Aktivitäten der 'deutschen Privatgesellschaft'


Johann Albert Colmars Schriften für die "teutsche Privatgesellschaft" sind am saubersten zusammengestellt, -geheftet und auch am leserlichsten geschrieben. Er wurde am 11. November 1778 aufgenommen und hielt eine Eintrittsrede. Schon am 2. Dezember 1778 war er wieder an der Reihe: Er las über den Streit der Horazier und der Curiazier. (Das Thema diente einige Jahre später Jacques Louis David zu einem republikanischen Gemälde.) Es scheint üblich gewesen zu sein, daß reihum eines der übrigen Mitglieder zu solchen Vorträgen Rezensionen schrieb. Das entsprechende Blatt Angerers liegt bei. Colmar fand offenbar Anklang und ließ sich davon anspornen. Zum Abschied Drechslers am 24. März 1779 lieferte er wieder vier Oktav-Seiten. Und unter dem Datum vom 21. April 1779 findet man ein Geheft von zwölf Seiten, acht davon reine Textseiten, mit einer Übersetzung Colmars aus dem Ovid: Phillis an Demophoon .

Das Frühjahr 1779 scheint in der Gesellschaft besonders geschäftig verlaufen zu sein. Angerer wagte sich mit etwas Satirischem vor die Leute: Der Landgeistliche im Coelibat, ein Gedicht in der Altdorfischen Deutschen Gesellschaft vorgelesen von Johann Gottfried Angerer. D. 17. März 1779. Ein anderer tat dem bardenseligen Zeitalter den Gefallen, jene berühmte literarische Fälschung wiederum teilweise ins Deutsche zu bringen -- Goethes Werther tat's ja auch --: Johann Balbach, Ossians Colmar und Colmal, Nach Macphersons Ausgabe, dieses Dichters, aus dem Englischen übersezt, Altdorf im Monat April 1779.

Über Balbach schreibt Nopitsch in der erwähnten Ausgabe des "Nürnbergischen Gelehrtenlexikons", daß er 1757 als Sohn eines Bäckers in Nürnberg geboren war. Er besuchte die Lorenzer Schule und studierte dann in Altdorf Philosophie und Philologie (u. a. bei Will und Nagel), Theologie (u.a. bei Dietelmair) und wurde Hauslehrer bei dem Dozenten Dr. Riederer. Erwähnt ist auch seine Mitgliedschaft in der deutschen Privatgesellschaft, "in der er allerlei gute Aufsätze lieferte und theils zum Druck brachte." Mit seiner Berufslaufbahn ging es nicht sehr gut voran; er war 11 Jahre lang Kandidat, davon 9 Jahre Katechet bei St. Peter, bevor er 1791 Zweiter Hospitalprediger wurde. Kein Wunder, daß er aus seiner -- damals noch recht seltenen -- Beherrschung der englischen Sprache Gewinn schöpfen wollte und unter anderem zum Druck gab: Tales of Ossian, for use and Entertainment. Nbg. 1784, 2. Aufl. 1794 -- A new Collection of Commercial-Letters. Ein Lesebuch für diejenigen, welche die englische Sprache in Hinsicht auf Kaufmännische Geschäfte erlernen wollen. Nürnb. 1789. Dazu vier bebilderte Werke über Neu-Süd-Wales, 1791 bis 94. (Die Bereitschaft, wenigstens in Gedanken bis nach den Antipoden zu schweifen, ist in den beengten Verhältnissen dieser Jahre ein Silberstreif am Nürnberger Horizont.) Balbach verfaßte auch moralische Jugendschriften, etwa Lebensgeschichte der Rosine Meyerin; oder die glücklichen Folgen eines guten Verhaltens. Ein Lehrbuch für Mädchen und Jünglinge zur Beförderung einer würdigen Ausbildung ihres Geistes und Herzens. Mit Kupfern. (Nach dem Englischen) Nürnb. 1793 -- und erinnert dadurch an den Umstand, daß das Aufkommen einer speziell für Jugendliche verfaßten Literatur oft nach englischem Muster betrieben wurde.

Am 28. April 1779 nahm sich Link der Theorie der Sprachpflege an und hielt Eine Vorlesung über Sprache, und ihren Einflus in Sitten und Denkungs-Art der Menschen, [...] Den Zusammenhang einmal in dieser Richtung zu sehen, war damals gewiß noch außerordentlich, wenn erst im nächsten Jahrhundert eine autoritative Stellungnahme dazu durch Wilhelm von Humboldt erfolgte.

Colmar wurde abermals tätig: Über das Mitleid, den 9. Junius 1779 vorgelesen von Colmar ist die vierte seiner "Vorlesungen", die er fortlaufend bezifferte. Zwei Rezensionsblätter liegen bei, das eine von Goez, das andere anscheinend von Link. Colmars fünfte Vorlesung war am 24. August 1779 fällig; sie besteht aus einem Teil A: Die Zufriedenheit, Horaz nachgeahmt, Buch II ode 18 und einem theoretischen Teil B: Über die Übersezung. Ein Fragment. Rezensiert wurde der Vortrag von Link.

Ebenfalls zwei Teile hatte die sechste Vorlesung, die Colmar am 20 Oktober 1779 hielt: Teil A Der Tadler und Teil B Abschied von meinem lieben Dörfgen, ein Gedicht . Dazu schien Colmar eine Anmerkung notwendig, da er ja schließlich nicht zu der Gesellschaftsklasse gehörte, die ein Dorf ihr eigen nennen konnte. Wir haben an dieser Anmerkung ein besonders schönes Beispiel dafür, wie das Ablösen eines besitzsprachlichen Ausdrucks von seiner ursprünglichen Bedeutung seelische Güter statt der materiellen möglich macht, sie aber dadurch auch um ihre rein seelische Funktion bringt; plötzlich wird die Freundschaft eine Art von Ware, oder genauer, von Währung, womit man Empfindungen von Gütern anderer Menschen erwerben kann, als ob sie einem selber gehörten: "Almeshof, bei Nürnberg. Ein Teil davon gehört dem Vater meines Freundes von Praun. Obgleich keine Scholle mein war, so war doch, durch den Besiz der Freundschaft, alles mein."

-- Das Leben ein Traum, Oeuvres du Philosophe de Sans Souci, p. 28. vorgelesen d. 8. des Christmonats 1779 von Colmar. Rezension von Leuchs.

Ein formeller Jahresabschluß gehörte nun offenbar zu den Gepflogenheiten. Link, der allem Anschein nach als das Haupt der Gruppe angesehen werden muß, lieferte acht Doppelblätter, in denen eine Übersicht sowie ein Gedicht geboten wurden: Am Schluß der teutschen Gesellschaft, im Jahr 1779. Vielleicht handelt es sich bei dieser Neueinführung um den Versuch, eine Standortbestimmung vorzunehmen, denn es scheint Spannungen gegeben zu haben. Jedenfalls wurden die Mitglieder, wie schon unter Lilidor I. im Blumenorden, zu Verbesserungsvorschlägen der Satzung angehalten, und einige beeilten sich mit Entwürfen. Schon am 16. Januar 1780 waren Colmars "Verbesserungsvorschläge" zur Stelle. Link selbst datierte sein Opus nicht, ließ sich aber ganze sechs Seiten einfallen: Revision der Sazung und Ordnungen und Gebote der teutsch. Gesellschaft, von einem ihrer Mitglieder, Karl Link. Und noch ein Schreiben lief ein: Scherflein zur Revision der Geseze der deutschen Gesellschaft, von J.[ohann] A.[dam] Goez.

Von letzterem erscheint solche Beteiligung zunächst überraschender als etwa von Friederich, der sich aber hier zurückhielt; Goez ist in der Schachtel sonst nur durch einige Gedichte (und die erwähnte Rezension) vertreten. Wieder berührt es sonderbar vertraut, die Titel seiner Gedichte zu lesen: Todtengesang -- Wohltäthigkeit gegen die Armen -- Freundschaft -- Luna -- Auf seine Taube -- Anakreon an die Leier -- Anakreon auf die Mädchen -- Anakreon auf den Eros -- An den Mond . Er war 1756 in Nürnberg geboren und hatte 1775 in Altdorf zu studieren angefangen, "wo er sowohl ein Mitglied der lateinischen öffentlichen als auch der deutschen Privat-Gesellschaft daselbst war." Diese Unterscheidung aus dem Nürnbergischen Gelehrten-Lexicon , das ihn übrigens "Göz" schreibt, zeigt in aller Schärfe, wie die institutionalisierten Übungsstunden für die Disputationen, die am Ende der akademischen Ausbildung zu stehen pflegten, das Muster abgegeben haben müssen für die auf eigene Initiative errichteten geistigen Freiräume, in denen man einander auf deutsch Aufgaben vorlegte, die zu bürgerlicher Verantwortung für das Gemeinwesen befähigen sollten. Und Goez brachte sogar derartige Ausarbeitungen noch in Altdorf zum Druck; Nopitsch nennt u.a. Ueber das Wollüstige im Studiren. Unserm von Scheurl bey seinem Abschied geheiligt. Altd. (1778.) und Ueber den Einfluß des guten Herzens in die Empfindung des Aesthetisch-schönen. Unserm Friedrich [sic] geheiligt. 1779. Vielleicht finden sich diese Arbeiten, die deutlichen Bezug auf die Privatgesellschaft verraten, nur deswegen nicht unter ihren Papieren, weil ein Drucker damals das Manuskript in der Regel nicht zurückerstattete sondern makulierte, sobald der Druck beendet war. Goez, der mit Titeln dieser Art an das pädagogische Hochgefühl eines Basedow'schen Philanthropinen erinnert, brachte es 1788 zum Lehrer an der Schule von St. Sebald, 1800 zu ihrem Rektor.

Die eigentliche Arbeit der Gesellschaft wurde durch die Erörterung der Satzung nicht aufgehalten. Es scheint, daß die Studenten jener Tage nicht nur keinen Ekel davor empfanden, Aufsätze zu schreiben; man hatte im Laufe ihrer Ausbildung von ihnen derartige Ausarbeitungen verlangt, aber auf lateinisch und oft mit unzeitgemäßer Problemstellung, und sie müssen einen starken Reiz empfunden haben, ihre Gedanken -- neuartig empfundene! -- nun auch auf deutsch niederzulegen. Im Grunde holte diese Generation nach, was auf höherer Ebene schon zu Huttens und Melanchthons Zeiten fällig war und von einzelnen in wenigen Gattungen auch geübt wurde, nämlich, den lateinisch- und griechischsprachlichen Humanismus zu nationalisieren. In anderen Ländern hatten diese Bestrebungen in die Breite gewirkt; bei uns war noch Harsdörfer ein Wegweisender unter mehreren, aber nicht eben vielen gewesen. Die alten Ziele des Pegnesischen Blumenordens waren um 1780 bei einer neuen Schicht und Altersgruppe ganz gut aufgehoben, wenn die Verbreiterung des Ansatzes auch zunächst auf dem Niveau des Schulaufsatzes daherkam und die Gediegenheit einzelner Leistungen barocker Gelehrter nicht erreichte. Aber gerade weil die jungen Leute sich der Sache annahmen, um sich von den alten Zöpfen abzusetzen, ganz unbekümmert um Vergleiche mit den Spitzenleistungen anderer Zeiten, im Vollgefühl der Originalität (auch wenn es trog) -- gerade deshalb hatte die deutsche Kultur auf einmal Zukunft. Von der Null-Bock-Mentalität unserer Achtzehnjährigen hatten diese Studenten jedenfalls nichts. Sie mußten ja auch solche Dinge nicht im Rahmen regelmäßiger Leistungserhebungen verzapfen. Sie beurteilten einander gegenseitig. Das sollte man einmal wieder zulassen, auf die Gefahr hin, daß die Unwilligen und Unfähigen sich drückten, und die geplagten Deutschlehrer könnten aufatmen. (Wenigstens erhält es von daher Sinn, daß der Pegnesische Blumenorden seit 1994 Deutsch-Facharbeiten aus der Kollegstufe prämiiert.)

Der unermüdliche Colmar lieferte das Manuskript einer ganzen Vorlesungsreihe: Ciceros Paradoxa (Geheimnisse) an Marcus Brutus. Eine Übersezung. vom 23. Febr. bis den 15. März 1780 vorgelesen v. Colmar. Das war seine Abschiedsvorstellung, denn er ging zeitweise an eine andere Universität. Zuletzt ließ er auf seine sorgfältige Weise noch ein Geheft mit 5 Seiten Text zurück: Beim Abschied an die Mitglieder der teutschen Gesellschaft. d. 15. März 1780 vorgelesen v. Colmar samt einem Verzeichnis meiner sämtl. Arbeiten. Hier kündigt sich der spätere gewissenhafte Präses des Blumenordens an.

Link datierte ein zweiseitig beschriebenes Oktavblatt vom 21. Juni 1780, auf dem die Rezension eines Aufsatzes ohne Namensnennung des Verfassers zu finden ist. Entweder handelt es sich um eine Selbstrezension -- auch Schiller schrieb anonym über eigene Werke --, oder das Thema erschien so gewagt, daß man den Verfasser vorsichtshalber nicht nannte. Es hatte gelautet: Vaterlandsliebe, meist nur fromme Chimäre. Damals bedeutete 'Vaterland' ja zunächst die kleinste politische Einheit, in der man geboren und herangewachsen war, in unserem Falle die "Nürnbergischen Vaterländer" von Hersbruck bis Lichtenau. Irgendwelche Ausfälligkeiten gegen diesen Lokalpatriotismus hielten selbstverständlich die Stürmer und Dränger Altdorfs nicht davon ab, glühende deutsche Patrioten zu sein; im Gegenteil: sie waren die Folge des erweiterten Nationalbewußtseins.

Das nächste Doppelblatt ist undatiert und trägt zwei kürzere Aufsätze von Links Feder: Rhapsodien (wenn man nicht "Barde" sagte, sagte man "Rhapsode" und meinte in beiden Fällen einen unter Eingebungen in offenen Formen improvisierenden Verfasser) sowie Was ist Welt, Lebensart, guter Ton? Übrigens wird in der "Rhapsodie" aus Lessings Nathan zitiert, der gerade erst im vorhergehenden Jahr veröffentlicht worden war. Dahinter liegt in der Schachtel ein weiteres Doppelblatt von Link mit den zwei Aufsätzen: Warum man doch so gerne vom Einzelnen aufs Ganze schließt? Vorgelesen den 5. Jul. 1780. und Nähere Bestimmung der Begriffe: Fleiß und Thätigkeit.

Wenige Tage später, am 11. 7. 1780, muß es in einer Versammlung der Gesellschaft hoch hergegangen sein. Link bemühte sich sehr, zu kitten, was auseinanderstrebte, indem er schon mit dem 13. 7. ein Grundsatzreferat (im gewöhnlichen Format und Umfang) herausbrachte: Beilage zur Geschichte der t. Gesellschaft, die ohne gewisse Seitenstücke allen ausser uns unverständlich seyn wird. Es ging aber um die Streitfrage, ob noch weitere Patrizier aufgenommen werden sollten. Die "deutsche Privat-Gesellschaft" wurde in vorliegender Übersicht als eine Vereinigung bürgerlicher Studenten dargestellt, doch sollen damit von Ebner, von Praun, von Scheurl und andere nicht zu Bürgern im ständischen Sinne erklärt werden. Zugespitzt lautet die Schwierigkeit, in die jene Studenten damals kamen, ob jungen Leuten patrizischer Herkunft zugetraut oder zugemutet werden könne, sich die bürgerlichen Ideale zu eigen zu machen. Schunther sprach sich dagegen aus, als es darum ging, von Winkler und von Grundherr aufzunehmen. Zum Glück entstanden daraus keine langanhaltenden Zerwürfnisse, weil Schunther sich ohnehin anschickte, den Studienort zu wechseln.

Der Handschrift nach muß das Gedicht Unserem Schunther. bei seinem Abschied. Altdorf den 16. Sept. 1780. von Link sein. Es trägt in großer Schrift den Vermerk "Imprimatur" (mit unleserlicher Unterschrift), wurde also dem Zensor vorgelegt, um veröffentlicht zu werden. Der Bescheid erging übrigens erst am 2. Dezember. Vielleicht erschien es dann gar nicht mehr im Druck, weil dieser sonst liebevoll aufbewahrt worden wäre. Schunther hatte der Gesellschaft bis dann anscheinend nur eine undatierte Abhandlung vorgelegt, die das Konzept einer Vernunftreligion und deren moralische Konsequenzen zum Thema hatte. Er ging nach Göttingen, und sein Tagebuch aus der dortigen Studienzeit gelangte hinterher wieder in diese Sammlung, ein Oktav-Büchlein von 92 Seiten mit Papp-Einband, dessen erster Eintrag überschrieben ist: "Göttingen am 2ten October 1780".

Um dem undeutlichen Bilde Johann Andreas Schunthers (oder Schunters) ein wenig aufzuhelfen, entnehmen wir dem Nürnbergischen Gelehrtenlexikon: "Derselbe widmete sich den Rechten und den schönen Wissenschaften, studierte von 1777. bis 1781. in Altdorf und Göttingen, war ein vortrefflicher Dichter, von dem Bodmer schon im J. 1779. das Urtheil fällete, daß er dem Klopstock gleich käme und denselben in der Folgezeit weit hinter sich zurücklassen würde. [Müssen Bodmer und Klopstock sich gestritten haben!] Er gieng in Dänische Militärdienste [...] Ehe er nach Frankreich gieng übergab er seinem Freund D.G.Ch.C. Link, zu Nürnberg, eine Sammlung von seinen Gedichten und Aufsätzen im MS. mit dem Auftrage selbige zum Druck zu befördern, so bald er ihn die Erlaubniß dazu ertheilen würde. Allein diese Erlaubniß erfolgte nicht, und Link starb 1798."

Es blieb im Herbst 1780 anscheinend Link alleine vorbehalten, der Gesellschaft Vorträge zu bieten. Er griff lieber innerhalb des üblichen Umfangs mehrere Themen auf und handelte sie knapp ab, wie um mehr Gelegenheit zur Aussprache über seine Thesen zu geben. Das wäre auch eine geeignete Maßnahme gewesen, den anderen wieder Lust auf eigene Beiträge zu machen. Am 8. November 1780 waren folgende Gegenstände auf der Tagesordnung: Über die Ehe. Einige abgerissene Säze. -- Religion : Dabei handelte es sich um eine Abgrenzung von der Orthodoxie. (Und das auf der Nürnbergischen Universität! Wenn das kein Reizthema war!) Übrigens zitierte Link darin nicht nur Sulzer, sondern den materialistischen Gottseibeiuns La Mettrie. Es folgten für die gleiche Zusammenkunft noch Raritäten und Kollektionen; wie man sich vorstellen kann, half derart geschickte Themenwahl der Gesellschaft wieder auf die Sprünge, bevor sie, wie leider der Blumenorden, ins Langweilige und Gewohnheitsmäßige absacken konnte. Vielleicht ist Link dem einen oder anderen dabei auch einmal zu weit gegangen. Jedenfalls entspann sich eine -- vielleicht nicht gar zu ernst gemeinte -- literarische Fehde in der Gesellschaft.

Es berührt seltsam, den Abtausch der im folgenden genannten Schriften zu verfolgen. Schließlich hätten die zwei Kontrahenten die Sache ja auch mündlich in einer Altdorfer Wirtschaft austragen können. Daß man sich hinsetzte, Repliken und Dupliken schrieb wie zwei Jahre zuvor Lessing und der Hauptpastor Goeze, zeigt das halb Spielerische, halb Modellhafte dieser Einübung in die Rolle des Staatsbürgers. Außerdem schielte man wohl auch ein wenig auf die Nachwelt, was den jungen Leuten ein gewisses Verantwortungsgefühl zu ihrem Selbstbewußtsein hinzu eintrug.

Link, Rhapsodische Betrachtungen -- Von Grundsäzen, den 6. Dec. 1780. -- Mannert muß darauf in einer Weise geantwortet haben, von der kein Zeugnis mehr vorhanden ist. Von den Grundsäzen, Antwort auf Hr. Mannerts Einwurf. -- Link, Anmerkungen über den Aufsaz von Grundsäzen. -- Mannert, Von den Grundsäzen. Antwort der Antwort des Hr. Link. -- Meine schlüßliche Antwort auf Hrn. Mannerts Duplik.

Conrad Mannert erwies sich im Hinblick auf die Häufigkeit seiner Beiträge als würdiger Nachfolger Colmars neben Link. Am 16. Januar 1781 hielt er den Vortrag Entwurf einer Lebensbeschreibung des Königs in Polen Stanislaus Lescynski. Dazu liefen zwei Rezensionen ein, die als Einzelblätter beigelegt sind; eines davon ist "Siebenkees" unterschrieben.

"Siebenkees eigentlich Siebenkäs (Johann Philipp)" war 1759 als Sohn des Organisten von St. Sebald geboren. Seine Mutter war eine geborene Nopitsch. Er besuchte die Schule von St. Lorenz und bezog 1778 die Altdorfer Universität, um Philosophie, Philologie und Theologie zu studieren. Unter seinen akademischen Lehrern sind hervorzuheben sein Vetter Siebenkees, Dietelmair, Nagel und Will, bei dem er sich im Disputieren übte. "In einer deutschen Privatgesellschaft, die sich damals zu Altdorf hervortat, hat er allerhand artige Materien bearbeitet [...] auch war er Mitglied der dasigen lateinischen Gesellschaft." Nun nahm seine Laufbahn eine ziemlich ungewöhnliche Wendung: Als Hofmeister hatte er Gelegenheit, nach Venedig zu reisen; es folgten Reisen nach Rom und Neapel. 1789 wird er Mitglied der Gesellschaft der Volscer zu Velletri. Man möchte fast sagen, er wiederholt im kleinen Harsdörfers Bildungsreise und Kontakte. 1790 finden wir ihn wieder in Nürnberg, und schon 1791 wird er außerordentlicher Professor der Philosophie und Lehrer der abendländischen Sprachen zu Altdorf. Die ordentliche Professur der Sprachen erhält er 1795. Auch Archäologie gehört zu seinem Lehrgebiet. Er unterstützt Will während dessen Alterskrankheit, stirbt jedoch schon 1796 selber "am Schlag".

Mannert ist im Jahre 1781 auch der Autor eines Stückes von seltenem Humor. (Humor ist bei der Betrachtung der überlieferten Pegnesen-Werke der letzten und vorletzten Generation nicht mehr untergekommen; auch daran, wird nachträglich klar, ist der Niedergang abzulesen. "Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewiß nicht von den Besten.") Mannert jedenfalls hielt eine Art "Maikäferrede", d.h. er parodierte in gelehrtem Gewand das Bemühen der Deutschen Gesellschaft, sich um Städtchen und Nachwelt verdient zu machen, indem er die Perspektive nach Mauretanien verschob: Kurzer Entwurf einer Geschichte des Völkerstammes der Mauren. Darin ergeht er sich in Betrachtungen, wie er einmal von den Mauren als "der gröste Geschichtschreiber den ie das barbarische Volk der Franken aufzeigen konte" zitiert werde. Nun ja, er und Siebenkees brachten es in diesem Fache immerhin zu einer Professur. Er wurde in einer Hinsicht sogar der Nachfolger des letzteren:

Geboren 1756, hatte Conrad Mannert ab 1778 in Altdorf bei Nagel, Will und Jäger studiert, wurde 1783 Magister und wird im Gelehrtenlexikon als Mitglied der deutschen Privatgesellschaft bezeichnet. (Nopitsch wußte offenbar nur bei wenigen, über die er Einträge schrieb, von dieser Mitgliedschaft.) Ab 1784 schlug sich Mannert vorwiegend als Französischlehrer durch, folgte 1797 Siebenkees auf dem Gebiet der abendländischen Sprachen als ordentlicher Professor nach und vertrat auch das Fach Geschichte. 1801 wurde er Ehrenmitglied der Herzoglichen lateinischen Gesellschaft in Jena und übernahm 1803 die wissenschaftliche Leitung der weithin bekannten Homännischen Landcharten-Officin in Nürnberg. Er hat es nicht verdient, daß die nach ihm in Nürnberg benannte Straße keine gute Adresse ist, jedenfalls nicht für die, welche dort unfreiwillig wohnen.

Link las am 4. April 1781 wieder Rhapsodien, und zwar über die Themen Was ist rechts? Was ist links? sowie Ehre und Schande . Ein Rezensionsblatt liegt bei; der Schrift nach könnte es von Mannert stammen. Von Mannert unterzeichnet ist der Rezensionszettel vom 24. 6. 1781, der weiteren Rhapsodien Links beiliegt. In diesen finden sich recht aufmüpfige Sätze, z.B.: "Wie ich glaube, herrscht im Durchschnitt in ganz Teutschland gleiche Aufklärung, oder eigentlicher gesprochen, gleiche Finsternis. Wenn in d. Berliner Realschule Griechische Reden gehalten, und in den dasigen Kirchen eigentlicher Unsinn gesungen wird, so darf der höllschleudernde Pfarrer B. in unserer lieben Vaterstadt noch immer nicht als Wunderthier im Reich der Intoleranz genannt werden. [...] Pöbel bleibt überall Pöbel -- und der grosse Pöbel macht überall die herrschende Kirche aus. [...] Schulprämien wollen mir schlechterdings nicht gefallen. Sie ernähren den Geist der Milchzähne in den Seelen der Jünglinge, der nicht zu früh abgelegt werden kan." Die letzte Aussage wäre eines GEW-Funktionärs würdig -- oder eines egalitären Elternbeirats, wie ihn manches Gymnasium noch vor zehn Jahren hatte. Wir müssen aber nicht glauben, dieser Jüngling Link in seinem Freiheitsrausch wäre nicht mehr darauf aus gewesen, daß der Mensch etwas Rechtes lerne. Dies zeigt sich an seiner Verzweiflung über den alten Schlendrian an den neugegründeten Realschulen, die ja eigentlich dafür bestimmt waren, der aufkommenden Industrie brauchbare Ingenieure heranzuziehen. Hierin denkt er ganz bürgerlich, und nicht neusentimentalisch-pädagogisch. Insofern darf er als Vorläufer einer Richtung gelten, die es nach 1820 in Nürnberg zum Aufbau einer polytechnischen Lehranstalt brachte. Seine Protesthaltung ist noch ganz außenseiterisch und daher nicht so sehr in Gefahr, ins Blind-Ideologische abzurutschen, wo diejenigen sich treffen, die urteilen, ohne hinzusehen. Link hat sich noch zu wehren gegen Leute, die sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnen, und macht noch nicht denselben Fehler. Er mißt lediglich die Ergebnisse aufklärerischer Neuansätze an ihrem eigenen Anspruch und stellt resignierend fest, daß diese nicht bloß die Erwartungen enttäuschen, sondern daß die Dunkelmänner wieder (im Berlin des Philosophenkönigs) bzw. immer noch (in Nürnberg) obenauf sind. Nebenbei wischt er eine Art von pietistischer Gesangbuchlyrik beiseite, wie sie gerade von Pegnesen des letzten halben Jahrhunderts immer wieder verfaßt worden war. Daß der Pöbel aus den oberen Gesellschaftsschichten -- ein schon bei Gottsched beliebtes Paradox -- die herrschende Kirche ausmache, ist dabei nicht im Sinne einer Beschimpfung der Kirche zu sehen, auch wenn Link das wohl auch fertiggebracht hätte, sondern in übertragenem Sinn: Statt 'Kirche' lies 'Partei'. Und so stimmt's ja wohl.