bruno haspinger

Juni 1, 2006

Plünderung des Amazonas

Abgelegt unter: neuigkeiten — bruno @ 2:51 am

Die Plünderung des Amazonasgebietes und die Volkswagen - Fazenda

Zusammenfassung des Artikels v. Brinka le Breton

Jahrhunderte lang unterhielt der Urwald des Amazonas seine kleinen Völker, sicherte ihnen Nahrung, Unterkunft und Medizinen. Erst seit den letzten 60 Jahren krankt er an einem Überfall, durch welchen seine Nobelhölzer geraubt und große Flächen verbrannt wurden, um Straßen zu öffnen, Landepisten zu bauen und Ansiedlungen zu organisieren. Große Gebiete wurden auch zerstört, um seine Mineralien zu plündern und riesige Rinderherden anzusiedeln.

Auch seitens der Regierungen maß man dem Amazonas lange Zeit wenig Bedeutung zu. Man überließ ihn den Abenteurern, die auf seinen Flüssen reisten um Drogen, Gummi, Seelen oder Sklaven zu suchen. Ab 1890 lieferte er der Welt und vor allem für die beiden Weltkriege, große Mengen von Gummi. Viele Händler machten ihr Geschäft fürs Leben. Jedoch was schnell kommt, vergeht auch schnell und nachdem der Gummi-Boom vorbei war, versank der Amazonas wieder in Vergessenheit.

Im Jahre 1953 schuf die Regierung Getúlio Vargas eine Agentur zur Entwicklung des Amazonas - SPVEA. Drei Jahre später erschien der erste Plan zur Entwicklung des Amazonas auf der Grundlage des Vorkommens von Magnesium, Petroleum und der starken Vermutung, von gewaltigen Reserven von Mineralien. Der Plan wurde als unerlässlich für die nationale Entwicklung bezeichnet, dessen Unterlassung einer Bedrohung der Sicherheit des Landes gleichkäme.

Große Ländereien verlangen große Planungen und Fragen der Staatsoberhoheit verlangen die Eingliederung enormer Gebiete in den Staat. Der erste Schritt war die Einführung einer Bank zur Erleichterung der Kreditgeschäfte, der zweite, der Bau von Elektrizitätswerken und der dritte, der Bau von großen Straßen zwischen der neuen Hauptstadt und Belém, sowie die Anbindung der Cerrados (Hochsavannen) von Porto Velho.

Amazonien den Brasilianern, eine nationale Dringlichkeit

1964 folgte Brasilien den meisten seiner Nachbarstaaten mit der Einführung der Militärdiktatur. Gleich die erste Militärdiktatur bestimmte die Entwicklung des Amazonas als nationale Dringlichkeit, um möglichen Einflüssen oder Besetzungen von außen vorzubeugen. Im Besonderen hatte man den großen Nachbar, die Vereinigten Staaten im Visier, die bereits offen von einem Patrimonium der Menschheit zu träumen begannen. Aber auch andere Nachbarländer schielten auf die Reichtümer jener Region. 1966 erließ die brasilianische Regierung eine Erklärung die lautete: „Amazonien muss eine brasilianische Besetzung erfahren, durchgeführt von Brasilianern in einem Feldzug, in welchem den brasilianischen Unternehmern die Hauptrolle zufällt“. Nach Abschluss aller Verhandlungen folgte eine zweite Erklärung, die wie folgt begann: „Regierung und Unternehmer Brasiliens, versammelt in Amazonien unter Eingebung Gottes, ausgerichtet durch den festen Willen, die nationale Einheit zu erhalten… “

Um die Ziele der Besetzung zu fördern, änderte die Regierung 1967 den Namen der Kreditbank auf Banco da Amazônia, schuf einen privaten Investitionsfond für die Region und veränderte die SPVEA auf SUDAM (Verwaltungsbehörde der Entwicklung Amazoniens). Ihre Aufgabe war die Investierung zu fördern. Sie wurde jedoch zum Modell, wie man keine Entwicklung fördert, jedoch große Geldmengen in völlig ungeeignete Projekte verteilt, mit einer minimalen Überwachung und Abrechnung. 34 Jahre später, im Jahre 2001, wurde die SUDAM wegen gewaltigen Anklagen von Unfähigkeit und Korruption geschlossen. Wahnsinnslagerhallen aus Zeltplanen, die nie belegt wurden, zerfetzt nun der Wind, auch in Balsas.

Land ohne Menschen für Menschen ohne Land

Der erste Fünfjahresplan der SUDAM bestimmte die landwirtschaftliche Besetzung als Strategie der nationalen Sicherheit um möglicher, regionaler Guerillatätigkeit, sowie der chronischen Unsicherheit der Nachbarstaaten und ständigen, kommunistischen Bedrohung vorzubeugen. Die Besetzung sollte unter dem Schlagwort „Land ohne Menschen für Menschen ohne Land“ die Armen aus dem Süden und Nordosten anziehen. Die Regierung werde die Infrastrukturen und technische Assistenz liefern. Das Projekt zog zwar viele Bauern an, war aber schwierig zu gestalten, denn viele aus dem Süden hatten keine Erfahrung mit dem Klima und Bodenverhältnissen des Amazonas. Es gab Projekte, bei welchen 40% der Ansiedler aufgaben. Aber auch ohne diesen Misserfolg, war von Anfang an klar, dass die Entwicklung dieser neuen Agrarfront den Einsatz von großem Kapital und Technologie fordere. Es begann die Einführung großer Fazendas für die Viehzucht. Die Regierung träumte von einer Transformierung des Amazonas in einen gewaltigen Pol für den Export von Rindfleisch. Jedoch der Export von Rindfleisch war bei weitem nicht die Priorität der großen Unternehmer, die in die Reihen der Geldempfänger einstiegen, um große Summen öffentlicher Gelder zu schnappen, um in fingierte Projekte zu investieren oder Projekte vorzutäuschen, die niemals ausgeführt wurden. Die Projekte, finanziert von der SUDAM, umfassten in der Regel 48 tausend Hektar Land und machten nur im Süden des Pará 3,8 Millionen Hektar aus. Allein 1974 approbierte die SUDAM 321 Projekte mit einer Summe von 523 Millionen Dollars, was eine Zuschuss von 1 Million und 220 Tausend Dollar pro Projekt ergab. In jener Zeit war das bekannteste Projekt die Fazenda Rio Cristalino des Volkswagenwerkes. Es hatte eine Eigeninvestition von 38 Millionen und 800 tausend Dollar plus einem Staatszuschuss von 116 Millionen und 400 tausend Dollar. Es war auch eines der ersten Projekte, das wegen Beschäftigung von Sklavenarbeitern angezeigt wurde.

Untaugliche Verwaltungsbehörde SUDAM

Abgesehen von den enormen Investitionen, produzierten die Projekte der SUDAM nur 15% der versprochenen Menge. Alle Projekte ohne Ausnahme überschritten die ursprünglichen Kostenrechnungen. Eine unabhängige Untersuchung von 33 Projekten, stellte 1985 fest, dass nur vier von ihnen tatsächlich funktionierten. Viele funktionierten nur als Fantasie-Projekte. Ein Projekt, das eine jährliche Produktion von 2.779 Rindereinheiten vorsah, dessen Produktion jährlich 40% des Bestandes von 7.000 Rindern haben sollte, hatte einen Bestand von ganzen 683 Rindern. Unter den 85% der Projekte, die nicht funktionierten, bereicherten sich die Unternehmer durch Geldwäscherei. Viele Gelder wurden für andere Projekte verwendet. Alle Initiativen, die Projekte zu kontrollieren, schlugen fehl. Die Projekte waren für zehn Jahre steuerfrei. Selbst wenn man die Projekte überwachen wollte, gab es keine Chance Ungesetzliches zu überführen, denn zu sehr war die Justiz in die unsauberen Geldgeschäfte verwickelt.

Durch die Projekte sollte der nationale Viehbestand um 6 Millionen Rinder erhöht werden, 36 Millionen Arbeitsplätze schaffen und die Häfen von São Luís und Belém zu den größten Ausfuhrhäfen der Welt für Rindfleisch machen. Jede Fazenda sollte ihr eigenes Schulsystem, Gesundheitsposten und alle Arbeiter mit Arbeitsvertrag haben. In der Tat aber hatten sechs von zehn Fazendas überhaupt keine Infrastruktur und fast alle bezahlten ihre Arbeiter wie Tagelöhner und benutzten das Geld für den Einkauf von Lebensmitteln für die Kantinen, so dass sie fast den gesamten Lohn verschluckten. Damit entstand das alte System der Sklaverei mit der unbezahlbaren Knechtschuldschaft.

Konflikte waren vorprogrammiert

Das Eintreffen der neuen Herren, brachte natürlich große Konflikte mit der ansässigen Bevölkerung, vor allem den Indianern. Der Amazonas war immer schon bevölkert mit Indianern, Goldgräbern, Holzfällern und Talbewohnern. Letztere wussten, wie in dieser Region die Landwirtschaft zu funktionieren hatte. Sie sahen das Land nicht als Eigentum und Kapital, sondern als Geschenk Gottes. Es sollte bearbeitet werden und nicht besessen. Tausende von ihnen wurden vertrieben und jene, die verblieben, lösten Gewaltakte von Polizei und Pistoleiros aus. Um die Regionen um die Flüsse Araguaia und Tocantins, entlang der Transamazônica zu beruhigen, wurde Militär eingesetzt. Dies rief bereits ab 1970 Guerrilhagruppen auf den Plan. Die Regierung Geisel 1975-79 vereinigte sich mit drei ihrer Vorgänger und entwickelte 15 große Projektregionen. In der Region Marabá, mit ihrem Zugang zu Carajás, wurden 65 tausend Hektar für die Ansiedlungen vorgesehen, und 561 Tausend Hektar für Viehwirtschaft. Weitere Projekte wurden durch den Staat und die katholische Kirche entworfen, kamen aber wegen Mangel an Erfahrung nicht weiter.

Die Regierung Figureiro 1979-85 erlebte das Ende des Wirtschaftswunders und auch der Militärdiktatur. Die Landfrage war allgemein konfliktgeladen geworden, sodass 1980 die Regierung die Kontrollgruppe GETAT gründete. 1981 begann das Projekt Carjás auf einer Fläche von 450tausend Quadratkilometern. Zu ihm gehörten auch der Bau der eigenen Eisenbahn zum Hafen von São Luís, Elektrizitätswerke, das Stauwerk Tucuruí sowie große Landwirtschafsprojekte.

Totales, wirtschaftliches Chaos

Zurückblickend ist es leicht die gewaltigen Zerstörungen dieser Epoche festzustellen. Indianer und Kleinbesitzer wurden vertrieben, enorme Summen öffentlicher Gelder missbraucht und verursachten Jahrzehnte der Inflation und des wirtschaftlichen Chaos. Die Korruption gewann Oberhand und alles war im Grunde vorhersehbar. Millionen von Quadratkilometern Urwaldes wurden zerstört, unkontrollierte Feuer verpesteten die Luft, der Gebrauch von Quecksilber für die Goldwäsche vergiftete die Flüsse, die massive Migration löste schwerste Konflikte aus und führte unweigerlich in die Sklaverei.

Als 1985 die Militärregierung durch die unfähige Regierung Sarney ersetzt wurde, war die Agrarreform schon sehr im Gespräch und löste bald als Gegenreaktion die Gründung der rechtsgerichteten UDR (União Democrática Ruralista) seitens der Großgrundbesitzer aus. Ihr vordergründiges Ziel war die Beratung der Regierung in Sachen Agrarreform. Damit diese aber nicht zustande käme, organisierten sie ein gewaltiges Netz von Privatmilizen und Pistoleiros, um die Führungskräfte der Kleinbauern zu schwächen und auszulöschen, vor allem Gewerkschaftler und aktive Mitglieder der Kirche. Diese Sicherheits-Pistoleiros vereinigten sich mit der Polizei und sind in dieser Verbindung bis heute. Die Gewaltaktionen sind nicht nur isolierte Übergriffe von Pistoleiros, sondern in dieser Kriminalität sind öffentliche Staatsanwälte, Richter, Polizeidelegaten, Bürgermeister, Bundesabgeordnete, Senatoren, Großgrundbesitzer und Unternehmer jeglicher Art verwickelt. Die UDR hat zwar ihren Stil gewechselt, ist jedoch immer noch aktiv. Große, abgelegene Fazendas halten Landepisten für nicht registrierte Flugzeuge bereit, die Waffen und Kokain verfrachten.

Die Volkswagen - Fazenda

Das bekannteste Projekt jener Zeit war die Fazenda Rio Cristalino von Volkswagen, im Süden des Pará. Die Fazenda, auf der Serra Linda gelegen, hatte eine Ausdehnung von 140tausend Hektar Land und hatte 46tausend Stück Rinder (bis 1988 waren 106tausend vorgesehen). Die Eigeninvestition betrug 38 Millionen und 800tausend Dollar, der Staatszuschuss durch die SUCAM betrug 116 Millionen und 400tausend Dollar. Im Gegensatz zu anderen Schein-Fazendas, wurden auf dieser, 1972 die ersten Bäume gefällt und 22 Monate später, gab es ausreichend Weidegras für 2.100 Stück Rinder.

In ihrem Werbematerial hob sie hervor, dass eine große Körperschaft wie Volkswagen, große Vorteile für die gesamte Region bringe: Steuergelder, Arbeitsplätze, unterzeichnete Arbeitsverträge, Arbeiterregister und Versicherungen. Die Fazenda wurde auch „ein kleines Brasilien im Amazonas“ genannt. Sie hatte Büros, Werkstätten, Garagen, Laboratorios, Metzgerei, Bäckerei, Wetterstation, einen Gesundheitsposten, Gästehaus, Club, Schwimmbad und mehrere Fußballplätze. Der elektrische Strom wurde durch zwei Dampfwerke hergestellt, welche die Reste der Sägereien verbrannten. Ziegel wurden produziert und ein eigener Supermarkt lieferte Milch und Fleisch. Gemüse wurde den Angestellten gratis geliefert. Es gab eine Grundschule und eigene Omnibusse für die Beförderung der Schüler. Für Jugendliche und Frauen wurden Nähkurse und Alphabetisierungskurse organisiert. Für die Verbesserung der Vieherden gab es künstliche Befruchtung, Heu wurde gemacht und Silofutter und der gesamte Betrieb war computerisiert. Es war eine Fazenda-Modelo.

Nicht alles war, wie es schien

Weit entfernt vom Verwaltungszentrum, gab es Lager, wo die Landarbeiter unter Zeltplanen und Baracken lebten. Sie arbeiteten um ihre Schulden zu bezahlen und waren von Pistoleiros bewacht. Es war das übliche System der Benutzung der informalen Arbeitskraft durch Vermittlerfirmen. Die Arbeitsvermittler werden „Gatos“ genannt. Die Arbeiter müssen die weite Fahrt bezahlen und alles, was sie zum Leben brauchen. Damit kommen sie nie aus den Schulden heraus. Von den hauptamtlichen Mitarbeitern, kümmerte sich kaum jemand darum, sie hatten ihre Aufgaben.

Für einige Zeit kam die Fazenda ins Gerede. 1981 hinterlegte der Arbeiter José Camilo bei der Landpastoral eine Klage über seine Behandlung auf der Fazenda. Er fühlte sich von Anfang an unwohl, als er und seine Kollegen bei der Ankunft durchsucht wurden. Er suchte den „Gato“ (den Vermittler, der sie anheuerte und brachte) und sagte, sie wollen wieder fortgehen. Der Gato ließ sie gehen. Nach 40 km Fußmarsch, umkreiste sie der Gato mit sechs Pistoleiros. Sie schossen in die Luft und sagten: „entweder geht ihr zurück oder ihr seit tot“. „Wir waren todmüde in der Hängematte, ohne Kraft aufzustehen. Der Gato schnitt der Bänder durch und sie zwangen uns, mit den Revolvern in der Hand, vor ihnen herzugehen. Als es nicht mehr ging, schossen sie auf die Füße. Auf der Fazenda wurden wir Tag und Nacht bewacht, wie im Gefängnis. Wir mussten von Montag bis Montag arbeiten, oft ohne zu essen. Das Essen war schlecht, ich glaubte zu sterben.

Zwei Jahre später kamen mehrere Arbeiter zur Landpastoral - CPT und berichteten von ihren fürchterlichen Erlebnissen. Sie sagten, sie seien gekauft worden wie Vieh, gedemütigt, sexuell missbraucht, ausgepeitscht und illegal eingesperrt. „Es war wie im Gefängnis“, sagte einer, „und arbeiten mussten wir von morgens bis abends, sieben Tage in der Woche, ständig mit der Angst, plötzlich tot zu sein“.

„Der Name Rio Cristalino wurde viel zitiert, doch es war größte Vorsicht geboten, das Unternehmen war groß und machtvoll, wir konnten ohne klare Beweise nicht dagegen angehen. Erst nachdem wir die Aussagen der Arbeiter hatten, konnten wird einschreiten“, sagte der Leiter der Landpastoral. Auch umging man die Polizei, denn sie würde die Fazenda alarmieren. Der Leiter der CPT vereinbarte ein Treffen mit dem Governador in Belém. Als er aber zum vereinbarten Zeitpunkt, zusammen mit den Opfern, in Belém eintraf, war der Governador in Brasília. Es war eine Reise von mehr als 1.000 km umsonst. Trotzdem versuchten sie ihn in Brasília zu erreichen, aber dort hieß es, er sei in Rio. So beschloss man über die Brasilianische Bischofskonferenz eine öffentliche Anklage zu machen. Das Echo auf nationaler Ebene war bescheiden, umso größer aber in der internationalen Presse, handelte es sich doch um ein großes Unternehmen und die Zahl der Sklavenarbeiter lag damals bei acht hundert. Ein Abgeordneter sprach auch im Parlament in Brasília über den Vorfall bei Volkswagen. Das Unternehmen leugnete alles, behauptete alles in Ordnung zu haben und lud den Abgeordneten zu einem Besuch der Fazenda ein.

Es wurde eine Kommission von Abgeordneten, Gewerkschaftsführern und Journalisten gebildet, die sich im Juni 1983, begleitet von hohen Beamten von Volkswagen, auf den Weg zur Fazenda machte. Die Abgeordneten bestanden darauf, dass auch der Leiter der CPT anwesend sei.

Über diesen Besuch berichtet der Leiter der CPT: „Natürlich tat die Firmenleitung alles um zu beeindrucken und zeigte alles, was beeindrucken konnte: die schönen Rasen, die tollen Gebäude, die Schule, den Club. Aber das wollten wir gar nicht sehen, wir wollten die Arbeiter sehen und sie taten alles, damit wir nicht zu nahe an sie herankamen. Als wir in ein einfacheres Haus kamen, das für ledige Männer bestimmt war, trafen wir auf einen Mann der brannte vor Fieber. Er fragte nach dem Padre und sagte zu ihm, er müsse ihn retten. Retten wovor? Zieh mich heraus von hier. Hier abreite ich seit zehn Monaten, aber ich komme nicht weg, denn es gelingt mir nicht die Schulden zu bezahlen. Ich habe Malaria. Herr Bruegger, unser Ansprechpartner der Firma explodierte vor Zorn und sagte zum Leiter der CPT: „Sie handeln nicht wie ein Priester. Ich bin genauso katholisch wie Sie. Wenn die Arbeiter Anklage erheben, glauben Sie ihnen. Wenn wir reden, beachten Sie uns nicht.“ Wir berichteten von vielen Anklagen, aber die Leute der Firma taten alles, um uns abzulenken. Auch die Parlamentarier waren zu schwach. Am Abend gab Herr Bruegger ein wunderbares Abendessen. Zum Schluss übergab er mir ein Geschenk. Es war ein Kelch aus Brasil- Holz. Zunächst wollte ich es nicht annehmen. Schließlich bedankte ich mich und bat ihn um zwei weitere Geschenke. Es wurde peinlich still und ich ging vor und bat ihn, er möge mir erlauben, nochmals den Mann mit Malaria zu treffen und zweitens, möge er ihm erlauben, die Fazenda zu verlassen. Das war für Herrn Bruegger wie ein Schlag ins Gesicht. Er versprach, dass ich den Mann sehen dürfe, aber er könne nicht für dessen Leben garantieren.

Gleich zu Beginn des Besuches traf die Kommission auf Abilão, den Chef der Gatos. Er fuhr einen Pickap auf welchem ein gefesselter Mann kauerte. Abilão sagte, dass er geflohen war und dass er ihn zurückholte, weil er seine Schuld noch nicht bezahlt habe.

Herr Bruegger meinte, alle Fazendas arbeiteten auf diese Weise.

Die Landpastoral eröffnete bald darauf einen Prozess gegen die Fazenda Rio Cristalina zugunsten von vier geschädigten Landarbeitern. In erster Verhandlung lehnte der Richter den Prozess ab und ordnete an, dass die vier Landarbeiter die Kosten zu bezahlen hätten. Als es schließlich soweit kam, dass die Fazenda verurteilt wurde, gehörte sie bereits nicht mehr Volkswagen.

Die Fazenda erbrachte keine großen Gewinne. Die hohen Investitionen und der schlechte Ruf, der sich verbreitete, sowie die große Empörung, die es zurecht bei hohen Funktionären der Firma in Deutschland auslöste, hatten 1997 die Versteigerung der Fazenda an eine brasilianische Firma, für einen Spottpreis, zur Folge. Käufer waren die brasilianischen Unternehmer Eufrásio Pereira Luiz und José Marcos Moteiro. Aber zu jener Zeit war die Fazenda bereits soweit herunter gekommen, dass es praktisch keine Rettung mehr gab. Es wurde das Gerücht verbreitet, die neuen Besitzer hätten eine Gruppe von Landlosen MST angeheuert, die Fazenda zu invadieren, in der Hoffnung, dass sie für die Agrarreform ausgewählt würde. Es kam tatsächlich so: am 2. August 1998 wurde das Dekret für die Enteignung approbiert, mit dem Recht auf eine Entschädigung von 40.000 Millionen Reais oder genauer gesagt, doppelt soviel wie die neuen Besitzer an Volkswagen bezahlten.

(Ende Mai fuhr ich an der Einfahrt zur Fazenda Cristalina vorbei, hatte leider keine Zeit hineinzuschauen, werde es aber sicher nachholen.)

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