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Kurt Jansson, Vorsitzender Wikipedia Deutschland
Kurt Jansson

Das deutsche Gesicht
von Wikipedia

Kurt Jansson ist Vereinsvorsitzender
der deutschen Internet-Enzyklopädie

Es ist sein 25. Interview. 25 Journalisten haben den Studenten bereits mit Fragen zur Wikimania gelöchert. Aber der bleibt gelassen. Kurt Jansson ist Vorsitzender der deutschen Wikipedia. Medienpräsenz ist für ihn Dienst an der Sache. Eigentlich bezeichnet sich Jansson als schüchtern. "Es ist nicht richtig", erklärt er. "Die Leute, die die Artikel geschrieben haben und die das Ganze am Laufen halten, die sollten im Vordergrund stehen."

von Nicola Frowein - Frankfurt, 06.08.2005 [Archiv]

Zitat

Wir wollen das bieten, was die Gemeinschaft nicht bieten kann. Wir sind die Diener der Community.

Kurt Jansson

Jansson macht sich kleiner, als er ist. Bescheiden sitzt der Zwei-Meter-Mann auf einem Gartenstuhl im Innenhof der Frankfurter Jugendherberge. Die langen Beine hat er unter dem Tisch verschränkt. Was er für die deutsche Wikipedia erreicht hat, wischt er mit einer Handbewegung vom Tisch.

 

Gesicht für die Virtualität

Dabei ist Jansson ein Wikipedianer der ersten Stunde. Früher, da hatte er noch Zeit für die eigentliche Idee. Zeit, Artikel zu schreiben. Als das virtuelle Nachschlagewerk im Frühjahr 2001 ins Leben gerufen wurde und kurz darauf die deutsche Version folgte, war Jansson sofort Feuer und Flamme. Dann wuchs die englischsprachige Ausgabe, wuchs und wuchs. "Bei uns passierte nichts. Keiner kannte Wikipedia. Die Werbung fehlte." Jansson fing an Pressemitteilungen zu schreiben, forcierte die Anerkennung des Vereins als gemeinnützig und plötzlich hatte Wikipedia Deutschland ein Gesicht.

 

Es ist ein freundliches Gesicht. Die langen braunen Haare hat Jansson im Nacken zum Zopf gebunden, das geflochtene Bärtchen und die klaren, blauen Augen unter den dichten Wimpern geben ihm etwas Verschmitztes, stehen fast im Widerspruch zu der bedächtigen Nachdenklichkeit mit der sich der Berliner äußert.

 

Diener der Gemeinschaft

Seit dem vergangenen Jahr ist Wikipedia Deutschland als Verein anerkannt, schon jetzt gehören ihm über 200 Mitglieder an. "Wir wollen das bieten, was die Gemeinschaft nicht bieten kann. Wir sind die Diener der Community", sagt Jansson. "Es kommt darauf an, dass sie uns akzeptiert."

 

Die Akzeptanz der User jedenfalls ist dem Verein sicher. Die deutschsprachige Ausgabe der Internet-Enzyklopädie wurde im Juni gleich zweimal ausgezeichnet: mit dem renommierten Grimme-Online-Award und mit dem Intel-Publikumspreis. Kurt Jansson brachte zu der Feier nach Bensberg eine lange Liste mit Tausenden Namen mit. "Wir standen zu viert auf der Bühne, aber ausgezeichnet worden sind doch eigentlich alle Wikipedianer."

 

In seinem anderen Leben studiert Jansson Soziologie in Berlin. Viel Zeit für das Studium bleibt allerdings nicht. "Meine Motivation verbrauche ich eigentlich hier im Projekt", sagt er selbst mit einem schiefen Grinsen. Freizeit, das ist Wikipedia. Und Job auch, irgendwie. Natürlich läuft die Arbeit rein ehrenamtlich. Das ist die oberste Maxime von Wikipedia. Und für Jansson selbstverständlich. "Das klingt vielleicht pathetisch. Aber der aufklärerische Gedanke, der schon die ersten Enzyklopädisten angetrieben hat, der zählt auch für mich: Eine informierte, politische Gesellschaft ist das Ziel."

 

Preisausschreiben als Auslöser

Ende der 90er Jahre sei das Internet immer kommerzieller geworden, immer einseitiger. "Ich war wirklich deprimiert. Alles ging in die komplett falsche Richtung." Das Netz mit all seinen Möglichkeiten faszinierte Jansson von Anfang an. Seinen ersten PC kaufte er als Schüler von Geld, das er bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte. Später hatte er schon ein Modem, als Computer in den meisten Haushalten noch eine Seltenheit waren. "Ich weiß noch, als mein Vater mit der Telefonrechnung in der Tür stand. Es waren so etwa 250 Mark. Das fand er nicht so lustig."

Zitat

Das quantitative Wachstum ist abgeschlossen. Jetzt muss die Qualität sichergestellt werden.

Kurt Jansson

Wikipedia war für Kurt Jansson eine Entdeckung: "Davon hatte ich geträumt." Inzwischen sieht der Student die Online-Enzyklopädie an einem Wendepunkt. "Das quantitative Wachstum ist abgeschlossen. Jetzt muss die Qualität sichergestellt werden." Er könne sich vorstellen, verstärkt an Universitäten zu gehen und dort Professoren für die Sache zu gewinnen. Plötzlich richtet sich Jansson in seinem Stuhl auf, Begeisterung blitzt aus seinen Augen. "Das Konzept wird sie überzeugen, wir müssen nur Vorurteile und Ängste vor dem Internet abbauen."

 

Herzblut im Projekt

Dann lässt Jansson seinen Körper wieder zusammensinken. "Ich darf mich nicht nur über das Projekt definieren, nicht zuviel Herzblut hineinstecken. Sonst gehen einem Konflikte viel zu nahe." Der Wikipedia-Chef hält inne, zögert. "Man hat sich eine gewisse Position erarbeitet, jetzt gilt es, sich selbst entbehrlich zu machen. Aber dafür muss man auch fähig sein, auf Herrschaftswissen verzichten zu können."

 

Jansson weiß, dass er in seiner Position nicht auf ewig mit der Wikipedia verknüpft sein kann. "Schreiben werde ich wohl immer, aber wenn ich irgendwann berufstätig bin, wird wohl nicht mehr genug Zeit für den Verein bleiben." Das hört sich schon nach innerem Abschied an. Aber Jansson winkt ab. "Nein, nein - ich hänge viel zu sehr an dem Projekt," sagt er. Lächelt. Und schiebt hinterher: "Ich hätte aber auch viele neue Ideen für das Internet. Die muss ich auch mal ausprobieren."

 
 
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