Mit Latein studierfähig

Zu Ihren Artikeln „Mehr Lateinschüler" und „Latein ohne Höhepunkt" (F.A.Z. vom 30. 01. 04):

Auch wenn die Zahl der Schüler, die Latein als erste Fremdsprache wählen, wieder leicht ansteigt, ist die „Lateinarmut" an bundesdeutschen Gymnasien schlichtweg eine Katastrophe, weil Abiturienten ohne Lateinkenntnisse faktisch nicht über eine allgemeine, sondern nur über eine begrenzte Hochschulreife verfügen. Deutsch, Latein und Mathematik sind die drei wichtigsten gymnasialen Kernfächer, welche eine allgemeine Studierfähigkeit an deutschsprachigen Universitäten garantieren. Ohne ausreichende mathematische Grundkenntnisse bleibt Abiturienten ein naturwissenschaftliches Studium im Regelfall verschlossen, und ohne ausreichende Lateinkenntnisse werden sie es in vielen geisteswissenschaftlichen Studiengängen vielleicht zu einem formalen Abschluss, nicht aber zu einer sachadäquaten Durchdringung des jeweiligen Faches bringen. Gerade für die beliebten neuphilologischen Studiengänge sind solide Lateinkenntnisse unverzichtbar, auch wenn einige Außenseiter, um deren eigene Lateinkenntnisse es oft selbst nicht sonderlich gut bestellt ist, dies hin und wieder zu bestreiten versuchen.

Eltern und Kindern wird von utilitarismusfixierten Bildungsideologen beharrlich verschwiegen, dass grundständiges Lateinlernen nicht nur einen hohen Bildungswert, sondern auch einen entscheidenden Nutzen hat: Es ist wesentliche Voraussetzung für das Erlangen einer allgemeinen Studierfähigkeit im Bereich der Geisteswissenschaften, insbesondere aller philologischen und historischen Disziplinen. Insofern darf Latein keineswegs als Konkurrenzfach zu modernen Fremdsprachen gesehen werden, sondern sollte als unverzichtbares Fundament europäisch-abendländischer Bildung und als Kernfach gymnasialen Unterrichts gelten. Es gibt bekanntlich sehr wohl eine Korrelation zwischen Studienabbruchsquoten beziehungsweise Studienerfolg und der Sprachenfolge der zuvor von den Studenten besuchten Gymnasien: Während viele „lateinlose" Gesamtschulabsolventen ihr Studium vor einem ersten Examen aufgeben, ist die Erfolgsquote der Absolventen humanistischer Gymnasien, die Latein (und auch Altgriechisch) gelernt haben, konstant außerordentlich hoch. Und dabei lernen diejenigen Schüler, welche sich für die beiden alten Sprachen entschieden haben, in der Regel zusätzlich noch mindestens zwei moderne Fremdsprachen. Wären die Politiker mutig genug, aus den bekannten Fakten die Konsequenzen zu ziehen, so müssten sie Latein zum Pflichtfach- an allen Schulen machen, welche zu einer allgemeinen Hochschulreife führen sollen. Fazit: Wer es in Kauf nehmen will, die spätere Studierfähigkeit seiner Kinder entscheidend einzuschränken, der soll sie eben kein Latein lernen lassen. Für ein Sportstudium reicht auch ein lateinloses Abschlusszeugnis. Informierte Eltern werden dagegen sicherlich dafür Sorge tragen, dass ihre Kinder während der Gymnasialzeit solide Lateinkenntnisse sowie das Latinum erwerben und sich so alle späteren Studienmöglichkeiten offen halten.

Professor Dr. Axel Schönberger, Bremen