Japan und die Juden
Die Judenpolitik des Kaiserreiches Japan
während der Zeit des
Nationalsozialismus (1933-1945)


Aufmarsch der japanischen Kaiserlichen Marine
in Shanghai , 08.Dezember 1941

(Die ELS-Gesellschaft hat mit ihrem fünften Forum unter dem
Titel "Flucht in die Freiheit" dieses Thema ebenfalls behandelt.)


"Rufen Sie den japanischen Einwanderungsbeamten laut / "Banzai Nippon !!" - d.h. "Es lebe Japan !!" - zu, das wird sie patriotisch stimmen und Sie haben we-niger Schwierigkeiten." Dies waren die letzten Worte des japanischen Vizekon-suls / Sugihara Chiune / an die kleine Gruppe polnischer Judenflüchtlinge / Ende August 1940 auf dem Bahnhof im litauischen Kaunas, bevor der Zug sich langsam Richtung Berlin in Bewegung setzte.
Über Vizekonsul Sugihara, den japanischen "Oskar Schindler", werden wir im Verlaufe des heutigen Vortrages noch hören. Doch zunächst der Reihe nach.
Zu den hierzulande bislang weithin unbekannten Kapiteln der deutsch-japanischen Geschichte gehört auch der historisch bedeutsame Komplex "Japan und die Juden". Historisch bedeutsam, weil er Teil der Geschichte der europäi-schen Juden während der Zeit des Nationalsozialismus und damit Teil der Ge-schichte der deutsch-japanischen Beziehungen ist.
Warum ist der gleichsam "japanische Teil" des europäischen Judenschicksals während des Hitler-Regimes kaum bekannt? - Weil Japan als Achsenpartner des Dritten Reiches keinen Befehl zum Bau von Gaskammern gab? Weil in Ja-pan, im Gegensatz zum Nazi-Europa, Millionen jüdische Opfer fehlten? Weil das ferne Kaiserreich im Holocaust-Gedenken das Gewissen der Nachwelt nicht belastet?
Machen wir eine kurze historische Rückblende.
Shanghai, im Dezember 1938, einen Monat nach der "Reichskristallnacht": Der erste Flüchtlingsstrom europäischer Juden aus Deutschland und Österreich er-reichte die chinesische Metropole, den einzigen Ort weltweit, wo die europäi-schen Juden vor der Verfolgung des Naziterrors Schutz fanden. Im Norden an der Grenze zur Sowjetunion mühte sich Japan mit seinem &Mac226;Marionettenstaat' Manchukuo ab. Das Kaiserreich Japan, fern von den europäischen Juden-Schauplätzen, war auf Juden nicht vorbereitet.


I. Hintergründe japanischer Judenwahrnehmung

o Vage Vorstellungen
Die Geschichte der Juden in Deutschland beginnt zur Zeit der römischen Legio-nen an Rhein
und Donau im vierten nachchristlichen Jahrhundert. In Japan lebten Juden erst seit Mitte des 19.Jahrhunderts. Damals hatte die dortige kleine Gemeinde etwa eintausend Mitglieder. Um 1861 entstand in Japan die erste Synagoge.
Für Japaner war die jüdische Realität seit jeher nicht Teil des soziopoliti-schen und soziokulturellen Erbes ihrer Geschichte. Insofern fehlte ihnen die Kenntnis der Geschichte über Christen und Juden und damit das Verständnis für den jahrhundertlangen Antijudaismus. Auch der ab den siebziger Jahren des 19.Jahrhunderts in ganz Europa verwendete Begriff &Mac226;Antisemitismus’ als rassisch-völkische Ausprägung von Gegnerschaft und Hass gegenüber Juden war noch bis Anfang des letzten Jahrhunderts in Japan allgemein unbekannt.
Die japanische Bevölkerung interessierte sich für die wenigen Juden im Lande nicht. Auch bei den meisten Offiziellen blieb es viele Jahrzehnte hin-durch nur bei theoretischem Judenwissen. Japan musste die intellektuelle Wahrnehmung des Jüdischen und die Durchdringung der Judenproblematik weit gehend ohne große eigene Judenpräsenz und ohne direkte Erfahrung vor-nehmen. Man stelle sich vor: Noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war in der japanischen Bevölkerung weit verbreitet, dass Juden eine christliche Sekte sind.
Das Thema Juden und Judentum war während der zwanziger Jahre nur Angelegenheit einiger weniger Spezialisten aus Wissenschaft und Militär. Erst die Allianznähe zu Nazi-Deutschland ab Mitte der dreißiger Jahre rückte Juden und Judenproblem stärker in das Interesse der japanischen politischen Führung, ohne dass diese sich angemessen darauf vorbereitet hatte. Somit fehlte zunächst die ausreichende Grundlage für eine konzeptionell durchdachte japanische Judenpolitik.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts nach dem Fall der Romanow-Dynastie und dem Sieg der Revolution in Russland hatte sich Japan entschlossen, seiner imperialen Kraft und Stärke angemessen - Japan hatte 1899 China und 1905 das zaristische Russland besiegt - , international zu agieren. So nahm das Kaiserreich mit einem 75000 Mann-Kontingent an der alliierten Interventionsstreitmacht gemeinsam mit anderen Staaten, darunter die USA, Frankreich und Großbritannien an der sog. Sibirischen Intervention (1918-1922) teil und kämpfte auf der Seite weißrussischer Einheiten gegen die Bolschewisten.

o Die Protokolle der Weisen von Zion

In den weißrussischen Truppeneinheiten kursierte zu jener Zeit ein Pam-phlet mit dem Titel Protokolle der Weisen von Zion. Es handelte sich um eine antijüdische Hetzschrift und ein fiktives Dokument des russischen Mystiker Sergej Nilus aus dem Jahre 1905. Diese sog. Protokolle sollten der Beweis für jüdische Machenschaften zur Beherrschung der Welt sein. Die Zählebigkeit der Protokolle reicht bis in die heutige Gegenwart; weil, so eine israelische Wissen-schaftlerin: "die jüdische Weltverschwörung ein Hirngespinst ist, das bereits im 19. Jahrhundert Pogrome legitimiert hat, ein zentraler Gedanke in Hitlers Rassenwahn war und bis auf den heutigen Tag zur Erklärung aller nur erdenklichen Katastrophen dient, von Aids über den Krieg auf dem Balkan bis zur Finanzkrise in Asien vor einigen Jahren."
Dieses Dokument des modernen internationalen Antisemitismus gelangte damals auch in den Besitz japanischer Offiziere. Sie glaubten, mit seinem Inhalt eine Erklärung für die russische Revolution gefunden zu haben. Der in Japan kursierenden zeitgenössischen Version der Protokolle schenkten die Militärs und Rechtsnationalisten sofort kritiklos Glauben. Ihnen bot der Vorwurf einer jüdischen Urheberschaft an der Revolution ausreichend Erklärung über die wahren Ziele der Juden.
Die Protokolle fanden bei den inzwischen prominenten japanischen »Ju-denexperten« großes Interesse: Es waren dies der Oberst Yasue, Teilnehmer am Sibirien-Unternehmen. Er war durch weißrussische Offiziere über die Protokolle aus erster Hand unterrichtet worden. Weiterhin Sakai Katsugun, ein Zivilist, der als Russischexperte ebenfalls an der Sibirienexpedition teilgenommen hatte und Kapitän zur See Inuzuka. Diese Drei galten jahrelang als d i e japanischen Judenkenner. Sie hatten sich gründlich des Judenthemas und den Fragen japanischer Judenbefindlichkeit angenommen.
Yasue war als Autor der ersten japanischen Übersetzung der Protokolle (1924) bereits ein renommierter Judenfachmann. Sein Fazit, ähnlich wie bei Inuzuka, bilanzierte zunächst einen ideologisch begründeten japanischen Anti-semitismus. Dennoch empfahl er einen auf praktische Erfordernisse hin ausge-richteten gemäßigten Umgang mit den Juden. In der Folgezeit bekam Yasue als Chef des Nachrichtenbüros der Kwantung-Armee in Dairen (China) hautnahen Kontakt mit Juden. Er formte später an herausragender Position die japanische Judenpolitik entscheidend mit.
Auch Kapitän Inuzuka übte auf die Praxis hin orientierten Einfluss aus. Mit seinem umfänglichen Standardwerk Das Judenproblem und Japan profi-lierte er sich als Judenspezialist der kaiserlichen Marine. Sein Fazit über die ja-panische Behandlung der Juden lautete: "Japans Judenpolitik hat Ziele und Prioritäten der nationalen Politik zu berücksichtigen, unter Beachtung der uni-versellen Brüderlichkeit in kaiserlichem Auftrag und mit der Vision des "Alle Welt unter dem Dach Japans". Japan muss darauf hin arbeiten, die berechnen-den und selbstgefälligen Juden unter Kontrolle bringen".
Der dritte Mann im japanischen "Judenteam" war Sakai Katsugun. Er hatte als protagonistischer Theoretiker in der Frage des Judentums für Japan erstmals die Wechselbeziehungen zwischen den Protokollen, dem Christentum und der nativistischen (erblich) Ideologie Japans hergestellt. Er, der ein Christ war, anerkannte die Juden als das von Gott auserwählte Volk. Als Nationalist jedoch sah er Japaner als die wahren Auserwählten an. Gemeinsam mit Yasue und Inuzuka wollte er verhindern, dass die befürchtete "jüdische Verschwö-rung" in Japan zum Erfolg kommt und so das göttliche Land" vergiftet. Der Einfluss dieser Drei ließ Japaner gegenüber den Juden eine bivalente Haltung einnehmen, eine Mischung aus Achtung und neidvoller Ehrfurcht für die jüdi-sche Macht, die bedrohen konnte.
Japan und Deutschland hatten im Jahre 1933 den Völkerbund verlas-sen. Vor dem Hintergrund der traditionell guten japanisch-deutschen Beziehun-gen seit Mitte des 19. Jahrhunderts kam es bald zur Annäherung zwischen Japan und Nazi-Deutschland. Das gemeinsame Ziel, das zusammenschweißen sollte, war der Kampf gegen den Kommunismus. Die weitere Entwicklung gab judenfeindlichen Ideologen in Japan Auftrieb. Andere wiederum betrachteten die Hitlerschen Rassismustheorien mit Misstrauen. Sie werteten Rassenideologie und Judenhass in einer nationalen Politik als Verächtlichmachung der Nation und als einen Rückfall in die Barbarei. Doch ihre kritischen Stimmen wurden schnell mit polizeilichen Säuberungskampagnen unterdrückt. Der Weg für eine möglichst flächendeckende Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda wurde so geebnet. Hitlerbiographien und verteufelnde Judenliteratur standen zeitweise hoch im Kurs.

II. Japanische Judenpraxis

Die Wurzeln der Geschichte der Juden in China reichen zurück bis in die frühe Song-Zeit vom 10.bis zum12.Jahrhundert. Das jüdische Zentrum war zu jener zeit die Stadt Kaifeng in der Provinz Heinan.
Japan hat keine vergleichbare »Juden-Geschichte«. Erst im japanisch be-setzten China kam es Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Gründung des japanischen Marionettenstaates Manchukuo zur ersten nach-haltigen Begegnung Japans mit den Juden. Diese neuen Fremden von weit her sollten für Japan Probleme bringen, auf die das Kaiserreich nicht vorbereitet war.
Zu jener Zeit war das wichtigste Instrument von Japans Expansion auf dem asiatischen Kontinent die sog. japanische Kwantung-Armee. Sie herrschte im riesigen Kwantung-Pachtgebiet entlang der Mandschurischen Eisenbahn zwi-schen Harbin im Norden an der Grenze zur Sowjetunion und Dairen im Süden an den Küsten des Gelben Meeres. Nach dem militärisch provozierten Vorfall von Mukden in China (1931) und der darauf folgenden Proklamation des Staa-tes Manchukuo mit dem Kaiser Pu-Yi als Regent (1932) und Kaiser (1934; Film "Der letzte Kaiser"), stieg das Ansehen der japanischen Armee beträcht-lich.
Zentrum des weißrussischen, jüdischen und japanischen Vielvölkergeschehens war Harbin, die Hauptstadt der nordchinesischen Provinz Heilong-jiang. Nach den Wirren des japanisch-russischen Krieges 1904/1905 und dem starken Zu-strom jüdischer Flüchtlinge aufgrund der Pogrome im Russland der Jahre 1905 bis 1907 war die seit 1903 bestehende kleine Gemeinde russischer Ashkenasi-Juden in Harbin rasch auf über 8000 angewachsen. Wegen der geostrategisch wichtigen Lage und als wirtschaftlicher Knoten war Harbin erster Anlaufpunkt für Flüchtlinge und Transitreisende, die aus den Tiefen des russischen Kontinents nach Fernost durchgespült wurden. Mit dem weiteren Vordringen japanischer Truppen kamen unweigerlich Veränderungen. Das imperialistische Gehabe der japanischen Besatzer schuf neue Regeln in fast allen Lebensbereichen. In der aufkommenden Unruhe ereigneten sich immer häufiger brutale Streitigkeiten zwischen den Juden und den antisemitischen weißrussischen Gruppierungen. Die japanische politische Führung im fernen Tôkyô war im Umgang mit Juden absolut unerfahren. Insbesondere im japanischen Außenministerium fehlte eine offizielle Haltung gegenüber den Juden in den besetzten Gebieten. Gleichwohl beschäftigte man sich in den politischen Etagen Tôkyôs durchaus mit Plänen, wie man die nach Fernost ziehenden Juden sich vielleicht zunutze machen konnte. Ab 1934 kursierten phantasiereiche Überlegungen, bis zu 50.000 Juden aus Europa in der Mandschurei anzusiedeln.
Für die japanische Politik und Diplomatie kam es nach der Besetzung der Mandschurei (1932) in der Frage der Juden für längere Zeit zu keinen nen-nenswerten Änderungen. Erst Informationen und Berichte über die »Nürnberger Rassengesetze« von September 1935 ließen Japan aufhorchen. Und mit der Unterzeichnung des Antikomintern-Paktes vom November 1936 bewegte sich Tôkyô propagandistisch alsbald in nazistisch vorbereitetem Fahrwasser, nicht zuletzt auf Grund des unbändigen Wirkens von General Oshima an der japanischen Botschaft in Berlin. Für die weitere Entwicklung in Angelegenheiten der Juden tat sich jedoch als treibende Kraft nicht das japanische Außenministerium, von dem man Maßnahmen hätte erwartet müssen, hervor, sondern die Gruppe der sog. Judenspezialisten. Sie hatten erkannt, dass den Juden in den besetzten Gebieten eine Art politischer Status zugewiesen werden sollte, um mit einer mehr auf Ausgleich und Kooperation zielenden Politik Wege für Lösungen im japanischen Sinne zu finden. So wurden als erster Schritt Absprachen mit jüdischen Vertretern in China zur Gründung eines Nationalrates der Jüdischen Gemeinden im Fernen Osten getroffen. Das deutete auf ein besonderes japanisches Entgegenkommen hin. Die Verhandlungsfäden hierüber liefen bei Yasue in Dairen zusammen und blieben damit zunächst außerhalb des japanischen Mutterlandes.
Die sich abzeichnende Entwicklung im Verhältnis zwischen Japanern und Juden muss nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der damaligen internatio-nalen Isolation Japans gesehen werden. Das Kaiserreich stand wegen seines Eindringens nach China am Pranger. Es hatte sich in den Augen der Welt zu einer Hegemonialmacht entwickelt, die wegen der wilden Bombardierungen in China von Völkerbund und U.S.-Regierung isolierts wurde. Das Verhältnis zwischen Juden und Japanern, den beiden "prominenten Außenseitern, wie es ein israelischer Wissenschaftler einmal bezeichnete, gestaltete sich zusehends sachlich, man ging aufeinander zu.


o Das japanische Außenministerium


In der japanischen Außenpolitik erreichte die »Judenfrage« zu keiner Zeit eine herausragende Bedeutung. Die Diplomatie sah in der Sache der Juden stets un-erfreulich-quälende Vorgänge, die mit der üblichen diplomatischen Eitelkeit und Raffinesse schwerlich zu bearbeiten waren. Der daraus resultierende Man-gel an Klarheit bei den mühsam er-reichten Entscheidungen und Verlautbarun-gen ließ die jüdischen Ange-legenheiten oft in der Schwebe.
Die japanisch-chinesischen Feindseligkeiten von Juli 1937 an der Marco-Polo-Brücke bei Peking hatten zum Krieg mit China geführt. Ab Mitte Novem-ber beherrschte die japanische Armee den Großraum Shanghai, in der Stadtre-gion selbst hatte die japanische Marine das Kommando. Da die chinesische Re-gierung an ihrem damaligen Sitz in Nanking sich jeglichen Verhandlungen verweigerte, gab der japanische Oberkommandierende in China, General Mat-sui, am 1.Dezember 1937den Befehl zur Einnahme von Nanking. Das weitere Schicksal Nankings ist bekannt.
Die Frage der Juden, die sich angesichts dieser kriegerischen Ereignisse von untergeordneter Bedeutung stellte, sollte für Japan erst später im Zusam-menhang mit den Auswirkungen der »Reichskristallnacht« zum Problem wer-den. Das japanische Außenministerium stand damals zunehmend im Schatten auftrumpfender Militärs und litt unter erheblichen Prestigeverlust. Spätestens mit dem Abschluss des Antikomintern-Paktes (25.11.1936) war deutlich ge-worden, dass damit die Armee auch die Kontrolle des politischen Lebens in Ja-pan weitgehend übernommen hatte.
Das Verständnis für die Belange der Juden war bei den japanischen Bot-schaftsangehörigen in den verschiedenen Ländern und bei den Mitarbeitern im Außenministerium unterschiedlich. Die diplomatischen Vertretungen Japans unterrichteten das Außenministerium über Judenangelegenheiten im Ausland eher nach eigenem Gutdünken, da das Ministerium in Tôkyô zunächst keine grundsätzlichen Weisungen zur »Juden-Berichterstattung« erlassen hatte. In den Monaten Januar und Februar 1939 waren, einige Wochen nach der "Reichskristallnacht" insgesamt bereits rund 3000 Flüchtlinge nach beschwerlicher Seereise im japanisch besetzten Shanghai eingetroffen. Das japanische Außenministerium sah sich plötzlich mit dem Beginn eines jüdischen Massenexodus’ konfrontiert.
Mit der Unterzeichnung des Kulturabkommens mit Nazi-Deutschland vom November 1938 war Japan zwar näher an den Allianzpartner herangerückt und brachte damit auch die Judenfrage in Japan selbst innenpolitisch wieder mehr in den Mittelpunkt. Allerdings war man gleichzeitig im Begriff, den entscheidenden Schritt in der Festlegung der offiziellen japanischen Judenpolitik zu tun: Es war der Beschluss der sog. Fünfministerkonferenz vom 06.Dezember 1938. Ich komme darauf noch zu sprechen.
Nicht zuletzt auf Yasues und Inuzukas Einwirken erklärte Finanz- und Wirtschaftsminister Ikeda seinerzeit im Namen der japanischen Regierung zu der Vision jüdischer Ansiedlungspläne: "Und sei es nun gefährlich oder nicht, wir brauchen die Juden. Allein durch die simple Tatsache, diese bedrängten Europäer willkommen zu heißen, gewinnen wir die Zustimmung der amerikanischen Juden, die ohnehin in Amerika Presse und Rundfunk kontrollieren. Wir können es uns nicht erlauben, die Juden zu verprellen. Wenn Japan Deutschlands strenge Kontrolle über die Juden nachahmt, wird es zu Diskriminierungen in Verbindung mit unserem Außenhandel kommen. Wenn Japan sich andererseits jedoch mit den Juden gut stellt, werden sich uns völlig neue Wirtschaftsmöglichkeiten eröffnen."

o Flucht nach Fernost


Zum Zeitpunkt des beginnenden Flüchtlingsstromes nach Fernost ab Ende 1938 lebten in Shanghai vier Millionen Chinesen und fast 100.000 Ausländer verschiedener Nationalitäten. Zwischen 1938 und 1941 fanden zusätzlich rund 18.000 jüdische Flüchtlinge in der chinesischen Großstadt eine vorübergehende, aber einigermaßen sichere Bleibe. Tausende Kilometer von Europa entfernt, mit strapaziösem Klima, schwierigem Umfeld und menschlicher Fremdheit, war Shanghai die letzte Hoffnung auf Rettung. Für die Bedrängten zählte allein die Realität: Sicherheit in einem Land und einer Stadt, wo man nichts gegen Juden hatte.
Den Flüchtlingen aus Europa boten sich zwei Hauptfluchtrichtungen. Bis zum Eintritt Italiens in den Krieg am 10.Juni 1940 waren es die offenen Seewe-ge von Genua, Neapel oder Triest aus.
Ihre Hauptrouten verliefen von Italien über Alexandria - Suez - Bombay – Hongkong nach Shanghai. Manchmal nahmen die Kapitäne auch Kurs über Südafrika, um die hohen Kanalgebühren zu vermeiden. Dies verlängerte die Seereise um zwei Wochen. Einigen wenigen Flüchtlingen gelang auch die Auswanderung direkt in die Philippinen oder nach Australien.
Der Kriegsbeginn in Europa brachte überraschenderweise zunächst keine Ein-schränkungen für die jüdische Auswanderung, die noch bis Herbst 1941 von den Nazis toleriert wurde. Am anderen Ende der Welt kam es dagegen schon ab August 1939 zu erheblichen Einreiseschwierigkeiten. Die Japaner, die inzwischen Shanghai vollständig kontrollierten, wollten den anschwellenden Zustrom von europäischen Flüchtlingen stoppen.
Mit fortschreitendem Krieg waren wegen der Sperrung der Seewege ab 1940 die Flüchtlinge gezwungen, auf den beschwerlicheren Landweg über Sibirien via Harbin - Pusan - Shimonoseki nach Kôbe oder Yokohama) auszuweichen. Das bedeutete fast 9000 Kilometer Flucht per Bahn und schließlich per Schiff über die immer raue Japansee.
Die entscheidende Weichenstellung in der japanischen Judenbehandlung war, wie zuvor schon erwähnt, der Beschluss der Fünfministerkonferenz. Man werde die Juden nicht zurückweisen, sondern versuchen, sie wegen ihres rei-chen Kapitals und zum Zwecke guter Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika für Japans Ziele zu nutzen.
Drei Punkte waren besonders wichtig: 1. Juden unter Japans Kontrolle erhalten die gleiche gerechte Behandlung wie andere Ausländer, sie werden nicht ausgegrenzt. 2. Neuzugänge werden gerecht und nach den allgemeinen Bedingungen der Einreisebestimmungen behandelt. 3. Es wird andererseits aber vermieden, Juden zu ermuntern, nach Japan, Manchukuo und China zu kommen, Ausnahmen sind wohlhabende Juden und Ingenieure, die für Japan von Nutzen sind.
Nach Ausbruch des japanisch-chinesischen Krieges war es im Juli 1937 in Shanghai zu drastischen Einbrüchen mit Versorgungsschwierigkeiten und Preissteigerungen gekommen. Die Verbindungen der Stadt ins Hinterland waren unterbrochen. Viele Firmen verlegten damals ihren Sitz nach Singapur oder Hongkong.
Die das Flüchtlingsproblem ab Anfang 1939 vor Ort wahrnehmende sog. Gruppe der Konsularbeauftragen erkannte relativ früh, dass der Flüchtlings-strom sich zu einem ernsten Problem für die hoffnungslos überfüllte Metropole auswachsen würde. Die Reaktionen der Japaner auf den anschwellenden Strom der Flüchtlinge waren bis dahin noch zurückhaltend. Sie kontrollierten den Hafen und erhoben gegen die Einweisungen der Emigranten durch die chinesischen Stadtbehörden in das von ihnen besetzte Hongkew-Viertel zunächst keinen Einspruch.
Die politische Führung in T ôkyô reagierte auf den Massenexodus in Euro-pa weiterhin gelassen, sie war mit ihrer Beschlusslage für die Judenbehandlung zufrieden. In den besetzten Gebieten, besonders in Shanghai, waren ohnehin ja-panisches Militär und die dortigen Behörden für die täglichen Probleme zustän-dig. Dort sollten die Flüchtlingszahlen bis Mai 1939 die neue Höhe von 14.000 erreichen. Der Kampf um Leben und Freiheit in Shanghai nahm dramatische Formen an.
Inzwischen trieb Japans Amerika-Politik auf eine kriegerische Auseinanderset-zung zu. Der Ausbruch des Pazifischen Krieges im Dezember 1941 machte alle japanischen Pläne der Nutzbarmachung der Juden zunichte. So gesehen, hatten die japanischen »Judenexperten« Yasue und Inuzuka abrupt ausgedient.
Im Shanghaier Flüchtlingsgeschehen war Ende August 1939 ein gewisser Höhepunkt erreicht, als alarmierende Nachrichten von weiteren hohen Flüchtlingszahlen sprachen, was für erhebliche Unruhe sorgte. Ab diesem Zeitpunkt verhängten die japanischen Besatzer mit sofortiger Wirkung strikte Zuwanderungsbeschränkungen.
Die japanische Präsenz in Shanghai war nun allgegenwärtig. Unter dem Druck der spannungsgeladenen Ereignisse begann sich die Haltung des Gewäh-rens und Hinhaltens bei ihnen allmählich zu ändern. Auch Stimmen in japani-schen Zeitungen in Tôkyô sprachen sich häufiger gegen eine weitere Einwan-derung nach Shanghai aus.
Die wirtschaftliche Lage der Flüchtlinge in Shanghai war zum Teil er-bärmlich, besonders der Zustand jener fast 3000 Juden in den amtlichen Unter-künften, den sog. "Heimen". Immer wieder gelang den vielen Anderen, durch Selbstinitiative und aufgrund von Eigenmitteln ein Überleben zu sichern.

III. Juden im Transitraum Japan


Das Wissen um Vizekonsul Sugiharas "Heldentat menschlichen Anstands" wurde hierzulande nicht in das historische Gedächtnis aufgenommen. Außer kurzen Hörfunkberichten im Feuilletonstil und vereinzelten Zeitungsmeldungen haben nur wenige deutsche Darstellungen in Japan-Fachzeitschriften das mit diesem ungewöhnlichen Japaner verbundene besondere Schicksal der überwiegend polnischen Judenflüchtlinge im litauischen Kaunas gewürdigt.
Litauen war zwischen den beiden Weltkriegen unabhängig. Zur Zeit der sowjetischen Stützpunktbesetzung ab Oktober 1939 lebten dort rund 150.000 Juden. Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September und der gleich-zeitigen Invasion polnischer Gebiete durch die Rote Armee kam es zu Verfol-gungen und Massendeportationen von fast einer Million Polen nach Russland und in die Baltischen Länder. Unter den Verfolgten waren auch viele Juden, die vor der heranrückenden Wehrmacht flohen. Bis Januar 1941, als die Grenzen nach Litauen geschlossen wurden, kamen auf diese Weise 12.000 bis 15.000 Juden nach Litauen, unter ihnen auch die dreihundert Studenten der berühmten Talmud-Akademie (yeshiva) aus dem polnischen Ort Mir.
Mit der Flucht nach Litauen waren die jüdischen Flüchtlinge dem Verfol-gungsschicksal noch nicht entronnen. Ein Leben unter sowjetischer Herrschaft, die dort kurze Zeit später einsetzte, bedeutete für Viele den sicheren Weg nach Sibirien. In dieser Situation gekennzeichnet von Furcht und Aussichtslosigkeit, richteten sich alle Hoffnungen auf die Möglichkeit, über den Fernen Osten (China und Japan) in ein sicheres Drittland zu gelangen. Unter den polnischen Flüchtlingen in Vilnius, der damaligen Hauptstadt Litauens, und in Kaunas, das zuvor von 1920 bis 1939 litauische Metropole war, kursierten eines Tages Ge-rüchte, das japanische Konsulat in Kaunas stelle Transitvisa für Japan aus.

o Der japanische "Oskar Schindler"

Sugihara Chiune, am 01.Januar 1900 geboren, gehörte nicht zur Elite der Di-plomaten mit dem üblichen Hochschulabschluss der renommierten Tôkyô-Universität. Er hatte sich für ein russisches Sprachenstipendium des japanischen Außenministeriums an der Universität in Harbin und für die mittlere Laufbahn des diplomatischen Dienstes qualifiziert. Natürliche Intelligenz und sein unprätentiöses Wesen machten ihn im Kontakt mit Menschen anderer Kulturbereiche umgänglich und flexibel. Für einen Japaner beschritt er beruflich und privat unübliche Wege.
Sugihara muss in Harbin zum ersten Mal Juden begegnet sein, wo er un-mittelbar die diffamierende Judenbehandlung durch Japaner und Weißrussen erlebte. Diese Erfahrungen könnten für ihn als späterer Vizekonsul in Kaunas wesentlich Beweggrund seiner humanitären Handlungsweise gewesen sein. Su-gihara war am 28.August 1939 im Konsulat in Kaunas eingetroffen.


o Visa für die Freiheit

Das Judenflüchtlingsdrama hatte für die Sugiharas am Morgen des 27.Juli 1940 begonnen, als der Vizekonsul wie gewohnt sehr früh in seinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß sein Tagespensum begann. Vor dem Konsulat hatten sich unbemerkt ein- bis zweihundert Menschen eingefunden. Seine Frau Yukiko erinnert sich: "Sie sahen verängstigt und erschöpft aus, verhungert und schmutzig. Einige stiegen über den Zaun. Es war chaotisch. Sugihara erfuhr von seinen Mitarbeitern, dass es sich um polnische Juden handelt, die vor den Nazis geflohen waren. Sie alle wollten, um das Land verlassen zu können, Transitvisa für Japan."
Als erste Maßnahme ordnete Sugihara an, dass fünf Vertreter der Judenflücht-linge ihr Anliegen vorbringen sollten. Als ihr Sprecher fungierte der vor kurzem in Israel verstorbene ehemalige israelische Religionsminister Zorach Warhaftig, damals ein bekannter Zionist aus Warschau. Die vor dem Konsulat wartenden Juden waren die ersten von mehreren Tausenden, die in den nächsten Tagen und Wochen Transitvisa begehrten. Sugihara war sich darüber klar, dass die hohe Zahl von Visa eine »Judenwanderung« nach Japan auslösen würde.
Er und der niederländische Konsul in Kaunas Jan Zwartendijk vereinbarten die Fluchtmöglichkeit auf der Basis der Erteilung eines japanischen Transitvisums mit Einreisegenehmigung für niederländischen Insel vor der Küste Südamerikas (u.a. Surinam, Curaçao) Vizekonsul Sugihara nahm folgenden Visumeintrag vor.
Die »Curaçao-Lösung« entsprach der formellen japanischen Forderung nach einem Ziellandvisum, um einen japanischen Transit zu erhalten. Sugihara stellte Visum für Visum aus: Bis zum 17.August erreichte er auf seiner Liste die Zahl 1861. Zu diesem Zeitpunkt, fast drei Wochen nach Beginn der Visumaktionen,

waren die ersten Judenflüchtlinge mit Curaçao-Visum bereits im japanischen Hafen von Tsuruga an der Japansee eingetroffen. Der Vizekonsul setzte seine Aktion unermüdlich fort und unterzeichnete bis zum 24. August über 2100 Vi-sa.
In seinem letzten Telegramm an das japanische Außenministerium zieht Sugihara gleichsam ein Fazit der ungewöhnlichen vier Wochen, die ihm die Grenzsituation menschlicher Existenz vor Augen geführt hatten: "Wir sind das einzige Land, das noch einen Transit ermöglicht. Es gibt hier keine Vertreter mittel- und südamerikanischer Staaten. Unser Visum ist die notwendige Bedingung, wie sie die Sowjetunion fordert, um dieses Land verlassen zu können und in die Vereinigten Staaten und andere Länder zu gehen." Die letzte Eintragung in der sog. Sugiharas Visum-Liste ist unter Datum 26.August und Nummer 2139 registriert.
Wegen des unmittelbar bevorstehenden Einmarsches der sowjetischen Truppen hatte Sugihara Anweisung erhalten, das japanische Konsulat zum 29.August of-fiziell zu schließen.
Angesichts des nicht endenden Andranges von Flüchtlingen, die Sugihara bis zum Hotel Metropol in Kaunas gefolgt waren, wohin er vor seiner endgülti-gen Abreise umgezogen war, fuhr er fort, in der dortigen Empfangshalle weiter Visa auszustellen. Als die Sugihara-Familie am 4.September den Zug nach Berlin bestiegen hatte, folgten ihr die Flüchtlinge sogar bis auf den Bahnsteig und erflehten weitere Transitscheine. Sugihara setzte das Ausstellen buchstäblich bis zur letzen Minute fort: "Die Leute begannen, neben dem abfahrenden Zug herzulaufen. Mein Mann warf die restlichen Visum-Blankoformulare buchstäblich aus dem Fenster. Er gab den Flüchtlingen noch den letzten Rat, sie sollten, wenn sie in Japan auf die Einwanderungsbeamten treffen, »Banzai Nippon!« - »Es lebe Japan!« rufen, das würde sie freundlich stimmen."
Sugiharas weitere Stationen als Diplomat waren die Konsulate in Prag, Königsberg und Bukarest. Während dieser Zeit erreichte ihn von Tôkyô die Anweisung, über seine Visum-Aktion in Kaunas zusammengefasst zu berichten. Sugihara antwortete nach Tôkyô, dass er insgesamt für 2.132 Litauer und Polen Transitscheine ausgestellt hatte. Die genaue Anzahl der erteilten Visa wird wohl immer im Dunkeln bleiben.
In diesem Zusammenhang sollte ich ergänzend die besonderen Kontakte Sugiharas zum polnischen Geheimdienst erwähnen, der sich, wie erst später bekannt wurde, still in die Visumaktion eingeschaltet und ein Täuschungsmanöver vorgenommen hatte: Um für die Unmenge von Visa Zeit zu gewinnen, hatte Sugihara in Kaunas einen seiner Geheimdienstleute im Konsulat angewiesen, für Siegel und Unterschrift je einen Stempel anfertigen zu lassen. Tatsächlich ließ man, ohne Wissen des Vizekonsuls, zwei Stempelpaare fertigen, von denen eines sofort nach Vilnius gelangte. So wurde, vermutlich nach Sugiharas Abreise, für einen Teil der Juden noch eine unbekannte Anzahl rückdatierter Transitvisa gefertigt.
Nach den Stationen Prag, Königsberg und Bukarest mit abschließender Verwahrung in rumänischen Kasernen erreichten Sugihara und seine Familie nach insgesamt zehn Jahren Auslandsaufenthalt erst April 1947 wieder japani-schen Boden. Die weitere Geschichte um Sugihara ist schnell erzählt.
Kurz nach seiner Ankunft in Japan wurde der Vizekonsul kurzerhand vom Dienst suspendiert. Seine Frau Yukiko erinnerte sich: "Er sah müde und allein gelassen aus, als er an dem Tage von der Unterredung im Ministerium zurückkam. Der Vizeaußenminister hatte ihm kurz und bündig erklärt: Für Sie ist kein Posten mehr vorhanden, bitte, scheiden Sie aus«" Für das Außenministerium war mit dieser Entlassung das Kapitel Sugihara für Jahr-zehnte erledigt.
Nach dem Bekanntwerden der Geschichte des Deutschen Oskar Schindler entstand in Japan jedoch der Mythos um den »japanischen Schindler«. Je mehr die Medien in Japan und Amerika sich der »Litauischen Affäre« annahmen, umso kritischer wurden andererseits, wie es oft so ist, auch die Stimmen, die dem Wirken Sugiharas den besonderen Nimbus der Menschlichkeit nehmen wollten. Doch nach vielen Jahren des Schweigens lebte der »Fall Sugihara« En-de der sechziger Jahre in Japan wieder auf. Sugihara wurde von ehemaligen polnischen Juden, denen er zur Flucht nach Fernost verholfen hatte, ausfindig gemacht. Ende 1985 wurde der ehemalige Vizekonsul von Yad Vashem in den Kreis »Gerechte unter den Völkern« aufgenommen. Er starb am 31.Juli 1986.
Angesichts der über Japan hinaus reichenden Ehrungen für den japanischen "Oskar Schindler" hat das japanische Außenministerium anläßlich der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zu den drei baltischen Ländern im Oktober 1991 schließlich die längst überfällige Bereinigung des »Falles Sugihara« vorgenommen. Seine humanitäre Leistung erhielt aus Anlass seines hundertsten Geburtstages mit der Enthüllung einer Gedenktafel in der Halle des Diplomatischen Archivs des japanischen Außenministeriums durch die japanische Regierung im Beisein der Witwe Sugiharas am 10.Oktober 2000 zusätzlich eine späte, aber würdige und ehrenvolle Entsprechung.

o Fluchtziel Kôbe


China und Japan - Shanghai und Kôbe; zwei verschiedene Welten, zwei Schauplätze für Judenschicksale, die politisch und militärisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich kaum gegensätzlicher hätten sein können.
In China führte Japan Anfang 1940 seit drei Jahren einen schwierigen, Kräfte zehrenden und kostspieligen Krieg. In Japan deuteten der innenpolitische Neubeginn unter Premierminister Konoe und Außenminister Matsuokas außenpolitisches Engagement im Pakt mit Deutschland auf bewegte Zeiten hin.
Das Zentrum aller Hilfsmaßnahmen und Verhandlungen für die in dieser Zeit nach Japan immer mehr einströmenden jüdischen Flüchtlinge war die Ha-fenstadt Kôbe. Um 1940 lebten dort schätzungsweise 3000 Ausländer, unter ih-nen einige hundert Juden, die meisten von ihnen waren Handelsleute. Kôbe war ein »unpolitisches Terrain«, weit genug von der international gespannten Einflußsphäre Tôkyô entfernt.
Schätzungsweise konnten von den während der Kriegszeit insgesamt rund 4000 nach Japan geflohenen Emigranten 2500 im Verlauf der Monate relativ zügig in andere Länder weiter ziehen. Schließlich wollte Japan jetzt die unge-betenen Fremden möglichst schnell wieder los werden. Für die verbleibenden ca. 1500 Flüchtlinge, die im Sommer 1941 noch in Kôbe weilten, musste Japan einige Wochen vor Beginn des drohenden Pazifikkrieges dringend eine Lösung finden. Nach intensiven internen Beratungen entschied Tôkyô ihre Evakuierung nach Shanghai in den Monaten August und September 1941.
Ende 1941 erhielt die japanische Seite Kenntnis von der Weisung des Auswärtigen Amtes in Berlin, dass alle im Ausland lebenden Juden für staa-tenlos zu erklären sind und den Betroffenen künftig jeglicher Schutz und Un-terstützung zu versagen sind. Auf entsprechende Forderungen der Deutschen Botschaft, die in Japan auf Dauer lebenden rund 120 Juden sofort von ihren Aufgaben zu suspendieren, reagierte das japanische Außenministerium gelassen und überging dieses Ansinnen missbilligend. Ein Beispiel: Die aus nichtigem Anlass durch die Deutsche Botschaft explizit von der japanischen Seite geforderten Abberufungen des bekannten und in Japan geschätzten Musikers Joseph Rosenstock oder die des Philosophieprofessors Kurt Löwith wurden vom japanischen Außenministerium entschieden mit der Feststellung zurückgewiese: "Es ist hinlänglich bekannt, dass sich die Haltung der japanischen Öffentlichkeit gegenüber den Juden von der deutschen offiziellen Position gänzlich unterscheidet, und dass Gruppen in Japan sogar mit den Juden sympathisieren. Unsere Regierung wird nichts unternehmen, was als Unterstützung von Rassendiskriminierung angesehen oder als judenfeindlich ausgelegt werden kann." Somit konnten die wenigen "Dauer-Juden" bis zum Kriegsende einigermaßen unbehelligt in Japan leben. Im Vergleich zu ihnen sollten den in den Jahren zuvor nach Shanghai geflohenen jüdischen Emigranten aus Deutschland und Österreich sowie ihren inzwischen von Japan nach dorthin internierten Leidensgenossen aus Osteuropa noch schlimme Zeiten bevorstehen.

IV. Gestapo und »Ghetto«


Das Nazi-Regime hatte sich Anfang 1941 entschlossen, den in Judenangelegen-heiten ziemlich unzuverlässigen werdenden Partner Japan NS-ideologisch auf-zufrischen. Dazu verabredeten Reichsführer-SS Himmler und der ausgespro-chen deutschfreundliche japanische Botschafter in Berlin, Ôshima, die Entsen-dung eines berüchtigten Nazi-Mannes nach Japan: SS-Standartenführer Josef Meisinger, zuvor als Kommandeur der Sicherheitspolizei im Warschauer Getto eingesetzt und bekannt unter der Bezeichnung der "Schlächter von Warschau". Meisingers offizieller Auftrag für Japan war "Identifizierung und Kontrolle der Juden oder Nazi-gegnerischen Elemente in der Deutschen Gemeinde".
Im Verlauf seiner Tôkyôter Dienstzeit von April 1941 bis Kriegsende hat der Gestapo-Mann in zum Teil niederträchtiger und verachtenswerter Weise Überwachung und Verhaftung einiger weniger Juden verschiedener europäi-scher Nationen und anderer nach seiner Entscheidung verdächtiger und misslie-biger Personen in Japan vornehmen lassen. Höhepunkt seines konspirativen Wirkens war der Versuch, seine japanischen Kollaborateure in Shanghai dazu zu bringen, die dortigen jüdischen Flüchtlinge zu liquidieren.
Die Japaner kooperierten mit Meisinger nur, soweit er ihnen für ihre eige-ne Spionageabwehrarbeit nützlich war. Trotz inzwischen geschlossenem japa-nisch-deutschen Polizeiabkommen und im Grunde wertloser Paktpartnerschaft war er ihnen nicht geheuer.


o Der "Schlächter von Warschau" in Japan


In Deutschland war 1939 der Höhepunkt der Judenemigration. Gemäß Nazi-Unterlagen hatten von 1938 bis zum Auswanderungsverbot am 01.Oktober 1941 insgesamt 170.000 Juden Deutschland verlassen. Die Gesamtzahl der jüdi-schen Emigranten seit 1933 belief sich damit auf rund 300.000. Die massen-hafte Auswanderung der Juden war für die Nazis nun kein realistischer Weg mehr zur Lösung des Judenproblems. Somit war das eigentliche Ziel ihre physische Vernichtung.
Meisinger begriff sich mit seiner Funktion in Tôkyô gleichsam als Leiter einer »Gestapo-Zentrale Fernost«. Für ihn galt es, die Japaner von der »Lösung der Judenfrage in Asien«, d.h. von der Notwendigkeit aus Nazi-Sicht, auch Shanghai »judenfrei« zu machen, zu überzeugen. Der NSDAP-Stützpunkt Shanghai, der gemeinsame Sitz von Orts- und Landesgruppe China mit insge-samt rund 300 Mitgliedern, war bereits am 04.April 1932 eingerichtet wor-den.
Der japanische Überfall auf Pearl Harbor Anfang Dezember 1941 brachte für die Juden in Shanghai unerwartet die Wende zum Schlimmeren. Die Situation in der Stadt hatte sich über Nacht verändert. Ich zitiere aus dem Bericht eines Augenzeugen: " 8.Dezember 1941, 8 Uhr morgens. Soeben erfahre ich, dass Amerika heute morgen 4 Uhr Japan den Krieg erklärte. Im Radio wurde verkündet, dass das Settlement von den Japanern besetzt ist, die Banken geschlossen sind und anderes mehr. Ich hörte militärischen Marschschritt, blickte zum Fenster hinaus und sah japanisches Militär die Yuen Road entlang marschieren. Ihr Gleichschritt, militärische Haltung machten einen guten Eindruck. Es war Infanterie in grau und leichte Feldartillerie. Kleine Unterschiede nur, eine andere Kopfbedeckung und die Offiziere trugen keine Degen sondern Samurai-Schwerter.”
Das japanische Außenministerium in Tôkyô hatte erkannt, dass die bisherige Judenpolitik, die mit dem Beschluss vom Dezember 1938 die Nutzbarmachung von Juden ausdrücklich dekretiert hatte, aufgrund der veränderten internationa-len Lage in der bestehenden Form nicht länger aufrechtzuerhalten war. Mit dem Ausbruch des Pazifikkrieges, von den Japanern mit »Großasiatischer Krieg« bezeichnet, erließ man die neue Direktive "Dringlichkeitsmaßnahmen für die Judenbehandlung". Im Vergleich zum Beschluss der Fünfministerkonferenz, distanzierte man sich nun damit von dem Ziel der Nutzbarmachung der Juden. Im Kern blieb Japan jedoch bei seiner moderaten Judenpolitik, frei von rassistischen Elementen wie Verfolgung und Genozid.
Der Unterschied zur aktuellen Situation bei den Nazis hätte in dieser Hinsicht nicht krasser sein können: Drei Tage nach Herausgabe dieser neuen Weisung, am 21.Januar 1942, begann in Deutschland die Wannsee-Konferenz.
Ganz im Geiste dieses teuflischen Treffens trieb auch Meisinger im fernen Asien seine Pläne voran. Er versuchte mit mehr Druck auf die Japaner, Maß-nahmen gegen illoyale Deutsche und gegen die Judenflüchtlinge in Shanghai zu erreichen.


o Das »Ghetto«


In jenen Wochen kursierten in der Jüdischen Gemeinde Shanghai Gerüchte über verschärfte Maßnahmen gegenüber den Juden unter angeblicher Federführung einer inzwischen in Shanghai von Gestapo und japanischer Geheimpolizei gebildeten "antisemitischen Gruppe". Aus wachsender Unsicherheit und Furcht vor der weiteren Entwicklung hatten führende Judenvertreter ihrerseits sofort ein neues Komitee gebildet. Dieses Gremium traf sich regelmäßig in kurzen Abständen. Ein Mitglied dieser Gruppe berichtet über eine denkwürdige Komitee-Sitzung: "Im Juli 1942 wurden wir plötzlich zu einer Notsitzung gerufen. Als ich ankam, sah ich auch einen Japaner, es war Vizekonsul Shibata, der besonderes Interesse für die jüdischen Probleme zeigte. Er erzählte uns eine unglaubliche und grausame Geschichte. Das neue Marine-Büro der Japaner hätte am Vortag in einer Sitzung unter deutschem Druck von Meisinger beschlossen, alle Juden in Shanghai zu liquidieren. Einige hätten vorgeschlagen, alle Juden auf alte Schiffe zu verladen und diese dann auf offener See zu versenken. Andere waren der Ansicht, man solle alle nach Tsung Ming bringen - einer unbewohnten Insel mitten in der Yangtse-Muendung - und sie dort verhungern lassen."
Das Bekanntwerden der Geschichte über die Meisinger-Pläne hatte bei Ju-den und auch unter den Japanern Hektik und Nervosität hervorgerufen. Wilde Gerüchte waren in Umlauf. Die Juden bangten um ihre Sicherheit. Eine gewaltsame Lösung, wie sie die Gestapo vorgeschlagen hatte, kam für die japanische Seite jedoch nicht in Betracht.
Der 18.Februar 1943 brachte erneut eine Wende. Mit der Einrichtung eines »Sonderbezirks für staatenlose Flüchtlinge« auf Grund der sog. Verordnung über die Beschränkungen des Wohnsitzes und der Geschäftsausübung für staatenlosen Flüchtlinge schufen die Japaner in Shanghai gettoähnliche Zustände. Eine Tagebucheintragung vom gleichen Tag lautet: "Wir Emigranten in Shanghai sind von schwerem Unglück betroffen. Heute morgen ist in allen Zeitungen der Stadt eine Proklamation der japanischen Militär- und Marinebehörden veröffentlicht. Alle staatenlosen Refugees müssen innerhalb dreier Monate in einen bestimmten Distrikt, außerhalb der Stadt, weit draußen in Hongkew siedeln. Alle Geschäfte, Läden, Häuser oder sonst unbewegliches Eigentum staatenloser Emigranten müssen aufgegeben oder verkauft werden."
Im Zusammenhang mit der späteren gerichtlichen Aufklärung dieser »Gettoisierung« in Shanghai, die nach dem Kriege in Deutschland im Rahmen der Arbeit der Konferenz der Minister für Wiedergutmachung (Justizministerium Stuttgart) vorgenommen wurde, machte unter anderem der von 1941 bis 1945 als deutscher Generalkonsul im chinesischen Tientsien eingesetzte Diplomat Fritz Wiedemann folgende die Nazis belastende Aussagen: "Ich bestätige, dass die Internierung von "mitteleuropäischen Emigranten" auf Veranlassung der Deutschen Regierung erfolgte. Die Japaner selbst waren nicht antisemitisch eingestellt und wir waren beauftragt, die japanischen Behörden über die Rassenpolitik Deutschlands aufzuklären und entsprechende Maßnahmen anzuregen."


o Japans Judenpolitik unter Druck


Bringt man die veränderte Situation in Shanghai um die Jahreswende 1942/1943 in den paktpolitischen Zusammenhang, dann wird deutlich, dass nach Ausbruch des japanisch-amerikanischen Krieges die striktere Haltung in der japanischen Judenpolitik sich auch in den japanisch-deutschen Beziehungen niederschlug.
Die Judenpolitik Japans konzentrierte sich nun immer stärker auf den Al-lianzpartner. Durch die hemmungslose Nazi-Propaganda antijüdisch getrimmt, hatte sich die japanische Führung in Tôkyô am 11.März 1942 erneut zur Festle-gung weiterer Richtlinien mit dem Titel »Der Situation entsprechende Behand-lung der Juden« entschlossen. Mit diesen Bestimmungen wurde der Beschluss der Fünfministerkonferenz, der die japanische Judenpolitik bis dahin im Grund-satz wesentlich bestimmt hatte, endgültig ersetzt. Für das Schicksal der unter japanischer Kontrolle stehenden Juden in Japan und China hatte diese Verord-nung in der eigentlichen japanischen Praxis der Judenbehandlung letztlich keine gravierend negativen Folgen mehr.
Kurz vor dem Ende des Krieges im Pazifik erlebten die jüdischen Flücht-linge mit dem amerikanischen Luftangriff auf Shanghai ihre dramatischsten und zugleich hoffnungsvollsten Stunden. Am 17.Juli 1945 wurde Shanghai durch amerikanische Flugzeuge bombardiert. Dieser Angriff forderte 250 Todesopfer, unter ihnen 31 Flüchtlinge, und 500 Verwundete, etwa die Hälfte davon im jüdischen »Getto«.
Die japanische Kapitulation bedeutete für die jüdischen Flüchtlinge das Ende einer zermürbenden Leidenszeit. Die lang ersehnte Erlösung in Shanghai brachte schließlich eine Bekanntmachung der japanischen Besatzer, in der es unter anderem hieß: "Das Shanghai Stateless Refugee Affairs Bureau gibt hierdurch bekannt, dass es die Tätigkeit am 15.August 1945, 12 Uhr Mittags, eingestellt hat."
Das japanische Militär konnte noch einige Tage die Kontrolle über Shanghai behalten. Dann übernahm am 22.August die sog. Allied Commission unter Füh-rung amerikanischer Truppen die Stadt. Die jüdischen Flüchtlinge waren frei.

V. - Schlussbemerkungen


Für Japan war die Begegnung mit den Juden eine historische Rarität. Auf dem Höhepunkt des japanischen Judenkapitels Anfang der vierziger Jahre befand sich das Kaiserreich im nicht beherrschbaren Spannungsfeld zwischen einer letztlich substanzlosen Allianz mit Nazi-Deutschland, die Amerika abschrecken sollte, einem blindwütigen Expansionismus in Asien, der das Land überforderte, und dem durch maßlose Selbstüberschätzung verursachten Pazifikkrieg, der das Land an den Rand des Ruins brachte.

Zwei Faktoren bestimmten demnach Japans Judenpolitik: Zum einen Haltung und Einfluss der japanischen Judenexperten, die nach anfänglicher Aversion und späterer Hinwendung zum Jüdischen mit zeitlich bedingten Abweichungen letztlich zur japanischen Sonderform der moderaten Haltung gegenüber Juden rieten.
Zum anderen war es der geschichtsnotorische Imperialgeist eines Volkes, der dem japanischen Rasseverständnis eine Art missionarischen Rang verlieh.
Mit den Regierungsbeschlüssen als Ergebnis verlässlicher Kompromissfindung legte Japan die Grenze zum nazistischen Endziel des jüdischen Genozids. Das Kaiserreich leistete keinen Beitrag zum Judenmord.
Als in Europa der Nationalsozialismus wütete, lag das asiatische Schicksal Tau-sender jüdischer Flüchtlinge in den Händen japanischer Soldaten und Bürger, bei Zoll- und Polizeibeamten, Behördenvertretern und Diplomaten. Vizekonsul Sugiharas Humanitas liegt jenseits des Persönlichen. Sie gereicht, wenngleich auch spät, Japan zur Ehre.
Die japanische Judenpolitik ereignete sich hauptsächlich unterhalb der Ebenen international-diplomatischer Beziehungen. Die restliche Welt interessierte es schlichtweg nicht, was Japan mit den Juden machte, solange ihre Belange nicht gestört wurden. Japan war mit seinen Juden ziemlich allein.
Europäisch-westlicher Rassismus erniedrigte Andere, japanisches Rassedenken erhöhte Japan. Deutschland folgte, beängstigend spontan, einem Diktator, Japan diente, wie seit über zwei Jahrtausenden, einem Kaiser.
Während der Zeit des Nationalsozialismus waren die Juden für Japaner letztlich Fremde, von irgendwoher nach irgendwohin. In der japanischen Geschichte sind die europäischen Judenflüchtlinge das, was sie für das ferne Kaiserreich immer waren und bleiben: Durchreisende im Transitraum Japan.

© 2003 Heinz Eberhard Maul
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