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Band V (1993)Spalten 879-883 Autor: Uwe Puschner

MARR, Wilhelm, Agitator, Publizist und Schriftsteller, * 16.11. 1819 Magdeburg, + 17.7. 1904 Hamburg. Nach Abschluß einer Kaufmannslehre in Hamburg bzw. Bremen zog M. 1839 nach Wien zu seinem am Burgtheater tätigen Vater, dem bedeutenden Schauspieler und Regisseur Heinrich M.; 1841 übersiedelte M. zur Fortsetzung seiner kaufmännischen Karriere nach Zürich. Die Bekanntschaft mit Julius Fröbel, August Adolf Follen und Georg Herwegh und anderen im Schweizer Exil lebenden deutschen Oppositionellen brachte die Wende in M.s Leben, die sich zunächst in den beiden 1843 erschienenen Erstlingswerken, dem Gedichtband »Freie Trabanten« und der staatliche, kirchliche und gesellschaftliche Mißstände kritisierenden Kampfschrift »Gegenwart und Zukunft« abzeichnete. Die Verbindung zu Wilhelm Weitling und M.s Bekenntnis zum Kommunismus führten 1843 zu seiner Ausweisung aus Zürich. In Lausanne, wo er bis 1845 lebte, trat M. in engen Kontakt zu den jungdeutschen Führern Hermann Döleke und Julius Standau. M. verstand es, den von den beiden 1843 gegründeten Léman-Bund, einen jungdeutschen Geheimbund, in kurzer Zeit als sein persönliches Machtinstrument aufzubauen. 1844 gründete M., der sich mittlerweile zum Anarchisten und Atheisten gewandelt hatte, den im geheimen wirkenden Schweizerischen Arbeiterbund; als dessen Organ fungierten die von M. maßgeblich getragenen und herausgegebenen junghegelianisch-atheistisch ausgerichteten »Blätter der Gegenwart für sociales Leben« (1844/45). Nach einer mehrmonatigen Deutschlandreise gründete M. 1845 in Lausanne den ambitionierten, aber erfolglosen »Verlag der deutschen Buchhandlung«. Im Juli 1845 führten die gewandelten innenpolitischen Verhältnisse im Kanton Waadt zu M.s Ausweisung aus Lausanne; 1846 erschien seine - vor allem die eigenen Verdienste übertreibenden - propagandistische Rechtfertigungsschrift »Das junge Deutschland in der Schweiz«. Nachdem M.auch aus verschiedenen deutschen Städten ausgewiesen worden war, ließ er sich noch 1845 in seiner Vaterstadt Hamburg nieder, wo er als politischer Journalist - namentlich mit dem satirischen Witzblatt »Mephistopheles« (1847/48-1852) - die Rolle eines »enfant terrible« in der publizistischen Szene inne hatte. Als extrem linkes Mitglied der radikal-demokratischen Partei wurde M. 1848 in die Konstituante gewählt und als Deputierter nach Frankfurt a.M. entsandt. Nach dem Scheitern seiner politischen Hoffnungen - einer demokratischen Republik wie auch dann eines Hamburger Partikularismus - wurde M. zum Verfechter eines deutschen Staates unter preußischer Vorherrschaft. Politisch glücklos, verließ M. 1852 enttäuscht und verbittert Hamburg, um mit einer kurzen Unterbrechung bis 1859 in Costa Rica - auch hier ohne Erfolg - als Kaufmann tätig zu sein. Nach der Rückkehr nahm M. in Hamburg wiederum seine journalistische Tätigkeit auf. 1861/62 gehörte er der Hamburgischen Bürgerschaft an und war im Vorstand des. »Demokratischen Vereins«; sein politischer Radikalismus wie auch ein im Juni 1862 im »Courier an der Weser« abgedruckter »antisemitischer« Artikel führten zum Verlust der politischen Ämter. M. wandte sich nun ausschließlich der politischen Publizistik und dem Journalismus zu: In Hamburg redigierte M. »Die Nessel« (1864), den »Beobachter an der Elbe« (1865/66) und das Sonntagsblatt »Der Kosmopolit« (1866), um anschließend als leitender Redakteur bei der »Berliner Post« (1869/71) und bei der »Weimarischen Zeitung« (1874/75) tätig zu sein; nebenbei schrieb er u.a. für die »Gartenlaube«. Als weitere Stationen folgten Leipzig (1875/77), Berlin (1878) und wiederum Hamburg (1879). In Berlin entstand 1878 M.s 1879 erschienene Hetzschrift »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum«. Mit dieser wie in weiteren seit 1879 publizierten Broschüren und zahlreichen in der antisemitischen Presse veröffentlichten Artikeln wurde M. für kurze Zeit zu einem der Wortführer des politischen Antisemitismus. Mit der von ihm 1879 gegründeten kurzlebigen und politisch wenig wirksamen »Antisemitenliga«, deren Sprachrohr »Die deutsche Wacht« er bis März 1880 herausgab, führte M. den Begriff »Antisemitismus« in das politische Vokabular ein. M. hatte seine antisemitische Einstellung jedoch bereits spätestens seit 1862 in der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Liberalen Gabriel Riesser wie auch in der in Hamburg virulenten Frage der Judenemanzipation ausgebildet und in der 1862 erschienenen Schmähschrift »Der Judenspiegel« dokumentiert, in der er rassenideologisch argumentiert, um soziale und ethnische Mängel des Judentums nachzuweisen, die wiederum aus dessen Geschichte und Tradition abgeleitet werden. Trotz zahlreicher Auflagen seiner antisemitischen Pamphlete und ihrer vielfältigen Resonanz gelang es M. nicht, parteipolitische Bedeutung zu erlangen. M., der sich um 1890 ins Privatleben zurückzog, brach 1893 mit den Antisemiten um seinen Schüler Theodor Fritsch, deren von ihm als »Geschäftsantisemitismus« bezeichnete Methoden und personale Zusammensetzung er ablehnte. Der ehrgeizige und geltungssüchtige M. vollzog eine wechselvolle ideologische Entwicklung: Anfangs liberaler Demokrat, unter Weitlings Einfluß Kommunist, dann Anarchist wandelte M. sich schließlich zum radikalen Demokraten und daraus resultierend am Ende, als Reaktion auf den von ihm verhaßten, die gesetzlichen Grundlagen der Judenemanzipation garantierenden Liberalismus, zum Antisemiten.

Werke: Gegenwart und Zukunft. Oder: Ist Deutschland reif zu einer Reorganisation? Ein offenes Wort an das deutsche Volk, 1843; Glossen über die Petition der Kölner an den König von Preußen, 1843; Georg Herwegh und die königlich-preußischen Hofpoeten. Herrn Fr.W. Beniken gewidmet. Von Victor Herrmann (= W. M.), 1843; Das entdeckte und das unentdeckte Christenthum in Zürich und ein Traum. Eine Bagatelle, Auszüge aus der in Zürich confiscirten Bauer'schen Schrift enthaltend und dem christlichen Dr. Bluntschli gewidmet vom Antichrist, 1843; Freie Trabanten, 1843; Pillen. Eigens präparirt für deutsche und andere Michel, 1844; Ruchlosigkeit der Schrift: »Dies Buch gehört dem König«. Ein unterthänigster Fingerzeig, gewagt von Leberecht Fromm (= W. M.), 1844; Die Religion der Zukunft von Friedrich Feuerbach. Für Leser aus dem Volke bearbeitet von W. M., 1844 (21846); Petit mot d'un étranger au peuple vaudois. Dédié aux aveugles dans le canton de Vaud, 1845; Das junge Deutschland in der Schweiz. Ein Beitrag zur Geschichte der geheimen Verbindungen unserer Tage, 1846; Auch eine Adresse an Schleswig-Holsteins Männer der That, 1846; Die Jacobiner in Hamburg, 1848; Der Mensch und die Ehe vor dem Richterstuhle der Sittlichkeit. Nebst einem Anhange: Zur Charakteristik des deutschen Liberalismus. I. Die Republik Karl Heinzens. II. In eigner Angelegenheit, 1848; Was ist geschehen? Was muß geschehen? Zwei Fragen, 1848; An Hamburgs Wähler. Ein Wort zur rechten Zeit, o.J. (1849); Herr Dr. Heckscher als Agitator, Volksvertreter und Staatsmann. Eine politische Skizze, 1851; Anarchie oder Autorität?, 1852; Lichtbilder aus der Hamburger Bürgerschaft, 1860; Travailler pour le Roi de Prusse. Ein Beitrag zur deutschen Flotte, 1861; Der Judenspiegel, 1862; Israel in Alarm. Über den Mahnruf der Zeit und den deutschen Bescheid der Stimme aus dem »Judenspiegel«. Beleuchtet von A-Z, 1862; Reise nach Central=Amerika, 2 Bde., 1862; Messias Lasalle und seine Hamburger Jünger, 1863; Der Ausschluß Oesterreichs aus Deutschland ist eine politische Widersinnigkeit. Eine Warnung, welche vielleicht zu spät kommt, 1866; Selbständigkeit und Hoheitsrechte der freien Stadt Hamburg sind ein Anachronismus geworden. Eine kurze Beleuchtung hamburgischer Zustände, dem königlich preußischen Ministerium des Auswärtigen hochachtungsvoll gewidmet, 1866; Es muß Alles Soldat werden! oder die Zukunft des Norddeutschen Bundes. Ein Phantasiegemälde, 1867; Nach Jerusalem mit dem Papst! Eine Bergpredigt, 1867; Des Weltuntergangs Posaunenstoß. Lieblich begleitet und allen Gläubigen gewidmet, 1867; Die neue Dreieinigkeit, 1868; »Die Flagge deckt die Ladung!«. Die Leibnitzaffaire und die Pflichten des Norddeutschen Bundes, 21868; Streifzüge durch das Koncilium von Trient. Voltaire frei nacherzählt, 1868; Sieben Briefe über den Stein der Weisen. Ein socialistischer Essai, 1872; Ludmilla oder Geschiedene Frauen. Charakterbilder aus der Gesellschaft in fünf Akten, 1875; Religiöse Streifzüge eines philosophischen Touristen, 1876; Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet, 1879; Vom jüdischen Kriegsschauplatz. Eine Streitschrift, 1879; Antisemitische Hefte, Nr. 1-3 (Der Judenkrieg, seine Fehler und wie er zu organisieren ist. Zweiter Teil von: »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum«; Goldene Ratten und rothe Mäuse; Oeffnet die Augen, Ihr deutschen Zeitungsleser. Ein unentbehrliches Büchlein für jeden deutschen Zeitungsleser), 1880; Wählet keinen Juden! Ein Mahnwort an die deutschen Wähler, 1879; Zur Klärung der Colonialfrage, 1885; Lessing contra Sem. Allen »Rabinern« der Juden- und Christenheit, allen Toleranz-Dusselheimern aller Parteien, allen »Pharisäern und Schriftgelehrten« tolerantest gewidmet, 1885; Riekchen Blaustrumpf. Dramatische Plaudereien in einem Akt, o. J.

Lit.: Generalbericht an den Staatsrath von Neuchatel über die geheime deutsche Propaganda, über die Klubbs des jungen Deutschlands und über den Lemanbund, 1846; - Wilhelm Heyden, Die Mitglieder der Hamburger Bürgerschaft 1859-1862 (= Festschrift zum 6. Dezember 1909), 1909; - Franz R. Bertheau, Das Zeitungswesen in Hamburg 1616 bis 1913, 1914; Eugenie Rammelmeyer, Bewegungen der radikal gesinnten Deutschen in der Schweiz während der Jahre 1838 bis 1845. Ein Ausschnitt aus dem politischen und persönlichen Leben dieser Kreise, (Diss. Frankfurt a. M.) 1922; - Kurt Wawrzimek, Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien (1873-1890), 1927; - Hans Gustav Keller, Die politischen Verlagsanstalten und Druckereien in der Schweiz 1840-1848. Ihre Bedeutung für die Vorgeschichte der Deutschen Revolution von 1848, 1935; - Fritz Zschaek, War W.M. ein Jude?, in: Weltkampf 1944, H. 2, 94-98; - Paul W. Massing, Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, 1959; - Peter G.J. Pulzer, Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914, 1 966; - Werner Kowalski (Bearb.), Vom kleinbürgerlichen Demokratismus zum Kommunismus. Zeitschriften aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung (1834-1847), 1967; - Thomas Nipperdey, Reinhard Rürup, Antisemitismus. Entstehung, Funktion und Geschichte eines Begriffs, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politischen Sprache, hrsg. v. Otto Brunner, Werner Conze, Reinhard Koselleck, Bd. 1, 1972, 129-153; - Ernst Schraepler, Handwerkerbünde und Arbeitervereine 1830-1853. Die politische Tätigkeit deutscher Sozialisten von Wilhelm Weitling bis Karl Marx (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 34.), 1972; - Antje Gerlach, Deutsche Literatur im Schweizer Exil. Die politische Propaganda der Vereine deutscher Flüchtlinge und Handwerksgesellen in der Schweiz von 1833 bis 1845, 1975; - Moshe Zimmermann, Gabriel Riesser und Wilhelm Marr im Meinungsstreit. Die Judenfrage als Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Radikalen in Hamburg (1848-1862), in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 61 (1975), 59-84; - Ders., Hamburgischer Patriotismus und deutscher Nationalismus. Die Emanzipation der Juden in Hamburg 1830-1865, 1979; - Ders., W.M. The Patriarch of Antisemitism, 1986; - Ders., From Radicalism to Antisemitism, in: Shmuel Almog (Hrsg.), Antisemitism through the Ages (= Studies in Antisemitism), 1988, 241-254; - Klaus Urner, Die Deutschen in der Schweiz. Von den Anfängen der Kolonienbildung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, 1976; - Werner Jochmann, Struktur und Funktion des deutschen Antisemitismus, in: Werner E. Mosse u. Arnold Paucker (Hrsg.) Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914 (= Schriftenreihe Wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts 33), 1976, 389-477; - Hans-Joachim Ruckhäberle (Hrsg.), Bildung und Organisation in den deutschen Handwerksgesellen- und Arbeitervereinen in der Schweiz. Texte und Dokumente zur Kultur der deutschen Handwerker und Arbeiter 1834-1845 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 4.), 1983; - NDB XVI; - H. Schröder, Lexikon hamburgischer Schriftsteller der Gegenwart V, 1867, 33 ff.; - RGG III (21929), 2023 f.; - Encyclopaedia Judaica XI, 1015; Kosch, LL 19863, 467; - Nachruf, in: Neue Züricher Zeitung Nr. 209, 29.7. 1904, Beilage S. 2.

Uwe Puschner

Letzte Änderung: 11.07.1998