Bezirkskrankenhaus Brandenburg/Havel

Ärztlicher Direktor: OMR Dr. med. K. Höpfner

Pathologisches Institut

Chefarzt: Doz. Dr. med. habil. H. Zschoch

Neuropathologische Abteilung

Leiter: Dr. med. M. Franke

 

 

Statistische Untersuchungen über die senilen Drusen im menschlichen Gehirn

(Zum Problem der Hirndrusenkrankheit)

 

Thesen

der Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines doctor scientiae medicinae

vorgelegt  der

Akademie für ärztliche Fortbildung der Deutschen Demokratischen Republik

 

von

Manfred  Franke

Pößneck/Thür.

geb. am 18. 8. 1933

Brandenburg/Havel, 1975

 

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung, Problemeinordnung, Zielstellung der Forschungsarbeit.. 3

 

1.1. Gesundheitspolitische Bedeutung. 3

1.2. Definition der alterspsychiatrischen Erkrankungen. 4

1.3. Die wichtigsten alterspsychiatrischen Erkrankungen aus der Sicht des Neuropathologen  4

1.4. Die Epidemiologie der alterspsychiatrischen Erkrankungen. 5

1.5. Die Genese alterspsychiatrischer Erkrankungen. 5

1.6. Die senilen Drusen. 5

1.7. Zielstellung der Forschungsarbeit5

1.7.1. Haben die senilen Drusen eine diagnostische Bedeutung?. 6

1.7.2. Sind Morbus Alzheimer und Senile Demenz Alternskrankheiten oder Alternsveränderungen mit Krankheitswert?. 6

1.7.3. Gibt es Unterschiede zwischen Morbus Alzheimer und Seniler Demenz?  6

1.7.4. Kann die senile Druse das morphologisch faßbare Zeichen sowohl der physiologischen Altershirnatrophie als auch einer krankhaften Hirnschädigung sein, und ist eine Differenzierung möglich?. 6

1.7.5. Lassen sich statistische Zusammenhänge nachweisen, die Hinweise für die Erforschung der Genese der senilen Drusen, des Morbus Alzheimer und der Senilen Demenz mit anderen Methoden geben?. 6

1.7.6. Wie ist die Verteilung der senilen Drusen in der Bevölkerung?. 6

2. Hauptmethode, Auswahl des Materials, Untersuchungsmethodik, Dokumentationsmethodik, statistische Methodik, Kontrolle der Methoden und Befunde.. 6

 

2.1. Hauptmethode. 6

2.2. Auswahl des Materials. 6

2.3. Untersuchungsmethodik. 7

2.4. Dokumentationsmethodik. 7

2.5. Statistische Methodik. 8

2.6. Kontrolle der Methoden und Befunde. 8

3. Ergebnisse.. 9

 

3.1. Teilproblem 1. 9

Haben die senilen Drusen eine diagnostische Bedeutung?. 9

3.1.1. Arbeitshypothese. 9

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der senilen Drusen und der Schwere der alterskorrigierten Merkfähigkeitsstörung? - Ja!9

3.1.2. Arbeitshypothese. 9

Ist die Häufigkeit der Fälle mit senilen Drusen bei Verstorbenen der Alterspsychiatrischen Klinik größer als bei Verstorbenen der Allgemeinklinik, der Neurologischen Klinik und bei verstorbenen altgewordenen Patienten der Psychiatrischen Klinik? - Ja!9

3.1.3. Arbeitshypothese. 9

Ist die Häufigkeit der Fälle mit starker Drusenbildung bei Verstorbenen der Alterspsychiatrischen Klinik größer als bei Verstorbenen der Allgemeinklinik, der Neurologischen Klinik und bei verstorbenen altgewordenen Patiencen der Psychiatrischen Klinik? - Ja!9

3.1.4. Arbeitshypothese. 9

Besteht eine diagnostisch verwertbare Korrelation zwischen Hirngewicht und senilen Drusen? - Nein!9

3.1.5. Arbeitshypothese. 10

Sind die senilen Drusen über verschiedene Hirnregionen diffus verteilt? - Ja!10

3.2. Teilproblem 2. 10

Sind Morbus Alzheimer und Senile Demenz Alternskrankheiten oder Alternsveränderungen mit Krankheitswert?. 10

3.2.1. Arbeitshypothese. 10

Gibt es einen Altersgipfel der Häufigkeit von Fällen mit starker Drusenbildung, der sich von der bei physiologischen Alternsprozessen gefundenen altersbezogenen Häufigkeitsverteilung unterscheidet? - Ja!10

3.3. Teilproblem 3. 11

Gibt es Unterschiede zwischen Morbus Alzheimer und Seniler Demenz?. 11

3.3.1. Arbeitshypothese. 11

Lassen sich für Fälle mit mäßiger und starker Drusenbildung jeweils verschiedene Häufigkeitsgipfel in bezug auf das Alter nachweisen? - Ja!11

3.3.2. Arbeitshypothese. 11

Gibt es Unterschiede in der regionalen Verteilung der senilen Drusen im Gehirn in Abhängigkeit vom Alter? - Ja!11

3.4. Teilproblem 4. 12

Kann die senile Druse das morphologisch faßbare Zeichen sowohl der physiologischen Altershirnatrophie als auch einer krankhaften Hirnschädigung sein,und ist eine Differenzierung möglich?. 12

3.4.1. Arbeitshypothese. 12

Gibt es Beziehungen zwischen der Häufigkeit von Fällen mit senilen Drusen und dem zunehmenden Alter? - Ja!12

3.4.2. Arbeitshypothese. 12

Sind die Beziehungen zwischen der Häufigkeit von Fällen mit stärkerer Drusendichte und zunehmendem Alter anders als bei Fällen, die überhaupt senile Drusen haben? – Ja!12

3.5. Teilproblem 5. 12

Lassen sich statistische Zusammenhänge nachweisen, die Hinweise für die Erforschung der Genese der senilen Drusen, des Morbus Alzheimer und der Senilen Demenz mit anderen Methoden geben?  12

3.5.1. Arbeitshypothese. 12

Finden sich Körperkrankheiten (i.S. von Erkrankungen der extrazerebralen Organe oder Organsysteme), bei denen die Häufigkeit von Fällen mit senilen Drusen und von Fällen mit stärkerer Drusenbildung verändert ist? - Ja!12

3.5.2. Arbeitshypothese. 12

Sind die statistischen Beziehungen zwischen Hirnbasisarteriosklerose und senilen Drusen bei Patienten der Allgemeinklinik und der Alterspsychiatrischen Klinik gleich? - Nein!12

3.5.3. Arbeitshypothese. 13

Sind Frauen häufiger an der Frühform der Hirndrusenkrankheit erkrankt als Manner? - Ja!13

3.5.4. Arbeitshypothese. 13

Gibt es bei kritischer Prüfung Beziehungen zwischen Konstitution und senilen Drusen? — Nein!13

3.5.5. Arbeitshypothese. 13

Ist die Häufigkeit des Vorkommens seniler Drusen altersabhängig? - Ja!13

3.6. Teilproblem 6. 13

Wie ist die Verteilung der senilen Drusen in der Bevölkerung?. 13

4. Beantwortung der Teilprobleme und der Hauptfrage.. 14

 

4.1. Senile Drusen haben bei quantitativer Untersuchung eine wesentliche diagnostische Bedeutung.14

4.2. Morbus Alzheimer und Senile Demenz sind Alternskrankheiten. Sie werden zur Hirndrusenkrankheit zusammengefaßt.14

4.3. Der Morbus Alzheimer ist die akute Form der Hirndrusenkrankheit mit starker Drusenbildung und Häufigkeitsgipfel im Präsenium. Die Senile Demenz ist die chronische Form der Hirndrusenkrankheit mit mäßiger Drusenbildung und Häufigkeitsgipfel am Beginn des Seniums. Beide Erkrankungen können im Präsenium und Senium auftreten. Beim Morbus Alzheimer ist mit örtlich verstärkten morphologischen Veränderungen zu rechnen.14

4.4. Senile Drusen werden sowohl bei orthologer altersbedingter als auch bei krankhafter Hirnschädigung gefunden; man kann also annehmen, daß sie bei beiden Vorgängen gebildet werden können. Zahlreiche senile Drusen (ab 200/mm3) sind mit großer Wahrscheinlichkeit durch eine krankhafte Hirnschädigung entstanden, wenige senile Drusen vorwiegend durch eine altersbedingte Hirnschädigung, in Einzelfällen durch eine beginnende Hirndrusenkrankheit.14

4.5. Unter zahlreichen auf eine mögliche Bedeutung für die Bildung seniler Drusen untersuchten Faktoren fanden sich nur wenige mit gesicherten statistischen Beziehungen. Ein positiver statistischer Zusammenhang besteht zwischen Alter und senilen Drusen sowie weiblichem Geschlecht und Hirndrusenkrankheit. Der negative statistisch gesicherte Zusammenhang zwischen malignen Tumoren und senilen Drusen bei Frauen des 6. Dezenniums muß an einem anderen Material kontrolliert werden.14

4.6. Die Verteilung der Fälle mit stärkerer Drusenbildung in der Bevölkerung berechtigt zur Annahme, daß die Hirndrusenkrankheit häufiger ist, als bisher vermutet wurde.14

 

 

1. Problemstellung, Problemeinordnung, Zielstellung der Forschungsarbeit

 

1.1. Gesundheitspolitische Bedeutung

 

Die Alternsforschung ist eine gesundheitspolitische Aufgabe von nationaler und internationaler Bedeutung. Das Al­ter lebenswert zu gestalten, ist die Pflicht der gesamten Gesellschaft. Ein lebenswertes Alter bedeutet aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben entsprechend den Fähigkeiten und Möglichkeiten des alten Menschen. Diese Teilnahme wird oft durch das physiologische Altern und Erkrankungen behindert oder unmöglich gemacht. Das Al­tern des Zentralnervensystems bedeutet nicht nur Ver­lust und Defekt (z. B. im mnestischen Bereich), sondern auch Gewinn (Konzentration auf das Wesentliche). Der alte Mensch kann und soll einen aktiven Platz in der Ge­sellschaft einnehmen. Die Sorge für die alten Bürger ist nicht nur humanistische Pflicht, sondern auch eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Sie bildet eine Grundlage für gesundheitspolitische Maßnah­men. Die Forschung muß schwerpunktmäßig auf die wichtigsten Erkrankungen konzentriert werden. Alterspsychiatrische Erkrankungen behindern die Teilnahme am gesellschaft­lichen Leben erheblich. Untersuchungen über alterspsych­iatrische Erkrankungen haben deshalb eine große gesundheitspolitische Bedeutung.

 

1.2. Definition der alterspsychiatrischen Erkrankungen

Alterspsychiatrische Erkrankungen sind psychische Er­krankungen, die im Präsenium oder im Senium beginnen, unabhängig davon, ob sie durch das Altern (mit der Geburt beginnender regressiver Abnutzungsprozeß) bedingt sind oder nur zeitgleich mit dem Alter (später Lebensabschnitt) auftreten. Altgewordene psychiatrische Patienten, z. B. Schizophrene, gehören nicht zu den alterspsychiatrischen Patienten. Psychische Erkrankungen haben eine organische Grundlage, auch wenn die Störung der Morphologie und Funktion des Gehirns heute noch nicht immer erfaßt wer­den kann. Es gibt eine krankmachende Wirkung nichtmaterieller Faktoren, wie z.B. der gestörten sozialen Umwelt. Die organische Grundlage psychischer Erkrankungen wird bei den alterspsychiatrischen Erkrankungen besonders sichtbar; die Gruppe mit noch nicht faßbaren Veränderungen im Gehirn (Involutionspsychosen) ist im Obduktionsmaterial verhältnismäßig klein. Alterspsych­iatrische Erkrankungen sind deshalb für die neuropathologische Forschung besonders geeignet. Präsenium und Senium (biologisches Alter) beginnen zwar bei verschiedenen Individuen im jeweils anderen Lebens­alter, in dieser Untersuchung wurde jedoch der Beginn des Präseniums auf das 50. Lebensjahr festgelegt (Lebensalter zum Zeitpunkt des Todes, nicht des Beginns der Erkrankung). Eine Festlegung des Beginns des Seniums war nicht erforderlich, da Patienten des Präseniums und Seniums zu einer Gruppe zusammengefaßt wurden.

Nach  A r e n d t   sind Altern und Alternsinvolution keine Krankheit, sondern als orthologer Vorgang aufzu­fassen, der hinsichtlich Beginn und Dauer bei den einzelnen Individuen unterschiedlich und genetisch vorge­geben ist. Das Altern kann Krankheiten ungunstig beein­flussen, und das Altern kann pathologisch entarten. Alterspsychiatrische Erkrankungen sind eine inhomogene Gruppe, die nur durch die Tatsache der psychischen Erkrankung, d. h. der wesentlichen Abweichung von der altersgemäßen Norm, im Präsenium und Senium definiert wird. Diese Abweichung von der altersgemäßen Norm kann hervorgerufen werden durch:

 

Alterserkrankungen =

Erkrankungen, die nur im Alter vorkommen, ohne Berücksichtigung ihrer Pathogenese.

 

Erkrankungen im Alter =

Erkrankungen, die auch im Alter vorkommen, ohne Berücksichtigungen ihrer Pathogenese.

 

Alternserkrankungen =

Erkrankungen, die durch einen Krankheitsprozeß hervorgerufen werden und klinische sowie morphologische Alternsveränderungen zeigen.

 

Alternsveränderungen mit Krankheitswert =

gesteigertes und verfrühtes physiologisches Altern mit erheblicher Abweichung von der altersgemäßen Norm, Diskrepanz zwischen biologischem und kalendarischem Alter.

 

Außerdem können Alternsveränderungen (physiologisches Altern ohne Abweichung von der altersgemäßen Norm) im hohen Alter eine alterspsychiatrische Behandlung erforderlich machen.

 

Das physiologische Altern läuft milder ab als die Alternserkrankung, es ist genetisch bestimmt und deshalb offensichtlich schwerer zu beeinflussen. Die Einord­nung einer alterspsychiatrischen Veränderung in eine der oben angeführten Untergruppen hat deshalb prakti­sche Bedeutung.

 

1.3. Die wichtigsten alterspsychiatrischen Erkrankungen aus der Sicht des Neuropathologen

 

Die Wichtigkeit der einzelnen alterspsychiatrischen Er­krankungen ergibt sich für den Neuropathologen aus ih­rer Häufigkeit unter den Sektionsfällen. Die Bestimmung der Häufigkeit einzelner alterspsychiatrischer Erkran­kungen aus den Sektionsfällen gibt aber nur eine grobe Orientierung und erlaubt keinen direkten Rückschluß auf die Häufigkeit unter den lebenden alterspsychiatrischen Patienten oder unter der Bevölkerung, da durch Kliniks­aufnahme, Sterbehäufigkeit und Sektionsfrequenz eine Auslese erfolgt. Die Untersuchung an Verstorbenen der Allgemeinklinik läßt eine wesentlich bessere Aussage auf die zu erwartende Häufigkeit von morphologischen Hirnveränderungen in der Bevölkerung zu, da zwischen Anlaß zur Klinikseinweisung und morphologischem Zustand des Gehirns kein wesentlicher Zusammenhang zu erwarten ist. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Häufigkeit der wichtigsten alterspsychiatrischen Erkran­kungen unter den Sezierten der Alterspsychiatrischen Klinik.

 

Alterspsychiatrische Patienten

 

Frauen

Männer

 

n

%

n

%

Senile Demenz

51

21,0

23

19,2

Zerebralarteriosklerose

73

30,0

49

40,8

Kombination Senile Demenz - Zerebralarteriosklerose

48

19,8

22

18,3

Morbus Alzheimer

22

9,1

8

6,7

Sonstige praesenile Hirnatrophien

3

1,2

1

0,8

Morbus Pick

5

2,1

3

2,5

Überformungssyndrom bei körperlichen Erkrankungen

19

7,8

14

11,7

Involutionsdepression

22

9,0

-

-

 

243

100,0

120

100,0

 

 

1.4. Die Epidemiologie der alterspsychiatrischen Erkrankungen

 

Die Epidemiologie der alterspsychiatrischen Erkrankungen ist nicht ausreichend bekannt. Alterspsychiatrische Pa­tienten und altgewordene psychiatrische Patienten werden vielfach nicht getrennt erfaßt, häusliche Pflegefälle sind nicht registriert,und es gibt Schwierigkeiten bei der klinischen und neuropathologischen Diagnostik. Die Entwicklung diagnostischer Standards ist eine Vorausset­zung für die Erforschung der Epidemiologie einzelner alterspsychiatrischer Erkrankungen.

 

1.5. Die Genese alterspsychiatrischer Erkrankungen

 

Für einzelne alterspsychiatrische Erkrankungen kennen wir weder die formale noch die kausale Genese. Eine spezifische Therapie ist oft nicht möglich. Das trifft besonders für den Morbus Alzheimer und die Senile Demenz zu. Die Erforschung der Ursachen alterspsychiatrischer Erkrankungen muß aktiviert werden.

 

1.6. Die senilen Drusen

 

Unter den morphologischen Veränderungen bei der Senilen Demenz und beim Morbus Alzheimer werden die senilen Dru­sen am häufigsten gefunden. Senile Drusen sind etwa ku­gelförmige, im Durchschnitt 50 bis 60 µm große Veränderungen in der grauen Substanz des Gehirns und in der Mark-Rinden-Grenze. Sie sollen aus degenerierten Neuriten, Amyloid und reaktiven Zellen (Mikroglia, Makrophagen, Astrozyten) zusammengesetzt sein. Es gibt ver­schiedene Formen der senilen Drusen, die sich aus der unterschiedlichen Zusammensetzung der genannten Bestand— teile ergeben sollen. Senile Drusen sind seit dem 19. Jahrhundert bekannt und wurden von Fischer we­gen ihrer Ähnlichkeit mit Actinomyces-Drusen "Drusige Nekrosen" genannt. Sie wurden in Gehirnen von Menschen und verschiedenen Tierarten (z.B. Hund, Ente, Affe, Maus, Syrischer Goldhamster) besonders im Alter gefunden. Senile Drusen werden durch unterschiedliche Methoden, wie Versilberung, Fluoreszenzmikroskopie nach Färbung mit Thioflavin S, PAS-Reaktion, Färbung mit Kongorot, sichtbar gemacht.

Über die diagnostische Bedeutung der senilen Drusen gibt es im Schrifttum widersprechende Meinungen, sie sind nicht pathognomonisch für die Senile Demenz und den Morbus Alzheimer. Senile Drusen kommen auch bei altersatrophischen Veränderungen des Gehirns ohne Kankheitswert vor. Diese Erfahrung muß wissenschaftlich überprüft werden.

 

1.7. Zielstellung der Forschungsarbeit

 

Die Bedeutung der senilen Drusen ist in der Literatur lebhaft umstritten. Umstritten sind ferner Pathogenese und Wesen der beiden wichtigen alterspsychiatrischen Erkrankungen, Morbus Alzheimer und Senile Demenz, bei denen senile Drusen im Gehirn gefunden werden. Es war also zu prüfen, ob die Untersuchung der senilen Dru­sen zur Klärung wichtiger Fragen in der Alterspsych­iatrie beitragen kann. Daraus ergab sich als Hauptzielstellung der Arbeit die folgende Frage:

 

Welche Bedeutung haben die senilen Drusen im physio­logischen Alternsprozeß,und welche Besonderheiten er­geben sich beim Morbus Alzheimer und bei der Senilen Demenz?

Diese allgemeine Problemstellung wurde in Teilprobleme aufgegliedert.

 

1.7.1. Haben die senilen Drusen eine diagnostische Bedeutung?

 

1.7.2. Sind Morbus Alzheimer und Senile Demenz Alternskrankheiten oder Alternsveränderungen mit Krankheitswert?

 

1.7.3. Gibt es Unterschiede zwischen Morbus Alzheimer und Seniler Demenz?

 

1.7.4. Kann die senile Druse das morphologisch faßbare Zei­chen sowohl der physiologischen Altershirnatrophie als auch einer krankhaften Hirnschädigung sein, und ist eine Differenzierung möglich?

 

1.7.5. Lassen sich statistische Zusammenhänge nachweisen, die Hinweise für die Erforschung der Genese der senilen Drusen, des Morbus Alzheimer und der Senilen Demenz mit anderen Methoden geben?

 

1.7.6. Wie ist die Verteilung der senilen Drusen in der Bevölkerung?

 

Zur Lösung der Teilprobleme wurden Arbeitshypothesen aufgestellt, die, um Wiederholungen zu vermeiden, zu­sammen mit der Interpretation in Absatz 3. (Ergebnisse) niedergeschrieben wurden.

 

 

2. Hauptmethode, Auswahl des Materials, Untersuchungsmethodik, Dokumentationsmethodik, statistische Methodik, Kon­trolle der Methoden und Befunde

 

2.1. Hauptmethode

 

Die Wahl der Hauptmethode wurde durch die Arbeitshypothe­sen bestimmt (siehe Abs. 3., Ergebnisse). Diese waren mit kasuistischen Untersuchungen nicht zu beantworten, dage-

gen schien die statistische Methode geeignet zu sein. Die statistische Methode wurde auch deshalb gewählt, weil mit der neuropathologischen Versorgung der größten Ner­venklinik der DDR, Brandenburg/Görden, innerhalb weniger Jahre ein umfangreiches Untersuchungsmaterial zur Ver­fügung stand.

 

2.2. Auswahl des Materials

 

In den Arbeiten der Literatur über Verteilung und Vor­kommen der senilen Drusen sind viele Fragen offengeblie­ben oder gegensätzlich beantwortet worden. Das hat keine grundsätzlichen, sondern methodische Ursachen. Die Unter­suchungen auf senile Drusen sind sehr arbeitsaufwendig, die Zahl der untersuchten Fälle war für eine Aufteilung in Gruppen in der Regel zu klein. Untersuchungen an Verstorbenen der Allgemeinklinik und quantifizierte Unter­suchungen sind selten, die Fragestellung in den Arbeiten ist oft einseitig. Die untersuchten Patientengruppen sind nicht immer eindeutig definiert worden. Die Tren­nung der alterspsychiatrischen Patienten und der altge­wordenen psychiatrischen Patienten war nicht immer er­folgt. Die einzige Monographie ist 10 Jahre alt. Die Untersuchung der senilen Drusen wurde dabei mit semiquan­titativen Methoden ohne Zählung nur an verstorbenen psychiatrischen und alterspsychiatrischen Patienten vor­genommen.

 

Die Auswertung der Literatur begründet die Auswahl des Materials. Über einen Zeitraum von 4 Jahren wurden von 1970 bis einschließlich 1973 alle sezierten verstorbenen präsenilen und senilen Patienten der Alterspsychiatri­schen Klinik, der Neurologischen Klinik und altgewordene psychiatrische Patienten auf senile Drusen untersucht. Die Sektionsquote in der Bezirksnervenklinik, Brandenburg/Görden, betrug in den einzelnen Jahren der Untersu­chung 95,5; 95,0; 86,9; 72,6 Prozent der Verstorbenen. 521 Gehirne wurden auf senile Drusen untersucht.

 

Zur Kontrolle erfolgte im gleichen Zeitraum die Untersu­chung einer zufällig ausgewählten Patientengruppe von 523 Verstorbenen der Allgemeinklinik auf senile Drusen. Die Auswahl der Patienten war nur insofern zufällig, als sie von der aktuellen Laborkapazitat bestimmt wurde. Kliniksaufnahme, Grundleiden, Sterbehäufigkeit und Sek­tionsquote bilden eine Auswahl aus der Bevölkerung, die entweder keinen Einfluß auf die Häufigkeit seniler Dru­sen nach unseren bisherigen Kenntnissen erwarten ließ oder deren möglicher Einfluß von uns untersucht werden sollte.

 

Die Untersuchung auf senile Drusen bei Patienten der Allgemeinklinik wurde soweit wie möglich mit den schon frü­her begonnenen Trockensubstanzbestimmungen an 450 menschlichen Gehirnen koordiniert, das war 249mal möglich.

 

2.3. Untersuchungsmethodik

 

Die Darstellung der senilen Drusen erfolgte unter standardisierten Bedingungen, wie in der Mehrzahl der Literaturarbeiten, mit der Methode von Braunmühls durch Ver­silberung. In einem 50 mm2 großen Hirnrindengebiet wur­den bei gleichmäßiger Verteilung der Zählfelder über alle Schichten der Hirnrinde sowie über Windungskuppen und -täler die senilen Drusen durch immer denselben Untersucher an 20 Mikrometer dicken Gefrierschnitten aus dem Gyrus frontalis medius ausgezählt. Damit wurde etwa 1 mm3 Hirnrinde erfaßt. Bei 89 verstorbenen Patienten der Allgemeinklinik wurden die senilen Drusen in beiden Frontal- und Okzipitalhirnen ausgezählt.

Die Methode ist sowohl für wissenschaftliche Unter­suchungen als auch für die tägliche Routinediagnostik geeignet, sie erlaubt Vergleiche mit den wichtigsten Arbeiten der Literatur über Verteilung und Vorkommen der senilen Drusen.

Bei allen untersuchten Verstorbenen wurde eine Dreihöhlensektion vorgenommen. Die Erfassung ausführlicher Sektionsbefunde, die neuropathologische Untersuchung aller Gehirne von sezierten Patienten der Nervenklinik mit klinischer Besprechung der Fälle, klinische Untersuchun­gen und die große Zahl der untersuchten Fälle waren Vor­aussetzungen für die Ermittlung der statistischen Beziehungen der senilen Drusen in umfassender Weise.

 

2.4. Dokumentationsmethodik

 

Primärdokumentationsmittel waren:

 

Die in einer prospektiven Untersuchung nach Kenntnis des allgemeinpathologischen Sektionsbefundes und eines klinischen Fragebogens vom Autor sämtlich selbst ma­kroskopisch und mikroskopisch erhobenen neuropathologischen Befunde bei Verstorbenen der Nervenklinik. Die Sektionsprotokolle von Verstorbenen der Allgemein­klinik, wobei die pathologisch-anatomischen Befunde, insbesondere der Hirnbefund, vom Autor jeweils mitbeur­teilt wurden (prospektive Untersuchung).

 

Krankengeschichten bei diagnostisch schwierigen Fällen und bei besonderer Fragestellung.

 

Ein dreiseitiger klinischer Fragebogen bei Verstorbenen der Nervenklinik.

 

Meßwerte der Gewichtszettel.

 

Kartelkarten mit Werten der Trockensubstanzbestimmung am Gehirn.

 

Karteikarten mit quantifizierten Werten der Hirnbasisarteriosklerose von einer Kontrollgruppe Verstorbener der Allgemeinklinik.

 

Vom Kliniker ohne Kenntnis des Drusenbefundes erstellte Karteikarten mit Beurteilung der mnestischen Störungen.

 

Alle verschlüsselten Befunde und Meßwerte wurden auf eine Karteikarte aufgetragen, welche bereits die ohne Kenntnis der Befunde ausgezählte Zahl der senilen Drusen trug. Diese sekundären Datenträger wurden im Handsystem aus­gewertet.

 

2.5. Statistische Methodik

 

Die statistische Sicherung der Ergebnisse erfolgte mit der jeweils möglichen einfachsten Standardmethode. Die Statistik ist nicht Selbstzweck, sondern Entscheidungs­hilfe. Die Interpretation statistischer Untersuchungsergebnisse über die senilen Drusen erfordert eine stren­ge Kritik. Die exakte Anwendung der statistischen Methoden ist die erste Voraussetzung. Die Bezugssysteme sind, soweit möglich, klar zu definieren. Die Reproduzierbarkeit - d.h. der Vergleich von Teilergebnissen mit Ergebnissen der Literatur - sowie die Übereinstimmung mit der praktischen Erfahrung sind wichtige Kriterien für den Wahrheitsgehalt der Aussagen.

 

Für die statistische Sicherung wurden definierte Gruppen gebildet und Häufigkeiten verglichen. Die Sicherung er­folgte mit 2 x 2 - oder m x n - Tafeln sowie mit Korre­lationstabellen in bekannter Weise. Für einige Entscheidungen genügte der Vorzeichentest. Fehlerbreite oder Standardfehler sowie Mittelwerte und Standardabweichungen wurden bestimmt. Die Vergleiche erfolgten nach der erforderlichen Standardisierung durch Normierung.

 

Für den Vergleich der Häufigkeit seniler Drusen in einer kleinen Merkmalsgruppe wurde die Methode der Erwar­tungszahlen eingeführt. Diese bedeutet eine Standardi­sierung in bezug auf Alter, Geschlecht und Kliniksher­kunft. Untersucht wurde, ob und wie sich die ausgezähl­te Häufigkeit seniler Drusen in einer kleinen Merkmals­gruppe von einer errechneten, nach Alter, Geschlecht und Kliniksherkunft gleichen Patientengruppe ohne Berücksich­tigung des Merkmals unterscheidet. Die Häufigkeit seni­ler Drusen wurde für verstorbene Männer und Frauen der Allgemeinklinik und der Alterspsychiatrischen Klinik in Fünfjahresaltersgruppen getrennt errechnet und als Kurve aufgezeicnnet. Aus diesen Kurven konnte die zu erwarten­de prozentuale Häufigkeit seniler Drusen als jeweilige Erwartungszahl für den Einzelfall abgelesen werden. Die Summe dieser Erwartungszahlen, dividiert durch die Anzahl der Fälle, ergab die erwartete prozentuale Häufigkeit se­niler Drusen in der Merkmalsgruppe, mit der die ausge­zählte tatsächliche Häufigkeit in einer 2 x 2- Tafel verglichen wurde.

 

Die Methode der Erwartungszahlen ist auch für den Ver­gleich der Häufigkeit seniler Drusen unter Patienten verschiedener Kliniken geeignet. Man vergleicht die aus­gezählte Häufigkeit seniler Drusen der Patienten einer Klinik mit der erwarteten Häufigkeit, die eine nach Al­ter und Geschlecht gleiche Patientengruppe der anderen Klinik haben würde.

 

2.6. Kontrolle der Methoden und Befunde

 

Es erfolgten Stichprobenüberprüfungen in unregelmäßigen Abständen. Dabei gefundene Differenzen waren so gering, daß sie keinen Anlaß boten, die Zählergebnisse des Erst­zählers in Zweifel zu ziehen.

 

Die Exaktheit der Untersuchung und die Brauchbarkeit der Methode wurden auch dadurch nachgewiesen, daß die Kontrolle der richtigen Einordnung in Gruppen verschiedener Stärke der Drusenbildung beim Zählen nur einer Frontalhirnseite eine Fehleinordnung von lediglich 2,2; 5,6 und 6,7 % ergab.

 

Für die Verstorbenen der Allgemeinklinik wurde die Über­einstimmung der Dokumentation der Hirnbasisarteriosklerose durch mehrere Obduzenten mit der Beurteilung durch einen Untersucher an einer Kontrollgruppe bestimmt. Die Übereinstimmung war in ausreichender Weise vorhanden.

 

3. Ergebnisse

Das Ergebnis bedeutet in bezug auf die Literatur: (B) Bestätigung, (N) Neues Ergebnis, (O) offenes Problem

 

3.1. Teilproblem 1

Haben die senilen Drusen eine diagnostische Bedeutung?

 

3.1.1. Arbeitshypothese

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der se­nilen Drusen und der Schwere der alterskorrigierten Merkfähigkeitsstörung? - Ja!

 

Interpretation

Die Ermittlung von Zusammenhängen zwischen psychopathologischen Veränderungen und morphologischen Hirnbefun­den bringt eine Reihe von Problemen. Entsprechende Er­gebnisse sind selten mitgeteilt worden. Der hier ge­fundene Zusammenhang zwischen der Zahl der senilen Dru­sen und der Schwere der Merkfähigkeitsstörung ist deshalb beachtenswert, bedarf aber einer kritischen Interpretation. Die mit der Bildung von senilen Drusen einhergehenden Veränderungen des Gehirns sind nicht die einzigen, die zu mnestischen Störungen führen. Das Freisein von senilen Drusen bedeutet nicht, daß keine mnestischen Störungen vorhanden sind. Andererseits wurden mittlere und schwere Merkfähigkeitsstörungen in 90 % der Fälle gefunden, die 800 und mehr senile Dru­sen/mm3 Frontalhirnrinde hatten. In 10 % der Fälle wurden also keine mittleren oder schweren Merkfähigkeitsstörungen aufgezeichnet. Das kann zum Teil durch eine Fehleinschätzung der Stärke der Merkfähigkeit bedingt sein. Es gibt aber seltene Fälle mit so starker Dru­senbildung, die bei klinischer Prüfung keine stärkere mnestischen Störungen zeigten. Außerdem ist die prämorbide Persönlichkeit von Bedeutung. Die funktionelle und psychische Kompensationsfähigkeit einer Schädi­gung des Gehirns ist individuell verschieden. Die To­pographie der Veränderung ist zu berücksichtigen. Das Vorhandensein nmestischer Störungen kann aus der Zahl der senilen Drusen nur mit Wahrscheinlichkeit diagno­stiziert werden. Dieses Ergebnis könnte für die postmortale Beurteilung der Testierfähigkeit Verstorbener von Bedeutung sein. (N).

 

3.1.2. Arbeitshypothese

Ist die Häufigkeit der Fälle mit senilen Drusen bei Verstorbenen der Alterspsychiatrischen Klinik größer als bei Verstorbenen der Allgemeinklinik, der Neuro­logischen Klinik und bei verstorbenen altgewordenen Patienten der Psychiatrischen Klinik? - Ja!

 

3.1.3. Arbeitshypothese

Ist die Häufigkeit der Fälle mit starker Drusenbildung bei Verstorbenen der Alterspsychiatrischen Klinik grö­ßer als bei Verstorbenen der Allgemeinklinik, der Neu­rologischen Klinik und bei verstorbenen altgewordenen Patiencen der Psychiatrischen Klinik? - Ja!

 

Interpretation

Die Aufnahme in eine Alterspsychiatrische Klinik be­deutet eine Auswahl nach psychopathologischen, aber auch anderen, z. B. sozialen Kriterien. Psychische Krankheitsbilder werden durch die prämorbide Persönlichkeit mit geprägt. Es gibt zahlreiche alterspsychiatrische Erkrankungen onne die Bildung seniler Drusen. Das häufigere Vorkommen seniler Drusen bei Patienten der Al­terspsychiatrischen Klinik ist deshalb nur bedingt für die diagnostische Wertigkeit der senilen Drusch zu verwenden. Es stellt aber einen Hinweis auf den Zusammen­hang zwischen senilen Drusen und psychopathologiachen Veränderungen dar. (B).

 

3.1.4. Arbeitshypothese

Besteht eine diagnostisch verwertbare Korrelation zwi­schen Hirngewicht und senilen Drusen? - Nein!

 

Interpretation

Es gibt viele Faktoren, die das Hirngewicht beeinflus­sen können. Das schränkt seine diagnostische Bedeutung ein. Der Einfluß des Alters, des Geschlechts, der Körperlänge, des Feuchtigkeitsgehaltes und der Hirnbasisarteriosklerose auf das Hirngewicht mußte an unserem Material untersucht werden. Auch unter Berücksichti­gung dieser Faktoren ist die Korrelation zwischen seni­len Drusen und Hirngewicht so gering, daß sie keine praktische diagnostische Bedeutung hat. (B).

 

3.1.5. Arbeitshypothese

Sind die senilen Drusen über verschiedene Hirnregionen diffus verteilt? - Ja!

 

Interpretation

Die senilen Drusen sind im Gehirn diffus verteilt. Das spricht für eine diagnostische Verwendung der senilen Drusen. Damit ist eine der Voraussetzungen für die Hirnbiopsie erfüllt. (B).

 

3.2. Teilproblem 2

Sind Morbus Alzheimer und Senile Demenz Alternskrankheiten oder Alternsveränderungen mit Krankheitswert?

 

3.2.1. Arbeitshypothese

Gibt es einen Altersgipfel der Häufigkeit von Fällen mit starker Drusenbildung, der sich von der bei physiologischen Alternsprozessen gefundenen altersbezogenen Häufigkeitsverteilung unterscheidet? - Ja!

 

Interpretation

Die Häufigkeit der Fälle mit starker Drusenbildung ver­ändert sich in Abhängigkeit vom Lebensalter, es gibt einen Häufigkeitsgipfel und danach einen Rückgang der Häufigkeit. Dieser Rückgang ist nicht durch die Ab­sterberate zu erklären, da die prozentuale Häufigkeit immer auf die jeweilige Altersgruppenbesetzung bezogen wurde. Wäre die starke Drusenbildung ein gesteigertes, zu frühes Altern, so müßte erwartet werden, daß dieser Prozeß bis ins hohe Alter immer wieder bei anderen Menschen beginnt, so daß auch bei erhöhter Sterberate die Häufigkeit der Fälle mit starker Drusenbildung gleich bleibt oder zunimmt. Das war bei Männern und Frauen der Alterspsychiatrischen Klinik und bei Frauen der Allgemeinklinik nicht der Fall.

 

Die starke Drusenbildung verhält sich also statistisch wie eine Alterserkrankung. Dieses statistische Verhal­ten war bei Fällen mit 150 und mehr senilen Drusen/mm3 Frontalhirnrinde erkennbar und scheint bei denen mit 200 und mehr senilen Drusen/mm3 genügend sicher zu sein.

 

Die Häufigkeit der Fälle mit starker Drusenbildung nimmt bei Männern der Allgemeinklinik bis ins 90. Lebensjanr zu. Das bedeutet, daß entweder eine starke Drusenbildung auch durch ein gesteigertes Al­tern möglich ist oder daß der Häufigkeitsgipfel bei dieser Patientengruppe später liegt und der Rückgang der Häufigkeit deshalb nicht erfaßt werden konnte.

 

Auf Grund der Ergebnisse wurde der Begriff der Hirndrusenkrankheit eingeführt.

 

Eine Hirndrusenkrankheit wurde dann diagnostiziert, wenn 200 und mehr senile Drusen/mm3 Frontalhirnrinde gezählt wurden.

 

Der Morbus Alzheimer und die Senile Demenz sind Formen der Hirndrusenkrankheit. Die altersbedingte Bildung weniger seniler Drusen gehört nicht zur Hirndrusen­krankheit. Ob es zusätzlich eine altersbedingte star­ke Drusenbildung gibt, ist noch nicht geklärt. Die Ein­führung des Begriffs der Hirndrusenkrankheit war auch deshalb nötig, da man den Morbus Alzheimer und die Senile Demenz nicht allein aus der Zahl der senilen Dru­sen diagnostizieren kann. Zur Diagnose gehören außerdem das klinische Bild und die anderen morphologischen Zeichen, wie Hirnatrophie, Alzheimersche Fibrillenveränderungen und granulovakuoläre Nervenzelldegeneration. Auf die Bedeutung des Alters für die Differentialdia­gnose wird später eingegangen.

 

Der aus der vorgelegten Arbeit ermittelte Grenzwert von 200 senilen Drusen/mm3 für die Hirndrusenkrankheit hat auch praktische Bedeutung bei der Diagnostik des Morbus Alzheimers und der senilen Demenz. Da er aus Sicherheits­gründen etwas zu hoch angenommen wurde, kann man einen Morbus Alzheimer und eine Senile Demenz auch dann dia­gnostizieren, wenn weniger als 200 senile Drusen/mm3 gezählt werden, die anderen diagnostischen Zeichen aber vorhanden sind. Die Diagnose erfolgt dann nicht wegen, sondern trotz der relativ geringen Zahl seniler Drusen. Ein brauchbares diagnostisches Kriterium sind die senilen Drusen erst dann, wenn sie in einer Anzahl von mindestens 200/mm3 Hirnrinde gefunden werden. (N).

 

3.3. Teilproblem 3

Gibt es Unterschiede zwischen Morbus Alzheimer und Se­niler Demenz?

 

3.3.1. Arbeitshypothese

Lassen sich für Fälle mit mäßiger und starker Drusen­bildung jeweils verschiedene Häufigkeitsgipfel in bezug auf das Alter nachweisen? - Ja!

 

3.3.2. Arbeitshypothese

Gibt es Unterschiede in der regionalen Verteilung der senilen Drusen im Gehirn in Abhängigkeit vom Alter? - Ja!

 

Interpretation

Die Untersuchungen zeigen, daß es bei der Hirndru­senkrankheit eine Frühform mit starker Drusenbildung und größter Häufigkeit bei den 70- bis 74jährigen Ver­storbenen und eine Spätform mit mäßiger Drusenbildung und größter Häufigkeit bei den 75- bis 79jährigen Ver­storbenen gibt. Das ließ sich bei Frauen der Alterspsychiatrischen Klinik und der Allgemeinklinik nach­weisen. In der Gruppe der unter 75jährigen Verstorbe­nen der Allgemeinklinik wurde ein unterschiedlich star­ker Befall einzelner Hirnregionen durch senile Drusen nachgewiesen, bei den 75jährigen und älteren Verstorbenen fand sich dieser Unterschied nicht.

 

Man kann annehmen, daß Morbus Alzheimer und Senile Demenz zwei Formen einer Krankheit, der Hirndrusenkrankheit sind, die zwar unterschiedliche Altersgipfel ihrer Häufigkeit zeigen, jedoch beide sowohl im Präsenium wie im Senium vorkommen können. Das Lebens­alter hat also nur eine geringe Bedeutung für die Differentialdiagnose zwischen Morbus Alzheimer und Seniler Demenz.

 

Ein Morbus Alzheimer sollte unabhängig vom Lebensal­ter dann diagnostiziert werden, wenn die morphologi­schen und psychopathologischen Veränderungen massiv ausgebildet sind oder ein akuter Verlauf vorliegt.

Bei mäßigen morphologischen und psychopathologischen Veränderungen und chronischem Verlauf ist unabhängig vom Lebensalter eine Senile Demenz zu diagnostizieren.

Liegt der Endzustand einer Hirndrusenkrankheit vor, so kann die Differentialdiagnose zwischen Morbus Alzheimer und Seniler Demenz unter Umständen nur aus dem klinischen Verlauf gestellt werden. Die größere Häu­figkeit des Morbus Alzheimer im Präsenium und der Se­nilen Demenz im Senium kann für eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose mit herangezogen werden.

 

Der Morbus Alzheimer ist also die akute Form der Hirndrusenkrankheit mit einem Häufigkeitsgipfel im Prä­senium und die Senile Demenz die chronische Form der Hirndrusenkrankheit mit einem Häufigkeitsgipfel am Anfang des Seniums. Diese Hypothese muß durch weitere Untersuchungen mit Einbeziehung des Krankheitsverlaufs und der Krankheitsdauer erhärtet werden. Bei allen un­seren Altersangaben ist zu beachten, daß es sich um das Lebensalter zum Zeitpunkt des Todes und nicht um den Beginn der Krankheit handelt. (N).

 

3.4. Teilproblem 4

Kann die senile Druse das morphologisch faßbare Zeichen sowohl der physiologischen Altershirnatrophie als auch einer krankhaften Hirnschädigung sein,und ist eine Differenzierung möglich?

 

3.4.1. Arbeitshypothese

Gibt es Beziehungen zwischen der Häufigkeit von Fäl­len mit senilen Drusen und dem zunehmenden Alter? - Ja!

 

3.4.2. Arbeitshypothese

Sind die Beziehungen zwischen der Häufigkeit von Fällen mit stärkerer Drusendichte und zunehmendem Alter anders als bei Fällen, die überhaupt senile Drusen haben? – Ja!

 

Interpretation

Jedes Organ hat ein beschränktes morphologisches Reak­tionsspektrum auf die verschiedensten Schädigungen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn bei verschieden­artiger Schädigung das gleiche morphologische Substrat entsteht. Da man senile Drusen sowohl bei orthologer altersbedingter als auch bei krankhafter Hirnschädi­gung findet, kann man feststellen, daß senile Drusen bei beiden Vorgängen gebildet werden können. Eine Dif­ferenzierung der senilen Drusen bei altersatrophischer und krankhafter Bildung durch histochemische oder elek­tronenmikroskopische Untersuchungen ist uns nicht be­kannt. Die Auszählung seniler Drusen läßt mit Vorbehalt eine Differenzierung zu. Zahlreiche senile Drusen sind mit großer Wahrscheinlichkeit durch eine krankhafte Hirnschädigung entstanden, wenige senile Drusen vor­wiegend durch altersbedingte Schädigung, in Einzelfäl­len durch eine beginnende Hirndrusenkrankheit. (N).

 

3.5. Teilproblem 5

Lassen sich statistische Zusammenhänge nachweisen, die Hinweise für die Erforschung der Genese der senilen Drusen, des Morbus Alzheimer und der Senilen Demenz mit anderen Methoden geben?

 

3.5.1. Arbeitshypothese

Finden sich Körperkrankheiten (i.S. von Erkrankungen der extrazerebralen Organe oder Organsysteme), bei denen die Häufig­keit von Fällen mit senilen Drusen und von Fällen mit stärkerer Drusenbildung verändert ist? - Ja!

 

Interpretation

Es ließen sich keine statistischen Beziehungen zwischen Hypertonie, Diabetes mellitus, Endo-Myokarditis, entzündlichen Erkrankungen der Niere, des Pyelon oder der Harnblase, Leberzirrhose oder Hepatitis, Magen-Darm­erkrankungen und der Häufigkeit seniler Drusen nach­weisen. Frauen des 6. Dezenniums mit malignen Tumoren hatten signifikant weniger Fälle mit senilen Drusen als die Vergleichsgruppe tumorfreier Frauen gleichen Alters. Es wäre also möglich, daß Faktoren sowohl zur Tumorbildung als auch zur Verhinderung der Drusenentstehung führen. Da bei Frauen anderer Altersgruppen und bei Männern ein Zusammenhang zwischen dem Vorkommen malig­ner Tumoren und seniler Drusen nicht gefunden wurde, muß das Ergebnis an einem anderen Material überprüft werden. Wird es bestätigt, dann wäre eine hormonelle Beeinflussung bei den Tumorträgerinnen des 6. Dezenniums zu diskutieren. (N).

Überprüft werden muß der Zusammenhang zwischen aktiver Tuberkulose und einer stärkeren Drusenbildung sowie Lungenerkrankungen und einer verminderten Drusenbildung, da Tendenzen erkennbar waren, die sich aber nicht sta­tistisch sichern ließen.

 

3.5.2. Arbeitshypothese

Sind die statistischen Beziehungen zwischen Hirnbasisarteriosklerose und senilen Drusen bei Patienten der Allgemeinklinik und der Alterspsychiatrischen Klinik gleich? - Nein!

 

Interpretation

Die statistischen Beziehungen zwischen Hirnbasisarteriosklerose und senilen Drusen sind bei Patienten der Al­terspsychiatrischen Klinik und der Allgemeinklinik gegensätzlich. Dies ist nicht durch die verschiedenen Me­thoden bei der Bestimmung der Artsriosklerose bedingt,

da die Einordnung ohne Kenntnis des Drusenbefundes erfolgte. Weitere Untersuchungen sind erforderlich. (0).

 

3.5.3. Arbeitshypothese

Sind Frauen häufiger an der Frühform der Hirndrusenkrankheit erkrankt als Manner? - Ja!

 

Interpretation

Die Frühform der Hirndrusenkrankheit wird bei Frauen der Allgemeinklinik häufiger gefunden als bei den Män­nern. Das Überwiegen der Frauen mit Morbus Alzheimer in Alterspsychiatrischen Kliniken ist also geschlechtsbe­dingt und nicht nur durch die Bevölkerungszusammensetzung und das Verhalten der Männer zu erklären. (N).

 

3.5.4. Arbeitshypothese

Gibt es bei kritischer Prüfung Beziehungen zwischen Konstitution und senilen Drusen? — Nein!

 

Interpretation

Das statistisch gesicherte häufigere Vorkommen von Fällen mit stärkerer Drusenbildung bei leptosomen Frauen der Alterspsychiatrischen Klinik erlaubt nicht, eine Beziehung zwischen Konstitution und senilen Drusen ohne Vorbehalt anzuerkennen. Mit zunehmender Zahl der senilen Drusen nimmt das Körpergewicht bei alterspsychiatrischen Frauen ab. Untergewichtige Frauen werden bei Anwendung des Brugsch-Indexes zu häufig in die Gruppe der Leptosomen eingeordnet. Damit ist die Frage nach der Erblichkeit der Hirndrusenkrankheit noch nicht be­antwortet. (0).

 

3.5.5. Arbeitshypothese

Ist die Häufigkeit des Vorkommens seniler Drusen altersabhängig? - Ja!

 

Interpretation

Die Häufigkeit des Auftretens weniger seniler Drusen ist eine Funktion des zunehmenden Alters. Wir meinen, daß die senilen Drusen durch den genetisch bedingten Alternsprozeß gebildet werden können. Das schließt die Bildung seniler Drusen bei krankhafter Hirnschädigung nicht aus. (B).

 

3.6. Teilproblem 6

Wie ist die Verteilung der senilen Drusen in der Be­völkerung?

 

Ergebnis

Die Verwendung der ermittelten Häufigkeiten zur Aussage über die Verteilung der senilen Drusen in der Bevölkerung erfordert eine strenge Kritik. Soll das Ergebnis der Stichprobe auf die Bevölkerung der DDR hochgerechnet werden, so ist folgendes zu beachten:

Eine in der Stichprobe entstandene Abweichung von der tatsächlichen prozentualen Häufigkeit in der Altersgruppe vervielfältigt sich.

Die Auswahl der Stichprobe bedeutet nach unseren Kenntnis­sen keine wesentliche Selektion in bezug auf die senilen Drusen, mit der Einschränkung, daß in der Bevölkerungs­gruppe, aus der die Stichprobe entnommen wurde, (Einzugs­gebiet des Allgemeinkrankenhauses), eine Verminderung der Häufigkeit von Fällen mit starker Drusenbildung durch Auf­nahme in die Alterspsychiatrische Klinik erfolgt ist. Die Bettenzahl der Alterspsychiatrischen Klinik ist aber im Verhältnis zur präsenilen und senilen Bevölkerung des Einzugsbereiches so gering, daß eine relevante Beeinflussung der prozentualen Häufigkeit von Fällen mit starker Drusen­bildung in der Bevölkerung nicht zu erwarten ist. Es ist für eine Hochrechnung unbedeutend, ob sich die Alterszu­sammensetzung des Einzugsbereiches der Allgemeinklinik, aus der durch Klinikseinweisung, Tod, Sektionshäufigkeit und aktuelle Laborkapazität die Stichprobe entnommen wur­de, von der Alterszusammensetzung der Bevölkerung der DDR unterscheidet. Die prozentuale Häufigkeit wurde in Fünfjahresaltersgruppen, bezogen auf die Altersgruppenbesetzung bestimmt. Akzeptiert man die Brauchbarkeit der Stichprobe, so er­gibt die in Fünfjahresaltersgruppen vorgenommene Hoch­rechnung auf die 1972 in der DDR lebende 65jährige und ältere Bevölkerung etwa 107 000 Männer (10 % der 65jährigen und älteren Männer) und etwa 287 000 Frauen (17 % der 65jährigen und älteren Frauen) mit 200 und mehr se­nilen Drusen/mm3 Frontalhirnrinde. Diese Prozentwerte sind doppelt bis 4mal so hoch wie die in der Literatur für die Häufigkeit der Senilen Demenz in der Bevölkerung angegebenen Zahlen. Auch wenn man berücksichtigt, daß eine solche Hochrechnung ungenau ist und daß eine Hirndrusen-krankheit mit 200 senilen Drusen/mm3 Frontalhirnrinde noch nicht zu schweren psychopathologischen Veränderungen geführt haben muß, ist anzunehmen, daß die Hirndrusenkrankheit unter der Bevölkerung der DDR häufiger ist, als es nach der Literatur zu erwarten wäre. (N).

 

4. Beantwortung der Teilprobleme und der Hauptfrage

 

4.1. Senile Drusen haben bei quantitativer Untersuchung eine wesentliche diagnostische Bedeutung.

 

4.2. Morbus Alzheimer und Senile Demenz sind Alternskrankheiten. Sie werden zur Hirndrusenkrankheit zusammengefaßt.

 

4.3. Der Morbus Alzheimer ist die akute Form der Hirndrusen­krankheit mit starker Drusenbildung und Häufigkeitsgipfel im Präsenium. Die Senile Demenz ist die chronische Form der Hirndrusenkrankheit mit mäßiger Drusenbildung und Häufigkeitsgipfel am Beginn des Seniums. Beide Er­krankungen können im Präsenium und Senium auftreten. Beim Morbus Alzheimer ist mit örtlich verstärkten morphologischen Veränderungen zu rechnen.

 

4.4. Senile Drusen werden sowohl bei orthologer altersbe­dingter als auch bei krankhafter Hirnschädigung gefun­den; man kann also annehmen, daß sie bei beiden Vor­gängen gebildet werden können. Zahlreiche senile Drusen (ab 200/mm3) sind mit großer Wahrscheinlichkeit durch eine krankhafte Hirnschädigung entstanden, wenige seni­le Drusen vorwiegend durch eine altersbedingte Hirnschädigung, in Einzelfällen durch eine beginnende Hirndrusenkrankheit.

 

4.5. Unter zahlreichen auf eine mögliche Bedeutung für die Bildung seniler Drusen untersuchten Faktoren fanden sich nur wenige mit gesicherten statistischen Beziehungen. Ein positiver statistischer Zusammenhang besteht zwi­schen Alter und senilen Drusen sowie weiblichem Ge­schlecht und Hirndrusenkrankheit. Der negative sta­tistisch gesicherte Zusammenhang zwischen malignen Tu­moren und senilen Drusen bei Frauen des 6. Dezenniums muß an einem anderen Material kontrolliert werden.

 

4.6. Die Verteilung der Fälle mit stärkerer Drusenbildung in der Bevölkerung berechtigt zur Annahme, daß die Hirn­drusenkrankheit häufiger ist, als bisher vermutet wurde.

 

 

Beantwortung der Hauptfrage

Die Untersuchung der senilen Drusen konnte zur Klärung wichtiger Fragen in der Alterspsychiatrie beitragen. Die senilen Drusen sind eine bedeutsame Veränderung im physiologischen Alternsprozeß und bei großer Dichte auch für den Morbus Alzheimer und die Senile Demenz.

 

 

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