Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens

TIAN' ANMEN Never forget... Juni 1989

Diese Seite ist dem Gedenken all der Studenten und Menschen gewidmet, die Anfang Juni 1989 ihre Forderung nach mehr Demokratie mit dem Leben bezahlen mußten.

Diese Seite soll dem Vergessen entgegenwirken. Sie soll jedem vor Augen führen, daß der Weg zu Grundrechten und Freiheiten, die für uns Deutsche 'normal' sind und wir oftmals weder nutzen noch achten, in anderen Teilen der Welt mit Blut gepflastert ist.

Jedem, der eine Reise nach China antritt, sollte diesen dunkelsten Teil der Geschichte des kommunistischen China gelesen haben und ihn sich stets vor Augen führen... 

 

 

Plätzen zu ver

Bericht der damaligen kanadischen Korrospondentin Jan Wong

Am Freitag, dem 2. Juni, blieb ich die ganze Nacht auf, um die Chronologie einer lächerlichen Invasion von sechstausend unbewaffneten Infanteristen zu dokumentieren. Manche Leute meinten, die Regierung beabsichtige, in der Nähe des Platzes Truppen in Stellung zu bringen. Andere glaubten, es sei der letzte Versuch, den Platz gewaltlos zurückzuerobern. Wieder andere waren überzeugt, daß die Soldaten Befehl hätten, die Göttin der Demokratie vom Sockel zu stoßen. Was es auch war, die Sache ging gründlich daneben. Ich beobachtete, wie aufgebrachte Bürger den Soldaten heftige Vorwürfe machten, die sich daraufhin gegenüber vom Peking-Hotel ins Gebüsch kauerten und verzweifelt versuchten, über Funk neue Instruktionen zu erhalten.

Nach drei Stunden Schlaf stürzte ich rasch einen Joghurt hinunter und rannte nach draußen, um zu sehen, was am Samstag geschah. Mittags feuerten einige Soldaten mit Tränengas auf Demonstranten, die einen mit Munition beladenen Lkw abgefangen hatten. Am Nachmittag standen draußen vor der Großen Halle des Volkes fünftausend Soldaten einer noch größeren Zahl Demonstranten gegenüber. Aber abgesehen von ein, zwei Schlägereien verstrich die Kraftprobe ohne weitere Zwischenfälle. Einmal wetteiferten beide Seiten – Soldaten und Demonstranten – sogar miteinander, wer von ihnen am besten "Ohne Kommunistische Partei kein Neues China" singen konnte. 

Die Regierung hatte jede Glaubwürdigkeit eingebüßt. Ihre Militärhubschrauber waren über den Platz gedröhnt – und das Volk hatte sie ausgelacht. Es folgten Schützenpanzer – und alte Frauen legten sich ihnen in den Weg. Letzte Nacht hatte die Regierung Infanterie entsandt – und Zivilisten hatten sie in die Büsche gejagt. Viele dachten, die Schlacht von Peking wäre vorüber und das Volk hätte gesiegt. Die meisten erwarteten, daß die Armee nach Hause ginge und aufhörte, sie zu belästigen. Alle, auch ich, hatten einen der wichtigsten Aussprüche Maos vergessen: »Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.« 

Gegen sechs Uhr am Samstagabend erspähte ich am nordöstlichen Stadtrand einen weiteren Militärkonvoi, der auf einer mit Glasscherben übersäten Straße parkte. Zwar erschien die Globe sonntags nicht, aber einer Macht der Gewohnheit folgend stieg ich aus dem Auto und zählte achtzehn Lkws voller Soldaten, die mit Kalaschnikows bewaffnet waren. Mir fielen die Gesichter auf. Das waren keine jungen Rekruten mehr, sondern grimmig dreinschauende, erfahrene Truppen. Außerdem bemerkte ich, daß sie keine Sportschuhe aus Stoff trugen. 

»Sie tragen Stiefel«, erzählte ich Jim Abrams, dem Chef des AP-Büros, als ich anrief, um Informationen auszutauschen.

»Ich weiß«, sagte er. »Die Armee rückt aus allen Richtungen in die Stadt vor.« 

Es war klar, daß in dieser Nacht etwas passieren würde. Wäre die Regierung ein bißchen raffinierter gewesen, dann hätte sie drei James-Bond-Filme gezeigt, und alle Welt hätte vor dem Fernseher gehangen. Statt dessen ließ sie folgende Warnung ausstrahlen: »Halten Sie sich von der Straße fern. Gehen Sie nicht zum Tian'anmen-Platz. Schützen Sie Ihr Leben, indem Sie zuhause bleiben.« Genausogut hätten die Machthaber gedruckte Einladungen verschicken können.

»Heute nacht wird Geschichte gemacht«, sagte ich melodramatisch zu Norman. Er war es leid, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. 

»Das hast du letztes Mal auch gesagt«, erinnerte er mich. Tatsächlich hatte ich vor einer Woche dasselbe gesagt, als John Pomfret von AP eine Pressemitteilung veröffentlichte, die sich später als falsch erwies, derzufolge Truppen die Straße des Ewigen Friedens hinuntermarschierten und alles niederknüppelten, was sich ihnen in den Weg stellte.

Widerwillig kam Norman ein zweites Mal mit. Unterwegs schauten wir im Büro von Reuters vorbei, wo man gerade verzweifelt versuchte, eine Bestätigung für die Meldung zu erhalten, daß es den ersten Toten gegeben hatte, offenbar in Muxidi, einem Viertel am westlichen Ende des Stadtzentrums. Ich erbot mich, das dortige Fuxing-Krankenhaus anzurufen. Das Telefon klingelte und klingelte, aber niemand nahm ab, ein schlechtes Zeichen. 

Ich wußte nicht, daß das Massaker schon begonnen hatte. Deng Xiaoping hatte der Armee an diesem Samstagabend den Befehl gegeben, »alle notwendigen Maßnahmen« zu ergreifen, um den Platz einzunehmen. In Muxidi stießen die Truppen auf eine riesige Menschenmenge, die ihren Vormarsch zum Stillstand brachte. Als die Armee daraufhin versuchte, trotzdem vorzurücken, trafen die ersten Steine aus der Menge die Soldaten in der vordersten Linie, die der Bewaffneten Volksmiliz angehörten und nur mit Schlagstöcken ausgerüstet waren. Diese Einheit war eine große paramilitärische Streitmacht, die Deng in den 80er Jahren aus der VBA ausgegliedert hatte und deren Spezialität die Bekämpfung von inneren Unruhen war. Dennoch konnten ihre Fiberglashelme dem Steinhagel nicht standhalten. Einige Soldaten wurden verletzt. Hinter ihnen standen ihre mit Pistolen bewaffneten Offiziere, die in Panik ausbrachen und anfingen zu schießen. Hinter der Bewaffneten Volksmiliz stand die mit Kalaschnikows ausgerüstete 38. Armee. 

Als dann die Hölle losbrach, begannen auch sie, in die dichte Menge zu feuern. Schon bald jagten Soldaten Zivilisten durch die engen Gassen und brachten sie kaltblütig um. Anwohner schrien und fluchten und warfen Teller und Teetassen aus den Fenstern. Die Armee-Einheiten, die aus den Provinzen kamen, hatten wahrscheinlich keine Ahnung, daß in dieser Siedlung die Elite der Kommunistischen Partei lebte, und schossen ganze Salven auf die Gebäude ab. Viele Menschen kamen in dieser Nacht in ihren eigenen Wohnungen ums Leben. Der Neffe des höchsten Richters am Obersten Gerichtshof Chinas wurde in seiner Küche erschossen.

In dem Durcheinander tötete die Armee sogar einige ihrer eigenen Leute. Hinter der 38. Armee folgte ein Schützenpanzerverband, der zur 27. Armee gehörte. Als die Panzerwagen in der Dunkelheit mit geschlossenen Luken durch die fremde Stadt rollten, zerquetschten sie dabei versehentlich Soldaten der 38. Armee zu Tode. 

Norman und ich trafen gegen 23 Uhr am Peking-Hotel ein, als gerade mehrere Schützenpanzer mit hohem Tempo an uns vorbeidröhnten. Um nicht jedem meine Anwesenheit anzukündigen, parkte ich den Wagen der Globe auf der Wangfujing, einer lebhaften Geschäftsstraße, die an das Hotel angrenzte. Catherine Sampson, Reporterin der Londoner Times, bot uns an, ihr Zimmer im vierzehnten Stock mitzubenutzen. Simon Long von der BBC war auch schon da und gab seine Story durch. Ich brauchte persönliche Stellungnahmen und überredete Norman, mit mir auf den Platz zu gehen. Bevor wir das Hotel verließen, packte ich mein Notizbuch aus, um nicht die Aufmerksamkeit der Zivilpolizisten zu erregen, und steckte mir statt dessen ein Taschentuch gegen Tränengas ein. 

Auf dem Platz herrschte eine Stimmung wie bei einem New Yorker Straßenfestival, auf dem britische FuBball-Hooligans mit- mischen. Sämtliche Scheinwerfer waren eingeschaltet, wahrscheinlich um den Überwachungskameras die Arbeit zu erleichtern. Mehrere hunderttausend Menschen schoben sich über den Platz, Studenten in T-Shirts, Frauen in geblümten Kleidern, schlicht gekleidete Bauern mit zerzaustem Haar. Vor der Göttin der Demokratie machten Eltern Schnappschüsse von ihren Kindern fürs Familienalbum. Westliche Touristen in Fahrradrikschas filmten den Rummel mit ihren Videokameras. Seit Mitte April war der Tian’anmen eine noch größere Touristenattraktion als die Große Mauer. 

Die Invasion der Infanterie in der vergangenen Nacht war ein harmloser Spaß gewesen. Durch die am Samstagabend verbreiteten Warnungen in Radio und Fernsehen standen die Menschen unter Hochspannung, in Erwartung dessen, was als nächstes kommen würde. Etwa alle zehn Minuten ging eine Welle der Panik durch die Menge, die eine Massenflucht auslö- ste. Sobald sich die Menschen wieder versammelt hatten, wurden sie von einer neuen Woge der Hysterie erfaHt, und sie rannten in die andere Richtung davon. Man mußte mitlaufen, wenn man nicht zu Tode getrampelt werden wollte. Einmal versuchte ich Zuflucht hinter einem schmalen Laternenmast zu suchen, aber ein Dutzend anderer Leute hatte dieselbe Idee gehabt. 

Niemand wußte, wie kritisch die Lage wirklich war. Einige hatten gehört, daß die Truppen das Feuer eröffnet hätten, aber das enorme Ausmaß an Opfern war noch nicht bekannt. Die Menschen waren empört, nicht ängstlich. »Es ist unbeschreiblich«, sagte eine junge Frau, die Hände in die Hüften gestemmt. »Die sind schlimmer als die Faschisten.« Ein junger Mann stand mit einem Megaphon auf einem Verkaufskiosk; vor sich hatte er eine kleinen Vorrat an Ziegelsteinen. Er brüllte: »Nieder mit den Faschisten!« Andere, wie auch ich, hielten ihre Taschentücher parat. Ein paar junge Männer machten Molotowcocktails fertig. 

Norman und ich gingen zum nördlichen Ende des Platzes, wo ein Schützenpanzer brannte. »Sind noch Soldaten drin?« fragte ich einen Studenten mit rotem Stirnband. »Wir haben sie vorher rausgeholt«, sagte er. Weiter hinten, direkt vor dem Hauptquartier der Kommunistischen Partei in Zhongnanhai, sah ich noch einen Schützenpanzer in Flammen aufgehen. Ich mußte mich kneifen, um mich zu vergewissern, daß ich nicht träumte. Ich blickte auf die Uhr. Es war kurz nach Mitternacht: Sonntag, der 4.Juni 1989. 

Einige Umstehende behaupteten, Geschützfeuer zu hören. Ich spitzte die Ohren, aber der Lärm fliehender Menschen überdeckte alle anderen Geräusche. Irgend jemand flüsterte, die Soldaten hätten sich in der Großen Halle des Volkes verschanzt. Ein italienischer Journalist packte mich am Arm und erzählte mir, daß die Truppen in der Verbotenen Stadt seien und jeden Moment ausrücken würden. Um 0 Uhr 50 war ich müde. Und ich hatte Angst. Meine Stellungnahmen hatte ich bekommen. »Ich bin kein Kameramann«, sagte ich zu Norman. »Ich habe, was ich brauche. Laß uns gehen.« 

Wir schlugen uns zum Peking-Hotel durch. Die schmiedeeisernen Tore waren geschlossen, jemand hatte sie zusätzlich mit Drahtseilen gesichert. Wir kletterten hinüber und machten einen Spurt über den Parkplatz. Vor dem Haupteingang standen Sicherheitspolizisten in Zivil und filzten alle ausländischen Journalisten. Ich machte einen Bogen um sie herum und ging in die Hotelhalle, wo ein Reporter von USA Today über einen Münzfernsprecher gerade seine Story an die Redaktion durch- gab. Mitten im Satz schnitt ihm ein mit einer massiven Schere bewaffneter Ziviler die Leitung durch. Dem Journalisten fiel die Kinnlade herunter. Ohne ein Wort der Erklärung kappte der Polizist systematisch die Leitungen sämtlicher Telefone in der Lobby. Norman und ich fuhren, immer noch unbemerkt, mit dem Fahrstuhl nach oben. 

Ebenso wie ich nutzten an diesem Abend zahlreiche Korrespondenten das Peking-Hotel als Operationsbasis. Es ging des- wegen aber noch lange nicht nach altbewährter Kriegsberichterstatter-Manier zu, wo abgestumpfte Reporter am Tresen der Hotelbar hocken und ihre Storys runterreißen. Das Peking-Hotel verfügte über Direktwahl-Telefone, Badezimmer und einen unbezahlbaren Blick auf die Nordseite des Tian’anmen. Tatsächlich war der Platz so nah, daH wir uns die ganze Zeit in Schu0weite befanden. Nur wenige Journalisten, wie Andrew Higgins vom Independent, standen unten auf der Stral3e zwischen den Menschen. Und noch weniger, unter ihnen Dave Schweisberg von UPI, hielten sich die Nacht über bei den Studenten in der Mitte des Platzes auf. Wieder andere saßen die ganze Zeit in ihren Büros im Diplomatenviertel und schrieben ihre ersten Reportagen anhand von Berichten, die sie über ihre Redaktionsassistenten und von den Nachrichtenagenturen bekamen. 

Als wir wieder in Cathy Sampsons Zimmer im vierzehnten Stock waren, schob ich mir einen Stuhl auf den Balkon und fing an, mir Notizen zu machen. Norman und ich hatten den Platz gerade noch in letzter Minute verlassen. Zehn Minuten später rollte die Armee von Westen her mit Schützenpanzern an, die mit Leichtigkeit über die behelfsmäßigen Barrikaden hinwegpflügten. Die Demonstranten warfen Steine. Ein Radfahrer nahm die aussichtslose Verfolgung auf. Ich konnte jetzt deutlich das Knattern von Gewehrfeuer hören. Voller Entsetzen beob- achtete ich, wie die Soldaten direkt in die Menge schossen, die in heller Panik die Straße des Ewigen Friedens hinunterflüchtete. Zuerst hielten sich einige Demonstranten Decken und Jacken vor den Körper; da sie offenbar glaubten, die Armee benutze Gummigeschosse. Erst nachdem die ersten Menschen mit klaffenden Wunden zu Boden gingen, wurde klar, daß die Soldaten scharfe Munition geladen hatten. 

Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Ich schrie und fluchte auf chinesisch und englisch und liel3 kein einziges Schimpfwort aus. Dann wurde mir bewu0t, daß ich damit Simons Bandaufnahme des Gewehrfeuers für seine BBC-Übertragung ruinierte. Ich beschloß, daß ich mich nur auf eine Art nützlich machen konnte, nämlich ruhig zu bleiben und die besten Aufzeichnungen meines Lebens zu machen. Unten versuchte eine Gruppe von Menschen verzweifelt, einen Metallzaun niederzureißen, um eine neue Barrikade zu errichten. Als er nicht nach- geben wollte, warfen sie die Fensterscheibe eines parkenden Busses ein, nahmen den Gang raus und rollten ihn auf die Straße. Mit einem zweiten und dritten Bus machten sie das gleiche. Die Menge brüllte »Hao!« (Gut!). 

Truppen und Panzer kamen jetzt von allen Seiten. Um 1 Uhr 20 hörte ich die Detonationen von Artilleriefeuer aus dem Süden, dann eine weitere Explosion, fünf Minuten später. Um 2 Uhr 10 marschierten mehrere tausend Soldaten über den nördlichen Teil des Platzes. Um 2 Uhr 15 legten sie an und feuerten in die dichtgedrängte Menge. Ich stoppte die mörderische Salve auf meiner Uhr. Sie dauerte über eine Minute. Obwohl der Platz hell erleuchtet war, lagen die angrenzenden Straßen im Dunkel. Ich konnte nicht genau erkennen, ob jemand getroffen worden war. Ich mußte aber davon ausgehen, daß dies der Fall war, zum einen wegen der Reichweite der Gewehre, zum anderen wegen der Dauer der Salve und der dichtgedrängten Menschen. Ein paar Minuten später, als fünf Krankenwagen am Hotel vorbei durch die Menge rasten, wußte ich, daß ich recht gehabt hatte. Radfahrer und Lenker von Lastenfahrrädern halfen, die Verwundeten und Sterbenden zu bergen. Ich hatte nicht einmal bemerkt, daß unter meinem Balkon ein Mann in den Rücken geschossen worden war, bis ein Krankenwagen vorfuhr, um ihn abzutransportieren. 

Um 2 Uhr 23 drangen aus östlicher Richtung Tanks vor, die aus aufmontierten Maschinengewehren in die Menge schossen. Um 2 Uhr 28 zählte ich fünf weitere Krankenwagen, die zum Platz zurückrasten und hektisch von den Leuten eingewiesen wurden. Im Hintergrund bemerkte ich rote Punkte, die majestätische Bögen am Himmel beschrieben. »Feuerwerkskörper?« fragte ich zu Cathy gewandt. Wir wuHten beide nicht, daß es sich um Leuchtspurgeschosse handelte, und selbst dann hätten wir keine Ahnung gehabt, daß es richtige Kugeln waren, die mit Phosphor ummantelt waren, damit sie im Dunkeln leuchteten. In meiner ersten Story nannte ich sie »Leuchtraketen«. 

Cathy hörte, wie ein Projektil unseren Balkon traf, und machte mich darauf aufmerksam. Ich selbst kann mich nicht daran erinnern. Eigentlich hätte ich merken müssen, wie das Blei durch die Gegend flog, aber ich war total mit meinen Notizen beschäftigt. Ebensowenig kam mir der Gedanke, dal3 unser Balkon in die Schußlinie geraten war, nachdem die Soldaten über den nördlichen Platz vorrückten und die Demonstranten in Richtung Hotel und darüber hinaus zurückdrängten. Ich empfand nichts, als ich mir am nächsten Tag das Einschußloch ansah. In Anbetracht des Sterbens und der Verwüstung vor meinen Augen war es belanglos. Außerdem wirkte das Hotel mit seinen Doppelbetten, den Möbeln aus hellem Holz und den Spitzenvorhängen so normal. Erst später erfuhr ich, daß ein Tourist im Hotel einen Streifschuß am Hals abbekommen hatte und das Neonschild auf dem Dach in tausend Stücke geschossen worden war. 

Während die Soldaten die Menschen niedermetzelten, tönte aus den Lautsprechern die bekannte Aufforderung der Regierung, zu Hause zu bleiben. Ich lehnte mich über die Balkonbrüstung und beobachtete eine Gruppe von Leuten, die sich auf dem Parkplatz zusammenkauerte. Nach jeder schweren Salve rannten die Menschen davon, aber zu meinem Erstaunen kamen sie hinterher wieder angekrochen. Sie brüllten und weinten vor Wut und Verzweiflung. Vielleicht begriffen sie ebensowenig wie ich, daß die Volksbefreiungsarmee tatsächlich auf sie schol3. Oder vielleicht hatten ihnen die Jahrzehnte der Propaganda den Verstand geraubt. Vielleicht waren sie wahnsinnig vor Wut. Oder sie hielten sich für unverwundbar, nachdem sie, nur mit ihrer moralischen Stärke bewaffnet, tagelang den Vormarsch einer ganzen Armee aufgehalten hatten. Inzwischen registrierte ich alle sechs bis sieben Minuten schweres Geschützfeuer. Dann fiel mir auf, daß man ungefähr soviel Zeit benötigte, um zwei Straßen weiter zu rennen, sich zu beruhigen, neu zu formieren und sich vorsichtig wieder zurückzuschleichen. In der Dunkelheit konnte ich gegenüber vom Hotel eine Zweierreihe Soldaten ausmachen, etwa hundertzwanzig Mann. Um 2 Uhr 35 marschierten sie quer über den Platz und feuerten in die Menschenansammlung. Bei jeder Salve flohen Zehntausende von Menschen in Richtung Hotel. Jemand hatte einen Bus gekapert und lenkte ihn direkt in die Reihen der Soldaten. Er starb im Kugelhagel. »Zurück! Zurück!« schrie die Menge. Die Soldaten antworteten mit einer weiteren Gewehrsalve. 

Um 2 Uhr 48 hatte die Armee eine breite Bresche im nördlichen Abschnitt des Platzes geschlagen. Die Menge hatte sich ein wenig gelichtet. Um 3 Uhr 12 hörte man ohrenbetäubendes Geschützfeuer, das mehrere Minuten anhielt. In wilder Flucht rannten Demonstranten die Straße des Ewigen Friedens hinunter. Ein paar kletterten über das Eisengitter des Hotels. Ich sah, wie jemand auf dem Parkplatz getro6en wurde. Drei Minuten später sah man immer noch Tausende von Menschen, die hysterisch schrien und am Hotel vorbeirannten oder mit ihren Fahrrädern die Flucht ergriffen. 

Die Soldaten nahmen Krankenwagen unter Feuer und er- schossen Ärzte und Sanitäter, die versuchten, die Verwundeten zu retten. Einige Radfahrer warfen die Körper von Verwundeten und Toten quer über die Gepäckträger ihrer Räder. Andere schleppten die Verletzten einfach auf dem Rücken weg. Pekings wagemutige Lastenradfahrer sprangen ein. Zwischen 3 Uhr 15 und 3 Uhr 23 zählte ich achtzehn Fahrer, die unter dem Balkon vorbeifuhren und die Toten und Verwundeten zum nahe gelegenen Peking-Krankenhaus schräg gegenüber vom Hotel oder zum ebenfalls benachbarten Unionskrankenhaus transportierten. Mir fiel auf, daß ich denselben Fahrer im roten Unterhemd schon ein paarmal gesehen hatte. Die Strohmatte auf der Ladefläche seines Fahrrads war mit Blut getränkt. 

Im Pekinger Unionskrankenhaus hatte jemand die Geistesgegenwart, jeden Leichnam zu fotografieren. Über einen Not- ruf forderte das Krankenhaus sämtliche Mitarbeiter auf, sofort zum Dienst zu erscheinen. Während der nächsten sechs Stunden behandelten sie mehr als zweihundert Opfer; sie reinigten die Wunden und stillten die Blutungen. Das Personal schickte jeden nach Hause, der nicht die allerdringendste Hilfe benötigte. Jedes Bett wurde gebraucht, außerdem fürchteten die Ärzte, daß die Soldaten ins Krankenhaus kommen könnten, um die Verwundeten zu erledigen. »Es war furchtbar«, sagte ein Chirurg, der zwölf Stunden pausenlos operiert hatte. »Wir sind es gewöhnt, Arbeitsunfälle zu behandeln. Schußverletzungen hatten wir noch nie gesehen.« 

Ein westlicher Militärattaché erzählte mir, daß die Armee halbautomatische Gewehre vom Typ 56 eingesetzt hätte, eine chinesische Kopie der sowjetischen Kalaschnikow, die mit stählernen Kupfermantelgeschossen geladen werden. Diese Geschosse reißen schreckliche Wunden, weil sie durch den Weichkupfermantel beim Aufprall häufig bersten und sich die Metallteile wie messerscharfe Splitter durch das erste Opfer bohren. Aus kurzer Distanz abgefeuert, besitzen sie genügend Beschleunigung, um noch ein oder zwei Menschen zu treffen. Die chinesische Armee setzte in dieser Nacht außerdem Flugabwehr-Maschinengewehre ein, die offenbar panzerbrechende Munition geladen hatten, deren Geschosse die Stärke eines menschlichen Daumens haben. Ursprünglich zum Einsatz gegen leichtgepanzerte Fahrzeuge gedacht, verfügen diese äußerst durchschlagskräftigen Karbonstahlkugeln über eine Reichweite von knapp fünf Kilometern und können auf kurze Distanz leicht zehn Menschen verwunden oder töten.

Überall in Peking gingen in dieser Nacht die Blut- und Plasmakonserven und das Verbandszeug aus. Mitarbeiter des Roten Kreuzes standen auf dem Bürgersteig vor dem Kinder- krankenhaus und baten um Blutspenden. Die Chinesen, die normalerweise große Angst vor dem Blutspenden haben und nicht einmal mit hohen materiellen Anreizen dazu verleitet werden können, strömten j etzt in Scharen herbei. »Unmittelbar, nachdem wir um 3 Uhr morgens auf die Straße gegangen waren, hatten wir schon hundert Freiwillige«, erzählte mir spä- ter Xing Lixiang, Leiter des Pekinger Blutspende-Teams. 

Ich saß auf Cathys Balkon und schrieb in mein Notizbuch: »Die Menschen sind alle unbewaffnet. Die Armee schießt seit zwei Stunden auf sie.« Über Lautsprecher wiederholte eine wohl- klingende Stimme: »Die Volksbefreiungsarmee hat die Pflicht, unser großes sozialistisches Vaterland zu schützen und die Sicher- heit der Hauptstadt zu gewährleisten.« Die Soldaten schossen sich nun aus allen Richtungen den Weg zum Tian’anmen frei. Die Barrikaden, an deren Bau die Leute lange gearbeitet hatten, stellten für die Panzer überhaupt kein Hindernis dar. Ich schaute auf die Verwundeten und Sterbenden unter mir, auf das von Panzerketten aufgerissene Pflaster, auf zertrümmerte Barrikaden und den Rauch, der über dem Platz aufstieg. Mitten in diesem Gemetzel funktionierten die Verkehrsampeln weiterhin einwandfrei, sie sprangen von Grün auf Gelb auf Rot und wieder zurück auf Grün. 

Peking brannte. Später erfuhr ich, daß aufgebrachte Demonstranten mehrere Soldaten auf bestialische Weise umgebracht hatten. Nachdem ein Offizier namens Liu Guogeng vier Menschen erschossen hatte, wurde er aus seinem Jeep gezogen und vor dem Telegrafenamt, in der Nähe des Hauptquartiers des Zentralkomitees, zu Tode geprügelt. Die Menge übergolß seinen Leichnam mit Benzin, zündete ihn an und ließ die nur mit Socken bekleideten, verkohlten Überreste an einem Strick aus einem Busfenster baumeln. Damit auch jedermann sehen konnte, daß es sich um einen Soldaten handelte, drückte man ihm eine Armeemütze auf den Kopf und setzte ihm in einer Art schaurigem Possenspiel seine Brille wieder auf die Nase. Der wütende Mob war immer noch nicht zufrieden. Jemand schnitt den Leichnam ab und schlitzte ihm den Bauch auf. 

Den zwanzigjährigen Soldaten Cui Guozheng ereilte genau gegenüber von Pierre Cardins protzigem Restaurant »Maxim de Pekin« ein ähnliches Schicksal. Augenzeugen zufolge stiegen er und ein anderer Soldat aus, als sich ihr Lastwagen auf einem Stück aufgerissenem Pflaster festgefahren hatte. Als der Mob sich auf seinen Kameraden stürzte, sprang Cui wieder in den Lkw und feuerte mit seinem Maschinengewehr in die Menge. Er traf eine alte Frau, einen Mann und wahrscheinlich auch ein Kind. Der Mob stürmte den Laster. Cui versuchte zu fliehen, schaffte es aber gerade mal bis zum Gehsteig, wo er überwältigt wurde. Sein verkohlter Leichnam war mehrere Tage lang an einer Fußgängerüberführung aufgeknüpft. Die Regierung behauptete später, daß Cui niemals geschossen habe, »um die Massen nicht versehentlich zu verletzen«. 

Während die Kugeln flogen, saß ich drau0en auf dem Balkon des Hotels und notierte alles, was ich sah. Um 3 Uhr 45 kam es erneut zu einer Massenpanik. Diesmal flüchteten sich die Menschen soweit die Straße hinauf, daß ich mich genau in der Mitte befand, zwischen ihnen und den Soldaten. Ein paar junge Männer machten Anstalten, Molotowcocktails zu werfen. Ich sah, wie andere sie daran hinderten. Um 3 Uhr 56 schossen die Soldaten eine weitere donnernde Salve ab, die zwanzig Sekunden dauerte. Ich fragte mich, wie viele Massaker es wohl auf der Welt gegeben hatte, bei denen ein Journalist mit einem Notizblock in der Hand auf einem Balkon sitzen konnte, um die Ereignisse auf Minute und Sekunde genau zu protokollieren. 

Um Punkt 4 Uhr gingen schlagartig alle Scheinwerfer auf dem Platz aus. Mir blieb fast das Herz stehen. Ich konnte die Zelte der Studenten nahe am Rand des Platzes immer noch erkennen. Die Große Halle des Volkes war hell erleuchtet. Ich schrieb in mein Notizbuch: »Jetzt ist es soweit. Sie werden alle Studenten töten. Schauen Chinas Führer von der Großen Halle des Volkes dabei zu?« Ich konzentrierte mich darauf, einen Konvoi von mehr als fünfhundert Lkws zu zählen, der aus westlicher Richtung auf den Platz rollte. Von Süden her erklang das ferne Grollen von Geschützfeuer. Ich konnte mich vor Müdigkeit nicht mehr auf meinem Stuhl hallten, darum wickelte ich mich in eine Hoteldecke ein und legte mich auf den Betonboden des Balkons. Um 4 Uhr 30 hatten die Soldaten die Nordostecke des Platzes abgeriegelt. Unter mir harrten immer noch ein paar tausend zähe Demonstranten aus. Ich traute meinen Ohren nicht, als sie anfingen, revolutionäre Lieder zu singen und Parolen zu rufen. Einige Radfahrer drangen immer wieder in die Todeszone vor dem Hotel ein. 

Ich erfuhr später, daß sich in dieser Nacht etwa fünftausend Studenten, darunter viele aus den Provinzen, beim Denkmal der Volkshelden zusammengedrängt hatten. Chai Ling stimmte mit ihnen die Internationale an. Viele von ihnen hatten sich dem Hungerstreik aus einer Frühlingslaune heraus angeschlossen. Jetzt waren sie sich sicher, daß sie in einer kühlen Juninacht sterben mußten. Als die Lichter erloschen, fingen viele Studenten an zu weinen. 

Um genau 4 Uhr 40 gingen die Scheinwerfer wieder an. Über Lautsprecher wurde ein neues Band abgespielt: »Kommilitonen«, sagte eine schnarrende Männerstimme. »Bitte räumt unverzüglich den Platz.« Die Mitteilung wurde wiederholt. Ich hörte, wie über den Platz Schüsse peitschten. Brachten sie die Studenten kaltblütig um? Nachher erfuhr ich, daß die Soldaten die Lautsprecheranlage der Studenten zerschossen hatten. 

Die Studenten stimmten eilig ab und beschlossen, abzuziehen. Um 4 Uhr 50 registrierte ich in südlicher Richtung weiteres heftiges Geschützfeuer und dicken schwarzen Rauch. Um 5 Uhr 17 erlaubten die Soldaten den verängstigten Studenten, über die Südseite des Platzes abzumarschieren, wobei sie die Abziehenden mit Schlagstöcken und Fausthieben traktierten. Die Studenten zogen in Grüppchen am Restaurant »Kentucky Fried Chicken« vorbei und wandten sich anschließend nach Norden. Als sie in westlicher Richtung auf die Straße des Ewigen Friedens einschwenkten, sahen sie, wie zwischen ihnen und dem Platz eine Reihe von Panzern in Stellung ging. Einer der abziehenden Studenten brüllte einen Fluch. Plötzlich heulte einer der Tanks auf und mähte von hinten elf der Marschierenden nieder; sieben waren auf der Stelle tot. 

Hinterher bestritt die Regierung, da0 die Panzer auf dem Platz des Himmlischen Friedens Studenten zermalmt hätten. Aber es gab zu viele Augenzeugen, unter ihnen einen R.eporter von AP. Es gelang mir später, zwei der Überlebenden aufzuspüren. Der eine, dem die Beine zertrümmert worden waren, als er einen Kommilitonen vor einem heranrollenden Panzer rettete, studierte am Pekinger Sport-Institut. Der andere war ein junger Fabrikfacharbeiter, dem das rechte Ohr abgerissen und der rechte Arm zerquetscht worden war. Als ich ihn sechs Monate später fand, hatte er immer noch Angst, die Wohnung zu verlassen, weil er wußte, daß er der lebende Gegenbeweis für die Große Lüge der Regierung war.
 
 

Kalt und grau zog am Sonntag, dem 4. Juni, die Dämmerung herauf. Als Panzer- und Lkw-Konvois aus östlicher Richtung heranrasselten, versuchten die Menschen verzweifelt, ihnen einen Bus in den Weg zu schieben. Ein junger Mann löste sich aus der Menge und warf einen Stein nach den Panzern. Um 5 Uhr 30 fuhr ein weiterer Konvoi vorbei, ein Jeep und neun Lastwagen, aus denen blind geschossen wurde. Die Leute verkrochen sich in den Büschen. Um 5 Uhr 36 rollten dreißig Laster auf den Platz, gefolgt von zwanzig Schützenpanzern und drei Tanks. Um 5 Uhr 47 stiegen zwei Soldaten aus und schossen mit ihren Kalaschnikows in die Menge. Ich sah viele zu Boden gehen, konnte aber nicht ausmachen, wer getroffen worden war und wer nur Deckung suchte. 

Als Peking erwachte, strömten die Einwohner der Hauptstadt in Richtung Platz, selbst als noch mehr Opfer mit den Lastenfahrrädern abtransportiert wurden. Ich sah, wie ein kleines Mädchen mit seinen Eltern auf dem Parkplatz des Peking-Hotels hinter einem grauen Lieferwagen Zuflucht suchte. Der dicke Qualm aus einem brennenden Bus bot ein wenig Deckung. Mittlerweile war ich mir der vorbeischwirrenden Kugeln durchaus bewußt. Dennoch konnte mich nichts dazu bewegen, ins Zimmer zurückzugehen. Innerhalb der nächsten Stunde zählte ich Dutzende von Schützenpanzern und Tanks. Das war der Overkill. Gegen wen kämpften sie jetzt noch Einige Panzerfahrer schienen nicht zu wissen, wohin sie wollten. Ich sah, wie sie kehrtmachten, es sich wieder überlegten, um dann noch einmal zu wenden. 

Bei Tageslicht konnte ich mehr erkennen. Um 6 Uhr 40 riß ein Panzer die Göttin der Demokratie um, und ihr Gipstorso ging krachend zu Boden. Ich sah Flammen und viel Rauch. Chai Ling erklärte später feierlich in einem Video, das in Hongkong ausgestrahlt wurde: »Die Panzer haben die Studenten überrollt, die in Zelten schliefen. Dann haben die Soldaten Benzin über die Zelte und Körper gegossen und sie abgefackelt.« (Dies erwies sich später als unwahr. Die Zelte wurden zwar tatsächlich in Brand gesteckt, aber offenbar waren keine Menschen mehr darin gewesen.) Um 6 Uhr 47 hatten sich Dutzende von Panzern am nördlichen Ende des Tian’anmen formiert. Von weitem wirkte der Platz wie ein grünes Meer. Die Armee hatte den Platz schließlich zurückerobert. Die Lautsprecheransagen verstummten.

Cathy schaltete die Frühnachrichten ein. Durch die geöffnete Balkontür konnten wir immer noch Gewehrfeuer hören. »Eine kleine Minderheit von Unruhestiftern hat ein Chaos in Peking verursacht«, sagte der Nachrichtensprecher. »Die Armee ist eingeschritten, aber nicht, um die Studenten und die Massen zu unterdrücken.« Ich überließ es Cathy, die offenbar nie Schlaf brauchte, Notizen von der Sendung zu machen, während ich vor Erschöpfung aufs Bett sank und in eine Art Koma versank. Mehr als sieben Wochen hatte ich pausenlos Tag und Nacht gearbeitet, und in den letzten zweiundsiebzig Stunden hatte ich kaum ein Auge zugetan. Kurz darauf schreckte ich wieder aus dem Schlaf hoch, als drei Militärhubschrauber an unserem Fenster Richtung Platz vorbeiknatterten, um Soldaten aufzunehmen, die von den eigenen Truppen verletzt worden waren. Weitere Krankenwagen rasten vorbei. Eine Zeitlang herrschte Stille, während sich draußen vor dem Hotel eine Menschenmenge zusammenrottete. Fünfzehn Minuten später griffen die Soldaten an, wobei sie direkt in die Menge feuerten. Der Boden war mit Körpern übersät. Ich sah, wie ein paar Leute mit ihrem Blut Parolen auf eine Sperrholzplatte schmierten, die auf der Kreuzung an einer Barrikade lehnte. »Tötet Li Peng!« lautete die eine, »Blut wird mit Blut vergolten« eine andere. 

Zu dem Zeitpunkt war ich wie betäubt. Im nachhinein erscheint es seltsam – vielleicht hing es mit meinen chinesischen Hunger-Genen zusammen –, aber ich hatte das Gefühl, essen zu müssen. Mir war klar, daß es ein langer, blutiger Sonntag werden würde, und ich wußte, daß ich den Tag ohne etwas zu essen nicht überstehen würde. Weder Norman noch Cathy widersprachen, als ich vorschlug, wir sollten versuchen, unten im Hotelrestaurant ein Frühstück zu bekommen. Simon Long ließen wir zurück, um Notizen zu machen. 

Unten stellte ich fest, daß viele andere Journalisten ebenfalls die Nacht auf ihrem Balkon verbracht hatten und das gleiche unwirkliche Verlangen nach Rühreiern zu verspüren schienen. Mitch Farkas, ein stämmiger Tontechniker von CNN, erzählte uns, daß wir gerade einen Streit verpaßt hätten. Als die chinesischen Kellnerinnen verkündet hätten, daß es nur Kaffee und kein Essen geben würde, weil der Koch zu aufgewühlt sei, um zu kochen, flippten ein paar Reporter aus und schrien, dann würden sie sich ihr Frühstück eben selbst zubereiten. Plötzlich sei der Küchenchef im Speisesaal erschienen. Er weinte. »Ich habe letzte Nacht zu viele Menschen sterben sehen«, sagte er, während er sich mit bebender Hand am Türgriff festhielt. Alle blickten betreten zu Boden und schämten sich über das rüpelhafte Benehmen ihrer Kollegen. Eine Kellnerin brach das Schweigen. »Wir sind alle Chinesen«, sagte sie. »Wir lieben unser Land.« Jeder hätte sich bei jedem entschuldigt, sagte Mitch, und der Koch hätte sich zusammengerissen und verkündet, daß er für die Reporter kochen würde, denn »Sie werden der Welt berichten, was geschehen ist«. 

Als Mitch uns das erzählte, fing er selbst an zu weinen. Er war, wie wir, physisch und psychisch mit seinen Kräften am Ende. Als er zusammenbrach, erwischte es Cathy und mich ebenfalls. Ich selbst hatte bei jeder Gelegenheit losgeheult, zum Beispiel, als die Peking-Universität mich rauswerfen wollte oder als ich mein Arbeitspensum auf der Farm zur Großen Freude nicht schaffte, und jetzt merkte ich, daß ich die ganze Nacht keine Träne vergossen hatte. Die Ungeheuerlichkeit des Massakers kam endlich bei mir an. So viele Menschen waren getötet worden. Obwohl meine maoistische Phase nun schon Jahre zurücklag, hatte ich immer noch ein klein wenig Hoffnung für China gehegt. Nun war auch sie restlos verschwunden. Ich saß da und weinte bitterlich, während die Kellnerinnen die Teller mit Toast und Spiegeleiern brachten. Keiner von uns bekam einen Bissen hinunter. 
 
 

Als wir auf Cathys Zimmer zurückgingen, war es schon nach neun. Eine französische Touristin fragte, ob sie von unserem Balkon hinunterschauen dürfe. Zehntausende wütender Menschen strömten in Richtung Tian’anmen, und auf der Kreuzung vor dem Hotel versammelte sich eine riesige Menge. Es war ein so außergewöhnlicher Augenblick, und trotzdem sah alles so normal aus. Die Männer trugen Shorts und Sandalen. Manche Frauen hatten Handtaschen dabei. Weil Chinesen niemals Babysitter engagieren, hatten einige sogar ihre Kinder mitgebracht. Im Hintergrund schwelten die ausgebrannten Busse. Zwei Blocks weiter, entlang der nordöstlichen Begrenzung des Platzes, saßen zwei Reihen von Soldaten mit überkreuzten Beinen, hinter sich einen Panzerkonvoi. Sie hatten direkt gegen- über der Menge Stellung bezogen. 

Um 9 Uhr 46 begann die Menge plötzlich in Panik vom Platz zu fliehen. Ich hatte keine Ahnung, warum. Dann sah ich, daß die Soldaten sich hingekniet hatten, anlegten und dabei die Menge ins Visier nahmen. Die Leute rannten um ihr Leben, und die Soldaten schossen ihnen in den Rücken. Mehr als ein Dutzend Körper blieben auf dem Boden liegen. Als das Schießen aufhörte, herrschte absolute Stille. Einige Verwundete schleppten sich an den Straßenrand. Zu meinem Erstaunen rückte die Menge langsam wieder vor, zurück zum Platz. Um neun Minuten nach zehn jagte sie ein weiteres mörderisches Sperrfeuer die Straße hinunter in Richtung Hotel. Wieder näherten sich die Menschen dem Platz. Um 10 Uhr 22 folgte die nächste Salve; sie dauerte drei Minuten. Entsetzt sah ich, wie die vorrückenden Soldaten fliehende Zivilisten hinterrücks erschossen. Die Verwundeten blieben auf der Straße liegen, au0erhalb der Reichweite der Helfer, und die Soldaten setzten ihren schweren Beschuß fort. Die französische Touristin fing an, hysterisch zu kreischen: »Die sind verrückt! Einfach verrückt!« 

Ein chinesischer Freund hatte Norman für Sonntag zum Mittagessen eingeladen. So wie ich seltsamerweise hatte frühstücken wollen, wollte er seine Verabredung einhalten. Ich sagte ihm, daß es Wahnsinn sei, während eines Massakers quer durch die Stadt zu radeln. Als er nicht auf mich hören wollte, schlug ich vor, er solle seinen Freund erst anrufen. 

»Ein neunjähriges Mädchen aus unserem Haus ist getötet worden. Sie haben gerade ihre Leiche zurückgebracht«, sagte sein Freund mit ausdrucksloser Stimme. »Ich glaube, es ist keine gute Idee, heute hierherzukommen.« 

Nach dem dritten Sperrfeuer zählte ich mehr als zwanzig Tote und Verwundete. Ein Radfahrer war direkt unter unserem Balkon in den Rücken geschossen worden. Auf der Straße des Ewigen Friedens breiteten sich zwei große Blutlachen aus. Jemand trug die Leiche eines kleinen Mädchens zur Rückfront des Hotels. Nach weiteren dreiundzwanzig Minuten hatten ein paar Leute wieder Mut gefalßt, um sich den Verwundeten zu nähern. Eine erneute Salve der Soldaten schlug die Hilfswilligen in die Flucht. Die Menge war außer sich. Ich notierte stur die Zeit. Eine Stunde später lagen die Verwundeten immer noch auf der Straße, wo sie verbluteten. 

Den Rest des Vormittags und während des ganzen Nachmittags wiederholte sich diese Szene immer und immer wieder. Insgesamt zählte ich acht lange, mörderische Sperrfeuer. Dutzende starben vor meinen Augen. Am späten Nachmittag war die Menge auf etwa fünfhundert Todesmutige zusammengeschrumpft, die an der Ecke standen und schrien: »Tötet Li Peng! Tötet Li Peng!« Erst als um 16 Uhr 15 Nieselregen einsetzte, gingen sie auseinander. Der Regen spülte das Blut von der Straße. Als er aufhörte, kamen die Menschen zurück, und die Soldaten schossen wieder und wieder, und noch mehr Menschen starben. 

Ich dachte, wie seltsam es doch war, daß die Einwohner von Peking nicht naß werden wollten, aber sich nicht vor dem Tod fürchteten. 

[...]

Aufgrund meiner zahlreichen Nachforschungen bin ich zu dem Schluß gekommen, daß die Zahl der Todesopfer etwa dreitausend betrug. Diese Angabe basiert zum einen auf einem Bericht, den das chinesische Rote Kreuz einen Tag nach dem Massaker veröffentlichte und der von zweitausendsechshundert Toten spricht. 

Unter äußerstem Druck der Regierung beeilte sich das chinesische Rote Kreuz, die Zahl umgehend zu widerrufen, aber der Schweizer Botschafter bestätigte im Namen des Internationalen Roten Kreuzes heimlich die ursprüngliche Zahl und gab sie an andere Botschafter in Peking weiter. Wenn außerdem mehrere hundert Soldaten im eigenen Feuer gestorben waren, dann mußten sehr viel mehr Zivilisten bei dem Versuch ums Leben gekommen sein, den Vormarsch der Armee aufzuhalten. 

Eine Reihe westlicher Militärattaches, die Zeugen des Massakers wurden, kamen unter genauer Berücksichtigung der Menschenmenge, der Truppenstärke, des heftigen Feuers und des Einsatzes von Gefechtsmunition ebenfalls auf die geschätzte Zahl von dreitausend Toten. 

 

aus: Jan Wong, "Abschied von China" (Red China Blues)
Heyne Verlag, ISBN 3-453-12606-8




 


An der Pekinger Universität
 
 
 
 
 
 


Auf dem Platz des Himmlischen Friedens
 
 
 
 
 
 
 
 


Studenten Camp auf dem Tian'anmen Platz
 
 
 
 
 
 


Pekinger Bürger versorgen die Demonstrantent
 
 
 
 
 
 


Gorbatschow wir begrüßt
 
 
 
 
 
 


Jung und Alt unterstützen die Studenten
 
 
 
 
 
 


Ein mutiger Polizist skandiert "Sieg für die Studenten!"
 
 
 
 
 
 


Die "Göttin der Demokratie" wir errichtet
 
 
 
 
 
 


Die Milizeinheiten werden empfangen
 
 
 
 
 
 


Essen auf Rädern - Versorgungsstand
 
 
 
 
 
 


Im Studenten-Camp
 
 
 
 
 
 


Panzer rollen in Peking ein
 
 
 
 
 
 


Opfer der Volksbefreiungsarmee
 
 
 
 
 
 


Jede Hilfe kommt zu spät
 
 
 
 
 
 


Von Kugeln getroffen
 
 
 
 
 
 


Verzweifelte Suche nach Angehörigen
 
 
 
 
 
 


Das Ende eines friedlichen Widerstands
 
 
 
 
 
 


Verletzte in einem Krankenhaus
 
 
 
 
 
 


Abtransport der Verwundeten
 
 
 
 
 
 


Verletzter mit Soldatenhelm
 
 
 
 
 
 


Von Panzern überrollt - Mensch und Maschine
 
 
 
 
 
 


Blut auf dem Tain'anmen
 
 
 
 
 
 


Die Armee hat den Platz zurückerobert
 
 

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