Tom de Toys, 21.2.98

INSTALLYRIK-MANIFEST-FRAGMENTE
(WER HAT ANGST VOR GROßßßEN BUCHSTABEN ???)

OBJEKTLYRIK überwindet angebliche
Unterschiede zwischen Kunst & Literatur

OBJEKTLYRIK vergegenständlicht
das sogenannte „Geistige in der Dichtung“

OBJEKTLYRIK ist die objekthafte Umsetzung
unabhängig davon bereits existenter poetischer Schriftstücke

WIEVIELE OBJEKTHAFTE UMSETZUNGEN VERTRAGEN
DIE WÖRTER EINES GEDICHTES OHNE DESSEN GESAMTGEHALT
ZU BESCHRÄNKEN SONDERN ZU BESCHLEUNIGEN

OBJEKTLYRIK ist lautlos gesprochene Rede

OBJEKTLYRIK kombiniert
Empfindungen & Erinnerungen in der Echtzeit

OBJEKTLYRIK schafft keine sprachlichen Äußerungen
sondern veräußert die bereits zu sich selbst gekommene Sprache
des Gedichtes in einer mehrdimensionalen Installation
implizierter Assoziationslabyrinthe

OBJEKTLYRIK entfaltet das spirituelle Potential poetologischer Formen
durch textimmanente Interpretation ihrer minimal-visuellen Komplexität

OBJEKTLYRIK erlaubt einen direkten Zugang zur Kraft der Reflexion

OBJEKTLYRIK als holistisches Wahrnehmungstraining transzendiert
die klassische Reduktion des Bewußtseins auf fantasielose Prozesse
linearer Logik durch Einbeziehung der wortlosen Ebenen von Dichtung
in ihren skulpturalen Charakter als plastische Leerstellen zur Anregung
der kreativen (statt konsumistischen) Lust am ideologiefreien Denken

OBJEKTLYRIK öffnet das Bewußtsein
für paranormale Kommunikationsenergien

OBJEKTLYRIK vereinnahmt den sogenannten Geist dreifach:
den Weltgeist
(den es nach Auflösung metaphysischer Illusionen nicht mehr gibt),
den Hirngeist
(dessen neuronales System selbstreferentiell bleibt)
und den Sachgeist
(dessen subdialektische Substantialität keiner Projektion entrinnt,
weil er nur sich selbst bezweckt)

OBJEKTLYRIK schafft denkerische Tat-Sachen durch Darstellung des
- zwischen den Zeilen schweigsamen – erfundenen sogenannten Unsichtbaren

OBJEKTLYRIK schafft keine primären lyrischen Botschaften
(wie die sogenannte „visuelle & konkrete“ Poesie
durch symbiotische Verschmelzung von Form und Inhalt)
sondern dient als sinnliche Anwendung metapoetologischer
Prämissen innerhalb vorgegebener Buchstabenmuster

OBJEKTLYRIK fungiert sowohl als unmittelbare Sekundärliteratur
(mithilfe ästhetischer Mittel) wie auch als selbständiger Sprachraum
(mithilfe selbständiger Sprachstücke)

OBJEKTLYRIK ist greifbarer/ergreifender als jede flächige Schrift
und dadurch politischer als jedes Buch und plastischer
als jeder noch so verschachtelte virtuelle Sprachraum

OBJEKTLYRIK verleiht Gedichtwörtern ein räumliches Wirkungsfeld

OBJEKTLYRIK ermöglicht, sich gemeinsam in Gedichten aufzuhalten
und deren Botschaft gleichzeitig auszuhalten,
ohne den Klangraum eines vortragenden Dichters zu benötigen

OBJEKTLYRIK macht Rezitation überflüssig und so Textperformer arbeitslos

OBJEKTLYRIK überführt die arationale Autarkie des gewählten Gedichtes
in eine beispielhafte optische Repräsentanz

OBJEKTLYRIK verdeutlicht durch die skulpturale Erweiterung von
Zeilenumbrüchen, Zeichensetzung und orthographischen Eigenwilligkeiten
die bildnerische Komponente moderner Lyrik, die in der
beschriebenen Fläche nur graphisch komprimiert erscheint

OBJEKTLYRIK hilft dem Rezipienten sein eigenes Denken zu aktivieren,
indem sie sprachlich verdichtete Ereignisse sinnlich erlebbar macht

OBJEKTLYRIK schafft bildhafte Außenräume intellektueller Erlebnisse

OBJEKTLYRIK IST ALSO ZUGLEICH EINE LITERARISCHE, GRAPHISCHE,
BILDENDE, DARSTELLENDE, ABSTRAKTE UND ANGEWANDTE,
SINNLICHE UND GEISTIGE KUNST
 
OBJEKTLYRIK vergrößert keine Wörter aus Selbstzweck sondern
betont die bereits vorhandene mentale Größe inspirierter Zeichenstrukturen

OBJEKTLYRIK kann als sinnliche Erkenntnisstimulation oder verbale
Umweltverschmutzung (ähnlich der Produktwerbung) empfunden werden

Die Flucht vor großen Buchstaben findet mit dem realen Körper statt

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