Nemmersdorf / Ostpreußen

Das Hollenweibchen von Nemmersdorf

Nun war einmal ein junges Mädchen aus der Stadt erschienen, um in Nemmersdorf die Hauswirtschaft zu erlernen. Das Spinnen ging ihr nicht recht von der Hand, weil sie diese Arbeit nicht von Jugend auf gelernt hatte; bei ihrer Hausfrau aber mußte so fein gesponnen werden, daß man ein Gewinde durch einen Trauring ziehen konnte. Dieses Mädchen aus der Stadt wollte an die Spinnfrauen oder Holleweibchen nicht glauben. Am Lichtmeßabend, als alle andern schon schliefen, stand sie leise auf, reinigte die Schlüssellöcher in Flur und Küche, die die Köchin sorgsam verstopft hatte, damit die Holleweibchen nicht ins Haus schlüpfen könnten, nahm das Spinnrad und legte Flachs auf; kaum lag das Mädchen wieder im Bett, da brauste und sauste es vor den Fenstern, als ziehe die wilde Jagd vorüber. Neugierig eilte das Mädchen wieder in die Küche. Da saß ein kleines graues Wesen am Spinnrad und spann; schon lag eine Rolle des allerfeinsten Garns auf der Erde. Als das Mädchen erstaunt näher schlich, packte das Holleweibchen seine losen Haare und spann sie statt des Flachses. Plötzlich sah das Mädchen eine Sternschnuppe fallen. Es wußte selbst nicht, was es war, und schrie in seiner Angst und Not: „Ach, ach, der Himmel fällt ein!“ Darüber erschrak das Holleweibchen und rannte bei der Tür hinaus. Das Mädchen machte sich rasch vom Spinnrad los und zerhackte den Spinnrocken mit einem Küchenbeil in viele Stücke. Als das Holleweibchen nach einiger Zeit wieder zur Tür hereinschaute und das Spinnrad zerschlagen sah, kehrte es um und lief davon. Das Stadtmädchen aber war von nun an von seinem Unglauben geheilt und hat nie mehr versucht, in der verbotenen Zeit, in den Zwölften, den Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig und zu Lichtmeß, zu spinnen oder Flachs aufzulegen.
 

Nemmersdorf

Neue Aspekte eines Verbrechens Eines der düsteren Kapitel

von Thorsten Hinz

http://www.jungefreiheit.de/archiv/47aa15.htm © JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.www.jungefreiheit.de47/9714.11.97

Das ostpreußische Nemmersdorf (Kreis Gumbinnen) taucht in jeder halbwegs objektiven Geschichtsschreibung über die Spätphase des Zweiten Weltkriegs auf, auch außerhalb Deutschlands. Am 21.-22. Oktober 1944 wurde Nemmersdorf als einer der ersten deutsche Orte von der Roten Armee eingenommen. Einen Tag später schlug die Wehrmacht die Rote Armee noch einmal zurück und fand Opfer eines Massakers, vor allem Frauen und Kinder, vor. "Nemmersdorf" wurde zum Fanal der Flucht und der Untaten der Roten Armee an der ostdeutschen Bevölkerung.

Der US-Völkerrechtler Alfred M. de Zayas nennt Nemmersdorf "eines der am besten belegten Beispiele russischer Greueltaten im zweiten Weltkrieg". Der italienische Historiker Marco P. Chiodo leitet sein Buch "Sie werden die Stunde verfluchen…" über "Sterben und Vertreibung der Deutschen im Osten" (1987, dt. 1990 im Herbig Verlag) mit einer Schilderung der Nemmersdorfer Greuel ein. Die Quellen sind seit den vierziger und fünfziger Jahren konstant. Vor allem bezieht man sich auf die Aussagen des aus Königsberg stammenden Volkssturmmannes Karl Potrok, der in der Dokumentation "Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße" des Bundesvertriebenenministeriums 72 Tote angab. Sechs Frauen seien nackt gekreuzigt worden (vier an einem Leiterwagen, zwei an einem Scheunentor). Einer blinden Greisin sei mit einer Axt oder einem Spaten der Schädel gespalten, alle weiblichen Opfer seien vergewaltigt worden. Dem Protokoll Potreks werden Aussagen von Dorfbewohnern, Soldaten, Offizieren (darunter des Stabchefs der 4. Armee in Ostpreußen, Generalmajor Dethleffsen) und Korrespondentenberichte der norwegischen Zeitung Fritt Folk vom 6. und des Genfer Courier de Genève vom 7. 11. 1944 zur Seite gestellt. "Nemmersdorf" ist in der Historiographie eine feste Größe.

Daher ist damit zu rechnen, daß das eben erschienene Büchlein "Nemmersdorf, Oktober 1944 – Was in Ostpreußen wirklich geschah" (edition ost, Berlin 1997, 14,90 DM) des promovierten Hobbyhistorikers Bernhard Fisch Aufmerksamkeit erregen wird. Der gebürtige Ostpreuße (Jahrgang 1926) hat neue Quellenstudien, Ortsbesichtigungen Zeugenbefragungen durchgeführt. Eine persönliche Betroffenheit ergibt sich, weil er als Soldat am 25. Oktober 1944 auf der Suche nach Proviant zufällig in Nemmersdorf war und seine Eindrücke sich von den Bildern der Wochenschauen unterschieden. Er hat auch russische Gefechtsprotokolle gesichet. Fischs Darstellung liest sich wie ein Krimi und enthält einige Abweichungen von den bisherigen Nemmersdorf-Berichten.

Fisch teilt eingangs den Störversuch seiner Untersuchungen durch einen "Vertriebenenfunktionär" der Landsmannschaft Ostpreußen mit. Längst nicht alle aus dem überschaubaren Kreis der Nemmersdorfer Ortszeugen – von denen einige noch lebten – seien befragt worden. Im Kreisarchiv Gumbinnen lag ebenfalls noch ein unausgewerteter Bericht. Außerdem sei eine Quellenkritik bislang unterblieben. Einige Berichte seien Fälschungen oder beruhten in Wahrheit auf Hörensagen, da die Zeugen nachweislich nie in Nemmersdorf gewesen oder schon früher geflüchtet waren. Als merkwürdig stuft er ein, daß bislang niemand sich der Mühe unterzogen habe, die Leichen auf dem Fotomaterial vom Oktober 1944 zu identifizieren.

Bei den ausländischen Zeitungsartikeln, so Fisch, könne es sich nicht um Augenzeugenberichte gehandelt haben. Diese Presseorgane hätten im übrigen den Nationalsozialisten zumindest nahegestanden. Wie Fisch errechnete, hätten die Korrespondenten frühestens eine Woche nach dem Massaker vor Ort sein können. Zu diesem Zeitpunkt konnten sie aber nicht mehr – wie dargestellt – Ermordete in den Wohnungen vorgefunden haben. Außerdem seien Verwüstungen in den Nemmersdorfer Häusern (wie eine Beschwerde des ostpreußischen Oberlandesgerichtspräsidenten dokumentiert) auch durch einquartierte deutsche Soldaten erfolgt.

Frontal zieht Fisch den Augenzeugenbericht von Karl Potrek in Zweifel. Dieser hatte angegeben, die Leichen seien zunächst bestattet worden und nach Ankunft einer  Untersuchungskommission der Wehrmacht wieder exhumiert worden. Dem widerspreche aber der Anblick der fotografierten Leichen. Die gekreuzigten Frauen hätte nicht einmal der Völkische Beobachter erwähnt. Die Scheune am Ortseingang, an deren Tore zwei (von insgesamt sechs) nackte Frauen genagelt worden seien, habe es gar nicht gegeben. Auf den Fotos seien zudem alle Leichen bekleidet. Auch von einem geschlossenen Treck, der in Nemmersdorf von den Russen überrollt werden konnte, habe kein anderer Zeuge gesprochen. Daß der ermordeten alten Frau der Schädel gespalten worden sei, diese neue Grausamkeitsstufe taucht erst in Potreks Bericht 1953 auf. Andererseits verrate Potreks Bericht eine Orts- und Personenkenntnis, die er als Ortsfremder nicht haben konnte. Potrek, darauf läuft Fischs Argumentation hinaus, habe seine Erinnerungen mit schon vorliegenden Berichten und Artikeln aus dem Völkischen Beobachter, wo allgemein von "Durchstoßmerkmalen an beiden Handflächen" eines alten Mannes die Rede war (allerdings an einem anderen Ort), vermischt. Auch die behauptete Identifizierung der Toten als Nemmersdorfer durch eine Dorfbewohnerin habe es so nicht gegeben.

Außerdem seien Obduktionen unterblieben, so daß man nicht in jedem Falle feststellen konnte, welcher Tote etwa während Kampfhandlungen umgekommen war. Für verbürgt hält Fisch in Nemmersdorf zwei Dutzend Opfer, von denen die meisten zweifelsfrei durch Genick- und Kopfschüsse hingemetzelt worden waren. Die Goebbels-Presse hätte die Toten und Greuel von mehreren ostpreußischen Orten unter "Nemmersdorf" summiert, um die propagandistische Wirkung zu erhöhen.

Um diese sei es im Herbst 1944 gegangen. Wie Fisch anhand von Akten des Reichssicherheitshauptamts und des Propagandaministeriums analysiert, habe 1944 in der deutschen Bevölkerung eine kapitulationsbereite Stimmung geherrscht. Die Nemmersdorf-Berichte sollten die Notwendigkeit eines Kampfes auf Leben und Tod verdeutlichen.

In russischen Militärberichten habe man sich verwundert geäußert, daß die deutschen Soldaten, anstatt die vorbereiteten Verteidigungsstellungen zu beziehen, die eigenen Geschütze in einer durchaus noch nicht hoffnungslosen Situation zerstört hatten, wodurch der Durchbruch nach Nemmersdorf sich beschleunigte. Hier insinuiert Fisch zumindest, daß das Absicht gewesen sein könnte. Nicht nur diese Passage könnte lebhafte Diskussionen auslösen.

Das Buch stellt mitnichten eine "Revision" des Nemmersdorf-Verbrechens dar, sondern konkretisiert es möglicherweise, und eine Diskussion darüber könnte ein Beispiel souveränen Umgangs mit eigener Geschichte sein. Es mag erstaunen, daß ausgerechnet Ralph Giordano in einem Nachwort die richtigen historischen Relationen herstellt: "Nemmersdorf" sei nur Synonym für "unzählige Ereignisse" beim Einmarsch der Roten Armee im Osten gewesen, der "zu den düstersten Kapiteln in der Kriegsgeschichte der Menschheit" zähle. Und: Die Verbrechen an Deutschen verdienten unter Berücksichtigung von Chronologie und Kausalität genausoviel Öffentlichkeit wie die von Deutschen. Sein Wort in Gottes Ohr!
 

Ostpreußen

Ein Augenzeuge erinnert sich an das Massaker von Nemmersdorf
Ein Storchennest als Mahnmal
von Joachim Reisch

http://www.jungefreiheit.de/archiv98/088aa17.htm © JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.www.jungefreiheit.de08/98 13.02.98
 
 Ostpreußen: Ein Augenzeuge erinnert sich an das Massaker von Nemmersdorf
 Ein Storchennest als Mahnmal
 von Joachim Reisch

Wie oft habe ich an der französischen Kanalküste Wache geschoben und nach Dover herübergeschaut, wo der Feind sein sollte. Ich empfand keinen Haß und kein Rachegefühl. Warum auch? Niemand hatte mir etwas getan. Diese Einstellung sollte sich erst später ändern, als liebe Kameraden oder gar Angehörige im Hagel der Geschosse oder Bomben umkamen.

Im Jahre 1939 fiel gleich zu Beginn des Polenfeldzuges mein Bruder, 1944 traf ein Bombensplitter meinen Burschen tödlich. Im selben Jahr fiel im Nahkampf mein noch ganz junger Melder neben mir im Schützengraben. Eben hatten wir noch gemeinsam eine Büchse Rindfleisch gegessen, als plötzlich ein unbeschreibliches Artillerietrommelfeuer und Jagdbomberangriffe begannen, daß die Erde erzitterte. Mein junger Kamerad hatte so etwas noch nicht erlebt. Da traf ihn auch schon die tödliche Kugel eines amerikanischen Scharfschützen aus dem nahen Waldrand. Er sank neben mir hin. Die Amerikaner kamen wie bei der Hasenjagd auf uns zu. Es knallte in allernächster Nähe. Ich sprang heraus und erhielt auch gleich einen Oberschenkelschuß. Mein MG-Trupp kam heran und trug mich schnell bergunter, abseits der herannahenden Shermanpanzer. Noch in der gleichen Nacht wurden wir Verwundeten versorgt und verladen und in ein Lazarett nach Wildbad im Schwarzwald gebracht. Fast die ganze Batterie hatten wir verloren.

Im Lazarett hatte ich genügend Zeit, über alles nachzudenken. Ich dachte an meine ostpreußische Heimat, die durch die immer näher rückende russische Front gefährdet war. Ich dachte aber auch daran, daß ein Teil meiner Vorfahren nach Rußland gerufen worden waren, um beim Zaren Dienst zu tun. Sie fühlten sich als Russen und liebten Rußland.

Ende September 1944 mehrten sich die Nachrichten vom Heranrücken der Roten Armee. Kurzerhand bat ich den leitenden Stabsarzt, mich zur ambulanten Behandlung in meine ostpreußische Heimat zu entlassen. Am 18. Oktober 1944 bestieg ich den Zug in Richtung Berlin und traf am Vormittag des nächsten Tages auf Umwegen in Gumbinnen ein. Eine Weiterfahrt nach Eydtkau war wegen der Frontnähe nicht möglich. Der Buchhändler in der Königstraße fegte gerade die Glassplitter des nächtlichen russischen Bombenangriffs zusammen und machte einen pessimistischen Eindruck. Ich humpelte die alte Reichsstraße 132 in Richtung Goldap sieben Kilometer weit bis Husarenberg. Als ich die Haustür unseres Gutshauses öffnete, erblickte ich meine Eltern an der Treppe, und sie waren überhaupt nicht erstaunt, daß ich plötzlich vor ihnen stand. Als wenn sie es geahnt hätten, schwenkte mein Vater das gefüllte Sektglas und sagte: "Mein Sohn, gut, daß du kommst, denn es wird der letzte Schluck in Perkallen sein. In wenigen Stunden sind die Russen da!"

Er sollte recht behalten. Als Kommandeur eines Landesschützenbataillons in Goldap hatte er kurzfristig Urlaub zur Regelung des Trecks erhalten und mußte sogleich wieder fort. Er legte mir nur noch schnell die Sorge um meine Mutter und den Treck ans Herz. Am Abend nahm der Geschützdonner in Richtung Großwaltersdorf zu. Das Hausmädchen meldete Treckfahrzeuge und deutsches Militär zur Übernachtung. Pausenlos war nun das Hauspersonal, voran unsere liebe alte Wirtschafterin, damit beschäftigt, Kaffee und Tee zu kochen und Brote zu schmieren.

Draußen standen schon die gepackten Treckfahrzeuge in der Parkallee, da ja jederzeit mit der Räumung gerechnet werden mußte. Noch in den frühen Morgenstunden des 20. Oktober hatte der Ortsgruppenleiter meiner Mutter schwere Vorwürfe gemacht und mit Erhängen meines Vaters gedroht. Die Kuhherde mit hundert Schwarzbunten war schon am Vortag mit unserem sehr tüchtigen Schweizer davongezogen. Wohin, wußte niemand, und wir sollten auch nie mehr etwas von ihm hören.

Über Nacht hatte es pausenlos geregnet. In den Morgenstunden herrschte dichter Nebel. Als sich die Nebelschwaden aufzulösen begannen, überstürzten sich die Ereignisse. Russische Schlachtflieger vom Typ IL 2 warfen Bomben und schossen mit Bordwaffen auf unsere Gehöfte. Eine Stute wurde direkt vor den Füßen meiner Mutter tödlich getroffen. Das war dann allerdings das Zeichen zum Aufbruch. Genau vor 30 Jahren, nämlich am 20. Oktober 1914, mußte mein Onkel Konrad Reisch als damaliger Besitzer von Perkallen (Husarenberg) vor dem Einfall der Russen fliehen. Damals war das Dorf unbehelligt geblieben. Diesmal sah es anders aus. Eine ganze Wagenkolonne aus zehn langen Leiterwagen, zwei gummibereiften Wagen und einem Coupé mit 133 Personen – unsere Arbeiterfamilien, französische und belgische Kriegsgefangene, Hauspersonal –, gezogen von etwa fünfzig Pferden, setzte sich bangen Herzens eine völlig ungewisse Zukunft vor Augen, in Bewegung. Die Rote Armee stand allen Dorfbewohnern als Schreckgespenst im Nacken. An Abschiedstränen dachte kaum einer. Nur mein jüngster Bruder Winfried, damals noch Schüler, zeigte seinen Schmerz und vergaß dadurch alles.

Ich sollte noch Kriegsgefangene für den Abtransport unserer etwa 300 Pferde aus Gumbinnen beschaffen. In einem Militärfahrzeug der Panzergrenadiere gelangten wir nach Gumbinnen und wurden weitergeleitet nach Trakehnen. Doch russische Panzer fuhren gerade von der entgegengesetzten Seite in die Ortschaft ein. Wie durch ein Wunder gelangten wir nicht in ihre Hand. Mein Kraftfahrer hatte sehr schnell reagiert, denn sekundenlang standen wir uns unerkannt gegenüber. Schon drehte er um und verschwand hinter der nächsten Mauer.

Strahlendblauer Himmel leitete den Herbst über dem fast ebenen Gelände ein, wo früher die weltbekannten Flachrennen und Jagdreiten des Staatsgestüts Trakehnen stattfanden. Die verschiedenen Dörfer standen in Flammen, und senkrechte Rauchschwaden züngelten wie Kartoffelfeuer hoch. Wir fuhren also schnell zurück. Zu Hause angelangt, setzte mich mein Fahrer ab und fuhr gleich weiter, um seine Einheit zu suchen. Ich war allein, es herrschte Totenstille. Die Ruhe vor dem Sturm.

Ich eilte ins Haus, die Treppen hoch, riß die Schubladen auf und entnahm aus dem Gewehrschrank Waffen und Munition. Im Musikzimmer stand noch am Flügel gelehnt das Cello meiner Mutter, was ich dann auch in den Opel im Park tat, den ich wohlweislich dort geparkt und dessen Schlüssel ich mitgenommen hatte. Denn schon war ein deutscher Landser dran und versuchte das Fahrzeug zu öffnen, erschrak dann aber, als unerwartet neben ihm der Besitzer stand.

Bis heute weiß ich nicht, wie ich zufällig in die richtige Richtung Gertenau-Plicken unserem Treck nachfuhr. Gerade bog ich auf die Reichsstraße 132, als ich einen Trupp Hitlerjungen mit Panzerfäusten, angeführt von einem SA-Mann hinter unserem Remontestall verschwinden sah. Ich dachte noch: Welche Freveltat, Kinder in den Krieg zu schicken. Im wahrsten Sinne des Wortes dampfte ich ab, denn der Treibstoff war wohl für Traktoren bestimmt, jedenfalls kochte nach kurzer Zeit der Benzinmotor, und ich mußte stehend fahren, da die Frontscheibe ständig beschlug. Eine Kuh lief mir brüllend in die linke Wagentür, was aber glimpflich abging. Endlich hinter dem Gutshof Plicken hatte ich den Treck gefunden, an der Spitze meine Mutter auf dem Jagdwagen, hoch oben auf dem Bock, neben ihr die Tochter unseres Marienthaler Kämmerers. Unerschrocken und vorbildlich lenkte sie das Gespann durch dick und dünn. Selbst sowjetischen Jagdflugzeugen wich sie geschickt aus und verstand es, die Kolonne zusammenzuhalten.

In den späten Abendstunden kamen wir in Nemmersdorf an, wo sich unsere Leute schon ganz ermüdet vor der Angerapp-Brücke in einer Scheune zur Ruhe legen wollten. Da schoß es mir durch den Kopf: Übernachte niemals mit dem Fluß im Rücken – so hieß der Leitsatz unseres Taktiklehrers. Es war sehr schwer, alle wieder zur Weiterfahrt anzutreiben. Freudige Gesichter sah ich natürlich nicht, erntete dann später aber großen Dank. Denn das sollte unsere Rettung sein. So entgingen wir dem berüchtigten Massaker von Nemmersdorf, von dem wir später erfahren sollten. Mein Vater hatte nämlich den Durchbruch der sowjetischen Panzer bei Großwaltersdorf beobachtet und suchte nun den Treck. In den frühen Morgenstunden des 21. Oktober erkannte er in dichtem Nebel das Wiehern unserer Stute Tilly und fand uns in einer Scheune einige Kilometer weiter. Er berichtete, daß eine sowjetische Panzerspitze bis nach Nemmersdorf vorgedrungen wäre und ein furchtbares Blutbad angerichtet hätte. Durch einen deutschen Gegenstoß wäre die Front wieder bereinigt und die Sowjets hinter den Romintefluß zurückgedrängt. Husarenberg mußte also auch wieder frei sein.

Unverzüglich machten wir uns gegen 11 Uhr mit seinem Militärfahrzeug auf den Weg. Die Angerapp-Brücke war zersprengt, und zwischen den Brückenteilen schwebte ein sowjetischer T 34-Panzer. Auf den umliegenden Feldern lagen reihenweise Tote, Kinder wie Greise, Mädchen und Frauen geschändet und verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Darunter waren auch zahlreiche Treckflüchtlinge und sogar französische Kriegsgefangene. Man berichtete uns von gekreuzigten Frauen an Scheunentoren und einem niedergewalzten Treck. Beides haben wir aber nicht gesehen. Auf unserem Gelände entlang der Reichsstraße 132 lag überall sowjetisches Kriegsgerät: Lastwagen, abgeschoßene Panzer und Kanonen. Die Gefallenen waren noch nicht fortgeschafft. An einer Panzerabwehrkanone kauerte der Richtschütze mit zerfetztem Gesicht. Trotz des zuvor gesehenen Greuels empfand besonders mein Vater Mitleid für die Mutter jenes Soldaten fernab der Heimat.

Unser Haus war unversehrt, nurmehr vom Stab einer Panzereinheit besetzt. Die Tasten des Klaviers hatte man herausgerissen, und in allen Räumen roch es nach Chloroform, wohl von den Verbänden Verwundeter. Von den Tieren war nur noch eine Schar Gänse zu sehen. Mein Vater holte aus stehengebliebenen Güterwaggons auf unserem Bahnhof verpackte Ehrenpreise für unsere Pferdezucht, von denen heute noch ein Bernsteinkasten im berühmten Verdener Pferdemuseum zu sehen ist.

Durch feindlichen Beschuß wurden wir nun doch zum Rückmarsch gezwungen. In Marienthal feuerte unsere Artillerie eine Salve nach der anderen auf sowjetische Bereitstellungen in Großwaltersdorf. Unter Begleitung der berüchtigten Stalinorgel verschwanden wir in den Kallner Bergen.

Aber mir ließ bis auf den heutigen Tag diese Bestialität keine Ruhe. Ich konnte mir nicht denken, daß Menschen zu solchen Taten fähig wären. Erst später erfuhr ich auch von einem beherzten russischen Kommandanten eines Panzerspähwagens, der die Frau des Ortsgendarmes von Nemmersdorf mit ihren beiden Töchtern mitnahm und sie an einer
 gefahrlosen Stelle absetzte.

Unbegreiflich, was diese Bestialität ausgelöst haben mochte. Es mußte ein schreckliches Ereignis vorangegangen sein. Vielleicht die unvermutete Sprengung der Angerapp-Brücke mitten bei der Panzerüberquerung. Wer weiß es? Denn keiner entkam lebend diesem Inferno. Schuld daran trugen aber sicher auch die Propagandastellen hier und dort. Die schreckliche Wirkung der Artikel Ilja Ehrenburgs mit ihrer Aufforderung zu Plünderung, Mord und Totschlag an Deutschen hat insbesondere der kürzlich verstorbene russische Schriftsteller Lew Kopelew in seinem Buch "Aufbewahren für alle Zeit" beschrieben, der sich gegen Gewaltakte an Deutschen gewandt hatte, was er jahrelang in Strafgefangenenlagern zu büßen hatte. Zweifellos zog auch Goebbels’ Propagandaministerium alle Register. Heute wird schonungslos mit der Vergangenheit abgerechnet. Das ist sicherlich gut, solange es bei der Wahrheit bleibt. Aber wo ist die Wahrheit nach über einem halben Jahrhundert?

Nach fünfzig Jahren die Schreckenstat von Nemmersdorf zu leugnen oder anzuzweifeln und gar uns Deutschen anzulasten, erscheint einfach grotesk. Ähnlich wie der "Fackelmänner-Befehl" Stalins vom 17. November 1941 mutet der neuerliche Versuch eines Kaliningrader Kollektivs von 1989 an, wonach das gesamte Massaker von Nemmersdorf auf deutsche Soldaten, verkleidet in sowjetische Uniformen, geschoben wird (B. Fisch, Nemmersdorf – Oktober 1944, Edition Ost 1997; JF berichtete).

Anfang Januar 1945 hatte ich Gelegenheit, unseren Gutshof wiederzusehen. Alles war zertrümmert. Vor unserem Wohnhaus war ein Friedhof mit fünf Kreuzen dort Gefallener errichtet worden. Erst in den neunziger Jahren war es durch die Politik Gorbatschows wieder möglich, das nördliche Ostpreußen aufzusuchen. Von allen Gebäuden war kaum mehr ein Mauerstein übriggeblieben. Nur das barocke Tor mit dem Storchennest stand als Ruine und Mahnmal an Krieg und Verderbnis.


Ostpreußen vom Ausland her gesehen

Frithjof Hallman

http://www.hohewarte.de/MuM/Jahr2000/Ostpreussen0005.html

Zu den großen Ausnahmen und Seltenheiten der Geschichte dürfte zählen, daß ein altes europäisches Kulturland wie das deutsche Ostpreußen so von der gesamten Weltöffentlichkeit vernachlässigt worden ist. Daher ist es sowohl erstaunlich wie auch begrüßenswert, daß es doch ganz vereinzelte Stimmen gibt, die sich mit diesem betrüblichen Thema zu befassen wagen. Zwei hier unten wiedergegebene ausländische Stimmen, eine amerikanische und eine schwedische, bilden hierbei eine seltene Ausnahme.

Als 1991 das sowjetische Oblast Kaliningrad (d. h. der Bereich der früheren deutschen Provinz Ostpreußen) endlich seine Grenzen öffnete, berichtete im März 1997 ein Korrespondent der größten Zeitschrift der Welt, »National Geographic Magazine« in Washington, »waren unter den ersten Omnibuslasten von Besuchern, Nostalgietouristen‘ aus Deutschland, alte Königsberger, welche die Landschaften ihrer Kindheit besuchten. Unter der neuen Ordnung waren sie und ihre deutschen D-Markscheine beide dort willkommen.«

Es war seltsam, daß so ein großes über die ganze Welt verbreitetes Journal einen so ausführlichen Bildbericht über jenen im Vergleich zu den gigantischen Ausmaßen des Sowjetreiches kleine Gebiet brachte und betonte, daß immer noch »Gerüchte über eine Germanisierung« weiterlebten, obwohl das Gebiet heute nur noch »etwa 5.000 ethnische, nach einigen Schätzungen so viel wie 20.000 Deutsche zählt«, von denen jedoch viele Nachkommen der Wolgadeutschen seien. »Die Russen und anderen, die nach dem Zweiten Weltkriege zu einem neuen Leben herkamen«, betont das Journal, »zogen in einen Kern einer Nation, in deren Heime und Höfe, in die Möbel, zu den Töpfen und Bratpfannen anderer Menschen aus ihren eigenen verbrannten Dörfern, aus dem Gulag, aus Erdlöchern ein, und hatten nichts dagegen einzuwenden, die Deutschen zu ersetzen, während viele erstaunt waren über die Wassertoiletten und zweistöckigen Bauernhäuser, und ihre Schafe und ihr Vieh in das erste Stockwerk steckten. Wenn dann ein Ort unbewohnbar wurde, zogen sie in einen anderen und Hunderte von Dörfern wurden übergeben, während das Land verfiel.

Aber die Siedler«, wird dann abschließend betont, »überlebten, pflückten Beeren, lernten Kartoffel in der verbrannten Erde zu pflanzen und zogen neue Generationen auf.« Von den über 200 deutsch - russischen Familien, die so aus Kasachstan und Kirgistan z. B. in die Umgebung von Chermyakhowsk, das früheren Insterburg, kamen, wußten, wie es hier noch heißt, »viele nicht, daß dies ursprünglich deutsches Land gewesen war.«

Wie im Falle des Verfassers des obengenannten Reiseberichtes über Kaliningrad (das alte Königsberg, das seit 1946 von Stalin nach einem seiner Mitarbeiter, Michael Kalinin, getauft wurde, der gnadenlos seine eigene Ehefrau in einem sowjetischen Zwangsarbeitslager umkommen ließ) liegt in diesem Zusammenhang ein weiterer ausführlicherer Bericht eines schwedischen Besuchers im alten Ostpreußen vor, Per Landins »Das Schloß, daß verschwand« (Bruno Östlings Verlag Symposion, Stockholm, 1999), das es aufgrund seines reichen Inhalts verdient hätte, auch einer deutschsprachigen Leserschaft vorgestellt zu werden.

Landin, Mitarbeiter der »Dagens Nyheter«, der größten Tageszeitung Schwedens, schrieb seine Darstellung aufgrund eigener Reisen durch die verschiedenen Teile jenes Gebietes und hat, nach einer eingehenden Lektüre der einschlägigen Werke seit dem Kriegsende (u. a. von Otto Laschs, Wölli Scharloffs und Fritz Gauses Schriften) versucht, ein so objektives Bild wie möglich über jenes Gebiet zu bieten. Da der Verfasser durch akademische Studien der deutschen Sprache mächtig ist, und sich offenbar ebenfalls im Russischen verständlich machen konnte, war es ihm möglich, sich ein eingehendes Bild von den Verhältnisse zu bilden, das wir unseren Lesern hier nicht vorenthalten möchten. Einige Zitate mögen dazu beitragen, seine Schilderung so authentisch wie möglich in aller Kürze wiederzugeben.

Um sich an Ort und Stelle, nach der damaligen Vernichtung Königsbergs, überhaupt orientieren zu können, bediente Landin sich eines alten deutschen Reiseführers von 1927. Hier war u. a. von einem mächtigen Schloß aus dem Mittelalter die Rede, von zahlreichen inzwischen verschwundenen Brücken über die Pregel und von »Linden, die ihre Zweige in das spiegelblanke Wasser tauchten«, wobei es jedoch heute »wirkt, als wäre es hoffnungslos, mit Hilfe der Phantasie oder mathematischer Gesetze den Versuch zu machen, sich zu denken, wie der mittelalterliche Stadtkern einst ausgesehen hat«. Ein paar weitere Zitate mögen die Eindrücke des heutigen Besuchers näher darstellen.

»Je mehr ich versuchte, an die alten Patrizierhäuser in der Kniephöfchen Langgasse und die Emailleschilder der alten Handelshäuser zu denken, desto größer wurde der Abstand zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.« Für ihn war die ziegelrote Ruine des siebenhundertjährigen Domes, mit Wildweiden überwachsen, das einzige von dem mittelalterlichen Idyll, das jetzt noch dastand, »eine Reliquie des einst bewohnten Königsbergs«. Ja, diese zerschundene Domkirche, hinter der sich das Grab eines der mächtigsten Denker des Abendlandes, Immanuel Kant, befand, erinnerte Landin geradezu an einen »Meteoriten eines anderen Planeten«, so öde kam ihm jetzt alles hier vor.

Bei einigem guten Willen hätten jedoch die neuen sowjetischen Machthaber, meint Landin, »etliche Gebäude, bei kleinem Unterhalt, hier stehen lassen können, aber, die effektivste Weise, Menschen sich anpassen zu lassen, besteht ja darin, ihr Zeitgefühl zu untergraben. Man wollte zeigen, daß die Vergangenheit abgeschafft worden war«, da, nach der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung Königsberg nie existiert habe und die Geschichte jener Stadt und des umliegenden Ostpreußen erst mit 1945 begonnen habe. Daher habe es auch gegolten, die Viertelmillion Deutsche loszuwerden, die übriggeblieben war, wonach man »Hunderttausende von Russen zwangsweise aus den volksleeren Teilen Rußlands - Tataren von der Wolga und Fischer vom Kaspischen Meer, um die Barlast der Geschichte loszuwerden, hierher verpflanzte«. Per Landin erinnert hier aber auch daran, daß es in bezug auf die Ausrottung ostpreußischer Ortschaften und Gutshäuser bei einigem guten Willen anders hätte sein können, wie wir dies von der »Bewahrung alter Stadtkerne« und der Restaurierung alter deutscher Gebäude in anderen Teilen von Preußens und Schlesiens unter polnischer Oberhoheit her kennen.

Nun zogen regelmäßig ganze Schwärme von deutschen Touristen mit alten Karten ausgerüstet umher und suchten vergebens nach Spuren des alten Kniephofs, des Tivoli, des Bauerschen Gartens und des Börsengartens, die alle von britischen Bomben und sowjetischen Geschützensalven und Baggern ausradiert worden waren. Diese deutschen Nostalgietouristen, sagt der Verfasser, »erinnerten sich an Sonntagsausflüge am Oberteich, nach Cranz und Rauschen, an Menschen die erschossen wurden, Kinder, die hungerten, Frauen, die vergewaltigt wurden, und die Konfirmationskirche, die zu einem Weizenmagazin oder Puppentheater verwendet wurden«. Daß der Verfasser bei seiner Lektüre von Hans Graf von Lehndorffs ergreifendem »Ostpreußischen Tagebuche - Aufzeichnungen eines Arztes 1945-1947« einen tiefen Einblick in die unbeschreibliche Not der Ostpreußen gewonnen hatte, läßt sich schon aus den genannten Zeilen ersehen, da es ja in Lehndorffs, hier als Augenzeugen jenes geradezu apokalyptischen und an Dantes Inferno erinnernden Zeilen, »wie ein Schreien, das unaufhörlich zum Himmel aufsteigt«, widerhallte. Hier hatte Lehndorff, als Arzt, immer wieder von Dystrophitern, Verhungerten, gesprochen, die überall in Massengräbern verscharrt wurden. »Menschen, die oft gerade noch lebten, Skelette mit maskenhaften Gesichtern«, wie der Graf dies, mit Königsberg als Beispiel, darstellte und die Frage aufwarf: »Wie viele von euch werden nun unter denen sein, die täglich hinausgekarrt werden durch dies finstere Hintertor, die paar Schritte bis zur Ruine der Altrossgärter Kirche, wo seit Juni nun schon fünftausend Insassen dieses Hauses in Massengräbern beerdigt worden sind« und dieser davon berichtet, daß »seit einiger Zelt hier und da Menschenfleisch gegessen wird«, während Ärzte »zur Begutachtung von Fleischstücken herangeholt wurden.«

Der schwedische Ostpreußenreisende Per Landin stelle in der genannten Schrift nicht nur seinen Aufenthalt in Königsberg, sondern ebenfalls eine Reihe von anderen Eindrücken seiner Besuche dar, von Nidden, wo es wirkte, »als wenn hier alles 50 Jahre stillgestanden hatte und in elementarer Jungfräulichkeit, unberührt von zwei Weltkriegen, mit tausendjährigen Geheimnissen unter dem Sande, geruht hätte«. »Diese Landschaft«, heißt es hier ferner, »zählt, einst die Sahara Europas genannt, zu dem Bemerkenswertesten in unserem Teile der Welt«, während einst ein Wilhelm von Humboldt seinerseits von ihr fasziniert gewesen sei. Bei Rauschen, wo Thomas Mann mit der Familie 1929 weilte, ist aber heute, wie Landin unterstreicht, »das Kurische Haff, in das der alte deutsche Fluß Memel mündet, braun und nach einem russischen Raubbau von 50 Jahren verschmutzt.«

Eine weitere Station von Landins Reisen in diesem Gebiete war Pillau (das heutige Baltisk), über das etwa eine Million Deutsche 1945 flohen - »die größte Evakuierung der Geschichte, aus Ostspreußsen, eine deutsche Tragödie«, wonach ein Besuch des Memellandes, von Nemmerdorf, der Masuren und Danzig (Gdansk) folgten.

»Ich wollte die Reste der alten deutschen Stadt Memel studieren«, sagt Landin, »die anfangs Ostpreußens ältesten Stadt, ein Kulturstreifen mit einer farbreichen baltischen Geschichte, war«. Hier in Memel besuchte er einen alten deutschen Friedhof, »zerstört von Haß und Plünderungen«, wobei »die deutschen Namen weggeschliffen und durch kyrillische ersetzt worden waren und an vielen Stellen die neuen Bewohner ihre Toten oberhalb der alten Gräber bestattet hatten und einige Steine zerschlagen waren«, dem er die Frage hinzufügt: »Wie kann man so etwas tun? Ich könnte vor Wut ersticken über eine Respektlosigkeit, diese unmenschliche Rachegier, diesen Versuch buchstäblich die Erinnerung der Toten der verlierenden Macht auszuradieren.«

In Verbindung mit dem Besuch von Gotenhafen (Gdynia) weist Landin dann auf eine weitere sowjetische Missetat höchsten Ranges hin, welche weitgehend, wie alles was Ostpreußen anbelangt, in Schweden verschwiegen wurde, »die größte Seekatastrophe der Geschichte«, die Versenkung der 26.000 tonnigen »Wilhelm Gustloff«, gefolgt vom Untergang der »Steuben« und der »Goya«, mit 6.836 Menschen, die mit Flüchtlingen und Verwundeten Soldaten in der Tiefe der Ostsee versanken. Danzig selbst aufsuchend betont der Verfasser dann, daß dies einst »die größte Stadt Nordeuropas« unter der Hanse war, die 1919 mit der deutschsprechenden Bevölkerung unter die Kontrolle des Völkerbundes kam, während Ostpreußen vom Reich durch einen polnischen Korridor abgeschnitten wurde, eine Freveltat für die der greise britische Regierungschef David Lloyd George in seinen Erinnerungen die Weltgeschichte für seine Unterschrift unter das Versailler Diktat um Entschuldigung bat, da seines Erachtens von diesem Gebiet aus ein neuer blutiger Weltkrieg ausgehen würde, was ja dann auch der Fall wurde.

Von Nemmersdorf (Majakowskoje) sprechend, betont Landin dann, auf seinem Wege in die Masuren dort halt machend, daß von denen, die hier einst gelebt, niemand überlebte und das Gebiet 1947 »so gut wie menschenleer war«. »Und hier waren«, heißt es dann, »Frauen auf den Scheunentoren des ,Roten Kruges‘ festgenagelt, nackt und gekreuzigt«, in den Häusern die Menschen bestialisch ermordet, mit Säuglingen mit zerschmetterten Schädeln, wobei alle Mädchen zwischen 8 und 12 Jahren vergewaltigt worden waren, welches an die persönlichen Erlebnisbilder eines der Okkupanten, von Alexander Solschenizyn, in »Ostpreußische Nächte« gemahnt, heute weitgehend in Ost wie West totgeschwiegen.

Erstaunlicherweise weist jedoch Landin hierbei auf Ilja Ehrenburg hin, dessen in Millionen gedruckten Flugblätter die Soldaten der Roten Armee aufgerufen hatten, alle Deutschen zu ermorden, da, wie Landin sagt, nach Ansicht Ehrenburgs »die Deutschen keine Menschen waren«, wobei Ehrenburg betonte: »Nicht reden, sondern töten« und es seiner Ansicht nach »nichts Spassigeres« als »Deutsche Leichen« gab und Ehrenburg hier an die Missetaten eines Bela Khun in Ungarn und von Kurt Eisner in Bayern erinnern kann.

Daß die offiziöse »Sowjetenzykolpädie«, die Landin unter den russischen Dokumenten in bezug auf Ostpreußen herausgreift, kein Wort von dem Massaker und den Missetaten der Roten Armee in Nemmersdorf das »in einem Malstrom der Angstschreie unterging«, verlautbaren ließ, läßt sich verstehen. Aber auch »neutrale schwedische Beobachter, die nach Nemmersdorf kamen«, schwiegen damals, als die Regierung in unserem Lande genug damit zu tun hatte, alles deutsche Leben auf schwedischem Boden wegzufegen und mit amerikanischem Leben zu ersetzten, aber alle gingen nicht so weit wie der Korrespondent der »Dagens Nyheter« (der größten Tageszeitung Schwedens) der nicht wußte, ob er sich über die Qual des Anblicks der an Hunger sterbenden deutschen Kinder freuen oder beklagen sollte.

»Die Politik folgte in den Spuren der Schwerter und des Geldes« und: »Bei der Wiedereroberung von Nemmersorf im Oktober 1944 fanden sie die Leichen vieler deutscher Kinder, brutal von russischen Soldaten ermordet«, wie es ein abgedrucktes Bild in Landins Buch bezeugt. Daß das u. a. in Nemmersdorf Geschehene jedoch »eine Folge von Hitlers brutaler Okkupationspolitik war«, betont der Verfasser dann, könne man verstehen, aber beinahe drei Millionen (ebenso viele wie die gesamte Bevölkerung Skandinaviens) Deutsche, die vertrieben wurden, mußten mit Ihrem Leben zahlen.

Bevor der schwedische Verfasser Per Landin seine Reise nach Schlesien fortsetzte und nach Breslau (Wroclaw) kam, »eine Stadt, bei der man die Erinnerung amputiert hat«, wie es in Bezug auf Ostpreußen der Fall ist, besuchte er abschließend noch zwei masurische Denkmäler. Hohenstein (Obsztyneck), wo 1934 das »Reichsehrenmal Tannenberg« als Grab des greisen Feldherrn Paul von Hindenburg lag und dessen mächtige Steinwälle dann zum Wiederaufbau Warschaus verwendet wurden, sowie Rastenburg (Ketszyn), Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen, die »Wolfschanze«, von wo aus er über drei Jahre lang den Feldzug im Osten führte und wohin heute jährlich eine Viertelmillion Touristen kommen.

Neben Thomas Mann, dem wiederholt nach Nidden zur Erholung reisenden Verfasser, erwähnt Landin hier ebenfalls Agnes Miegel, deren Gedichte heute in der Königsberger Domruine auf Russisch zitiert werden und die, wie der Verfasser betont, »mehrere Jahre lang eine Chronik in der ,Ostpreußischen Zeitung‘ schrieb und 1927 von der ,New York Times‘, einem der größten Blätter der Welt, als die größte deutsche Dichterin unserer Zeit genannt wurde und die von Seiten der vertriebenen Ostpreußen bereits nach dem Kriegsschluß den Rang als die unsterbliche Mutter Ostpreußens erhalten hatte«, deren Haus in der Königsberger Hornstraße eine Gedächtnistafel aufweist, besuchte Landin schließlich noch die Schloßruine von Lubowitz, heute eine Ruine, des Dichters Joseph von Eichendorff, der wie Agnes Miegel bei den Russen, heute bei den Polen beliebt sei.

Von den deutschen Heimatvertriebenen in ihrer Gesamtheit sprechend, unterstreicht Per Landin dann: »Es ist heute nicht leicht zu verstehen, warum das Wort ,Vertriebene‘ nach Willy Brandts Kniefall nicht mehr in westdeutschen (und natürlich noch weniger in ostdeutschen) Schulbüchern vorkommen sollte. Von politischer Seite her hielt man dies aus nationalistischen Gründen für ungeeignet: dies führte jedoch mit sich, daß man in der Bundesrepublik einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte der Gegenwart verdrängte und verbarg. Anstatt den Schulkindern zu erzählen, daß vierzehn Millionen Deutsche - ein jeder fünfte Deutsche - am Kriegsende und danach - mit Gewalt in einer der umfassendsten völkischen ,Reinigungsaktionen‘ der Geschichte vertrieben worden war, versuchte man der Schuljugend zu erzählen, daß es sich um eine Umsiedelung, eine freiwillige Umplazierung eines Volkes handelte.«

Seinen in vielem zu begrüßenden Reisebericht, der eine deutsche Fassung durchaus verdient hätte, abschließend zitiert Per Landin ein Wort Albert Schweitzers, der 1954 den Nobelpreis des Friedens erhielt, über die völkische Reinigung Ostpreußens: »Man vergeht sich auf das Gröbste gegen historisch gegebene Gerechtigkeit und jegliches menschliche Recht, wenn man einem Volk das Recht zu dem Land raubt, das es bewohnt. Daß die Siegernächte nach dem Zweiten Weltkriege sich entschlossen, Hunderttausende Menschen mit diesem Schicksal zu treffen, zeigt, wie wenig sie ihrer Aufgabe bewußt waren, das Leben auf eine günstige und einigermaßen gerechte Weise zu ordnen.«


 

Flucht und Vertreibung 1945

http://home.germany.net/101-191686/geschichte/flucht.htm

Das wohl düsterste Kapitel Ostpreußens ist das Kapitel über Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung in der Zeit zwischen 1945 bis 1948.Unter dramatischen Umständen flohen kurz vor Kriegsende Millionen Menschen nach Westen um der Russischen Armee zu entkommen. Die von der politischen Führung verbotene Flucht wurde zwar in den Familien teilweise vorbereitet, jedoch glaubten viele noch an einen Endsieg und somit nicht an die Tatsache, daß wenige Tage später der Russe in der Tür stehen würde, mit Sätzen wie "Frau komm ...!" das Land erschüttern würde. Man kann verallgemeinernd sagen, die Flucht traf unvorbereitet ein. Das Fluchtverbot war, wenn auch nicht offiziell, wohl damit begründet, daß die Wehrmacht, so meinte man zumindest, eine höhere Bereitschaft aufbringen würde, wenn sie wüßte daß es um Frauen, Kinder und Haus und Hof ginge. Man glaubte, für einen leeren Landstrich, würde sich kein Soldat so aufopfernd einsetzen. Außerdem wollte man das miitlere Deutschland nicht mit Flüchtlingen, die einen Eindruck des Zusammenbruchs mitbringen würden, überschwemmen. Diese Taktik erwies sich leider als einer der schwersten Fehler in der Geschichte Ostpreußens.

Als die russische Armee die deutsche Reichsgrenze überschritt, begann ein Unglück dessen Ausmaß sich kein Mensch vorzustellen vermag. Die Vergewaltigung von Frauen jeden Alters, vom Kind bis zur Greisin, stand auf der Tagesordnung. Viele Frauen wurden mehrmals vergewaltigt, manche bis zu 50 mal und mehr. Viele starben an den Folgen dieser schweren Mißhandlung. Die diese Tortur überlebten hatten anschließend Geschlechtskrankheiten. Schätzungen zu Folge geht man von ca. 3 000 000 vergewaltigten Frauen aus.

Die Trecks die nach Westen zogen wurden gnadenlos von russischen Tieffliegern beschossen und nachfolgenden Panzerverbänden sowie Infanterie überrollt und geplündert. Oftmals wurden Menschen als angebliche Kriegsverbrecher erschossen, die männliche Bevölkerung über 14 Jahre nach Sibirien verschleppt.

Einige Trecks versuchten über das Eis des Kurischen und Frischen Haffs nach Westen zu gelangen. Das Eis brach jedoch oftmals unter der schweren Last der Gespanne ein und Pferd und Wagen samt Besatzung fanden den Tod.

Aus der Danziger Bucht fuhren vereinzelt noch Flüchtlingsschiffe nach Westen. Auch diese wurden von Flugzeugen der roten Armee beschossen und zum Teil bewegungsunfähig gemacht. Hierbei ist anzumerken, daß es sich bei diesen Schiffen offensichtlich um Flüchtlingsschiffe handelte die keinerlei Kriegsgerät an Bord hatten. Somit ist also ein Angriff auf diese Schiffe als Kriegsverbrechen zu werten.

Als besonders schlimm in der christlichen Seefahrt erwies sich das Gustloffunglück. Der einstige KDF-Dampfer "Wilhelm Gustloff" legte in der Nacht vom 30.1.45 in Gotenhafen mit über 6500 Menschen an Bord, völlig überfüllt ab, trat seine Reise nach Westen an. Drei russische Torpedos eines U-Boots trafen die Gustloff vor der Ostseeküste, Höhe Stolpmünde. Die Gustloff sank bei eisigen Temperaturen von 18 Grad unter Null, riß über 5000 Menschen, darunter 3000 Kinder in den Tod. Nur 1552 Menschen überlebten.

Neben dem ungeheurem Opfer, das die Flüchtenden mit ihrem Leib oder ihrem Leben bringen mußten gingen auf der Flucht und durch die Vertreibung Sachwerte von unschätzbarem Wert verloren. Zurückgelassenes fiel den Russen in die Hände, wurde oftmals bis auf den letzten Rest zerstört. Zahlreiche ostpreußische Städte, die Kriegshandlungen unversehrt oder wenig Zerstörung überlebt hatten, wurden anschließend Opfer sinnloser Zerstörung. Man brannte teilweise ganze Städte, wie zum Beispiel Danzig, nieder.

Eigentum war auf Grund mangelnden Möglichkeiten und knapper Zeit, oftmals blieben nur Minuten um Wohnung, Haus oder Hof zu verlassen, nicht mit auf die Flucht genommen,  sondern blieb zurück. In den Wohnungen, Häusern und Gutshöfen verleibten sich russische Soldaten aber auch Offiziere ein. Was die nicht tragen konnten, zerstörten sie.

Ergebnis des Schreckens:

In den letzten Kriegsmonaten flüchteten mehr als 16 Millionen Menschen, allein in Ostpreußens über 9 Mio. Mehr als 7 Mio. aus auf Danzig, Memel- und Sudetenland, sowie andere Gegenden in denen Deutsche lebten.

Durch die Flucht starben durch Mißhandlungen, Hunger, Kälte und Erschöpfung oder Erschießen geschätzt 2, 5 Mio Deutsche ums Leben. 3 Mio. Frauen wurden vergewaltigt.

Vom Deutschen Reich wurden nach dem zweiten Weltkrieg mehr als 114.000 Quadratkilometer Land geraubt und in polnische, russische tschechische Verwaltung übergeben.

Webdesign ©13.06.1999 by Holger Janzen http://www.hjanzen.de last modified Saturday, June 03, 2000 19:31:21

Landraub
Rolf Josef Eibicht

http://www.konservativ.de/eibicht/eibicht11.htm

Sowjetischen Verbände waren aus ihren Brückenköpfen an der Weichsel am 12. Januar auch zum Vormarsch Richtung Oder angetreten. Sie hatten den Strom am 31. Januar bei Frankfurt und Küstrin erreicht. Dabei waren sie etwa 600 Kilometer vorgestoßen. Die bereits an der Weichsel schwer angeschlagenen deutschen Truppen konnten diesen Angriff nur wenig verzögern. Dementsprechend fielen in diesem Gebiet besonders viele Deutsche in sowjetische Hand. Somit war die Zahl der im Warthegau und im östlich der Oder gelegenen Teil der Mark Brandenburg ermordeten Deutschen besonders hoch. In Ostbrandenburg wurden 35 Prozent der Bevölkerung umgebracht. (...)
 

Die Leistungen der Deutschen Wehrmacht, einschließlich der Waffen-SS, zur Rettung deutscher Flüchtlinge und Heimatvertriebener

Am 19. Oktober 1944 erreichten sowjetische Verbände in Ostpreußen zum erstenmal deutsches Reichsgebiet. Am 21. Oktober eroberten sie mit einem Angriffskeil das südöstlich von Insterburg gelegene Nemmersdorf. 48 Stunden später führte ein Gegenangriff der deutschen 4. Armee unter General Friedrich Hoßbach zur Einkesselung und Vernichtung der eingedrungenen feindlichen Kräfte und zur Befreiung mehrerer Orte im Kreis Gumbinnen. Den deutschen Soldaten bot sich dabei in Nemmersdorf ein unvorstellbares Bild. Alle deutschen Zivilisten, die vor dem Angriff der Sowjets nicht mehr fliehen konnten, waren auf bestialische Weise ermordet worden, die Frauen vorher vergewaltigt oder lebend an Scheunentore genagelt, Kinder erstochen und erschlagen, Flüchtlingstrecks von Panzern überrollt.

Es zeigte sich auch bald, daß sich hier nicht die Mordgesinnung einzelner Truppenteile ausgetobt hatte, sondern daß hier grausame Verbrechen mit Wissen und Willen der sowjetischen politischen und militärischen Führung begangen worden waren. Bei den in den Kämpfen gefallenen sowjetischen Soldaten fand man blaßbläuliche Handzettel in der Größe etwa eines Briefumschlags, die einen Aufruf des kommunistischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg mit folgendem Text enthielten:

»Tötet, tötet! Es gibt nichts, das an den Deutschen unschuldig ist, die Lebenden nicht und die Ungeborenen nicht! Folgt der Weisung des Genossen Stalin und zerstampft für immer das faschistische Tier in seiner Höhle. Brecht mit Gewalt den Rassenhochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie als rechtmäßige Beute. Tötet, ihr tapferen, vorwärtsstürmenden Rotarmisten!«

Damit wurden die Truppen eines riesigen Landes dazu aufgefordert, sich bei der Besetzung Deutschlands als eine Bande von Mördern und Schwerverbrechern zu betätigen. Bald zeigte sich, dieser Aufruf war nur allzu gut verstanden worden. Schon seit Kriegsbeginn im Sommer 1941 verfaßt Ehrenburg ununterbrochen solche Texte. Ihre Gesamtzahl wird auf etwa 3.000 geschätzt, ihr ständig wiederkehrender Tenor lautete:

»Es gibt nichts Schöneres für uns als deutsche Leichen. Töte den Deutschen!« Diese Appelle wurden sowjetischen Truppen häufig vor Angriffen vorgelesen und zeigten ihre Wirkungen.

1945 erwartete Stalin, die deutsche Bevölkerung würde vor seinen Truppen entweder  fliehen oder im Sinne von Ehrenburgs Aufrufen »ausgemordet«, um einen Ausdruck von Ernst Jünger zu gebrauchen. Stalin wollte unsere deutschen Ostgebiete also planmäßig entvölkern, um sie durch Polen und Russen neu besiedeln zu lassen. Dazu kamen Verschleppungen, sogenannte Deportationen, in die Sowjetunion. Dort fanden ebenfalls Unzählige den Tod durch Hunger und Seuchen. Überlebende Deutsche wurden dann in die westlich von Oder und Neiße gelegenen Gebiete vertrieben, ein Verfahren, dessen Durchführung »in humaner Weise« auch von den USA, England und Frankreich gebilligt worden war. Im Sinne dieser Ziele ging man auch innerhalb der Roten Armee gegen diejenigen vor, die sich Morden und anderen Verbrechen an Deutschen entgegenstellen wollten. Beispielsweise wurde deshalb der Major Kopelew zur Zwangsarbeit verurteilt, Grund: »Mitleid mit dem Feinde«.

Nemmersdorf blieb somit kein Einzelfall. Die dort verübten Morde und Mißhandlungen wiederholten sich, wo Deutsche von sowjetischen Verbänden überrollt wurden. In den von der Roten Armee besetzten Gebieten waren  auch Polen, Tschechen und Jugoslawen an den Greueln Beteiligt. Zu den sofort Ermordeten kamen diejenigen Deutschen, deren Tod durch Unterernährung und Krankheit zielbewußt herbeigeführt wurde. Der Historiker Heinz Nawratil faßt als Ergebnis dieses Grauens zusammen: »Als Bilanz des Geschehens östlich und südöstlich von Oder, Neiße und Böhmerwald bleibt festzuhalten: Nach derzeitigem Erkenntnisstand liegen die Vertreibungsverluste (einschließlich der Deportationsverluste) der deutschen Zivilbevölkerung im Osten zwischen 2,8 und 3 Millionen Menschen.«

Weiter schreibt er: »Ungezählt blieben bis heute die Fälle von Vergewaltigung, schwerer Mißhandlung und andere Verbrechen, die bleibende körperliche oder psychische Schädigungen im Gefolge hatten.« Nicht nur die deutsche Zivilbevölkerung, auch die von den Sowjets, Polen, Tschechen und Jugoslawen gefangengenommenen deutschen Soldaten erwartete ein barbarisches Schicksal. Im Durchschnitt ist mehr als jeder dritte deutsche Soldat in sowjetischer Gefangenschaft umgekommen, schätzungsweise rund zwei Millionen. In Jugoslawien wurde sogar jeder zweite deutsche Kriegsgefangene planmäßig umgebracht, etwa 200.000. In Polen und in der Tschechoslowakei waren es etwa 22.000.

Spätestens seit Nemmersdorf wußte der deutsche Soldat aber auch, weshalb er im Osten auch dann noch kämpfte, wenn er den Krieg verloren gab.  Aus seiner Sicht mußte alles getan werden, um der deutschen Bevölkerung aus den vom sowjetischen Einmarsch bedrohten Gebieten zu ermöglichen zu flüchten, oder Brückenköpfe an der Ostsee zu verteidigen, um die dort von einer Landverbindung zum Westen abgeschnittenen Zivilisten soweit wie möglich über See zu entsetzen. Das konnte angesichts der sowjetischen Übermacht trotz aller Tapferkeit nur zum Teil gelingen. Der aufopfernde Kampf deutscher Truppen an der Ostfront bewahrte Unzählige vor einem Schicksal, das die Zurückgebliebenen nicht verschonte. möglichst viele deutsche Soldaten vor sowjetischer Gefangenschaft zu bewahren zaählte ebenfalls. Daß dies nur in geringem Umfang gelang, lag an den Westmächten, die viele deutsche Kriegsgefangene an die Sowjets auslieferten, somit ihren Tod oder jahrelange Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen verschuldeten.

Am 14. Januar 1945 begann der Großangriff der Roten Armee gegen Ostpreußen. Sie drang mit überlegenen Kräften aus ihren Stellungen am Narew nach Norden vor, besetzte den südlichen Provinzteil. Noch verhängnisvoller erwies sich ihr Vordringen entlang der Weichsel bis zur Ostsee. Am 23. Januar war Ostpreußen vom Reichsgebiet getrennt, die Masse seiner Bevölkerung von einem Landweg für die Flucht abgeschnitten. Ihre Rettung konnte nur noch über See erfolgen, soweit es den zahlenmäßig weit unterlegenen deutschen Truppen gelang, ein weiteres Vordringen der Sowjets aufzuhalten oder zu verzögern.

In Ostpreußens Hauptstadt Königsberg hatten sich Zehntausende von Flüchtlingen in der Hoffnung versammelt, von da aus mit dem Schiff über den Ostseehafen Pillau zu flüchten. Am 30. Januar unterbrach die Rote Armee jedoch die Landverbindung zwischen Königsberg und Pillau; die geplante Flucht konnte erst, als die Strecke am 19. Februar wieder freigekämpft worden war, wieder aufgenommen werden. Dabei boten sich den deutschen Truppen in dem westlich von Königsberg gelegenen Metgethen Bilder, die denen von Nemmersdorf in nichts nachstanden.

Südwestlich von Königsberg hielt die deutsche 4. Armee um Heiligenbeil bis Ende März einen Brückenkopf, in dem sich gleichfalls Zehntausende von Flüchtlingen drängten und lohnende Ziele für die sowjetische Artillerie und Luftwaffe abgaben. Sie konnten sich nur retten, wenn sie über das zugefrorene Frische Haff auf den schmalen Sandstreifen der Frischen Nehrung wanderten und von da über die Ostsee abtransportiert wurden. Ende Februar wurde das Eis jedoch schon brüchig, so daß das Festland zu verlassen immer schwieriger wurde.

Ein dritter Brückenkopf wurde im Raum Danzig gehalten. Er wurde Ende März gleichfalls stark zusammengedrängt. Nur ein kleines Gebiet um das östlich von Danzig gelegene Stutthof lieb bis zur Kapitulation im Mai in deutscher Hand. Auch hier hatten sich Flüchtlinge in großer Zahl auf engstem Raum versammelt. Sie erwarteten ihre Rettung durch die deutsche Kriegs- und Handelsmarine. Aber diese Rettung war nur möglich, wenn die Front gegen einen vielfach überlegenen Gegner von deutschen Verbänden gehalten wurde, die abgekämpft waren, keinen Ersatz mehr erhielten und ohne ausreichenden Nachschub an Waffen, Munition und Verpflegung blieben. Deutsche Soldaten leisteten  in diesen Kämpfen noch einmal Unvorstellbares.

Vom Festland führten sechs Eisstraßen, auf denen Eisspalten gekennzeichnet und dünne Eisflächen verstärkt worden waren, zur Frischen Nehrung. Auf der schmalen Nehrung selber  gab es nur einen Weg in Richtung Danzig oder Pillau, der die Masse der Flüchtlinge nicht aufnehmen konnte.

Die 4. Armee ließ deshalb durch ihre Pioniere eine Eisstraße parallel zur Nehrung, ungefähr 300 bis 400 Meter parallel zum Ufer, sichern, auf denen viele Flüchtlinge nach Pillau zogen. Der Nehrungsweg wurde durch den Einsatz von etwa 15.000 Baupionieren und Männern der Organisation Todt zu einem Knüppeldamm ausgebaut, auf denen 100 Lastkraftwagen der Armee gleichfalls zahlreiche Flüchtlinge nach Pillau brachten, von wo sie über See evakuiert wurden. Die 4. Armee hielt ihre Stellungen um Heiligenbeil, bis sie ihre Hauptaufgabe, die Rettung der dort zusammengedrängten Bevölkerung, erfüllt hatte. Zehn Wochen lang trotzte sie schon den Sowjets, als ihre Reste am 29. März ebenfalls auf die Nehrung übersetzten.

Im eingeschlossenen Raum Danzig sammelten sich gleichfalls unübersehbare Flüchtlingsströme an. Nördlich der Stadt in den Dünenwäldern an der Küste fanden Tausende Flüchtlinge durch russische Tiefflieger den Tod.

Auch der Ring um Gotenhafen zog sich immer enger zusammen. Die Lage der hier zusammengedrängten Flüchtlinge und der Verwundeten wurde immer katastrophaler. In den letzten Märztagen begannen die Räumung dieses Gebiets und die Entsetzung der Bevölkerung und Truppen auf die Halbinsel Hela. Am 28. März war die Aktion abgeschlossen, den Sowjets fiel nur eine leere Stadt in die Hände. Möglich war dies nur, weil das VII. Panzerkorps, darunter die 7. Panzerdivision des Brillantenträgers General Mauß sowie die 4. SS-Polizei-Panzer-Grenadier-Division, den Abzug unter Aufbietung aller Kräfte deckte. Von Danzig, Gotenhafen und Hela konnten insgesamt 1.347.000 Soldaten und Zivilisten über See abtransportiert werden.

Die sowjetischen Verbände waren aus ihren Brückenköpfen an der Weichsel am 12. Januar auch zum Vormarsch Richtung Oder angetreten. Sie erreichten den Strom am 31. Januar bei Frankfurt und Küstrin, wobei sie etwa 600 Kilometer vorgestoßen waren. Die bereits an der Weichsel schwer angeschlagenen deutschen Truppen konnten diesen Angriff nur wenig verzögern. Dementsprechend fielen in diesem Gebiet besonders viele Deutsche in sowjetische Hand. Somit war die Zahl der im Warthegau und im östlich der Oder gelegenen Teil der Mark Brandenburg ermordeten Deutschen besonders hoch. In Ostbrandenburg wurden 35 Prozent der Bevölkerung umgebracht.

Weil die Führung der Roten Armee ihre Kräfte für den Angriff auf Berlin neu gruppieren und Reserven heranfahren wollte endete sowjetische Vormarsch an der Oder. Aber sie richtete ihre Operationen von da ab verstärkt nach Norden. Da war ganz Ostpommern zunächst fast völlig unverteidigt. Nur mit großer Mühe gelang , diese Frontlücke notdürftig zu schließen. Zu einer der beiden deutschen Armeen, die eine von der Oder bis zur Weichsel reichende Verteidigungslinie bildeten, gehörten nur fünf reguläre deutsche Divisionen. In der Mehrzahl bestand sie aus nichtdeutschen Freiwilligen-Divisionen der Waffen-SS: Skandinaviern der Panzer-Grenadier-Division Nordland, Walloniern der Panzer-Grenadier-Division Wallonie, Holländern der Panzer-Grenadier-Division-Nederland. Im östlichen Teil Pommern wurde die französische  SS-Freiwilligen-Division Charlemagne eingesetzt.

Die vielfach überlegenen sowjetischen Kräfte konnten Pommern jedoch in der letzten Februar- und der ersten Märzwoche zu einem großen Teil besetzen, vor allem aber bei Cammin am östlichen Mündungsarm der Oder die Ostsee erreichen und so die noch an der ostpommerschen Küste stehenden deutschen Verbände und dort zusammengedrängten Flüchtlingsmassen von der Landverbindung mit dem Westen abschneiden. Östlich der Oder konnten nur noch die Stadt Kolberg sowie der östlich von Stettin gelegene Brückenkopf Altdamm für kurze Zeit gehalten werden.

In Kolberg befanden sich etwa 70.000 Zivilisten. Die Stadt wurde von polnischen und sowjetischen Verbänden ununterbrochen angegriffen, ihr Verteidigungsraum immer mehr zusammengedrängt. Der lag unter unaufhörlichem Beschuß der feindlichen Artillerie. Aber trotz hoher Ausfälle verteidigte die schwache deutsche Besatzung Kolberg, um den Abtransport der Flüchtlinge, für den Schiffsraum zunächst noch nicht zur Verfügung stand, zu ermöglichen. Erst in der Nacht vom 17. zum 18. März war die Flucht über See möglich. Als die Polen und Sowjets am 18. März in die Ruinen der Stadt eindrangen, waren alle Zivilisten, Verwundeten und noch kampffähigen Soldaten, insgesamt etwa 75.000 Menschen, eingeschifft worden.

Der Brückenkopf Altdamm konnte sich gegen heftigste sowjetische Angriffe vom 6. bis zum 20 März, gleichfalls gegen vielfache feindliche Übermacht, halten. Der Sinn dieser Operation bestand darin, den Hafen Stettin und damit eine wichtige Seeverbindung für den Verkehr mit den in Ostpommern, Westpreußen und Ostpreußen noch bestehenden Brückenköpfen zu halten. Die Sowjets mußten hohe blutige Verluste hinnehmen, bis ihnen schließlich die Eroberung von Altdamm gelang. Die deutsche Bevölkerung sowie die deutschen Verbände konnten vorher auf das Westufer der Oder zurückgenommen werden. Der Verlust des Stettiner Hafens bedeutete allerdings eine erhebliche Erschwerung für die deutschen Seetransporte.

Die in schweren Kämpfen bereits stark dezimierte französische SS-Freiwilligen-Division Charlemagne erreichte nach einem langen Marsch durch Gebiete, die teilweise schon von den Sowjets besetzt waren und in denen sie auf Schritt und Tritt ermordete Deutsche vorfand, die Ostsee im Bereich der Dievenow. Da hatten die Sowjets den Weg nach Westen bereits verlegt. Am 9. März bezog sie ihre Ausgangsstellungen für den geplanten Durchbruch. In der Nacht vom 11. zum 12. März griff sie an. Am Morgen des 12. März erreichte sie nach schweren Nachtkämpfen deutsche Stellungen auf der Insel Wollin. Mit ihr kamen etwa 10.000 deutsche Flüchtlinge, die bereits jede Hoffnung aufgegeben hatten.

Bis zur Dievenow-Brücke zwischen Ostpommern und der Insel Wollin kämpfte sich auch ein Infanterie-Bataillon, das in Belgrad aus ganz frisch gezogenen Rekruten ohne jede Ausbildung und Kampferfahrung und kampferfahrenen, jedoch meist verwundeten Artilleristen gebildet worden war, zurück. Dem Hauptmann, der diese Einheit führte, wurde an der Dievenow-Brücke mitgeteilt, hinter den sowjetischen Linien bewege sich noch ein Flüchtlingstreck, für den der Weg freigekämpft werden müsse, nach Westen. Darauf trat die Einheit, die man kaum noch als Truppe bezeichnen konnte, noch einmal zum Sturm auf das Dorf Raddack an und stellte die Verbindung zu den Flüchtlingen her.

Als die Sowjets am 16. April an der Oder ihre Offensive gegen Berlin begannen und rasch nach Westen vorstießen, kesselten sie südwestlich von Frankfurt/Oder die deutsche 9. Armee mit Zehntausenden deutschen Flüchtlingen ein. Der Entsatz dieser Verbände war nur durch die neugebildete 12. Armee des Generals Wenck, die in der Masse aus neu aufgestellten Divisionen bestand, möglich. Die Truppe verfügte zwar über vielfach bewährte Offiziere, aber ihr Mannschaftsbestand setzte sich zu einem erheblichen Teil aus ganz jungen Soldaten zusammen. Die 12. Armee verteidigte im April den Raum Magdeburg gegen angreifende amerikanische Verbände, als ihr am 23. April ein Entsatzangriff auf das bereits fast völlig eingeschlossene Berlin befohlen wurde.

Militärisch war dieser Befehl nicht sinnlos, da die Westalliierten der Roten Armee die Eroberung Berlins überlassen wollten und deshalb im Bereich der 12. Armee nicht weiter nach Osten verstießen. Zunächst sollte die 12. Armee jedoch direkt nach Osten vorstoßen, sich dort mit der eingekesselten 9. Armee vereinigen und dann nach Berlin abdrehen.

General Wenck bezweifelte, ob angesichts einer überwältigenden sowjetischen Übermacht der Entsatz Berlins noch möglich sein werde. Aber die Befreiung der 9. Armee General Busses, sowie der mit ihr eingeschlossenen Flüchtlinge machte den Angriff der 12. Armee in seinen Augen unausweichlich. Er schrieb nach dem Krieg darüber: »Es muß erwähnt werden, daß sich im Laufe der Kämpfe Tausende und Abertausende Flüchtlinge aus den verloren gegangenen Ostgebieten, aus Schlesien, aus dem Oder- und Wartheraum, aus Pommern und anderen Gegenden in den Schutz unserer Armee retteten. Sie wollten das westliche Deutschland erreichen. Der Soldat, der diese grauenerregenden Bilder sah, die Schilderungen der gequälten Menschen vernahm, die nach dem Verlust von all' ihrer Habe, nach den Erlebnissen der ersten russischen Besetzung geflüchtet waren, stellte sich noch einmal in bewundernswürdiger Tapferkeit dem Feind. Auch wenn die Lage aussichtslos war, kämpfte er, um durch seinen Einsatz diesen Menschen - in der überwiegenden Masse Frauen und Kinder - den Weg nach Westen zu ermöglichen.

Darin lag auch der tiefere Sinn des erschütternden Heldentums der letzten, der jüngsten Soldaten unseres Vaterlandes in den April- und Maitagen 1945. Wenn auch diese letzte deutsche Armee das Schicksal nicht zu ändern vermochte, lohnte ihr Einsatz dennoch «

Die 12. Armee kämpfte sich aus ihrem Bereitstellungsraum nach Osten durch immer stärkere sowjetische Verbände. Am Nachmittag des 28. April befreite sie südlich Potsdam die mit 3.000 deutschen Verwundeten belegten Beelitzer Heilstätten, brachte mit ihren Fahrzeugen die nicht Marschfähigen im Pendelverkehr bis zur Elbe. Die bereits eingeschlossenen 20.000 Soldaten des Verteidigungsbereichs Potsdam unternahmen einen Ausbruch, vereinigten sich mit Verbänden der 12. Armee. Währenddessen kämpften sich die Reste der 9. Armee gegen starken sowjetischen Widerstand langsam nach Westen, der bereits in ihren Flanken heftig angegriffenen 12. Armee entgegen. Ihre Spitze bildete ein einziger noch einsatzfähiger Tiger-Panzer. Am Morgen des 1. Mai gelang die Vereinigung der beiden Armeen. Etwa 30.000 Menschen, darunter mindestens 5.000 Flüchtlinge, wurden von den Truppen des Generals Wenck aufgenommen und nach Westen geschafft. Ein Durchbruch nach Berlin war jedoch nicht mehr möglich.

General Wenck sah seine wichtigste Aufgabe nun darin, die etwa 100.000 Mann seiner Armee, die 25.000 Mann der 9. Armee, die Soldaten aus dem Verteidigungsbereich Potsdam sowie unzählige Verwundete und Flüchtlinge an die Elbe und dort in die amerikanisch besetzte Zone zu bringen. In Verhandlungen lehnten es die Amerikaner jedoch ab, Zivilisten über die Elbe zu lassen. Die nachdrängenden Sowjets beschossen jedoch von den Amerikanern besetztes Gebiet, die sich darauf hin nach Westen zurückzogen. Das gab der 12. Armee die Möglichkeit, auch die von ihr beschützten Flüchtlinge über den Strom zu bringen.

Nachhuten der 12. Armee deckten den Rückmarsch, verhinderten den sowjetischen Vormarsch, bis alle Verwundeten, Soldaten und Zivilisten die Elbe überquert hatten. Entgegen den mit den Amerikanern getroffenen Vereinbarungen, wurden sie dann aber als Kriegsgefangene an die Sowjets ausgeliefert. Mit den letzten seiner Soldaten ging am 7. Mai bei Ferchland General Wenck über die Elbe. Er wurde dabei schon von Rotarmisten beschossen. Der Stabschef der deutschen 12. Armee, Oberst i.G. Reichhelm, faßte nach dem Krieg den Einsatz der Truppe wie folgt zusammen:

»Rückblickend muß festgestellt werden, daß dieser letzte Kampf in soldatischer Pflichterfüllung für das deutsche Volk würdig beendet worden ist und den jungen, vier Wochen vorher noch kampfungewohnten Soldaten noch einmal der Glaube an Moral und Disziplin gestärkt wurde.«

Insgesamt konnten etwa 100.000 Soldaten zwischen Havelberg und Ferchland sowie Zehntausende Zivilisten über die Elbe gebracht werden. Einen Tag später war der Krieg zu Ende.

40 Jahre später antwortete der Bundestagsabgeordnete Lorenz Nigel dem damaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker, der in einer Rede am 8. Mai 1985 erklärt hatte:

»Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.«

dagegen

»Menschen in Deutschland - diesseits und jenseits der sogenannten Staats- bzw. Demarkationslinie, die den 8. Mai 1945 bewußt erlebten, werden sich an die Not und Schmach erinnern, die sie und ihre Angehörigen durchgemacht haben: Unnötige Gefangenschaft, Ausplünderung, Vertreibung, Vergewaltigung, Hunger und Tod nach dem 8. Mai... Für Soldaten und Zivilisten, für Frauen und Kinder, für die überwältigende  Mehrheit unseres Volkes konnte dieser Tag kein Tag der Befreiung sein. Der 8. Mai 1945 war und ist im Erleben unseres Volkes einer der traurigsten Tage, ein Tag der tiefen Demütigung, zumal er dem persönlichen Elend unsere Ächtung als Nation und die Verweigerung unserer staatlichen Einheit hinzufügte.«

 

Der Barbar ist immer der andere

http://home.t-online.de/home/ingrid.gerhard.zwerenz/3lpkap2.htm

Wir wissen, wie schwer es den Sowjets fällt, die von ihnen begangenen Mordtaten einzugestehen und historisch und moralisch aufzuarbeiten. Schließlich sind sie die Sieger. Stellen wir uns nur vor, wir hätten den Krieg gewonnen, dann gäbe es keinen Gedanken an Auschwitz. Wir gewannen den Krieg aber nicht, wir verloren ihn, wie noch nie in der Weltgeschichte ein Krieg verloren wurde.

Lew Kopelew, der 1945 als Offizier der Roten Armee nach Ostpreußen kam und seine humane Widersetzlichkeit mit langer Lagerhaft büßen mußte, gibt ein Beispiel, wenn er von seiner Mitschuld spricht.

In der sowjetischen Literatur finden sich Spuren beginnender Einsicht, Aufarbeitung, Beschämung.  Dollinger zitiert den sowjetischen Stabsoffizier Iwan Krylow, der zu erklären versucht, wie es zu den Scheußlichkeiten kam: ‘Fast alle Frauen waren geflüchtet, entsetzt über die Geschichten von Vergewaltigungen, die sich wie ein Lauffeuer über Ostpreußen ausgebreitet hatten, das von drei motorisierten Kosakendivisionen heimgesucht worden war. Es war nicht schwer, die wenigen, die zurückgeblieben waren, zu beschützen. Viel schwerer war es, plötzliche <Besuche> in Privathäusern zu verhindern. Die Kosaken sind seit Generationen ein kriegerisches Volk, und die Sitten und Gebräuche ihres kriegerischen Handwerks unterliegen festen Regeln. Einmal mußte ich einen Kosakenhauptmann festnehmen, der seinen Leuten erlaubt hatte, die Befehle zu mißachten ...’

(Anm. L. M. Ja, ja, nun versuchen die Russen den Kosaken, nachdem die unter Stalin schon schwer zu leiden hatten, den schwarzen Peter zuzuschieben.)

So tapfer die russischen Selbstbekenntnisse sind, so sicher dürfen wir sein, daß noch viel Zeit vergehen wird, bis die ganze Wahrheit herauskommt. Die auf Rache und Beutemachen eingestellte Rote Armee konnte zeitweise ihre Angriffsfunktionen nicht mehr erfüllen. Es wurde geplündert, gebrandschatzt, vergewaltigt, gemordet, ganze Einheiten verweigerten sich den Vormarschbefehlen, so daß drakonische Strafmaßnahmen notwendig wurden. Einige Quellen sprechen von Massenrepressalien gegen die Truppe. Die Disziplinlosigkeiten verhinderten geplante Operationen, so daß Pausen eingelegt werden mußten. General Nikolaj Bersarin, Oberbefehlshaber der 5. Stoßarmee bei einer Befehlsausgabe: ‘Man kann nicht zwei Hasen gleichzeitig fangen - rächen und kämpfen. Denn in diesem Falle löst sich die Armee auf.’

frz. Kriegsgefangene erschossen

Nemmersdorf, ostpreuß. Dorf südl. Gumbinnen. Am 20.10.1944 wurde N. von Einheiten der sowjet. 11. Gardearmee (Galitzki) besetzt, wenige Tage später befreiten dt. Truppen den Ort wieder. Sie fanden zahlr. Leichen erschossener und erschlagener Männer, Frauen und Kinder. Nach Zeugenberichten waren viele Frauen - darunter auch einige Ordensschwestern - vergewaltigt und anschließend gefoltert, erstochen oder erschossen worden. Angehörige der beim Gegenangriff eingesetzten 13. Kompanie des Fallschirm-Panzer-Grenadier-Regiments 2 'Hermann Göring', berichteten über massenhafte Funde von Leichen am Rand der durch N. führenden Landstraße, v.a. in der Nähe der Straßenbrücke über das Flüßchen Angerapp. Die Leichen stammten von Männern, Frauen und Kindern eines Flüchtlingstrecks, die von den russ. Truppen überrollt und getötet worden waren. Nach Angaben des ehemaligen Chefs des Stabes der in Ostpreußen eingesetzten 4. Armee, Gen. Major Dethleffsen, vor einem amerikan. Militärgericht in Neu-Ulm wurden in N. auch etwa 50 frz. Kriegsgefangene von sowjet. Soldaten erschossen. Bei gefallenen Rotarmisten sollen blaue Handzettel in Größe von Briefumschlägen mit einem Mordaufruf des sowjet. Schriftstellers Ilja Ehrenburg gefunden worden sein.

Quelle: http://www.infobitte.de/free/lex/ww2_Lex0/n/nemmersdorf.htm

http://olympia.burschenschaft.at/nemmersdorf.html

https://ssl.kundenserver.de/deutscher-buchdienst.de/index/index_video.htm?=4276.html

Hauptplatz