheit unserer Epoche. Die Welt durch ein Schlüsselloch betrachten! Dazu lädt der Spezialist ein, daran ergötzt sich der Mensch des Ressentiments. Weil er keine Hauptrollen spielt, fordert er Logenplätze in der spektakulären Schau. Er braucht winzige, offensichtliche Weisheiten, auf denen er herumkauen kann: daß die Politiker Schweine sind, de Gaulle ein großer Mann ist und China die Heimat der Arbeiter. Er will einen lebendigen Gegner, den er zerfetzen, Hände eines Würdenträgers, die er küssen kann; kein System. So erklärt sich der Erfolg so krasser Anschauungen, wie die vom halsabschneiderischen Juden, vom klauenden Neger und von den 200 einflußreichsten Familien. Der Feind hat ein Gesicht, und um von ihm abzustechen, nimmt die Menge sogleich die Gesichtszüge ihrer Vorbilder an: des Verteidigers, des Chefs, des Anführers.

Der Mensch des Ressentiments ist verfügbar. Doch in dem Moment, wo über ihn verfügt wird, wenn er aufhört, verfügbar zu sein, wird er sich versteckt bewußt, daß er Nihilist wurde. Wenn er nicht die Leute tötet, die als die Organisatoren seiner Langeweile auf der Bildfläche erscheinen, die Führer, Spezialisten, Ideologiepropagandisten ?, wird er im Namen einer Autorität, einer Staatsraison oder des ideologischen Konsums töten. Und wenn der Stand der Dinge nicht zu Gewalt und brutalem Ausbruch aufstachelt, wird er weiter in der monotonen Rastlosigkeit seiner Unzufriedenheit im Netz der Rollen zappeln, wird er allein von unheilbarer Verwirrung erfüllt weiter seinen Konformismus wie ein Schwert vor sich hertragen und unterschiedslos der Revolte und ihrer Repression applaudieren.

4 Der Nihilist. - Was ist Nihilismus? Rosanow beantwortet am besten diese Frage, wenn er schreibt: "Die Vorstellung ist beendet. Das Publikum erhebt sich. Es ist Zeit, den Mantel überzuziehen und nach Hause zu gehen. Die Besucher drehen sich um: kein Mantel mehr und kein zuhause."

Sobald ein mythisches Gebäude in Widerspruch zu der sozioökonomischen Wirklichkeit tritt, öffnet sich ein leerer Raum zwischen der Lebensweise der Menschen und der herrschenden Erklärung der Welt, die plötzlich unangemessen wird, auf dem Rückzug ist. Ein Strudel bildet sich und reißt die traditionellen Werte mit sich in den Abgrund. Ohne Vorwände und Rechtfertigungen, jeder Illusion entkleidet, erscheint die Schwäche der Menschen nackt und wehrlos. Da jedoch der Mythos, der diese Schwäche schützt und verbirgt, auch der Grund der Ohnmacht ist, eröffnet sein Ende einen neuen Weg zu allen Möglichkeiten. Sein Verschwinden läßt der Kreativität und der Energie, die allzulange durch Transzendenz und Abstraktion von der Echtheit des Erlebten abgelenkt wurden, freien Lauf. Das Interregnum vom Ende der antiken Philosophie bis zum Aufbau des christlichen Mythos kannte eine außerordentliche Blüte von Gedanken und Taten, die sich gegenseitig übertrafen. Die einen wurden integriert, die anderen erstickt. Auf ihrem Kadaver baute Rom. Später, im 16. Jahrhundert, löste der Zerfall des Mythos ebenfalls überschwengliche und unbegrenzte Experimente und Forschungen aus. Doch die Analogie weicht diesmal in einem Punkt ab: nach 1789 wurde die Neubildung eines Mythos ganz und gar unmöglich.

Den Nihilismus einiger gnostischer Sekten hat das Christentum integriert und zu einer Schutzverkleidung gemacht. Der Nihilismus, der aus der bürgerlichen Revolution entstand, ist ein faktischer Nihilismus. Nicht integrierbar. Die Wirklichkeit des Austausches beherrscht, wie ich gezeigt habe, jeden Versuch der Verschleierung, jede List der Illusion. Das Spektakel wird bis zu seiner Abschaffung stets nur nihilistisches Spektakel sein. Die Nichtigkeit der Welt, die Pascal in seinen Pensées zum höheren Ruhme Gottes bewußt machen wollte, wird heute von der geschichtlichen Wirklichkeit propagiert; ohne Gott, der das Opfer des zerbrechenden Mythos wurde. Der Nihilismus hat alles besiegt, Gott eingeschlossen.

Seit anderthalb Jahrhunderten ist der an Perspektiven reichste Teil der Kunst und des Lebens die Frucht von freien Nachforschungen im Bereich aufgelöster Werte. Die leidenschaftliche Vernunft Sades, der Sarkasmus Kierkegaards, die kühle Distanz Mallarmés, Jarrys Umour, der Negativismus Dadas: das alles sind Kräfte, die sich schrankenlos entfalteten, um den Menschen ein wenig den Modergeruch der absterbenden Werte zu Bewußtsein zu bringen. Und zugleich die Hoffnung auf totale Aufhebung, auf eine Umkehrung der Perspektive.

Paradox.

1. Den großen nihilistischen Lehrern fehlte eine wesentliche Waffe: der Sinn für die geschichtliche Wirklichkeit, für die Wirklichkeit der Auflösung, des Zerfalls, der Zerstückelung.

2. Den besten Praktikern der Geschichte mangelte es stets an durchdringendem Bewußtsein der Auflösungsbewegung der Geschichte in der Epoche. der Bourgeoisie. Marx verzichtet auf eine Analyse der Romantik. Lenin sieht beinahe systematisch über die Wichtigkeit des Alltagslebens, über die Futuristen, Majakowski und die Dadaisten hinweg.

Das Bewußtsein von der Heraufkunft des Nihilismus und das Bewußtsein des geschichtlichen Werdens erscheinen seltsam voneinander abgesetzt. In dem Intervall, das diese Verschiebung gelassen hat, zieht die Menge passiver Liquidatoren vorbei. Unter dem Gewicht ihrer Dummheit verflachen gerade die Werte, in deren Namen sie demonstriert. Kommunistische Bürokraten, faschistische Rohlinge, Ideologen, verkommene Politiker, Joyce-Nachfolger, neo-dadaistische Denker, Prediger des Stückwerks: alle arbeiten an dem großen Nichts, im Namen der Familienordnung im Namen der Verwaltungsordnung, im Namen der moralischen, nationalen, kybernetisch-revolutionären (!) Ordnung. Vielleicht konnte sich der Nihilismus nicht als allgemeine Wahrheit, als elementere Banalität durchsetzen, solange die Geschichte nicht weit genug fortgeschritten war. Heute ist die Geschichte so weit. Der Nihilismus nährt sich aus sich selbst, er ist das Feuer, das sich selbst verzehrt. Die Verdinglichung drückt dem Alltagsleben den Stempel der Leere auf. Die Vergangenheit klassischer, heute zerfallener Werte, die unter dem alten Etikett des "Modernen" die beschleunigte Bildung konsumierbarer und "futurisierter" Werte förderte, wirft uns unausweichlich auf eine Gegenwart zurück, die es zu konstruieren gilt, d.h. auf eine Aufhebung des Nihilismus. In dem verzweifelten Bewußtsein der jungen Generation vereinigen sich allmählich die Bewegung der Auflösung und die Bewegung der Verwirklichung der Geschichte. Nihilismus und Aufhebung kommen zusammen, deshalb wird die Aufhebung total sein. Darin liegt ohne Zweifel der einzige Reichtum der Gesellschaft des Überflusses.

Wenn sich der Mensch des Ressentiments bewußt wird, daß das Überleben ihn in eine Verlustzone ohne Deckungsmöglichkeit führt, wird er zum Nihilisten. Er begreift die Unmöglichkeit zu leben in einem Stadium, das für das Überleben selbst tödlich ist. Das Leben hält die nihilistische Angst nicht aus; die absolute Leere desintegriert. Der reißende Strudel von Vergangenheit und Zukunft bringt die Gegenwart auf den Nullpunkt. An diesem Nullpunkt teilen sich die zwei Wege des Nihilismus. Den einen nenne ich aktiven, den anderen passiven Nihilismus.

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Die nihilistische Passivität vereint unter dem Zeichen der Kompromittierung und der Gleichgültigkeit das Bewußtsein der Zerstörung aller Werte und die absichtliche, oft eigennützige Wahl des einen oder anderen der entwerteten Werte, den man "selbstlos", allein um seiner selbst willen, gegen alles und jeden zu verteidigen sich vornimmt Nichts ist wahr: folglich verdienen einige Gesten alle Ehre. Maurras' schrullige Anhänger, Pataphysiker, Nationalisten, Ästheten des selbstlosen Einsatzes, Polizeispitzel, OAS und POP-Künstler: diese schöne Welt wendet nach ihrer Art das "credo quia absurdum" an: man glaubt nicht daran, man tut es dennoch und findet schließlich Geschmack daran. Der passive Nihilismus ist ein Sprung zum Konformismus.

Im übrigen ist der Nihilismus nie mehr als ein Übergang, ein Ort von Zweideutigkeiten, ein Pendel, das zwischen sklavischer Unterwerfung und permanenter Erhebung hin- und herschwingt. Zwischen diesen beiden Polen liegt das "no man's land": die Öde des Selbstmörders oder des einsamen Mörders, des Verbrechers, von dem Bettina sehr richtig sagt, daß er das Verbrechen des Staates ist. "Jack the Ripper" ist auf ewig unfaßbar. Weder die Mechanismen der hierarchisierten Macht noch der revolutionäre Wille werden ihn fassen können. In gewisser Weise ist er "an und für sich". Er kreist um einen Nullpunkt, an dem die Zerstörung die Zerstörung, die die Macht bewirkt, nicht mehr fortsetzt, ihr eher vorausgeht, ihr zuvorkommt, sie beschleunigt, so überstürzt, daß die Maschine der "Strafkolonie" in Stücke geht Das maldororische Wesen bringt die auflösende Funktion der gesellschaftlichen Organisation ihrem Paroxysmus nahe; bis hin zur Selbstzerstörung. Die absolute Ablehnung des Gesellschaftlichen durch das Individuum wird hier zur Antwort auf die absolute Ablehnung des Individuums durch die Gesellschaft. Liegt nicht dort das fixe Moment, der Gleichgewichtspunkt der Umkehrung der Perspektive, der genaue Ort, an dem es keine Bewegung, weder die Dialektik noch die Zeit gibt? Mittag und Ewigkeit der großen Verweigerung. Diesseits: die Pogrome; jenseits: die neue Unschuld. Das Blut der Juden oder das Blut der Bullen.

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Im aktiven Nihilismus kommt zu dem Bewußtsein des Zerfalls der Wunsch, durch eine Beschleunigung dieser Bewegung die Gründe dafür aufzuzeigen. Die aufrührerische Unordnung ist nichts anderes als ein Spiegelbild der Unordnung, die die Welt regiert. Der aktive Nihilismus ist vorrevolutionär, der passive Nihilismus konterrevolutionär. Häufig pendelt der gewöhnliche Mensch von der einen zu der anderen Haltung, in einer Art abgehacktem Walzer, dramatisch und komisch zugleich. Wie jener Rotarmist, von dem irgendein sowjetischer Schriftsteller, vielleicht war es Victor Chlowski, schrieb, er hätte jeden Angriff mit dem Ruf "Es lebe der Zar!" begleitet. Doch früher oder später müssen die Umstände bürgen, wenn sie plötzlich die Schranke schließen, während sich jeder auf der einen oder der anderen Seite befindet.

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Für sich tanzen lernt jeder nur im Gegenrhythmus zur offiziellen Welt. Doch dann erst, wenn er seine Forderungen auf die Spitze treibt, wenn er seine Radikalität nicht bei der ersten Wende aufgibt. Die atemlose Aufeinanderfolge von neuen Motivationen, zu der sich der Konsumwettlauf verdammt, profitiert geschickt von dem Unverschämten, dem Bizarren, dem Schockierenden. Schwarzer Humor und Entsetzen werden Zutaten zum Werbesalat. Auch eine gewisse Art, sich im Nonkonformismus zu bewegen, nimmt an den herrschenden Werten teil. Das Bewußtsein des Absterbens der Werte findet seinen Platz in der Verkaufsstrategie. Die Zersetzung hat einen Handelswert. Die Nichtigkeit, die mit viel Lärm bekräftigt wird, ist käuflich; gleich, ob es sich um Ideen oder um Dinge handelt. Am Beispiel der Streudose Kennedy, deren Löcher den Einschlag der tödlichen Kugeln markieren, ließe sich, soweit das noch erforderlich wäre, ohne weiteres zeigen, wie leicht heute eine Spielerei, die einstmals Emile Pouget und seinen "Père Peinard" erfreuten, der Rentabilität dient.

Der Dadaismus hat das Bewußtsein des Absterbens am weitesten vorangetrieben. In Dada lagen wirklich die Keime für die Aufhebung des Nihilismus; doch er ließ sie ihrerseits absterben. Alle Zweifelhaftigkeit des Surrealismus entstammt einer richtigen, aber unangebrachten Kritik. Was bedeutet das? Folgendes: Der Surrealismus kritisiert mit gutem Recht die gescheiterte Aufhebung Dadas. Doch als er selbst die Aufhebung Dadas versucht, geht er nicht vom ursprünglichen Nihilismus aus, stützt er sich nicht auf einen Dada-anti-Dada, stellt er sich ihm nicht auf dem Boden der Geschichte. Die Geschichte war der Alptraum, aus dem die Surrealisten nie erwachten: sie fanden sich wehrlos der kommunistischen Partei gegenüber, wurden von dem Krieg in Spanien überrumpelt, folgten der Linken wie treue, wenn auch knurrende Hunde.

Eine gewisse Romantik hatte bereits den Beweis erbracht, daß die Kunst, das heißt der Puls der Kultur und der Gesellschaft, zuerst den Stand der Auflösung der Werte anzeigte, ohne daß jedoch Marx oder Engels darin einen Grund zur Beunruhigung fanden. Ein Jahrhundert später sahen die Dadaisten in dem künstlerischen Abszeß ein allgemeines Krebssymptom, eine Krankheit der ganzen Gesellschaft. Doch Lenin hielt diese Betrachtungsweise für nichtssagend. Das Unbehagen in der Kunst spiegelt lediglich die überall zum Gesetz der Macht erhobene Kunst des Unbehagens wider. Das ist es, was die Dadaisten 1916 klar festgestellt hatten. Jenseits dieser Analyse lag nur noch der bewaffnete Kampf. Das neo-dadaistische Gewürm der Pop-Art, das sich heute auf dem Misthaufen des Konsums vermehrt, hat Besseres zu tun gefunden!

Die Dadaisten arbeiteten im ganzen gesehen mit mehr Konsequenz als Freud daran, sich und ihre Zeitgenossen von der Freudlosigkeit des Lebens zu heilen; sie eröffneten die erste Praxis zur Heilung des Alltagslebens. Die Geste ging weit über den Gedanken hinaus. "Es kam darauf an", sagte der Maler Grosz, "völlig obskur zu arbeiten. Wir wußten nicht, was wir taten." Die Gruppe Dada war der Trichter, in den die zahllosen Banalitäten der Welt, die bedeutende Menge an Unbedeutendem floß. Am anderen Ende kam alles verändert, originell und neu heraus. Die Menschen und Dinge blieben die gleichen und dennoch änderte alles seinen Sinn und sein Vorzeichen. Die Umkehrung der Perspektive deutete sich in der Magie des wiedergefundenen Erlebten an. Die Entwendung, die die Taktik der Umkehrung der Perspektive ist, erschütterte das unbewegliche Gehäuse der Alten Welt. Die von allen gemachte Poesie erhielt dabei ihren wirklichen Sinn und hatte nichts mit dem literarischen Geist gemein, dem die Surrealisten so kläglich erlagen.

Die im Kern angelegte Schwäche Dadas ist in seiner unglaublichen Demut zu suchen. Tzara, ein päpstlicher Clown, der jeden Morgen den Satz von Descartes wiederholt haben soll: "Ich will nicht einmal wissen, daß es Menschen vor mir gegeben hat", ist der gleiche, der Männer wie Ravachol und Bonnot und die Kameraden Machnos fürchtete und sich später den Schafen aus Stalins Herde anschloß. Die Bewegung Dada ist angesichts der Unmöglichkeit der Aufhebung auseinandergebrochen, weil ihr der Instinkt fehlte, in der Geschichte nach den verschiedenen Erfahrungen möglicher Aufhebung zu forschen, nach den Momenten, in denen die revoltierenden Massen ihr eigenes Schicksal in die Hand nahmen.

Die erste Aufgabe ist stets furchtbar. Vom Surrealismus bis hin zum Neo-Dadaismus wiederholt und vervielfacht sich endlos der ursprüngliche Irrtum. Der Surrealismus beruft sich auf die Vergangenheit. Aber wie? Sein Wunsch nach einer Berichtigung macht seinen Fehler noch schwerwiegender, wenn er einige ganz bewundernswerte Persönlichkeiten (wie Sade, Fourier und Lautreamont z.B.) auswählt und über sie so viel und so gut schreibt, daß er für seine Schützlinge eine ehrenvolle Erwähnung im Pantheon der Lehrpläne erhält. Eine literarische Auszeichnung, wie sie die Neo-Dadaisten im gegenwärtigen Spektakel des Zerfalls für ihre Vorfahren erwerben.

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Wenn es heute ein internationales Phänomen gibt, das der Bewegung Dada sehr nahe kommt, ist es in den schönsten Aktionen der Rocker zu sehen. Die gleiche Verachtung für die Kunst und die bürgerlichen Werte, die gleiche Ablehnung der Ideologien, der gleiche Wille zu leben. Die gleiche Unkenntnis der Geschichte, die gleiche rudimentäre Revolte, das gleiche Fehlen einer Taktik.

Dem Nihilist fehlt das Bewußtsein des Nihilismus der anderen; und der Nihilismus der anderen ist künftig Teil der geschichtlichen Wirklichkeit der heutigen Zeit; dem Nihilismus fehlt das Bewußtsein der möglichen Aufhebung. Doch auch dieses Überleben, in dem so viel von Fortschritt aus lauter Verzweiflung am fehlenden Fortschreiten geredet wird, ist das Ergebnis der Geschichte, das Ergebnis aller Verzichte auf das Menschliche, die den Weg der Jahrhunderte säumen. Ich wage zu behaupten, daß die Geschichte des Überlebens die geschichtliche Bewegung ist, die der Geschichte ein Ende macht. Denn das klare Bewußtsein des Überlebens und seiner unerträglichen Bedingungen vereint sich mit dem Bewußtsein der aufeinanderfolgenden Verzichte und folgerichtig mit dem wahren Wunsch, die Bewegung der Aufhebung überall in dem Raum und der Zeit, in der sie vorzeitig aufgehalten wurde, von neuem aufzunehmen. Die Aufhebung, das heißt die Revolution des Alltagslebens, wird darin bestehen, den verschütteten Kern der Radikalität überall freizulegen und mit der unerhörten Heftigkeit des Ressentiments aufzuwerten. Die Kettenexplosion der im verborgenen gärenden Kreativität muß die Perspektive der Macht umkehren. Die Nihilisten sind in letzter Instanz unsere einzigen Verbündeten. Sie verzweifeln an der fehlenden Aufhebung? Eine zusammenhängende Theorie, die die Fehler in ihrer Betrachtungsweise aufzeigt, kann das Energiepotential ihres aufgestauten Grolls ihrem Willen zu leben dienstbar machen. Jeder ist in der Lage, mit den beiden grundlegenden Begriffen von der Aufgabe der Radikalität und von dem geschichtlichen Bewußtsein des Zerfalls den Kampf um das tägliche Leben und um die radikale Veränderung der Welt zum Erfolg zu führen. Nihilisten, hätte Sade gesagt, noch eine Anstrengung, wenn ihr Revolutionäre sein wollt!






2. Teil
Die Umkehrung
der Perspektive

I. Die Umkehrung der Perspektive

Das Licht der Macht verfinstert sich. Die Augen der gemeinschaftlichen Illusion sind die Löcher der Maske, auf die sich die Augen der individuellen Subjektivität nicht einstellen werden. Entscheidend ist, daß die individuelle Sicht über die Sicht der falschen kollektiven Beteiligung siegt. Es gilt, das Gesellschaftliche im Geist der Totalität mit den Waffen der Subjektivität anzugehen, alles von sich aus neu zu konstruieren. Die Umkehrung der Perspektive ist die Positivität des Negativen, sie wird die Schale der Alten Welt zum Platzen bringen (1-2).

1 Als man Herrn Keuner fragte, was unter der "Umkehrung der Perspektive" wirklich zu verstehen sei, erzählte er folgende Anekdote: Zwei Brüder, die sehr aneinander hingen, waren von einem seltsamen Spiel besessen. Die Ereignisse des Tages zeigten sie durch einen Stein an, ein weißer Stein für die glücklichen Momente, ein schwarzer Stein für die unglücklichen Augenblicke und jedes Mißvergnügen. Als sie am Abend ihre Steine zählten und miteinander verglichen, fand der eine nur schwarze, der andere nur weiße Steine vor. Da es ihnen rätselhaft blieb, warum sie ständig ihre gleiche Lage so unterschiedlich erlebten, beschlossen sie, einen Mann um Rat zu fragen, der für die Weisheit seiner Worte berühmt war. "Ihre sprecht zu wenig miteinander", sagte der Weise. ,Jeder möge die Beweggründe für seine Wahl angeben und ihre Ursachen untersuchen." Das taten sie von nun an. Doch bald stellten sie fest, daß der erste den weißen Steinen treu blieb, der zweite den schwarzen, daß sich aber bei beiden die Zahl der Steine verringert hatte. Statt dreißig zählten sie jetzt gerade noch sieben oder acht. Nur wenig Zeit war verflossen, als die beiden Brüder wiederum zu dem Weisen kamen. Aus ihren Gesichtern sprach große Traurigkeit. "Vor noch nicht allzu langer Zeit", sagte der eine, "kam stets eine große Menge nachtschwarzer Kiesel zusammen, die Verzweiflung hatte Besitz von mir ergriffen und ich gestehe, daß ich alle Kraft brauchte, um mich am Leben zu halten. Jetzt sind es kaum mehr als acht Steine. Doch was diese acht Zeichen des Elends für mich bedeuten, ist mir so unerträglich, daß ich in diesem Zustand nicht weiterleben kann." Und der andere berichtete: "Ich erhielt jeden Tag einen großen Haufen weißer Steine. Heute sind es nur noch sieben oder acht, die mich jedoch so sehr faszinieren, daß ich diese glücklichen Augenblicke nicht erwähnen kann, ohne daß mich sogleich das Verlangen packt, sie noch intensiver zu erleben und bis in alle Ewigkeit auszudehnen. Dieser Wunsch zerreißt mich." Der Weise lächelte, als er ihnen zuhörte. "Alles läuft nach Wunsch", sagte er. "Die Dinge nähern sich ihrem Wendepunkt. Seid ausdauernd. Und noch eins: stellt Euch bei Gelegenheit die Frage: warum nimmt uns das Spiel mit den Steinen so sehr gefangen?" Als die Brüder dem Weisen von neuem begegneten, erklärten sie ihm: "Wir haben uns die Frage gestellt, aber keine Antwort darauf gefunden. Deshalb haben wir sie allen Dorfbewohnern gestellt. Sieh Dir die Aufregung an, die dort herrscht. Jeden Abend hocken ganze Familien vor ihren Häusern und diskutieren über die weißen und die schwarzen Steine. Nur die Chefs und die Notabeln des Dorfes halten sich abseits. Schwarz oder weiß, ein Stein ist ein Stein, und alle haben gleichen Wert, sagen sie spöttisch." Der Alte verbarg kaum seine Zufriedenheit. "Die Dinge nehmen ihren vorausgesehenen Lauf. Ihr habt keinen Grund zur Beunruhigung. Bald wird sich die Frage nicht mehr stellen; sie wird ihre Bedeutung verloren haben, und vielleicht werdet Ihr eines Tages bezweifeln, daß Ihr sie überhaupt gestellt habt." Wenig später fanden die Voraussagen des Alten auf folgende Weise ihre Bestätigung: Eine große Freude hatte alle Dorfbewohner erfaßt; am Morgen nach einer bewegten Nacht beleuchtete die aufgehende Sonne die auf den Pfählen einer Umzäunung aufgespießten, frisch abgeschlagenen Köpfe der Notabeln und der Chefs.

2 Die Welt ist immer eine Geometrie gewesen. Aus welchem Blickwinkel und in welcher Perspektive die Menschen sich sehen, zueinander sprechen und einander vorstellen dürfen, haben zuerst die Götter der einheitlichen Epochen souverän entschieden. Dann haben ihnen die Menschen, die Menschen der Bourgeoisie, einen gemeinen Streich gespielt: sie haben die Götter in eine Perspektive gerückt, haben sie in ein geschichtliches Werden eingeordnet, in dem sie auf die Welt kamen, groß wurden und starben. Die Geschichte war die Götterdämmerung. Gott wird geschichtlich und geht in der Dialektik seiner Materialität auf, in der Dialektik von Herr und Knecht; in der Geschichte des Klassenkampfes, der Geschichte der hierarchisierten Macht. In einem bestimmten Sinn beginnt also die Bourgeoisie mit einer Umkehrung der Perspektive, um sie jedoch sofort auf den Bereich des Scheins zu begrenzen. Nach der Abschaffung Gottes ragen immer noch die ihn tragenden Säulen in den leeren Himmel. Erst heute, fast zwei Jahrhunderte nach dem Attentat, löst sich das mythische Stuckwerk in dem zerbrechenden Spektakel vollends auf, so als hätte sich die Explosion in der Kathedrale des Gottgeweihten nur in sehr langsamen Wellen fortgepflanzt. Die Bourgeoisie ist nur eine Vorbereitungsphase für die Sprengung Gottes. Erst heute verschwindet dieser Gott radikal, bis selbst die Spuren seines materiellen Ursprungs, die Spuren der Herrschaft des Menschen über den Menschen, ausgelöscht sind.

Die ökonomischen Mechanismen, über die die Bourgeoisie teilweise die Kontrolle besaß und aus der sie teilweise ihre Stärke bezog, legten die Materialität der Macht offen und nahmen ihr damit die Bürde des göttlichen Phantoms ab. Doch zu welchem Preis? Einst bot Gott in seiner großen Verneinung des Menschlichen eine Art Zufluchtsstätte, in der es den Gläubigen paradoxerweise gestattet war, der weltlichen Autorität durch eine Gegenüberstellung der absoluten Macht Gottes und der "usurpierten" Macht der Priester und der Chefs entgegenzutreten, wie es so häufig die Mystiker taten. Heute dagegen bietet sich die Macht den Menschen feil, biedert sich ihnen an, macht sich konsumierbar. Ihr Gewicht drückt immer schwerer, sie verengt den Lebensraum auf ein einfaches Überleben, sie komprimiert die Zeit zu einer zähflüssigen "Rolle". Wenn man auf eine einfache Schematisierung zurückgreifen will, kann man die Macht mit einem Winkel vergleichen. Am Anfang ein spitzer Winkel, dessen Spitze sich in der Weite des Himmels verliert. Dann neigt sich der Winkel, tritt in das Gesichtsfeld, streckt sich schließlich flach auf eine gerade Linie, geht auf in einer Aufeinanderfolge von gleichwertigen Punkten ohne Kraft. Jenseits dieser Linie, der Linie des Nihilismus, beginnt eine neue Perspektive, keine Spiegelung der alten, keine Involution. Eher eine Gesamtheit individueller, harmonisierter Perspektiven, die niemals miteinander in Konflikt geraten, sondern die Welt nach den Prinzipien des Zusammenhangs und der Gemeinsamkeit konstruieren. Die Totalität all dieser Winkel öffnet sich trotz aller Verschiedenheit in dieselbe Richtung, der individuelle Wille vereint sich künftig mit dem kollektiven Willen.

Die Funktion der Konditionierung besteht darin, jedermann entlang der hierarchischen Stufenleiter zu plazieren und zu deplacieren. Die Umkehrung der Perspektive bedingt eine Art Anti-Konditionierung, keine neue Form von Konditionierung, sondern eine spielerische Taktik: die Entwendung.

Die Umkehrung der Perspektive ersetzt die Kenntnis durch die Praxis, die Erwartung durch die Freiheit, die Vermittlung durch das Verlangen nach dem Unmittelbaren. Sie verewigt den Triumph einer Gesamtheit menschlicher Beziehungen, die sich auf drei untrennbare Pole gründen: die Beteiligung, die Kommunikation, die Verwirklichung.

Die Perspektive umkehren heißt, aufhören, mit den Augen der Gesellschaft zu sehen, mit den Augen der Ideologie, der Familie, der anderen. Heißt, sich selbst grundlegend erfassen, sich selbst zum Ausgangspunkt, zum Zentrum machen. Alles auf der Subjektivität aufbauen und seinem subjektiven Willen folgen, alles zu sein. In der Visierlinie meines unersättlichen Wunsches zu leben ist die Totalität der Macht nur eine Zielscheibe an einem viel weiteren Horizont. Die Demonstration der Stärke verstellt meine Sicht nicht, ich stelle mich auf sie ein, wäge ihre Gefahr ab, erarbeite die Paraden gegen sie. Meine Kreativität leitet mich, wie armselig sie auch immer sein mag, sicherer als alle aufgezwungenen Kenntnisse. Ihre kleine Flamme wehrt in der Nacht der Macht die feindlichen Kräfte ab: die kulturelle Konditionierung, Spezialisierungen aller Art, notwendig totalitäre Weltanschauungen. Jeder hält die absolute Waffe in den Händen. Dennoch muß sie jeder, ähnlich wie den Charme, bewußt einzusetzen wissen. Wird sie für Lüge und Unterdrückung eingesetzt, wird sie schnell zu einer kläglichen Posse: zu einer Verewigung der Kunst. Die Gesten, die die Macht zerstören, und die Gesten, die den freien Willen des Individuums konstruieren, sind die gleichen. Doch ihre Tragweite ist unterschiedlich: wie bei der Strategie unterscheidet sich die Vorbereitung der Verteidigung sichtlich von der Vorbereitung des Angriffs.

Wir haben uns die Umkehrung der Perspektive nicht aufgrund irgendeines Voluntarismus ausgesucht, sie ist es, die uns ausgesucht hat. Wir, die wir in der geschichtlichen Phase des Nichts stecken, kennen als nächsten Schritt nur die Änderung des Ganzen. In dem Bewußtsein einer totalen Revolution und ihrer Notwendigkeit sind wir zum letztenmal geschichtlich, liegt unsere letzte Chance, unter bestimmten Bedingungen die Geschichte aufzulösen. Das Spiel, mit dem wir beginnen, ist das Spiel unserer Kreativität. Seine Regeln widersprechen radikal den Regeln und Gesetzen, die unsere Gesellschaft regieren. Es ist ein Spiel, bei dem der Verlierer gewinnt: was verschwiegen wurde, ist wichtiger als das, was im Bereich des Scheins dargestellt wurde. Dieses Spiel muß bis zum äußersten gespielt werden. Wer die Unterdrückung nicht mehr erträgt, die er bis auf die Knochen gespürt hat, kann sich nur noch dem Willen zuwenden, schrankenlos zu leben, seinem letzten Ausweg. Wehe dem, der seine Gewalt und seine radikalen Forderungen unterwegs aufgibt! Die getöteten Wahrheiten werden giftig, hat Nietzsche gesagt. Wenn wir die Perspektive nicht umkehren, wird uns die Perspektive der Macht endgültig gegen uns selbst kehren. Der deutsche Faschismus ist aus dem Blut von Spartakus entstanden. Jeden Verzicht im täglichen Leben benutzt die Reaktion nur dazu, um aus ihm unseren totalen Tod vorzubereiten.

II. Kreativität, Spontaneität und Poesie

Die Menschen leben vierundzwanzig Stunden am Tag im Zustand der Kreativität. Wenn der kombinatorische Gebrauch, den die Mechanismen der Unterdrückung von der Freiheit machen, durchschaut wird, verweist er als indirekte Folge auf die Konzeption einer erlebten Freiheit, die von der individuellen Kreativität nicht zu trennen ist. Der einladenden Aufforderung zu produzieren, zu konsumieren und zu organisieren wird es künftig nicht mehr gelingen, die Leidenschaft, schöpferisch zu handeln, in der sich das Bewußtsein der Zwänge auflöst, einzufangen (1). - Die Spontaneität ist die Seinsweise der Kreativität, kein isolierter Zustand, sondern die unmittelbare Erfahrung der Subjektivität. Die Spontaneität konkretisiert die schöpferische Leidenschaft, sie beginnt mit ihrer praktischen Verwirklichung, sie macht folglich die Poesie möglich, den Willen, die Welt der radikalen Subjektivität gemäß zu ändern (2). - Das Qualitative bezeugt die Gegenwärtigkeit der schöpferischen Spontaneität, ist unmittelbare Kommunikation des Wesentlichen, ist die der Poesie dargebotene Chance. Das Qualitative ist eine Verdichtung der Möglichkeiten, ein Multiplikator der Kenntnisse und der Wirksamkeit, die Anwendungsweise der Intelligenz, sein eigenes Kriterium. Der qualitative Schock ruft eine Kettenreaktion hervor, die sich in allen revolutionären Momenten beobachten läßt. Eine solche Reaktion muß durch den positiven Skandal einer freien und totalen Kreativität ausgelöst werden (3). - Die Poesie ist die Organisation der kreativen Spontaneität, indem sie sie in die Welt hinein ausdehnt. Die Poesie ist die Tat, die neue Wirklichkeiten hervorbringt. Sie ist die Vollendung der radikalen Theorie, die revolutionäre Geste par excellence (4).

1 In dieser zu Bruch gegangenen Welt, in der die hierarchisierte gesellschaftliche Macht im Verlauf der Geschichte der gemeinsame Nenner war, gab es stets nur eine tolerierte Freiheit, eine einzige: die Änderung des Zählers, die unabänderliche Wahl eines Herrn. Ein derartiger Gebrauch der Freiheit führte um so schneller zum Überdruß, als sich selbst die schlimmsten totalitären Staaten im Osten und im Westen ständig auf sie berufen. Die heute generalisierte Weigerung, nicht mehr als einen neuen Vorgesetzten zu wählen, fällt mit einer Erneuerung der staatlichen Organisation zusammen. Alle Regierungen der vollständig oder fast vollständig industrialisierten Länder der Welt beginnen sich ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe angepaßt nach einem gemeinsamen Modell zu organisieren, sie rationalisieren und automatisieren die alten Mechanismen der Unterdrückung. Darin liegt die erste Chance für die Freiheit. Die bürgerlichen Demokratien haben ihre Toleranz für die individuellen Freiheiten gezeigt, soweit sich diese gegenseitig einschränken und zerstören. Von da an gelingt es keiner auch noch so perfektionierten Regierung mehr, die "muleta" der Freiheit zu schwenken, ohne daß jeder den darin verborgenen Degen errät. Ohne daß indirekt die Freiheit zu ihrer Wurzel, der individuellen Kreativität, zurückfindet und mit aller Heftigkeit ablehnt, nur das zu sein, was erlaubt, legalisiert und tolerierbar ist, das Lächeln der Autorität.

Die zweite Chance der auf ihre schöpferische Ursprünglichkeit zurückgeführten Freiheit liegt in den Mechanismen der Macht selbst. Es ist klar ersichtlich, daß die abstrakten Systeme der Ausbeutung und Herrschaft menschliche Konstruktionen sind, die ihre Existenz und ihre Perfektionierungen aus abgeleiteter und integrierter Kreativität herleiten. Die Macht kann und will von der Kreativität nichts anderes anerkennen als die vom Spektakel integrierbaren Formen. Doch was die Leute offiziell tun, ist nichts neben dem, was sie im verborgenen tun. Man spricht anläßlich eines Kunstwerks von Kreativität. Doch was bedeutet das neben der schöpferischen Energie, die den Menschen tausendmal am Tag aufrührt, ein Gären von unbefriedigten Wünschen, Träumereien, die sich im Wirklichen zu erkennen suchen, konfuse, aber doch leuchtend klare Empfindungen, Ideen und Gesten eines Umsturzes ohne Namen. All das ist der Anonymität und der Armseligkeit der Mittel geweiht, ist im Überleben eingefangen oder gezwungen, seinen qualitativen Reichtum aufzugeben, um sich in den Kategorien des Spektakels auszudrücken. Man denke nur an den Palast des Briefträgers Cheval, an das geniale System Fouriers, an das bildhafte Universum des Zöllners Rousseau. Jeder möge genauer noch an die unglaubliche Vielfalt seiner eigenen Träume denken, Landschaften, die nur in anderen Farben gemalt sind als die schönsten Gemälde von van Gogh. Er möge an die ideale Welt denken, die er unermüdlich vor seinem geistigen Auge aufbaut, während seine Gesten weiterhin den Weg des Banalen gehen.

Einen unantastbaren Teil Kreativität besitzt jeder und erkennt sich jeder zu, wie entfremdet er auch sein mag, eine "camera obscura", die gegen jeden Einfall der Lüge und der Zwänge abgeschirmt ist. Von dem Tag an, wo die gesellschaftliche Organisation auch auf diesen Teil des Menschen ihre Kontrolle erstrecken würde, würde sie nur noch über Roboter oder Leichen regieren. Das ist mit der Grund dafür, daß sich das Bewußtsein der Kreativität in dem Maße erweitert, in dem die Versuche der Integrierung zunehmen, die die Konsumgesellschaft mit aller Hingabe unternimmt.

Argus ist blind gegenüber der Gefahr, der er am nächsten ist. Unter der Herrschaft des Quantitativen kennt das Qualitative keine gesetzlich anerkannte Existenzberechtigung. Gerade das schützt und erhält es. Ich habe weiter oben erwähnt, daß die ungehemmte Verfolgungsjagd nach dem Quantitativen durch die Frustration, die sie aufrechterhält, ein absolutes Verlangen nach dem Qualitativen erzeugt. Je stärker der Zwang im Namen der Freiheit zu konsumieren ausgeübt wird, um so mehr erzeugt das Unbehagen an diesem Widerspruch den unstillbaren Durst nach totaler Freiheit. Die in der Energieentfaltung des Arbeiters unterdrückte Kreativität kam in der Krise der Produktionsgesellschaft zum Vorschein. Marx hat ein für allemal die Entfremdung der Kreativität in der Zwangsarbeit, in der Ausbeutung des Produzenten gebrandmarkt. In dem Maße, in dem das kapitalistische System und seine (selbst antagonistischen) Abarten an der Front der Produktion den Rückzug antreten, suchen sie eine Kompensierung im Konsum. Nach ihren Richtlinien soll der Mensch, der sich von den Funktionen des Produzenten befreit, auf den Leim einer neuen Funktion gehen, der des Konsumenten. Die scheinheiligen Apostel des Humanismus, die der Kreativität, die endlich aufgrund der Arbeitszeitverkürzung möglich ist, die Ode der Freizeitbeschäftigung vorschlagen, werben in Wirklichkeit nur eine Armee an, die bereit ist, auf dem Manöverfeld der Konsumwirtschaft zu exerzieren. Welches Gefängnis wird heute, wo die Dialektik des Konsumierbaren selbst die Entfremdung des Konsumenten enthüllt, der äußerst subversiven individuellen Kreativität gebaut? Ich sagte bereits, daß die letzte Chance der Herrschenden darin lag, jeden zum Organisator seiner eigenen Passivität zu machen.

Dewitt Peters sagt mit rührender Arglosigkeit: "Stellte man den Leuten, die an einer solchen Sache Spaß haben, einfach Farben, Pinsel und Leinwand zur Verfügung, müßte etwas Lustiges dabei herauskommen." Solange man diese Politik auf eine Anzahl sorgfältig abgegrenzter Bereiche, auf das Theater, die Malerei, die Musik, die Schriftstellerei und andere isolierte Sektoren anwendet, wird man mit einiger Sicherheit jedem Menschen das Bewußtsein vermitteln können, ein Künstler zu sein, das Bewußtsein von Menschen, die sich dazu bekennen, ihre Kreativität in den Museen und Vitrinen der Kultur ausgestellt zu sehen. Je populärer solch eine Kunst ist, um so mehr bedeutet das, daß die Macht gewonnen hat. Doch die Chancen, auf diese Weise die Kultur unter das Volk zu bringen, sind heute gering. Gibt es unter den Kybernetikern wirklich die Hoffnung, daß ein Mensch akzeptiert, innerhalb autoritär gezogener Grenzen frei zu experimentieren? Glaubt wirklich jemand, daß sich die Menschen, die sich endlich ihrer kreativen Kraft bewußt geworden sind, damit begnügen, das Innere ihrer Gefängniszellen zu übertünchen? Was sollte sie daran hindern, auch mit ihren Waffen, ihren Wünschen, ihren Träumen, mit den Techniken ihrer Verwirklichung zu experimentieren? Um so mehr, als sich die Agitatoren bereits mitten unter ihnen befinden. Die letzte mögliche Form der Integrierung der Kreativität - die Organisation der künstlerischen Passivität - ist aufgedeckt.

"Ich nehme", schrieb Paul Klee, "einen entlegenen ursprünglichen Schöpfungspunkt ein, wo ich Formeln voraussetze für Mensch, Tier, Pflanze, Gestein und für die Elemente, für alle kreisenden Kräfte zugleich." Entlegen ist dieser Punkt nur in der lügenhaften Perspektive der Macht. Tatsächlich liegt der Ursprung jeder Schöpfung in der individuellen Kreativität; von ihr ausgehend ordnen sich alle Lebewesen und Dinge in der großen poetischen Freiheit. Sie ist der Ausgangspunkt der neuen Perspektive, für die jeder mit all seinen Kräften und in jedem Augenblick seines Daseins kämpft. "Die Subjektivität ist das einzig Wahre" (Kierkegaard).

Die wahre Kreativität geht niemals in die Netze der Macht. Im Jahr 1869 in Brüssel glaubte die Polizei, sie hätte den berühmten Tresor der Internationale, der so vielen Kapitalisten Kopfschmerzen bereitet hatte, in ihren Besitz gebracht. Sie bemächtigte sich einer kolossalen, soliden Kiste, die an einem dunklen Ort verborgen war. Als sie geöffnet wurde, fand man sie voller Kohle. Was die Polizei nicht wußte, war, daß sich das reine Gold der Internationale in Kohle verwandelte, sobald es die Hände der Gegner berührten.

In den Laboratorien der individuellen Kreativität verwandelt eine revolutionäre Alchimie die gewöhnlichsten Metalle der Alltäglichkeit in reines Gold. Vor allem anderen geht es darum, durch eine anziehende Betätigung der Kreativität das Bewußtsein der Zwänge, das heißt das Gefühl der Ohnmacht aufzulösen; sie im Elan schöpferischer Macht, in der heiteren Bekräftigung ihrer Genialität schmelzen zu lassen. In dem Kampf, der das Ich den alliierten Kräften der Konditionierung gegenüberstellt, hat der Größenwahn, der im Bereich des Prestiges und des Spektakels steril ist, eine bedeutende Funktion. In der Nacht des heute triumphierenden Nihilismus leuchtet der schöpferische Funke, das heißt der Funke wahren Lebens um so heller. Während das Projekt einer besseren Organisation des Überlebens verkümmert, pflanzen sich die schöpferischen Funken fort, verschmelzen allmählich zu einem einzigen Licht, bergen das Versprechen einer neuen Organisation in sich, die sich diesmal auf die Harmonie des individuellen Willens gründet. Das geschichtliche Werden hat uns an einen Kreuzweg geführt, wo sich die radikale Subjektivität mit der Möglichkeit trifft, die Welt zu verwandeln. Dieser privilegierte Moment ist die Umkehrung der Perspektive.

2 Die Spontaneitat. - Die Spontaneität ist die Seinsweise der individuellen Kreativität. Sie ist ihr erstes, noch vollkommen reines Hervorsprudeln; weder an der Quelle verdorben noch davon bedroht, eingefangen zu werden. Wenn die Kreativität das ist, was auf der Welt von allen am besten geteilt wird, so erscheint die Spontaneität im Gegensatz dazu als Privileg. Einzig diejenigen besitzen sie, denen ein langer Widerstand gegen die Macht das Bewußtsein ihres eigenen Wertes als Individuum verliehen hat: die meisten Menschen in revolutionären Momenten und, mehr als man glaubt, in einer Zeit, in der die Revolution jeden Tag entsteht. Überall dort, wo das Licht der Kreativität am Leben bleibt, behält die Spontaneität all ihre Chancen.

"Der neue Künstler protestiert", schrieb Tzara im Jahr 1919, "er malt nicht mehr, sondern handelt unmittelbar schöpferisch."

Die Unmittelbarkeit ist ohne Zweifel die zusammenfassendste, aber auch radikalste Forderung, die die neuen Künstler zu definieren hat: diejenigen, die Situationen für das Leben konstruieren. Zusammenfassend, weil sich niemand von dem Wort Spontaneität täuschen lassen darf. Nur das ist spontan, was nicht aus einem verinnerlichten, bis in das Unterbewußtsein hineinreichenden Zwang entsteht und dem Einfluß der entfremdenden Abstraktion, der spektakulären Integrierung entgeht. Man sieht deutlich, daß die Spontaneität eher eine Eroberung als eine Gegebenheit ist. Das Individuum kann sich erst dann neu strukturieren, wenn das Unbewußte neu strukturiert ist (siehe die Konstruktion von Träumen).

Bisher hat der spontanen Kreativität das klare Bewußtsein ihrer Poesie gefehlt. Bisher hat der normale Menschenverstand stets versucht, sie als Primärzustand zu beschreiben; der nachfolgend von der Theorie zu korrigieren und auf das Abstrakte zu übertragen sei. Das bedeutet, die Spontaneität zu isolieren, aus ihr ein Ding an sich zu machen und sie infolgedessen nur in den spektakulären Kategorien verfälscht zu erkennen, im "action painting" zum Beispiel. Die spontane Kreativität trägt jedoch die Bedingungen einer ihr entsprechenden Ausdehnung in sich selbst. Sie besitzt ihre eigene Poesie.

Für mich bildet die Spontaneität eine unmittelbare Erfahrung, das Bewußtsein des Erlebten, das von allen Seiten eingekreist ist, von Verboten bedroht, aber noch nicht entfremdet, noch nicht auf das Unechte reduziert ist. Im Zentrum der erlebten Erfahrung findet sich jeder sich selbst am nächsten. In dieser privilegierten Raum-Zeit wirklich zu sein, befreit mich davon - das fühle ich gut -, notwendig zu sein. Stets entfremdet das Bewußtsein der Notwendigkeit. Mir wurde beigebracht, in Abwesenheit zu mir zu kommen; das Bewußtsein eines echt erlebten Augenblicks macht alle Alibis zunichte, die Abwesenheit der Zukunft trifft sich mit der Abwesenheit der Vergangenheit im gleichen Nichts. Das Bewußtsein der Gegenwart findet seine Harmonie mit der erlebten Erfahrung wie bei einer Improvisation. Mich reizt es, diese Lust, die noch arm ist, weil isoliert, und bereits reich, weil Hinweis auf die identische Lust der anderen, mit der Freude am Jazz gleichzustellen. Die Höhepunkte im Improvisationsstil des täglichen Lebens treffen das, was Dauer über den Jazz schreibt: "Der wesentliche Unterschied zwischen unserer rhythmischen Konzeption und derjenigen der Afrikaner besteht darin, daß wir den Rhythmus vom Gehör her erfassen, sie hingegen aus der Bewegung. Wir haben in dieser Technik der Afrikaner eine Ekstatis im wahrsten Sinne des Wortes vor uns; denn ihr Wesen ist es, das statische Ruhen in sich selbst, das sowohl Metrum wie Rhythmus neben ihrer Eigenschaft als zeitliche Ablaufformen auszeichnet, durch Überlagerung ihrer Akzente mit ekstatischen Schwerpunkten zu beunruhigen, zwischen statischen und ekstatischen Akzenten Spannung zu erzeugen."

Der Moment schöpferischer Spontaneität ist die Gegenwart der Umkehrung der Perspektive auf der untersten Stufe. Dieser Moment ist einheitlich, das heißt zugleich einzig und vielfältig. Die Explosion der erlebten Lust bewirkt, daß ich mich finde, indem ich mich verliere; ich verwirkliche mich, indem ich vergesse, wer ich bin. Das Bewußtsein des unmittelbaren Erlebnisses ist nichts anderes als dieser Jazz, dieses Balancieren, von dem ich sprach. Im Gegensatz dazu bleibt das Denken, das am Leben hängt, um es zu analysieren, von ihm getrennt; das ist das Schicksal aller Studien über das Alltagsleben, das in gewissem Sinn auch die vorliegende Studie teilt - deswegen bemühe ich mich, ständig ihre eigene Kritik mit einzuschließen, aus Angst, sie könnte, wie bereits so vieles vor ihr, zu leicht integrierbar sein. Der Reisende, der mit seinen Gedanken im voraus die gesamte Strecke abmißt, ermüdet schneller als sein Begleiter, der seine Phantasie nach dem Belieben der Ereignisse schweifen läßt; ebenso schränkt sorgfältiges Nachdenken über den Weg des Erlebens ein, abstrahiert und reduziert es auf zukünftige Erinnerungen.

Das Denken muß frei sein, wenn es wirklich im Erleben wurzeln soll. Es genügt, über das gleiche anders zu denken. Stell Dir, wenn Du Dich verwirklichst, ein anderes Du vor, das Dich eines Tages seinerseits verwirklichen wird. So sieht für mich die Spontaneität aus. Das höchste Bewußtsein meiner selbst, untrennbar von mir und der Welt.

Dabei müssen wir die Pisten der Spontaneität wiederfinden, die unter den industriellen Zivilisationen verwilderte. Es ist nicht einfach, das Leben am richtigen Ende neu zu beginnen. Die individuelle Erfahrung ist auch eine Beute des Wahns, ein Vorwand. Es herrschen die Bedingungen, von denen Kierkegaard spricht: "Auch wenn es stimmt, daß ich einen Gürtel trage, so sehe ich doch nicht die Stange, die mich über Wasser hält. Es ist schrecklich, auf diese Weise Erfahrungen zu sammeln." Ohne Zweifel gibt es die Stange, und vielleicht könnte sich jeder an ihr festhalten, doch viele zögern so lange, daß sie vor Angst sterben, bevor sie zugeben, daß es sie gibt. Dabei gibt es sie. Sie ist die radikale Subjektivität: das Bewußtsein, daß alle Menschen dem gleichen Verlangen nach echter Verwirklichung folgen und daß ihre Subjektivität durch die bei den anderen wahrgenommene Subjektivität verstärkt wird. Diese Art, von sich selbst auszugehen und sich dann weniger den anderen zuzuwenden, als dem, was man von sich bei den anderen entdeckt, gibt der schöpferischen Spontaneität eine strategische Bedeutung, die mit der eines Raketenstützpunktes vergleichbar ist. In Zukunft müssen wir die Abstraktionen, die Begriffe, die uns beherrschen, auf ihren Ursprung, auf die erlebte Erfahrung zurückführen, nicht um sie zu rechtfertigen, sondern um sie zu berichtigen, umzukehren, wieder in das Erlebte zu verwandeln, aus dem sie entstanden sind und das sie niemals hätten verlassen dürfen! Unter dieser Voraussetzung können die Menschen ohne Schwierigkeit erkennen, daß sich ihre individuelle Kreativität nicht von der universellen Kreativität unterscheidet. Außerhalb meiner eigenen erlebten Erfahrung gibt es keine Autorität; das muß jeder allen beweisen.

3 Das Qualitative. - Ich sagte, daß die Kreativität, die bei allen Menschen in gleicher Weise vorhanden ist, nur durch außergewöhnliche Momente direkt, spontan zum Ausdruck kommt. Haben wir nicht allen Grund, in diesen vorrevolutionären Momenten, die eine Poesie ausstrahlen, die das Leben und die Welt verändert, ein modernes Geschenk des Himmels, das Qualitative zu sehen? So wie sich einst die göttlichen Abscheulichkeiten durch eine süßliche Spiritualität verrieten, die Bauerntölpeln und feingeistigen Naturen gleichermaßen gewährt war - Claudel, diesem Trottel, genauso wie Jean de la Croix -, so bezeugt heute eine Geste, eine Haltung, oft nur ein Wort unbestreitbar die Gegenwart der Chance, die der Poesie, das heißt der totalen Konstruktion des täglichen Lebens, der globalen Umkehrung der Perspektive, der Revolution gewährt ist. Das Qualitative ist Abkürzung, Verdichtung, unmittelbare Kommunikation des Wesentlichen.

Kagame hörte eine alte Frau aus Ruanda, die weder lesen noch schreiben konnte, sagen: "Die Weißen sind wirklich von entwaffnender Naivität! Sie haben nicht das kleinste bißchen Intelligenz!" Er widersprach ihr und sagte: "Wie können Sie nur eine derart offensichtliche Dummheit behaupten? Wären Sie zu irgendeiner Ihrer großartigen Erfindungen, die unsere Vorstellungskraft übersteigen, fähig gewesen?" Mitleidig lächelnd antwortete sie: "Hör gut zu, mein Kleiner! All das haben sie gelernt, aber Ihnen fehlt die Intelligenz! In Wahrheit haben sie nichts begriffen!" In der Tat liegt der Fluch der Zivilisation der Technik, des quantifizierten Tausches und der wissenschaftlichen Kenntnis darin, daß sie nichts hervorgebracht hat, was die spontane Kreativität unmittelbar befreit und stimuliert, daß sie im Gegenteil nicht einmal die Welt ohne weiteres zu begreifen gestattet. Was die alte Frau aus Ruanda - ein Wesen, das der weiße Verwalter vom Gipfel seiner belgischen Spiritualität wie ein wildes Tier betrachtet haben mußte - zum Ausdruck brachte, erschien mit Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen belastet, mit der törichten Dummheit der Weisheit, die besagt: "Ich habe viel studiert und deshalb weiß ich, daß ich nichts weiß." Jedes Studium gibt uns etwas, solange es in der Perspektive der Totalität bleibt. Was "nichts" genannt wurde, sind lediglich die verschiedenen Stufen des Qualitativen; das, was auf verschiedenen Ebenen auf der Linie des Qualitativen bleibt. Die Arbeiter von 1848, die das Manifest von Marx und Engels zumeist nicht verstanden, kannten in sich selbst dennoch seinen Inhalt. Deswegen und insoweit war die marxistische Theorie radikal. Die Lebensbedingungen der Arbeiter und die sich daraus ergebenden Konsequenzen, die das Manifest auf höherem Niveau theoretisch zum Ausdruck brachte, machten Marx, im gegebenen Moment, selbst den unwissendsten Proletariern unmittelbar verständlich. Der kultivierte Mensch, der seine Kultur wie einen Flammenwerfer benutzt, versteht sich mit dem unkultivierten Menschen dadurch, daß er gelehrt zum Ausdruck bringt, was der andere in seiner täglich erlebten Wirklichkeit spürt. Die Waffen der Kritik müssen sich mit der Kritik der Waffen vereinen.

Einzig das Qualitative ermöglicht es, mit einem Satz ein höheres Niveau zu erreichen. Das ist die Pädagogik der gefährdeten Gruppe, die Pädagogik der Barrikade. Das graduelle System der hierarchisierten Macht kennt dagegen nur die Hierarchie gradueller Kenntnisse. Auf den Treppen treffen sich die Menschen, die sich auf Art und Quantität der Stufen spezialisiert haben, ihre Wege kreuzen sich, sie prallen aufeinander, sie gehen aufeinander los. Wie wichtig ist das wirklich? Unten steht der Autodidakt, voll von gesundem Menschenverstand, oben der Intellektuelle, der Ideen sammelt: trotz unterschiedlicher Standpunkte spiegeln sie das Bild der gleichen Lächerlichkeit wider. Miguel de Unamuno und der erbärmliche Milan Astray, der Lohnempfänger des Denkens und sein Verächter, setzen sich vergeblich auseinander: außerhalb des Qualitativen bleibt die Intelligenz eine Marotte von Dummköpfen.

Die Alchimisten nennen die für den Stein des Weisen unentbehrlichen Elemente "materia prima". Was Paracelsus über sie schreibt, trifft auch ausgezeichnet auf das Qualitative zu: "Offensichtlich besitzen die Armen mehr von ihr als die Reichen. Die Leute vergeuden zuviel von ihr und behalten lediglich den schlechten Teil zurück. Sie ist sichtbar und unsichtbar, und die Kinder spielen mit ihr auf der Straße. Nur die Unwissenden treten sie täglich mit Füßen." Das Bewußtsein dieser qualitativen "materia prima" muß sich bei den meisten Geistern zugleich mit dem Einstürzen der Mauern des spezialisierten Denkens und der graduellen Anhäufung von Wissen unaufhörlich verfeinern. Heute treibt die Proletarisierung Künstler und Arbeiter gemeinsam in die Enge des gleichen Nihilismus: diejenigen, die sich zur Kreativität berufen fühlen, und diejenigen, die ihr Beruf daran hindert, kreativ zu sein. Diese Proletarisierung ist mit ihrer Ablehnung identisch, d.h. mit der Ablehnung integrierter Formen der Kreativität. Sie vollzieht sich mitten in einer beengenden Fülle von Kulturgütern (Schallplatten, Filme, Taschenbücher etc.), die, einmal dem Konsumierbaren entrissen, ohne weiteres die wirkliche Kreativität fördern werden. Die jungen Leute, die heute die Bücher stehlen, von denen sie eine Bestätigung ihrer Radikalität erwarten, geben ein glänzendes Beispiel für die Sabotage der Mechanismen des ökonomischen und kulturellen Konsums.

Wenn die unterschiedlichsten Kenntnisse unter dem Zeichen des Qualitativen reinvestiert werden, werden sie ein Anziehungsfeld schaffen, das selbst Traditionen mit größter Beharrungskraft aufzuheben imstande ist. Das Wissen wird von der einfachen spontanen Kreativität zur Potenz erhoben. Ein deutscher Ingenieur hat mit bescheidensten Mitteln und zu einem lächerlichen Preis einen Apparat konstruiert, der genauso arbeitet wie ein Elektronenbeschleuniger. Wenn eine so mäßig stimulierte individuelle Kreativität bereits derartige Resultate erzielt, was kann man dann alles von qualitativen Schocks erwarten, von Kettenreaktionen, in denen der Geist der Freiheit, der in den Individuen am Leben blieb, kollektiv neue Gestalt gewinnen wird, um in dem Freudenfeuer und dem Verbot aller Verbote das große gesellschaftliche Fest zu feiern?

Eine zusammenhängende revolutionäre Gruppe darf keine neue Art von Konditionierung schaffen. Sie muß im Gegenteil Schutzzonen errichten, in denen sich die Intensität der Konditionierung dem Nullpunkt nähert. Jeder Versuch, der nicht den Schock des Qualitativen anwendet, um in dem Bewußtsein des Einzelnen das Potential seiner Kreativität wachzurufen, ist zum Scheitern verurteilt. Weder von den Massenparteien noch von irgendeiner Gruppe, die sich auf die Quantität ihrer Mitglieder stützt, ist in Zukunft auch nur irgend etwas zu erwarten. Eine Mikro-Gesellschaft dagegen, deren Mitglieder sich auf der Basis einer radikalen Geste oder eines radikalen Gedankens erkannt haben und die ihre Schlagkraft permanent durch einen dichten theoretischen Filter sichert, ein solcher Kern würde in sich alle Chancen vereinen, daß eines Tages genügend starke Strahlungen von ihm ausgehen, um die Kreativität der ungeheuren Mehrzahl von Menschen freizusetzen. Die Verzweiflung der terroristischen Anarchisten muß in Erwartung verwandelt werden; ihre Taktik eines mittelalterlichen Kriegers muß im Sinn einer modernen Strategie korrigiert werden.

4 Die Poesie. - Was ist Poesie? Poesie ist die Organisation der schöpferischen Spontaneität. Die Ausbeutung des Qualitativen nach den ihm eigenen Gesetzen des Zusammenhangs. Das, was die Griechen "poien" nannten, das "Tun", dem hier die Reinheit seines ersten Hervorsprudelns, kurz gesagt die Totalität wiedergegeben wird.

Wo das Qualitative fehlt, ist keine Poesie möglich. Wo die Poesie fehlt, stellt sich ihr Gegenteil ein: die Information, das Übergangsprogramm, die Spezialisierung, die Reform, kurz: das Stückwerk in seinen verschiedenen Formen. Dennoch folgt die Poesie nicht unweigerlich dort, wo das Qualitative herrscht. Ein großer Reichtum von Zeichen und Möglichkeiten kann in der Verwirrung untergehen, kann sich in der Zusammenhanglosigkeit verlieren, kann durch Überschneidungen verkümmern. Stets überwiegt das Kriterium der Wirksamkeit. Die Poesie ist daher auch die in den Taten verarbeitete radikale Theorie; die Krönung revolutionärer Strategie und Taktik; der Höhepunkt des großen Spiels mit dem täglichen Leben.

Was ist Poesie? Im Jahr 1895 ergriff anläßlich eines ungeschickt geführten und, wie es schien, zum Scheitern verurteilten Streiks ein Mitglied der nationalen Eisenbahnergewerkschaft das Wort und wies auf ein vielseitig verwendbares Mittel hin, das wenig kostete: "Mit zwei richtig benutzten Münzen aus bestimmtem Material ist es möglich", erklärte er, "eine Lokomotive unbrauchbar zu machen." Die Regierungskreise und die Geschäftswelt gaben sofort nach. Hier ist die Poesie deutlich der Akt, der neue Wirklichkeiten entstehen läßt, der Akt der Umkehrung der Perspektive. Die "materia prima" ist in jedermanns Reichweite. Poet ist der, der sie zu benutzen versteht, der sie erfolgreich verwendet. Und was sind zwei Münzen angesichts der unvergleichlichen Hülle und Fülle, in der das tägliche Dasein Energien verfügbar macht: Wille zu leben, unbändiges Verlangen, Leidenschaft zu leben und Liebe zum leidenschaftlichen Leben, Kraft aus Angst und Furcht, Schwelen des Hasses und Niederschlag der Zerstörungswut? Ist nicht das universelle Gefühl des Todes, des Alters und der Krankheit zugleich eine Plattform, auf die sich die Hoffnung auf jede mögliche poetische Umwälzung stützt? Von diesem noch marginalen Bewußtsein muß die lange Revolution des täglichen Lebens ausgehen, die einzige von allen und nicht von einem gemachte Poesie.

Was ist Poesie? fragen die Ästheten. Sie muß man auf eine Evidenz hinweisen: nur noch selten ist Poesie Dichtung. Fast alle Kunstwerke verraten die Poesie. Wie könnte es auch angesichts der Unvereinbarkeit von Poesie und Macht anders sein? Bestenfalls baut sich die Kreativität des Künstlers ein Gefängnis.

Sie schließt sich ein und wartet in einem Werk, das sein letztes Wort noch nicht gesagt hat, darauf, daß ihre Stunde kommt. Das letzte Wort - das Wort, das der vollkommenen Kommunikation vorausgeht - wird das Werk jedoch trotz aller Erwartungen des Künstlers niemals sagen, bevor nicht die Revolte der Kreativität zur Verwirklichung der Kunst führt.

Das afrikanische Kunstwerk, gleich ob es sich um Dichtung, Musik, Skulptur oder Maskenkunst handelt, wird erst dann als vollendet behandelt, wenn es kreatives Verb, agierende Sprache ist, wenn es funktioniert. Das gilt nicht nur für die afrikanische Kunst. Keine Kunst gibt es auf der Welt, die sich nicht zu funktionieren bemüht. Jede Kunst möchte, selbst auf der Ebene ihrer späteren Integrierung, als ein einziger und stets gleicher ursprünglicher Wille funktionieren, als Wille im Überschwang des schöpferischen Moments zu leben. Wird man begreifen, warum die besten Kunstwerke kein Ende haben?

Sie fordern unablässig in allen Tönen das Recht, sich zu verwirklichen, in die Welt des Erlebens einzugehen. Der Zerfall der heutigen Kunst ist die ideal gespannte Bogensehne für solch einen Pfeil.

Nichts wird die kulturelle Vergangenheit vor dem Schicksal der vergangenen Kultur bewahren, wenn nicht die Gemälde, Schriften und Bauwerke aus Musik oder Stein, die uns im Qualitativen erreichen, befreit von seiner Form, auf die heute der Verfall sämtlicher Kunstformen übergegriffen hat. Sade und Lautréamont, aber auch Villon, Lukrez, Rabelais, Pascal, Fourier, Bosch, Dante, Bach, Swift, Shakespeare, Ucello und andere treten aus ihrer kulturellen Verpackung heraus, verlassen die Museen, in denen die Geschichte sie festgesetzt hat, und füllen wie mörderische Geschosse die Waffenkammern derjenigen, die die Kunst verwirklichen. Wonach wird der Wert eines antiken Kunstwerks beurteilt? Nach dem Teil radikaler Theorie, den es enthält, nach dem Kern kreativer Spontaneität, die die neuen schöpferischen Menschen für und durch eine unveröffentlichte Poesie freizusetzen beginnen.

Die radikale Theorie zeichnet sich dadurch aus, daß sie den Akt, zu dem die schöpferische Spontaneität den Anstoß gibt, hinausschiebt, ohne ihn von seinem Weg abzubringen. Ebenso geht die Kunst vor und versucht in ihren größten Momenten auf die Welt die Bewegung einer Subjektivität zu übertragen, die auf der fortwährenden Suche nach Kreation und Selbstverwirklichung alle ihre Fühler ausstreckt. Doch während die radikale Theorie der poetischen Wirklichkeit, der Wirklichkeit, die sich bildet, der Welt, die verwandelt wird, dicht auf den Fersen folgt, geht die Kunst den gleichen Weg mit viel größerer Gefahr, sich zu verlieren und unterzugehen. Allein die Kunst, die gegen sich selbst, gegen ihre größte Schwäche - gegen ihre Ästhetik - gewappnet ist, widersteht der Integrierung.

Die Konsumgesellschaft reduziert bekanntlich die Kunst auf eine bunte Vielzahl konsumierbarer Produkte. Und je weiter sich diese Reduzierung verbreitet, je mehr sich die Auflösung beschleunigt, um so größer werden die Chancen der Aufhebung. Die für den Künstler lebensnotwendige Suche nach Kommunikation wird bis in die einfachsten Beziehungen des täglichen Lebens hinein unterbrochen und unmöglich gemacht. So sehr, daß die Suche nach neuen Wegen der Kommunikation, die keineswegs Malern und Dichtem vorbehalten ist, heute zu einer kollektiven Aufgabe geworden ist. So endet die alte Spezialisierung der Kunst. Es gibt keinen Künstler mehr, wo alle Künstler sind. Das kommende Kunstwerk ist die Konstruktion eines leidenschaftlichen Lebens.

Das Kunstwerk ist weniger wichtig als sein Entwurf, als der schöpferische Akt. Die Kreativität und nicht das Museum schafft den Künstler. Leider erkennt sich der Künstler nur selten als schöpferischer Mensch. Zumeist posiert er vor einem Publikum, stellt er aus. Die kontemplative Haltung angesichts eines Kunstwerkes war der erste Stein, der auf den schöpferischen Menschen geworfen wurde. Die kontemplative Haltung hatte der Künstler anfangs provoziert, heute tötet sie ihn, seitdem sie auf ein Konsumbedürfnis reduziert wurde und so auf banalste Weise Ausdruck ökonomischer Forderungen geworden ist. Deshalb gibt es kein Kunstwerk im klassischen Sinn mehr, kann es keines mehr geben; das ist auch gut so. Die Poesie liegt anderswo, in den Taten, in dem schöpferisch entworfenen Ereignis. Die Poesie der Taten, die stets nur am Rande Anerkennung fand, macht heute das tägliche Leben wieder ganz zum Zentrum aller Interessen, aus dem es in Wahrheit nie ganz verschwunden war.

Die wahre Poesie spottet über die Poesie. Auf der Suche nach dem Buch erwacht in Mallarmé der starke Wunsch, das Gedicht abzuschaffen. Und wie kann man ein Gedicht besser abschaffen als durch seine Übertragung in die Wirklichkeit? So haben einige seiner Zeitgenossen diese neue Poesie glanzvoll verwirklicht. Als er die anarchistischen Agitatoren in seinem Werk "Hérodiade" "Engel der Reinheit" nannte, war er sich da bewußt, daß sie dem Dichter einen Schlüssel anboten, den dieser in der Festung seiner Sprache niemals benutzen konnte? Die Poesie ist immer irgendwo. Wenn sie sich aus der Kunst zurückzieht, wird besser sichtbar, daß sie sich vor allem in den Gesten, m einem Lebensstil, in der Suche nach diesem Lebensstil findet. Diese Poesie wird überall unterdrückt, blüht überall auf. Wo sie brutal verdrängt wird, findet sie in der Gewalt neue Lebendigkeit. Sie verleiht den Aufständen Leben, vereinigt sich mit der Revolte, ist der Atem der großen Feste der Gesellschaft, bevor sie die Bürokraten unter Arrest der Kultur der Hagiographie stellen.

Im Verlauf der Geschichte hat die gelebte Poesie selbst in der teilweisen Revolte, selbst im Verbrechen - das Coeurderoy die Revolte eines einzelnen nannte - bewiesen, daß sie im Menschen vor allen Dingen das schützt, was nicht reduzierbar ist: die schöpferische Spontaneität. Der Wille, die Einheit von Mensch und Gesellschaftlichem nicht auf der Grundlage einer Gemeinschaftsfiktion, sondern von der Plattform der Subjektivität aus herzustellen, macht aus der neuen Poesie eine Waffe, deren Handhabung jeder selbst erlernen muß. Von nun an geht es um die poetische Erfahrung. Die Organisation der Spontaneität wird das Werk der Spontaneität selbst sein.

III. Die Herren ohne Sklaven

Die Macht ist die gesellschaftliche Organisation, durch die die Herrschenden die Bedingungen der Knechtschaft aufrechterhalten. Gott, Staat, Organisation: diese drei Worte zeigen ausreichend, was an der Macht Autonomie und geschichtlicher Determinismus ist. Drei Prinzipien haben nacheinander überwogen: das Prinzip der Herrschaft (feudale Macht), das Prinzip der Ausbeutung (bürgerliche Macht), das Prinzip der Organisation (kybernetische Macht) (2). - Die gesellschaftliche hierarchisierte Ordnung hat sich vervollkommnet, indem sie sich entweihte und sich mechanisierte, aber ihre Widersprüche sind gewachsen. Sie ist in dem Maße humaner geworden, wie sie die Menschen ihrer Substanz beraubt hat. Sie hat auf Kosten der Herren an Autonomie gewonnen (die Führer sind an der Macht, jedoch sind es die Machthebel, die sie regieren). Heute erhalten die Manager der Macht die Rasse unterwürfiger Sklaven, von denen Theognis sagt, sie seien mit gebeugtem Nacken geboren. Sie haben selbst ihre krankhafte Lust zu herrschen verloren. Den Herren-Sklaven gegenüber erheben sich die Menschen der Verweigerung, das neue Proletariat, dessen Reichtum seine revolutionären Traditionen sind. Von dort aus wird sich der Typus einer höheren Gesellschaft herausbilden, in der das erlebte Projekt der Kindheit und das geschichtliche Projekt der großen Aristokraten Wirklichkeit werden (1) (3).

1 Im "Theages" Platos steht: "Jeder von uns möchte Herr womöglich aller Menschen sein, am liebsten Gott." Mäßiger Ehrgeiz, wenn man sich auf die Schwäche der Herren und der Götter bezieht. Denn wenn die fehlende Größe der Sklaven davon herrührt, daß sie sich den Regierenden verschreiben, so liegt die fehlende Größe der Chefs und Gottes selbst darin begründet, daß die Regierten stets auf der Verlustseite stehen. Der Herr kennt den positiven Pol der Entfremdung, der Sklave den negativen, beiden ist die totale Herrschaft gleichermaßen verwehrt.

Wie verhält sich der Feudalherr in dieser Dialektik von Herr und Knecht? Der Feudalherr ist als Sklave Gottes und Herr über die Menschen - Herr über die Menschen, weil nach den Forderungen des Mythos Sklave Gottes - dazu verdammt, Gott zu verfluchen und ihm gleichzeitig ehrfürchtig zu begegnen, denn er Ist Gott zum Gehorsam verpflichtet, von ihm leitet er seine Macht über die Menschen ab. Er reproduziert in seinem Verhältnis zu Gott die Beziehungen der Adligen zu ihrem König. Was ist ein König? Ein Erwählter unter anderen, dessen Nachfolge zumeist den Charakter eines Wettstreits erhält, bei dem die Gleichen miteinander rivalisieren. Die Adligen dienen dem König, obwohl sie so mächtig sind wie er. So ordnen sich auch die Feudalherren Gott unter: als Rivalen, als Konkurrenten.

Man kann die Unzufriedenheit der früheren Herrscher begreifen. Durch Gott ordnen sie sich dem negativen Pol der Entfremdung zu, durch die, die sie unterdrücken, dem positiven Pol. Warum sollten sie den Wunsch haben, Gott zu sein, wo sie doch die Last der positiven Entfremdung kennen? Warum sollten sie nicht den Wunsch haben, Gott, ihrem Tyrannen, ein Ende zu machen? Das "to be or not to be" der Großen drückte sich stets in der, damals nicht beantwortbaren Frage der Leugnung oder Erhaltung Gottes, in der Frage seiner Aufhebung, seiner Verwirklichung aus.

Die Geschichte bezeugt zwei Versuche einer solchen Aufhebung: den Versuch der Mystiker und den Versuch der großen Leugner. Meister Eckart schreibt: "Ich bete zu Gott, daß er mich von Gott erlöst." Ähnlich sagen 1270 die Ketzer aus Schwaben, sie hätten sich über Gott hinausgehoben und ihn aufgegeben, als sie den höchsten Grad göttlicher Vollkommenheit erreicht hatten.

Auf einem anderen, negativen Weg versuchen einige starke Persönlichkeiten wie Heliogabal, Gilles de Rais und Erszebet Bathory durch die Liquidierung der Vermittler, ihrer Sklaven, die sie positiv entfremden, das Stadium vollkommener Beherrschung der Welt zu erreichen. Ihr Weg zum totalen Menschen führt über die totale Unmenschlichkeit. Rückwärts also. Ihr leidenschaftliches Verlangen, unbegrenzt zu herrschen und ihre absolute Leugnung aller Zwänge bilden einen einzigen und gleichen auf- und absteigenden Weg, den Caligula und Spartacus, Gilles de Rais und Dosza Gyorgy gemeinsam und getrennt gehen. Es genügt aber nicht, darauf hinzuweisen, daß sich die ganzheitliche Revolte der Sklaven - die ganzheitliche Revolte und nicht ihre unvollkommenen christlichen, bürgerlichen oder sozialistischen Formen - mit der extremen Revolte der früheren Herrscher trifft. Tatsächlich bietet der Wille, die Sklaverei und alle ihre Abarten (den Proletarier, den Befehlsempfänger, den unterwürfigen und passiven Menschen) abzuschaffen, dem Willen eine einzigartige Chance, die Welt nur durch die endlich neu erfundene Natur, nur durch den Widerstand, den die Gegenstände ihrer Veränderung entgegensetzen, begrenzt anzuerkennen.

Diese Chance liegt im geschichtlichen Werden. Die Geschichte gibt es, weil es Unterdrückte gibt. Stets ist der Kampf gegen die Natur, und später gegen die verschiedenen gesellschaftlichen Organisationen zum Kampf gegen die Natur, zugleich Kampf für die menschliche Emanzipation, für den totalen Menschen. Die Ablehnung eines Sklavendaseins ist wirklich das, was die Welt verändert.

Was ist demzufolge der Zweck der Geschichte? Da sie "unter bestimmten Bedingungen" (Marx) von Sklaven gegen die Sklaverei gemacht wurde, kann sie nur ein einziges Ziel verfolgen: die Vernichtung der Herren. Der Herr seinerseits ruht nicht, bis er der Geschichte entkommt, bis er sie vermeidet, indem er diejenigen massakriert, die sie machen, die sie gegen ihn machen.

Das Paradoxe:

1. Der menschliche Aspekt der früheren Herrscher liegt in ihrem Streben nach absoluter Beherrschung. Dieses Projekt bedingt die absolute Blockade der Geschichte, die äußerste Ablehnung der Emanzipationsbewegung, folglich die totale Unmenschlichkeit.

2. Der Wunsch, der Geschichte zu entkommen, macht verwundbar. Wer vor ihr flieht, findet sich um so eher vor ihr wieder, erliegt um so sicherer ihrem Ansturm; die Bewegungslosigkeit in ihrer Begrenztheit hält den heranbrandenden Angriffen der erlebten Wirklichkeit ebensowenig stand wie der Dialektik der Produktivkräfte. Die Herren sind die Opfer der Geschichte; sie werden von ihr zerrieben, gemäß dem, was die Kontemplation von dreitausend Jahren Geschichte aus der Höhe der Pyramide der Gegenwart als wirkliches "planning", als unumstößliches Programm, als eine Kraftlinie ausgibt, die von einem zielgerichteten Gang der Geschichte sprechen läßt (Ende der Welt der Sklaverei, Ende der Welt des Feudalismus, Ende der Welt der Bourgeoisie).

Durch ihren Fluchtversuch geraten die Herren in nützlicher Folge und gegen ihren Willen in die Schubladen der Geschichte, in eine vergängliche, lineare Evolution. Im Gegensatz zu ihnen scheinen die Revolutionäre, die die Geschichte machen - die Sklaven, die es nach totaler Freiheit dürstet -, "sub specie aeternitatis", unter dem Zeichen des Unvergänglichen zu handeln; sie werden von einem unstillbaren Verlangen nach pulsierendem Leben angetrieben und verfolgen ihr Ziel durch die wechselnden Bedingungen der Geschichte hindurch. Vielleicht hängt der philosophische Begriff der Ewigkeit mit den geschichtlichen Emanzipationsversuchen zusammen und wird eines Tages, zusammen mit der Philosophie, von denen verwirklicht, die in sich die totale Freiheit und das Ende der traditionellen Geschichte tragen.

3. Die Überlegenheit des negativen Pols der Entfremdung über den positiven gründet sich darauf, daß einzig seine ganzheitliche Revolte das Projekt absoluter Beherrschung möglich macht. Die Sklaven, die für die Abschaffung der Zwänge kämpfen, lösen die Bewegung der Geschichte aus, in der die Herren verschwinden, und jenseits der Geschichte treffen sie auf die Möglichkeit einer neuen Beherrschung der Dinge, die sich nicht mehr die Gegenstände aneignet, indem sie sich die Lebewesen aneignet. Doch im Verlauf selbst der allmählich erarbeiteten Geschichte ist es zwangsläufig so weit gekommen, daß die Herren, anstatt zu verschwinden, degenerieren, zu Sklaven-Konsumenten der Macht werden, die nur noch in dem Grad und der Quantität konsumierter Macht voneinander abweichen.

Es mußte so kommen, daß die Veränderung der Welt durch die Produktivkräfte nach dem Übergangsstadium der Bourgeoisie zwangsweise langsam die materiellen Bedingungen für eine totale Emanzipation schafft. Heute, wo Automation und Kybernetik, menschlich eingesetzt, den Entwurf des Traums der früheren Herrscher und der Sklaven aller Zeiten möglich machen, finden wir nur noch ein gesellschaftlich formloses Magma, wo die Verwirrung in jedem einzelnen winzige Teile von Herr und Sklave vermengt. Aus dieser Herrschaft von Gleichwertigkeiten werden jedoch die neuen Herren hervorgehen: die Herren ohne Sklaven.

Bevor ich weitergehe, möchte ich Sade grüßen. Sein Erscheinen an einem großen Wendepunkt der Geschichte und seine erstaunliche Weitsicht haben ihn zu dem letzten der großen revoltierenden Seigneurs gemacht. Wie konnten die Schloßherren von Selling ihre absolute Herrschaft sichern? Sie massakrierten all ihre Diener und erlebten dadurch höchste, unvergängliche Lust. Darum geht es in "Die hundertzwanzig Tage von Sodom".

Als Marquis und Sans-Culotte vereint D.A.F. Sade die vollkommene hedonistische Logik eines großen und bösartigen Seigneurs mit dem revolutionären Willen, grenzenlos die aus dem hierarchischen Rahmen endlich befreite Subjektivität zu genießen. Seine verzweifelte Anstrengung, den positiven wie auch den negativen Pol der Entfremdung abzuschaffen, macht ihn auf Anhieb zu einem der wichtigsten Theoretiker des totalen Menschen. Es wird Zeit, daß die Revolutionäre Sade ebenso sorgfältig lesen wie Marx. (Allerdings kennen die meisten Spezialisten der Revolution von Marx nur das, was er unter dem Pseudonym Stalin, bestenfalls das, was er unter den Pseudonymen Lenin und Trotzki geschrieben hat.) Jedenfalls basiert heute jeder Wunsch nach radikaler Veränderung des täglichen Lebens sowohl auf den großen Leugnern der Macht als auch auf diesen früheren Herrschern, die sich in der ihnen von Gott verliehenen Macht beengt fühlten.

2 Die Bourgeoisie hat von den zerbrochenen Resten der Feudalherrschaft gelebt. Sie ist der Rest der zerbrochenen Feudalherrschaft. Die aristokratische Autorität wurde von der revolutionären Kritik angegriffen, mit Füßen getreten, am Boden zerstört, ohne daß diese Liquidierung jemals ihre letzte Konsequenz erreichte: das Ende der hierarchisierten Macht; sie überlebte die Aristokratie als Parodie ihrer selbst, wie eine Maske im Todeskampf. Die Führer der Bourgeoisie, die in ihrer teilweisen Macht eingezwängt waren und aus ihrem Teil eine Totalität machten (das Wesen des Totalitarismus), mußten zusehen, wie ihr Ansehen, das der Zerfall des Spektakels erschütterte, ruiniert wurde. Sobald die Ernsthaftigkeit des Mythos und der Glaube an die Autorität verlorengegangen waren, gab es als Regierungsform nur noch possenhafte Abschreckung und demokratische Idiotien. All die guten Kinder Bonapartes! Louis-Philippe, Napoleon III., Thiers, Alphonse XIII., Hitler, Mussolini, Stalin, Franco, Salazar, Nasser, Mao, de Gaulle und andere. Fruchtbare Ubus, die überall immer schwächlichere Mißgeburten auf die Welt bringen. Gestern noch entflammten Jupiterblitze die Fackeln ihrer Autorität. Heute ernten die Affen der Macht für ihre Imitationen gerade noch Achtungserfolge auf der gesellschaftlichen Bühne. Ihnen bleiben nur noch zweitrangige Rollen. Gewiß ist ein lächerlicher Franco immer noch tödlich - niemand wird das vergessen wollen; aber auch das ist wichtig zu wissen: bald wird die Erbärmlichkeit der Regierung tödlicher sein als die Erbärmlichkeit an der Regierung.

Die Maschine für die Gehirnwäsche in unserer Strafkolonie ist das Spektakel. Die Herren-Sklaven von heute bedienen es ergeben, sind seine Statisten und Regisseure zugleich. Wer möchte sie richten? Sie werden ihre Unschuld beteuern. Sie sind in der Tat schuldlos. Sie brauchen weniger Zynismus als spontane Geständnisse, weniger Terror als einverstandene Opfer, weniger Gewalt als Schafherden auf dem Weg zur Schlachtbank. Die Feigheit der Regierten ist das Feigenblatt der Regierenden. Heute jedoch werden alle regiert, werden alle von einer abstrakten Macht manipuliert, von einer Organisation an sich, deren Gesetze den angeblichen Führern ihren eigenen Willen diktieren. Die Dinge werden nicht gerichtet, sie werden daran gehindert, Schaden anzurichten.

Im Oktober 1963 stellt Fourastié sich die Frage nach dem Chef von morgen und gelangte bei seinen Überlegungen zu folgendem Schluß: "Der Chef hat seine geradezu magische Macht eingebüßt; er ist heute und in Zukunft ein Mann, der fähig ist, Aktionen zu provozieren. Wir werden die Herrschaft von Arbeitsgruppen zur Entscheidungsvorbereitung erleben. Der Chef wird Präsident von Kommissionen sein. Er muß Folgerungen ziehen und Entscheidungen treffen können" (von mir hervorgehoben). Hier finden wir die drei geschichtlichen Phasen wieder, die die Evolution der Herren charakterisieren:

  1. Das Herrschaftsprinzip (Feudalherrschaft);

  2. Das Ausbeutungsprinzip (Bourgeoisie);

  3. Das Organisationsprinzip (Gesellschaft der Kybernetik).

In Wirklichkeit lassen sich diese drei Elemente nicht voneinander trennen; jede Herrschaft verlangt zugleich Ausbeutung und Organisation; doch ihr Gewicht ändert sich von Epoche zu Epoche. Mit dem Übergang von einem Stadium zum anderen reduzieren, verkleinern sich Autonomie und Anteil des Herrn. Die Menschlichkeit des Herrn nähert sich dem Nullpunkt, während die Unmenschlichkeit der körperlosen Macht unendlich wird.

Dem Herrschaftsprinzip gemäß verweigert der Herr dem Sklaven eine Existenz, die seine eigne beschränken würde. Nach dem Ausbeutungsprinzip erlaubt der Unternehmer dem Arbeiter eine Existenz, die seine eigene erhält und bereichert. Das Organisationsprinzip ordnet die individuellen Existenzen stückweise nach dem Grad ihrer Fähigkeiten als Führungskraft oder ausführende Kraft. (Nach Fourier würde z.B. ein Betriebsleiter aufgrund ausführlicher Berechnung seiner Rentabilität und Repräsentativität folgendermaßen definiert sein: 56% Funktion als Führungskraft, 40% Funktion als ausführende Kraft und 4% variabel.)

Die Herrschaft ist ein Recht, die Ausbeutung ein Vertrag, die Organisation eine Ordnung von Dingen. Der Tyrann beherrscht, weil er Macht will, der Kapitalist beutet nach den Gesetzen des Profits aus, der Organisator plant und wird geplant. Der erstere hält sich für eigenmächtig, der zweite für gerecht, der dritte für rational und objektiv. Die Unmenschlichkeit des Feudalherrn ist Menschlichkeit auf der Suche nach sich selbst, der Ausbeuter versucht, sich von seiner Unmenschlichkeit durch die Verführung reinzuwaschen, die technischer Fortschritt, Komfort und der Kampf gegen Hunger und Krankheit auf den Menschen ausüben; die Unmenschlichkeit des Kybernetikers nimmt sich in Kauf. So ist die Unmenschlichkeit des Herrn immer unmenschlicher geworden. Denn ein Lager zur systematischen Vernichtung ist grausamer als die Mordlust der Feudalherren, die sich mit grundlosen Kriegen überzogen. Und in den Massakern von Auschwitz liegt immer noch eine gewisse Lyrik, wenn man sie mit der eisigen Hand der generalisierten Konditionierung vergleicht, die die künftige, aber schon drohend nahe technokratische Organisation der Kybernetiker der Gesellschaft entgegenstreckt! Um einem Mißverständnis vorzubeugen: es geht nicht um die Wahl zwischen der "Menschlichkeit" eines willkürlichen Haftbefehls und der "Menschlichkeit" einer Gehirnwäsche. Das hieße genauso, zwischen Galgen und Guillotine die Wahl zu haben. Ich will lediglich sagen, daß die fragwürdige Lust zu herrschen und zu unterdrücken langsam verschwindet. Der Kapitalismus hat die Notwendigkeit eingeführt, Menschen auszubeuten, ohne daraus leidenschaftlichen Genuß zu ziehen. Ohne Sadismus, ohne diese negative Freude zu existieren, die darin besteht, andere leiden zu lassen, selbst ohne eine Perversion, eine Verkehrung des Menschlichen. Die Herrschaft der Dinge geht in Erfüllung. Durch Verzicht auf das hedonistische Prinzip haben die Herren auch auf die Herrschaft verzichtet. Die Korrektur dieser Aufgabe ist die Aufgabe der Herren ohne Sklaven.

Was die Produktionsgesellschaft in Gang gesetzt hat, beendet heute die Diktatur des Konsumierbaren. Das Organisationsprinzip vervollständigt die Herrschaft der Dinge über die Menschen. Auch der Teil der Macht, der den Besitzern der Produktionsinstrumente blieb, verschwindet von dem Augenblick an, wo die Maschinen ihren Eigentümern aus den Händen gleiten und unter die Kontrolle der Techniker geraten, die ihre Verwendung organisieren. Doch die Organisatoren werden ihrerseits nach den Schaltplänen verarbeitet, die sie selbst entworfen haben. Die einfache Maschine wird die letzte Rechtfertigung des Chefs gewesen sein, die letzte Stütze seiner letzten Spur von Menschlichkeit. Die kybernetische Organisation von Produktion und Konsum führt zwangsläufig über die Kontrolle, die Planung und die Rationalisierung des täglichen Lebens.

Die Spezialisten sind die Teilherrscher, die Herren-Sklaven, die sich auf dem Territorium des Alltagslebens fortpflanzen. Ihre Chance ist mit Sicherheit gleich Null. Bereits 1867 erklärte Francau auf dem Baseler Kongreß der I. Internationale: "Schon viel zu lange haben wir im Schlepptau des Diplomadels und der Prinzen der Wissenschaft gehangen. Nehmen wir doch unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände. Wie ungeschickt wir sie auch immer anfassen, wir können sie niemals schlechter besorgen als diejenigen, die sie in unserem Namen erledigen." Die Wahrheit dieser Worte bestätigt sich mit der Verbreitung der Spezialisten und ihrer Festsetzung im Leben eines jeden. Eine klare Spaltung vollzieht sich zwischen denjenigen, die von dem Magnetfeld der gewaltigen kafkaesken Maschine der Kybernetik angezogen werden, und denjenigen, die ihr zu entgehen versuchen und dem Antrieb ihrer eigenen Kräfte folgen. Sie sind die Treuhänder der menschlichen Totalität, die niemand aus dem alten Clan der Herren jemals mehr für sich in Anspruch nehmen kann. Das eine Lager füllen nur noch die Gegenstände aus, die mit gleicher Geschwindigkeit ins Nichts fallen, die andere Seite beherrscht das alte Projekt der von totaler Freiheit trunkenen Sklaven.

3 Der Herr ohne Sklaven oder die aristokratische Aufhebung der Aristokratie. - Der Herr hat sich auf den gleichen Wegen verloren wie Gott. Mit dem Ende seiner Liebe zu den Menschen, das heißt mit dem Ende der selbst geschaffenen Lust zu unterdrücken, zerfällt er wie ein Golem. Er endet mit der Aufgabe des hedonistischen Prinzips. Die Gegenstände zu verrücken, passive, gefühllose Lebewesen zu manipulieren, verschafft wenig Lust. Gott sucht in seinem Raffinement lebendige Kreaturen, bebendes Fleisch, in Furcht und Ehrfurcht zitternde Seelen. Er braucht zur Bestätigung seiner eigenen Größe das Gefühl gegenwärtiger Geschöpfe, die im Gebet, in der Auflehnung, in der Verschlagenheit und selbst im Hohn eifern. Der Gott der Katholiken versteht sich darauf, wahre Freiheit zu verleihen, allerdings nach Art der Pfandleiher. Wie die Katze der Maus, läßt er den Menschen einen Vorsprung. Beim Jüngsten Gericht gehen sie um so sicherer in seine Falle. Als gegen Ende des Mittelalters die Bourgeoisie auf der Bühne erscheint, nimmt Gott allmählich ein menschliches Gesicht an; paradoxerweise, denn er sinkt, wie die Menschen, zu einem Gegenstand herab. Der Gott Calvins, der die Menschen zur Vorherbestimmung verurteilt, verurteilt sich selbst zum Verzicht auf die Lust, Schiedsrichter zu sein und nach freiem Belieben jeden jederzeit zu verdammen. Der Gott der kaufmännischen Transaktionen ist phantasielos, kalt und meßbar wie ein Diskontsatz, er schämt und versteckt sich. "Deus absconditus." Der Dialog ist zu Ende. Pascal verzweifelt. Descartes steht hilflos vor einer Seele mit zerrissenem Band. Später versucht Kierkegaard, über die Neubelebung der Subjektivität der Menschen zu einer Auferstehung des subjektiven Gottes hinzuführen. Zu spät. Nichts kann Gott mehr zu neuem Leben erwecken. Er ist im menschlichen Geist zu einem "großen äußeren Objekt" geworden; er ist endgültig gestorben, zu Stein geworden, wie ein Korallenriff versunken. In der Glasur seiner letzten Schöpfung (der hierarchisierten Form der Macht) scheinen sich die Menschen langsam, aber sicher der völligen Erstarrung, dem Tod des Menschlichen zu nähern. In der Perspektive der Macht bieten sich der inneren Schau nur Ausstellungsgegenstände, Fragmente des großen göttlichen Steins. Ist es nicht diese Perspektive, auf die Soziologie, Psychologie, Ökonomie und die sogenannten Wissenschaften vom Menschen in ihrem Bemühen um "objektive" Beobachtung ihr Mikroskop einstellen?

Wodurch wird der Herr zur Aufgabe der hedonistischen Forderung gezwungen? Was hindert ihn daran, den totalen Genuß zu erreichen, wenn nicht die Bedingung seiner Herrschaft, seine Voreingenommenheit für die hierarchische Überlegenheit. Der Verzicht wächst in dem Maße, wie die Hierarchie in Stücke geht, die Zahl kleinformatiger Herren sich vervielfacht, die Geschichte die Herrschaft demokratisiert. Der unvollkommene Genuß der Herren ist zum Genuß unvollkommener Herren geworden. Wir haben erlebt, wie die Herren der Bourgeoisie, diese ubuesken Plebejer, ihre Stammtischrevolte mit dem Leichenschmaus des Faschismus gekrönt haben. Bei den Herren-Sklaven, bei den letzten, hierarchisierten Menschen wird es nicht einmal mehr ein Fest geben, nur noch die Traurigkeit der Dinge, einen griesgrämigen Seelenfrieden, das Unbehagen der Rolle, das Bewußtsein, nichts zu sein.

Was soll mit den Dingen geschehen, die uns beherrschen? Müssen sie zerstört werden? Wenn ja, dann sind diejenigen am besten darauf vorbereitet, die Sklaven an der Macht zu liquidieren, die seit eh und je gegen die Knechtschaft gekämpft haben. Die Kreativität des Volkes, die weder von der Autorität der Feudalherren noch von der Autorität der Unternehmer gebrochen werden konnte wird sich niemals den Erfordernissen der Programmierung, dem "planning" der Technokraten beugen. Man könnte sagen, daß bei der Liquidierung einer abstrakten Form und eines Systems weniger Begeisterung und Leidenschaft am Werk sind als bei der Vernichtung verabscheuter Herrscher: doch hieße das, das Problem aus der falschen Richtung, aus der Richtung der Macht zu sehen. Im Gegensatz zur Bourgeoisie definiert sich das Proletariat nicht nach seinem Klassenfeind; es ist vielmehr die Beendigung der Unterscheidung in Klassen und die Beendigung der Hierarchie. Die Rolle der Bourgeoisie war einzig negativ. Saint-Just erinnert daran auf ausgezeichnete Weise: "Die Republik wird von der totalen Zerstörung all dessen gebildet, was ihr entgegensteht."

Wenn sich die Bourgeoisie damit begnügt, die Waffen gegen die Feudalherrschaft - und danach gegen sich selbst - zu schmieden, birgt das Proletariat im Gegenteil seine mögliche Aufhebung in sich. Es ist die momentan von der herrschenden Klasse oder der technokratischen Organisation entfremdete Poesie, die aber jederzeit zum Ausbruch kommen kann. Das Proletariat, das einziger Treuhänder des Willens zu leben ist, weil es die Unerträglichkeit des ausschließlichen Überlebens bis zum Paroxysmus kennengelernt hat, wird die Mauer der Zwänge im Sturm seiner Lust und der spontanen Gewalttätigkeit seiner Kreativität brechen. Alle Freuden sich zu schaffen, alles Lachen sich zu schenken: das Proletariat besitzt bereits beides. Aus sich selbst nimmt es seine Kraft und seine Leidenschaft. Was es sich aufzubauen anschickt, wird zusätzlich alles zerstören, was sich ihm entgegenstellt, so wie bei einem Tonband die neue Aufnahme die alte Aufnahme löscht. Den Zwang der Dinge wird es zusammen mit sich selbst abschaffen: durch eine verschwenderische Geste, eine Art Nonchalance, durch eine Großmütigkeit, die sich derjenige herauszunehmen versteht, der seine Überlegenheit beweist.

Aus dem neuen Proletariat werden die Herren ohne Sklaven kommen und nicht die Konditionierten eines Humanismus, von dem die onanierenden, angeblich revolutionären Linken träumen. Die aufständische Gewalt der Massen ist nur ein Aspekt der Kreativität des Proletariats, ist seine Ungeduld, sich selbst zu verneinen, so wie es ungeduldig darauf wartet, das Urteil zu vollziehen, das das Überleben über sich selbst fällt.

Ich möchte gerne drei zusammenhängende Leidenschaften unterscheiden, die bei der Zerstörung der verdinglichten Ordnung vorherrschen: die Leidenschaft der absoluten Herrschaft, die sich auf die Dinge richtet, die unmittelbar und ohne menschliche Vermittlung im Dienst der Menschen stehen. Folglich die Zerstörung derjenigen, die sich an die Ordnung der Dinge klammern, der Sklaven, die im Besitz der in Stücke gebrochenen Macht sind. "Wir ertragen den Anblick nicht mehr, folglich schaffen wir die Sklaven ab" (Nietzsche).

Die Leidenschaft, die Zwänge aufzulösen, die Ketten zu sprengen. Das meint Sade, wenn er sagt: "Lassen sich die erlaubten Freuden mit den mit sehr viel prickelnderem Reiz verbundenen Genüssen vergleichen, die das Zerreißen aller gesellschaftlichen Zügel und das Umstoßen aller Gesetze verschaffen?"

Die Leidenschaft, eine unglückliche Vergangenheit zu korrigieren, auf die enttäuschten Hoffnungen im individuellen Leben und in der Geschichte der gescheiterten Revolutionen zurückzukommen. Einst war es legitim, Ludwig XVI. für die Verbrechen seiner Vorgänger zu bestrafen. Heute - unter der Herrschaft der Dinge - gibt es keinen Grund mehr zur Rache. Doch es gibt genügend erregende Gründe, die für jeden freien Geist schmerzliche Erinnerung an die Füsilierten der Kommune, an die gefolterten Bauern von 1525, an die ermordeten Arbeiter, an die gehetzten und massakrierten Revolutionäre, an die vom Kolonialismus vernichteten Zivilisationen und an so viel anderes vergangenes Elend, das die Gegenwart nie gutgemacht hat, aus dem Gedächtnis auszulöschen. Es ist zu einer erregenden Aufgabe geworden, die Geschichte zu korrigieren, weil ihre Korrektur möglich geworden ist; das Blut von Babeuf, Lacenaire, Ravachol und Bonnot in dem Blut der obskuren Abkömmlinge derjenigen zu ertränken, die es als Sklaven einer auf den Profit und die ökonomischen Mechanismen gegründeten Ordnung verstanden haben, brutal die menschliche Emanzipation zu blockieren.

Die Lust, die Macht zu Boden zu schleudern, Herr ohne Sklaven zu sein und die Vergangenheit zu korrigieren, verleiht der Subjektivität eines jeden vorrangige Bedeutung. Jeder Mensch ist im revolutionären Moment aufgefordert, selbst seine eigene Geschichte zu machen. Die Sache der Freiheit der Verwirklichung vereint sich stets mit der Subjektivität und hört damit sogleich auf, eine Sache zu sein. Nur diese Perspektive gibt uns den Rausch aller Möglichkeiten, den Taumel aller und für alle greifbarer Freuden.

*

Wir müssen vermeiden, daß die alte Ordnung der Dinge diejenigen unter sich begräbt, die sie zerstören. Die Lawine des Konsumierbaren droht uns im endlosen Fall mit sich zu reißen, wenn niemand kollektive Zufluchtsstätten gegen die Konditionierung, das Spektakel und die hierarchische Organisation errichtet; Zufluchtsstätten, von denen die künftigen Angriffe ausgehen. Die Mikrogesellschaften, die augenblicklich im Entstehen begriffen sind, werden das Projekt der früheren Herrscher verwirklichen, indem sie es von der hierarchischen Schlacke befreien. Die Aufhebung des großen und bösartigen Seigneurs wird in der wörtlichen Anwendung von Keats' großartigem Prinzip bestehen: "Alles, was vernichtet werden kann, muß vernichtet werden, um die Kinder vor der Knechtschaft zu bewahren." Diese Aufhebung muß gleichzeitig in drei Punkten stattfinden:

  1. in der Aufhebung der patriarchalen Organisation;

  2. in der Aufhebung der hierarchisierten Macht;

  3. in der Aufhebung der subjektiven Willkür, der autoritären Laune.

1. - Die Abstammung enthält die magische Kraft der Aristokratie, die von Generation zu Generation überlieferte Energie. Die Bourgeoisie hat die lehnsadlige Herrschaft untergraben, sie muß deshalb auch, gegen ihren Willen, die Familie untergraben. Genauso verhält sie sich gegenüber der gesellschaftlichen Organisation ? Ich sagte bereits, daß diese Negativität sicherlich ihren reichsten, ihren "positivsten" Aspekt darstellt. Der Bourgeoisie fehlt jedoch die Möglichkeit ihrer Aufhebung. Worin wird die Aufhebung der Familie nach aristokratischer Konzeption bestehen? In der Bildung von in sich zusammenhängenden Gruppen, in denen sich die individuelle Kreativität total in der kollektiven Kreativität eingesetzt und von ihr verstärkt findet; dort, wo die Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Erlebnisses das Energiepotential in Anspruch nimmt, das bei den Feudalherren aus der Vergangenheit kam. Die relative Ohnmacht des von seinem eigenen hierarchischen System immobilisierten Herrn ruft unaufhörlich den Vergleich mit der Schwäche des Kindes wach, das im Rahmen der bürgerlichen Familie gehalten wird.

Subjektiv erfährt das Kind eine Freiheit, die es in der Tierwelt nicht gibt, objektiv bleibt es von seinen Eltern abhängig; es braucht ihre Fürsorge, ihre Betreuung. Im Gegensatz zum Tier besitzt das Kind den schrankenlosen Sinn für die Verwandlung der Welt, für die Poesie. Doch wird ihm die Auseinandersetzung mit den Techniken unmöglich gemacht, die die Erwachsenen gegen die Poesie anwenden, mit denen sie unter anderem die Kinder konditionieren. Sind die Kinder erst einmal so weit, daß sie diesen Techniken gewachsen sind, dann haben sie unter dem Gewicht der Zwänge das verloren, was die Überlegenheit ihrer Kindheit ausmachte. Das Universum der früheren Herrscher zerbricht unter dem gleichen Fluch wie das Universum der Kinder: der Zugang zu den Techniken der Befreiung bleibt beiden versagt. Darum ist das Kind dazu verdammt, von der Veränderung der Welt zu träumen und nach den Gesetzen der Anpassung an die Welt zu leben. Von dem Zeitpunkt an, wo die Bourgeoisie hochentwickelte Techniken zur Beherrschung der Welt anbietet, erscheint die hierarchisierte Organisation - die man für die beste Konzentrationsform gesellschaftlicher Energie in einer Welt halten darf, in der die Energie nicht über die wertvolle Unterstützung durch die Maschinen verfügt - hoffnungslos veraltet; ein Hindernis für die Entwicklung der menschlichen Beherrschung der Welt. Die hierarchische Organisation, die Macht des Menschen über den Menschen, verhindert das Erkennen der wertvollen Gegner, verbietet die tatsächliche Veränderung unserer Umwelt, hält uns in den Erfordernissen der Anpassung an diese Umwelt und der Integrierung in die Ordnung der Dinge gefangen. Daraus folgt:

2. - Die Zerstörung der gesellschaftlichen Wand, die unseren Blick auf die Welt verstellt, verlangt die absolute Ablehnung jeder Hierarchie im Inneren der Gruppe. Der Begriff der Diktatur des Proletariats muß richtiggestellt werden. Zumeist wurde aus der Diktatur des Proletariats eine Diktatur über das Proletariat, d.h. eine Institution. Die Diktatur des Proletariats ist jedoch, wie Lenin schrieb, "ein erbitterter blutiger und unblutiger, gewalttätiger und gewaltloser, militärischer, ökonomischer, pädagogischer und administrativer Kampf gegen die Kräfte und die Traditionen der Alten Welt". Das Proletariat kann keine dauerhafte Herrschaft, keine akzeptierte Diktatur ausüben. Die gebieterische Notwendigkeit, den Gegner völlig zu vernichten, verlangt allerdings von dem Proletariat. die Konzentration einer in sich stark zusammenhängenden repressiven Kraft. Die Diktatur, die sich selbst verneint, ist daher ein notwendiges Übergangsstadium, wie die Partei, deren Sieg auch ihre Aufhebung sein muß, wie das Proletariat selbst. Durch seine Diktatur muß, das Proletariat sogleich seine Negation auf die Tagesordnung setzen.

Das Proletariat muß in kürzester Frist - so blutig wie nötig und so unblutig wie möglich - diejenigen vernichten, die sein Projekt der totalen Befreiung behindern und sich seiner Selbstauflösung entgegenstellen. Es muß sie wie sich besonders rasch vermehrende Schädlinge restlos ausrotten. Es muß bis in jedes Individuum hinein auch die winzig keimende Lust am Prestige und den geringsten Anspruch auf eine Position in der Hierarchie zerstören und dagegen, d.h. gegen die Rollen, den erhabenen Impuls des echten Lebens richten.

3. - Das Ende der Rollen fällt mit dem Triumph der Subjektivität zusammen. Diese endlich anerkannte und in das Zentrum aller Gedanken gerückte Subjektivität schafft ihrerseits widersprüchlicherweise eine neue Objektivität. Auf der Grundlage der Forderungen individueller Subjektivität wird eine neue objektive Welt - eine neue Natur, wenn man so will - Gestalt annehmen. Auch hier stellt sich die Beziehung zwischen der Perspektive der Feudalherrschaft und der Perspektive der Kindheit her. Der Blick auf die Möglichkeiten ist in beiden Fällen, wenn auch auf verschiedene Weise, von der Mauer der gesellschaftlichen Entfremdung verstellt.

Jeder wird sich daran erinnern: die Einsamkeit der Kinder mündete in ursprüngliche Grenzenlosigkeit, alle Stäbe waren Zauberstäbe. Dann mußten sie sich anpassen, gesellschaftlich und gesellig werden. Die Einsamkeit verödete, die Kinder alterten gegen ihren Willen, die Grenzenlosigkeit schloß sich wie ein Märchenbuch. In dieser Welt entkommt niemand endgültig den Kloaken der Pubertät. Selbst die Kindheit wird allmählich von der Konsumgesellschaft kolonisiert. Werden die unter zehn zu den Teenagern der großen Verbraucherfamilie stoßen, werden sie in einer "konsumierbaren" Kindheit noch schneller altern? Hier muß jeder spüren, wie ähnlich sich der geschichtliche Niedergang der früheren Herrscher und der wachsende Niedergang des Königreichs der Kindheit sind. Nie hat die Korruption des Menschlichen einen derartigen Paroxysmus erreicht. Nie waren wir dem totalen Menschen so fern und so nah.

Die Laune des früheren Herrschers, des Seigneurs, ist der des Kindes weit durch die verhaßte Unterdrückung unterlegen, die sie den anderen Menschen auferlegt. Der Teil Subjektivität in der lehnsherrlichen Willkür, die nach Belieben Reichtum oder den Tod brachte, wurde durch das Elend seiner Verwirklichung verdorben und blockiert. Die Subjektivität des Herrn verlangt zu ihrer Verwirklichung die Leugnung der Subjektivität der anderen, die eigene Fesselung durch die Fesselung der anderen.

Das Kind genießt nicht dieses Privileg der Unvollkommenheit. Das Recht auf reine Subjektivität verliert es auf einen Schlag. Es wird als kindisch abgestempelt und zur Nachahmung großer Vorbilder angehalten. Und jeder, der heranwächst, verdrängt seine Kindheit so weit, bis ihn Schwachsinn und Agonie von einem erfolgreichen Leben als Erwachsener überzeugen.

Das Spiel des Kindes und das Spiel des großen Seigneurs müssen befreit werden und neue Beachtung finden. Der gegenwärtige Zeitpunkt ist dafür geschichtlich günstig. Die Kindheit muß durch die Verwirklichung des Projekts der früheren Herrscher bewahrt werden; die Kindheit und ihre souveräne Subjektivität; die Kindheit und dieses Lachen, hell und klar wie die Spontaneität; die Kindheit und diese Art, sich an sich selbst anzuschließen, um die Welt zu beleuchten; die Kindheit und diese Art, die Gegenstände mit einem seltsam vertrauten Licht zu bestrahlen.

Wir haben die Schönheit der Dinge, ihre Daseinsweise, verloren, weil wir sie unter den Händen der Macht und der Götter haben verkommen lassen. Vergeblich versuchte die großartige Träumerei des Surrealismus, sie durch die Bestrahlung der Poesie zu neuem Leben zu erwecken: die Macht des Imaginären reicht nicht aus, um die Schlacke der gesellschaftlichen Entfremdung, die die Dinge umgibt, herauszubrechen, um sie dem freien Spiel der Subjektivität auszuliefern. Im Blickwinkel der Macht sind ein Stein, ein Baum, ein Mixer und ein Elektronenbeschleuniger gleichermaßen tote Gegenstände, Kreuze, die in den Willen gerammt werden, sie anders zu sehen und zu verändern. Dennoch weiß ich, daß mich die Gegenstände, jenseits ihrer vorgegebenen Bedeutung, wieder begeistern werden; weiß ich, wie erregend eine Maschine wirken kann, sobald sie in den Dienst von Spiel, Phantasie und Freiheit gestellt wird. In einer Welt, in der alles lebendig ist, Bäume und Steine eingeschlossen, gibt es keine passive betrachteten Zeichen mehr. Mit Freude beginnt alles zu sprechen. Der Triumph der Subjektivität wird die Dinge zum Leben bringen. Bietet nicht gerade heute die unerträgliche Beherrschung der Subjektivität durch tote Gegenstände die beste geschichtliche Chance, eine höhere Lebensstufe zu erreichen?

Worum geht es? Das in der heutigen Sprache, d.h. in der Praxis zu verwirklichen, was ein Ketzer gegenüber Ruysbroeck erklärte: "Gott kann ohne mich nichts wissen, wünschen oder tun. Mit Gott zusammen habe ich mich und alle Dinge geschaffen. Meine Hand stützt den Himmel, die Erde und alle Lebewesen. Nichts existiert ohne mich."

*

Andere Grenzen müssen gefunden werden. Die Grenzen der gesellschaftlichen Entfremdung halten uns zwar immer noch gefangen, täuschen uns aber nicht mehr. Jahrhundertelang haben die Menschen vor einer morschen Tür haltgemacht, durch die sie mit zunehmender Leichtigkeit winzige Nadellöcher bohrten. Ein kräftiger Stoß genügt heute, um sie aufzubrechen. Erst hinter ihr fängt alles an. Das Problem des Proletariats liegt nicht mehr darin, die Macht zu ergreifen, sondern endgültig mit ihr Schluß zu machen. Auf der anderen Seite der hierarchisierten Welt begegnen uns alle Möglichkeiten. Der Vorrang des Lebens über das Überleben wird die geschichtliche Bewegung sein, die die Geschichte auflöst. Unsere echten Gegner müssen erst noch erfunden werden; an uns ist es, den Kontakt mit ihnen zu suchen, unterhalb der kindlichen Kehrseite der Dinge auf sie zu treffen. Werden wir es erleben, daß die Menschen den Dialog mit dem Kosmos wieder aufnehmen, den die ersten Bewohner der Erde auf ähnliche Weise geführt haben mußten, daß der Dialog diesmal aber auf höherer Ebene, auf der die Vorgeschichte überragenden Stufe und ohne das ehrfürchtige Zittern der seinem Mysterium gegenüber waffenlosen Primitiven stattfindet? Kurzum, werden wir es erleben, daß die Menschen dem Kosmos anstelle seiner göttlichen Bedeutung, die es in der Morgendämmerung der Zeiten erhalten hatte, eine menschliche Bedeutung geben?

Sollte es nicht möglich sein, daß der wirkliche Mensch, dieses andere Unendliche, seinen Körper, seine Nervenströme, sein Muskelspiel und seine vagabundierenden Träume eines Tages beherrscht? Sollte der individuelle Wille nach seiner Befreiung durch den kollektiven Willen nicht auch die bereits schaurig imposante Polizeikontrolle der Konditionierung des Menschen in einer Großtat aufheben können? Den Menschen macht man zum Hund, zum Stück Dreck, zum Söldner, man sollte ihn nicht auch zum Menschen machen können?

Wir haben uns nie für unfehlbar genug gehalten. Diese Behauptung haben wir - vielleicht aus Hochmut - den in ihrer Starrheit großen Formen überlassen: der Macht, Gott, dem Papst, dem Chef, den anderen. Und dennoch bezogen wir uns - wenn auch so ungeschickt und indirekt - jedesmal, wenn wir über die Gesellschaft, Gott und die allmächtige Gerechtigkeit sprachen, auf unsere eigene Macht. Nun befinden wir uns schon auf einer Stufe oberhalb der Vorgeschichte. Eine andere menschliche Organisation kündigt sich an: eine gesellschaftliche Organisation, in der die individuelle Kreativität ihrer Energie freien Lauf läßt und der Welt die von jedem erträumten und von allen harmonisierten Umrisse gibt.

Eine Utopie? Gehn wir doch weiter! Warum sollten wir dabei die Nase in die Luft stecken? Ich kenne keinen Menschen, der nicht an dieser Welt wie an dem festhält, was ihm am meisten am Herzen liegt. Und zweifellos verbrauchen viele ebensoviel verzweifelte Energie, wenn sie den Halt verlieren, wie sie sie brauchten, um sich festzuklammern. Jeder möchte seine Subjektivität triumphieren lassen: die Einheit der Menschen muß daher auf dieses gemeinsame Verlangen gegründet werden. Niemand kann seine Subjektivität ohne die anderen verstärken. Jeder braucht die Hilfe einer Gruppe, die selbst zu einem Zentrum der Subjektivität, zu einem genauen Reflex der Subjektivität ihrer Mitglieder geworden ist. Die Situationistische Internationale ist bis heute die einzige Gruppe, die entschlossen ist, die radikale Subjektivität zu verteidigen.

IV.Die Raum-Zeit des Erlebten und die Korrektur der Vergangenheit

Die Dialektik des Absterbens und der Aufhebung ist die Dialektik der getrennten Raum-Zeit und der einheitlichen Raum-Zeit (1). - Das neue Proletariat trägt in sich die Verwirklichung der Kindheit, seine Raum-Zeit (2). - Die Geschichte der Trennungen löst sich allmählich mit dem Ende der "geschichtsschreibenden" Geschichte auf (3). - Zyklische und lineare Zeit. - Die Raum-Zeit des Erlebten ist die Raum-Zeit der Veränderung. Die Raum-Zeit der Rolle ist die Raum-Zeit der Anpassung. - Welche Funktion hat die Vergangenheit und ihre Projektion in die Zukunft? Die Gegenwart zu verbieten. Die geschichtliche Ideologie ist die Wand, die sich zwischen den Willen individueller Verwirklichung und den Willen, die Geschichte zu kontrollieren, stellt; sie verhindert, daß sich beide Willen verbrüdern und vereinen (4). - Die Gegenwart ist die Raum-Zeit, die es zu konstruieren gilt; sie impliziert die Korrektur der Vergangenheit (5).

1 In dem Maße, wie die Spezialisten das Überleben der Menschheit organisieren und kunstvollen Schaltplänen die Programmierung der Geschichte überlassen, wird überall im Volk der Wille übermächtig, die Welt und damit das Leben zu verändern. So sehr, daß sich jedes Individuum ebenso wie die gesamte Menschheit einer einzigen Verzweiflung gegenübersieht, jenseits derer es nur die Vernichtung oder die Aufhebung gibt. In dieser Epoche vereinigen sich geschichtliche Evolution und Geschichte eines Individuums, weil sie gemeinsam an dem Stand der Dinge und seiner Ablehnung enden. Die Geschichte der Menschheit und die Myriaden von individuellen Geschichten werden sich zusammenfinden, um entweder gemeinsam unterzugehen oder gemeinsam Alles neu zu beginnen. Die Vergangenheit mit ihrer Saat des Todes und ihren Keimen des Lebens kehrt zu uns zurück. Auch unsere Kindheit ist am Treffpunkt - vom unglücklichen Geschick Lots bedroht.

Ich möchte glauben, daß aus der Gefahr, die die Kindheit bedroht, die Revolte gegen die furchterregende Vergreisung hervorbricht, zu der uns der erzwungene Konsum von Ideologien und "gadgets" verurteilt. Ich unterstreiche gern immer wieder aufs neue die unbestreitbare Analogie zwischen den Träumen und Wünschen des lehnsherrlichen Willens und dem subjektiven Willen der Kinder. Wenn wir die Kindheit verwirklichen, werden wir dann nicht auch das Projekt der früheren Herrscher verwirklichen?

Wir, die Erwachsenen des technokratischen Zeitalters; wir, die wir in Fülle besitzen, was den Kindern fehlt; wir, deren Stärke in dem liegt, was den größten Eroberern vor uns fehlte? Werden wir nicht Geschichte und individuelles Schicksal besser identifizieren können, als es sich Tamerlan und Heliogabal in ihren kühnsten Träumen jemals vorzustellen wagten?

Der Vorrang des Lebens über das Überleben ist die geschichtliche Bewegung, die zur Auflösung der Geschichte führt. Das tägliche Leben konstruieren und die Geschichte verwirklichen ist heute ein und dieselbe Losung. Wie wird die verbundene Konstruktion des Lebens und der neuen Gesellschaft, d.h. die Revolution des Alltagslebens erfolgen? Nur durch die Aufhebung, die in dem Maße an die Stelle des Absterbens tritt, wie das Bewußtsein effektiven Absterbens das Bewußtsein notwendiger Aufhebung bildet.

Wie weit auch immer die Versuche der Aufhebung geschichtlich zurückliegen, sie nehmen dennoch teil an der gegenwärtigen Poesie der Umkehrung der Perspektive; unmittelbar werden sie ihr Bestandteil, überschreiten sie, brechen sie sogar die Barrieren von Zeit und Raum. Das Ende aller Trennungen beginnt ganz sicher mit dem Ende einer Trennung, der Trennung von Zeit und Raum. Aus dem Vorangegangenen ergibt sich, daß die Wiederherstellung dieser ursprünglichen Einheit die kritische Analyse der Raum-Zeit der Kinder, der Raum-Zeit der einheitlichen Gesellschaften und der Raum-Zeit der teilweisen Gesellschaften, die Zerfall und endlich mögliche Aufhebung in sich tragen, erfordert.

2 Wenn niemand achtgibt, macht das Leiden des Überlebens bald jeden jungen Menschen zu einem faustischen Greis, der nur noch seinen verpaßten Gelegenheiten nachtrauert und nach einer Jugend strebt, die er, ohne sie zu erkennen, bereits hinter sich gebracht hat. Den Teenager zeichnen die ersten Falten des Konsumenten. Weniges trennt ihn vom Sechzigjährigen; er konsumiert mehr und mehr immer schneller und vergreist im Rhythmus seiner Kompromisse mit dem Unechten. Wenn er nicht rechtzeitig zu sich kommt, schließt sich die Vergangenheit für immer hinter ihm; er wird nicht mehr auf das zurückkommen, was bereits begonnen wurde, nicht einmal um es von vom anzufangen. Vieles trennt ihn von den Kindern, zu denen er gestern noch gehörte. Er hat die Trivialität des Marktes akzeptiert, auf dem er die Poesie, die Freiheit und den subjektiven Reichtum der Kindheit gegen seine Repräsentation in der Gesellschaft des Spektakels eintauscht. Doch wenn er sich wieder faßt, wenn er sich von seinem Alptraum befreit, was für einem Feind werden sich die Kräfte der Ordnung dann stellen müssen? Er wird die Rechte seiner Kindheit mit den furchtbarsten Waffen der senilen Technokratie verteidigen. Wir wissen, durch was für erstaunliche Leistungen sich die jungen Simbas der Lumumba-Revolution trotz ihrer lächerlichen Ausrüstung auszeichneten; was kann man folglich nicht alles von einer ebenso zornigen, aber mit mehr Konsequenz bewaffneten jungen Generation erwarten, die auf dem Kriegsschauplatz zum Einsatz kommt, der sich über alle Aspekte des täglichen Lebens erstreckt.

Denn alle Aspekte des täglichen Lebens werden bereits in der Kindheit im embryonalen Stadium erlebt. Eine Häufung von Erlebnissen weniger Tage, weniger Stunden hält den Fluß der Zeit auf. Zwei Monate Ferien sind eine Ewigkeit. Zwei Monate für einen Greis sind wie ein paar Minuten. Die Tage des Kindes entziehen sich der Zeitrechnung der Erwachsenen, sie sind Zeit, die die Subjektivität, die Leidenschaft und der von Wirklichem gefüllte Traum ausgedehnt haben. Draußen warten die Erzieher mit der Stoppuhr darauf, daß das Kind dem Uhrzeigersinn zu folgen beginnt. Sie haben (die) Zeit. Zuerst empfindet das Kind den Zwang zur Anpassung an die Zeit der Erwachsenen als fremde Einmischung, dann erliegt es dem Druck und fügt sich in das Altern. Da ihm die Methoden der Konditionierung unbekannt sind, geht es wie ein junges Tier in die Falle. Wenn es schließlich die Waffen der Kritik in den Händen hält und gegen die Zeit richten möchte, haben die Jahre es weit von der Zielscheibe fortgetragen. Seine Kindheit wird in seinem Herzen wie eine offene Wunde bluten.

Während uns die Kindheit in ihrem Bann hält, wird sie von der gesellschaftlichen Organisation wissenschaftlich zerstört. Die Psycho-Soziologen liegen auf der Lauer. Die Spezialisten der Markterschließung jubeln schon: "Seht Euch all diese hübschen kleinen Dollar an" (zitiert von Vance Packard). Ein neues Dezimalsystem.

Kinder spielen auf der Straße. Ein Kind löst sich plötzlich aus der Gruppe, kommt zu mir herüber und trägt in seinen Händen die schönsten Träume meiner Erinnerung. Es zeigt mir das, was den Begriff des Alters aufhebt, den einzigen Grund, warum ich mich verlieren konnte: die Möglichkeit, viele Ereignisse zu erleben, sie nicht an sich vorübergehen zu sehen, sondern sie zu leben und fortwährend neu zu schaffen. Muß nicht an dieser Stelle, an der mir alles entgeht und an der mir alles vor Augen tritt, unter dem Wust falscher Wünsche eine Art zügelloser Instinkt der Totalität hervorbrechen, eine Kindlichkeit, die die Lektionen der Geschichte und des Klassenkampfes für ihre Feinde furchtbar macht? Wird das neue Proletariat die Kindheit in der Welt der Erwachsenen nicht am reinsten verwirklichen?

Wir entdecken eine neue und doch schon bekannte Welt, der die Einheit von Raum und Zeit fehlt; eine Welt, die noch von Trennungen durchzogen ist, die noch zerstückelt ist. Die noch ungebrochene Wildheit unseres Körpers, unserer Bedürfnisse und unserer Spontaneität (diese Kindheit, die das Bewußtsein reich macht) verschafft uns geheime Zugänge, die in den Jahrhunderten der Aristokratie unbekannt blieben und die die Bourgeoisie niemals vermutet hätte. Durch sie betreten wir das Labyrinth unfertiger Zivilisationen und aller nicht zur Welt gebrachten Aufhebungen, die im Schoß der verborgenen Geschichte reiften. Unser neu entdecktes Verlangen nach der Kindheit entdeckt die Kindheit unseres Verlangens neu. Von den unberührten Tiefen der Vergangenheit, die uns noch ganz nah und unvollendet vorkommt, hebt sich eine neue Geographie der Leidenschaften ab.

3 Die Zeit der einheitlichen Gesellschaften ist zyklisch, sie vergeht im Stillstand. Lebewesen und Gegenstände bewegen sich auf einer Kreisbahn, deren Zentrum Gott ist. Dieser Gott ist der Drehpunkt, der, unbeweglich, obwohl überall und nirgends, das Maß für die Dauer ewiger Macht ist. Er ist seine eigene Norm und die Norm all dessen, was in gleichem Abstand um ihn kreist. "Wenn die Dreizehn kommt, ist es doch wieder die Eins."

Der Raum der einheitlichen Gesellschaften bildet sich als Funktion der Zeit. Da Gott die Zeit bestimmt, erscheint auch aller Raum von ihm kontrolliert. Dieser Raum erstreckt sich vom Zentrum zur Kreisbahn, vom Himmel zur Erde, vom Ganzen zu seinen Teilen. Auf den ersten Blick bringt die Zeit Gott weder näher noch rückt sie ihn in weitere Ferne. Dagegen ist der Raum der Weg zu Gott: der aufsteigende Weg der spirituellen Erhöhung und der hierarchischen Beförderung. Die Zeit gehört Gott, der den Menschen gewährte Raum dagegen bewahrt einen typisch unabänderlich menschlichen Charakter. Der Mensch kann in der Tat zwischen seinem Aufstieg und seinem Abstieg, zwischen Errettung und Fall, zwischen der Gefahr der Verdammnis und der Hoffnung auf Erlösung wählen. Der Raum ist die Gegenwart des Menschen, der Ort seiner relativen Freiheit, während die Zeit ihn auf ihrer Kreisbahn gefangenhält. Was ist das Jüngste Gericht anderes als Gott, der die Zeit wieder auf sich zurückführt, das Zentrum das die Kreisbahn in sich aufnimmt und in seinem immateriellen Punkt die Totalität des Raums sammelt, der seinen Geschöpfen zugeteilt ist. Die Aufhebung der menschlichen Materie (ihre Besetzung des Raums) ist genau das Projekt eines Herrn, der seinen Sklaven nur teilweise zu beherrschen vermag und sich daher teilweise von ihm beherrschen lassen muß.

Die Dauer der Zeit hält den Raum am Zügel; sie reißt uns in den Tod, sie nagt an dem Raum unseres Lebens. Im Verlauf der Geschichte erscheint die Unterscheidung jedoch nicht so deutlich. Die Gesellschaften des Feudalismus sind ebenso wie die Gesellschaften der Bourgeoisie Gesellschaften der Trennung, denn beiden ist die entziehende Aneignung gemeinsam, jedoch besitzen die ersteren gegenüber den letzteren den Vorteil einer erstaunlichen Verschleierungskraft.

Die Macht des Mythos verbindet die getrennten Elemente, ermöglicht ein einheitliches Leben, das zwar unecht ist, dessen unechter Charakter aber eins ist und von einer zusammenhängenden Gemeinschaft (Stamm, Clan, Königreich) einstimmig zugelassen wird. Gott ist das Bild, das Symbol der Aufhebung der Trennung von Raum und Zeit. Alle, die in Gott "leben", haben an dieser Aufhebung teil. Die meisten mittelbar, indem sie sich in dem Raum ihres täglichen Lebens nach den Organisatoren des gebührend hierarchisierten Raums richten, vom einfachen Sterblichen bis zu Gott, den Priestern, den Chefs. Für den Preis ihrer Unterwerfung wird ihnen ewige Dauer, eine Dauer ohne Raum, eine reine Zeitlichkeit in Gott verheißen.

Andere geben wenig auf solch einen Tausch. Ihr Traum ist die zeitlose Gegenwart, die sie von der absoluten Beherrschung der Welt erwarten. Die Analogie zwischen der punktuellen Raum-Zeit der Kinder und dem Wunsch nach Einheit der großen Mystiker ist immer wieder frappierend. So beschrieb Georgio de Palamas (1341) die Erleuchtung als eine Art immaterielles Bewußtsein der Einheit: "Das Licht befindet sich außerhalb von Raum und Zeit (?). Wer an der göttlichen Energie teilhat, wird in gewisser Weise selbst zum Licht. Mit dem Licht bildet er eine Einheit und sieht in ihm, was den anderen verborgen blieb, denen diese Gnade nicht zuteil wurde." Das Übergangszeitalter der Bourgeoisie hat diese konfuse Hoffnung, die nur unbestimmt, d.h. unsagbar sein konnte, verbreitet und präzisiert. Es hat sie dadurch konkretisiert, daß es der Aristokratie und ihrer Spiritualität den Gnadenstoß versetzte, es hat sie dadurch möglich gemacht, daß es seine eigene Auflösung bis zum äußersten vorantrieb. Die Geschichte der Trennungen löst sich allmählich in der Aufhebung der Trennungen auf. Die einstmals illusionäre Einheit der Feudalherrschaft nimmt langsam in der libertären Einheit des zu konstruierenden Lebens, in einem Jenseits des materiell garantierten Überlebens, körperliche Gestalt an.

4 Als Einstein über Raum und Zeit spekulierte, erinnerte er auf seine Weise daran, daß Gott tot ist. Mit der Trennung von Raum und Zeit entläßt der Mythos das Bewußtsein in ein Unbehagen, das die schönsten Tage der Romantik füllt (von fernen Ländern träumen, der fliehenden Zeit nachtrauern ?).

Was ist Zeit im Geist der Bourgeoisie? Nicht mehr die Zeit Gottes, sondern die Zeit der Macht, die Zeit der zerstückelten Macht. Eine in Stücke gegangene Zeit, deren Maßeinheit der Augenblick ist - der Augenblick, der sich an die zyklische Zeit zu erinnern versucht. Sie ist nicht mehr eine Kreisbahn, sondern eine gerade endliche und unendliche Linie; nicht mehr eine Gleichzeitigkeit, die jeden Menschen auf die Zeit Gottes abstimmt, sondern eine Folge von Zuständen, in der sich jeder verfolgt, ohne sich einzuholen, so als ob der Fluch des Werdens ihn dazu verdammt, sich stets nur auf der Flucht zu treffen, während das menschliche Gesicht unbekannt, unerreichbar, der Zukunft zugewandt bleibt; sie ist nicht mehr ein kreisförmiger Raum, den das zentrale Auge des Allmächtigen umfaßt, sondern eine Serie scheinbar autonomer Pünktchen, die sich in Wahrheit in bestimmtem Rhythmus auf der Linie auflösen, die sie ziehen, wenn sich eins ans andere reiht.

Im Stundenglas des Mittelalters verfließt die Zeit, aber es ist stets derselbe Sand, der zwischen den Bällen hin- und herläuft. Auf dem kreisförmigen Zifferblatt der Uhren läuft die Zeit ab und kehrt nie wieder. Ironie der Formen: der neue Geist entlehnte seine Form einer toten Wirklichkeit, die Bourgeoisie hüllt den Tod der Zeit, den Tod ihrer Zeit, von der Armbanduhr bis hin zur Ausschußware ihrer humanistischen Träumereien, in einen zyklischen Schein. Es hilft nichts, dies ist die Zeit der Uhrmacher. Die ökonomischen Gebote konvertieren jeden Menschen zu einem lebenden Chronometer. Kennzeichen am Handgelenk. Dies ist die Zeit der Arbeit, des Fortschritts, der Leistung, die Zeit der Produktion, des Konsums, des "planning"; die Zeit des Spektakels, die Zeit eines Kusses, eines Klischees, eine Zeit für jede Sache ("time is money"). Die Waren-Zeit. Die Zeit des Überlebens.

Der Raum ist ein Punkt auf der Linie der Zeit, eine Stelle in der Maschine, die die Zukunft in Vergangenheit verwandelt. Die Zeit kontrolliert den erlebten Raum, aber von außen her, indem sie ihn vergehen, indem sie ihn übergehen läßt. Dennoch ist der Raum des individuellen Lebens nicht reiner Raum und die Zeit, die ihn mit sich zieht, ist nicht reine Zeitlichkeit. Die Mühe lohnt, die Frage genauer zu untersuchen.

Jeder Punkt am Ende der Zeitlinie ist einzig, besonders, folgt ihm jedoch der nächste Punkt, wird er in der gleichförmigen Linie ertränkt, von einer Vergangenheit verschlungen, die von ihm schon andere kennt. Unmöglich, ihn zu unterscheiden. Jeder Punkt verlängert danach die Linie, die ihn zum Verschwinden bringt.

Die Macht sichert nach diesem Modell durch Zerstörung und Ersatz seine Dauer, und zugleich zerstören und erneuern die zum Konsum der Macht angehaltenen Menschen die Macht dauernd. Zerstört die Macht alles, so zerstört sie sich selbst; zerstört die Macht nichts, so wird sie zerstört. Sie dauert nur zwischen den beiden Polen dieses Widerspruchs, den die Diktatur des Konsumierbaren fortlaufend verschärft. Ihre Dauer ist der einfachen Dauer der Menschen untergeordnet, d.h. der Fortdauer ihres Überlebens. Das ist der Grund, warum sich das Problem der getrennten Raum-Zeit heute in revolutionärem Zusammenhang stellt.

Der erlebte Raum kann noch so sehr ein Universum von Träumen, Wünschen und außerordentlicher Kreativität sein, er ist dennoch in der Ordnung der Dauer nur ein Punkt, der einem anderen folgt. Er verfließt in einer bestimmten Richtung, in der Richtung seiner Zerstörung. Er taucht auf, wächst und verschwindet in der anonymen Linie der Vergangenheit, in der sich sein Kadaver den Sprüngen der Erinnerung und den Historikern anbietet.

Der Vorteil eines Punktes erlebten Raumes liegt darin, daß er sich zu einem Teil dem System generalisierter Konditionierung entzieht; sein Nachteil ist der, daß er allein genommen nichts Ist. Der Raum des täglichen Lebens entwendet ein wenig Zeit zum eigenen Nutzen und eignet sie sich an. Dafür durchdringt die Zeit der Vergänglichkeit den erlebten Raum und kehrt das Gefühl des Übergangs, der Zerstörung und des Todes nach innen. Ich gehe darauf näher ein.

Der punktuelle Raum des täglichen Lebens stiehlt ein Stückchen "äußerlicher" Zeit, das er für sich in eine kleine einheitliche Raum-Zeit verwandelt: das ist die Raum-Zeit der Momente, der Kreativität, der Lust, des Orgasmus. Eine derartige Alchimie findet auf winzigem Raum statt, aber ihre Intensität ist so stark, daß sie auf die Menschen eine Anziehungskraft ohnegleichen ausübt. In den Augen der Macht, d.h. von außen betrachtet, ist der leidenschaftliche Moment nur ein unbedeutender Punkt, ein von der Zeit der Vergänglichkeit, der linearen Zeit, der Zeit der Die objektive Linie der Zeit weiß von der Gegenwart, d.h. von der unmittelbaren Gegenwärtigkeit der Subjektivität, nichts und will von ihr nichts wissen. Das subjektive Leben, das auf den Raum eines Punktes zusammengedrängt ist - meine Freude, meine Lust, meine Träumereien -, möchte seinerseits nichts von der Zeit der Vergänglichkeit, der linearen Zeit, der Zeit der Dinge wissen. Es möchte im Gegenteil alles über seine Gegenwart lernen, denn schließlich ist es nur eine Gegenwart.

Der erlebte Raum nimmt also der Zeit, die ihn mit sich zieht, ein Stück fort, das er zu seiner Gegenwart macht, das er zu seiner Gegenwart zu machen versucht, denn stets muß die Gegenwart erst konstruiert werden. Das ist die einheitliche Raum-Zeit der Liebe, der Poesie, der Lust und der Kommunikation ? Es ist das Erleben ohne tote Zeiten. Andererseits dringt die lineare Zeit, die objektive Zeit, die Zeit der Vergänglichkeit ihrerseits in den dem täglichen Leben zugeteilten Raum ein. Sie dringt als negative Zeit ein, als tote Zeit, als Abglanz der Zeit der Zerstörung. Sie ist die Zeit der Rolle, die Zeit, die selbst im Inneren des Lebens zu reiner Geistigkeit, zu einer Verleugnung, zu einer Einschränkung des echt erlebten Raums führen möchte, die das Scheinen bevorzugt, die spektakuläre Funktion. Die Raum-Zeit, die dieses Zwittergebilde schafft, ist nichts anderes als die Raum-Zeit des Überlebens.


Was ist privates Leben? Das Amalgam einer wirklichen Raum-Zeit (der Moment) und einer verfälschten Raum-Zeit (die Rolle) in einem Augenblick, in einem Punkt, der auf der Linie des Überlebens seiner Zerstörung entgegengeht. Selbstverständlich folgt die Struktur des täglichen Lebens nicht solch einer Dichotomie. Eine fortwährende Wechselwirkung findet statt. So lassen die Verbote das Erlebte, das sie von allen Seiten einkreisen und auf einen viel zu beengten Raum zurückdrängen, in einer Rolle aufgehen, als Ware in die Zeit der Vergänglichkeit eintreten, reine Wiederholung werden und als beschleunigte Zeit den fiktiven Raum des Scheinens schaffen. Doch zugleich führt das aus dem Unechten, aus dem verfälscht erlebten Raum entstandene Unbehagen zu der Suche nach der wirklichen Zeit, nach der Zeit der Subjektivität, nach der Gegenwart. So ist das private Leben dialektisch: ein wirklich erlebter Raum + eine fiktive spektakuläre Zeit + ein fiktiver spektakulärer Raum + eine wirklich erlebte Zeit.

Je mehr sich die fiktive Zeit durch den von ihr geschaffenen fiktiven Raum ergänzt, um so mehr nähern wir uns dem Stand der Dinge, dem reinen Tauschwert. Je mehr sich der Raum des echt Erlebten durch die wirklich erlebte Zeit ergänzt, um so mehr beherrscht der Mensch sein Leben. Die einheitlich erlebte Raum-Zeit ist der erste Guerilla-Stützpunkt, der Funke des Qualitativen in der Nacht, die die Revolution des Alltagslebens noch im Dunkeln läßt.

Die objektive Zeit versucht also nicht nur mit allen Mitteln, den punktuellen Raum der Vergangenheit auszusetzen und ihn dadurch zu zerstören; sie zersetzt ihn auch von innen heraus, indem sie in ihn den beschleunigten Rhythmus einführt, der sich zur Rolle verdichtet (der fiktive Raum der Rolle resultiert in der Tat aus einer schnellen Wiederholung einer Haltung, genau wie die schnelle Aufeinanderfolge eines gefilmten Bildes den Schein des Lebens erweckt). Die Rolle führt die Zeit der Vergänglichkeit, des Alterns und des Todes in das subjektive Bewußtsein ein. Das ist dieser "Kniefall, zu dem das Bewußtsein gezwungen wurde", von dem Antonin Artaud spricht. Von außen durch die lineare Zeit und im Inneren durch die Zeit der Rolle beherrscht, bleibt der Subjektivität nur der Weg zur Sache, zu einer kostbaren Ware. Dieser Prozeß wird geschichtlich noch beschleunigt. Künftig ist die Rolle Konsum von Zeit in einer Gesellschaft, die als Zeit allein die Zeit des Konsums anerkennt. Einmal mehr entsteht aus der Einheit der Unterdrückung die Einheit der Opposition. Was ist heute der Tod? Die Abwesenheit von Subjektivität und die Abwesenheit von Gegenwart.

Der Wille zu leben reagiert stets einheitlich. Die meisten Individuen machen sich daran, die Zeit zugunsten des erlebten Raums zu entwenden. Wenn ihre Anstrengungen um eine Verstärkung der Intensität des Erlebten und eine Erweiterung der Raum-Zeit des Echten nicht in der Verwirrung untergehen oder in der Isolierung zerbrechen - können sie dann nicht das Ende der objektiven Zeit, das Ende der Zeit des Todes herbeiführen? Ist der revolutionäre Moment nicht eine ewige Jugend?

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Das Projekt, die Raum-Zeit des Erlebten zu bereichern, führt über die Analyse der Gründe für ihre Armut. Die lineare Zeit hält die Menschen nur dadurch in Schranken, daß sie sie von der Veränderung der Welt ausschließt und sie folglich zur Anpassung zwingt. Die individuelle Kreativität, die frei ausstrahlt, ist der Staatsfeind Nummer Eins. Die Kraft der Kreativität liegt in der Einheit. Wie bemüht sich die Macht, die Einheit der erlebten Raum-Zeit zu zerstören? Indem sie das Erlebte zur Ware macht, auf den Markt des Spektakels wirft, der Herrschaft von Angebot und Nachfrage nach Rollen und Stereotypen unterwirft. Das habe ich in dem Kapital über die Rolle untersucht (Paragraph XV). Indem sie sich auf eine besondere Form der Identifizierung stützt: auf die gekoppelte Anziehung von Vergangenheit und Zukunft und die entsprechende Ausschaltung der Gegenwart. Indem sie schließlich versucht, den Willen, eine einheitliche Raum-Zeit des Erlebten zu konstruieren (mit anderen Worten: Lebenssituationen zu konstruieren), in einer Geschichtsideologie einzufangen. Ich werde auf die beiden letzten Punkte näher eingehen.

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In dem Blickwinkel der Macht gibt es keine erlebten Momente (das Erlebte ist namenlos), sondern nichts als aufeinanderfolgende, auf der Linie der Vergangenheit gleiche Augenblicke. Ein ganzes Konditionierungssystem verbreitet diese Sicht, die heimliche Verführung verinnerlicht sie. Das Ergebnis ist eindeutig. Wo ist die Gegenwart, von der so viel gesprochen wird, in welchen verlorenen Winkel des Alltagslebens hat sie sich verkrochen?

Alles ist Erinnerung und Vorwegnahme. Um mich zu quälen, vereinigt sich das Phantom der vor mir liegenden Begegnung mit dem Phantom der hinter mir liegenden Begegnung. Jede Sekunde führt mich von neuem von dem verflossenen zu dem künftigen Augenblick. Jede Sekunde zieht mich von mir fort, nie gibt es ein Jetzt. Eine hohle Unruhe erreicht ihre volle Wirkung, wenn sie jeden zum Passanten macht, wenn sie die Zeit vertreibt, wie man so hübsch sagt, wenn sie selbst im Menschen die Zeit vertreibt, Stück für Stück. Wenn Schopenhauer schreibt: "Vor Kant waren wir in der Zeit, seit Kant ist die Zeit in uns", bringt er die Berieselung des Bewußtseins durch die Zeit des Alterns und der Vergreisung gut zum Ausdruck. Doch es kommt Schopenhauer nicht in den Sinn, daß die Vierteilung des Menschen auf der Folterbank der Zeit, die auf ein scheinbares Auseinanderlaufen einer Vergangenheit und einer Zukunft reduziert ist, der Grund dafür ist, warum er sich als Philosoph dazu getrieben fühlt, seine Mystik der Verzweiflung aufzubauen. Muß nicht jedes Lebewesen, das zwischen zwei Augenblicken hin- und hergerissen wird, ihnen im Zickzack nachjagt, ohne sie, ohne sich jemals zu erreichen, schließlich schwindelig werden und in der Verzweiflung enden? Wenn es noch um eine leidenschaftliche Erwartung ginge: in Dir lebt noch die Verzauberung eines vergangenen Moments, der Moment einer Liebe zum Beispiel; die Frau, die Du liebst, wird bei Dir sein, Du erwartest sie, stellst Dir den Moment vor, wenn sie hereinkommt, fühlst ihre Zärtlichkeiten im voraus ? Die leidenschaftliche Erwartung ist der Schatten der Situation, die es zu konstruieren gilt. Doch wir müssen zugeben, daß der Reigen von Erinnerung und Vorwegnahme zumeist die Erwartung und das Gefühl der Gegenwart ausschließt, daß er nur den rasenden Lauf toter Zeiten und leerer Augenblicke beschleunigt.

In den Brillengläsern der Macht ist jede Zukunft nur wiederholte Vergangenheit. Eine bestimmte Menge von Unechtem, das bereits bekannt ist, wird von dem, was man prospektive Phantasie nennt, in eine Zeit geschleudert, die sie schon im voraus mit ihrem vollkommenen Vakuum ausfüllt. Die einzigen Erinnerungen bilden die Rollen, die man gespielt hat, die einzige Zukunft ist ein ewiges "remake". Das Gedächtnis der Menschen darf allein dem Willen der Macht gehorchen, sich auf alle Zeit die ständige Gegenwärtigkeit der Macht einzuprägen. Ein "nihil novie sub sole", das vulgär übersetzt heißt: "Wir werden immer Führer brauchen."

Die Zukunft, die unter dem Etikett einer "anderen Zeit" in Aussicht gestellt wird, entspricht gleichrangig dem "anderen Raum", in dem ich meinen Zorn abreagieren soll. Eine neue Zeit, eine neue Haut, eine neue Stunde, eine neue Rolle: nur die Entfremdung bleibt die alte. Jedesmal, wenn ich ein anderes ist, kommt und geht es von der Vergangenheit in die Zukunft. Die Rollen kennen keine Gegenwart. Wie sollen Rollen jemals Befriedigung verschaffen können? Wenn ich meine Gegenwart verfehle - wenn hier stets woanders ist -, wie kann ich dann jemals von einer angenehmen Vergangenheit und einer angenehmen Zukunft umgeben sein?

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Die Identifizierung mit der zukünftigen Vergangenheit und der vergangenen Zukunft findet ihre Krönung in der geschichtlichen Ideologie, die den individuellen und kollektiven Willen, die Geschichte zu beherrschen, auf dem Kopf voranschreiten läßt. Die Zeit ist eine Wahrnehmungsform des Geistes: keine Erfindung des Menschen, sondern eine dialektische Beziehung zur Außenwelt, eine Beziehung also, die von der Entfremdung und dem Kampf der Menschen in ihr und gegen sie abhängig ist.

Das Tier, das der Anpassung absolut unterworfen ist, besitzt kein Zeitbewußtsein. Der Mensch lehnt die Anpassung ab, er beansprucht, die Welt zu verändern. Immer wenn er in seinem Willen zum Weltenschöpfer scheitert, erlebt er die Angst vor der Anpassung, die Angst, sich auf die Passivität des Tieres reduziert zu fühlen. Das Bewußtsein der notwendigen Anpassung ist das Bewußtsein der Zeit, die verfließt. Deshalb hängt die Zeit mit der menschlichen Angst zusammen. Und je mehr die Notwendigkeit, sich an die Verhältnisse anzupassen, über den Wunsch und die Möglichkeit siegt, sie zu verändern, um so mehr schnürt das Bewußtsein der Zeit dem Menschen die Kehle zu. Ist das Leiden des Überlebens denn etwas anderes als das geschärfte Bewußtsein der Vergänglichkeit in der Zeit und in dem Raum des anderen, das Bewußtsein der Entfremdung? Die Ablehnung des Bewußtseins des Alterns und der objektiven Bedingungen des Alterns des Bewußtseins impliziert ein stärkeres Verlangen, die Geschichte machen zu wollen, mit mehr Konsequenz und nach den Vorsätzen der Subjektivität aller.

Der einzige Grund für eine geschichtliche Ideologie liegt in dem Willen, die Menschen daran zu hindern, die Geschichte zu machen. Wie kann man die Menschen anders von ihrer Gegenwart fortziehen als dadurch, daß man sie in die Zonen der Vergänglichkeit der Zeit hinabzieht. Diese Rolle kommt dem Historiker zu. Der Historiker organisiert die Vergangenheit, er zerstückelt sie nach der offiziellen Linie der Zeit, dann ordnet er die Ereignisse nach ad-hoc-Kategorien. Diese bequem anwendbaren Kategorien stellen das Ereignis unter Quarantäne. Solide Klammern isolieren es, halten es zusammen, verhindern, daß es wieder Leben bekommt, daß es wiederauflebt, daß es die Straßen unserer Alltäglichkeit überflutet. Das Ereignis wird eingefroren. Es ist verboten, es einzuholen, es neu geschehen zu lassen, es zu vollenden und seine Aufhebung herbeizuführen. Für alle Ewigkeit bleibt es in der Schwebe, zur Bewunderung der Ästheten. Eine leichte Veränderung des Vorzeichens versetzt es aus der Vergangenheit in die Zukunft. Die Zukunft ist nur eine Wiederholung der Historiker. Die Zukunft, die sie vorhersagen, ist eine Collage von Erinnerungen, ihren Erinnerungen. Der von den stalinistischen Denkern verbreitete berühmte Begriff vom Endziel der Geschichte hat am Ende der Vergangenheit wie der Zukunft jede Menschlichkeit genommen. Das Individuum der heutigen Zeit, ständig dazu gedrängt, sich mit einer anderen Zeit und einer anderen Person zu identifizieren, hat sich unter der Schirmherrschaft der Geschichtsideologie erfolgreich seine Gegenwart stehlen lassen. In einer spektakulären Raum-Zeit ("Ihr geht in die Geschichte ein, Genossen!") verliert es jeden Sinn für ein echtes Leben. Für diejenigen, die das Heldentum des geschichtlichen Engagements verschmähen, hält im übrigen der Bereich der Psychologie seine ergänzende Mystifizierung bereit. Diese beiden Kategorien geben sich Schützenhilfe, sie vereinigen sich in dem äußersten Elend der Integrierung. Die Geschichte wählen oder ein bescheidenes, ruhiges Leben.

Alle Rollen sterben ab, ob sie geschichtlich sind oder nicht. Die Krise der Geschichte und die Krise des Alltagslebens kommen zusammen. Die Mischung wird explosiv sein. Künftig geht es darum, die Geschichte für subjektive Ziele zu entwenden; mit der Hilfe aller Menschen. Im ganzen gesehen hat Marx nichts anderes gewollt.

5 Seit fast einem Jahrhundert haben sich die bedeutenden Richtungen der Malerei stets als Spiel - als scherzhafte Spielerei - mit dem Raum ausgegeben. Nichts konnte die unruhige und leidenschaftliche Suche nach einem neuen erlebten Raum besser zum Ausdruck bringen als die künstlerische Kreativität. Und wie konnte das Gefühl, daß die Kunst keine wirkliche Lösung mehr bot, anders als durch den Humor übersetzt werden (ich denke hier an die Anfange des Impressionismus, an den Pointillismus, an den Fauvismus und den Kubismus, an die dadaistischen Collagen und die ersten Abstrakten)?

Das zunächst bei dem Künstler spürbare Unbehagen griff mit dem zunehmenden Zerfall der Kunst auf das Bewußtsein einer wachsenden Zahl von Menschen über. Die Kunst zu leben zu schaffen ist heute eine volkstümliche Forderung. In einer leidenschaftlichen gelebten Raum-Zeit müssen die Forschungen einer ganzen künstlerischen Vergangenheit konkretisiert werden, die wirklich bedenkenlos aufgegeben wurden.

Hier sind die Erinnerungen Erinnerungen an tödliche Wunden. Was sich nicht vollendet, stirbt ab. Die Vergangenheit wurde als unrettbar verloren behandelt; Gipfel der Ironie: diejenigen, die von ihr wie von einer gegebenen, definitiven Tatsache sprechen, zerreden und verfälschen sie dennoch ohne Unterlaß, arrangieren sie nach dem jeweiligen Geschmack ihrer Zeit, so wie der arme Wilson in Orwells "1984", der die offiziellen Artikel alter Zeitungen umschreiben mußte, wenn ihnen die spätere Entwicklung der Ereignisse widersprach.

Es gibt nur eine zulässige Form des Vergessens: diejenige, die die Vergangenheit auslöscht, indem sie sie in die Wirklichkeit überträgt, diejenige, die vor dem Verfall durch die Aufhebung bewahrt. Die Tatsachen selbst haben niemals ihr letztes Wort gesprochen, wie weit sie auch immer zurückliegen mögen. Eine radikale Veränderung in der Gegenwart genügt, um sie von ihren Regalen herunterzustürzen und uns zu Füßen fallen zu lassen. Das ergreifendste Zeugnis einer Korrektur der Vergangenheit, das ich kenne, enthält "Eroberte Stadt" (Kronstadt) von Victor Serge. Dieses Beispiel genügt mir.

"Am Ende eines Vortrags über die Pariser Kommune, der auf dem Höhepunkt der bolschewistischen Revolution gehalten wurde, erhebt sich in einer der letzten Reihen ein Soldat schwerfällig aus seinem Ledersessel. In leisem, aber deutlich hörbarem Befehlston fordert er den Vortragenden dazu auf, über die Hinrichtung des Doktor Millière zu berichten. Aufrecht und kräftig, mit gebeugtem Kopf, der fast nur seine behaarten Backen sichtbar läßt, mit trotzigen Lippen und zerfurchter, faltiger Stirn, ähnlich mancher Beethovenmasken, hört er dem folgenden Bericht zu: Nachdem der Doktor Millière in seinem dunkelblauen Gehrock und Zylinder im Regen durch die Straßen von Paris geführt worden war, mußte er auf den Stufen des Pantheon niederknien. Auf seinen Ruf: ,Es lebe die Menschheit!' antwortete einer der Versailler Wachtposten, der wenige Schritte entfernt an dem Gitter lehnte, lediglich: ,Zum Henker mit Deiner Menschheit!'

Auf der nachtschwarzen Straße begegnet der einfache, urwüchsige Mann dem Redner (?). Auf seinen Lippen liegt ein Geheimnis. Der Augenblick seines Schweigens ist voller Spannung.


Auch ich war im vergangenen Jahr in der Regierung von Perm, als der Aufstand der Kulaks losbrach (?). Unterwegs hatte ich die Schrift von Arnould gelesen: ,Les Morts de la Commune'. Eine Schrift, die mich tief beeindruckte. Ich dachte an Millière. Und ich rächte Millière, Bürger! Das war ein schöner Tag in meinem Leben, das nur wenige schöne Tage gekannt hat. Und wie ich ihn gerächt habe! Ich erschoß den größten Großgrundbesitzer des Ortes am Eingang zur Kirche; seinen Namen kenne ich nicht mehr - zum Henker mit ihm ?
Nach kurzem Schweigen fügt er hinzu:
Ich war es diesmal, der rief: ,Es lebe die Menschheit!' "

Die früheren Revolten erhalten in meiner Gegenwart eine neue Dimension, die Dimension einer unmittelbar bevorstehenden Wirklichkeit, die es ohne zu zögern zu konstruieren gilt. In den Alleen du Luxembourg und auf dem Platz um den Tour Saint-Jacques hallen noch die Geschoßsalven und die Schreie der vernichtend geschlagenen Kommune nach. Doch neue Erschießungen folgen und neue Leichenhäuser stellen die Erinnerung an das erste in den Schatten. Doch eines Tages vereinigen sich die Revolutionäre aller Zeiten mit den Revolutionären aller Länder, um die Mauer der Föderierten mit dem Blut derer abzuwaschen, die sie an ihr erschossen.

Die Gegenwart zu konstruieren heißt, die Vergangenheit zu korrigieren, die Zeichen der Landschaft zu ändern, Träume und unbefriedigte Wünsche von ihrer Schlacke zu befreien, die Harmonie der individuellen Leidenschaften im Kollektiv herzustellen. Zwischen den Aufständischen von 1525 und den Rebellen Mulelas, zwischen Spartakus und Pancho Villa, zwischen Lukrez und Lautreamont liegt allein die Zeit meines Willens zu leben.

Die Hoffnungen auf morgen trüben unsere Feste. Die Zukunft ist schlimmer als der Ozean; sie enthält absolut nichts. Kurzfristige Vorausschau, mittelfristiges Programm, langfristige Planung ? als ob man auf das Dach eines Hauses spekulieren würde, dessen Grundmauern längst nicht mehr stehen. Und dennoch: Wenn Du die Gegenwart gut konstruierst, wird der Rest ganz nebenbei kommen.

Einzig die Lebendigkeit, die Vielfältigkeit der Gegenwart interessiert mich. Trotz aller Verbote will ich mich mit dem Heute umgeben wie mit einem starken Licht; ich möchte die andere Zeit und den Raum der anderen auf die Unmittelbarkeit der täglichen Erfahrung zurückführen. Die Formel der Schwester Katrei konkretisieren: "Alles, was in mir ist, ist in mir, alles, was in mir ist, ist außerhalb von mir, alles, was in mir ist, ist überall um mich herum, alles, was in mir ist, gehört mir und ich sehe überall nur das, was in mir ist." Denn hierin liegt der wahre Triumph der Subjektivität, wie ihn die Geschichte heute möglich macht; wenn man nur die Bastilles der Zukunft niederreißt, wenn man nur die Vergangenheit neu strukturiert, wenn man nur jede Sekunde so lebt, als ob sie sich durch die Gunst einer ewigen Wiederkehr endlos in unaufhörlichen Schwingungen genauso wiederholt.

Nur die Gegenwart kann total sein. Ein Punkt von unglaublicher Dichte. Wir müssen lernen, die Zeit zu verlangsamen, die fortwährende Leidenschaft der unmittelbaren Erfahrung zu erleben. Ein Tennis-Champion erzählte, daß im Verlauf eines hart umkämpften Spiels ein schwieriger Ball auf ihn zukam. Plötzlich sah er ihn verlangsamt auf sich zufliegen, so langsam, daß ihm Zeit blieb, die Situation abzuschätzen, eine richtige Entscheidung zu treffen und den Ball meisterhaft anzunehmen. Im Raum schöpferischen Handelns weitet sich die Zeit. Im Unechten beschleunigt sie sich. Dem, der sich das Poetische der Gegenwart zu eigen macht, wird das Abenteuer des kleinen Chinesen zustoßen, der sich in die Königin der Meere verliebt hat. Er ging sie auf dem Grund des Ozeans suchen. Als er wieder kam, sagte ein alter Mann, der gerade Rosen schnitt, zu ihm: "Mein Großvater hat mir von einem kleinen Jungen erzählt, der im Meer verschwand und genau Euren Namen trug."

"Die Pünktlichkeit ist die Reserve der Zeit," sagt die esoterische Tradition. Und der Satz der "Pistis Sophia": "Ein Tag voll Licht ist wie tausend Jahre der Welt" wurde in der Entwicklerlösung der Geschichte ganz präzise in die Wendung Lenins übertragen, der bemerkte, daß manche revolutionäre Tage Jahrhunderte aufwiegen.

Stets geht es darum, die Widersprüche der Gegenwart aufzulösen, nicht auf halbem Weg stehenzubleiben, sich nicht "ablenken" zu lassen, zur Aufhebung zu gelangen. Ein kollektives Werk, ein Werk der Leidenschaft, der Poesie, ein Werk des Spiels (die Ewigkeit ist die Welt des Spiels, sagt Böhme). Wie arm die Gegenwart auch sein mag, immer enthält sie den wahren Reichtum, den Reichtum der möglichen Konstruktion. Aber Ihr kennt - Ihr erlebt häufig genug - all das, was mir dieses ununterbrochene Gedicht, das mir Freude macht, aus den Händen reißt.

Sich in den Strudel toter Zeiten ziehen lassen, altern, sich bis zur Leere von Geist und Körper verbrauchen? Lieber als Herausforderung an die Dauer untergehen. Der Bürger Anquetil berichtet in seinem im Jahr VII der Republik in Paris erschienenen Précis de l'histoire universelle von einem persischen Prinzen, der sich, von der Nichtigkeit der Welt verwundet, mit vierzig der schönsten und gebildetsten Kurtisanen seines Königreichs auf ein Schloß zurückzog. Dort starb er nach einem Monat in der Maßlosigkeit seiner Lust. Doch was bedeutet der Tod im Anblick solcher Ewigkeit? Wenn ich schon sterben muß, dann wenigstens so wie meine größte Liebe war.

V.Die einheitliche Dreiheit: Verwirklichung - Kommunikation - Beteiligung

Die repressive Einheit der Macht in ihrer dreifachen Funktion des Zwangs, der Verführung und der Vermittlung ist nichts anderes als die von den Techniken der Trennung umgekehrte und pervertierte Form eines dreifachen einheitlichen Projekts. Die neue Gesellschaft, die sich undeutlich im Verborgenen herausbildet, strebt danach, sich praktisch als Transparenz menschlicher Beziehungen zu bestimmen, die die wirkliche Beteiligung aller an der Verwirklichung eines jeden fördert. - Die Leidenschaft der Kreation, die Leidenschaft der Liebe und die Leidenschaft des Spiels sind für das Leben das, was das Bedürfnis, sich zu ernähren und zu schützen, für das Überleben ist (1). - Die Leidenschaft, schöpferisch zu handeln, begründet das Projekt der Verwirklichung (2), die Leidenschaft zu lieben begründet das Projekt der Kommunikation (4), die Leidenschaft zu spielen begründet das Projekt der Beteiligung (6). - Unverbunden verstärken diese drei Projekte die repressive Einheit der Macht. - Die radikale Subjektivität ist die - bei den meisten Menschen heute feststellbare - Gegenwart des gleichen Willens, für sich ein leidenschaftliches Leben zu konstruieren (3). - Die Erotik ist der spontane Zusammenhang, der der Bereicherung des Erlebten ihre praktische Einheit gibt (5).

1. - Die Konstruktion des täglichen Lebens verwirklicht den höchsten Grad der Einheit von Vernunft und Leidenschaft. Das Mysterium, mit dem das Leben von jeher umgeben wurde, ist ein Verschleierungsversuch, der die Trivialität des Überlebens verbergen soll. Der Wille zu leben ist allerdings mit einem bestimmten Willen zur Organisation untrennbar verbunden. Der Reiz, den das Versprechen eines reichen und vielfältigen Lebens auf jedes Individuum ausübt, zieht notwendig ein Projekt nach sich, das ganz oder teilweise der gesellschaftlichen Macht ausgesetzt ist, die die Aufgabe hat, es zu unterbinden. Wie sich die Regierungen im wesentlichen drei zusammengehöriger Formen der Unterdrückung bedienen: des Zwangs, der entfremdenden Vermittlung und der magischen Verführung, so schöpft der Wille zu leben seine Kraft und seinen Zusammenhang aus der Einheit von drei untrennbaren Projekten: aus der Verwirklichung, der Kommunikation und der Beteiligung.

Die Dialektik dieses dreifachen Projekts würde zusammen mit der Dialektik der Produktivkräfte in einer Geschichte der Menschen, die nicht ausschließlich die Geschichte ihres Überlebens wäre, ohne sich jedoch von ihr zu trennen, über die meisten Verhaltensweisen Rechenschaft ablegen. Es gibt keinen Aufstand und keine Revolution, die nicht eine leidenschaftliche Suche nach maßlosem Leben, nach Durchschaubarkeit der menschlichen Beziehungen und nach einer kollektiven Form der Veränderung der Welt ans Licht bringt. So daß sich diesseits der geschichtlichen Evolution drei elementare Leidenschaften feststellen lassen, die für das Leben das sind, was das Bedürfnis, sich zu ernähren und zu schützen, für das Überleben ist. Zwischen der Leidenschaft der Kreation, der Leidenschaft der Liebe und der Leidenschaft des Spiels und der Notwendigkeit, sich zu ernähren und zu schützen, findet eine Wechselwirkung statt, so wie der Wille zu leben und die Notwendigkeit zu überleben unaufhörlich aufeinander einwirken. Selbstverständlich erhalten diese Elemente erst im geschichtlichen Rahmen eine Bedeutung, doch gerade die Geschichte ihrer Trennung wird hier im Namen ihrer immer geforderten Totalität in Frage gestellt.

Der "Welfare State" tendiert dazu, die Frage des Überlebens in eine Problematik des Lebens einzuschließen. Das habe ich weiter oben deutlich gemacht. In dieser geschichtlichen Konjunktur, in der die Ökonomie des Lebens allmählich die Ökonomie des Überlebens absorbiert, erscheint die Trennung des dreifachen Projekts und der dieses Projekt tragenden Leidenschaften klar als Fortführung der abwegigen Unterscheidung zwischen dem Leben und dem Überleben. Zwischen der Trennung, dem Lehen der Macht, und der Einheit, der Domäne der Revolution, bleibt dem Dasein oft nur eine zwiespältige Ausdrucksweise: ich werde deshalb jedes Projekt getrennt und einheitlich behandeln.

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Das Projekt der Verwirklichung entsteht aus der Leidenschaft, schöpferisch zu handeln, in dem Moment, wo die Subjektivität überströmt und überall herrschen will. Das Projekt der Kommunikation entsteht aus der Leidenschaft der Liebe jedesmal dann, wenn Menschen in sich einen identischen Willen nach Eroberungen entdecken. Das Projekt der Beteiligung entsteht aus der Leidenschaft des Spiels, wenn die Gruppe bei der Verwirklichung eines jeden hilft.

Isoliert werden die drei Leidenschaften pervertiert. Getrennt werden die drei Projekte verfälscht. Der Wille zur Verwirklichung wird Wille zur Macht; dem Prestige und der Rolle geopfert, herrscht er im Universum der Zwänge und Illusionen. Der Wille zur Kommunikation wird zur objektiven Lüge; auf gegenständliche Beziehungen gestützt, verteilt er an die Semiologen die Zeichen, die diese mit dem Schein des Menschlichen versehen. Der Wille zur Beteiligung organisiert die Isolierung aller in der Menge, er errichtet die Tyrannei der gemeinschaftlichen Illusion.

Von den anderen abgeschnitten, wird jede Leidenschaft Teil einer metaphysischen Vision, die sie verabsolutiert und als solche unerreichbar macht. Den Denkern fehlt nicht der Humor: sie unterbrechen die Verbindung der Elemente eines Stromkreises und verkünden dann, daß der Strom keinen Anschluß finden wird. Auf diese Weise können sie ohne Netz die Behauptung wagen, daß die totale Verwirklichung ein Trugbild ist, die Transparenz ein Hirngespinst und die gesellschaftliche Harmonie die Eingebung einer Laune. Unter der Herrschaft der Trennung wird von jedem das Unmögliche erwartet. Die kartesianische Manie, zu zerstückeln und stufenweise vorwärtszugehen, garantiert ein bleibendes Stückwerk und einen ewig hinkenden Gang. Die Armeen der Ordnung rekrutieren nur Krüppel.


2. - Das Projekt der Verwirklichung

Die Versicherung einer Existenzsicherheit läßt ein großes Energiepotential ungenutzt, das einst von der Notwendigkeit zu überleben absorbiert wurde. Der Wille zur Macht versucht, diese für die freie Ausdehnung des individuellen Lebens verfügbare Energie zugunsten der hierarchisierten Knechtschaft einzufangen (1). Die Konditionierung durch die generalisierte Unterdrückung führt bei den meisten Menschen zu einem strategischen Rückzug auf das, was sie als ihren unangreifbaren Kern fühlen: auf ihre Subjektivität. Die Revolution des Alltagslebens muß von sich aus die Offensive konkretisieren, die das subjektive Zentrum unzählige Male am Tag in Richtung auf die objektive Welt führt (2).

1 Die geschichtliche Phase der entziehenden Aneignung hat den Menschen daran gehindert, Gott und Schöpfer zu sein, den als IdeaIfigur zu schaffen er sich entschließen mußte, um sein Scheitern auszugleichen. Der Wunsch, Gott zu sein, lebt im Herzen eines jeden Menschen, doch dieser Wunsch hat sich bis heute nur gegen den Menschen gekehrt. Ich habe gezeigt, wie die gesellschaftliche hierarchisierte Organisation die Welt aufbaut, indem sie die Menschen zerstört, wie die Vervollkommnung ihrer Mechanismen und ihres Netzwerks sie wie einen gewaltigen Computer funktionieren läßt, dessen Programmierer selbst programmiert sind, und wie schließlich dieses kälteste aller kalten Monster im Projekt des kybernetisierten Staates seine Vollendung findet.

Unter diesen Bedingungen wird der Kampf um das tägliche Brot, die Schlacht gegen die Unbequemlichkeit und die Suche nach einer Sicherung der Beschäftigung und der Existenz (ohne ihre Bedeutung unterschätzen zu wollen) mehr und mehr zu Scharmützeln der Nachhut an der gesellschaftlichen Front. Die Notwendigkeit zu überleben absorbierte und absorbiert immer noch ein Maß von Energie und Kreativität, das der Wohlstandsstaat erben wird wie ein Rudel freigelassener Wölfe. Die trotz falscher Engagements und illusionärer Aktivitäten unaufhörlich geschürte schöpferische Energie löst sich unter der Diktatur des Konsumierbaren nicht mehr schnell genug auf. Was wird aus dieser plötzlich verfügbaren Überfülle, aus diesem Überschuß an robuster Kraft und Männlichkeit, den weder Zwang noch Lüge wirklich aufbrauchen können? Eine Kreativität, die nicht mehr von dem künstlerischen und kulturellen Konsum - dem ideologischen Spektakel - eingefangen wird, richtet sich spontan gegen die Bedingungen und die Garantien des Überlebens.

Die Menschen der Opposition haben nichts zu verlieren als ihr Überleben. Sie können es dabei allerdings auf zwei Arten verlieren: indem sie das Leben verlieren oder es konstruieren. Da das Überleben eine Art langsamer Tod ist, ist die Versuchung, die durchaus leidenschaftlicher Natur ist, groß, diese Entwicklung zu beschleunigen und schneller zu sterben, etwa so, wie wenn man in einem Sportwagen Vollgas gibt. In dem Fall ist das "Leben" Negierung des Überlebens im Negativen. Im Gegensatz dazu findet sich das Bemühen, als Anti-Überlebender zu überleben, seine Energie auf die Bereicherung des täglichen Lebens zu konzentrieren. Hier wird das Überleben negiert, indem es in ein konstruktives Fest einbezogen wird. In diesen zwei Tendenzen wird man den einheitlichen und den widersprüchlichen Weg des Absterbens und der Aufhebung erkennen.

Das Projekt der Verwirklichung und die Aufhebung sind untrennbar. Die verzweifelte Verweigerung bleibt unter allen Umständen in dem autoritären Dilemma gefangen: zwischen dem Überleben und dem Tod zu wählen. Diese zustimmende Ablehnung, diese wilde und doch so leicht von der Ordnung der Dinge zu zähmende Kreativität ist der Wille zur Macht.

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Der Wille zur Macht ist das verfälschte Projekt der Verwirklichung, das von der Beteiligung und der Kommunikation abgetrennt ist. Er ist die im hierarchischen System eingefangene Leidenschaft schöpferischer Verwirklichung und schöpferischer Selbstverwirklichung, eine Leidenschaft, die dazu verurteilt ist, die Mühlen der Repression und des Scheins zu drehen. Der Wille zur Macht manövriert mit dem Prestige und der Demut, mit Autorität und Unterwerfung. Ein Held ist, wer sich für eine Rollen- und Muskelkarriere aufopfert. Am Ende seiner Kräfte tritt er dem Rat Voltaires bei, kultiviert er seinen Garten. Und seine Mittelmäßigkeit dient - in ihrer plumpen Form - dem gewöhnlichen Sterblichen noch als Modell.

Was für ein Verzicht auf den Willen zu leben bei dem Helden, dem Führer, dem Star, dem Playboy, dem Spezialisten ?! Was für Opfer, um den Leuten - ob zwei oder Millionen -, die man für ausgemachte Dummköpfe hält, wenn man nicht selbst einer ist, den nötigen Respekt beizubringen, ihnen seinen Namen oder sein Bild einzuprägen!

Dennoch verbirgt der Wille zur Macht unter seinem Schutzpanzer einen gewissen Lebenswillen. Ich denke an die kraftvolle Männlichkeit der großen Eroberer, an die Maßlosigkeit der Großen der Renaissance. Doch heute gibt es keine großen Eroberer mehr. Höchstens Industriekapitäne, Hochstapler, Händler in Kanonen und Kultur, Söldner. Die Abenteurer und Entdecker heißen heute Fix und Foxi und Schweitzer. Und mit solchen Leuten möchte Zarathustra die Höhen von Sils-Maria bevölkern, in diesen Mißgeburten behauptet er die Zeichen für eine neue Rasse zu entdecken. In Wahrheit ist Nietzsche der letzte Herr, der von seiner eigenen Illusion ans Kreuz genagelt wurde. Sein Tod ist eine reizvollere und geistreichere Neuausgabe der Komödie von Golgatha. Er gibt dem Verschwinden der Herren einen Sinn, wie Christus dem Verschwinden Gottes einen Sinn gab. Nietzsche kann seine Sensibilität leicht bis zum Überdruß steigern, hindert ihn doch der gemeine Gestank des Christentums nicht daran, tief durchzuatmen. Da Nietzsche so tut, als begreife er nicht, daß das Christentum, dieser große Verächter des Willens zur Macht, zugleich sein bester Beschützer ist, sein zuverlässigster Erpresser, denn es verhindert die Entstehung der Herren ohne Sklaven, verewigt er den Bestand einer hierarchisierten Welt, in der der Wille zu leben für immer dazu verdammt ist, Wille zur Macht zu sein. Die Wendung "Dionysos der Gekreuzigte", mit der er seine letzten Arbeiten unterzeichnet, verrät die Demut desjenigen, der ständig nur einen Herrn über seine verstümmelte Überfülle gesucht hat. Niemand nähert sich ungestraft dem Hexenmeister von Bethlehem.

Der Nazismus ist die von der Geschichte zur Ordnung gerufene Logik Nietzsches. Die Frage war: Was kann der letzte der Herren in einer Gesellschaft werden, in der die wahren Herren verschwunden sind? Die Antwort war: ein Superdiener. Selbst die Idee des Übermenschen, wie arm sie auch bei Nietzsche sein mag, verträgt sich nicht im geringsten mit dem, was wir über die Lakaien, die Führer des III. Reiches wissen. Für den Faschismus gibt es nur einen Übermenschen: den Staat.

Der staatliche Übermensch ist die Kraft der Schwachen. Deshalb fügen sich die Forderungen des isolierten Individuums stets einer im offiziellen Spektakel einwandfrei gespielten Rolle. Der Wille zur Macht ist spektakulärer Wille. Der einsame Mensch verabscheut die anderen Menschen, verachtet sie, obwohl er selbst zur Menge gehört, verachtenswerter Mensch par excellence ist. Seine Aggressivität baut bereitwillig auf die gröbste gemeinschaftliche Illusion, sein Kampfgeist wird auf derJagd nach Beförderungen erprobt.

Der Manager, der Chef, der Haudegen, der Kaid mußten sich abschinden, mußten einstecken, mußten durchhalten. Sie haben die Moral von Pionieren, Pfadfindern, Armeen und Stoßtruppen des Konformismus. "Keinem Hund hätte man das zugemutet ?" Den Kaid definieren der Wille zu scheinen, was er nicht ist, und der Wunsch, die Leere der eigenen Existenz durch die wütende Behauptung des Gegenteils zu übersehen. Nur die Diener brüsten sich ihrer Opfer. Der Teil der Dinge ist hier souverän: einmal die künstliche Schau der Rolle, ein andermal die Echtheit des Tierischen. Was sich der Mensch zu tun weigert, übernimmt das Tier in ihm. Die Helden, die mit Musik vorbeimarschieren, die Rote Armee, die SS, die Paras, sind die gleichen, die in Budapest, Warschau und Algier foltern. Die Wut des Fußvolks sichert die Disziplin der Armeen; die Polizistenbrut weiß, wann sie zubeißen und wann sie kriechen muß.

Der Wille zur Macht ist eine Prämie für die Knechtschaft. Er ist aber auch Haß gegen die Knechtschaft. Nie haben sich die großen Persönlichkeiten der Vergangenheit mit einer guten Sache identifiziert. Stets haben sie es vorgezogen, die gute Sache auf den Nenner ihres eigenen Machtstrebens zu bringen. Als die gute Sache verschwand, in Stücke ging, zerbrachen auch die großen Persönlichkeiten. Das Spiel blieb. Die Menschen bekennen sich zu einer guten Sache, weil sie sich nicht zu sich selbst und ihren Wünschen bekennen; doch durch die gute Sache und das abverlangte Opfer hindurch verfolgen sie ihren Willen zu leben - wenn auch in umgekehrter Richtung.

Manchmal erwacht in den Freischärlern der Ordnung das Gefühl für die Freiheit und das Spielerische. Ich denke an Giuliano, bevor er von den Großgrundbesitzern integriert wurde, an "Billy the Kid", an die Gangster, die nur ganz wenig von Terroristen trennt. Wir haben erlebt, wie Fremdenlegionäre und Söldner zu den algerischen und kongolesischen Rebellen übergelaufen sind, sich damit auf die Seite des offenen Aufstandes schlugen und die Lust am Spiel bis zu ihren extremsten Konsequenzen trieben: zum Bruch mit allen Verboten und zur Forderung totaler Freiheit.

Ich denke auch an die Rocker. Ihr kindlicher Wille zur Macht hat es häufig verstanden, einen fast ungebrochenen Willen zu leben zu bewahren. Gewiß droht dem Rocker die Integrierung: zuerst als Konsument, wenn er haben möchte, was er sich nicht leisten kann, später, wenn er alt geworden ist, als Produzent; doch das Spiel behält in den Gruppen einen so starken Reiz, daß es durchaus eines Tages in einem revolutionären Bewußtsein aufgehen kann. Wenn sich die Gewalttätigkeit der Banden Halbstarker nicht in spektakulären und oft lächerlichen Attentaten verbrauchte, sondern in aufständische Poesie mündete, würde das aufrührerisch gewordene Spiel zweifellos eine Kettenreaktion, eine qualitative Schockwelle auslösen. Die meisten Menschen sind in der Tat auf den Wunsch, echt zu leben, und die Ablehnung von Zwang und Rollen ansprechbar geworden. Wenn es den Rockern jemals gelingt, durch eine einfache Analyse dessen, was sie bereits sind, und durch die einfache Forderung, mehr sein zu wollen, zu einem revolutionären Bewußtsein vorzudringen, werden sie wahrscheinlich das beherrschende Zentrum der Umkehrung der Perspektive bestimmen. Der Zusammenschluß ihrer Gruppen wäre der Akt, der dieses Bewußtsein offenbaren und zugleich ermöglichen würde.

2 Bisher war das Zentrum stets etwas anderes als der Mensch; die Kreativität blieb im Grenzbereich, in der Vorstadt. Der Städtebau spiegelt gut das Abenteuer der Achse wider, um die sich das Leben der Menschen seit Jahrtausenden organisierte. Die alten Städte erheben sich um eine Festung herum oder um eine heilige Stätte, einen Tempel oder eine Kirche, einen Verbindungspunkt zwischen Himmel und Erde. In den Arbeiterstädten umgibt ein Ring trostloser Straßen die Fabrik oder das Kombinat; die Verwaltungszentren kontrollieren seelenlose Alleen. Den neuen Städten fehlt überhaupt jeder Mittelpunkt. Das macht es einfach: der Bezugspunkt, den diese Städte angeben, ist überall woanders. In diesen Labyrinthen, in denen es lediglich erlaubt ist, sich zu verlieren, verbirgt sich das Verbot zu spielen, einander zu begegnen und zu leben hinter Kilometern von Glaskästen, im Liniennetz der Verkehrsadern und auf dem Gipfel bewohnter Betonblöcke.

Es gibt kein Zentrum der Unterdrückung mehr, denn die Unterdrückung ist überall. Das Positive einer solchen Auflösung: jeder wird sich in der extremen Isolierung der Notwendigkeit bewußt, zunächst sich selbst zu retten, sich zum Zentrum zu machen und vom Subjektiven ausgehend eine Welt zu konstruieren, in der man überall zu Hause sein kann.

Die bewußte Rückkehr zu sich selbst ist die Rückkehr zum Ursprung der anderen, zum Ursprung des Gesellschaftlichen. Solange die individuelle Kreativität nicht in das Zentrum der gesellschaftlichen Organisation gerückt wird, wird der Mensch keine anderen Freiheiten haben, als zu zerstören und zerstört zu werden. Wenn Du für die anderen denkst, werden sie für Dich denken. Wer für Dich denkt, urteilt über Dich, reduziert Dich auf seine Norm, er verdummt Dich. Denn nur Dummköpfe glauben, daß die Dummheit die Folge mangelnder Intelligenz ist; die Dummheit folgt dem Verzicht auf sich selbst, der Selbstaufgabe. Deshalb behandele jeden, der Erklärungen oder Rechenschaften von Dir verlangt, als Richter, d.h. als Feind. "Ich möchte Erben haben, ich möchte Kinder haben, ich möchte Schüler, ich möchte einen Vater - ich selbst bin mir unwichtig": so reden all diejenigen, die das Christentum vergiftet hat, ob sie aus Rom kommen oder aus Peking. Überall, wo ein derartiger Geist herrscht, gibt es nur Elend und Neurosen. Meine Subjektivität ist mir teuer genug, um nicht zu riskieren, die Hilfe anderer Menschen erbitten oder zurückweisen zu müssen. Es geht nicht darum, sich in den anderen zu verlieren oder in sich selbst. Jeder, der weiß, daß er mit der Gemeinschaft rechnen muß, muß zunächst sich selbst finden, sonst wird er den anderen nur seine eigene Negation entnehmen.

Die Verstärkung des subjektiven Zentrums besitzt einen so eigenen Charakter, daß es schwierig ist, davon zu sprechen. Im Herzen eines jeden Menschen ist eine geheime Kammer verborgen, eine "camera obscura". Nur der Geist und der Traum haben zu ihr Zutritt. In diesem magischen Kreis, in dem das Ich und die Welt sich wieder vereinigen, werden jedes Begehren und jeder Wunsch sogleich erhört. Dort wachsen die Leidenschaften, diese schönen, giftigen Blumen, in denen sich der Geist der Zeit verfangt. Einem launischen und herrischen Gott gleich schaffe ich mir ein Reich, in dem ich über Wesen herrsche, die immer nur für mich leben werden. Der Humorist James Thurber zeigt auf einigen reizvollen Blättern, wie sich der friedfertige Walter Mitty nach und nach als unerschrockener Kapitän, hervorragender Chirurg, schamloser Mörder und Held von Schützengräben auszeichnete und dabei weiter seinen alten Buick fuhr und seinen Schiffszwieback kaufte.

Die Bedeutung des subjektiven Zentrums mißt sich leicht an dem Verruf, in den es geraten ist. In ihm wird gerne eine Zufluchtsstätte gesehen, ein Rückzug auf ein beschauliches Leben, ein poetischer Amtsbezirk, ein Zeichen der Verinnerlichung. Es heißt, die Träumerei bleibe ohne Folgen. Doch haben nicht Phantastereien und einer Laune des Geistes entsprungene Vorstellungen zu den schönsten Attentaten gegen Moral, Autorität, Sprache und fixe Ideen angestiftet? Ist der Reichtum der Subjektivität nicht die Quelle jeder Kreativität, das Laboratorium unmittelbarer Erfahrung, der in der Alten Welt gebildete Brückenkopf, von dem die kommenden Invasionen ausgehen werden?

Für den, der die Botschaften und Visionen, die ihm das subjektive Zentrum läßt, zu sammeln versteht, ordnet sich die Welt neu, ändern sich die Werte, verlieren die Dinge ihre Aura und werden zu einfachen Instrumenten. In der Magie des Imaginären existiert alles nur, damit ich es nach meinem Belieben handhabe, hätschele, zerbreche, neu schaffe, abändere. Der Vorrang anerkannter Subjektivität löst den Zauberbann der Dinge. Wer von den anderen ausgeht, jagt sich nach, ohne sich jemals einzuholen, wiederholt die gleichen, sinnlos gewordenen Gesten. Wenn man dagegen von sich ausgeht, werden die Gesten nicht wiederholt, sondern wiederaufgenommen, korrigiert, ideal verwirklicht.

Verborgenen Traumgebilden entströmt eine Energie, die nur darauf wartet, die Verhältnisse wie Turbinen in Bewegung setzen zu können. Ebenso wie der hohe Technisierungsgrad, den unsere Epoche erreicht, die Utopie unmöglich macht, nimmt er den Träumen ihren rein märchenhaften Charakter. Alle meine Wünsche lassen sich von dem Augenblick an verwirklichen, wo sich ihnen die moderne technische Ausrüstung zur Verfügung stellt.

Und selbst im gegenwärtigen Zeitpunkt und ohne die Unterstützung dieser Techniken - verliert sich die Subjektivität jemals auf Abwegen? Was ich zu sein erträumt habe, kann ich ohne weiteres anvisieren. Jedem Individuum ist mindestens einmal in seinem Leben das Unternehmen eines Lassailly oder eines Netschajew geglückt: der erstere gibt sich erfolgreich als Autor eines ungeschriebenen Buches aus und wird schließlich ein echter Schriftsteller, der geistige Vater von Rouerie de Trialph; der zweite nötigt Bakunin im Namen einer nicht existierenden terroristischen Organisation Geld ab und leitet zum Schluß eine wirkliche Gruppe von Nihilisten. Eines Tages muß ich sein, wofür mich die anderen halten sollten; eines Tages muß das von meinem Willen zu sein bevorzugte Bild der spektakulären Schau echt werden. Die Subjektivität entwendet daher die Rolle und die spektakuläre Lüge zu ihrem eigenen Nutzen, sie reinvestiert den Schein in das Wirkliche.

Die subjektive Phantasie sucht ständig die praktische Verwirklichung ihrer reinen Spiritualität. Zweifellos liegt die Anziehungskraft des künstlerischen Spektakels darin, daß es - besonders in der Form der Geschichtenerzählung - auf diese Subjektivität, die sich ihrer Verwirklichung zuwendet, anspielt; doch in Wirklichkeit lenkt das Spektakel sie ab und schleust sie in die Turbinen der passiven Identifizierung. Genau das unterstreicht Debord in seinem Agitationsfilm "Kritik der Trennung": "Im allgemeinen verdienen die Ereignisse, die in unserem individuellen Leben, so wie es organisiert ist, geschehen und die uns wirklich betreffen und fordern, allenfalls, in uns entfernte und gelangweilte, indifferente Zuschauer zu finden. Dagegen ist eine Situation, die durch irgendeine künstlerische Übertragung hindurch sichtbar wird, sehr häufig das, was uns reizt, was verdient, in uns einen Mitspieler, einen Beteiligten zu finden. Dieses Paradox gilt es umzukehren, wieder auf die Füße zu stellen." Die Kräfte des künstlerischen Spektakels gilt es aufzulösen, um mit ihren Mitteln die Bewaffnung der subjektiven Träume zu verstärken. Dann wird es niemand mehr wagen, sie als Phantastereien zu behandeln. Genauso stellt sich das Problem der Verwirklichung der Kunst.


3. Die radikale Subjektivität

Alle Subjektivitäten unterscheiden sich voneinander, obwohl sie alle einem identischen Willen der Verwirklichung folgen. Es geht darum, ihre Unterschiedlichkeit dieser gemeinsamen Neigung dienstbar zu machen, eine Einheitsfront der Subjektivität zu schaffen. Das Projekt, eine neue Gesellschaft zu konstruieren, darf folgende doppelte Forderung nicht aus den Augen verlieren: die Verwirklichung der individuellen Subjektivität wird kollektiv geschehen oder überhaupt nicht; und: "jeder kämpft für das, was er liebt: das heißt mit Aufrichtigkeit sprechen. Für alle zu kämpfen, ist dann nur konsequent." (Saint-Just)

Meine Subjektivität lebt von Ereignissen: einem Aufstand, Liebeskummer, einer Begegnung, einer Erinnerung, zähneknirschender Wut. Die Schockwellen dessen, was die werdende Wirklichkeit bildet, pflanzen sich in den Höhlen des Subjektiven fort. Das Beben der Ereignisse erreicht mich auch gegen meinen Willen; nicht alle beeindrucken mich gleich, doch stets erreicht mich ihr Widerspruch, dessen sich meine Phantasie leicht bemächtigen kann, gelingt es doch meinem Willen die meiste Zeit nicht, sie wirklich zu ändern. Das subjektive Zentrum registriert gleichzeitig die Verwandlung des Wirklichen in Phantasiegebilde und den Rückstrom der Ereignisse in den unkontrollierbaren Fluß der Dinge. Von daher zeigt sich die Notwendigkeit, eine Brücke zwischen imaginärer Konstruktion und objektiver Welt zu schlagen.

Allein eine radikale Theorie kann dem Individuum unwandelbare Rechte gegenüber der Umwelt und den Verhältnissen geben. Die radikale Theorie faßt die Menschen an der Wurzel, und die Wurzel für die Menschen ist ihre Subjektivität - diese uneinschränkbare Zone, die sie gemeinsam besitzen.

Niemand rettet sich allein, niemand verwirklicht sich isoliert. Wie sollte ein Individuum, das sich einige Klarheit über sich selbst und die Welt verschafft hat, nicht bei den Menschen, die um es herum leben, einen identischen Willen, eine gleiche Suche mit gleichem Ausgangspunkt bemerken?

Alle Formen der hierarchisierten Macht unterscheiden sich voneinander und sind dennoch in ihren Unterdrückungsfunktionen identisch. Ebenso unterscheiden sich alle Subjektivitäten voneinander und sind dennoch in ihrem Willen vollständiger Verwirklichung identisch. Nur so gesehen kann von einer wirklichen "radikalen Subjektivität" die Rede sein.

Alle einzigartigen und uneinschränkbaren Subjektivitäten haben eine gemeinsame Wurzel: den Willen, sich selbst durch die Verwandlung der Welt zu verwirklichen, den Willen, alle Sensationen zu erleben, alle Erfahrungen, alle Möglichkeiten. Dieser Wille ist mit unterschiedlichem Bewußtseins- und Entschlossenheitsgrad in jedem Menschen gegenwärtig. Seine Wirksamkeit hängt offensichtlich von der kollektiven Einheit ab, die er ohne Verlust seiner Vielfalt erreicht. Das Bewußtsein von der Notwendigkeit dieser Einheit entsteht gewissermaßen als Reflex der Identität, einer der Identifizierung entgegengesetzten Bewegung. Durch die Identifizierung verlieren wir unsere Einzigartigkeit in einer Vielzahl von Rollen; der Identitätsreflex verstärkt unsere Vielwertigkeit in der Einheit der verbündeten Subjektivitäten. Der Identitätsreflex begründet die radikale Subjektivität. Den Blick, der von mir ausgeht und sich überall bei den anderen sucht. "Als ich mit einem besonderen Auftrag im Staat Tschu reiste", erzählt Konfuzius, "sah ich, wie Ferkel an ihrer toten Mutter saugten. Nach kurzer Zeit jedoch schreckten sie auf und trollten sich von dannen. Sie fühlten, daß sie die Mutter nicht mehr sah und ihnen nicht mehr ähnlich war. Nicht mit dem Leib ihrer Mutter, sondern mit dem, was ihren Leib lebendig machte, waren sie vertraut." Ebenso suche ich bei den anderen den reichsten Teil meiner selbst, den sie in sich bewahren. Breitet sich der Identitätsreflex zwangsläufig aus? Nicht ohne weiteres. Die heutigen geschichtlichen Bedingungen sind jedoch günstig dafür.

Niemand hat jemals das Interesse der Menschen, ernährt, untergebracht, versorgt und gegen Unwetter und Unglücksfälle geschützt zu werden, in Zweifel gezogen. Nur die Unvollkommenheit der Technik, die schon sehr früh zu gesellschaftlicher Unvollkommenheit wurde, hat die Erfüllung dieses gemeinsamen Wunsches hinausgezögert. Heute läßt die geplante Wirtschaft eine endgültige Lösung der Probleme des Überlebens voraussehen. Heute, wo die Bedürfnisse des Überlebens zumindest in den hyper-industrialisierten Ländern auf dem Weg ihrer völligen Befriedigung sind, stellt man fest, daß auch die Bedürfnisse nach leidenschaftlichem Leben Befriedigung suchen, daß die Befriedigung dieser Bedürfnisse alle Menschen angeht und daß ein Scheitern in diesem Bereich sogar alle Errungenschaften des Überlebens aufs Spiel setzen würde. Die langsam, aber sicher gelösten Probleme des Überlebens treten in immer schärferen Kontrast zu den Problemen des Lebens, die langsam aber sicher den Geboten des Überlebens geopfert werden. Diese Spaltung vereinfacht die Dinge: die sozialistische Planung steht künftig der gesellschaftlichen Harmonisierung entgegen.

Die radikale Subjektivität ist die gemeinsame Front der wiedergefundenen Identität. Wer unfähig ist, seine Gegenwart bei den anderen zu erkennen, verdammt sich dazu, sich selbst immer fremd zu bleiben. Ich kann nichts für die anderen tun, wenn sie nichts für sich selbst tun können. In dieser Optik müssen die Begriffe wie "kennen" und "erkennen", "sympathisch sein" und "sympathisieren" neu betrachtet werden.

Die Kenntnis hat nur Wert, wenn sie zu der Erkenntnis des gemeinsamen Projekts führt; zu einem Identitätsreflex. Der Stil der Verwirklichung impliziert vielfältige Kenntnisse, aber diese Kenntnisse bedeuten nichts ohne den Stil der Verwirklichung. Die hauptsächlichen Gegner einer zusammenhängenden revolutionären Gruppe sind, wie die ersten Jahre der Situationistischen Internationale gezeigt haben, diejenigen, die ihr in ihren Kenntnissen am nächsten kommen, in dem Erleben und der Bedeutung, die sie ihm geben, jedoch am weitesten von ihr entfernt bleiben. Ebenso identifizieren sich die Sympathisanten mit der Gruppe und behindern sie dadurch. Sie begreifen alles außer dem Wesentlichen, außer der Radikalität. Sie fordern Kenntnis, weil sie unfähig sind, sich selbst zu fordern.

Indem ich mich selbst erfasse, nehme ich den anderen den Einfluß, den sie auf mich haben, lasse ich sie also sich in mir erkennen. Niemand wächst frei, ohne die Freiheit in der Welt zu verbreiten.

Ich mache mir ohne Einschränkung die Äußerung Coeurderoys zu eigen: "Ich strebe danach, ich zu sein, mich ungehindert zu bewegen, mich allein in meiner Freiheit zu behaupten. Möge jeder so handeln wie ich. Sorgt Euch nicht mehr um das Wohlergehen der Revolution. Sie wird besser in den Händen aller als in den Händen der Parteien liegen." Nichts gestattet mir, im Namen anderer zu sprechen, ich bin allein Vertreter meiner selbst, und dennoch werde ich in jedem Augenblick von dem Gedanken beherrscht, daß meine Geschichte nicht nur eine persönliche ist, daß ich für viele etwas tue, wenn ich so lebe, und wenn ich versuche, intensiver und freier zu leben. Jeder meiner Freunde ist eine Gemeinschaft, die sich kennengelernt hat, jeder von uns weiß, daß er für die anderen handelt, wenn er für sich selbst handelt. Nur unter diesen Bedingungen der Transparenz kann sich die echte Beteiligung verstärken.


4. Das Projekt der Kommunikation

Die Leidenschaft der Liebe bildet das reinste und am weitesten verbreitete Modell der echten Kommunikation. Sie läuft allerdings Gefahr, von der wachsenden Krise der Kommunikation korrumpiert zu werden. Die Verdinglichung bedroht sie. Wir müssen darauf achten, daß die Praxis der Liebe nicht zu einer Begegnung von Objekten wird, wir müssen vermeiden, daß sich die Verführung zu einer spektakulären Verhaltensweise entwickelt. Abseits vom revolutionären Weg gibt es keine glückliche Liebe.

Die drei Leidenschaften, die das dreifache Projekt der Verwirklichung, der Kommunikation und der Beteiligung tragen, sind, obwohl gleich wichtig, nicht gleich stark unterdrückt. Während das Spiel und die schöpferische Leidenschaft unter Verbote fallen und Verfälschungen erliegen, bleibt die Liebe, ohne ganz der Unterdrückung zu entgehen, die Erfahrung, die am weitesten verbreitet und jedem möglich ist; die am demokratischsten ist. Die Leidenschaft der Liebe trägt das Modell vollkommener Kommunikation in sich: den Orgasmus, das Einverständnis der Partner auf dem Höhepunkt. Sie ist das Blinklicht des Qualitativen im Dunkel des täglichen Überlebens.

Erlebte Intensität, Eigentümlichkeit, Erregung der Sinne, Triebkraft der Gefühle, Geschmack am Wechsel und an der Vielfalt, alles bestimmt die Leidenschaft der Liebe dazu, die Ode der Alten Welt wieder fruchtbar zu machen. Aus einem Überleben ohne Leidenschaft kann nur die Leidenschaft eines einheitlichen und vielfältigen Lebens entstehen. Der Wunsch und die Wirklichkeit eines solchen Lebens werden von den Gesten der Liebe zusammengefaßt und verdichtet. Das Universum, das wahre Liebende aus Träumen und Umschlingungen bauen, ist ein Universum der Transparenz; die Liebenden wollen überall bei sich zu Hause sein.

Der Liebe ist es besser als allen anderen Leidenschaften geglückt, sich ein Maß von Freiheit zu bewahren. Die Kreation und das Spiel wurden stets durch eine offizielle Darstellung "begünstigt", durch eine spektakuläre Anerkennung, die sie sozusagen an der Quelle entfremdete. Die Liebe ist niemals von einem gewissen heimlichen Widerstand abgerückt, den man Intimität getauft hat. Sie wurde von dem Begriff des Privatlebens geschützt, aus dem hellen Tag vertrieben (der der Arbeit und dem Konsum vorbehalten ist) und in die verborgenen Winkel der Nacht, in das gedämpfte Licht verdrängt. Auf diese Weise ist sie der großen Integrierung der Aktivitäten des Tages entgangen. Gleiches läßt sich vom Projekt der Kommunikation nicht sagen. Der Funke leidenschaftlicher Verliebtheit erlosch unter der Asche der falschen Kommunikation. Unter dem Druck des Konsumierbaren weitet sich die Verfälschung aus und erreicht heute selbst die einfachen Gesten der Liebe.

Diejenigen, die von Kommunikation sprechen, wenn es sich lediglich um die Beziehung von Dingen zueinander handelt, verbreiten die Lüge und das Mißverständnis, die nur zur weiteren Verdinglichung beitragen. Einverständnis, Übereinkunft, Einigung ? Was bedeuten diese Worte, wenn ich um mich herum nur Ausbeuter und Ausgebeutete, Führer und Ausführende, Schauspieler und Zuschauer sehe, alles Menschen, die wie Zahnräder von den Maschinen der Macht manipuliert werden!

Es ist nicht so, daß die Dinge gar nichts aussagen. Wenn jemand seine eigene Subjektivität einem Gegenstand verleiht, wird der Gegenstand menschlich. Doch in einer von der entziehenden Aneignung regierten Welt besteht die einzige Funktion eines Gegenstandes darin, seinen Eigentümer zu rechtfertigen. Wenn sich meine Subjektivität ihrer Umwelt bemächtigt, wenn sich mein Blick eine Landschaft zu eigen macht, dann stets nur ideell, ohne materielle und rechtliche Konsequenzen. In der Perspektive der Macht dienen Lebewesen, Ideen und Dinge nicht meinem Vergnügen, sondern einem Herrn; nichts ist wirklich, alles ist Funktion in einer Ordnung von Zugehörigkeiten.

In einer Welt, in der Fetische die meisten Verhaltensweisen bestimmen, gibt es keine echte Kommunikation. Der Raum zwischen den Lebewesen und den Dingen wird von entfremdenden Vermittlungen kontrolliert. In dem Maße, in dem die Macht zur abstrakten Funktion wird, muß die Verwirrung und die Vervielfältigung ihrer Zeichen von Schriftgelehrten, Sprachwissenschaftlern und Mythologen, die sich zu ihren Interpreten machen, erklärt werden. Der Eigentümer, der darauf abgerichtet ist, um sich herum nur Objekte zu sehen, braucht objektive und objektivierte Diener. Die Spezialisten der Kommunikation organisieren die Lüge zugunsten der Totenwächter. Ihnen kann allein die subjektive, von den geschichtlichen Bedingungen bewaffnete Wahrheit Widerstand leisten. Wir müssen von der unmittelbaren Erfahrung ausgehen, wenn wir die vorderste Angriffsspitze der Kräfte der Unterdrückung zerschlagen wollen.

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Die Bourgeoisie hat nur die eine Lust gekannt, alle Lust zu töten. Es war ihr nicht genug, die Freiheit zu lieben in der ekelhaften Aneignung eines Ehevertrages einzufangen und sie erst zu den Zwecken des Ehebruchs wieder zu entlassen; sie hat sich nicht mit Eifersucht und Lüge begnügt, um die Leidenschaft zu vergiften; es ist ihr gelungen. die Liebenden sogar in der Verschlingung ihrer Gesten zu trennen.

Die Verzweiflung der Liebenden entsteht nicht mehr daraus, daß sie sich nicht haben können, sondern aus der Gefahr, daß sie sich in ihrer Umarmung niemals begegnen werden; daß sie sich gegenseitig als Objekte erfassen. Die hygienistischen Konzeptionen der schwedischen Sozialdemokratie haben bereits diese Karikatur der freiheitlichen Liebe unters Volk gebracht, einer Liebe, die ein abgekartetes Spiel ist.

Die Anwiderung, die aus einer Welt entsteht, deren Echtheit enteignet wurde, entfacht das unstillbare Verlangen nach menschlichen Kontakten. Was für ein glücklicher Zufall ist die Liebe! Manchmal denke ich, daß es keine andere unmittelbare Wirklichkeit, keine andere greifbare Menschlichkeit gibt als weibliche Zärtlichkeit, warme Haut, sanfte Schenkel. Manchmal denke ich, daß nichts anderes bleibt, doch dieses nichts mündet in eine Totalität, die ein ewiges Leben nicht ausschöpfen würde. Auf dem intimen Höhepunkt der Leidenschaft kann die leblose Masse der Objekte eine verborgene Schwerkraft entfalten. Die Passivität eines Partners zerreißt plötzlich die Fäden, die sich knüpfen, der Dialog bricht ab, ohne wirklich begonnen zu haben. Die Dialektik der Liebe erstarrt, nur noch "Ruhende" liegen Seite an Seite. Nur Beziehungen von Objekten bleiben übrig. Obwohl die Liebe immer aus und in der Subjektivität entsteht - ein Mädchen ist schön, weil es mir gefällt -, möchte mein Begehren unbedingt objektivieren, was es begehrt. Immer objektiviert das Begehren den geliebten Menschen. Wenn ich nun aber zulasse, daß mein Begehren das geliebte Wesen in ein Objekt verwandelt, habe ich mich dann nicht dazu verurteilt, mit diesem Objekt zusammenzustoßen und mich schließlich - von der Gewohnheit unterstützt - von ihm zu lösen?

Was sichert die vollkommene Kommunikation der Liebe? Die Vereinigung dieser Gegensätze:

- Je mehr ich mich von dem Objekt meines Begehrens löse, um so mehr objektive Kraft gebe ich meinem Begehren, um so mehr bin ich ein Begehren, das sich nicht um sein Objekt sorgt;

- Je mehr ich mich von meinem Begehren als Objekt löse und objektive Kraft dem Objekt meines Begehrens gebe, um so mehr rechtfertigt das geliebte Wesen mein Begehren.

Auf gesellschaftlicher Ebene könnte diese spielerische Einstellung im Wechsel der Partner bei gleichzeitiger Zuneigung zu einem im Mittelpunkt ständiger Beziehungen stehenden Partner zum Ausdruck kommen. Jede dieser Begegnungen würde den folgenden Dialog verlangen, der nur ein einziger, aber von allen gemeinsam gefaßter Vorsatz ist, und den zu führen ich unablässig versucht habe: "Ich weiß, daß du mich nicht liebst, denn du liebst niemanden außer dich selbst. Ich bin wie du. Liebe mich!"

Außerhalb der subjektiven Radikalität ist keine Liebe möglich. Schluß mit der christlichen Liebe, mit der aufopfernden Liebe, mit der aktivistischen Liebe! Durch die anderen hindurch nur sich selbst zu lieben, von den anderen durch die Liebe hindurch, die sie sich schuldig sind, geliebt zu werden: dahin weist die Leidenschaft der Liebe, das verlangen die Bedingungen echter Kommunikation.

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Die Liebe ist auch ein Abenteuer, eine Annäherung im Unechten. Wer eine Frau auf dem Umweg der spektakulären Schau anspricht, verurteilt sich von Anfang an zu Beziehungen zwischen Objekten. Darin ist der Playboy Spezialist. Die einzige Alternative zur spektakulären Verführung ist die Verführung des Qualitativen, bei der das Verführerische in der unbeabsichtigten Verführung liegt. Sade analysiert zwei mögliche Verhaltensweisen:

Die Libertins in Die hundertzwanzig Tage von Sodom erreichen den Höhepunkt ihrer Lust erst durch den Tod des verführten Objekts nach grausamen Folterungen (das Objekt kennt keine schönere Huldigung als die Zufügung von Qualen). Die Libertins in Die Philosophie im Boudoir sind liebenswert und ausgelassen und machen aus der Steigerung ihrer gegenseitigen Lust bis zum äußersten ein wahres Fest. Die ersteren sind die früheren Herrscher, die vor Haß und Empörung beben; die letzteren sind die Herren ohne Sklaven, die in dem anderen stets nur den Widerhall ihrer eigenen Lust entdecken.

Heute ist der wirkliche Verführer der Sadist, der dem begehrten Wesen nicht vergibt, Objekt zu sein. In dem verführerischen Menschen dagegen lebt die ganze Fülle des Begehrens, er lehnt die Rolle ab, und diese Ablehnung macht ihn verführerisch. Das ist Dolmance, das ist Eugénie, das ist Madame de Saint-Ange. Für das verführte Wesen gibt es jedoch diese Fülle erst dann, wenn es in dem, der sie verkörpert, seinen eigenen Willen zu leben zu erkennen vermag.

Die wahre Verführung hat zum Verführen nur ihre Wahrheit. Wer es darauf anlegt, verführt zu werden, verdient es deshalb noch nicht. Das meinen die Beginen von Schweidnitz und ihre Gefährten (13. Jahrh.), wenn sie hervorheben, daß jeder Widerstand gegenüber sexuellen Annäherungsversuchen das Zeichen eines plumpen Geistes ist. Bei den "Brüdern des Freien Geistes" kommt die gleiche Idee zum Ausdruck: "Jeder Mensch, der den Gott kennt, der in ihm wohnt, trägt seinen eigenen Himmel in sich. Dagegen ist die Unkenntnis der eigenen Göttlichkeit in Wahrheit eine Todsünde. Das ist die Bedeutung der Hölle, die man ebenfalls in dem Leben auf der Erde mit sich trägt."

Die Hölle ist die Leere, die durch die Trennung gelassen wird, die Angst der Liebenden, Seite an Seite zu sein, ohne zusammen zu sein. Die Nicht-Kommunikation läßt sich stets ein wenig mit dem Scheitern einer revolutionären Bewegung vergleichen. Der Wille zu sterben stellt sich überall dort ein, wo der Wille zu leben scheitert.

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Wir müssen die Liebe von ihren Mythen, ihren Bildern, ihren spektakulären Kategorien befreien; ihre Echtheit verstärken, sie ihrer Spontaneität wiedergeben. Nur so läßt sich der Kampf gegen ihre Integrierung in das Spektakel und gegen ihre Objektivierung führen. Die Liebe erträgt weder die Isolierung noch die Zerstückelung, sie läuft auf den Willen hinaus, die menschlichen Verhaltensweisen in ihrer Gesamtheit zu ändern, auf die Notwendigkeit, eine Gesellschaft zu konstruieren, in der sich die Liebenden überall in Freiheit fühlen.

Das Entstehen und das Vergehen des Moments der Liebe folgen der Dialektik der Erinnerung und des Begehrens. "In statu nascendi" verstärken sich das Begehren und das Wachrufen der ersten erfüllten Begehren (der Widerstandslosigkeit der Annäherungen) gegenseitig. Im eigentlichen Moment fallen Erinnerung und Begehren zusammen. Der Moment der Liebe ist eine Raum-Zeit des echt Erlebten, eine Gegenwart, in der sich die Erinnerung an die Vergangenheit und der Bogen des Begehrens, der sich zur Zukunft hin spannt, verdichten. In der Phase des Bruchs verlängert die Erinnerung den leidenschaftlichen Moment, doch das Begehren läßt allmählich nach. Die Gegenwart löst sich auf, während sich die Erinnerung sehnsüchtig dem vergangenen Glück zuwendet und das Begehren das kommende Unbehagen fürchtet. In der Auflösung vollzieht sich die Trennung. Die Erinnerung trägt das Scheitern der jüngsten Vergangenheit in sich und schwächt endgültig das Begehren.

Im Dialog wie in der Liebe, in der Leidenschaft zu lieben wie im Projekt der Kommunikation besteht das Problem darin, die Phase des Bruchs zu vermeiden. Im Hinblick darauf läßt sich folgendes in Betracht ziehen:

- den Moment der Liebe auf all seine Verlängerungen auszudehnen, d.h. ihn weder von den anderen Leidenschaften noch von den anderen Projekten zu trennen und ihn von einem bestehenden Moment zu einer wahrhaften Konstruktion einer Situation zu steigern;

- die kollektiven Experimente individueller Verwirklichung zu begünstigen und so zahlreiche Liebesbeziehungen durch die Vereinigung einer Vielzahl wertvoller Partner zu ermöglichen;

- fortwährend das Prinzip der Lust aufrechtzuerhalten, das den leidenschaftlichen Charakter der Projekte der Verwirklichung, der Kommunikation und der Beteiligung wahrt. Die Lust ist das Prinzip der Vereinigung. Die Liebe ist die Leidenschaft der Einheit in einem gemeinsamen Moment. Die Freundschaft ist die Leidenschaft der Einheit in einem gemeinsamen Projekt.


5. Die Erotik oder Dialektik der Lust

Es gibt keine Lust, die nicht auf der Suche nach ihrem Zusammenhang ist. Wird die Lust unterbrochen, bleibt sie unerfüllt, so stellt sich eine Unruhe ein, die der Stauung ähnlich ist, von der Reich spricht. Die Unterdrückungsmechanismen der Macht halten das menschliche Verhalten in einem Zustand permanenter Krise. Die Lust und die durch ihr Fehlen hervorgerufene Angst haben folglich in erster Linie eine gesellschaftliche Funktion. Die Erotik ist die Bewegung der zur Einheit werdenden Leidenschaften, ein Spiel mit der Einheit und der Vielfalt, ohne das es keinen revolutionären Zusammenhang gibt ("die Langeweile ist immer konterrevolutionär" - ,I.S.', No. 3).

Wilhelm Reich führt die meisten Unregelmäßigkeiten im Verhalten auf Störungen des Orgasmus zurück, auf das, was er "orgastische Impotenz" nennt. Nach ihm entsteht die Angst aus einem unvollständigen Orgasmus, aus einer Entladung, bei der es nicht zum völligen Abbau der Erregungen, Reizungen und erotischen Spiele kommt, die die sexuelle Vereinigung eingeleitet und ermöglicht haben. Nach der Theorie Reichs flottiert die aufgebaute, aber nicht verausgabte Energie und verwandelt sich in Angstimpulse. Die Angst der unerfüllten Lust hemmt die Auslösung des künftigen Orgasmus.

Doch das Problem der Spannungen und ihres Abbaus stellt sich nicht allein auf dem Gebiet der Sexualität. Es charakterisiert alle menschlichen Beziehungen. Reich ahnt zwar, zeigt aber nicht deutlich genug, daß die heutige Krise der Gesellschaft auch eine Krise orgastischen Typs ist. Wenn "die Energiequelle der Neurose durch die Differenz zwischen sexuellem Energieaufbau und Energieabbau hergestellt wird", so scheint mir, daß die Energiequelle unserer Neurose auch durch die Differenz zwischen dem Aufbau und dem Abbau der in den menschlichen Beziehungen eingesetzten Energien hergestellt wird. Der totale Genuß ist im Moment der Liebe noch möglich, doch sobald wir versuchen, diesen Moment zu verlängern und auf das gesellschaftliche Gebiet auszuweiten, kommt es unweigerlich zu dem, was Reich "Stauung" nennt. Die Welt des Defizits und des Unvollendeten ist die Welt der permanenten Krise. Was wird danach eine Gesellschaft ohne Neurose sein? Ein permanentes Fest. Es gibt keinen anderen Wegweiser als die Lust.

"Alles ist weiblich in dem, was wir lieben", sagt La Mettrie, "das Reich der Liebe erkennt nur die Grenzen der Lust an." Doch die Lust selbst will keine Grenzen anerkennen. Die Lust, die nicht wächst, verschwindet. Die Wiederholung tötet sie; sie begnügt sich nicht mit dem Stückwerk. Das Prinzip der Lust ist von der Totalität nicht zu trennen.

Die Erotik ist die Lust, die ihren Zusammenhang sucht. Sie ist die Bewegung von Leidenschaften, die verbindend, untrennbar, einheitlich werden. Es geht darum, im gesellschaftlichen Leben die Bedingungen herzustellen, die die des vollkommenen Genusses im Moment der Liebe sind. Bedingungen, die das Spiel mit der Einheit und der Vielfalt, d. h. die freie Beteiligung an der Vollendung in der Transparenz ermöglichen.

Freud definiert das Ziel des Eros: die Vereinigung oder die Suche nach der Einheit. Doch seine Behauptung, die Angst, von der Gruppe getrennt und ausgestoßen zu werden, käme von der Angst vor der Kastration, muß umgekehrt werden. Die Angst vor der Kastration kommt von der Angst, ausgeschlossen zu werden. Diese Angst wächst in dem Umfang, in dem die Isolierung der Individuen in der gemeinschaftlichen Illusion größer wird.

Der Eros ist, obwohl er die Vereinigung sucht, in seinem Wesen narzißtisch verliebt in sich selbst. Er möchte ein Universum, in dem er so liebt, wie er sich selbst liebt. Den Widerspruch hebt Norman Brown in Eros und Thanatos hervor. Wie kann eine narzißtisch Orientierung, so fragt er sich, zu einer Vereinigung mit den Lebewesen der Welt führen? Seine Antwort ist: "Die abstrakte Antinomie des Ichs und des Anderen in der Liebe kann überwunden werden, wenn wir zu der konkreten Wirklichkeit der Lust und zur wesentlichen Definition der Liebe als lustvolle Betätigung des Körpers zurückfinden und die Liebe als Beziehung zwischen dem Ich und den Quellen der Lust betrachten." Wir müssen allerdings präzisieren: die Quelle der Lust befindet sich weniger in dem Körper als vielmehr in einer Möglichkeit der Ausdehnung in die Welt. Die konkrete Wirklichkeit der Lust hängt mit der Freiheit zusammen, sich mit allen Lebewesen zu vereinen, die eine Vereinigung mit sich selbst möglich machen. Die Verwirklichung der Lust führt über die Lust an der Verwirklichung, die Lust an der Kommunikation über die Kommunikation der Lust, die Beteiligung an der Lust über die Lust an der Beteiligung. Damit impliziert der nach außen gekehrte Narzißmus, von dem Brown spricht, eine totale Umwälzung der gesellschaftlichen Strukturen.

Je mehr die Lust an Intensität gewinnt, um so nachdrücklicher fordert sie die Totalität der Welt. Deshalb begrüße ich Bretons Ermahnung als revolutionäre Parole: "Liebende, laßt Eure Lust größer und größer werden!"

Die westliche Zivilisation ist eine Zivilisation der Arbeit, und die Liebe ist, wie Diogenes sagt, "die Beschäftigung der Faulenzer". Mit dem allmählichen Verschwinden der Zwangsarbeit muß die Liebe ihren verlorenen Boden zurückerobern. Dabei geraten alle Formen der Autorität in Gefahr. Da die Erotik einheitlich ist, ist sie auch die Freiheit der Vielfalt. Für die Freiheit gibt es keine bessere Propaganda als die heitere Freiheit des Genießens. Deshalb muß sich die Lust die meiste Zeit versteckt halten, lebt die Liebe im Zimmer eingesperrt, ist die Kreativität auf die Hintertreppe der Kultur verbannt, stehen Alkohol und Drogen im Schatten der Gesetze ?

Die Moral des Überlebens verurteilt die Verschiedenartigkeit der Lust wie die einheitliche Vielfalt zugunsten der Wiederholung. Die angstvolle Lust mag sich mit Wiederholungen zufriedengeben, der wahren Lust genügt allein die Verschiedenartigkeit in der Einheit. Das einfachste Modell der Erotik ist ohne Zweifel das Paar, das der Drehpunkt der Beziehungen ihrer Partner zu anderen Partnern ist. Die beiden Partner erleben ihre Erfahrungen in größtmöglicher Transparenz und Freiheit. Sie sind schelmische Komplicen und geben ihrer Beziehung den Charme des Inzest. Die Vielfalt gemeinsam erlebter Erfahrungen verbindet sie wie Bruder und Schwester. Jede große Liebe ist von einem gewissen Inzest geprägt; diese Beobachtung erlaubt den Schluß, daß die Beziehungen zwischen Bruder und Schwester privilegiert sind und deshalb begünstigt werden müssen: es wäre gut, dieses älteste und lächerlichste Tabu aller Zeiten aufzuheben. Man könnte von Verschwesterung sprechen: eine schwesterliche Frau, deren Freundinnen meine Frauen und meine Schwestern sein sollen.

In der Erotik ist nur die Verneinung der Lust pervers, ihre Verfälschung in der lustvollen Angst. Die Quelle ist unwichtig, solange das Wasser fließt. Die Chinesen sagen: unbeweglich ineinander trägt uns die Lust davon.

Die Suche nach der Lust ist schließlich die beste Garantie des Spielerischen. Sie hält die echte Beteiligung lebendig, schützt sie gegen Opfer, Zwang und Lüge. Die verschiedenen Stufen der Intensität der Lust zeigen den Grad des Einflusses der Subjektivität auf die Welt. So ist der launische Einfall das Spiel des erwachenden Begehrens, das Begehren das Spiel der erwachenden Leidenschaft. Und das Spiel der Leidenschaft findet seinen Zusammenhang in der revolutionären Poesie.

Heißt das, daß die Suche nach der Lust die Unlust ausschließt? Es geht eher darum, sie neu zu erfinden. Die lustvolle Angst ist weder Lust noch Unlust, sondern eine Art unwiderstehlicher Juckreiz. Was ist danach echte Unlust? Ein Fehlschlag im Spiel des Begehrens oder der Leidenschaft, eine positive Unlust, die um so leidenschaftlicher die Konstruktion einer anderen Lust fordert.


6. Das Projekt der Beteiligung

Die Organisation des Überlebens toleriert nur die spektakulären Verfälschungen des Spiels. Doch die Krise des Spektakels läßt die von allen Seiten bedrängte Leidenschaft des Spiels überall neu hervorbrechen. Künftig trägt sie das Gesicht der gesellschaftlichen Umwälzung und begründet über ihre Negativität hinaus eine Gesellschaft wirklicher Beteiligung. Die spielerische Praxis verlangt die Ablehnung des Chefs, die Ablehnung des Opfers, die Ablehnung der Rolle, die Freiheit individueller Verwirklichung und die Transparenz der gesellschaftlichen Beziehungen (1). - Die Taktik ist die polemische Phase des Spiels. Die individuelle Kreativität braucht eine Organisation, die sie konzentriert und ihr mehr Kraft gibt. Die Taktik ist von einer gewissen hedonistischen Berechnung nicht zu trennen. Jede Teilaktion muß die totale Vernichtung des Feindes zum Ziel haben. Auf die industrialisierten Gesellschaften müssen die angemessenen Formen der Guerilla ausgedehnt werden (2). - Die Entwendung stellt den einzigen revolutionären Gebrauch der geistigen und materiellen Werte dar, die von der Konsumgesellschaft verteilt werden; sie ist die absolute Waffe der Aufhebung (3).

1 Die Erfordernisse der Wirtschaft vertragen sich schlecht mit dem Spielerischen. Finanzielle Transaktionen begleitet der Ernst: mit Geld spaßt man nicht. Das spielerische Moment, das noch zu der Ökonomie der Feudalherrschaft gehörte, wurde Stück für Stück von der Rationalisierung der Geldwirtschaft beseitigt. Der spielerische Tauschhandel ließ noch einigen Spielraum im Gleichgewicht von Wert und Gegenwert. Doch von dem Augenblick an, wo der Kapitalismus seine Handelsbeziehungen durchsetzt, wird keine Phantasie mehr geduldet, und die heutige Diktatur des Konsumierbaren beweist schon zur Genüge, daß er sie überall, auf allen Ebenen des Lebens durchsetzen will.

Im späten Mittelalter machten idyllische Beziehungen die rein ökonomischen Gebote der grundadligen Organisation des bäuerlichen Lebens durch ein gewisses Maß an Freiheit erträglicher; häufig überwog das Spielerische bei der Fronarbeit, bei den Urteilssprüchen, bei den persönlichen Abrechnungen. Der Kapitalismus wirft das Alltagsleben nahezu in seiner Totalität in die Schlacht zwischen Produktion und Konsum, verdrängt die Neigung zum Spielerischen, während er gleichzeitig versucht, diese Neigung in die Sphäre der Rentabilität zu integrieren. So haben wir es erlebt, daß in wenigen Jahrzehnten die Freuden des Ausbruchs zum Tourismus wurden, das Abenteuer sich in einen wissenschaftlichen Forschungsauftrag verwandelte, das kriegerische Spiel sich in operationeller Strategie organisierte und der Geschmack an der Veränderung von der Veränderung des Geschmacks zufriedengestellt wurde ?

Im allgemeinen verbietet die heutige gesellschaftliche Organisation das echte Spiel. Sie reserviert es der Kindheit, der es, das sei im Vorbeigehen bemerkt, immer nachdrücklicher immer mehr Spielzeug"gadgets" aufdrängt, richtige Belohnungen für Passivität. Der Erwachsene hat nur ein Recht auf verfälschte und integrierte Formen: auf Wettkämpfe, Fernsehspiele, Wahlen, Spielkasino ? Es versteht sich von selbst, daß die Armut dieser Notbehelfe nicht den Reichtum der spontanen Leidenschaft am Spiel ersticken kann, besonders in einer Zeit, in der das Spiel gute Chancen hat, seine günstigsten Bedingungen für seine Ausdehnung geschichtlich vereint zu finden.

Das Heilige hat Raum für das profane und entweihende Spiel: die respektlosen Kapitelle und die obszönen Skulpturen der Kathedralen beweisen es. Die Kirche nimmt - keineswegs schamvoll verborgen - ketzerisches Gelächter, beißende Phantasie und nihilistische Kritik in ihrem Schoß auf. Unter ihrer Kutte ist das dämonische Spiel sicher. Die bourgeoise Macht stellt dagegen das Spiel unter Quarantäne, isoliert es in einem besonderen Raum, als ob sie jede andere menschliche Aktivität vor der Gefahr seiner Ansteckung schützen wollte. Diesen privilegierten, aber mit Mißtrauen betrachteten, unrentablen Raum füllt die Kunst aus. Sie wird in ihm so lange bleiben, bis der wirtschaftliche Imperialismus auch sie zu einer Konsumfabrik umstrukturiert hat. Die künftig von allen Seiten eingekreiste Leidenschaft des Spiels bricht überall hervor.

An der dünnsten Stelle in der Decke von Verboten, die das Reich des Spielerischen überzieht, bleibt der Bereich der Kunst sichtbar, in dem sich das Spiel am längsten gehalten hat. Ein Ausbruch mit dem Namen Dada. "Die dadaistischen Darstellungen riefen in den Betrachtern den längst verschütteten primitiv-irrationellen Instinkt des Spielers wieder wach", schreibt Hugo Ball. Auf dem verhängnisvollen Abhang von Ulk und Spaß riß die Kunst bei ihrem Sturz das Gebäude mit sich, das der Geist des Ernstes zum Ruhm der Bourgeoisie errichtet hatte. Damit hat das Spiel heute das Gesicht des Aufstandes angenommen. Künftig sind das totale Spiel und die Revolution des Alltagslebens ein und dasselbe.

Aus der hierarchisierten gesellschaftlichen Organisation vertrieben, begründet die Leidenschaft des Spiels durch die Zerstörung der bestehenden Gesellschaft einen neuen Typ einer Gesellschaft wirklicher Beteiligung. Auch ohne Mutmaßungen über den Inhalt einer Organisation menschlicher Beziehungen, die vorbehaltlos der spielerischen Leidenschaft offensteht, kann man davon ausgehen, daß sie folgende Merkmale besitzen wird:

- Ablehnung des Chefs und jeder Hierarchie;

- Ablehnung des Opfers;

- Ablehnung der Rolle;

- Freiheit echter Verwirklichung;

- Transparenz der gesellschaftlichen Beziehungen.


Es gibt kein Spiel ohne Regeln und ohne Spiel mit den Regeln. Seht Euch die Kinder an. Sie kennen die Spielregeln, erinnern sich ihrer genau, aber sie mogeln ständig, erfinden oder erdenken sich Mogeleien. Das Mogeln gehört zu ihrem Spiel, sie mogeln spielerisch, bleiben selbst bei ihren Streitereien Komplicen. Dabei suchen sie ein neues Spiel. Manchmal mit Erfolg: ein neues Spiel entsteht, entwickelt sich. Ohne Abbruch erwacht ihr spielerischer Sinn zu neuem Leben.

Sobald eine Autorität erstarrt, unwiderruflich wird, sich mit einem magischen Zauber umgibt, hört das Spiel auf. Dennoch hält die spielerische Leichtigkeit stets an einem Sinn für Organisation und einer entsprechenden Anforderung an die Disziplin fest. Aber selbst wenn ein Spielleiter mit Entscheidungsbefugnis erforderlich ist, ist diese Befugnis immer an die Macht gebunden, über die jedes Individuum autonom verfügt, ist sie der Konzentrationspunkt des individuellen Willens aller, das kollektive Pendant zu jeder besonderen Forderung. Das Projekt der Beteiligung verlangt daher einen derartigen Zusammenhang, daß die Entscheidungen eines jeden die Entscheidungen aller sind. Es sind offensichtlich Gruppen mit kleiner Zahl, die Mikrogesellschaften, die die besten Garantien für Experimente bieten. In ihnen wird das Spiel souverän den Mechanismus des gemeinschaftlichen Lebens steuern, Launen, Wünsche und Leidenschaften harmonisieren. Das um so mehr, als dieses Spiel dem aufständischen Spiel entsprechen wird, das die Gruppe einleitet und das der Wille, außerhalb der offiziellen Normen zu leben, notwendig macht.

Die Leidenschaft des Spiels schließt den Rückgriff auf das Opfer aus. Es kann passieren, daß man verliert, daß man zahlen muß, mit dem Gesetz in Konflikt gerät, einen schlechten Tag durchzustehen hat: das ist die Logik des Spiels, nicht die Logik einer "guten Sache", die Logik des Opfers. Wenn der Begriff des Opfers auftaucht, wird das Spiel zum Kult, seine Regeln zu Riten. Im Spiel werden die Regeln so festgelegt, daß sie umgangen und in das Spiel einbezogen werden können. Mit dem heiligen Ritual ist das Spiel unmöglich; das Ritual muß durchbrochen, das Verbot überschritten werden (doch auch die Entweihung einer Hostie ist noch eine Huldigung an die Kirche). Das Spiel allein entweiht, allein das Spiel eröffnet eine grenzenlose Freiheit. Es ist das Prinzip der Entwendung, der radikalen Umfunktionierung, die Freiheit, den Sinn all dessen zu ändern, was der Macht dient; die Freiheit z.B., die Kathedrale von Chartres in einen Lunapark zu verwandeln, oder in ein Labyrinth, in einen Schießplatz, in eine traumhafte Szenerie ?

In einer Gruppe, in der sich alles um die Leidenschaft des Spiels dreht, werden lästige und langweilige Arbeiten zum Beispiel wie Strafen, mit denen ein Irrtum oder eine Niederlage im Spiel geahndet wird, vergeben. Oder einfacher noch: sie werden die tote Zeit ausfüllen, während im Gegensatz dazu Ruhepausen in der Verfolgung der Leidenschaften erregend wirken und die kommenden Momente noch reizvoller machen. Die Situationen, die es zu konstruieren gilt, werden sich notwendig auf die Dialektik von Gegenwärtigkeit und Abwesenheit, Reichtum und Armut, Lust und Unlust gründen, wobei die Intensität der einen Nuance die Intensität der anderen erregt.

Im übrigen verlieren die Techniken, die in einer Atmosphäre von Aufopferung und Zwang angewandt ,werden, viel von ihrer Wirksamkeit. Zu ihrer Eignung als Instrumentarium kommt ihre repressive Funktion; die unterdrückte Kreativität vermindert die Rentabilität der Unterdrückungsmaschinen. Allein die Anziehungskraft des Spielerischen garantiert eine entfremdungsfreie Arbeit, eine produktive Arbeit. Die Rolle im Spiel ist ohne ein Spiel mit der Rolle undenkbar.

Die spektakuläre Rolle fordert eine haftende Bindung; die spielerische Rolle verlangt dagegen Abstand, ein Zurückweichen, um sich von da aus zu erfassen, spielend und frei - etwa wie jene erprobten Schauspieler, die zwischen dramatischen Passagen ihre Witze machen. Die spektakuläre Organisation kann dieser Verhaltensweise nicht widerstehen. Die Marx Brothers haben gezeigt, was aus einer Rolle wird, wenn sich das Spielerische ihrer bemächtigt, auch wenn es sich letztlich selbst hierbei um ein vom Film integriertes Beispiel handelt. Wie wird erst ein Spiel mit Rollen aussehen, in dessen beherrschendem Zentrum das wirkliche Leben steht?

Wenn jemand mit einer starren, mit einer ernsten Rolle an einem Spiel teilnimmt, ist er entweder verloren oder er verdirbt das Spiel. Das ist der Fall des Provokateurs. Der Provokateur ist ein Spezialist des kollektiven Spiels. Er kennt seine Technik, nicht jedoch seine Dialektik. Er wäre vielleicht in der Lage, ein offensives Bestreben der Gruppe zu übersetzen - der Provokateur drängt immer zum Angriff -, wäre er nicht zu seinem Unglück stets gehalten, nur seine Rolle, seine Mission zu verteidigen, und daher unfähig, das defensive Interesse der Gruppe zu vertreten. Dieser fehlende Zusammenhang zwischen defensiv und offensiv macht den Provokateur früher oder später erkenntlich und führt ihn seinem traurigen Ende entgegen. Wer ist der beste Provokateur? Der Spielleiter, der zum Führer wurde.

Allein die Leidenschaft des Spiels ist ihrer Natur entsprechend fahig, eine Gemeinschaft zu bilden, deren Interessen mit den Interessen des Individuums identisch sind. Im Gegensatz zum Provokateur tritt der Verräter in einer revolutionären Gruppe spontan auf. Er taucht immer dann auf, wenn die Leidenschaft des Spiels verschwunden und damit das Projekt der Beteiligung verfälscht ist. Der Verräter ist ein Mensch, der sich in der ihm angebotenen Form der Beteiligung nicht echt zu verwirklichen vermag und sich zu einem falschen Spiel gegen diese Beteiligung entschließt, nicht um sie zu korrigieren, sondern um sie unmöglich zu machen. Der Verräter ist die Alterskrankheit der revolutionären Gruppen. Die Aufgabe des Spielerischen ist der Verrat, der zu jedem anderen ermächtigt.

Schließlich vergrößert das Projekt der Beteiligung, im Bewußtsein radikaler Subjektivität, die Transparenz der menschlichen Beziehungen. Das Spiel des. Aufstandes läßt sich von der Kommunikation nicht trennen.

2 Die Taktik. - Die Taktik ist die polemische Phase des Spiels. Die Taktik sichert die notwendige Kontinuität zwischen der erwachenden Poesie (das Spiel) und der Organisation der Spontaneität (die Poesie). Als wesentlich technisches Element verhindert sie, daß sich die Spontaneität auflöst und in der Verwirrung untergeht. Die grausamen Folgen ihres Fehlens bei den meisten Volksaufständen sind bekannt. Bekannt ist aber auch, mit welcher bewußten Mißachtung die Historiker die spontanen Revolutionen behandeln. Nicht eine ernsthafte Studie, nicht eine methodische Analyse, nichts, was von weitem oder aus der Nähe einem Vergleich mit dem Buch von Clausewitz vom Krieg standhält. Man möchte fast meinen, daß die Revolutionäre ebenso gern die Schlachten Machnos übersehen, wie ein General die Schlachten Napoleons studiert.

Einige Bemerkungen nur mangels gründlicherer Untersuchungen: Eine hierarchisch gut organisierte Armee kann einen Krieg, aber keine Revolution gewinnen; eine undisziplinierte Horde geht weder aus einem Krieg noch aus einer Revolution siegreich hervor. Eine Organisation ohne Hierarchie muß gefunden werden, der Spielleiter darf niemals zum Chef werden. Der spielerische Geist bietet die beste Garantie gegen die autoritäre Sklerose. Die bewaffnete Kreativität ist unwiderstehlich. Die Truppen von Villa und Machno sind mit den kriegserprobtesten Armeecorps fertig geworden. Wenn dagegen das Spiel erstarrt, ist die Schlacht verloren. Die Revolution stirbt für die Unfehlbarkeit ihrer Führer. Warum scheitert Villa in Celaya? Weil er vergessen hat, sein strategisches und taktisches Spiel zu erneuern. Was die Kampftechnik betrifft, so war Villa so sehr von der Erinnerung an Ciudad Juarez, wo er durch die Mauern eindrang, von Haus zu Haus vorwärts stürmte, dem Feind in den Rücken fiel und ihn vernichtete, gebannt, daß er die militärischen Neuentwicklungen des Ersten Weltkrieges, Maschinengewehrnester, Mörser, Schützengräben, verachtet. Im politischen Bereich hat er kurzsichtig den Kontakt mit dem Industrieproletariat vernachlässigt. Es ist bezeichnend, daß in der Armee Obregons, die Villas Dorados aufrieb, Arbeitermilizen kämpften und deutsche Militärberater dienten.

Die Kreativität ist die Stärke der revolutionären Armeen. Häufig erzielen aufständische Bewegungen glänzende Anfangserfolge, weil sie die Spielregeln des Gegners durchbrechen; weil sie ein neues Spiel erfinden; weil sich jeder Kämpfende mit Leib und Seele an der spielerischen Herausarbeitung einer Strategie beteiligt. Doch wenn sich die Kreativität nicht erneuert, sondern zur Wiederholung tendiert, und wenn die revolutionäre Armee die Form einer regulären Truppe annimmt, erlebt man, wie Enthusiasmus und Hysterie allmählich, aber vergeblich die kämpferische Schwäche auszugleichen versuchen und wie die Erinnerung an frühere Siege furchtbare Niederlagen einleitet. Die Magie der "guten Sache" und des Chefs beginnt das einheitliche Bewußtsein des Willens zu leben und zu siegen zu überlagern. 1525 lassen sich in Frankenhausen 40 000 Bauern, für die der religiöse Fanatismus die Taktik ersetzte, in Stücke schlagen, nachdem sie die Fürsten zwei Jahre lang in Schach gehalten hatten; die fürstliche Armee verliert drei Leute. 1964 lassen sich in Stanleyville Hunderte von aufständischen Anhängern Mulelas auf einer von zwei Maschinengewehren kontrollierten Brücke zusammenschießen, nachdem sie sie im Glauben an ihre Unbesiegbarkeit gestürmt hatten. Es waren dennoch die gleichen Männer, die Waffen und Lastwagen der nationalen kongolesischen Armee durch den Bau von Elefantenfallen auf den Straßen in ihren Besitz brachten.

Die Disziplin- und die Zusammenhanglosigkeit nehmen mit ihrem Gegenteil, der hierarchisierten Organisation, den Gemeinplatz der Wirkungslosigkeit ein. Im traditionellen Krieg siegt dank einer technischen Inflation ein wirkungsloser Kampf über den anderen; im revolutionären Krieg stiehlt die Poesie der Aufständischen dem Gegner die Waffen und die Zeit, sich ihrer zu bedienen, sie nimmt ihm damit seine einzig mögliche Überlegenheit. Wenn sich die Aktionsform der Guerilleros zu wiederholen beginnt, lernt der Feind die Spielregeln des revolutionären Kämpfers; dann kann es der Konter-Guerilla leicht gelingen, der bereits gebremsten Kreativität des Volkes einen Riegel vorzuschieben.

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Wie läßt sich die Disziplin einer Truppe aufrechterhalten, die jeden unterwürfigen Gehorsam gegenüber einem Chef ablehnt? Wie läßt sich der Mangel im Zusammenhalt vermeiden? Zumeist führt der Weg der revolutionären Truppen, die sich entweder einer "gerechten Sache" verschreiben oder mit ungenügender Konsequenz die Erfüllung ihrer Lust suchen, nur von Charybdis zur Skylla.

Der Aufruf zur Aufopferung und zum Verzicht im Namen der Freiheit begründet die künftige Knechtschaft. Andererseits folgen dem vorzeitigen Fest und der Suche nach nur teilweiser Lust stets dicht auf die Repression und die blutigen Wochen der Ordnung. Das Prinzip der Lust muß dem Spiel seinen Zusammenhalt geben und es disziplinieren. Die Suche nach der höchsten Lust schließt das Risiko der Unlust ein: das ist das Geheimnis ihrer Stärke.

Woher nahmen die alten Haudegen in der Zeit vor der Revolution die Kraft für den Sturm auf eine Stadt, wenn ihr Angriff zehnmal zurückgeschlagen, der Kampf zehnmal wiederaufgenommen wurde? Aus der leidenschaftlichen Erwartung des Festes - hier aus der Erwartung von Plünderei und Orgien -, aus einer Lust, die um so lebendiger ist, als sie langsam wächst. Die beste Taktik fällt mit einer hedonistischen Berechnung zusammen. Der hemmungs- und zügellose Wille zu leben ist die tödlichste geheime Waffe des Kämpfers. Diese Waffe richtet sich gegen die, die sie gefährden: der Soldat hat alles Interesse daran, auf seine Vorgesetzten zu schießen, um seine Haut zu retten. Aus den gleichen Gründen gelingt es den revolutionären Truppen, aus jedem einen geschickten Taktiker und einen Herrn über sich selbst zu machen; jemanden, der seine Lust konsequent zu konstruieren versteht.

In den kommenden Kämpfen wird der Wille, intensiv zu leben, die Motivation der Plünderung aus früherer Zeit ersetzen. Die Taktik und die Wissenschaft der Lust werden eins sein, so sehr ist es wahr, daß die Suche nach der Lust bereits voller Lust ist. Diese Taktik kann jeder jeden Tag lernen. Das Spiel mit den Waffen unterscheidet sich nicht wesentlich von der Freiheit des Spiels, die die Menschen mehr oder weniger bewußt in jedem Augenblick ihres Alltagslebens zu verwirklichen suchen. Sobald jemand im einfachen Alltagsleben zu lernen beginnt, was ihn tötet und was ihn als freies Individuum stärker macht, hat er bereits alle Aussicht, sein Zeugnis als Taktiker zu erhalten.

Es gibt allerdings keine isolierten Taktiker. Der Wille, die alte Gesellschaft zu zerstören, verlangt ein Bündnis von Taktikern des täglichen Lebens. Die Situationistische Internationale hat sich vorgenommen, ein Bündnis dieser Art technisch auszurüsten. Die Strategie baut auf der Taktik des individuellen täglichen Lebens kollektiv die geneigte Ebene der Revolution auf.

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Durch den zweideutigen Begriff des Menschlichen geraten die spontanen Revolutionen manchmal ins Schwanken. Der Wunsch, den Menschen zum Zentrum aller Forderungen zu machen, hat es allzu häufig einem paralysierenden Humanismus leicht gemacht. Wie oft haben die revolutionären Kräfte ihre eigenen Henker geschont, wie oft haben sie einen Waffenstillstand akzeptiert, durch den sich die Ordnungskräfte wieder sammeln konnten? Die Ideologie des Menschlichen ist eine Waffe für die Reaktion, die zur Rechtfertigung aller Unmenschlichkeiten dient (die belgischen Fallschirmspringer in Stanleyville).


Mit den Feinden der Freiheit läßt sich kein Vergleich schließen, nichts Menschliches spricht zugunsten der Unterdrücker des Menschen. Die Vernichtung der Konter-Revolutionäre ist die einzige humanitäre Geste, die der Grausamkeit des bürokratisierten Humanismus zuvorkommt.

Eines der Probleme des spontanen Aufstandes liegt schließlich in folgendem Paradox: auf der Basis von Teilaktionen muß die Macht total zerstört werden. Der ausschließliche Kampf für die ökonomische Emanzipation bietet allen das Überleben, indem er allen das Überleben gebietet. Nun war das Kampfziel der Massen mit Sicherheit weiter gesteckt, richtete es sich auf eine globale Veränderung der Lebensbedingungen. Im übrigen ist der Wille, die Totalität der Welt auf einen Schlag zu ändern, Ausfluß magischen Denkens. Deshalb läuft er auch so leicht auf platten Reformismus hinaus. Die apokalyptische Taktik und die Taktik stufenweiser Forderungen reichen sich früher oder später in der Ehe der versöhnten Gegensätze die Hand. Haben nicht die angeblich revolutionären Parteien Taktik und Kompromittierung gleichgestellt?

Die geneigte Ebene der Revolution vermeidet den Teilerfolg genauso wie den frontalen Angriff. Der Guerillakampf ist totaler Kampf. Diesen Weg geht die Situationistische Internationale mit kalkulierten Störmanövern an allen Fronten: an der kulturellen, politischen, ökonomischen und sozialen Front. Das Feld des täglichen Lebens sichert die Einheit des Kampfes.

3 Die Entwendung. - Im weiten Begriffssinn bedeutet "entwenden" etwas global ins Spiel bringen. Die Entwendung (oder radikale Umfunktionierung) ist die Geste, mit der sich die spielerische Einheit der Lebewesen und der Dinge bemächtigt, die in einer Ordnung hierarchisierter Teilbereiche erstarrt sind.

Meine Freunde und ich sind einmal bei Einbruch der Dunkelheit in den Justizpalast in Brüssel eingedrungen. Dieser unförmige Koloß erdrückt die unterhalb gelegenen armen Viertel und stellt sich schützend vor die reiche Avenue Louise, die wir eines Tages in einen erregenden Bauplatz verwandeln werden. In dem Irrgarten von Gängen, Treppen und Zimmerfluchten machten wir uns zunächst ein Bild von unseren Gestaltungsmöglichkeiten, richteten uns dann auf dem eroberten Territorium ein und verwandelten diesen Galgenpalast auf einem Spaziergang unserer Phantasie in einen traumhaften Jahrmarkt, in einen Palast der Lüste, in dem die reizvollsten Abenteuer dem Privileg entsprachen, daß wir sie wirklich erlebten. Kurz: die Entwendung ist die elementarste Ausdrucksweise der Kreativität. Die subjektive Träumerei entwendet die Welt. Die Menschen entwenden so, wie Herr Jourdain Prosa und James Joyce Ulysses schrieb; das heißt spontan und mit viel Reflexion.

1955 lenkte Debord, der von dem systematischen Gebrauch der Entwendung bei Lautréamont frappiert war, die Aufmerksamkeit auf die Fülle der Möglichkeiten einer Technik, über die Jorn 1960 schrieb: "Die Entwendung ist ein Spiel, das auf der Fähigkeit der Entwertung beruht. Alle Elemente der kulturellen Vergangenheit müssen neu eingesetzt werden oder verschwinden." In der Revue "Internationale Situationniste" (No. 3) kam Debord auf dieses Problem zurück und präzisierte: "Die zwei grundlegenden Gesetze der Entwendung sind die bis zum völligen Verschwinden gehende Bedeutungsminderung eines jeden autonomen entwendeten Elements und der gleichzeitige Aufbau einer anderen bedeutungsvollen Gesamtheit, die jedem Element seine neue Tragweite verleiht." Die gegenwärtigen geschichtlichen Bedingungen bürgen für die Richtigkeit dieser Bemerkungen. Es ist heute offensichtlich,

- daß die Entwendung spontan überall dort um sich greift, wo sich der Morast des Zerfalls ausbreitet. Die Epoche konsumierbarer Werte verstärkt auf einzigartige Weise die Möglichkeit, neue bedeutungsvolle Gesamtheiten zu schaffen;

- daß der kulturelle Bereich kein privilegierter Bereich mehr ist. Die Kunst der Entwendung erstreckt sich auf alle Formen der Ablehnung, die das Alltagsleben bezeugt;

- daß die Diktatur des Stückwerks die Entwendung zur einzigen Waffe im Dienst der Totalität macht. Die Entwendung ist die zusammenhängendste, populärste und am besten der aufständischen Praxis angepaßte revolutionäre Geste. Durch eine Art natürliche, mitreißende Bewegung - die Leidenschaft des Spiels - führt sie zur extremen Radikalisierung.


In dem Zerfall, der die Gesamtheit geistiger und materieller Verhaltensweisen erreicht - ein Zerfall, der den Geboten der Konsumgesellschaft folgt - wird die Entwertungsphase der Entwendung in gewisser Weise von den geschichtlichen Bedingungen übernommen und gesichert. Auf diese Weise führt die Negativität, die die Wirklichkeit der Verhältnisse durchzieht, die Entwendung tendenziell zu einer Taktik der Aufhebung hin, zu einem dem Wesen nach positiven Akt.

Wenn auch der Überfluß der Konsumgüter überall als erfreuliche Evolution begrüßt wird, so korrumpiert doch ihre gesellschaftliche Verwendung bekanntlich ihren richtigen Gebrauch. Weil das "gadget" vor allem anderen profitabler Vorwand für den Kapitalismus und die bürokratischen Herrschaftssysteme ist, muß es zu anderen Zwecken unbrauchbar sein. Die Ideologie des Konsumierbaren wirkt wie ein Fabrikationsfehler, sie sabotiert die Ware, die sie umgibt, sie entwickelt aus den materiellen Voraussetzungen des Glücks eine neue Knechtschaft. In diesem Zusammenhang propagiert die Entwendung eine neue Verwendungsweise, sie erfindet einen überlegenen Gebrauch, bei dem die Subjektivität zu ihrem Vorteil das manipuliert, was verkauft wird, um gegen sie manipuliert zu werden. Die Krise des Spektakels beschleunigt den Übergang der Kräfte der Lüge in das Lager der erlebten Wahrheit. Die Kunst, die Waffen, die der Feind den kommerziellen Erfordernissen folgend zu verteilen hat, gegen ihn zu richten, ist das vorherrschende Problem von Taktik und Strategie. Die Methoden der Entwendung müssen als Abc des Konsumenten propagiert werden, der auflhören möchte, einer zu sein.

Die Entwendung, die ihre ersten Waffen in der Kunst geschmiedet hat, ist heute zur Kunst der Handhabung aller Waffen geworden. Sie ist zuerst im Wirbel der kulturellen Krise der Jahre 1910 bis 1925 aufgetaucht und hat sich dann allmählich auf alle vom Zerfall betroffenen Bereiche ausgedehnt. Das schließt nicht aus, daß die Kunst den Techniken der Entwendung immer noch ein gültiges Experimentierfeld bietet, wenn man die Erfahrungen ihrer Vergangenheit zu verwerten versteht. So zeigt etwa der verfrühte neue Einsatz alter Werte durch die Surrealisten, die die unvollständig zerstörten dadaistischen Anti-Werte in durchaus gültigem Zusammenhang darstellten, daß der Versuch, auf nur teilweise entwerteten Werten aufzubauen, unweigerlich zur Integrierung durch die herrschenden Mechanismen der gesellschaftlichen Organisation führt. Das "kombinatorische" Vorgehen der heutigen Kybernetiker gegenüber der Kunst geht bis zu einer stolzen, völlig bedeutungslosen Anhäufung von irgendwelchen Elementen, die in keiner Weise entwertet worden sind. POPART und Jean-Luc Godard sind Rechtfertigungen von Abfallprodukten.

Der künstlerische Ausdruck ermöglicht auch eine vorsichtig tastende Suche nach neuen Agitations- und Propagandaformen. In diesem Sinn erlaubten die Kompositionen von Michele Bernstein 1963 (modellierter Gips, in dem Miniaturen von Bleisoldaten, Fahrzeugen und Panzern eingebrannt waren), die mit Titeln versehen waren wie "Sieg der Bonnot-Bande", "Sieg der Pariser Kommune", "Sieg der Budapester Arbeiterräte" eine gewisse Korrektur von Ereignissen, die künstlich in der Vergangenheit eingefroren waren, und einen Anlauf, die Geschichte der Arbeiterbewegung neu in Angriff zu nehmen und die Kunst in die Wirklichkeit zu übertragen. Wie begrenzt eine derartige Agitation auch sein und wie spekulativ sie auch bleiben mag, so öffnet sie doch den Weg zur spontanen Kreativität aller, und sei es durch den Beweis, daß ein Bereich besonders verfälscht ist und daß die Entwendung die einzige Sprache, die einzige Geste ist, die ihre eigene Kritik in sich trägt.

Die Kreativität ist unbegrenzt, die Entwendung ohne Ende.

VI. Die Zwischenwelt und die neue Unschuld

Die Zwischenwelt ist der Bauplatz der Subjektivitat, der Ort, wo sich die Rückstände der Macht und ihrer Korrosion mit dem Willen zu leben vermischen (1). - Die neue Unschuld befreit die Monster der Verinnerlichung und schleud«t die zerstörerische Gewalt der Zwischenwelt gegen die alte Ordnung der Dinge, die ihre Ursache ist (2).

1 Es gibt einen Saum gestörter Subjektivität, verschlissen durch die Reibung mit der Macht. Dort erregen schwelender Haß, die Götter der Rache, die Tyrannei des Neids und der Widerwille der Frustration ständige Unruhe. Eine Korrumpierung im Grenzbereich, die von allen Seiten droht; eine Zwischenwelt.

Die Zwischenwelt ist der Bauplatz der Subjektivität. Er enthält die wesentliche Rohheit, die des Polizisten und die des Aufständischen, die der Unterdrückung und die der Poesie der Revolte. Eine monströse Super-Raum-Zeit des Träumers bildet sich auf halbem Weg zwischen seiner spektakulären Integrierung und seinem Gebrauch für den Aufstand nach den Normen des individuellen Willens und in der Perspektive der Macht. Das tägliche Leben ist aufgrund seiner wachsenden Armut zum Gemeingut aller Nachforschungen geworden, zur Stätte eines offenen Gebietskampfes zwischen der schöpferischen Spontaneität und ihrer Korrumpierung. Artaud bezeugt als ausgezeichneter Forscher geistiger Tiefen die Zweifelhaftigkeit dieses Kampfes: "Das Unbewußte gehört mir nur im Traum und auch dann weiß ich nicht, ob das, was ich in ihm sehe, eine Form ist, die dazu bestimmt ist, Gestalt anzunehmen, oder aber ein Fremdkörper, den ich abgestoßen habe. Das Unterbewußte läßt die Voraussetzungen meines inneren Willens zum Vorschein kommen, aber ich weiß nicht genau, was dabei dominiert, ich glaube jedenfalls fest, daß nicht ich dabei die Oberhand habe, sondern ein Strom einander entgegengesetzter Wünsche, der, ohne daß ich weiß warum, in mir denkt und nur damit beschäftigt ist und nur den einen Gedanken kennt, meinen Platz in meinem Körper und meinem Ich einzunehmen. Alle diese schlechten Wünsche sehe ich jedoch im Vorbewußten, wo mich ihre Verlockungen miß brauchen, wieder, aber diesmal bin ich durch mein volles Bewußtsein gewappnet, ich sehe, wie sie sich entfesselt auf mich stürzen, doch was kümmert's mich, da ich doch jetzt fühle, daß ich da bin ? Ich werde daher gefühlt haben, daß ich wieder zu mir kommen muß, bis ich an den Punkt gelange, wo ich merke, daß ich mich zu entwickeln, daß ich zu begehren beginne." Und etwas später sagt Artaud: "Die Peyote hat mich dahin gebracht."

Das Abenteuer des Einsamen von Rodez klingt wie eine Warnung. Sein Bruch mit der surrealistischen Bewegung ist kennzeichnend. Er wirft der Gruppe vor, daß sie im Bolschewismus aufgeht, daß sie sich in den Dienst einer Revolution stellt - die, das sei nebenher bemerkt, zu den Erschießungen von Kronstadt führte -, anstatt die Revolution in ihren Dienst zu stellen. Artaud hat vollkommen recht, wenn er die Unfähigkeit der Bewegung angreift, ihren revolutionären Zusammenhang auf das zu gründen, an dem sie am reichsten war: auf den Vorrang der Subjektivität. Doch kaum hat er den Bruch mit dem Surrealismus vollzogen, schon verliert er sich in der Kultivierung seiner Einsamkeit und in der Magie des Denkens. Von der Verwirklichung des subjektiven Willens durch die Veränderung der Welt ist nicht mehr die Rede. Anstatt die Verinnerlichung nach außen in die Wirklichkeit zu kehren, verwandelt er sie in ein heiliges Feuer und entdeckt in der erstarrten Welt der Analogien einen permanenten, grundlegenden Mythos, zu dem hin allein die Wege der Ohnmacht führen. Wer zögert, den Brand, der ihn verzehrt, von sich zu schleudern, dem bleibt nur die Wahl zu verbrennen, sich nach den Gesetzen des Konsumierbaren in Nessos' Tunika der Ideologien zu verbrennen - gleich um welche Ideologien es sich handelt, Ideologie der Droge, der Kunst, der Psychoanalyse, der Theosophie oder der Revolution: genau das ändert an der Geschichte nichts.

*

Das Phantastische ist die Naturwissenschaft der Lösungsmöglichkeiten. Es ist keine parallele Welt, die dem Geist gelassen wird, um ihn für seine Mißerfolge in der Außenwelt zu entschädigen, es ist eine Kraft, die den Graben zwischen der Innenwelt und der Außenwelt zuschütten soll. Eine Praxis, die zur Aktionslosigkeit verdammt ist.

Fixe Ideen, Besessenheit, lodernder Haß und Sadismus lassen die Zwischenwelt als Schlupfloch für Wilde erscheinen, die der Freiheitsentzug rasend gemacht hat. Jedem steht es frei, in sie mit Hilfe des Traums, der Droge, des Alkohols, des Rausches der Sinne hinabzusteigen. In ihr herrscht eine Gewalt, die nur darauf wartet, freigesetzt zu werden, ein Klima, in das man sich einmal begeben sollte, und sei es auch nur, um das Bewußtsein, das tanzt und tötet, zu spüren, das Norman Brown dionysisches Bewußtsein genannt hat.

2 Die Morgenröte der Aufstände vertreibt nicht die Monster der Nacht. Sie treibt sie in die Städte, auf das Land, hüllt sie in Licht und Feuer. Die neue Unschuld ist der unheilvolle Traum, der Wirklichkeit wird. Die Subjektivität läßt sich nicht konstruieren, ohne all das zu vernichten, was sie verhindert; die dazu erforderliche Gewalt schöpft die Subjektivität aus der Zwischenwelt. Die neue Unschuld ist die zielbewußte Konstruktion einer Vernichtung.

Selbst der friedfertigste Mensch lebt in einem Reich blutiger Träume. Wie schwer ist es, diejenigen fürsorglich zu behandeln, die man nicht im offenen Kampf schlagen kann, diejenigen durch Freundlichkeit zu entwaffnen, die man im Augenblick schlecht gewaltsam entwaffnen kann. Diejenigen, die sich beinahe meiner bemächtigt hätten, verdienen all meinen Haß. Wie aber den Haß auslöschen, ohne seinen Grund zu beseitigen? Die Barbarei der Aufstände, die Brandstiftung, die Rohheit des Volkes, die Exzesse, die die bourgeoisen Historiker brandmarken, sind der geeignete Impfstoff gegen das kalte Grauen, das die Kräfte der Ordnung und der hierarchisierten Unterdrückung verbreiten.

In der neuen Unschuld bricht plötzlich die Zwischenwelt hervor und begräbt die Strukturen der Unterdrückung unter sich. Das Spiel der reinen Gewalt geht in der reinen Gewalt des revolutionären Spiels auf.

Nun wirkt der Schock der Freiheit Wunder. Nichts widersteht ihm, weder die Geisteskrankheiten noch die Gewissensbisse, weder Schuldgefühle noch das Gefühl der Ohnmacht oder die Erschöpfung, die die Umgebung der Macht bewirkt. Als eine Wasserleitung im Pawlowschen Laboratorium platzte, zeigte keiner der Hunde, die die Überschwemmung überlebten, auch nur die geringste Spur seiner langen Konditionierung. Wird die Sturmflut der großen gesellschaftlichen Umwälzungen auf die Menschen weniger wirken als eine Überschwemmung auf Hunde? W. Reich empfiehlt, affektgesperrten und gleichzeitig muskulär-hypertonen Neurotikern zu Wutausbrüchen zu verhelfen. Dieser Typ der Neurose scheint mir heute besonders weit verbreitet zu sein: es handelt sich um die Krankheit des Überlebens. Und ein zusammenhängender Wutausbruch kann in seiner völligen Konsequenz leicht einer generellen Erhebung gleichkommen.

Dreitausend Jahre in der Verdunkelung werden zehn Tage revolutionäre Gewalt nicht widerstehen können. Die Neukonstruktion der Gesellschaft wird gleichfalls zur Neukonstruktion des individuellen Unbewußten aller führen.

*

Die Revolution des Alltagslebens wird die Begriffe von Gerechtigkeit und Strafe aufheben, die dem Austausch und dem Stückwerk untergeordnet sind. Wir wollen keine Gerichtsherren sein, sondern Herren ohne Sklaven, die über die Aufhebung der Knechtschaft hinaus eine neue Unschuld finden, ein Leben von eigenen Gnaden. Es geht darum, den Feind zu vernichten, nicht ihn zu richten. In den von seiner Kolonne befreiten Dörfern versammelte Durruti die Bauern, bat sie, die Faschisten zu nennen, die er auf der Stelle erschoß. Die nächste Revolution wird den gleichen Weg gehen. Unbeschwert. Wir wissen, daß es niemanden mehr geben wird, um uns zu richten, daß es nie wieder Richter geben wird, weil wir sie alle aufgefressen haben.

Die neue Unschuld verlangt die Zerstörung einer dinglichen Ordnung, die seit jeher die Kunst zu leben begrenzt hat und heute auch noch den letzten Rest erlebter Echtheit bedroht. Um meine Freiheit zu verteidigen, brauche ich keinen einzigen Grund. Die Macht legitimiert meine Verteidigung jederzeit. In dem kurzen Dialog zwischen dem Anarchisten Duval und dem Polizisten, der ihn verhaften will, kann die neue Unschuld ihre spontane Rechtsprechung erkennen:

- Duval, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes.

- Und ich töte Dich im Namen der Freiheit.

Objekte bluten nicht. Diejenigen, auf denen das Eigengewicht der Dinge lastet, werden wie Dinge sterben. Wie jenes Porzellan, das die Revolutionäre zerbrachen, die sich, wie Victor Serge berichtet, folgendermaßen rechtfertigten: "Wir werden alles Porzellan der Welt zerschlagen, um das Leben zu ändern. Ihr liebt die Dinge zu sehr und die Menschen nicht genug ? Ihr liebt die Menschen zu sehr als Dinge und nicht als Menschen." Was nicht zerstört werden muß, verdient, daß wir es erhalten. Das ist die kürzeste Fassung unseres zukünftigen Strafgesetzbuches.

VII.Folge von »Wir sind Euch egal?«
Wir werden Euch nicht mehr lange egal sein

(Erklärung der Sans-Culottes der Rue Mouffetard an den Konvent am 9.12.1792)

In Los Angeles, in Prag, in Stockholm, in Stanleyville, in Turin, Mieres, Santo Domingo und Amsterdam, überall dort, wo die Geste und das Bewußtsein der Verweigerung zu erregenden Arbeitsniederlegungen in den Produktionsbetrieben der Gemeinschaftsillusionen führen, schreitet die Revolution des Alltagslebens voran. Während sich das Elend universell verbreitet, wachsen Reichtum und Leidenschaft der Auflehnung. Was lange Zeit der Grund für einzelne Auseinandersetzungen war, Hunger, Zwang, Langeweile, Krankheit, Angst, Vereinsamung und Lüge, enthüllt heute seine grundlegende Rationalität, seine leere, umfassende Form, seine furchtbar unterdrückende Abstraktion. Die treibenden Kräfte einer ganz neuen Gesellschaft, die es noch zu erfinden gilt und die dennoch bereits gegenwärtig ist, nehmen den Kampf mit der Welt der hierarchisierten Macht auf, mit dem Staat, dem Opfer, dem Tausch und dem Quantitativen - mit der Ware als Wille und Vorstellung der Welt. Die revolutionäre Praxis entwickelt künftig alle Gebiete des Erdballs, indem sie negativ in positiv verwandelt, im Feuer ihrer Aufstände die verborgene Seite der Erde beleuchtet und die Landkarte ihrer Eroberungen anfertigt.

Allein die wirkliche revolutionäre Praxis gibt den Anleitungen zum Gebrauch von Waffen die notwendige Präzision, ohne die selbst die besten Vorschläge begrenzt und zufällig bleiben. Doch die gleiche Praxis zeigt auch, daß sie furchtbar leicht korrumpiert werden kann, sobald sie ihre eigene Rationalität verrät - eine nicht mehr abstrakte, sondern konkrete Rationalität der Aufhebung der leeren und universellen Form der Ware -, die allein eine Objektivierung gestattet, die nicht entfremdet: die Verwirklichung von Kunst und Philosophie im individuell Erlebten. Der Kraft- und Expansionsstrom solch einer Rationalität entsteht aus dem nicht mehr nur zufälligen Zusammentreffen zweier unter Spannung stehender Pole. Er ist der Funke zwischen der Subjektivität, die aus dem Totalitarismus der Bedingungen der Unterdrückung den Willen schöpft, alles zu sein, und dem geschichtlichen Zerfall des generalisierten Systems der Ware. Die Konflikte des Daseins unterscheiden sich qualitativ nicht von den Konflikten der Gesamtheit der Menschen. Deshalb können die Menschen nur dann hoffen, die Gesetze zu kontrollieren, die ihre allgemeine Geschichte beherrschen, wenn sie zur gleichen Zeit ihre individuelle Geschichte kontrollieren. Alle diejenigen, die der Revolution näher kommen wollen, sich dabei aber von sich selbst entfernen - alle Aktivisten -, wenden ihr in Wahrheit den Rücken zu. Gegen den Voluntarismus und gegen die Mystik einer geschichtlich zwangsläufigen Revolution gilt es die Idee eines Zugangsplans, einer zugleich vernünftigen und leidenschaftlichen Konstruktion, in der sich die unmittelbaren subjektiven Forderungen mit den objektiven gegenwärtigen Bedingungen dialektisch vereinen, zu verbreiten. In der Dialektik der Totalität und des Stückwerks ist die geneigte Ebene der Revolution das Projekt, das tägliche Leben durch und im Kampf gegen die Warenform so zu konstruieren, daß jedes besondere Stadium der Revolution ihre letztliche Vollendung darstellt. Weder ein Maximalprogramm noch ein Minimalprogramm oder ein Übergangsprogramm, sondern eine Strategie der Gesamtheit, die sich auf die Wesensmerkmale des zu zerschlagenden Systems stützt, gegen die die ersten Schläge gerichtet werden.

Die revolutionären Gruppen müssen im aufständischen Moment und folglich auch ab sofort die Probleme, die die Verschiedenartigkeit der Umstände schafft, global stellen, so wie das Proletariat sie global lösen wird, indem es sich auflöst. Nennen wir unter anderen folgende Probleme: Wie läßt sich konkret die Arbeit, ihre Teilung, die Gegenüberstellung von Arbeit und Freizeit aufheben (Problem der Neukonstruktion menschlicher Beziehungen durch eine leidenschaftliche und bewußte Praxis, die alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens einbezieht etc.)? Wie läßt sich konkret der Austausch aufheben (Problem der Entwendung des Geldes und damit auch der Subversion durch Falschgeld, Problem von Beziehungen, die das alte Wirtschaftssystem zerstören, Problem der Liquidierung der parasitären Bereiche etc.)? Wie läßt sich konkret der Staat und jede andere Form entfremdender Gemeinschaft aufheben (Problem der Konstruktion von Situationen, von selbstverwaltenden Versammlungen, eines positiven Rechts, das alle Freiheiten verbürgt und die Aufhebung rückständiger Bereiche gestattet etc.)? Wie läßt sich von Schlüssel-Zonen ausgehend die Ausweitung der Bewegung organisieren, um die Gesamtheit der überall bestehenden Verhältnisse zu revolutionieren (Selbstverteidigung, Beziehungen zu noch nicht befreiten Gebieten, allgemeiner Zugang zu Gebrauch und Herstellung von Waffen etc.)?

Zwischen der alten, sich desorganisierenden Gesellschaft und der neuen Gesellschaft, die es zu organisieren gilt, gibt die Situationistische Internationale ein Beispiel für eine Gruppe, die ihren revolutionären Zusammenhang sucht. Ihre Bedeutung liegt, wie die jeder anderen Gruppe, die die Poesie in sich trägt, darin, daß sie als Modell für die neue gesellschaftliche Organisation dienen wird. Dementsprechend muß die Reproduktion der von außen kommenden Unterdrückung (Hierarchie, Bürokratisierung ?) im Inneren der Bewegung verhindert werden. Aber wie? Durch die Forderung, daß die Beteiligung eines jeden der Aufrechterhaltung der wirklichen Gleichheit aller untergeordnet wird; diese Gleichheit ist kein metaphysisches Recht, sondern eine Norm, die erreicht werden muß. Die Gruppe muß unverzüglich jedes Absinken des theoretischen Niveaus, jede Aufgabe der Praxis und jede Kompromittierung sanktionieren, um zu vermeiden, daß sich autoritäre oder passive Beziehungen (zwischen Führern und Aktiven) herausbilden. Nichts gestattet uns, Leute zu tolerieren, die das herrschende System sehr gut zu tolerieren weiß. Ausschluß und Bruch sind die einzige Verteidigung gegen eine Gefährdung des Zusammenhangs.

Ähnlich erfordert das Projekt, die verstreute Poesie zu sammeln, die Fähigkeit, autonome revolutionäre Gruppen zu erkennen, ihre Bildung anzuregen, sie zu radikalisieren und sich mit ihnen zu verbünden, ohne jemals eine Führungsposition einzunehmen. Die Situationistische Internationale hat die Funktion einer Achse: überall als Achse zu wirken, die von der volkstümlichen Agitation in Schwingungen versetzt wird und ihrerseits die Schwingungen erweitert und ausbreitet. Die Situationisten erkennen die Ihrigen mit Hilfe des Kriteriums des revolutionären Zusammenhangs.

Die lange Revolution führt uns zum Aufbau einer parallelen Gesellschaft, die der herrschenden Gesellschaft entgegengesetzt ist, auf dem Weg, an ihre Stelle zu treten; oder besser noch: zur Konstituierung von verbündeten Mikrogesellschaften, wahrhaften Guerilla-Stützpunkten im Kampf für die generalisierte Selbstverwaltung. Die wirkliche Radikalität gestattet alle Varianten, garantiert alle Freiheiten.

Die Situationisten treten der Welt deshalb nicht mit einer neuen Gesellschaftsform entgegen: hier ist die ideale Organisation, hier knie nieder! Sie zeigen allein dadurch, daß sie mit dem schärfsten Bewußtsein für sich selbst kämpfen, warum die Menschen eigentlich kämpfen und warum sie sich das Bewußtsein eines derartigen Kampfes aneignen müssen.

(1963- 1965)


Toast auf die revolutionären Arbeiter

Die radikale Kritik hat nur die alte Welt analysiert und das, was sie verneint. Sie muß jetzt ihre Verwirklichung in der Praxis der revolutionären Massen finden oder ihr zum Trotz sich verneinen.

Solange das Projekt des totalen Menschen das Gespenst bleibt, das umgeht, wo die unmittelbare individuelle Verwirklichung fehlt, solange das Proletariat nicht tatsächlich die Theorie denjenigen entrissen hat, die sie aus ihrer eigenen Bewegung heraus erlernen, geht es auf einen Schritt vor in der Radikalität stets zwei Schritte zurück in der Ideologie.

Indem es die Proletarier dazu anstachelte, sich der dem täglich Erlebten und Nicht-Erlebten entnommenen Theorie zu bemächtigen, nahm das Handbuch, ebenso wie die Partei der Aufhebung, die Gefahr sämtlicher Verfälschungen in Kauf, denen es durch den Rückstand ausgesetzt wurde, in den seine aufständische Praxis geraten war. Sobald die radikale Theorie der von der Geschichte plötzlich gebremsten Bewegung des revolutionären Bewußtseins entgeht, wird sie anders und bleibt doch sie selbst, entgeht sie nicht völlig der ihr ähnlichen und verkehrten Bewegung, der Rückbildung zum getrennten Denken, zum Spektakel. Und daß sie ihre eigene Kritik in sich trägt, setzt sie nie größerer Gefahr aus, als zusätzlich zu dem ideologischen Gewürm - das hier vom Subjektivismus bis zum Nihilismus reicht, über die Pseudogemeinschaft und den apolitischen Hedonismus - die aufgeblasenen Frösche der kritischen Kritik zu ertragen. Das Zögern einer radikalen Arbeiteraktion, die bald in den Dienst der individuellen Leidenschaften und Bedürfnisse die Areale der Produktion und des Konsums stellen wird, die sie anfangs allein zu entwenden imstande ist, hat gezeigt, daß es der Fraktion des Proletariats, die keinen direkten Einfluß auf die ökonomischen Mechanismen hat, lediglich gelungen ist, in ihrer Aufstiegsphase eine Theorie zu formulieren und zu verbreiten, die sie, unfihig sie aus sich selbst heraus zu verwirklichen und zu korrigieren, in der Phase ihres Niedergangs in eine intellektuelle Rückbildung verwandelt. Dem ungebraucht gebliebenen Bewußtsein bleibt nur die Rechtfertigung als gebrauchtes Bewußtsein.

Das Beste, was der subjektive Ausdruck des situationistischen Projekts bei der Vorbereitung des Mai 1968 und bei der Bewußtwerdung der neuen Formen der Ausbeutung hat geben können, ist darauf das Schlimmste bei der intellektualisierten Lektüre geworden, der sich die Ohnmacht sehr vieler ergeben hat bei dem Versuch zu zerstören, was allein die für die Schlüsselsektoren der Produktion und des Konsums verantwortlichen Arbeiter zerstören konnten - weniger übrigens durch Besetzung als durch Sabotage und Entwendung.

Weil das situationistische Projekt das am weitesten entwickelte praktische Denken dieses Proletariats war, das keinen Zugang zu den Nervenzentren des Warenprozesses hatte, und auch weil es sich stets als einzige Aufgabe die Vernichtung der sozialen Organisation des Überlebens zugunsten der generalisierten Selbstverwaltung gestellt hat, kann es nur früher oder später wieder seine wirkliche Bewegung im Arbeitermilieu aufnehmen, wobei es dem Spektakel und seinen kritischen Blähungen überlassen bleibt, es zu entdecken oder es um Scholien zu vermehren.

Die radikale Theorie gehört dem, der sie besser macht. Sie gegen das Buch, die kulturelle Ware zu verteidigen, wo sie zu häufig und zu lange ausgestellt bleibt, bedeutet nicht, den Arbeiter, der Gegner der Arbeit, des Opfers, der Hierarchie ist, aufzurufen gegen den Proletarier, der auf das - wehrlose - Bewußtsein derselben Weigerungen reduziert ist; es bedeutet, von denjenigen, die an der Basis des einheitlichen Kampfes gegen die Überlebensgesellschaft stehen, zu verlangen, sich der Ausdrucksweisen zu bedienen, über die sie mit größter Wirksamkeit verfügen, der revolutionären Taten, die ihre Sprache unter den Bedingungen schaffen, die ihrerseits geschaffen werden, um jede Umkehr unmöglich zu machen. Die Sabotage der Zwangsarbeit, die Zerstörung des Produktions- und Reproduktionsprozesses der Ware, die Entwendung der Lagervorräte und der Produktivkräfte zugunsten der Revolutionäre und aller, die aufgrund leidenschaftlicher Anziehung zu ihnen stoßen: das ist es, was nicht nur der bürokratischen Reserve ein Ende machen kann, die die intellektuellen Arbeiter und die Arbeiterintellektuellen bilden, sondern auch der Trennung zwischen intellektuell und manuell, allen Trennungen. Gegen die Arbeitsteilung und die universelle Fabrik: Einheit der Nicht-Arbeit und generalisierte Selbstverwaltung!

Die Evidenz der Hauptthesen des Handbuchs muß sich jetzt in den Händen seiner Anti-Leser in der Form konkreter Ergebnisse manifestieren. Nicht mehr in einer studentischen Agitation, sondern in der totalen Revolution. Die Theorie muß die Gewalt dahin tragen, wo die Gewalt bereits ist. Arbeiter von Asturien, Limburg, Posen, Lyon, Detroit, Liverpool, Kiruna, Coimbra, an Euch ist es, dem gesamten Proletariat die Macht zu verleihen, die Lust an der für sich und für alle gemachten Revolution um die Lust zu vergrößern, die tagtäglich der Liebe entspringt, der Zerstörung der Zwänge, dem Genuß der Leidenschaften. Ohne die Kritik der Waffen sind die Waffen der Kritik Waffen des Selbstmords. Viele Proletarier werden, falls sie nicht der Verzweiflung des Terrorismus oder dem Elend des politischen Aktivismus erliegen, zu Voyeuren der Arbeiterklasse, zu Zuschauern ihrer eigenen, verschobenen Wirksamkeit. Zufrieden damit, Revolutionäre kraft Vollmacht zu sein, weil sie als Revolutionäre ohne Revolution geschlagen und hintergangen worden sind, warten sie darauf, daß sich der tendenzielle Fall der Macht der bürokratischen Kader beschleunigt, um ihre Vermittlung anzubieten und sich im Namen ihrer objektiven Ohnmacht, das Spektakel zu zerschlagen, als Chefs aufzuführen. Deshalb ist es so wichtig, daß die Organisation der aufständischen Arbeiter - die einzige, die heute erforderlich ist - das Werk der aufständischen Arbeiter selbst ist, um als Organisationsmodell dem gesamten Proletariat zu dienen in seinem Kampf um die generalisierte Selbstverwaltung. Mit ihr ist endgültig Schluß mit den repressiven Organisationen (den Staaten, Parteien, Gewerkschaften, hierarchisierten Gruppen) und mit ihrer kritischen Ergänzung, dem Organisationsfetischismus, der im nichtproduzierenden Proletariat grassiert. Sie wird in der unmittelbaren Praxis den Widerspruch zwischen Voluntarismus und Realismus korrigieren, durch den die S.I.1, die nur über die Mittel des Ausschlusses und des Bruchs verfügte, um die unaufhörliche Reproduzierung der herrschenden Welt in der Gruppe zu verhindern, ihre Grenzen gezeigt und ihre Unfähigkeit dargetan hat, die intersubjektive Einigkeit und Uneinigkeit zu harmonisieren, Und sie wird schließlich beweisen, daß die Fraktion des Proletariats, die nicht die konkreten Möglichkeiten der Entwendung der Produktionsmittel hat, weniger Organisationen braucht als Individuen, die auf eigene Faust handeln, sich gelegentlich zu Sabotagekommandos zusammenschließen, die intervenieren, wann und wo ihnen eine taktische und strategische Wirksamkeit garantiert erscheint, und die nur die eine Sorge haben, vorbehaltlos zu genießen und untrennbar überall die Funken der Arbeiterguerilla zu schüren, das negative und positive Feuer, das von der Basis des Proletariats kommend auch die einzige Basis für die Liquidierung des Proletariats und der Klassengesellschaft ist.

Wenn den Arbeitern der Zusammenhang ihrer möglichen Wirksamkeit fehlt, so haben sie zumindest die Gewißheit, sie für alle und endgültig zu erwerben, denn durch die Erfahrung der wilden Streiks und der Aufstände hindurch manifestiert sich klar das Wiederentstehen der Räteversammlungen, die Rückkehr der Kommunen, deren plötzliches Auftauchen nur diejenigen überraschen wird - für die Dauer eines repressiven Gegenangriffs, der ohne Vergleich mit der Repression intellektueller Bewegungen ist -, die nicht unter der Verschiedenheit der spektakulären Bewegungslosigkeit den einheitlichen Fortschritt des alten Maulwurfs erkennen, den untergründigen Kampf des Proletariats um die Aneignung der Geschichte und den globalen Umsturz aller Bedingungen des täglichen Lebens. Und die Notwendigkeit der für sich gemachten Geschichte enthüllt auch ihre Ironie in dem negativen Zusammenhang, bis zu dem das unbewaffnete Proletariat bestenfalls kommt, ein hohler Zusammenhang, der überall eine Warnung vor dem ist, was die Arbeiterradikalität von innen heraus bedroht: die Intellektualisierung mit ihrer Rückbildung des Bewußtseins zum Wissen und zur Kultur; die vom Prestige Besessenen, die mehr um die Erneuerung der Rollen bemüht sind als um ihr Verschwinden im spielerischen Wettstreit der Basisguerilla; der Verzicht auf die konkrete Subversion, auf eine revolutionäre Eroberung des Territoriums und ihre einheitlich internationale Bewegung, die zum Ende der Trennungen führt, zum Ende des Opfers, der Hierarchie, der Ware in all ihren Formen.

Die Herausforderung, die die Verdinglichung heute für jeden bildet, liegt nicht mehr im theoretischen "Was tun?", sondern in der Praxis der revolutionären Tatsache. Wer nicht in der Revolution die Leidenschaft entdeckt, die der Angelpunkt für alle anderen ist, hat nur die Schatten der Lust. In diesem Sinn ist das Handbuch der kürzeste Weg der individuellen Subjektivität zu ihrer Verwirklichung in der von allen gemachten Geschichte. Auf die lange Revolution bezogen ist es nur ein Punkt, aber einer der Ausgangspunkte der kommunalistischen Bewegung generalisierter Selbstverwaltung, wie es nur ein Entwurf ist, aber des Todesurteils, das die Überlebensgesellschaft über sich selbst verhängt und das die Internationale der Fabriken, Länder und Straßen ohne Berufungsmöglichkeit vollziehen wird.

Eine Welt von Genüssen ist zu gewinnen. Wir haben dabei nichts zu verlieren als die Langeweile.
Oktober 1972



1 Ich habe mich von der Situationistischen Internationale und ihrer zunehmenden Menge von Unwichtigem im November 1970 getrennt.

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