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Mai 2003

 

 

 

 

„Hometown“ erzählt eine vergessene Geschichte


1937 wurden an die 200 000 Russisch-Koreaner in Wladiwostok in einen Frachtzug geladen und in Zuge der „Politik der erzwungenen Wanderung“ Stalins in Ödland verbracht. Diese Maßnahme wurde zum Schutz Russlands vor Japan während des Zweiten Weltkriegs durchgeführt. Angeklagt als japanische Spione leisteten die Exil-Koreaner jahrzehntelang Knochenarbeit auf felsigem Ackerland, sie wurden von Seuchen heimgesucht und starben in Massen, während ihre Geschichte sowohl in ihrem Heimatland als auch in ihrer zweiten Heimat entweder in Vergessenheit geriet oder aber ignoriert wurde.
Diese verschleierte Geschichte kommt nun dank den Bemühungen der fünfunddreißigjährigen Regisseurin Kim So-young ans Tageslicht. Diese produzierte vier Jahre lang (1997-2001) gewissenhaft einen Dokumentarfilm, der nun mit dem Titel „Sky Blue Hometown“ der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Zuvor hat er jedoch bei zahlreichen Festivals bereits Preise eingeheimst, unter anderem beim „2000 International Documentary Film Festival“, wo er den Großen Preis gewann, beim „2000 International Festival of Audio-visual Programs“ in Frankreich und beim „2001 Asian American International Film Festival“ in New York.


Der 90-minütige Film ist ein beredtes Zeugnis der vergessenen Menschen, die sich nach Korea sehnen, an das sie sich mit Tränen in den Augen als „Heimat mit einem blauen Himmel“ erinnern. Er ist ein seltenes Vergnügen nicht nur für diejenigen, die sich für Geschichte interessieren oder für die Misere dieser im Ausland lebenden Koreaner, sondern auch für diejenigen, die ihre nationale Identität in der heutigen Zeit als Geschenk ansehen.
„Hometown“ ist ein offener und ehrlicher Dokumentarfilm, der die Zeugenaussagen der Überlebenden dieser Tragödie behandelt, die nun zwischen 70 und 90 Jahre alt sind und kaum Koreanisch sprechen. Die einzelnen Aussagen werden durch die Geschichte des koreanisch-russischen Künstlers der zweiten Generation Nikolai Shin (Shin Soon-nam) miteinander verknüpft, der sein Leben damit verbracht hat, die Ereignisse der erzwungenen Wanderung und ihre entsetzlichen Auswirkungen in Bildern festzuhalten.
Er war damals neun Jahre alt und erinnert sich, wie die gesamten Einwohner Wladiwostoks, einer Stadt, die Stützpunkt der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung und Schauplatz territorialer Streitigkeiten zwischen Russland, China und Japan geworden war, in Frachtzüge gezwängt nach Usbekistan gebracht wurden. Es gab kein Essen und keine Toiletten in den Zügen, so dass Hunderte, meist Kinder und Ältere, bereits während der 26-tägigen Fahrt starben.


„Es wurde noch schlimmer, als wir an unserem Ziel ankamen. Es gab kein Essen, und wir mussten das felsige Ackerland mit unseren bloßen Händen bestellen, um Getreide anzubauen. Und das andere Wasser tötete viele. Jeden Tag wachten wir auf und hörten das Weinen, mit dem noch mehr Tote betrauert wurden“, erinnert er sich.
Es gibt weitere tragische Erinnerungen: ein Hund, der dem Zug hinterherlief, in dem seine Besitzer waren, bis er schließlich an Entkräftung starb, der Tod von sechs Zwillingen innerhalb von einer Woche, die Trauer um die Toten, die nach russischen und usbekischem Recht nicht ordnungsgemäß bestattet werden konnten, der Verlust des Glaubens an Gott, das 40-jährige Warten einer Mutter darauf, dass ihr Mann aus dem Gefängnis kommt.
Der Schwerpunkt der Dokumentation liegt jedoch auf der Hoffnung, nicht auf der Pein, betont Regisseurin Kim So-young. „Ich wollte die ehrlichen Wünsche und verlorenen Träume der Opfer vermitteln, und weniger die Leiden und Ressentiments der Koreaner als Minderheit in der ehemaligen Sowjetunion und Zentralasien zeigen“, erklärt Kim, eine Absolventin der Hankuk University of Foreign Studies.


Shin war einer der wenigen Glücklichen. Dank der Opfer, die seine Familie brachte, konnte er an der renommierten „Benkov Art School“ (Tashkent) und „Art College Astropsky“ (Tashkent) studieren und im Alter von 62 Jahren sein Meisterwerk „Requiem“ fertig stellen.
Das mit 44 x 3 Metern gigantische Bild bedurfte 16 Jahre alleine für Zeichnungen und weitere 14 Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung. Es stellt die Leiden und Nöte der koreanischen Immigranten dar und wurde 1997 im Korean National Museum of Contemporary Art ausgestellt. Damit ging ein lang gehegter Wunsch des Künstlers in Erfüllung, sein Heimatland zu besuchen und sein Werk seinem Volk zu zeigen.
Bei dieser hochkarätigen Ausstellung kam Frau Kim erstmals die Idee für diesen Dokumentarfilm: „Ich sah ‚Requiem’ und das Bild nahm mich gefangen. Ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte als darüber einen Film zu machen. Es war natürlich beängstigend, denn es war ein schweres Thema und die Reise würde lange dauern, aber wenn jemand wie Shin dies nach einem solchen harten Leben erreichen konnte, dann konnte ich es auch“, erklärt Kim.


Die nächsten Jahre verbrachte sie damit, Zeugen zu interviewen, Gelder für das Projekt aufzutreiben und den Film wieder und wieder zu bearbeiten. Ihr Herz steht immer noch einen kleinen Moment still, wenn sie sich an die Reaktion erinnert, als die für den Film Interviewten den fertigen Film zum ersten Mal sahen: „Es herrschte absolute Stille und dann sah ich Tränen in ihren Augen. Ihre Geschichte war endlich gehört worden.“
„Und dann auf dem Rückflug nach Korea, nachdem das Projekt abgeschlossen war, dankte ich Gott, dass ich ein Heimatland hatte, in das ich zurückkehren konnte.“(eg)

Mai 2003 KOREAheute

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