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Mittwoch, 06.12.2006  
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MONITOR Nr. 542 am 19. Januar 2006 Logo: 'Monitor'; Rechte: WDR-Fernsehen
Der Fall Hoss: Der lange Leidensweg eines Polizeiopfers
Bericht: Isabel Schayani, Ralph Hötte

   

Sonia Mikich: "Die Polizei ermittelt oft lange, um eine Spur zum Täter zu verfolgen. Professionelle Hartnäckigkeit. Die wollen wir mit dem folgenden Film von Ralph Hötte und Isabel Schayani ebenfalls an den Tag legen.

Da wird der Fliesenleger Josef Hoss von einer 16-köpfigen Spezialeinsatzkräfte-Einheit der Kölner Polizei überfallen und zusammengeschlagen. Der Mann ist unschuldig. Fünf Jahre nach dem SEK-Einsatz ist Josef Hoss immer noch krank geschrieben, arbeitsunfähig, verarmt. Keiner der Beamten wurde strafrechtlich belangt. Eine Entschuldigung der Polizei? Des Innenministers? Schadenersatz? Grosses Schweigen!"

Als die Geschichte, die wir erzählen, begann, da brauchte Josef Hoss keine Krücken. Er war Fliesenleger im Rheinland, wohlhabend und gesund.

 

Josef Hoss: "Mit dem Laufen wird das nie mehr besser. Die Wirbelsäule ist kaputt, ich habe ständig Schmerzen in der Brust, an der Wirbelsäule, in beiden Beinen."

Josef Hoss; Rechte: WDR-Fernsehen 2006

Damals hatte er mit seinen Nachbarn Streit. Sie erzählten sich, der Hoss besäße Handgranaten und meldeten das der Polizei. Um sein Haus zu durchsuchen, nahmen ihn 16 Elitepolizisten fest. Da saß er gerade im Auto.

Josef Hoss: "Dann kamen hinten acht Mann 'raus gelaufen, von vorne, und dann haben sie Scheiben eingeschlagen und haben mich mit 'nem Gummiknüppel traktiert, die Brust kaputtgeschlagen und ins Gesicht und haben mich raus gezogen, haben mich dann auf die Straße geschmissen, und dann haben sie mich gefesselt mit drei, vier Mann, haben … dass ganze Gelenk oben, das knackte alles. Und dann haben sie mir Handfesseln. Und wie ich gefesselt mit dem Gesicht auf dem Pflaster lag, hat mir einer links in die Rippen getreten, dann habe ich noch einen Riesentritt gekriegt rechts in die Rippen und einer ist mir in den Rücken gesprungen oder getreten mit einem Kampfstiefel. Und dann habe ich das Bewusstsein verloren."

 

Die Bilanz des Einsatzes: Hoss hatte keine einzige Handgranate. Ein unschuldiger Bürger wurde von der Polizei arbeitsunfähig geprügelt. Rippenbrüche, schwere Prellungen, Schäden an der Wirbelsäule. Hoss musste seine Firma auflösen, das Haus verkaufen und ist heute schwer behindert. Das Strafverfahren gegen die Kölner Beamten wurde eingestellt, denn keiner der Polizisten konnte sich genauer erinnern, was sie da mit Bürger Hoss veranstaltet hatten.

SEK-Beamte aus Köln; Rechte: WDR-Fernsehen 2006

Klaus Steffenhagen, Polizeipräsident Köln: "Wir haben dann geprüft, ob es einen disziplinarrechtlichen Überhang gegeben hat, den hat es für uns nicht gegeben. Insofern gab es für uns aus strafrechtlicher und disziplinarrechtlicher Sicht nach dem Fall Hoss keine beamtenrechtlichen Maßnahmen der eingesetzten Beamten."

Klaus Steffenhagen, Polizeipräsident Köln; Rechte: WDR-Fernsehen 2006

Übersetzt heißt das: Die Beamten blieben nach dem Einsatz Hoss weiter in der Elitetruppe, das wundert uns. Nach jedem Einsatz gibt es eine Dienstbesprechung, auch im Fall Hoss. Intern ist klar, wer wann zuschlug, aber nur intern. Nichts sickert nach außen. Das wurde uns mehrfach während der Recherche von Beamten, die nicht vor die Kamera treten wollen, erklärt. Automatisierte Griffe gegen einen Wehrlosen. Eine Zeugenaussage aus dem Verfahren gegen das SEK:

"Bei einem Einsatz am 8.12.2000, also der Fall Hoss in Siegburg, wurde die festzunehmende Person von Polizeikommissar S. grundlos zusammengeschlagen. Polizeihauptkommissar M. sorgte wider besseres Wissen dafür, dass die Maßnahmen von allen beteiligten Beamten des SEK als rechtmäßig dargestellt wurden."
Und trotzdem wurden die Ermittlungen gegen die Beamten eingestellt. Josef Hoss will wenigstens Schadenersatz. Letzte Woche wieder eine Gerichtsverhandlung. Hoss hat sie längst satt. Nichts haben seine Klagen bislang gebracht. Seit fünf Jahren wartet Hoss und wartet und wartet. Unzählige Gutachten und Gegengutachten wurden erstellt.

Mittlerweile ist das Land NRW sein Prozessgegner. Für ihn irgendein Anwalt, irgendwelche Landesbediensteten. Fast vier Stunden hält Hoss heute durch. Ergebnis: Wieder soll ein Gutachten erstellt werden. Macht garantiert ein Jahr warten. Dabei hat er kaum noch Geld.

Josef Hoss: "Das verkrafte ich nicht, ich dachte, ich bekäme heute eine Akontozahlung. Dass ich meinen Kindern mal ein Geburtstagsgeschenk oder Wintersachen kaufen kann. Ich kann das nicht mehr."

 

Reporterin: "Sie sind ja eben raus gerannt. Was war da los?"

Renate Hoss: "Man sieht den Menschen nicht mehr. Ich kann die Medikamente für meinen Mann nicht bezahlen, er braucht Schmerzmittel, er braucht Psychopharmaka. Ich muss Angst haben, dass ich nach Hause komme und er hat sich umgebracht, weil er die Antidepressiva nicht mehr nehmen kann."

Renate Hoss; Rechte: WDR-Fernsehen 2006

Dass keiner der SEK-Polizisten sagt, was wirklich gelaufen ist, damit wird Josef Hoss nicht fertig.
Korpsgeist. Das Motto des Kölner SEK-Kommandoführers aus einer internen polizeilichen Vernehmung:

"Es gibt keine falschen Maßnahmen, es gibt nur falsche Begründungen."
 

Wolfgang Grenz, amnesty international: "Also dieses Leitmotiv führt genau dazu, dass eben, wenn Fehler passiert sind, hier keine Aufklärung ermöglicht wird. Die Aufklärung wird zugedeckt, die Polizisten werden, die einzelnen Polizeibeamten werden unter Druck gesetzt, dass sie eben nichts zur Aufklärung beitragen, sie sollen also still halten: Die Gruppe macht keinen Fehler, heißt das faktisch."

Wolfgang Grenz, amnesty international; Rechte: WDR-Fernsehen 2006

Es gibt keine falschen Maßnahmen, es gibt nur falsche Begründungen.

 

Klaus Steffenhagen, Polizeipräsident Köln: "Ich kenne das nicht aus den Akten. Aber ich glaube, das ist eine Aussage, die man so nicht akzeptieren kann. Denn das Handeln der Polizei muss für die eingesetzten Beamten und für die Öffentlichkeit klar durchsichtig sein und muss einer jeglichen Überprüfung standhalten können."

Klaus Steffenhagen, Polizeipräsident Köln; Rechte: WDR-Fernsehen 2006

Josef Hoss hat davon auch nach fünf Jahren nichts gemerkt. Kein Wort der Entschuldigung.

Josef Hoss: "Nervlich und seelisch werde ich da nicht mit fertig. Und ich bestehe darauf, dass ich rehabilitiert werde, dass mir Unrecht und meiner Familie, ich habe drei Kinder, mir ist Unrecht geschehen und ich möchte eine Entschuldigung haben."

Der nächste Gerichtstermin ist kommende Woche. Josef Hoss weiß noch nicht, ob er hingeht.

 
Sonia Mikich: "Der Fall Hoss war nicht der einzige Skandal um das Kölner SEK. Die Elitepolizisten schlugen in Gummersbach einen Rentner krankenhausreif, der Tod eines Jägers bei einem Einsatz in Hennef ist bis heute nicht aufgeklärt, und bei einer Übung Anfang letzten Jahres wurde ein SEK-Beamter von einem Kollegen erschossen. Die betreffende Einheit wurde inzwischen aufgelöst, die meisten Beamten sind aber weiterhin im Polizeidienst."  
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