Wie kann jemandem geholfen werden, der Mühe hat mit seiner Homosexualität? Wo soll die Beratung ansetzen? Sechs Tipps von Sexualberater Markus Hoffmann.
Die Haltung des „sich als anders empfinden” wird auch „Defensiv-Distanz” genannt und beschreibt einen inneren Zustand, der sich beim Jungen auf die Aneignung von männlicher Identität auswirkt. Der Junge, der sich anders als andere Jungen fühlt, verändert seine Wahrnehmung und beobachtet aus kritischer Distanz das Leben, vor allem in der Gruppe der Gleichgeschlechtlichen und Gleichaltrigen. Der Umgang der Jungen miteinander macht ihm häufig Angst, er fühlt sich minderwertig und ausgegrenzt. Dass er trotzdem in der Haltung des Beobachters bleibt, der sich ständig vergleicht oder die „geheimnisvollen” anderen Jungen bewundert, hängt mit der Geschlechtsidentität zusammen, die er sucht und die er in sich nicht finden kann. Letztlich schneidet sich ein Junge mit dieser Haltung von wichtigen Identifikationsprozessen ab und gelangt nicht zu seiner geschlechtlichen Identität. Die Homosexualität ist daher als ein Versuch zu verstehen, das eigene Identitätsdefizit durch einen anderen Mann auszufüllen.
Für Berater ist wichtig zu wissen, dass nicht die Defensiv-Distanz als solche, sondern das Verhalten und die inneren Bewertungsvorgänge sowie die Lösungsversuche, die ein Mensch konstruiert, um mit seinem inneren Dilemma zurechtzukommen, erkannt werden müssen, um wirksam zu helfen. Denn die Defensiv-Distanz löst eine Entwicklung aus, die auch das gegenwärtige Leben des Homosexuellen prägt und immer wieder zu Situationen führt, in der die Homosexualität als Reparationsversuch für die eigenen Minderwertigkeitsgefühle herhalten muss. So kann konkret geholfen werden:
1. Zur Annahme verhelfen
Menschen mit homosexuellen Gefühlen kommen meist mit übergrossen Schuldgefühlen, Selbsthass und einem verzerrten Gottesbild in die Beratung. Sie erwarten, dass sie von ihren sexuellen Problemen „geheilt“ werden. Der erste Schritt ist, dass den Betroffenen ein Verhältnis zu ihrem Problem vermittelt wird. So wird zum Beispiel erklärt, dass Homosexualität nicht primär ein sexuelles, sondern ein Identitätsproblem darstellt, und dass es derzeit keine wissenschaftlichen Beweise für eine biologische Verursachung für Homosexualität gibt und auch kein drittes Geschlecht, wie selbst mancher Christ inzwischen glaubt. Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Somit ist jeder Mensch grundsätzlich heterosexuell – und manche haben ein homosexuelles Problem.
2. Eine Spiritualität aufbauen
Annahme wie oben beschrieben, braucht einen geistlichen Grund. Wer als Christ lebt, darf wissen, ein Kind Gottes zu sein. Diese Identität und dieses Bild hat vor Gott heute schon Bestand, mitten im Problem, und nicht erst dann, wenn das Problem gelöst ist. Es ist wichtig, mit Betroffenen eine „Spiritualität der Annahme” einzuüben.
3. Eine solide Diagnose
In der Beratung von Homosexualität ist eine Diagnose wichtig. Dabei darf man sich nicht auf irgendwelche Interpretationsschablonen verlassen. Jedes homosexuelle Problem hat seine eigene Dynamik, und es ist für das Anstossen eines Veränderungsprozesses wichtig, sie zu erkennen. Lassen Sie sich neben der Lebensgeschichte auch beschreiben, wie das homosexuelle Problem im Alltag vorkommt! Hören Sie genau hin, ob noch andere Probleme da sind, die eine Bearbeitung des homosexuellen Problems verbieten. Ungeeignet ist jede Diagnose, die festschreibt. So auch diejenige, mit der aufgrund der sexuellen Phantasien und Träume festgelegt wird, ob jemand ein unveränderbar Homosexueller ist oder eine heterosexuelle Veranlagung hat.
4. Realistisches Zeitmass
Bitte versprechen Sie keine schnelle Veränderung! Ein Weg aus der Homosexualität kann Jahre dauern. Da Homosexualität ein Identitätsproblem ist, werden Konflikte auftreten, wenn in sozialen Situationen oder Lebenskrisen das Verwundungspotential berührt wird. Dies sollte man Betroffenen mitteilen. Nicht, um sie zu erschrecken, sondern um eine realistische Grundlage zu schaffen.
5. Den Weg der Versöhnung gehen
Will eine Person ihre Grundeinstellung zu sich und zum Leben verändern, muss sie den Weg der Versöhnung gehen. Wichtig für einen homosexuell fühlenden Menschen ist die Versöhnung mit den Personen, die ihn in seiner Männlichkeit, bzw. die sie in ihrer Weiblichkeit, verletzt oder behindert haben. Hier können der Vater, die Mutter und andere Personen wichtig sein, ebenso wie die Aussöhnung mit dem eigenen Körper oder dem eigenen Versagen.
6. Im Alltag leben
In der Beratung von homosexuell empfindenden Menschen muss man immer wieder den Alltag im Blick haben. So braucht jemand, der seine Identität als nicht komplett empfindet, Orte und Menschen, wo er nachholen kann. Daher ist für jeden homosexuell Empfindenden wichtig, nicht-erotische gleichgeschlechtliche Freundschaften zu leben und eine Gemeinde zu haben, in die er sich mit seinen Gaben einbringen kann.
Autor: Markus Hoffmann (42), verheiratet, 2 Kinder, arbeitet für die christliche Initiative „Wüstenstrom“, die Menschen in sexuellen Konflikten berät. Zudem ist er der Koordinator von „Living Waters Deutschland”, ebenfalls eine Sexualberatungsinitiative.