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Kalenderblatt18.07.2002
18.07.1573: zurück weiter
Inquisitionsprozess gegen Paolo Veronese
Autor: Michael Wagner
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"Die Kunst muss frei sein", sagte Egon Schiele. Wie kam er zu dieser Erkenntnis? Nein, es waren nicht etwa feinsinnige Überlegungen zur Theorie der Ästhetik, es war ein ganz handfest praktischer Grund. Der Künstler war nämlich gerade inhaftiert worden, angeklagt der "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen". Man schrieb das Jahr 1912.
"Die Kunst muss frei sein", sagte Schiele da und machte damit den Versuch, seine Verteidigung in die höheren Sphären zu verlegen. Der Erfolg war eher bescheiden: 3 Tage Arrest. Wurde aber durch die 24-tägige Untersuchungshaft als abgesessen angesehen. Sozusagen strafmildernd. Es war eben auch keine ganz originelle Idee, sich auf die Freiheit der Kunst zu berufen. Das hatte schon mancher getan. Zum Beispiel ein Maler - 300 Jahre vor ihm.

Der Anlass war ähnlich, wenn auch wesentlich dramatischer, hatte doch Paolo Caliari, genannt nach seinem Heimatort "il Veronese", am 18. Juli 1573 nicht vor dem St. Pöltener Kreisgericht Rede und Antwort zu stehen, sondern vor der Heiligen Inquisition in der Cappella San Teodoro bei San Marco in Venedig. Wie kam es dazu?

Zwei Jahre zuvor hatte ein Brand im Dominikanerkloster San Giovanni e Paolo verheerende Schäden im Refektorium verursacht und dabei das dort aufgehängte Abendmahlbild Tizians zerstört. Nach dem Wiederaufbau wurde nun ein neues Gemälde gebraucht.
Veronese erhielt den Auftrag und nach zwei Jahren war das "Abendmahl Christi und seiner Jünger im Hause des Simon" endlich fertig gestellt. Ein Gemälde nicht nur von bestechender Qualität, sondern von mindestens ebenso beeindruckenden Ausmaßen: 5 Meter 55 auf 12 Meter 80 maß es. Die Mönche waren es zufrieden und hängten das Bild auch gleich in ihrem Refektorium auf.

Zwei Monate später zitierte man Veronese vor das geistliche Inquisitionsgericht der Stadt Venedig. Ein anonymer Spitzel, oder ein übelwollender Kollege, näheres ist nicht bekannt, hatte ihn angezeigt. Eine blasphemische Darstellung hatte man in seinem Gemälde erkannt. Mit zu vielen und noch dazu mit unpassenden, profanen Figuren habe er es ausgeschmückt. Und wirklich, auf dem Riesenbild war Jesus an der langen Tafel zwischen den übrigen rund 50 Gestalten erst nach längerem aufmerksamen Hinsehen zu entdecken. Auf die Frage des Gerichts, wer, Veronese denn glaube, wohl wirklich am letzten Abendmahl teilgenommen habe, antwortete er, wie aus den Protokollen zu entnehmen ist, gelassen: "Ich glaube, dass nur Christus und seine Jünger anwesend waren. Aber, wenn in einem Gemälde freier Platz ist, fülle ich diesen mit Figuren meiner Phantasie aus." Und: "Künstler und Narren sind frei!"

Leider half ihm diese Erkenntnis, wie später auch Schiele, nicht weiter. Veronese wurde verurteilt. Das Urteil fiel aber vergleichsweise milde aus. So erhielt er lediglich die Auflage das Bild innerhalb von drei Monaten zu verbessern, die fraglichen Partien zu berichtigen und mit Unverfänglichem zu übermalen. Auf eigene Kosten versteht sich.

Vielleicht zeugt es von der Sparsamkeit Veroneses, auf alle Fälle von seiner Unbeirrbarkeit, seinem Mut und nicht zuletzt von einem gehörigen Quantum an Witz, genauso aber auch vom Pragmatismus der Dominikaner von S. Giovanni e Paolo: Er ließ das Bild einfach wie es war, nur der Titel hatte sich geändert. Aus dem Streitobjekt "Abendmahl Christi und seiner Jünger im Hause des Simon" wurde kurzerhand das unverfängliche "Gastmahl im Hause des Levi" und war somit aller Beanstandung und Verdächtigung der Gotteslästerung erhaben.

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