Altbackene Klamotte mit holprigem Humor

"Der keusche Lebemann" in der Frankfurter "Komödie"

Das Boulevard-Theater hat in Deutschland eine lange Tradition und seinen festen Besucherstamm. Leichter Stoff, meist etwas frivol, Situationskomik und etwas Slapstick - das ergibt eine Mischung, die bei entsprechender Abmessung der Zutaten und Zubereitung vergnügliche Unterhaltung bereiten kann. Dazu gehört jedoch vor allem ein gewisser Esprit, und wenn der fehlt, mutiert eine solche Komödie schnell zur Klamotte.
 
Die Komödie "Der keusche Lebemann" von Franz Arnold und Ernst Bach, die seit April in der Frankfurter Komödie läuft, gehört leider zu letzterer Art. Schon die Tatsache, dass sie sich konsequent im Ambiente der 20er Jahre bewegt, birgt humoristische Gefahren in sich. Denn viele Witze oder gar Frivolitäten werden heute als solche gar nicht mehr erkannt. So, wenn sich der Vater darüber aufregt, dass seine 21-jahrige Tochter mit einem jungen Mann im Cabrio durch die Gegend fährt.....

Doch zur Handlung: Fabrikant Seibold, selbst kein Kind von Traurigkeit und keinem Techtelmechtel abgeneigt, will seine Tochter Gerty an seinen Kompagnon Stieglitz verheiraten, um so die Zukunft von Familie und Firma zu sichern. Die Tochter jedoch kommt just zu diesem Zeitpunkt mit einem feschen jungen Luftikus - übrigens im Cabrio - von einem längeren Berlin-Aufenthalt zurück und zeigt gewisse Sympathien für den jungen Mann. Es gilt also schnell zu handeln. Der ungehobelte, schlecht gekleidete und eher unattraktive Stieglitz fällt zwar aus allen Wolken, lässt sich jedoch von Seibold brav herausstaffieren bzw. in die Grundlagen der Galanterie einweisen - Blume im Knopfloch, Handkuss -, um diesen Karriere-Zug nicht zu verpassen. Der Heiratsantrag an die Tochter gerät jedoch zum Fiasko, weil sich diese totlacht und ihm attestiert, ein völlig uninteressanter Mann zu sein. Daraufhin dichtet Seibold ihm ein langjähriges Verhältnis mit der berühmten Schauspielerin Ria Rei an, was Stieglitz bei der Damenwelt und vor allem bei Gerty interessant machen soll. Als Beweis lancieren sie ein Foto der Schauspielerin mit einer heißen Widmung an Max Stieglitz. Der Trick gelingt: zuerst geht ihm Seibolds sonst so kritische Gattin auf den Leim, dann die Tochter, die Stieglitz auf einmal sehr attraktiv findet, und schließlich die Damenwelt des Provinzstädtchens, die auf frivole Enthüllungen hofft.

Stieglitz ist der Situation kaum gewachsen, kann er sich doch immer noch nicht "comme il faut" benehmen und lebt ständig in der Angst vor der Aufdeckung des Komplotts. Und die naht auch so sicher wie das Amen in der Kirche, da die besagte Schauspielerin Ria Rei eine Einladung des örtlichen Kinobesitzers annimmt, der natürlich auch von dem Gerücht gehört hat. Natürlich kommt es , wie es kommen muss: der Bräutigam der Ria Rei stößt im Hause Seibold auf das bewusste Foto, sieht Rot vor Eifersucht und zitiert seine Verlobte "stante pede" dorthin. Diese jedoch, bereits vorinformiert, plant eine etwas andere und doppelte Rache......

Die Grundidee dieser Komödie ist eigentlich nicht schlecht, könnte man hier doch Medienwelt und Starrummel durch den Kakao ziehen. Doch so waren Komödien damals nicht gestrickt. Die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrem Starfimmel fällt sehr bescheiden aus, und die Welt der Schauspieler wird völlig ausgeblendet. Mittelpunkt ist der arme Stieglitz, der lediglich von einer Ohnmacht in die andere fällt und das Publikum mit Grimassen und einer Körpersprache belustigt, die man früher wohl äußerst witzig gefunden hat. Heute reicht das jedoch nicht mehr, die gesellschaftliche Zwangssituation einer einzelnen Figur als komischen Mittelpunkt einer Komödie aufzubauen. Die Dialoge sind so simpel, wie man sie sich kaum vorstellen kann, und hin und wieder muss auch mal ein Kalauer her, wenn es gar nicht mehr weiter geht. Auch die delikate Beziehung der Seibolds, in der er glaubt, seine erotischen Eskapaden souverän vor seiner Frau tarnen zu können, und sie doch genau weiß, was vor sich geht, könnte man wesentlich geistreicher und dynamischer zuspitzen.

So jedoch schleppt sich das Stück durch genau vorhersehbare Ereignisse, Überraschungen und plötzliche Handlungsschwenk halten sich sehr in Grenzen, und die Schauspieler haben ihre liebe Not, aus diesem müden Plot etwas herauszuholen. So nimmt es nicht wunder, dass auch die darstellerischen Leistungen nicht gerade zu Höhenflügen ausarten. An einigen Stellen fallen die Darsteller sogar kollektiv in Lachkrämpfe, die höchstens der lächerlichen Situation, nicht aber einer wirklichen Komik geschuldet sind. Dabei fragt man sich, wie professionelle Schauspieler noch nach über einem Dutzend Aufführungen an solchen Stellen aus dem Ruder laufen können. Aus einem eher etwas matten Ensemble sind hervorzuhaben Raimond Knoll  als Max Stieglitz, der durchaus für einiges Tempo sorgt, Monika Rehbein als temperamentvolle und hin- und hergerissene Gerty, und Katrin-Merén Enders, die ein sehr frisches und freches Dienstmädchen Anna gibt. Bei Ursula Dirichs und Helmut Oeser als Ehepaar Seibold sowie Christine Glaser als Ria Rei, Johannes Pfeiffer als ihr Verlobter Riemann und Henning Gödderz als junger Schnösel Fellner vervollständigen das Ensemble.

Nein, diese Komödie ist nicht guten Gewissens zu empfehlen. Allerdings mag dieses Ensemble andere, d.h. bessere Komödien wesentlich erfolgreicher präsentiert haben, und es ist anzunehmen, dass es auch in Zukunft in der "Komödie" wieder wirklich etwas zu lachen geben wird. Mit diesem Stück haben sich Regie und Darsteller sozusagen eine "Auszeit" genommen. Warten wir die nächste Premiere ab.